Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In einer bildhaften, atmosphärischen Sprache erzählt "Der Treibsand" gleichermaßen die Geschichte eines road trip durch die ausgedörrten Landschaften des südlichen Griechenland wie von den emotionalen Irrfahrten des blutjungen Robert Tönsing und seiner Suche nach der Mitte der eigenen Existenz. Desillusioniert, orientierungslos und zutiefst bestürzt angesichts einer diffus empfundenen Daseinsangst, faßt dieser eines Tages kurzerhand den Entschluß, zu einer Reise aufzubrechen, die ihn nachfolgend, sozusagen in einem Akt des Sichloslösens aus seinen schieren Alltagsbindungen, aus der kupferfarbenen Enge seiner nördlichen Heimatstadt hinausführt in die lichtgefluteten Räume einer mediterranen Welt. Hier bewegt er sich alsdann in derselben Weise als Suchender wie auch als Versehrter von Ort zu Ort, stets sich selbst auf der Spur, seinen seelischen Abgründen und Unzulänglichkeiten. Währenddem vollzieht sich die Erzählhandlung des Romans immerfort in einem Spannungsfeld aus existentieller Entsagung und Lebensbejahung, Fatalismus und Zuversicht – mit kraftvollen Pinselstrichen hineingeworfen in ein Koordinatensystem aus Sonne, Meer, Salz, Innerlichkeit, Liebe zum Leben und existentieller Verzweiflung.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jos Terberg
Der Treibsand
ein literarisches Psychogramm
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
I.
II.
III.
IV.
V.
Impressum neobooks
Den Leib aufgeworfen, erwachte Robert Tönsing unendlich zerschlagen aus einem flachen, traumzerrissenen Schlaf. Etwas kauerte schwer und knöchern auf seiner schmalen Brust. Mit einer Hand still seinen betäubtwarmen Schädel betastend, blinzelte er knapp in den fahlen, von einer Anzahl alter Möbel verstellten Raum hinein, in dem er sich befand und der sich vor ihm verschließen zu wollen schien wie ein fremdes Leben. Sich verlierenden Blickes betrachtete er die starren Spalte, die, sich untereinander vielfach verädernd, den Verputz der hohen Zimmerdecke durchzogen. Bleiche Lichtfäden glitten durch die von einer Sprühnässe beworfenen Fensterscheiben herein. Draußen ergoß sich eine verhangene, graugezeichnete Tagesdämmerung behäbig an gestauchten Gemäuern entlang. Es war ihm mühsam, sich zu regen, denn noch hing die kaum vergangene Nacht wie mit morschen, lastenden Gliedern an ihm; darüber hinaus verspürte er, wie sich gleichermaßen eine erstickte Wirrnis in ihm hielt und ihm dunkel und fahrig das Blut rührte.
Einige Zeit lang taumelte er mit seinem ganzen – inneren wie äußeren – Empfindungsvermögen gleichwie im Ungewissen umher. Ein beharrlicher Strom stummer, gespinsthafter Bilder stieg in ihm empor, und gelegentlich schien es ihm, als träten aus dem grauen, zerstreuten Halblicht dieser frühmorgendlichen Stunde schwebende, flüchtige, ungreifbare Schatten hervor, um ihre lauen, zerbrochenen Finger an seine Stirn zu legen. Für eine Weile befand er sich zwischen den Welten, gestürzt, vergessen, an den Rand seiner eigenen Wahrnehmung gestellt, und nur der säuerliche Geschmack seines Speichels wollte ihm faßlich und vertraut vorkommen. Er zog eine seiner Hände bis ans Kinn hinauf und berührte vorsichtig die festen Linien seiner vortretenden Wangenknochen; und auch diese erschienen ihm fremd und abweisend, wie marmorartiges, blankgeschliffenes und unnachgiebiges Gestein.
Dann wieder war wie eine versengende Glut fast gewaltsam ein unterschwelliges und schweratmiges Aufwallen in ihm, in dessen Fortgang er etwas hätte ergreifen, niederwerfen oder zerreißen mögen. Doch entzogen sich ihm die Dinge beharrlich.
Schließlich verließ er das Bett. Er kleidete sich an und wusch sich in dem winzigen, nur spärlich beleuchteten Badezimmer seiner Wohnung vor einem Spiegel voll schwarzer Schatten ausgiebig sein Gesicht. Er brühte Kaffee auf und saß alsdann, ohne imstande zu sein, auch nur einen wirklich klaren Gedanken zu fassen, dicht über den von zahlreichem Schmutzgeschirr verstellten Küchentisch gebeugt. Er fühlte sich unendlich zerschlagen. Und während er sich der vorherrschenden Stille hingab und dem schieren Gewicht seines schweigenden Rumpfes, nahm er fröstelnd, mit zerfließenden Sinnen den schalen Mörtelgeruch erkalteten Mauerwerks entgegen, der sich träge um ihn her erhob.
Später trat er, vergraben in einen festen Mantel, hinaus auf enge, menschenleere sonntägliche Straßen.
Kalte Nebel strichen aufquellend umher, mürbe, kupferne Gerüche erfüllten durchfeuchtete Altstadtwinkel, welkes Laub haftete auf schimmerglänzendem Gassenstein. Es troff von kahlen, verfrorenen Astspitzen, erloschenen Laternen, Dachtraufen. Er ging zügig voran, ziellos, die Hände fest gegen seine kantenen Hüftknochen pressend und mit nur beiläufigen Blicken die niederen Fassaden der schrägen, ineinandergeworfenen Häuserzeilen streifend, die an ihm vorüberglitten. Vor seinen Schritten stoben, unwillig zeternd, Drosseln von nahen Mauervorsprüngen. Er schob die Schultern vor. Er war ganz für sich, gleichsam verwaist. Ein tiefes Schweigen bedeckte ihn. Inmitten des verlassenen, von den schwerfälligen, weißlichen Schatten eines dunstverschobenen Vorfrühlingsmorgens durchspülten Rathausviertels kostete er es.
Einmal hielt er mit müden Fingern vage das flechtenbewachsene Eisen eines Kirchhofgitters ergriffen. Er stand schwer atmend, regungslos, eine stumme, seltsam versteifte, in sich zusammengesunkene Erscheinung in der lichttrüben Flut des anbrechenden Tages, und ließ lange, angestrengte Momente über sich hingehen. Es war ihm, als wäre der Keim einer Krankheit in ihm. Dann schlug er das Revers seines Mantels um und unternahm es, mit einer raschen Wendung von neuem seinen Weg aufzunehmen.
Über rauhreifgenetzte Uferböschungen gelangte er bald an die schmalen Hafenpromenaden hinab. Das schemenhaft herabhängende Gezweig mächtiger Bruchweiden berührte hier still rostende Schiffsrümpfe. Das Gewässer lag vollkommen unbewegt, bräunlich und dampfverhangen. Lehmrüche sanken gemächlich auf ihn herab, während er vor den hölzernen Geländern der Uferwege verharrte. Er schloß seine Augen. Ausgekühlt, einen Blutgeschmack im trockenen Mund, verspürte er, daß er sich verlor. In ihm rührte es sich lose auf. Entkräftet, zweifelnd, gestürzt, begegnete er einem aschenen Teil seines Selbst.
In den folgenden Tagen fühlte sich Robert Tönsing von einer inneren Bedrängnis dumpf eingenommen. Eine Ruhelosigkeit war in ihm. Er ging den Verrichtungen seines ihm gewohnten Alltages nach, arbeitete halbtags im Geschäft und nutzte den verbleibenden Rest seiner Zeit, um sich in seiner Wohnung über einem Buch zurückzuziehen, Spaziergänge zu unternehmen oder Besorgungen zu machen. Er hatte nichts an seiner Lebensweise geändert, und es schien ihm vermeintlich nichts widerfahren zu sein, das den Einklang seines Gemütes hätte anfassen können. Dem äußeren Anschein nach vollzog sich alles wie üblich; und dennoch war er aus dem Tritt geraten und verspürte, daß ein Unbekanntes ihn angerührt hatte und ihn nunmehr mit fahrigen Nerven umhertrieb. Er fühlte sich außerstande, für sich ein Gleichmaß zu finden. Die Zeit verstrich. Der Zustand hielt an, und es mochte gar sein, daß er sich allmählich vertiefte. Es war, als grübe sich nach und nach etwas in ihn hinein. Auch begannen die nun wiederkehrend in ihm aufsteigenden Beklemmungen, die Art und Weise, in der er seine Umgebung wahrnahm, zu verändern. Es gab Momente, in denen ihm die Vertrautheit mit einem Raum, in dem er sich aufhielt, oder einer Straßenflucht, die er durchschritt, zerbrach. Es war dann, als hätte sich die Zuordnung der Dinge um ihn herum ein weniges verschoben, ein weniges, das er nicht zu benennen vermochte und das dennoch ausreichte, ihm das Zutrauen zu zerrütten. So unerklärlich ihm derartige Bewandtnisse waren, so beunruhigend wollten sie ihm auch anmuten. Es hatte den Anschein, als wollte alles Äußere ihm seine Begrifflichkeit versagen. Wenn er an einem dieser Märztage abends durch sein Viertel heimkehrte, mochte es geschehen, daß er an einem erhöhten Platze unvermittelt innehielt, seinen Blick entlang den sich einem blassen, bleifarbenen Hafenbecken zuneigenden, wie rußbeworfenen Speicherhäusern hinausgehen ließ und beengten Herzens jenseits der schemenverschütteten Uferflächen, der schwarzen Spundwände und des möwenbesetzten Pfahlwerks der Landungsstege die brüchigen Bilder der aufkommenden Nacht in sich aufnahm; und dann ging er hinauf in seine Wohnung, setzte sich still in die dunkle Küche, und die Ahnung war in ihm, wie verletzlich der Stoff sein mochte, aus dem sich ein Leben wob.
Er entschloß sich indessen, sich darum zu bemühen, seinem Zustand mit Gefaßtheit zu begegnen. Er ging von einer Überspanntheit seines Gemütes aus und davon, daß diese ihren Ursprung in einer verschleppten körperlichen Unpäßlichkeit haben mochte. Es schien ihm der Gedanke durchaus naheliegend, daß die langen, dämmrigen Wintermonate an ihm gezehrt, ihn aus seinem Rhythmus geworfen hatten, und zugleich war er sich sicher, daß er über kurz oder lang wieder ganz zu sich zurückfinden würde. Es würde allein einer Geduld bedürfen.
Gegen ein schmales Fensterbrett gelehnt, horchte Tönsing auf das gläserne Lärmen einer Kreissäge, das, sich an dem von Efeu bewachsenen Mauerwerk eines engen Hinterhofes brechend, zu ihm aufstieg. Er stand, den Oberkörper leicht vorgeneigt und sich auf seine Handflächen stützend, blickte unbestimmt in das regungslose, sich in einem seichten Dämmerlicht vor ihm hinbreitende Zimmer hinein und strengte sich an, eine Müdigkeit von sich abzuschütteln, die sich im Laufe des Tages nach und nach bei ihm eingestellt hatte und ihm nun schwerfällig in den Gliedern stak. Karin kauerte bei einem mit langen Buchreihen angefüllten Regal auf dem Dielenfußboden und hielt eine Tasse dampfenden schwarzen Tees in ihrem Schoß. Einige Strähnen ihres rötlichen Haares, das sie mit einer Klammer zu einem losen Zopf zusammengesteckt hatte, lagen in ihrem blassen Gesicht. Sie blickte mit ruhiger, ernsthafter Miene vor sich nieder, und wie abwesend, ließ sie zuweilen einen ihrer Finger am oberen Rand der Tasse entlanggleiten. Sie schwiegen.
Etwas war zwischen sie geraten. Sie wußten es und wichen in ihren Blicken einander aus. Es geschah in diesen Wochen, daß sie gewahr wurden, daß sie ihre gemeinsame Sprache verloren. Es gab Gesten der Ergebung zwischen ihnen, und jeder von ihnen beobachtete sie stumm und gebannt und in sich aufgerührt.
Im Fortgange dieses Nachmittages begann Karin zu sprechen. Tönsing hatte seinen Fensterplatz verlassen, das Zimmer der Länge nach durchquert und sich in dem tiefen, roten Sessel niedergelassen, der neben dem Bett in einer Ecke stand und über den sich schrägen Wuchses ein mehr als mannshoher Gummibaum neigte. Er betrachtete die zahlreichen Photographien, die die Wandflächen um ihn her zum Teil bedeckten und in denen sich ausschnittsweise das ganze Leben seiner Freundin widerspiegelte, während sie selbst unbewegt an ihrem Platz verharrte und in sich nach Worten suchte. Mit leiser, tastender Stimme und ihren Blick unverwandt vor sich auf den Boden heftend, deutete sie auf das Verhältnis, das sie beide miteinander verband, und sprach davon, daß sich in ihr in der letzten Zeit mehr und mehr der Eindruck verfestigt habe, daß sich zwischen ihnen etwas verschoben habe. Ihr Miteinander habe sich auf eine Weise verändert, die nachzuzeichnen oder gar zu verstehen sie nicht recht in der Lage sei, und sie sagte, daß es ihr schwerfalle, sich dareinzufinden. Es sei schwierig zwischen ihnen geworden und koste Kraft. Es komme ihr so vor, fügte sie hinzu, indem ihre Schultern ein halbresigniertes Zucken andeuteten, als führte jeder von ihnen mittlerweile ein gänzlich anderes Leben, als seien sie sich fremd geworden und fänden keinen Zugang mehr zueinander. Sie unterbrach sich, und einige Momente lang hörten sie die verlorenen und gedehnten Geräusche der Straße herbeidringen.
“Wenn ich mir jetzt vor Augen halte, wie wir geworden sind... Immerhin ist da doch einiges, was wir gemeinsam haben. Es gibt Erlebnisse, Erinnerungen... Das verbindet uns doch. Und es wird mir ganz elend bei dem Gedanken, daß das alles nichts wert sein sollte. Man wirft das doch nicht einfach so von sich!”
Karin hob das Haupt, so daß ihr weiter Stirnbogen als heller Fleck vortrat, und sandte einen stummen Blick in den Raum hinein. Sie war ganz eingenommen von ihrer leisen, gedrückten Nachdenklichkeit. Sie machte mit einer Hand eine wie suchende, hilflose Bewegung über ihre an ihren Leib herangezogenen Knie hin. Eine Niedergeschlagenheit zeichnete die weichen Züge ihres Gesichtes.
“Kann das gerecht sein... Ich bemühe mich ja nur darum, ein wenig glücklich zu sein... nicht um mehr als allein das. Und eigentlich ist da auch nichts anderes, was ich darüber hinaus vom Leben erwarte!”
Erneut unterbrach sie sich.
Und schließlich, nachdem sie nochmals eine Zeitlang ganz in sich versunken dagesessen hatte, sprach sie wieder, zögerlich wie zuvor, und reihte Satz an Satz, stets von neuem dieselben Gedanken mit anderen Worten hervorwälzend, inständig, scheu und sich gewissermaßen im Kreise drehend.
Tönsing derweil verblieb wortkarg. Er hatte sich dazu entschlossen, nicht aus sich hinauszuwollen, und erwiderte nur weniges. Er räumte Karin gegenüber ein, daß das von ihr Vorgebrachte sicherlich einen wahren Kern in sich trüge, daß sie durchaus damit recht haben mochte, wenn sie davon spräche, daß sich zwischen ihnen etwas verändert habe, daß es sich, was ihn beträfe, allerdings so verhalte, daß er lediglich sehr müde sei und ausgelaugt, auch überspannt vielleicht, und das bereits seit Wochen. Es gäbe solche Zustände. Und es sei nur natürlich, wenn sie sich auch im Zwischenmenschlichen niederschlügen. Man müsse das aushalten können. In seinem Innern indessen war er sich bewußt, daß er hier eines sagte und ein anderes dachte. Er verspürte eine Ungeduld in sich und einen verborgenen Mutwillen, Wunden zu schlagen; nicht zuletzt deshalb, weil Karins Verhalten in diesen Momenten, das so ganz und gar nicht jene Gefaßtheit und Nüchternheit des Betrachtens offenbarte, die ihr für gewöhnlich eigneten, ihn schleichend im Verborgenen gegen sie aufbrachte.
Schon begann der Abend durch die hohen Fenster zu ihnen hereinzudringen. Ein seichtes Gewebe aus Schatten und fahlem Licht legte sich in die Zimmerwinkel, unter Heizungsrohre und Möbelstücke. Es war, als wollte jeder Gegenstand der Einrichtung seine klare Umrissenheit verlieren. Ein milchiger Schimmer trat in die rechteckige Fläche des nahe der Tür aufgehängten Wandspiegels und in die daneben auf einem Bord aneinandergereihten Wein- und Sektgläser. Und dann hatte es den Anschein, als zerbräche etwas draußen in den dämmrigen Bezirken der Stadt und als senkten sich mit der Dunkelheit allmählich die geheimnisvollen Zeichen einer anderen Welt herab.
Sie saßen sich lange schweigend gegenüber. Tönsing betrachtete Karins im Halbdunkel kauernde Gestalt. Er sah ihr schmales, kluges Gesicht und ihren von ernsthaften Lippen gezeichneten Mund. Er berührte seine Stirn und verspürte deutlich, daß in dieser Stunde zwischen ihnen nichts mehr würde gesagt werden können. Es war wie verglast zwischen ihnen. Jede Regung fiel unendlich schwer.
Als er nachher Karins Wohnung verließ, trat er mit dem Gefühl einer sich in ihm erstickt ausbreitenden Leere auf die Straße hinaus. Er verhielt auf dem Gehweg und blickte an den dunklen, sich über den schmalen Öffnungen vergitterter Kellerschächte erhebenden Häuserfronten entlang. Das Blut ging ihm brennend durch die Schläfen. Er schmeckte die Luft, die kühl war und feucht und die ihm tief in die Lunge drang. Er machte einige Schritte und gewahrte zugleich die fahle Stille, in die dieses Viertel gehüllt war und die, sich dehnend zwischen den graurötlichen Gemäuern und den schemenversetzten Durchgängen, die sich zwischen ihnen hinzogen, jede Regung und jeden Gedanken ohne Widerhall vergehen ließ. Mit einem Mal erkannte er, daß er davorstand, alle Bekenntnisse von sich abzustreifen, und er begriff, daß ein Leben, dem sich jeder Rückhalt versagte, auch ohne Zuversicht sei.
Karin machte eine buchhändlerische Lehre. Sie betonte jedoch stets, daß sie dies vornehmlich mit Rücksicht auf die in ihrer Familie vorherrschende Erwartungshaltung täte, denn dort, von wo sie herstamme, seien “Sicherheit und Lebensperspektive so etwas wie ein unabdingbare Doktrin” – “sozusagen die Konfession eines kleinbürgerlichen Herkommens”, wie sie mit zwischen Gleichmut und stiller Resigniertheit wechselnder Miene hinzufügen mochte. Indes war es ihr in diesem Zusammenhang wichtig, darauf zu verweisen, daß es ihre unumstößliche Absicht sei, später Kunstgeschichte zu studieren. Sie lebte für sich allein in einer kleinen Wohnung unmittelbar am Bahndamm, in der sie ihrer Vorliebe für französische Romane nachging und Topfpflanzen zog. An den Wochenenden lud sie Freunde zu sich ein und kochte für sie oder ging mit ihnen aus, um eine Kinovorstellung zu besuchen und jene Lokale, in denen sich die jungen Leute der Stadt trafen. Einmal in der Woche spielte sie abends Volleyball, denn sie legte, wie sie sich selbst und anderen gegenüber vergnügt und in nur halbernstem Tonfall beschied, darauf Wert, “körperlich nicht zu verkümmern.” “Ein gesunder Körper, ein gesunder Geist, ein erfülltes Dasein”, entgegnete sie epigrammatisch knapp, wenn man auf ihren sportlichen Eifer zu sprechen kam, während sie sich, versonnen lächelnd, mit einem schalkhaft leuchtenden Blick ihrem Gegenüber zuwandte.
Sie hatte eine klare Persönlichkeit, die nicht zu Unwägbarkeiten neigte. Alles Verschwommene, alles Fragwürdige oder Sprunghafte war ihr unbehaglich. Sie war verständig, aufgeschlossen und vorurteilsfrei. Sie hatte ihre Ansichten und scheute sich nicht, sie offenzulegen, ohne dabei allerdings einem Hang zu Unduldsamkeit oder gar Selbstgerechtigkeit zu erliegen. Sie verstand es, auch Meinungen, die sie nicht teilte, gelten zu lassen und zugleich dem eigenen Standpunkt treu zu bleiben. Es waren die offensten Gespräche, die man mit ihr hatte.
Karin und Tönsing waren seit nahezu zwei Jahren ein Paar. Von einem unwillkürlichen Geschick zusammengeführt, war es vor allen Dingen das Gefühl einer Freundschaft, das das Band zwischen ihnen knüpfte; einer Freundschaft, die anfänglich klar, offen und unverhohlen war, die allerdings nicht zu Schwärmereien oder Überspanntheiten neigte. Daß sie es weitgehend vermieden, sich im alltäglichen Umgang gegenseitig der Empfindungen zu versichern, die sie füreinander hegten, hatten sie stets darauf zurückgeführt, daß sie beide nicht eben dazu neigten, ihr Inneres nach außen zu kehren. Vorderhand genügte es ihnen vollauf, zu wissen, daß sie sich beiderseits wichtig waren, daß sie einander vertrauten. Indes mochte gerade der äußere Gleichklang, der sich zwischen ihnen zeichnete, dazu geführt haben, daß sie über den Zeitpunkt hinwegsahen, da sich in ihrer Beziehung eine Zerrüttung anzukündigen begann. Sie waren blind gegen die ersten Anzeichen der sich einstellenden Frakturen, und möglicherweise waren sie es eben deshalb, weil sie nach wie vor willens waren, aneinander festzuhalten. Zweifelsohne trugen zumal Tönsings Verschlossenheit und innere Deformationen dazu bei, daß sie in einer Unbewegtheit verharrten.
So kam es dazu, daß von dem Moment an, in dem Karin zu begreifen begann, daß es sie nach mehr verlangte, als ihr in ihrer Beziehung zu Tönsing zuteil wurde, zwischen ihnen bereits alles verloren war.
Tönsing derweil, für den die von ihm nach außen hin getragene Zurückhaltung ein Mittel war, seine Unfähigkeit, sich anderen Menschen auch nur annähernd vorbehaltlos zu öffnen, zu verwischen, war einstweilen weder bereit noch imstande, klar zu sehen. Er hielt sich gleichsam fest an dem Bild, das er sich von jeher von seiner Beziehung zu Karin gemacht hatte. In der Tat störte er sich nicht im geringsten an dem Maß an Abstand und Verhaltenheit, das schließlich zwischen ihnen herrschte. Für ihn war es vielmehr so, daß sie beide gleichermaßen nicht dazu neigten, sich über die Beschaffenheit und die Perspektiven ihrer Beziehung zu täuschen, und er kam zu dem Schluß, daß sich gerade darin eine außerordentliche Aufrichtigkeit offenbare. Die Tatsache, daß sie nach außen völlig selbstverständlich, frei und ungezwungen miteinander umgingen, verleitete ihn zu der Annahme, daß das größte Einvernehmen zwischen ihnen bestehe. Und was Karin anbelangte, so beging sie ihrerseits, wohl aus einer gewissen Gehemmtheit und Unentschlossenheit heraus, den Fehler, ihrem Freund niemals zu verstehen zu geben, daß sie seine Ansichten hierin nicht zu teilen mochte. So erstickte sie denn fortan einen nicht unerheblichen Anteil ihrer Gefühle, während er in seinem diffusen Kosmos aus Apathie und Selbstverfangenheit verblieb.
Robert Tönsing hatte eine Anstellung in einem alteingesessenen Fahrradgeschäft seiner Heimatstadt, das sich, an einer schmalen Kopfsteinpflasterstraße gelegen, im Untergeschoß eines von seinem Alter gebeugten, backsteinroten Hauses befand. Sein Inhaber, ein rühriger Mensch von Mitte vierzig, dem es zur Gewohnheit geworden war, sich einen Großteil des Tages mit einer Kanne Kaffee und einer Zeitung in einen Bereich hinter dem Verkaufstresen zurückzuziehen und von hier aus seinen geschäftlichen Obliegenheiten nachzugehen, führte den kleinen, beschaulichen Betrieb mit stillem Gleichmut. Tönsing arbeitete in der nach hinten hinausgehenden Werkstatt. Es war eine angenehme Tätigkeit, der er dort, in jenen verwinkelten, von dem Licht einiger weißer Leuchtstoffröhren und einer kleinen Anzahl verschmutzter Fenster erhellten Räumlichkeiten, nachging; sie war ihm kurzweilig, und kaum je geschah es, daß er ihrer einmal überdrüssig wurde. Er fand sich ohne weiteres in der überschaubaren Schar der wenigen anderen Beschäftigten zurecht; es waren durchweg junge, muntere, aufgeweckte Leute, die hier im Lohn standen. Man beugte sich über schmutzverschmierte Fahrradrahmen, richtete Felgen, baute Kugellager aus, flickte Reifen, verlor sich in kurze Gespräche und loses Palaver oder werkelte schweigend vor sich hin und horchte auf den einen oder anderen Wortfetzen eines Kundengespräches, der mitunter von vorne aus dem Laden dringen mochte. Man sah auf seine Hände hinab, die zerrissen waren und von Schmutz und Öl schwarz und glänzend, blickte zu den beiden mittelgroßen, dunklen Fenstern hin, die auf einen leblosen Hinterhof hinausgingen und durch die ein grauer, schwerfälliger Schimmer in den engen Werkstattraum hineinfloß, und gewahrte nebenher die unterschwelligen Zeichen des in den nahen Straßen auf- und abflutenden Alltagslebens der Stadt. Innerhalb dieser Mauern indes, zwischen den Regalen mit ihren lose aufgetürmten Kartonstapeln, Schachteln und Werkzeugkisten, den Stahlschränken, den an den Wänden aufgehangenen Reihen an Schraubenschlüsseln, den Farbdosen auf den Fensterbänken und zerschlissenen Hockern, den skelettierten Fahrrädern und den von Kerben durchzogenen Werkbänken, war es eine andere, eigene, bedächtige Welt. Seine Arbeitsstätte erschien Tönsing ein wenig wie ein Zufluchtsort, ein Unterschlupf, ein verborgener und sicherer Winkel, aus dessen Schutze heraus er hinaushorchen konnte in das Gewirr der aus rötlichen, tongebackenen Steinen errichteten raunenden Viertel mit ihren gedehnten, hingleitenden Verkehrsgeräuschen, ihren aufirrenden menschlichen Stimmen und all ihren schattenhaften, fliehenden, diffusen Regungen. In sich zurückgenommen und gleichsam abgeschirmt von jeder hinterrücks lauernden Unbestimmbarkeit des Seins, vermochte er von seinem Platz in der Werkstatt aus also einen stillen, behutsamen Anteil zu nehmen an der unermüdlich in den Straßen voranbrandenden Unrast der Menschen, ohne jedoch selbst von ihr mit sich fortgerissen zu werden. Er fühlte sich gänzlich aufgehoben in der nach Kettenöl und Sprühlacken riechenden Enge dieses sich bedächtig rührenden Ortes, dessen Abgeschiedenheit und Ruhe mit dem verhaltenen Teil seines Wesens korrespondierten. In diesem Umfeld fand er die Möglichkeit vor, gleichermaßen bei sich wie in der Gesellschaft mit anderen zu sein, ohne daß er dabei das Gefühl haben mochte, von dem einen oder dem anderen erdrückt werden zu können.
Gelegentlich ging Tönsing mittags mit dem Lehrling, einem hageren, hohlwangigen, unter seinem krausen, rötlichblonden Schopf stets ein wenig übermütig dreinschauenden Spund zu dem kleinen türkischen Imbiß hinüber, der sich in der nächsten Querstraße in einem niedrigen, von abblätterndem cremefarbenem Putz bedeckten Gebäude befand. Meist kamen sie in ausgelassener Stimmung schwatzend in das Lokal hineingesegelt; und so, vergnügt und belebt durch den kurzen Gang durch das Viertel, gaben sie am Tresen ihre Bestellung auf und kauerten sich anschließend an einem Ecktisch nieder, von dem aus sie üblicherweise, während sie auf das Essen warteten, bedächtig ihre Blicke umherschweifen ließen. Es war ein behaglicher Ort mit hohen, auf die Straße hinausgehenden Fenstern, einem Spielautomaten, der, ein wenig abseits in einer Mauernische angebracht, unermüdlich Kaskaden blinkender, gelblicher Lichter in den hellen Raum warf, silbrigschimmernden Wasserpfeifen auf einem Bord jenseits des Glastresens und großen, weichgezeichneten Photopostern an den freien Wandflächen – das sich jenseits der Wasserflächen des Bosporus hinbreitende Häusermeer Istanbuls im rotkupfernen Widerschein einer Abendstimmung; eine violette, von stillen Dörfern besprenkelte anatolische Berglandschaft; die im Licht eines klaren, durchscheinenden Tages schimmernde Kulisse des römischen Theaters von Milet. Stets war es so, daß in diesem winzigen Restaurant ein Radio plärrend einen schier nie abreißenden Schwall orientalischer Folklore von sich aussandte, deren verdrehte Rhythmen geduldig von den Fenstern und den geweißten Mauern zurückgeworfen wurden. Dazwischen hörte man das Klappern von Geschirr und Blechschüsseln, die Wetzgeräusche der Fleischmesser, das Klirren der Geldmünzen auf dem gläsernen Tresen, die schleifende Bewegung der sich öffnenden Eingangstür, die zustande kam, wenn neue Kundschaft eintrat oder die bisherige fortging. Man sah hinaus auf die unablässig vorübertreibende Geschäftigkeit der Straßen, betrachtete die pockennarbigen, schmutzgeschwärzten Fassaden der gegenüberliegenden Häuserzeile, blickte in die meist starren, verschlossenen, grauen Gesichter der auf den Fußwegen hinschreitenden Passanten. Sich mit den Unterarmen auf die kalte, marmorweiß furnierte Tischplatte stützend, atmete man die schweren, würzigen und dabei leicht betäubenden Essensgerüche ein, die dunstartig durch den schmalen Raum quollen. Mochte es bisweilen auch vorkommen, daß Tönsing und sein Begleiter schweigend aßen, so war es in der Regel doch eher so, daß sie sich während ihrer Imbißbesuche langen, freimütigen, um Gott und die Welt kreisenden Gesprächen hingaben. Allerdings trennten sich ihre Wege zumeist ohne jedes weitere Vertun, wenn sie später wieder auf die Straße hinaustraten und, unversehens umfangen von den blechernen, gleitenden Geräuschen der Stadt, ihrem dumpfen Pulsschlag und den behutsamen Berührungen eines behäbig aus der Tiefe des dunstgeschwellten Küstenlandes hereinstreichenden Windes, träge ihre vom müßigen Dasitzen ermatteten Gliedmaßen streckten. Dann wandten sie sich alsbald mit einem stillen Gruß voneinander fort, und Tönsing, der üblicherweise nur halbe Tage in der Werkstatt arbeitete, machte sich daran, sich direkt nachhause zu begeben.
Robert Tönsing hatte geerbt, und das durchaus ansehnliche Geldvermögen, das ihm auf diese Weise zuteil geworden war, sicherte ihm sein tägliches Auskommen so weit, daß er auf den Verdienst, den ihm seine Arbeit einbrachte, an sich vorderhand nicht angewiesen gewesen wäre; er würde ohne weiteres auf Jahre hinaus allein von dem ihm zugefallenen Nachlaß leben können, ohne daß er deshalb in existentielle Bedrängnis geraten mochte. Der Umstand, daß er gleichwohl arbeitete, führte sich demgemäß fraglos nicht auf eine finanzielle Notwendigkeit zurück, sondern lag vielmehr in einem augenscheinlichen Willen zu einen anspruchslosen, selbstgenügsamen Dasein und auch in einem Instinkt begründet, der Tönsing davor schützte, angesichts der Möglichkeiten, die ihm sein Leben bereithielt, das rechte Maß zu verlieren; darüber hinaus fürchtete er nicht zuletzt auch die Einförmigkeit eines länger anhaltenden Untätigseins, den Überdruß und eine innere Abstumpfung, die womöglich damit einhergehen würden. So waren Vernunft, Vorsicht und Gespür die Triebfedern dafür, daß er, und sei es auch nur vorübergehend, daran festhielt, in seiner gegenwärtigen Anstellung und in dem Rahmen der alltäglichen Abläufe, die sich an sie knüpften, zu verbleiben.
Derweil war er sich nicht recht im klaren darüber, was er von seinem Leben erwarten sollte. Er war sich unsicher, wo seine existentiellen Aussichten lagen, welche Gelegenheiten ihm offenstehen mochten und worauf er setzen sollte. Einstweilen lebte er zwanglos und ungezielt in die Tage hinein und gab sich der Annahme hin, daß sich ihm über kurz oder lang ein Weg auftun würde, der ihm gangbar erscheinen würde. Er war zuversichtlich, daß sein Dasein seine Bestimmung gewissermaßen aus sich selbst heraus erfüllen werde. Er war in diesem Sinne schicksalsergeben – aber er war es nicht deshalb, weil er an eine Vorsehung der Dinge geglaubt hätte, sondern, weil sein Gemüt einer Apathie zuneigte und es ihm aus diesem Grunde schwerfiel, über den Augenblick hinauszudenken. Er wußte um das Maß an innerer Ohnmacht, das sich hier an ihm offenbarte. Es schränkte ihn ein in seinem Tun; doch schreckte es ihn nicht, da er mit ihm vertraut war. Es hatte seine Wurzeln in den Zuständen des Niedergeschlagenseins, denen er zuneigte, in seinem Hang zu Verzagtheit und Schwermut. Dennoch, so seltsam es ihm unter solchen Voraussetzungen auch anmuten mochte, verspürte er in sich ein festes Zutrauen, wenn er an die Perspektiven seines Lebens dachte. Er war der Auffassung, daß alles bereits in ihm selbst angelegt sei und daß es allein darauf ankäme, den richtigen Zeitpunkt, die geeigneten äußeren Umstände abzupassen, um den nächsten Schritt zu tun.
Und gleichwohl: es war offenkundig, daß er im Zweifel lebte. – Er war sich durchaus bewußt, daß er nicht dazu neigte, sein Dasein mit Entschlossenheit anzugehen. Er war zögerlich. Etwas in ihm strebte stets den Verlegenheiten zu und wollte nicht über den Tag hinaus. Manchmal hätte er sich tief in sich selbst vergraben wollen.
Er hatte es sich in einem Alltag eingerichtet, der ihm von jeher als vorläufig erschienen war, mit dem er sich allerdings arrangiert hatte und an dessen Gewohnheiten er sich heftete. Er lebte im Angesicht einer anhaltenden innerlichen Gefährdung und Unwägbarkeit. Allenthalben in seinem Fühlen und Denken offenbarte sich der Keim seiner halbverborgenen Bedrängnisse; und so geschah es, daß er in nahezu allem, was er tat, sah oder bedachte, eine unbegreifliche Fremdheit und seine eigene heimliche Bestürzung gewahrte. Ein Riß ging durch die Welt, die ihn umgab, und durch ihn selbst. Dieser Riß war von einer unwandelbaren Gegenwärtigkeit, die Tönsing fortwährend – zu jeder Stunde, an jedem Ort –, sozusagen wie mit einem inneren Sinn, zu verspüren vermochte: sei es in der ausgekühlten, wachsfarbenen, zagen Verhaltenheit eines neu anbrechenden Tages; sei es in der ungewissen, brüchigen, von den nebelhaften Geistergestalten entlaubter Bäume gesäumten Verschwiegenheit eines einsamen Feierabendspaziergangs; sei es in der stummen, blutleeren und beschwerlichen Anwesenheit eines anderen, sich wie verloren regenden Menschen, mit dem er sich in demselben Raum befand; sei es in dem schroffen, kehligen Gekreische der Vögel über den dämmerigen Dächern der engen, naßglänzenden Viertel; sei es in den tiefen, grauen, dicht zueinander hindrängenden Wolkenbändern, die Tag für Tag über die gebeugte Stadt hinwegwanderten und ihm dabei als die schwermütigen Sendboten einer anderen Welt erschienen; sei es in den unauslotbaren Abmessungen eines brennend und zögerlich hinsinkenden Gedankens. Und obgleich er von den Tagen seiner frühen Jugend an in diesen fahlen, ungeordnet ineinander verwobenen Straßen und unter diesen niedrigen, ziegelroten Häusern gelebt hatte, obgleich er seit jeher mit bedachtvoller Regsamkeit in diesen sich gleichmütig hinbreitenden städtischen Bezirken umhergestrichen war, sich in ihnen auskannte und manche Erinnerung und manch vertrautes Bild ihn an sie band, obgleich etwas in ihm war, das sich gleichsam an diesen Ort heften wollte, so mußte er sich doch eingestehen, daß es inmitten des steinernen, faltenwerfenden Gewebes dieser reglosen Gemäuer eine Schattenhaftigkeit und dumpfe Ungewißheit gab, die sich ihm nun aushöhlend und versehrend in die Seele senkten.
Er fühlte sich an die Grenzen dessen gestellt, was er augenblicklich vermochte, um ein Zutrauen zu dieser Welt zu fassen; und gelegentlich, wenn die Zweifel allzu gegenwärtig wurden, wollte es geschehen, daß er argwöhnte, niemals imstande sein zu werden, über diesen Zustand hinauszugelangen. Er hatte zu begreifen begonnen, wie unsagbar schwer es für jemanden, dem sich alle Gewißheiten versagen wollten, sein mochte, in sich ein neues, grundlegendes Vertrauen in sein Dasein zu gewinnen. Und doch schien ein solches Vertrauen notwendig zu sein, wollte man darauf setzen können, daß man fähig sei, sich seines Lebens in Freiheit anzunehmen, fähig, es aus sich selbst heraus zu bewältigen.
An diesem Donnerstagnachmittag wanderte Tönsing unter den gedrängt aneinandergerückten Regalreihen der städtischen Bibliothek hin. Es waren nur wenige andere Besucher zugegen. Der große Saal war ganz still und unbewegt. Man war annähernd für sich, und es war angenehm, langsam und aufs Geratewohl die schmalen, einigermaßen dämmrigen Gänge zu durchschreiten, seinen Blick über die Titel der verschiedenfarbigen Einbände schweifen zu lassen und hier und da ein Buch herauszugreifen, das von vielen Händen bereits ganz abgegriffen sein mochte und das man behutsam aufschlug, um eine flüchtige, ungefähre Einsicht zu nehmen. Seine Augen gleichmäßig über das feste Papier der Seiten hinweggehen lassend, folgte man sodann im Geiste versonnen dem Gefüge eines Textes, seinem äußeren Schwung, seiner aus Buchstaben, Wortreihen und Absätzen erwachsenden sichtbaren Form – aber ohne daß man tatsächlich in ihn eintauchte, und ganz so, als betrachte man die Notenblätter eines einem an sich unbekannten und doch nun gleichwohl geheimnisvoll verlockenden Musikstückes; man strich mit seinen Fingern vorsichtig an den breiten Falzen oder an den Seitenrändern entlang, während man zugleich hinaushorchte in das große, behäbige, sämige Schweigen, das einen umgab. Tönsing war der Aufenthalt an diesem Ort, der so sehr angefüllt war von einer nachgerade körperlich spürbaren Bedachtsamkeit und von den tauben Pilzgerüchen alten, stockigen Papiers, außerordentlich behaglich. Es zog ihn regelmäßig hierher, und jedes Mal durchmaß er diese weiten Räume wie ein gedankenvertiefter Wanderer die allein von gemächlich schwellenden Träumen bevölkerte Stille einer einsamen, von aller Welt abgeschieden gelegenen Landschaft.
Er hatte sich zunächst eine geraume Weile in einige der Tages- und Wochenzeitungen vertieft, die in einer mit einer kleinen Sitzgruppe schwarzbezogener Armsessel ausgestatteten Ecke des Lesesaales ausgelegt waren. Er hatte die neuesten Schlagzeilen überflogen und den ein oder anderen Artikel, der ihn interessiert hatte, gelesen. Die Dinge hatten sich in stummer, beharrlicher Abfolge in seinem Kopf aneinandergereiht: das Rohwedderattentat; die Flucht der Kurden aus dem Nordirak; der Tod Max Frischs; ein kulturkritischer Essay, den er durcharbeitete, ohne recht zu verstehen, worauf sein Autor hatte hinauswollen; Sportberichte; wirtschaftliche Wasserstandsmeldungen; Gesellschaftliches von mehr oder weniger großem Belang. Hin und wieder war er an einem großformatigen Reportagephoto hängengeblieben, an einer ganzseitigen Automobilwerbung oder an einer der Seiten mit Inseraten und gewerblichen Ausschreibungen. Gelegentlich hatte er seinen Blick durch die ganze Breite der sich um ihn her öffnenden Bibliothekshalle wandern lassen und hatte dabei nachdenklich und wie abwesend das knisternde Zeitungspapier unter seinen Händen glattgestrichen. Auf diese Weise war eine reichliche dreiviertel Stunde hingegangen, ehe er sich endlich von seinem Platz erhoben hatte, um jenen unbeständigen, irrlichternden Kosmos aus Pressemitteilungen, Artikeln, schlagworthaften Reklameschriften und Annoncen wieder sich selbst zu überlassen. Er war alsdann in die geschichtliche Abteilung hinübergegangen, in der er zunächst an eine Biographie Gustav Stresemanns – das dünne Buch hatte aus einem nicht ersichtlichen Grund auf dem Fußboden gelegen – und hernach an einen bereits leicht angegilbten Einband geriet, der sich mit der Studentenbewegung von 68, der APO und dem deutschen Terrorismus der siebziger Jahre befaßte und in dem ein früherer Leser mit einem Bleistift zahlreiche Sätze angestrichen und sich Notizen gemacht hatte. Tönsing blätterte eine Zeitlang unentschlossen und nur mäßig interessiert in den Seiten des einen wie des anderen Buches umher und schlenderte hieraufhin ein wenig durch die leeren Regalgänge, ohne daß er dabei auf etwas Bestimmtes hinausgewollt hätte. Schließlich stieß er auf Christoph Benrath, der in einer sich am Ende eines der Durchgänge öffnenden Nische an einem gesondert stehenden Tisch saß und sich, sein schütteres Haupt zwischen die eckigen und spitzen Schultern geschoben, in einen schweren Bildband vertiefte. Einen Augenblick lang zögerte Tönsing und dachte daran, einer Begegnung mit dem anderen auszuweichen. Er tat diesen Einfall allerdings sogleich wieder ab, als er erkannte, daß jener ihn bereits bemerkt hatte und ihn nunmehr mit seinen hellen, auch jetzt, wie gewöhnlich, ein wenig entrückt wirkenden Augen anblickte. Also ging er zu ihm hinüber, grüßte ihn mit einer knappen Bewegung seiner Hände und einem Nicken, zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich, um zum mindesten einige Worte zu wechseln.
Christoph Benrath war eine eigentümliche Erscheinung. Er war von gedrungener Statur. Seine Arme und Beine allerdings erschienen unverhältnismäßig lang. Sein großer, von spärlichem, flachsblondem Haar bedeckter Schädel drängte sich dicht an einen schweren Rumpf. Der Brustkorb wölbte sich außerordentlich stark vor. Er war ein nur wenig ansehnlicher Mensch, und wenn er Blicke auf sich zog, dann waren es vornehmlich solche, die, forschend nach dem Ungewöhnlichen, das ihm anhaftete, an seinem Äußeren gleichsam hängenblieben wie an einer Kuriosität. Etwas Verhaltenes ging von ihm aus und ein anderes, das einer halbverborgenen Verzagtheit glich. Es offenbarte sich in seinem seichten, unschlüssig umhertastenden Blick und in der zögerlichen, nahezu verlegen wirkenden Art, in der er sich bewegte. Sein Körper schien wie von einer Altershinfälligkeit angerührt, die seinem tatsächlichen Lebensalter, das bei wenig über dreißig Jahren liegen mochte, ganz und gar nicht entsprechen wollte. In Gesprächen derweil vermochte er lebhaft und vorandrängend zu sein. Dann brach sich in ihm bisweilen eine fast überfließende Eilfertigkeit Bahn. In seinen Äußerungen, in den Gedanken, die er vorbrachte, war er rege und bemüht, jedoch kaum geistreich und ohne jede Hintergründigkeit. Jedes unvermittelte Ausscheren vom Gesprächsfaden, jeder Doppelsinn, alles Unverbindliche war dazu angetan, ihn ohne Umweg aus dem Tritt zu bringen; dann warf er die Dinge durcheinander, und man sah geradezu die große, graue, stumm um sich hinschielende Unsicherheit, die ihm auf den Schultern kauerte wie ein hämischer Dämon.
Indessen, wenn Christoph Benrath sprach, dann sprach er nicht von sich. Er hatte sich in langen, selbstverlorenen Stunden voller Fleiß lesend ein umfängliches Wissen angeeignet; und dieses Wissen war es, auf das er Rückgriff nahm, wenn er sich in einer Unterhaltung zu einem Gegenstand äußerte. Er vermied es aufs Peinlichste, auf Angelegenheiten zu sprechen zu kommen, die seine Person berührten. So gab er kaum etwas von sich preis. Jedoch schien darin weniger seine freie Entscheidung ihren Ausdruck zu finden; vielmehr mochte es so sein, daß er solchermaßen einem in seiner Wesensart angelegten Zwang, einer inneren Notwendigkeit folgte. Mitunter mutete es Tönsing an, als begegne er in Benrath einem Menschen ohne Zutrauen in die Wertigkeit seiner eigenen Existenz, als versagten sich diesem die Erfahrungen und Gewißheiten, die sich ein Mensch üblicherweise im Laufe seines Lebens zu eigen machte, und als strenge er sich an, diesen Mangel durch ein Vertrautsein mit einem schieren Übermaß an äußeren Kenntnissen, deren Erwerb er begehrlich und unbeirrt nachging – davon legten sein regelmäßiges Erscheinen und seine ausdauernde Anwesenheit in den Räumen dieser Bücherei ein beredtes Zeugnis ab –, auszugleichen. Sein Wissensdrang erschien verquer und annähernd manisch, hatte zugleich aber auch die Züge von etwas Bekenntnishaftem, ganz so, als sei er dazu angetan, Benraths Dasein eine Bestimmung zu geben.
Die Gebrochenheit in der Persönlichkeit des anderen erschien offensichtlich, und es gab Momente, in denen es Tönsing deutlich so vorkam, als vermöchte jener aus einer ungenannten Furcht heraus gleichsam nur an der Oberfläche seiner selbst zu bestehen und als sei er nicht imstande, sich in sein Herkommen, in die bloßen Gegebenheiten seines eigenen Daseins zu finden. Man mochte den Eindruck gewinnen, daß Benrath sich selbst in einem gewissen Sinne asynchron erscheine, als sei sein körperlicher Zustand von seinem seelischen durch geradezu unüberwindbare Räume oder Zeitspannen getrennt und als legte ein jeder dieser Teile jeweils seinen eigenen Weg durch die Unwägbarkeiten einer menschlichen Existenz zurück. Er hatte etwas Entwurzeltes, Verfehltes und Ungewisses an sich. Es schien ein versehrtes Leben zu sein, das er führte. Woran er litt, welche innerlichen Verletzungen er erfahren hatte und wie sehr sie ihn in seiner Lebensführung beeinträchtigten, verblieb im Unklaren. Ihre nur vage Bekanntschaft miteinander ließ darüber kaum mehr als Mutmaßungen zu. Und in der Tat verhielt es sich so, daß Tönsing um den anderen mit Gewißheit allein als um jene ungewöhnliche, unzweifelhaft gar befremdende, anämische Erscheinung wußte, die ihm als ein unermüdlicher Besucher der städtischen Bibliothek bekannt geworden war, die er oftmals ihren schweren, eckigen Schädel beflissen über ein Buch hatte beugen sehen, die üblicherweise mit gespensthafter Flüchtigkeit die Gegenwart der Menschen zu meiden suchte, die sich jedoch zuweilen auch in ein Gespräch verstrickte, in dem sie die Worte hastig hervorkaute, so, als fürchte sie darum, daß sie ihr zwischen den Zähnen kleben bleiben wollten, während zugleich in ihren Blick ein sanftes Leuchten treten mochte, wenn sie über eine Angelegenheit weitläufig ins Räsonieren geriet. Alles, was über dieses unmittelbar Ersichtliche hinaus ging, mußte indessen für den Außenstehenden im Diffusen liegen, war spekulativ und trug die Möglichkeit in sich, daß man, wollte man es zu deuten versuchen, Benraths Naturell nicht wirklich gerecht würde.
Tönsing hatte Benrath einmal gefragt, was diesen zu seiner unablässigen Lektüre antriebe, und der andere hatte ihm geantwortet, daß es ihm ein Bedürfnis sei, so viel über die Welt, die ihn umgebe, in Erfahrung zu bringen, als es ihm eben möglich sei, und daß er in dem, was ihm wert erschiene, daß er sich mit ihm befasse, vollkommen “freimütig” sei. Er könne sich “kein größeres Glück vorstellen, als an dem gemeinsamen Wissen der Welt teilzuhaben.” Er hatte sich, als er dies sagte, leicht zur Seite gedreht, den Blick abgewandt und zaghaft und unbeholfen gelächelt, so, als hätte er sich ein wenig für die Offenheit seiner Worte geschämt und für das Bekenntnis, das darin liegen mochte. Damals hatte Tönsing zu ahnen begonnen, daß jenem Verlangen, sich, hineintauchend in ein literarisches, akademisch verbrämtes Universum, fremde Einsichten anzueignen, die Unfähigkeit, sich seinem Herkommen und den Wurzeln des eigenen Seins gegenüberzustellen, entsprach und daß dieses Verlangen haltlos war, da es ständig weiter vorandrängte, ohne jemals eine über den Augenblick hinausgehende Befriedigung zu erfahren; es war ihm seinerzeit als eine Form der Selbstverleugnung erschienen, als eine schiere Unaufrichtigkeit sich selbst gegenüber, als ein stummes Beiseiteschieben.
Christoph Benrath hatte an diesem Nachmittag auf dem Tisch, an dem er saß, einige die Geschichte der europäischen Kirchenarchitektur abhandelnde Buchbände angehäuft. Es waren seitenstarke, großformatige Werke mit zahlreichen Photographien, Skizzen und Zeichnungen darin. Zwei schwere Stapel türmten sich vor ihm auf. Tönsing zog einen dieser Wälzer zu sich heran, schlug ihn auf und ließ leichthin die ein oder andere Seite durch seine Finger gleiten. Er sah Benrath geradeaus an und fragte ihn, während er sich nebenher darum bemühte, ein Gefühl körperlicher Trägheit, das gerade jetzt, in diesen Minuten, in ihm aufkommen wollte, von sich abzustreifen, ob dieser sich dafür interessiere, und der andere entgegnete, daß es die Epoche der Gotik sei, mit der er sich gegenwärtig befasse. Es sei ein sehr ergiebiger Gegenstand, auf den er zufällig gestoßen sei. Nachfolgend verfiel er in ausführliche Erklärungen, sprach von der Kathedrale in Saint-Denis, von Laon und Chartres, von der “Schwerelosigkeit der Formen” und der “Durchlichtung der Räume”, die dieser Architekturform eigne, und geriet schließlich bis zu den “statischen Schwierigkeiten, denen sich die mittelalterlichen Baumeister ausgeliefert sahen.” Einige Minuten lang monologisierte er derart vor sich hin. Dann jedoch brach er seine Rede unvermittelt ab und überließ sich einem gedankenvollen Schweigen.
Tönsing ließ seinen Blick durch ein nahes Fenster ins Freie hinauswandern. Er sah das kahle, hagere Geäst einiger hoher, unbewegter Sträucher sich vor der schweren, undurchdringlichen Masse einer dunklen Mauer abzeichnen und einen Flecken bleichen Himmels, der von den schrägen, moosgeschwärzten Giebeln der umliegenden Häuser freigegeben wurde. Anschließend ließ er sich weit in seinen Stuhl zurückfallen und betrachtete Benrath, der sich nun, nachdem er einige Augenblicke regungslos und mit abwesendem Gesichtsausdruck dagesessen hatte, wieder zu rühren begann, indem er seine länglichen, knochigen, blutleeren Hände nebeneinander auf die weiße Tischplatte legte und seinen Kopf mit einer eigenartig eindringlichen Gebärde vorschob.
“Wenn ich Sie etwas fragen darf”, hob er bedächtig an und zögerte sodann weiterzusprechen. Er warf Tönsing einen unschlüssigen Blick zu, so, als gehe er diesen wortlos um dessen Einverständnis an, daß er jetzt spräche. Endlich gab er sich einen Ruck.
“Reisen Sie?”
Und wieder hielt er kurz inne.
“Wissen Sie, ich stelle mir das ganz außerordentlich vor... Sicher, man kann lesen. Man kann sich all jene Orte, jene Länder und Landschaften gewissermaßen auf literarischem Wege vergegenwärtigen. Dazu braucht es nicht viel. Und dennoch ist es etwas anderes... Selber dorthin zu reisen hingegen, sich in eigener Person in die Welt hineinzubegeben, das gäbe eine Anschauung. Man würde manches anders sehen. Es würde die Kenntnisse fördern...”
Tönsing setzte sich wieder gerade auf, drückte sein Rückgrat durch, das er sich ein wenig verdreht hatte, und berührte mit einer Handfläche beiläufig das warme Abdeckblech der Heizung neben ihm. Er wandte sich Benrath zu, und nicht ohne eine gewisse Verwunderung verhehlen zu können, erkundigte er sich bei diesem, ob es denn tatsächlich so sei, daß er noch nie eine Reise unternommen habe. Und der andere entgegnete, unterdessen er seine Augen ins Leere richtete, mit leiser Stimme, daß es nicht so sehr daran läge, daß sich ihm keine Gelegenheiten geboten hätten, sondern vielmehr daran, daß es ihm am Zutrauen mangele.
“Man muß eine Entschlossenheit haben. Es sind andere Verhältnisse, in die man gerät, andere Menschen, Sprachen, Städte, denen man sich ausliefert. Es verlangt danach, etwas einzusetzen.”
Voller Ruhe und Nachdenklichkeit, kehrten seine Augen zu seinem Gegenüber zurück.
“Andererseits müßte man nur seine Freiheiten wagen. Mehr bedarf es nicht. Es gibt Beispiele... Es hängt allein davon ab, ob man sich es zutraut, sein eigener Herr zu sein.”
Und mit nachgerade versiegendem Tonfall fügte er entschieden hinzu, daß doch sehr wohl auch eine Berechtigung darin liege, wenn ein Mensch es als Wagnis empfände, aus den ihm gewohnten Verhältnissen hinauszutreten.
“Es erscheint ihm manches so unberechenbar! Er muß doch zuerst eine Gewißheit haben!”
Daraufhin fiel er abermals in ein grüblerisches Schweigen; ein Schweigen, das Tönsing schon bald Anlaß gab, sich gewissermaßen vergessen zu fühlen, ein wenig vor sich hin zu sinnieren und einmal mehr gleichgültig die auf der Tischkante ruhenden Finger seines Gegenüber zu betrachten, die um die sehr kurz gehaltenen Nägel herum von festem Schorf bedeckt waren.
Auf solche Weise verging eine ganze Weile, ohne daß einer von ihnen auch nur ein weiteres Wort sagte. Und als Benrath sich schließlich wieder auf seinem Platz zu rühren begann, war es, als wäre insgeheim eine Veränderung in ihm vorgegangen; denn er wand sich nunmehr unbeholfen zwischen den beiden sich vor ihm auf dem Tisch auftürmenden Bücherstapeln und glich dabei irgendeinem Meeresgetier, das sich unverhofft aufs Trockene verirrt hatte. Erkennbar war er in eine gewisse Verwirrung geraten; und sein Blick schien sich nun vor der Welt verschließen zu wollen. Seine Mundwinkel begannen, sich geräuschlos zu bewegen. Augenscheinlich bestürzt über die ausdrückliche Freimütigkeit seiner Rede, wich er nun, da er im Verborgenen den bisherigen Verlauf ihrer Unterhaltung mit sich selbst rekapituliert haben mochte, unter dem Eindruck eines jäh in ihm aufkeimenden Unbehagens ruckweise zurück. Es war, als verlöre alles an ihm jenes Maß an Gefaßtheit, das er sich selbst bis dahin abgerungen hatte.
Währenddem hatte Tönsing zu begreifen begonnen, daß, wenigstens soweit es ihre heutige Begegnung anbetraf, zwischen ihnen alles gesagt war und daß es nunmehr auch ihn danach verlangte, wieder mich sich allein zu sein. Er ließ seinen Blick schweifen und gewahrte alsbald die Gestalt einer jungen, mit einer abgetragenen Jeans und einem braunen, ihr bis über die Hüften hinabreichenden Wollpullover bekleideten Frau, die, indem sie gemächlich die Buchreihen eines der anliegenden Gänge abschritt, mit einer ihrer Hände hier und da bedächtig einen Regalboden oder den ein oder anderen Einband streifte. Etwas an ihrem Anblick berührte ihn. Doch verschwand die Erscheinung bereits nach wenigen Momenten zwischen den verstellten Kulissen des Saales, ohne daß er bis dahin dahintergekommen wäre, was es sei, das ihn an ihr so unvermittelt anzöge.
Schon wenig später verließ er gemeinsam mit Benrath das Bibliotheksgebäude. Sie querten den Vorplatz und gingen ein kurzes Stück schweigend nebeneinanderher. Vor dem schlichten, grauverputzten Bau der Mennonitenkirche verabschiedete sich Tönsing unter einem Vorwand von seinem Begleiter, und während dieser sich tief in seinen hellen Anorak versenkte und sodann mit vorsichtigen, weitausholenden Schritten eine schmale Straße hinaufstrebte, verharrte er selbst einige Momente lang am Rande des Gehweges und blickte in den Tag hinein.
Die Begegnung mit Benrath hatte, so wenig ihm an ihr zunächst auch gelegen gewesen sein mochte, in ihm etwas angefaßt. Es war wie ein flüchtiger und zugleich doch auch grundtiefer Blick in die sonst wohlverborgenen Bezirke einer Seele gewesen, der sich ihm hier aufgetan hatte, denn er hatte in ihr einen Ton wahrgenommen, der, mitschwingend in den dünnen, fragilen Gesten und Worten des anderen, auf etwas hingedeutet zu haben schien, das sich letztlich jenseits der Schauseite dieses Menschen verbarg. Man stieß hier auf die Unwägbarkeiten eines kreatürlichen Seins. Man erkannte seine Hinfälligkeit und begriff, wie seiden und verletzlich das Flechtwerk aus Sicherheiten war, das man sich schuf, um, von seinen Ängsten leidlich unbehelligt, existieren zu können, und daß es nur eines wenigen bedurfte, das Gespinst eines Lebens zu durchschlagen. Das Los eines Menschen war heikel. Man konnte es nicht ohne weiteres abtun. Es geschah, daß es zerbrechen wollte.
Derweil erschien es Tönsing völlig dahingestellt, ob Benrath ein Anrecht auf sein Mitgefühl habe. Ohne Zweifel rührte ihn dessen Zustand an, seine offensichtliche Schwäche, seine Verletzlichkeit, sein Mangel an Entschiedenheit; doch war er sich zugleich auch bewußt, daß Mitgefühl hier nichts auszurichten vermochte. Das Geschick hatte einen raumgreifenden Schritt; es verlangte eine große Anstrengung, mit ihm mitzuhalten; auf es einzuwirken, erforderte die Bemühungen einer ganzen Existenz.
In der Nähe schlug die Uhr des Rathausturmes mit silbrigem Klang zur vollen Stunde und ließ ihn aus seiner Nachdenklichkeit emportauchen. Er blickte die sich vor ihm öffnende Straße hinauf. Er betrachtete die alten Bürgerhäuser, die sich in diesem Viertel eines an das andere lehnten und deren niedrige Fassaden mit ihren groben, schrägen Backsteinwänden, Sprossenfenstern und gebeugten Eingängen sich starr in den Abend wandten. Er sah das bräunliche, von einem matten Glanz überzogene Kopfsteinpflaster; und mit einem Male wurde er sich der Stille bewußt, die jetzt um ihn her herrschte.
Dann, plötzlich, schwebte eine Schar Dohlen herbei und umstrich, rauhe, trunkene Rufe ausstoßend, mit aufgeworfenen Flügelfedern die entlaubte Krone einer mächtigen Kastanie.
Als er kurze Zeit später zuhause anlangte, begegnete er dem alten Simonsen, der in der diesigen Verhaltenheit des vorangerückten Tages auf die Straße hinausgetreten war, um ein wenig umherzugehen und den vereinzelt vorübereilenden Passanten nachzusehen. Er trug seine alten, schwarzen Lederstiefel, eine weite, marineblaue Hose, in deren Taschen er seine gewaltigen Hände vergraben hatte, und ein kariertes Hemd aus grobem Baumwollstoff. Er sah zu, wie Tönsing die Straße heraufkam, und machte dabei ein mürrisches Gesicht. Tönsing kannte das. Der Alte hatte seine Launen. Man grüßte sich und blieb auf einige Sätze beieinander stehen. Simonsen neigte den großen, knochigen Kopf, so daß man den starken Wirbel in seinem ergrauten Haar sehen konnte, und scharrte mit einem Stiefelabsatz verdrießlich an der Bordsteinkante. Ein Unmut war in ihm, ein verborgenes Hadern mit der Welt, eine Reizung seines Gemütes, die aus ihm hinausdrängten. Er war es nicht gewohnt, sich in Umständlichkeiten zu verzetteln; und so hob er denn, als er nun meinte, daß genügend verbindliche Gesten und Worte zwischen ihnen ausgetauscht worden seien, seine trüben, kupferbraunen Augen und machte sich, nachdem er noch einmal tief eingeatmet hatte, geradewegs in einer Schimpfrede Luft, die er in seiner unumwundenen, lakonischen Art mit einer Baßstimme aus sich hervorpreßte. Er beklagte sich über die Hunde, die den Gehweg vor dem Haus beschmutzten, und über deren Halter, die ihm ganz und gar verantwortungslos zu sein schienen, er schalt die Urheber einer nächtlichen Ruhestörung, verwies unter Kopfschütteln darauf, daß einige Tage zuvor Übermütige (“wohl irgendwelches junges Volk”) die Mülltonnen des Hauses umgestoßen und auf diese Weise einen Großteil des Kehrichts im Hinterhof ausgebreitet hatten, und schließlich berichtete er, daß er am Morgen das Grab seiner Frau besucht habe und daß er den Heimweg von dem in einem entfernten Stadtteil gelegenen Friedhof zur Gänze habe zu Fuß zurücklegen müssen, da er von dem Fahrer jenes Busses, den er habe nehmen wollen, an der Haltestelle übersehen worden sei. Er sei eine ganze Stunde unterwegs gewesen.
“Und das mit meinen morschen Knochen. Der Affe! Wo der seine Augen hat!”
Er griff sich eine Zigarette aus der Brusttasche seines Hemdes und steckte sie mit einem Feuerzeug an. Er nahm einen ersten, ausgiebigen Zug, wandte sich zur Seite, um den Rauch fortzublasen, und erklärte alsdann, mit sich aufhellender Miene und sperrig grinsend, daß sich immerhin das Wetter gehalten habe und er trockenen Fußes bis nach Hause gelangt sei.
Es war ihm nun leichter zumute. Der Ärger war hinaus. Und nun stiegen sie gemeinsam durch das dämmrige Treppenhaus hinauf, und Tönsing schmunzelte in sich hinein und dachte, daß er in gewisser Weise dem Alten den Abend gerettet habe. Er hatte ihm zugehört, war sein Mitwisser, ein Verbündeter seines Verdrusses geworden, hatte ihm sozusagen die Beichte abgenommen. Mehr bedurfte es nicht.
Simonsen wohnte im Stockwerk über Tönsing. Er war alleinstehend. Er hatte den Wuchs und das Aussehen eines Menschen, der es ein Leben lang gewohnt gewesen war, körperlich tätig zu sein. Eine Lungenerkrankung hatte ihn gezwungen, vorzeitig in Rente zu gehen. Gelegentlich arbeitete er noch in der Firma eines Bekannten, für die er kleinere Kurierfahrten unternahm, und besserte so seine schmalen Bezüge auf. Er hatte Tönsing erzählt, daß er früher Eisenbahner gewesen sei und ein ansehnlicher Bursche, der einigen Schlag bei den Frauen gehabt und sein Leben gelebt habe. Es schien so zu sein, daß die Erinnerung daran ihm heute angesichts eines Körpers, der ihm seinen Dienst mehr und mehr versagte, und da es ihm jetzt wohl schwerfiel, seine Tage für sich sinnvoll zu gestalten, eine Ermutigung, ein gewisser Trost war.
