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Am Rande der Hudson Bay, zwischen der Baumgrenze und dem ewigen Eis, liegt verloren und vergessen das Indianerdorf Niska. Hier soll Willa Coyle, die junge Kunstlehrerin, den Kindern in den Sommermonaten Zeichenunterricht geben. Nach und nach dringt Willa in die Geheimnisse des Dorfes ein. Es ist ständig vom Hochwasser bedroht, ein Fluch scheint über ihm zu liegen. Geraldine Gull, die hünenhafte, unbezähmbare Indianerin, die von allen gemieden wird, hütet einen geheimen Schatz. Welche Rätsel liegen über ihrer Vergangenheit? Was hat sie vor? Als das Hochwasser kommt und das Dorf versinkt, ist sie es schließlich, die mit ihrer Vision den Bann bricht.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2016
Am Rande der Hudson Bay, zwischen der Baumgrenze und dem ewigen Eis, liegt verloren und vergessen das Indianerdorf Niska. Hier soll Willa Coyle, die junge Kunstlehrerin, den Kindern in den Sommermonaten Zeichenunterricht geben. Ein Fluch scheint über dem Dorf zu liegen.
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Joan Clark (*1934) studierte Theaterwissenschaften und arbeitete als Lehrerin. Ihren Mann, einen Ingenieur, begleitete sie durch ganz Kanada an seine Arbeitsorte und verarbeitete diese Erfahrungen in ihren Werken. 2010 wurde sie zum Mitglied des Order of Canada ernannt.
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Gerda Bean (*1938) war u. a. für das deutsche Fernsehen in Washington, D.C., tätig. Seit 1978 arbeitet sie als Übersetzerin von Belletristik sowie von Kinder- und Jugendbüchern.
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Joan Clark
Der Triumph der Geraldine Gull
Roman
Aus dem Englischen von Gerda Bean
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1988 unter dem Titel The Victory of Geraldine Gull im Verlag Macmillan of Canada, Toronto.
Originaltitel: The Victory of Geraldine Gull (1988)
© by Joan Clark 1988
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Peter Mertz
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30415-4
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Version vom 23.06.2024, 22:12h
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
DER TRIUMPH DER GERALDINE GULL
PrologEins1 – Stoße diesem Land ein Messer ins Herz …2 – 25. Juni 1978. Pater Aulneau geht vorsichtig über …3 – 26. Juni. Wenn du an Bord eines Zehnplätzers …4 – Pater Aulneau schaut aus dem Fenster seines Arbeitszimmers …5 – Der Hudsonʼs-Bay-Laden in Niska ist ein weißer Kasten …6 – 26. Juni7 – Geraldine sitzt auf einem Haufen Bretter. Den Rock …8 – Um zu verstehen, was folgt, muss man die …9 – Ich sagte: Kommt, sobald ihr könnt, hier rauf« …10 – 27. Juni11 – Geraldine ist reisefertig. Sie hat den Proviant …12 – Willa liegt wach und lauscht dem Fluss …13 – Weil Willa keine Angst mehr haben muss …14 – Xavier holt Papier und Tabak raus, dreht sich …15 – Die Hunde sind Dobermänner. Soldier ist seit acht …16 – Patrick Eagle sitzt in seinem Kanu, die Hand …17 – Nattie Eagle sitzt am Fenster und hält ihre …18 – Die beiden Polizisten, Kulyk und Hicks, fliegen am …19 – Willa hing nicht weiter herum, als die Polizei …20 – P.S. Patrick Eagle ist heute aufgetaucht. Er ist …21 – Geraldines Versteck ist im Wald auf der Anhöhe …Zwei1 – Juni 1947. Die Stelle, an der Geraldine den …2 – Februar 1953. Geraldine Bear lehnte sich an die …3 – Was ist mit deinem Gesicht passiert?« war das …4 – Manchmal landete Geraldine im Krankenhaus. Wenn das Geschäft …Drei1 – Wenn du aus dem Flugzeugfenster auf die weglose …2 – Willa schaut sich Rita Maries Bild an …3 – Aus Xaviers Notizbuch4 – Keines der jüngeren Kinder, elf insgesamt, ist bisher …5 – Willa sitzt auf einem Küchenstuhl am Rand des …6 – Pater Aulneau sitzt im Schaukelstuhl unter dem Bild …7 – George Kostiuk geht auf dem Brettersteg zum Missionshäuschen …8 – 13. Juli9 – Es klopft an die Verandatür. Willa löst den …Vier1 – 12. Juli 1978. Befindest du dich etwa fünf …2 – September 1955. Patrick und sein Vater hockten weit …3 – Einer der Gründe, warum Patrick gern auf die …4 – Ein Jahr, nachdem sein Vater starb, als das …5 – Gestern, bevor Patrick von Niska losgefahren ist …6 – Neben der Tür steht ein Bücherregal, das Patrick …Fünf1 – Aus Xaviers Notizbuch2 – Hast du die Aufnahmen?« fragt Xavier. Er ruckt …3 – Der Laden ist leer, als Willa nach dem …4 – George lehnt sich mit den Hinterbacken an die …5 – Geraldine geht einen dunklen Fluss entlang. Weder Mond …6 – Es hat wieder zu regnen angefangen, ein plötzlicher …7 – Es ist eigentlich gar nicht möglich, das Gesicht …8 – Als Patrick zurückkehrt, muss er enttäuscht feststellen …9 – Am nächsten Tag schwankt das Wetter zwischen Sonnenschein …10 – Am Morgen ist Patrick als Erster auf …11 – Geraldine steht oberhalb des Flusses und sieht Patrick …12 – Auf dem Tisch zwischen Patrick und seiner Mutter …13 – George geht selbst an die Tür. Ralph ist …14 – Willa macht Feuer, schleppt zwei Eimer Wasser an …Sechs1 – 21. Juli, Treaty Day. Gerald Gull ist früh …2 – Willa sitzt am Schlafzimmerfenster der Missionshütte und beobachtet …3 – Aus Xaviers Notizbuch4 – Das Klassenzimmer ist voll. Frauen haben sich auf …5 – Geraldine poltert den Brettersteg entlang. Sie hat Hunger …6 – Die Leute haben die Schule verlassen. Nur Xavier …7 – Nachdem die anderen gegangen sind, sitzt Patrick an …8 – Seit Willa die Versammlung verlassen hat, ist sie …9 – Bis zum Abend hat Patrick Eagle Folgendes getan10 – Es ist fast dunkel. Willa schleppt Wasser vom …11 – 21. Juli12 – Geraldine zieht am Türgriff des Missionshäuschens. Die Tür …13 – Hallo nochmal,Wenn man vom Teufel spricht … Geraldine …14 – Um Mitternacht hängen die Wolken so schwarz und …15 – Nattie Eagle erwacht vom Rauchgeruch. Sie steht auf …16 – Patrick öffnet die Augen. Ein Schmerz durchbohrt seine …17 – Geraldine sieht jemand zu Georges Pumpenhaus laufen …18 – George Kostiuk zieht den Reißverschluss seiner Windjacke zu …Sieben1 – Nach einiger Zeit standen selbst die hohen Berge …2 – Nach Ablauf von sieben Tagen brach die Flut …3 – Noah war ein großer Mann, der ein ordentliches …4 – Aus Xaviers Notizbuch5 – Die Überflutung der Hudson Bay Lowlands erfolgt meist …6 – Xavier Hunter schiebt sich matt durch den Regen …7 – Gerald Gull hatte sich mit seinen vier Dollar …8 – 2 Dosen Tomatensuppe9 – Nattie deutet auf den Stuhl am Fenster …10 – Gerald Gull sitzt auf einem Stuhl in der …11 – Willa ist wieder in ihrer Hütte und hantiert …12 – Bis zum Nachmittag ist Willa mit dem Packen …13 – 22. Juli14 – Geraldine Gull ist drei Meilen hinter der Höhe …15 – 24. Juli 1978. Willa Coyle sitzt in einer …EpilogWorterklärungenMehr über dieses Buch
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»Verschlungen ward der Tod im Sieg.
Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein Stachel?«
1. Korinther 15, 54–55
Für Jackund für die Menschen von Winisk
Winter 1947. Geraldine Bear wartete im Busch auf die Heimkehr ihres Vaters. Bevor er wegging, war Elias Bear in Osnaburgh ein großer Mann gewesen. Häuptling. Er war ein guter Jäger gewesen, und die Leute taten, was er sagte. Das war, als ihre Mutter noch lebte und ihre Brüder da waren. Dann starb ihre Mutter an der Hustenkrankheit, und ihre Brüder gingen fort. Eines Tages kam der Priester und brachte Elias Bear ins Krankenhaus, weil er Blut spuckte. Der Priester wollte Geraldine zur Internatsschule bringen, aber Geraldine floh in den Busch und versteckte sich, bis der Priester fortging.
Jeden Tag, wenn die Dunkelheit vorüber war, erhob sich Geraldine von ihrem Bett in dem Haus, das ihr Großvater gebaut hatte, dem ersten Blockhaus in Osnaburgh, das Moses Bear mit einer Axt und einer Handsäge gezimmert hatte. Jeden Tag stand sie auf, schnallte sich Schneeschuhe an und ging durch den Wald. Wenn sie zum See kam, blieb sie stehen und blickte über das Eis, über die weiße Fläche, die sich weiter, immer weiter erstreckte, weiter als man sehen konnte. Sie stand am Rand der weißen Fläche und wartete darauf, dass etwas auftauchte, ein kleiner Fleck weit draußen auf dem Eis, ein schwarzer Punkt, der sich näherte und dabei immer größer würde.
Tag für Tag stand Geraldine in der Kälte und wartete. Manchmal wartete sie so lang, dass ihre Beine rot wurden und ihre Haare weiß. Sie sah Krähen, schwarze, krächzende Vögel. Sie krächzten und flogen von Baum zu Baum. Sie flogen nicht über das Eis, wirbelten nicht in einem großen schwarzen Kreis herum, wie sie es sonst manchmal taten. Geraldine wartete. Sie wartete, bis ihr Blut dick und langsam wurde, aber kein Fleck tauchte auf. Schließlich wandte sie sich ab und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. An ihrem Bein trug sie eine Messerscheide aus Hirschleder, die ihr ältester Bruder für sie gemacht hatte. In der Tasche ihres Parkas hatte sie eine Schlinge. Sie stapfte auf ihren Schneeschuhen durch den Wald und hielt nach Spitzschwanzhühnern Ausschau. Es musste ein Huhn sein, etwas, das sie von einem Baum holen konnte. Aber es gab keine Hühner. Auch keine Kaninchen oder Eichhörnchen. Selbst die kleinsten Tiere waren verschwunden, als ihr Vater fortging. Die Schlinge blieb in Geraldines Tasche, das Messer in seiner Scheide.
Im Blockhaus angekommen, machte sie Feuer im Ofen. Sie ließ darauf Schnee schmelzen, trank eine Tasse und aß dazu eine Hand voll Mehl. Dann legte sie sich auf das Bett, unter die Felldecke.
Als sie die Augen wieder öffnete, wurde es dunkel. Thomas Skunk stand neben ihr. Der kleine Thomas Skunk mit seinem schmalen Mund und seiner großen Nase, ein Mann nur halb so groß wie Elias Bear. Thomas Skunk öffnete und schloss den Mund. Wörter kamen heraus. Wörter, die sagten, ihr Vater sei tot. Dieser mickrige Thomas Skunk wagte es zu sprechen. Wagte es zu sagen, dass Elias Bear erfroren sei. Wagte es zu sagen, dass er vor dem Krankenhaus in einer Schneewehe schlafend gefunden worden sei. Nackt wie ein Baby bis auf dies, Thomas Skunk streckte die Hand aus: Darin war die rote Baskenmütze, die Elias Bear bei einer Schlägerei einem Weißen abgenommen hatte. Thomas Skunk legte die Mütze auf den Tisch. Der dumme Thomas Skunk, der nie ein guter Jäger, niemals Häuptling gewesen war. Geraldine wollte auf den Mund schlagen, aus dem die Wörter kamen. Diesem Mann die Zähne ausschlagen. Ihm die Wörter in den Rachen zurückstopfen. Komm zu uns, sagte die mickrige Stimme, du kannst meiner Frau helfen. Sie bekommt bald ein Baby.
Geraldine saß auf dem Bett und öffnete ihren Mund weit. Sie brüllte so laut, dass der mickrige Thomas Skunk kehrtmachte und losrannte. Er lief davon, solche Angst hatte er. Als er weg war, legte sich Geraldine wieder aufs Bett und lachte. Sie lachte und lachte.
Als sie am nächsten Tag aufstand, war sie steif und wund, weil sie so lange unter der Felldecke gelegen hatte. Nachdem sie gegessen hatte, schüttete sie den Rest des Mehls in einen Sack und trug ihn hinaus. Sie setzte sich die rote Baskenmütze auf und ging zum Lederbeutel, der neben der Tür hing. Sie zog ein Papierbündel heraus, das vom vielen Auseinander- und Zusammenfalten schmutzig und zerrissen war. Auf dem Papier standen Wörter – Wörter, die sie lesen konnte. Unter den Wörtern war ein Bild des heiligen Medizinbärs mit den Sonnen und Monden im Bauch. Geraldine steckte das Papier tief in die Messerscheide und stopfte einen Strick zu ihrer Schlinge in die Tasche ihres Parkas. Dann legte sie Feuer an das Haus und verließ den Busch.
Stoße diesem Land ein Messer ins Herz, und dein Messer dringt in die Hudson Bay. Schlitze den Grund der Bay auf, rolle die Tundra zurück, und braunes Wasser schießt aus einer offenen Wunde, einem Mund voll mit Reihen scharfkantiger Zähne. Hinter dem Mund ist ein langer, gewundener Fluss, der sich nordwärts windet, vorbei an Tausenden von Seen.
Schnitze mit der Spitze deines scharfen Messers eine kleine Kerbe neben dem Fluss, dort, wo er in die Bay mündet. In dieser Kerbe, diesem Kratzer, manche würden es auch eine Narbe nennen, lebt eine Hand voll Swampy Cree: die Familien Crow, Bird, Gull, Loon, Eagle und Hunter.
Seit Menschengedenken folgte ihr Volk dem Karibu nach Norden und wanderte weiter, bis das Land zu Ende war. Hier am Rande der Tundra bauten sie ihre Tipis auf. Nördlich der Baumgrenze und südlich der Eisberge kauern sie sich wie Schlittenhunde im Sturm zusammen, ihr Herr und Meister die unheilige Dreieinigkeit von Kirche, Regierung und Hudsonʼs-Bay-Laden. Quer durch das Dorf, waagrecht wie ein schmutziger Balken des Kreuzes Christi, führt ein wackliger Brettersteg. Der Priester lebt am einen Ende des Balkens in der Nähe der kleinen Schule, der Ladenbesitzer am anderen Ende. Wahllos dazwischen verstreut stehen Bretterbuden, Hütten, Häuser, ein oder zwei Tipis.
25. Juni 1978. Pater Aulneau geht vorsichtig über den Brettersteg, versucht, nicht auf zerbrochene Holzschwellen zu treten. Er geht zur Glocke, die neben der Kirche auf einer Plattform hängt. Er bewegt den Schwengel, als ob er Wasser pumpe. Die Glocke ertönt und ruft zum nachmittäglichen Katechismusunterricht. Der Klang der Glocke schwingt über die Hütten und Häuser, breitet sich über dem Fluss aus, erhebt sich über den Busch, bis er von der Weite des Wassers und der Tundra verschluckt wird.
Nebenan im Abwassergraben hebt ein verwilderter Hund, der einmal Gerald Gull gehörte, den Kopf und jault. Es ist ein dünnes, klagendes Heulen, herzzerreißend, urzeitlich. Andere Streuner nehmen das Wehklagen auf, dann heulen die Hunde der Crows, dann die Hunde der Birds, der Loons. Die Laute werden den Brettersteg entlang zu den Hunden der Hunters getragen, bis es in einem traurigen Geheul, einem düsteren Missklang, einem Klagelied endet, das ein Dorf zu seinem eigenen Grab geleitet.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Kinder rennen den Brettersteg entlang, hüpfen behände über kaputte Schwellen. Sie bewegen sich mit dünnarmiger, flinker Anmut, Lächeln blitzt in dunkeläugigen Gesichtern. In der Kirche wird es langweilig sein und stickig, aber sie gehen frohgemut hinein, weil sie wissen, dass alle später, nachdem sie zappelnd auf den Holzstühlen gesessen und für den Priester Antworten heruntergeleiert haben, ein Bonbon bekommen, das sie sich in die Backe stecken können.
Geraldine Gull taucht aus dem Busch hinter der Kirche auf. Sie bleibt stehen, lauscht der abgehackten Stimme des Priesters, den eintönigen Antworten der Kinder.
»Seht ihr gern den Sonnenschein?«
Ja, wir sehen gern den Sonnenschein.
»Hört ihr gerne Wasser sprudeln?«
Ja, wir hören gerne Wasser sprudeln.
Geraldine schnaubt. So eine Zeitvergeudung. Die Kinder heute in der Kirche! Sollten lieber im Sonnenschein spielen, statt drüber zu quatschen, auch wenn der Priester ihnen für die Antworten Bonbons zusteckt. Sind eh nicht seine Bonbons. Nazarene Rose, die Haushälterin des Missionshauses, sagt, sie kommen Weihnachten und Ostern von weißen Kirchenfrauen, sie kommen in Tüten, eine für jedes Kind. Der Priester leert die Tüten in eine Schublade in seinem Büro, wo er die blöden Jesus-Kalender aufbewahrt, die er an die Leute verteilt. Einen Teil der Bonbons lutscht er selber. Den Rest gibt er den Kindern dafür, dass sie an einem sonnigen Tag in der Kirche hocken. Das erste Mal seit Wochen ist es sonnig. Den ganzen Frühling über gab es nichts als Regen, Regen, Regen. Und Wind. Viel Wind. Niska ist ein windiger Ort. Vor allem in der Kirche. Weil der Priester ein aufgeblasener Sack ist.
»Schaut ihr gerne Vögel und Tiere an?«
Ja, wir schauen gerne Vögel und Tiere an.
»Spielt ihr gern mit Haustieren?«
Ja, wir spielen gern mit Haustieren.
Dafür sollten sie eine ganze Hand voll Bonbons kriegen. Gibt keine Haustiere hier. Nur Hunde, nichts als ein Bündel Knochen mit Fell dran, die meisten halbe Wölfe, die vergessen haben, wie man jagt, und stattdessen herumlungern und im Abfall wühlen.
»Jetzt wollen wir beten. Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name. Zu uns komme dein Reich. Dein Wille geschehe …«
Geraldine wendet sich angeekelt ab. Auch für eine ganze Kiste voll OʼHenrys-Schokoriegel würde sie sich Seinem Willen nicht beugen. Nicht mal für eine ganze Schiffsladung voll. Weil sie Bescheid weiß. Geraldine Gull ist herumgekommen. Sie weiß, dass es den Menschen anderswo viel besser geht. Auch der Priester weiß es, und trotzdem sagt er den Leuten, wenn sie beten, Gott lieben und in die Kirche gehen, wird alles besser. Was für ein Witz! Der Priester ist weiter nichts als ein einziger, riesiger Furz.
Geraldine hockt in den Büschen, wartet, bis sie die Kinder auf den Schwellen entlanghüpfen hört, bis sie den Priester drinnen hört, das Tapptapp seiner spitzen Schuhe, hin und her auf dem Holzboden, ihn die Tür schließen und über den Brettersteg gehen hört. Nazarene Rose sagt, wenn er nicht rechtzeitig zum Essen kommt, lässt sie es kalt werden. Geraldine kommt aus dem Gebüsch, huscht an der Kirchenmauer entlang und drückt auf die Türklinke. Trottel. Er hat die Tür nicht abgeschlossen, wegen der Abendmesse. Sie findet die Katechismen sauber auf einem Tisch hinter der Tür gestapelt. Geraldine blickt sich nach etwas um, in das sie die Bücher packen kann, aber da ist nichts. Die Kirche ist leer, bis auf die Statuen, Kreuze, Kerzen und Bücher. Es riecht muffig, feucht und stickig. Die Fenster sind zugemalt worden.
Geraldine trägt einen Armvoll Katechismen nach draußen, hinter die Kirche, wo sie die Bücher ins Gebüsch wirft. Als sie die Kirche mit der zweiten Ladung verlässt, schließt sie die Tür hinter sich. Sie will nicht, dass jemand die Tür offen stehen sieht und entdeckt, dass die Bücher fehlen, bevor sie die Sache erledigt hat. Sie trägt die Bücher durch das niedrige Gestrüpp bis an den Rand der Tundra, wo sie sie in das feuchte Gras wirft. Sie versucht, die Bücher offen zu halten, aber die Buchdeckel klappen immer wieder zu, wenn sie sie loslässt. Sie hockt sich hin und hält jedes Buch offen, bis seine Seiten brennen. Dabei verliert sie die Geduld, so dass die letzten Bücher nur an den Rändern versengt werden. Geraldine hört im Gebüsch hinter sich Jungen johlen. Sie haben gegessen und werden jetzt draußen sein, bis es dunkel wird. Geraldine geht einen Pfad entlang, der zum Abwassergraben führt, wo die ärmsten Hütten stehen.
Sie hört die Schläge von Geralds Hammer. Das bedeutet, er hat zu Abend gegessen und arbeitet, bevor er in die Kirche geht. Dummer Mann. Der einzige Mann in Niska, der jeden Tag zur Messe geht. Der einzige Mann, der alles Holz nimmt, das er finden kann, und ein dummes Floß baut. All die Jahre war er zu faul, um ihnen ein Haus oder einen Tisch oder ein Scheißhaus zu bauen. Aber seit ihn die Holy Rollers in Severn zu fassen gekriegt haben, baut Gerald an dem blöden Floß. Und wo wird das Floß hinfahren? Raus in die Bay zum Eis und zu den Eisbären! Wapusk wird übers Eis kommen und den dummen Gerald Gull auffressen. Geraldine lässt sich Zeit, als sie durchs Gebüsch streift; sie macht um den Brettersteg, der nach Abfall und Pisse stinkt, einen Bogen. Sie hat es nicht eilig, zu der Alten, Geralds Mutter, zurückzukehren, die den ganzen Tag vorm Zelt sitzt, kichert und lacht. Arbeitet nicht, redet nicht. Isst nicht, wenn Gerald sie nicht füttert. Es gibt sowieso nur kalten Porridge, Haferbrei. Sie essen Haferbrei, bis die Schecks vom Staat kommen. Der dumme Gerald gibt sein Geld für Nägel aus. Deshalb essen sie Haferbrei, wenn die Stütze aufgebraucht ist. Im Floß stecken so viele Nägel, dass es auf den Grund der Bay sinken wird. Geraldine zieht ihren letzten OʼHenry-Schokoriegel raus, reißt das Papier ab und wirft es ins Gebüsch. Beißt die Hälfte ab. Sie passt auf, dass sie auf der guten Seite kaut, damit der schlechte Zahn nicht wehtut. Die Nüsse knirschen wie Kiefernzapfen, die klebrige Schokolade bedeckt ihre Zunge, macht ihre Spucke schlammig. Morgen, wenn sie im Laden ist, wird sie George wieder eine Hand voll klauen.
Der OʼHenry macht sie nicht satt. Ihr Magen fühlt sich hohl an. Sie dachte, sie würde sich nach dem Verbrennen der Bücher wohler fühlen. Stattdessen ist sie unruhig, fühlt sich unbehaglich. Ihre Haut prickelt, als ob sie von einem Stachelschwein gepiekst würde. Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen. Was sie braucht, ist was zu trinken. Die letzte Flasche hat sie vor zwei Wochen geleert. Außer George ist Morris Mack der Einzige in Niska, der eine Flasche hat. Er hat letzten Monat eine halbe Kiste Rum bekommen. Geraldine sah, wie er dem Piloten an der Piste seinen Scheck überreichte, wie er die Kiste zu seinem Kanu schleppte. Geraldine weiß, dass Morris eine Flasche hat, weil er die letzte immer versteckt, wie ein Hund seinen Knochen. So hat er seine Finger verloren. Er wollte die Flasche ausbuddeln, bevor er daran dachte, die Falle zuschnappen zu lassen. Im Laufe der Jahre hat Geraldine eine Flasche in Morrisʼ Scheißhaus gefunden, eine unter seinem Holzstoß und eine unter der Treppe vor seiner Tür. Früher im Jahr musste sie sich noch richtig ins Zeug legen, um Patrick Eagle zuvorzukommen, aber jetzt, wo Patrick nicht mehr so viel trinkt, hat sie freie Bahn. Geraldine reibt sich den Bauch und überlegt, wo Morris seine letzte Flasche versteckt haben könnte. Vielleicht hat er sie auf eine der Inseln gebracht, aber der Motor seines Kanus ist vor einer Weile kaputtgegangen, also ist das unwahrscheinlich. Sonst hätte er ihn nämlich inzwischen repariert. Vielleicht hat er sie am Flussufer vergraben. Dort hat er schon lange keine mehr versteckt.
Geraldine steht auf und geht den Abwassergraben entlang zum Fluss. Eine graue Hündin mit schlaffen Zitzen läuft hinter ihr her und streicht um ihre Beine. Geraldine gibt ihr einen Tritt. Winselnd trollt sie sich ins Gebüsch.
Der Fluss ist nach den schweren Regenfällen angeschwollen. Die Stufen, die Gerald in die Böschung geschlagen hat, sind bis auf die zwei obersten alle verschwunden. Morris Macks Treppe ist ein Haus weiter. Geraldine schlendert an Morrisʼ Hütte vorbei und späht durchs Fenster. Leer. Elizabeth ist weg, um ihr Baby zu kriegen, und Morris ist drüben bei Henry Sutherland, wo er nach dem Essen immer eine rauchen geht. Geraldine kniet sich hin und tastet nach etwas Hartem auf der Böschung herum. Der Schlamm ist so weich, dass er ins Wasser rutscht. Hier konnte Morris keine Flasche verstecken. Die würde nämlich mit Sicherheit im Fluss landen. Geraldine geht zur Hütte zurück, setzt sich auf die Holztreppe und langt auf beiden Seiten darunter. Nichts. Dann kriecht sie auf allen vieren unter die Hütte und steckt die Finger in die Hohlräume des Holzstoßes. Keine Flasche. Auch nicht viel Holz. Sie legt sich auf den Rücken und starrt zu den Balken hoch. Nur Georges Haus und die Mission haben ein Fundament, alle anderen Häuser in Niska sitzen auf Pfählen und Balken, die sich die Leute auf dem Luftwaffenstützpunkt organisierten, als dieser vor zwölf Jahren aufgelöst wurde.
Auch die Fenster und die Aluminiumverkleidung stammen von dort. Geraldine streckt die Hand aus und tastet an jedem Balken zwischen den Fußbodenträgern entlang, wo eine Öffnung groß genug für eine Flasche ist. Geraldine erforscht den zweiten Balken und stößt auf pures Gold! Sie zieht die Flasche raus. Lambʼs Navy Rum. Voll. Große Flasche. Hurra! Heute ist ihr Glückstag. Sie drückt die Flasche an sich und windet sich unter der Hütte hervor. Nachdem sie wieder auf den Beinen ist, versteckt sie die Flasche unter ihrer Jacke und flitzt durch den Busch. Sie benützt nicht den Steg, macht einen Bogen um Hütten und Kinder, die im Schlamm spielen. Sie läuft weiter, bis sich der Busch lichtet und vereinzelte Fichtengrüppchen wie Inseln in der Tundra stehen. Geraldine läuft, bis sie zu einer der größeren Inseln kommt. Sie stapft durch Preiselbeergestrüpp und kriecht unter die größte Fichte. Der Baum ist verkrüppelt, reicht ihr aber über den Kopf. Wenn sie sitzt, spürt sie das nasse Moos unter den Schenkeln. Sie zieht das Messer aus seiner Scheide und schneidet die unteren Zweige ab, um sich daraus ein Lager zu machen. Sie sitzt auf den Zweigen, schraubt die Kappe ab, hebt die Flasche und schluckt. Der Rum läuft ihr durch den Rachen und brennt, als er ihren Magen erreicht. Ihr Körper, der nach Alkohol gierte, schaudert. Ihre Arme und Beine zittern vor Freude und Befriedigung.
Diesem Priester hat sie gezeigt, wer hier in der Gegend der Boss ist! Er hatte ihr nicht erlaubt, Alexander auf dem Friedhof zu begraben. Er sagte, die Kirche würde es nicht zulassen, nicht nach dem, was Alexander sich angetan hatte. Der Priester ist dumm. Er weiß gar nichts über Alexander. Er weiß nichts über Geraldine Gull. Das ganze Jahr lang hat sie ihn verfolgt, ihn erschreckt, wenn er für seine blöden Bilder Blumen pflückte, hat während der Messe vor der Kirche gebrüllt und Steine gegen sein Schlafzimmerfenster geschmissen. Von heute an wird er wissen, was sie von seiner Kirche hält. Geraldine nimmt noch einen Schluck. Der Friedhof ist ihr egal. Sie will Alexander hier gar nicht mehr haben. Dieser Ort stinkt. Der Friedhof, das Dorf, die Leute stinken. Die Leute hier sind Kröten. Es sind verschlafene Cree, die im Sumpf stecken geblieben sind. Sie bleibt nur hier, bis sie weiß, was sie mit den Bildern anfangen soll. Sie hat was vor mit den Bildern. Was Großes. Etwas, wovon diese verschlafenen Kröten nichts ahnen. Geraldine trinkt, der Rum betäubt ihren Hals, wird in ihrem Magen zu einem flüssigen Ofen, wärmt das Blut, das durch ihre Adern fließt. Allmählich breitet sich die betäubende Wärme bis in ihr Gehirn aus. Geraldine vergisst den Priester, die Bilder, Alexander. Sie liegt, alle viere von sich gestreckt, auf den Fichtenzweigen und schließt die Augen. Die Flasche, halb leer, gleitet ihr aus der Hand. Geraldine hört den Klang nicht, der über ihrem Kopf schwingt, als der Priester die Glocke zur Abendmesse läutet. Sie hört nicht den klagenden Chor der Hunde, den klagenden Gesang des Priesters, der die Leute durch den Gottesdienst geleitet.
Lamm Gottes,
das du die Sünden der Welt auf dich nimmst,
erbarme dich unser.
Gib uns den Frieden.
Geraldine schnarcht, während sich ein Stimmengewirr erhebt, das durch den Busch hallt: das quäkende Geschrei der Jungen, die Pater Aulneau die halb verbrannten Bücher zeigen, die hohe, weibische Stimme des Priesters, der die Bücher dem Dorfhäuptling zeigt, das wütende Stimmengewirr der Frauen, die sich versammeln und anklagen und verdammen.
In Niska gibt es zwei Indianer-Polizisten: Luke Hunter und Francis Crow. Keiner von beiden trägt eine Uniform oder ein Abzeichen. Polizisten sind für Niska etwas Neues. Der Stammesrat hat in einer Abstimmung beschlossen, es erst einmal so zu probieren, bevor man sich für Uniformen und einen Kurs in der Polizeischule entschließt. Erst will man sehen, wie es läuft.
Die beiden jungen Männer, die durch die Tundra auf Geraldine zugehen, tragen karierte Hemden und Jeans. Luke hat ein Gewehr, Francis die Handschellen, gestiftet von der Polizei der Provinz Ontario. Für Männer, die Kaninchen und Rotwild auf der Spur waren, ist es leicht, Geraldines Fährte zu verfolgen, vor allem weil sie nichts getan hat, um sie zu verwischen. Es ist leicht herauszufinden, wer die Katechismen verbrannt hat. Geraldine Gull ist die Einzige in Niska, die solche Sachen macht. Hauptsächlich ihretwegen gibt es die Indianer-Polizei. Ohne sie hätten die Polizisten wenig zu tun. Solange der Stammesrat nicht für ein trockenes Reservat stimmt, kann man niemand daran hindern, Alkohol einzufliegen. Der Rat meint, wenn man keinen Alkohol mehr reinlässt, werden die Leute Benzin und Lysol schnüffeln.
Die Polizisten kommen sich albern vor, Geraldine hier draußen aufzulesen. Falls der Priester keine Anzeige erstattet, verschwenden sie ihre Zeit, wenn sie sie einsperren. Sie tun es nur, weil der Häuptling, Lukes Vater, sagt, sie müssten Geraldine zeigen, dass sie nicht allen auf der Nase herumtanzen kann und immer nur machen, was sie will. Sie müssten ihr zeigen, dass der Stamm nicht alles hinnimmt. Als sich Luke und Francis der Fichteninsel nähern, verlangsamen sie ihre Schritte und treten leise auf. Geraldine ist gefährlich. Sie ist schlau wie ein Fuchs, unberechenbar wie ein Bär und wild wie eine Wölfin. Jeder weiß, dass sie ihrem Mann die Stirn mit einer zerbrochenen Flasche aufgeschlitzt hat. Jeder weiß, dass sie ein Messer ans Bein geschnallt hat. Keiner von beiden würde diesen Job allein erledigen.
Als sie bei den Preiselbeeren ankommen, hören sie Geraldine schnarchen. Luke grinst und hebt das Gewehr.
Geraldine wacht auf und hat einen Gewehrlauf zwischen den Augen. Sie ignoriert die Waffe, wälzt sich auf die Seite und erbricht sich über den Zweigen. Sie hätte noch etwas anderes essen sollen, nicht nur den OʼHenry-Schokoriegel, bevor sie mit dem Rum anfing. Sie langt nach der Flasche, aber Luke hat sie schon aufgehoben. Er gestikuliert mit der Flasche, und Francis lässt eine Handschelle um Geraldines Handgelenk zuschnappen.
Geraldine kommt schwankend auf die Füße und stolpert durch die Fichten hinter Francis her. Luke folgt ihnen mit der Flasche und dem Gewehr. Keiner sagt etwas. Geraldine weiß, sie bringen sie ins Schulhaus. Das haben sie schon mal gemacht. Dort schaffen sie einen hin, bis die Polizei der Provinz Ontario kommt und einen nach Cochrane bringt, wo der Richter einen ins Gefängnis steckt. Aber die Polizei wird nicht kommen. Der Priester wird die Polizei nicht rufen. Er wird einen Riesenwirbel machen und herumhopsen, als ob er eine Maus in der Hose hätte. Dann wird er mithilfe dieser dummen Bücher beten. Der Priester ist ein Schlappschwanz. Er wird weiter nichts unternehmen. Geraldine folgt den Polizisten, weil das Schulhaus warm und trocken ist. Die Fichtenzweige sind feucht, und ihre Knochen tun weh, weil sie darauf geschlafen hat. Wenn diese Jungs richtige Polizisten wären, würde sie ihnen die Sache schwer machen, aber Luke und Francis tun nur so, als ob. Sie machen den Priester zur Witzfigur. Geraldine lacht nicht. Ihr geht es gar nicht gut. Sie beugt sich vornüber und kotzt ins Gras.
Als sie zum Rand des Busches kommen, laufen ihnen fünf Jungen entgegen. Sie wollten der verrückten Ojibwa-Frau schlimme Wörter zubrüllen, weil sie wissen, dass ihre Mütter sie nicht dafür bestrafen würden, aber als sie Geraldine, riesig und mit finsterer Miene, sehen, senken sie ihre Blicke, gehen schweigend im Gänsemarsch hinter ihnen her und schlagen mit Stöcken auf die Weiden. Ein Grüppchen von Frauen steht vor der Kirche. Lucy und Mary Bird, Denise Wabano, Josephine Loon und Betsy Bluecoat schimpfen laut und wütend. Als sie sehen, dass Geraldine die Treppe zum Schulhaus hinaufgeführt wird, das neben der Kirche steht, wenden sie ihre Blicke ab und drehen ihr den Rücken zu.
Im Schulhaus öffnet Francis die Handschelle an seinem Handgelenk und lässt sie an der Lehne des Lehrerstuhls wieder einschnappen, weil das Tischbein für die Handschelle zu dick ist. Geraldine dreht den Stuhl zur Seite, winkelt ihren freien Arm auf dem Tisch an, legt den Kopf drauf und schläft ein. Luke übernimmt die erste Schicht. Er setzt sich hinten auf ein Pult. Weil es Ende Juni ist, sind die Tische leer, die Bücher und Hefte weggeräumt. Der Lehrer, Patrick Eagle, hat die Landkarten und Bilder von den Wänden genommen und in den Schrank gelegt, also ist nichts zum Anschauen im Zimmer.
Luke starrt aus dem Fenster auf den aufgehenden Mond. Es wird dunkel. Geraldine schnarcht. Einmal wacht sie auf, um in den Papierkorb zu speien. Dann verlangt sie Wasser. In der Schule gibt es kein fließendes Wasser. Also geht Luke nach Hause und bringt einen Becher Wasser aus dem Eimer. Geraldine trinkt und schläft wieder ein.
Um Mitternacht wird Luke von Francis abgelöst. Er setzt sich auf den Tisch und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, um sich wachzuhalten. Nach zwei Stunden geht er heim ins Bett. Es ist sinnlos, hier herumzusitzen. Geraldine kann nirgends hingehen. Morgen wird sie wahrscheinlich sowieso wieder freigelassen. Francis rutscht lautlos vom Tisch und geht zur Tür. Das einzige Geräusch, das er macht, ist das Klicken des Schlosses, als er den Schlüssel umdreht.
Geraldine hört das Klicken. Sie hebt den Kopf und schaut sich um. Da das Mondlicht ins Zimmer strömt, kann sie die Tische und Fenster erkennen. Geraldine hebt den Stuhl hoch und trägt ihn zu einem Fenster an der Rückwand. Mit der freien Hand öffnet sie das Fenster und schiebt, den Stuhl vor sich haltend, erst das eine Bein, dann das andere über das Fensterbrett. Den Stuhl hält sie so hoch, wie sie kann. Sie fällt vorwärts ins Gras. Die Stuhllehne ruckt hoch und trifft sie am Kinn. Geraldine flucht, packt den Stuhl, verschwindet im Gebüsch hinter der Schule und folgt dem Pfad zum Abwassergraben. Um diese Zeit ist niemand draußen, aber der Brettersteg knarrt, deshalb bleibt sie auf dem Pfad. Als sie zum Graben kommt, geht Geraldine über die Planken, die Gerald darüber gelegt hat, und betritt das Holzdeck. Sie hebt die Zeltbahn auf dem Deck und tastet in dem Werkzeughaufen herum, bis sie eine Säge findet. Sie gehört zu den Sachen, die sie George gestohlen hat. Geraldine sitzt auf einem Stoß Bretter und sägt ein Stück der Stuhllehne heraus. Die alte Martha wird bestimmt aufwachen, weil sie draußen schläft, aber sie wird denken, dass es Gerald ist. Geraldine braucht nicht lange. Die Handschelle rutscht von der Lehne. Geraldine steht auf. Das Schloss wird sie morgen früh knacken. Jetzt ist es zu dunkel. Geraldine klettert die Leiter hinunter in den Raum, den Gerald unter Deck gebaut hat, und kriecht auf die Matratze neben ihren Mann. Sie grinst ins Dunkel. Wenn die Polizisten anfangen nach ihr zu suchen, werden sie nicht hierherkommen. Im Bett bei Gerald Gull würden sie sie zuallerletzt suchen.
26. Juni. Wenn du an Bord eines Zehnplätzers nach Niska fliegst, sieht das Dorf nicht mehr wie eine kleine Kerbe auf einer Luftaufnahme aus 700 Meter Höhe aus. Die Otter fliegt niedrig. Du blickst hinunter und siehst, dass am Rand des Flussufers ein breiter Einschnitt gemacht wurde, der danach ungeschickt wieder zusammengeflickt worden ist. Am einen und anderen Ende der Narbe stecken wie weißköpfige Stecknadeln der Laden und die Kirche. Dazwischen liegen braune und graue Flicken, die Schuppen und Hütten, in denen die Swampy Cree leben. Ein paar Leute kommen aus ihren Häusern und schauen zum Flugzeug hoch, wenn der Pilot das Dorf überfliegt.
In Niska leben 102 Indianer, 103, wenn man den weiblichen Passagier mitzählt, der neben Willa Coyle an Bord der Otter sitzt. Offiziell sind 223 Bewohner registriert, aber die Hälfte davon lebt anderswo. Einige haben in andere Stammesgruppen, so genannte Bands, eingeheiratet und leben in anderen Reservaten. Einige haben weiße Männer geheiratet und leben in kleinen und großen Städten im Süden; diese Frauen haben ihren Status verloren und dürfen nur noch besuchsweise ins Reservat zurückkehren. Einige leben auf den Straßen der Städte. Vielleicht habt ihr Gabriel Hunter auf der Seventh Avenue in Calgary gesehen, wie er versuchte, seinen Cowboyhut für eine Flasche billigen Wein zu verkaufen. Oder vielleicht habt ihr Marie Crow gesehen, als sie um vier Uhr früh in Winnipeg vor der McLaren-Bar kauerte. Die Anwälte, Lehrer und Sozialarbeiter in diesen Städten, Indianer, die, wenn sie Anzüge und auf Hochglanz gewienerte Schuhe tragen, problemlos an jedem Portier vorbeikommen, werden euch dagegen nicht auffallen. Es gibt 107 Hunde in Niska, also vier mehr als Menschen. Viele von diesen Streunern stammen noch aus der Zeit, als Hunde benutzt wurden, um im Winter Schlitten zu den Fallen, den Traplines, zu ziehen. Jetzt benutzen die Leute Motorschlitten – Skidoos. Häuptling Xavier Hunter ist der Einzige im Dorf, der noch mit einem Hundeteam fährt.
Niska ist auf den Landkarten der Regierung ein winziger Punkt, auf touristischen Karten ein weißer Fleck, ein vergessenes Kaff, ein Fehler. Um die Jahrhundertwende baute eine kleine Gruppe nomadischer Jäger hier, wo sich das Karibu aufhielt und sie im Winter ihre Fallen auslegten, ihre Tipis auf. Sie waren eine Gemeinschaft – eine Gruppe von Familien, die meist keinen Häuptling brauchten. Sie waren hervorragende Jäger, was der Hudsonʼs Bay Company nicht entging. Ein kleiner Außenposten wurde errichtet, in dem Mehl, Whisky, Stoffe, Stahlfallen und Gewehre gegen Felle eingetauscht wurden. Bald danach traf – mit knappem Vorsprung vor den Anglikanern – ein katholischer Missionar ein. Das Karibu verschwand. Die Fallen blieben leer. Es gab nicht mehr so viele Felle zum Tauschen. Die Menschen hungerten, erkrankten an Tuberkulose. In ihrer Verzweiflung baten sie um die Unterzeichnung eines Abkommens, Treaty Number 9.
Von Zeit zu Zeit wurden Briefe und Gesuche, die der Priester oder der Ladenbesitzer oder ein Polizist der Royal Canadian Mounted Police im Namen des Häuptlings schrieben, an die verschiedenen Distriktkommissare geschickt.
Von Häuptling Albert Stoney aus Big Trout Lake: Die Jagd geht immer mehr zurück, und nur davon können wir leben. Wir fürchten im Winter wie im Sommer zu verhungern. Wir haben geduldig auf eine Antwort von der Regierung gewartet. Seit Jahren ist kein Beamter der Regierung zu uns gekommen, und niemand reagiert auf unser Gesuch.
David Moonias aus Sandy Lake diktierte diesen Brief, als er in West Selkirk, Manitoba, im Krankenhaus lag: In unserer Band leben etwa 200 Menschen, viele davon Witwen in Not, die sobald wie möglich Hilfe brauchen. Die Jagd ist das Einzige, wovon wir leben können. Wir helfen einander, aber es ist nicht genug. Viele Leute sterben. Unsere Kinder bleiben nicht am Leben. Die Menschen haben auf eine Entscheidung der Regierung gewartet und können nicht länger warten.
Von Isaiah Bighead, Weagamow: Mein Vater, ich grüße euch, den Minister, Department of Indian Affairs, mit einem guten Herzen im Elend. Ich schreibe, um euch um einen Gefallen zu bitten, da wir in großer Not sind. Wir sind nicht so stark wie die Weißen. Unter uns herrscht immer Krankheit. Bitte, Vater, hört unser Gebet und gebt uns, worum wir bitten.
1912 schickte der Distriktkommissar Archibald MacKay, nachdem er das Gebiet nördlich des Albany River besucht hatte, ein Memorandum an den Vizegouverneur von Ontario, Sir John Morison Gibson, in dem unter anderem Folgendes stand: Soweit ich unterrichtet bin, wird der Bau einer Eisenbahnlinie durch diesen Distrikt nicht in Erwägung gezogen. Ich glaube nicht, dass es hier nennenswerte Siedlungen gibt, und größere Bergbauunternehmen sind nicht weiter nördlich als bis zum Albany River vorangetrieben worden. Aus diesem Grunde glaube ich nicht, dass in diesem Distrikt in naher Zukunft mit einer Zunahme von Siedlern zu rechnen ist, und deshalb sehe ich keinen Grund, warum sofortige Schritte unternommen werden sollten, um das Abkommen auf Indianer, die diese Landesteile bewohnen, auszudehnen.
Schließlich war die Regierung aber doch bereit, mit den Bands nördlich des Albany River Treaty Number 9 abzuschließen. Als Entgelt für ihr Land erhielten die Indianer Stoffballen, Tee und Säcke mit Zucker und Mehl. Im Jahr, in dem die Swampy Cree von Niska dem Abkommen beitraten – 1929 – , zahlte die Regierung der Band 1325,13 Dollar als Unterstützung.
Als Treaty Number 9 in Attawapiskat unterzeichnet wurde, kam ein junger Mann mit wilden Augen und mit einer Hirschlederhose bekleidet aus dem Busch gerannt. Nachdem sein Name, Charles Wabinoo, in der Auszahlungsliste gefunden wurde, erhielt er vier Ein-Dollar-Scheine. Als er die knisternden neuen Scheine vom Distriktkommissar entgegennahm, hielt er das Kruzifix an seiner Brust in die Höhe, küsste es und sagte: »Aus tiefstem Herzen danke ich dir!«
Willa Coyle hat den vordersten Platz hinter dem Piloten. Die andere Passagierin, eine breitschultrige, massige Frau, schläft auf dem Sitz neben der Tür, wo keine Fenster sind. Willa hat kein Auge zugetan, seit das Flugzeug von Timmins abgeflogen ist, obwohl sie schon um fünf Uhr auf war, um den Frühflug von Ottawa zu erwischen. Ans Fenster gepresst hat sie die Route des Flugzeugs verfolgt, das dem großen Fluss nach Norden folgte. Der Fluss war breit und zog sich in ausgedehnten Serpentinen, die wie Fischschuppen in der Sonne glitzerten, durch die Tundra. Er sah aus wie eine riesige Schlange, deren gähnendes Maul sich in die Hudson Bay entleerte.
Der Pilot überfliegt noch einmal das Dorf und steuert die Piste an der Mündung des Flusses an. Willa blickt über den kalten blauen Wasserstreifen, auf die schmutzigen Eisschollen, die stumpf und kompakt in der Bay schwimmen. Willa wundert sich über das Eis. Sie wusste, dass sie hier Eis vorfinden würde, dachte aber nicht an so viel. Sie hatte geglaubt, dass Ende Juni das meiste geschmolzen wäre.
Das Flugzeug fliegt in geringer Höhe über dem Fluss. Von nah besehen ist das Wasser dunkel, schwärzlich in der Mitte und teefarben am Rand. Felsbrocken ragen heraus, Reihen scharfkantiger Zähne. Der Fluss sieht anders aus als auf den Bildern, die Willa gesehen hat. Dick Simpsons Fotos zeigten einen flachen grauen Fluss mit regloser Oberfläche, einer Oberfläche, die einen schlammigen Grund, einen harmlosen, unsichtbaren Grund bedeckt, auf dem sich Karpfenfische und Welse durchfressen. Willa hatte nicht erwartet, einen Grund zu sehen, aus dem scharfe Zähne ragen, einer, der darauf wartet, dass dieses schmächtige Flugzeug aus dem Himmel und zwischen die gewaltigen offenen Kiefer fällt. Willa ist noch nie zuvor mit einem zweimotorigen Propellerflugzeug geflogen. Es ist mit dem neuesten Komfort ausgestattet, mit Leselampen und tweedbezogenen Sitzen. Aber sie fühlt sich trotzdem verletzlich, als ob das Flugzeug plötzlich in das dunkle Wasser stürzen könnte. Sie kann hören, wie die Steinzähne die Flügel abbrechen, wie die Motoren – pflopp pflopp – in den unterirdischen Bauch fallen.
Als Willa hinunterblickt, sieht sie, dass Eisbrocken sich gelöst haben und wie Flocken weißer Farbe in die Flussmündung treiben. Die Flussmündung ist breit, ein bis zwei Meilen vielleicht. Schwer abzuschätzen von hier oben. Inseln, Dutzende von Inseln, liegen in der Mündung. Sie sind unterschiedlich groß und bestehen aus grauen Felsen und grünen Weiden. Willa hat auch von diesen Inseln Fotos gesehen. Dick Simpson hat viele Aufnahmen hier oben gemacht – nicht nur von den Inseln, auch vom Dorf und vom Wildgans-Camp, wo Jäger Gänse an den Hälsen hochhalten. Willas Job war es gewesen, die Fotos zu sortieren und zehn davon auszuwählen, die zu den glühenden Beschreibungen passten, die Dick über das Camp verfasst hatte, um es als Gänsejagdparadies anzupreisen. Willa hatte nicht nur die Broschüre gestaltet, sondern auch das meiste von Dicks schwerfälliger und ungeschickter Prosa umgeschrieben. Willa hat das fertige Produkt noch nicht gesehen. Dick sagte, er würde die Broschüren vom Drucker holen und ihr ein paar Dutzend zuschicken, damit die Leute in Niska sie am Treaty Day in Händen hätten.
Das Flugzeug neigt sich in der Kurve der Piste entgegen. Willa umklammert die Armlehnen, als es holprig aufsetzt und die Landebahn entlangrollt. Der Kopilot, ein dynamischer junger Mann in Willas Alter, also Mitte zwanzig, geht durch den Gang und öffnet die Tür.
»Zeit zum Aussteigen, Elizabeth«, sagt er zu der anderen Frau.
Sie wacht auf und lächelt ihn an.
Als Willa durch den Gang geht, schaut sie ihr ins Gesicht. Die Züge sind leicht mongoloid. Willa nimmt ihre Reisetasche und ihre Mappe und folgt der Frau die Treppe hinunter. Als sie auf dem geteerten Rollfeld steht, reicht ihr der Kopilot Rucksack, Karton und Koffer. Der Koffer rutscht Willa aus der Hand und landet auf ihrem Fuß. Willa trägt Wanderstiefel, Jeans und einen roten Anorak.
Nachdem sie sich mit ihren Sachen aus der Reichweite der Flügel entfernt hat, blickt sie sich um. Die Einsamkeit des Ortes trifft sie wie ein Schlag. Bis auf die alten Baracken, das Rollfeld, das Flugzeug, die andere Frau und sie selbst ist die Landschaft leer. Der Pilot steigt gar nicht erst aus. Der Kopilot schleppt die Fracht selbst aus dem Flugzeug – sechs Kartons, die er am Pistenrand absetzt.
»Er soll sich gefälligst beeilen«, sagt er zu Willa. »Wir müssen in Severn noch ein Kind mit einem geplatzten Blinddarm abholen und ins Krankenhaus schaffen.«
»Warten sie auf Patrick Eagle?« fragt Willa. Patrick Eagle ist derjenige, der sie angeheuert hat. Dick Simpson, der den Vertrag ausgehandelt hatte, sagte, Mr. Eagle würde sie wahrscheinlich abholen.
»Nein«, sagt der Kopilot. »Ich warte auf Ralph. Er arbeitet für die Bay Company.« Er deutet auf die Kartons. »Er holt immer die Lebensmittel und die Post ab. Meistens wartet er hier auf uns, aber heute sind wir ein paar Minuten früher da als sonst.« Er schaut Willa an und fragt: »Sind Sie Krankenschwester?«
Willa lacht. »Nein. Warum?«
Der Kopilot zuckt mit den Achseln. »Krankenschwestern sind die einzigen weißen Frauen, die wir hier raufbringen. Ein- oder zweimal haben wir eine Zahnärztin mitgebracht.«
»Ich bin Malerin«, sagt Willa. »Ich soll den Kindern in Niska die nächsten sechs Wochen Kunstunterricht geben.«
Der Kopilot pfeift durch die Zähne. »Echt? Das sieht ja schwer nach Fortschritt aus.« Er wirft einen Blick aufs Flugzeug. »Einen Moment.«
Er steigt in die Maschine und kehrt Augenblicke später mit einer kleinen Plastiktüte zurück. »Hören Sie – Ralph wird bald kommen. Er hat uns über dem Dorf gehört. Können Sie ihm die Post geben?«
Willa deutet mit einem Kopfnicken auf die Frau namens Elizabeth, die am Pistenrand entlanggeht.
»Ihr kann ich sie nicht geben«, sagt der Kopilot. »Sie ist nicht ganz da.«
»Gut, ich nehm die Post«, sagt Willa. Sie steckt sie in ihre Reisetasche.
Der Kopilot klettert die Leiter hoch, zieht die Tür zu, und das Flugzeug rollt über die Piste.
Nachdem das Flugzeug abgehoben hat, hört Willa in der Ferne ein Motorboot. Während sie auf das Boot wartet, geht sie zu den Baracken und guckt durch die Fenster. Sie sieht zwei große Küchenherde, Schränke, einen Tisch in der Mitte mit einem Hackblock als Tischplatte. Vier Fenster weiter sieht sie lange Zeichentische, auf denen Wachstücher liegen. Darunter stehen metallene Klappstühle. Das ist der Speisesaal. Wirklich paradiesisch. Sie geht um das Gebäude auf die andere Seite, wo der Generator untergebracht ist, und blickt dort durch die Fenster. Was sie sieht, hat schon eher mit Dicks Aufnahmen Ähnlichkeit. Sie sieht Ledersessel, Polstersofas, Couchtische, eine Bar. Der Aufenthaltsraum der Jäger, der alte Speisesaal. Sie erkennt ihn wieder. Das Foto zeigte Jäger in Islandpullovern und Wollsocken, die halb volle Gläser in den Händen hielten und strahlten.
Willa geht zum Rollfeld zurück und sieht einen blonden Mann in Gummistiefeln und Anorak, der einen rostigen Gabelstapler über die raue Bahn schiebt. Als er näher kommt, merkt Willa, dass er fast noch ein Kind ist, kaum zwanzig. Sein Gesicht ist glatt, unrasiert.
»Sie müssen Ralph sein«, sagt Willa.
»Sind Sie die Kunstlehrerin?« fragt er.
»Ja.« Willa reicht ihm die Post. »Der Kopilot bat mich, Ihnen das zu geben.«
Ralph nimmt das Päckchen und steckt es in seinen Anorak, dessen Reißverschluss er hochzieht.
»Patrick Eagle hat mir gesagt, ich soll Sie rüberbringen«, sagt er.
Er hebt die Kartons auf den Gabelstapler, stellt ihr Gepäck oben drauf, und dann fahren sie los, über das rissige, holprige Pflaster.
»Sind Sie schon lange hier?« fragt Willa, um ein Gespräch anzufangen.
»Acht Monate.«
»Wie gefällt es Ihnen?«
»Es ist halt so ein Job.« Nach ein paar Minuten setzt er hinzu: »Nicht viel los hier. Kein Fernsehen, nichts. Im Winter fährt man mit dem Motorschlitten rum.«
Das Boot der Hudson Bay Company und ist grün gestrichen, mit einem gelben Längsstreifen entlang der Wasserlinie. Es ist das größte Boot in Niska und wird zum Transport von Vorräten von der Piste zum Laden benutzt. Die Indianer haben Kanus mit Außenbordmotoren, mit denen sie flussaufwärts zum Jagen und Fischen fahren und Feuerholz holen.
Elizabeth sitzt schon im Bug, die Beine gespreizt, die Hände locker über ihrem Baumwollrock gefaltet. Sie hat glatte Haare, die wie bei einer japanischen Puppe kurz geschnitten sind. Ihre Unterlippe ist vorgeschoben. Elizabeth sieht wie ein widerspenstiges, trotziges Kind aus.
Ralph lädt die Kartons und das Gepäck in die Mitte des Bootes. Willa sitzt vor Elizabeth, Ralph ihr gegenüber. Sie sieht ihm zu, wie er an der Anlassschnur zieht, das Boot rückwärts manövriert und über die Flussmündung steuert. Die Flussmündung ist viel breiter, als es vom Flugzeug aus den Anschein hatte. Hier unten ist sie wie ein See, bewegt wie das Meer. Auf der bläulichen Oberfläche wirbelt Schaum. Das Wasser brandet unruhig hoch, schließt gierig und rasch den weißen Schnitt, den das Boot gemacht hat. Auf beiden Seiten des Flusses sind Inseln mit niedrigen Weiden, die aus den Felsen zu wachsen scheinen. Während sich das Boot stromaufwärts gegen die Strömung schiebt, rücken die Inseln wie Hecken immer näher. Willa sieht die Felsen, die vom Grund emporragen. Hier ist das Wasser dunkler, fast schwarz. Sie fahren durch einen Kanal. Der Kanal schlängelt sich zwischen Felsspitzen, und Ralph muss im Zickzack fahren, den Motor aber aufgedreht lassen, um dem starken Sog der Strömung entgegenzuwirken. Je tiefer sie ins Labyrinth der Inseln gelangen, desto mehr meint Willa, in einen Irrgarten ohne Ausweg zu fahren. Die Bootsfahrt kommt ihr gefährlicher vor als der Flug. Eine dieser Spitzen könnte ein Loch in den Boden reißen. Dann würden sie untergehen. Sie taucht einen Finger ins Wasser – eiskalt. Sie würden darin nicht lange überleben.
Sie verlassen den Kanal, und der Fluss wird breiter. Ralph lässt den Motor auf Hochtouren laufen. Das Boot hopst übers Wasser. Gischt spritzt gegen die Seiten. Willa blickt über ihre Schulter, und dort – am Rand des Tundramoors – stehen die Häuser, die sie vom Flugzeug aus gesehen hat.
Ralph drosselt den Motor. Willa sieht eine Reihe von Leuten, die auf das Boot herabblicken. Die Leute stehen in drei Gruppen beieinander: Männer auf der einen Seite einer Holztreppe, die die Böschung hinaufführt, Frauen auf der anderen Seite, Kinder dazwischen. Die Männer tragen verblichene grüne Hosen und karierte Jacken, die locker an ihrem Körper hängen. Die Frauen sind kräftiger, haben aber dünne Beine. Sie tragen Röcke mit Blumenmustern, Strickjacken und grellbunte Kopftücher. Die Kinder haben Jeans, T-Shirts und Turnschuhe an. Wohl an die dreißig Menschen stehen dort oben. Sie beobachten sie ernst, mit großen Augen.
»Empfangen die Leute das Boot jedes Mal?« fragt Willa.
»Ein halbes Dutzend ist immer da«, sagt Ralph. »Einige sind hier, um Elizabeth zu begrüßen. Die meisten sind gekommen, um Sie zu sehen.« Er steht auf und wirft einem der Männer ein Tau zu. Dann sagt er: »Sie sehen nicht viele Weiße, vor allem keine Frau mit roten Haaren.«
Willa hat karottenrotes Haar, das so kraus und dick ist, dass es an beiden Seiten mit Spangen gezähmt werden muss. Ihr sommersprossiger Teint ist durchsichtig wie Zwiebelschalen. Sie wirft sich den Rucksack über die Schulter und nimmt Reisetasche und Mappe auf.
»Steigen Sie zuerst aus«, sagt Ralph. »Ich bringe Ihnen den Koffer hoch.«
Elizabeth ist bereits an Land, und eine große, massige Frau, die eine rote Baskenmütze trägt, klopft ihr auf den Rücken.
Als Willa aus dem Boot klettert, verrutscht der Rucksack, und sie verliert das Gleichgewicht. Da es keine Reling gibt, an der sie sich festhalten kann, fällt sie beinah ins Wasser. Eine Frau kichert. Willa findet ihren Halt wieder und betritt den Damm. Sie richtet sich auf und blickt in die Männergruppe. Sie erwartet, dass einer vortritt und sich als Patrick Eagle zu erkennen gibt. Aber die Männer starren sie unbewegt an. Keiner rührt sich.
Die Frau mit der roten Baskenmütze reißt sich von Elizabeth los und kommt auf Willa zu. Sie ist größer als Willa und hat ein breites Gesicht, eine Hakennase und lange Zöpfe. Willa nimmt an, dass ihr die Frau etwas Freundliches zur Begrüßung sagen will, vielleicht wachiyi, was, wie Dick sagte, »Hallo« und »Auf Wiedersehen« bedeutet. Aber die Frau lächelt nicht. Sie macht ein finsteres Gesicht. Ihre Augen blitzen böse.
Willa erkennt zu spät, dass sie wütend ist. Sie kann keinen Schritt zurücktreten, ohne ins Wasser zu fallen. Die Frau baut sich vor Willa auf, hebt die Hand und schlägt Willa ins Gesicht. Klatsch. Hart. Die Brille fliegt ihr von der Nase ins Gras. Die Mappe rutscht zu Boden.
»Hau ab«, keift die Frau. »Geh zurück, wo du hergekommen bist! Wir wollen dich hier nicht haben!« Sie schiebt ihr hässliches Gesicht nah an Willas heran, so dass Willa ihren sauren Atem riechen kann. »Kapiert?« Die Frau dreht sich auf dem Absatz ihres Stiefels um, packt Elizabeth am Arm und führt sie weg.
Ralph lässt Willas Koffer ins Gras fallen und rennt der Frau hinterher.
»Alte Schlampe!« brüllt er. Seine Schüchternheit ist verflogen. »Das wirst du büßen!« Sie lacht und rennt los.
Willa steht auf dem Deich, hält sich die Wange und sieht Ralph in den Büschen verschwinden. Die Kinder laufen hinter ihm her, schreien und schwenken ihre Stöcke.
Die Frauen kichern nervös, die Männer treten von einem Fuß auf den anderen. Wortlos drehen sie sich um und gehen weg.
Das war also die Begrüßung der Kunstlehrerin. Von wegen wachiyi.
Nachdem sich Willa vom ersten Schreck erholt hat, reibt sie die Stelle, auf die geschlagen worden ist. Sie schmerzt, als hätte man ihr ein großes W in die Wange gebrannt. Auch ihre Augen brennen von Tränen der Wut, Verwirrung und Angst.
Willa ist wie ein Soldat, der mit dem Fallschirm hinter Feindeslinie abspringen musste und keine Ahnung hat, wo er gelandet ist. Sie hat keine Ahnung, wer von diesen Leuten auf ihrer Seite ist und wer nicht. Vielleicht sind alle gegen sie. Nein, das kann nicht sein. Wenn alle gegen sie wären, hätte man sie nicht gebeten, hier Kinder zu unterrichten. Oder? Wo ist Patrick Eagle? Wenn er hier wäre, wie Dick gesagt hatte, wäre dies nicht passiert. Da er nicht da ist, würde sie am liebsten kehrtmachen. Was natürlich nicht möglich ist. Das nächste Flugzeug kommt erst in drei Tagen.
Willa hebt ihre Brille auf. Ein Bügel ist abgebrochen. Prächtig. Zehn Minuten ist sie jetzt hier, und schon ist die Brille kaputt. Sie blinzelt die verschwommenen Hütten am Holzsteg an. Hier wirds kein Geschäft geben, das sie reparieren kann. Sie wird sie mit Klebeband notdürftig flicken müssen. Sie steckt die Brille in die Tasche ihres Anoraks, nimmt ihren Koffer und ihre Mappe – die Malutensilien wird sie später holen – und klettert über das sumpfige Gras auf den Brettersteg. Willa ist nicht katholisch, aber da keine andere Rettung in Sicht ist, tut sie, was Flüchtlinge, Ausgestoßene und Pilger seit Jahrhunderten getan haben: sie sucht Zuflucht bei der römisch-katholischen Kirche – in der zarten Umarmung von Pater Aulneau.
Pater Aulneau schaut aus dem Fenster seines Arbeitszimmers, das auf der einen Seite den Fluss und auf der anderen den Brettersteg überblickt. Er ist zufrieden. Es ist drei Uhr nachmittags, und er hat gerade die Übersetzung des Deuteronomium, des 5. Buches Moses, in die Sprache der Swampy Cree abgeschlossen. Morgen kann er mit dem Buch Josua anfangen, das ist spannender, geradeso interessant wie die Schöpfungsgeschichte. Eigentlich übersetzt er gar nicht, jedenfalls nicht genau. Es macht vielmehr eine kurze Zusammenfassung. Manches im Alten Testament bedeutet einem Katholiken nicht viel, aber dies und das können die Leute doch daraus lernen. Er gehört nicht zu denen, die das Kind mit dem Bade ausschütten.
Niemand hat von Pater Aulneau verlangt, dass er diese Arbeit auf sich nimmt. Er hat sich die Übersetzungen vorgenommen, weil er der Meinung ist, dass die Sache bisher nicht richtig gemacht worden ist und weil sie ihm eine gewisse Befriedigung verschafft. Er hofft, dass es Gottes Wille ist. Eines Tages wird er die fertige Arbeit Bischof Bonhomme zum Geschenk machen. Aus heiterem Himmel gewissermaßen. Oft stellt er sich vor, was der Bischof für ein Gesicht machen wird, wenn er ihm sein Werk überreicht, welche Worte er sagen wird. Diese Überreichung seines Werkes kommt in Pater Aulneaus Augen der eigenen Heiligsprechung am nächsten.
