Der Uhrmacher - Michael Hausenblas - E-Book

Der Uhrmacher E-Book

Michael Hausenblas

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Beschreibung

Hans Held, ein eigenbrötlerischer Uhrmacher, eingenommen von Zahlen, Ziffern und Zahnrädern, wünscht sich nichts mehr, als seine Ruhe zu haben. Schräubchen, Federn und Lünetten sind ihm die liebste Gesellschaft. Doch als eines Tages, dem 17150. Tag seines Lebens, kurz vor Feierabend, eine betagte Dame seine kleine Werkstatt betritt und ihm eine Sanduhr zur Reparatur übergibt, gerät die marottenhafte Eintönigkeit seines Daseins aus dem Gleichgewicht. Überfordert und verwirrt von dem Auftrag der Kundin, begibt er sich auf die Suche nach dem möglichen Gebrechen, kauft zu Studienzwecken diverse Sanduhren, lauscht dem Rieseln des Sandes und kommt mit so manchem Korn auf dubiose Art in Berührung. Nachdem er von ungeahnten Seiten und nach mysteriösen Begegnungen Hinweise erhält, bricht er zu einer Erkundungsreise in die Wüste auf, wo er dem Wesen der Zeit sehr nahekommt.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Diese Geschichte ist

den Sandkörnern der Welt gewidmet

Die Sanduhren erinnern nicht

bloß an die schnelle Flucht der Zeit,

sondern auch zugleich an den Staub,

in welchen wir einst verfallen werden.

Georg Christoph Lichtenberg1

Inhalt

I DER HELD

II VATER DES SANDES

III SAND IM GETRIEBE

IV ANATOMIE DER KÖRNER

V ERLÖSUNG

VI LOCKRUF DES SANDES

VII REISE IN EINE ANDERE WELT

VIII IN DER UNZEITLICHKEIT

Quellennachweise und Anmerkungen

I DER HELD

Der Uhrmacher Hans Held war ein Hagestolz, wie er im Buche steht. Ein eingefleischter Junggeselle, dem eine gewisse Kauzigkeit nicht abzusprechen war. Der Mann brachte es auf eine Körpergröße von einem Meter und siebenundachtzig Zentimetern und wirkte schlaksig wie James Stewart. Überhaupt sah Held dem Filmstar nicht unähnlich.

In sein Kinn hatte sich ein Grübchen eingenistet. Das dichte, wallnussblonde Haar trug er gescheitelt in der Manier eines Dandys. Die Augen, die sich nicht zwischen Blau und Grau entscheiden wollten, blickten durch das Glas einer Nickelbrille. Held war ein fescher Kampel, wie ein gut aussehender Mann zu Zeiten Helds in Wien genannt wurde.

Auf die Welt kam er im Tierkreiszeichen der Waage. Diesem Sternbild wird nachgesagt, es stehe für Geduld. Das traf auch auf Held zu. Zumindest bis zu einem gewissen Tag. Einem, der bald kommen sollte.

Der Uhrmacher war ein Mann mit wenigen Eigenschaften. Diese allerdings waren ausgeprägt.

Heldenhaftes gab es an Hans Held nicht viel aus­zumachen. Doch sprach er geradeheraus, was ihm durch den Kopf ging, ohne Bedenken, er könne sein Gegenüber in der Seele kränken. Fragte ihn jemand im Wirtshaus, ob an seinem Tisch noch ein Platz frei wäre, murrte er, ohne von seiner Zeitung aufzublicken, „Nein, für Sie nicht.“ Sein Nein klang unmissverständlich.

Erkundigte sich ein Passant nach der Zeit, entgegnete Held, „Sehe ich vielleicht wie ein Uhrmacher aus?“ Seine Stimme hörte sich tief und unaufgeregt an. Meistens.

Nein, das Freundliche war das Seine nicht. Genauso wenig wie das Liebliche. Die sichtbarste Regung in diese Gemütsrichtung zeigte sich in Form von Ranunkeln, die er an einem Blumenstand auf dem Weg zur Arbeit kaufte, in eine Vase aus weißemPorzellan steckte und auf einem Tisch in seinem Geschäft fürsorglich, beinahe zärtlich, drapierte. Das Gefäß hatte die Form einer verschnörkelten Kanne.

War keine Saison für Ranunkeln, nahmen Lilien deren Platz ein. Held fand Gefallen an ihrer Form. Allerdings konnte er ihren Geruch nicht ausstehen. Deshalb schnitt er den Stempel aus den Blüten, was dem süßlich herben Odeur, dieser Mischung aus Honig und Urin, wie Held es wahrnahm, den Garaus machte.

Das Geschäftslokal des Uhrmachermeisters lag in einer engen Gasse im ersten Wiener Bezirk, tief im Herzen der Stadt, exakt einhundertelf Schritte vom Stephansdom entfernt. Hier versteckte es sich bereits, als es noch von seiner um viele Jahre älteren Cousine geführt wurde.

Laut Helds Erkundigungen erbauten vermögende Bürger das Haus um das Jahr 1720. Er vermutete, dass sein ebenerdig gelegenes Geschäft einst Stallung für ein Pferd gewesen sei. Vielleicht auch für zwei. Das Bild gefiel dem Uhrmacher.

Helds Cousine namens Irmgard Held, Goldschmiedin und zeit ihres Lebens ledig geblieben, hatte ihm den Laden vor gut zwanzig Jahren vermacht. Von Beginn an zog Held es vor, allein zu arbeiten. Er wollte für sich sein.

Das Geschäft, das eingeklemmt zwischen einer Stempelmanufaktur und einer Handlung für Zinnsoldaten untergebracht war, bot kaum Platz für Kundschaft, geschweige denn für einen Angestellten. Bereits beim Gedanken an einen Lehrling, den ihm die Uhrmacher-Innung von Zeit zu Zeit unterzujubeln versuchte, rümpfte Held die Nase und lehnte dankend ab.

Im vorderen Teil des Ladens standen zwei Vitrinen, unter deren Glasplatten Uhren, Kettchen und anderes Geschmeide drapiert lagen, das Held zum Verkauf anbot. Im hinteren Bereich befand sich die Werkstatt, sagen wir besser, ein Goldschmiedetisch. Dieser thronte auf einem Podest neben einer Schwingtüre, wie man sie von Saloons aus Western kennt. Ihre Scharniere quietschten, wenn Held durch die Türe schritt. Er nahm dieses Geräusch seit langem nicht mehr wahr. Alles zusammen wirkte, aus der Vogelperspektive betrachtet, wie eine zu groß geratene Schuhschachtel, aber keineswegs ohne Charme.

Ferner bestand die Einrichtung aus einem abgewetzten, mit grünem Samt bezogenen Sofa, auf dem bereits der Hund der Cousine, ein langohriger und kurzbeiniger Bassethound schnarchend seine Tage verbracht hatte. Er hörte auf den Namen Gauckerl. Ein solcher Hund hätte auch Held gut zu Gesicht gestanden.

Neben dem Möbel hing ein schlichter Abrisskalender. Wochentage zeigten sich in schwarzen Ziffern, Sonn- und Feiertage in roten. Auf dem Kalender notierte der Uhrmacher jeden Morgen, wie viele Tage sein Leben bislang zählte. Mittlerweile brachte er es auf 17 150.

Eine Standuhr, ebenfalls ein Vermächtnis der Cousine, tickte monoton vor sich hin, wobei das Geräusch Charakter vernehmen ließ. Auch Gelassenheit gegenüber der Zeit und den Dingen, die draußen in der Welt, fern von Held, geschahen.

Obwohl er das Stück nicht sonderlich leiden mochte, ließ er die Uhr die Stunden zählen und zog ihr Werk in regelmäßigen Abständen mit einem Schlüssel aus Messing auf. Er betrachtete sie als eine Art Metronom des Lebens. Ertönte stündlich der dunkle Gong, quittierte Held dies mit „Jetzt gib halt einmal eine Ruh!“

Gelegentlich dachte er zu diesen vollen Stunden an die Cousine, an ihr Faible für die Farbe Gelb, ihre Leidenschaft für Heimatfilme und chinesische Buddha-Figuren. Eine von diesen, mit stattlichem Wamst, saß noch immer im Regal über Helds Werktisch und grinste.

An der Tür baumelte eine kleine Glocke, die dem Uhrmacher Bescheid gab, wenn Kundschaft eintrat, während er hinter der Schwingtüre über den Innereien einer Uhr brütete. Dort gehörte ihm die Zeit. Und er sich.

Alles in allem sah das Geschäft auch Jahrzehnte nach der Übernahme aus, wie es ihm seine Cousine hinterlassen hatte. Egal wie viele Kalenderblätter in den Jahren seither von Held bekritzelt und abgerissen worden waren.

Dieser Ort, dieses schrullige Schmuckkästchen, mit seinen Tapeten, die mit Paisley-Mustern bedruckt waren, verbreitete den Charme einer Schachtel Konfekt samt einer Prise Mottenpulver. Der Uhrmacher mochte sein Geschäft. Vielleicht, weil es seinem Empfinden nach immer schon existierte.

Hans Held verkaufte keine sündteuren Preziosen, wie sie in den noblen Boutiquen auf den schicken Flaniermeilen angeboten wurden. Er wollte partout nicht einsehen, warum manche Zeitgenossen Unsummen für eine Uhr auszugeben bereit waren. Er betrachtete dies als hanebüchenen Unsinn. Vehement vertrat er die Meinung, dass jede Uhr exakt das tat, was sie tun sollte, nämlich die Zeit angeben.

Der Uhrmacher verbrachte seine Stunden am liebsten über seinen Schräubchen, Federn, Hemmungen, Tourbillons und Lünetten. Die Arbeit mit ihnen lag ihm weitaus mehr am Herzen, als Kunden an der Verkaufstheke gegenüberzustehen und angesichts deren Unschlüssigkeit die Augen zu verdrehen.

Den Einzelteilen einer Uhr begegnete er mit Leidenschaft, Vertrautheit und Konzentration. Was seine Mitmenschen betraf, gestaltete sich sein Geduldsfaden, sagen wir, manchmal weniger reißfest. In seiner Werkstatt war er eine Art Robinson Crusoe, allerdings ohne das Bedürfnis, von seiner Insel wegzukommen. Das Festland der anderen wirkte auf ihn weit entfernt. Er betrachtete es mit Argwohn. Vielleicht war er selbst eine Insel.

Am mühsamsten empfand Held die Wochen vor den jährlich stattfindenden Konfirmationen. Firmpaten, die einer alten Tradition folgend, samt ihren pubertierenden, pickeligen Schützlingen ins Geschäft kamen, um eine Uhr für das Sakrament der Mündigkeit auszusuchen, betrachtete er als besondere Plage. Diese Art von Kundschaft, davon war er überzeugt, war in Sachen Lästigkeit lediglich von Heiratsschwindlern und Tantentäuschern auf der Suche nach einem Schnäppchen zu übertreffen.

Wenn sich der Uhrmacher weniger miesepetrig zeigte, nannte er diese Sorte Käufer Pfeifenschädel. Bei schlechter Laune schimpfte er sie Deppenkinder. Aus psychohygienischen Gründen, wie er meinte. Freilich tat er seinen Unmut nicht laut kund. Held grummelte ihn mit einer gewissen Genugtuung in sich hinein.

Es gab eine Reihe von Dingen mehr, die der Mann nicht ausstehen konnte. Dazu zählten Gurken, Unpünktlichkeit, Advokaten, aufgestellte Hemdkragen, Rosinen, Heurigenlokale, Händeschütteln und Schlangen. Schlangen sowohl in Gestalt von Reptilien als auch in Form von Menschenansammlungen.

Essenseinladungen, die er selten, aber doch erhielt, empfand er als das schlimmste aller Übel. Eine Einladung ohne die Angabe von Gründen abzulehnen, erachtete Held als wahre Freiheit.

Der Uhrmacher war einer, der vor so ziemlich allem seine Ruhe haben wollte und befand diese Daseinsform mit all ihrer Ereignislosigkeit als eine durchaus vernünftige. Man könnte auch sagen, Held war eine Primzahl unter den Menschen.

Jeder, wie er will, lautete seine Devise. Gleich einem Zahnrad in einer Uhr versteckte er sich vor der Welt. Und vor der Zeit.

Gab es nichts zu reparieren, nahm er ein Buch zur Hand und hoffte, das Türglöcklein würde in Frieden ruhen. Wenn es der Wahrheit entspricht, dass bei jedem Ertönen eines Glöckchens ein Engel seine Flügel verliehen bekommt, trug Helds Glocke nicht allzu viel zu derlei Verleihungen bei.

Zur bevorzugten Lektüre des Uhrmachers zählten die Werke von Guy de Maupassant und Gustave Flaubert. Ihnen und nur wenigen anderen gestattete er, ihn zu entführen. In eine Welt von gestern.

Klingelte die Kassa an manchen Tagen weniger oder gar nicht, beunruhigte dies den mäßig motivierten Geschäftsmann kaum. Cousine Irmgard hatte ihm neben dem Laden ein schönes Sümmchen hinterlassen, das er in Gold angelegt hatte. Ein Schatz, den er lediglich hin und wieder anzapfte. Held war nicht nur ein Hagestolz, sondern ebenso ein fleischgewordener Sparefroh.

Mittags, Punkt zwölf, sperrte er das Geschäft zu, hängte ein Schild mit der Aufschrift Pause an die Tür und schlenderte in sein Stammwirtshaus Zur frommen Gerda, das zwei Gassen weiter lag.

Dort bestellte er das Tagesmenü. Am liebsten war ihm, auch daran hatte sich seit vielen Jahren nichts geändert, der Rinderbraten nach Esterházy-­Art. Mit Bratkartoffeln. Sein Leibgericht. Es war jeden Mittwoch auf der Tageskarte zu finden. Zuvor wurde Frittatensuppe serviert.

Abends suchte Held sein Stammcafé um die Ecke auf. Von Montag bis Freitag. Manchmal auch sonntags, nachdem er dem Grab seiner Eltern und der Cousine auf dem Grinzinger Friedhof einen Besuch abgestattet hatte.

Im Café, einem kleinen Lokal, trank er zwei Achtel vom weißen Hauswein aus der Doppelliter-­Flasche. Zwei. Niemals eines und niemals drei.

Man sieht, Held war ein Mann der Rituale. Sie bestimmten sein Leben. Sie bildeten die Gitterstäbe eines Käfigs, in dem er auf- und abging, ohne sich dessen bewusst zu sein. Gefangen von Zahlen, Ziffern, Zahnrädern und stetig Wiederkehrendem. Das Leben des Hans Held verlief, abgesehen von den Ausflügen mit seinen Büchern, wie die Drehungen eines Uhrzeigers. Tag für Tag. Stunde für Stunde. Jahr für Jahr. Aus diesem Kreislauf schien es für ihn kein Entkommen zu geben.

Ohne es zu merken, war Held von all dem müde geworden. Müde vor der Zeit. Müde von der Zeit.

Bis eines Tages, die Uhr zeigte fünf Minuten vor Ladenschluss um achtzehn Uhr, eine gepflegte, betagte und äußerst klein gewachsene Dame das Geschäft in Begleitung eines grau melierten, altersschwachen Pudels betrat. Der war kaum größer als ein Lämmchen und müffelte.

Held kannte die Frau vom Sehen. Sie war ihm des Öfteren auf seinem Rückweg vom Mittagstisch ins Auge gestochen. Mit kleinen Schritten ging sie, leicht gekrümmt durch den Ansatz eines Buckels, von Zeit zu Zeit zu den Mönchen eines nahe liegenden Klosters, um diesen Kuchen zu bringen. Zumindest vermutete der Uhrmacher, in dem Päckchen in ihrem Einkaufsnetz würde sich Kuchen befinden. Neugierde zählte durchaus zu den wenigen Eigenschaften des Hans Held.

So freundlich es ihm möglich war, brachte er ein „Grüß’ Sie“ heraus und fragte die Frau, wie er ihr zu Diensten sein könne. Das Weiblein, das ihre schlohweißen Haare zu einem strengen Knoten am Hinterkopf zusammengesteckt hatte, kramte etwas, das in ein seidenes Tuch gewickelt war, aus ihrer Tasche. Sie stellte es auf den Ladentisch und packte behutsam den Inhalt aus. Held hob die Augenbrauen, wie er es stets tat, wenn ihm etwas suspekt vorkam.

Sein Blick fiel auf eine Sanduhr. Der Sand in ihrem Inneren glänzte schwarz und schimmerte ein wenig bläulich. Ein bisschen wie die Federn eines Raben. Die Körner rieselten, nachdem die Frau das Ding umgedreht hatte, flink und einer undurchschaubaren Ordnung folgend, durch die enge Stelle zwischen den beiden wohlgerundeten Glasbehältern. Das Licht der Deckenleuchte spiegelte sich warm darin.

„Sie wissen schon, dass ich Uhrmacher bin“, sagte Held, schob seine Brille auf die Nasenspitze, blickte über deren Rand und biss sich sanft auf die Unterlippe, um eine schnippische Bemerkung zu unterdrücken.

„Aber natürlich, mein Herr“, entgegnete die Dame mit gütig klingender Stimme.

„Und hierbei handelt es sich um eine Sanduhr, also eine Uhr, oder? Wo sonst soll ich mit ihr hin, wenn nicht zum Uhrmacher? Hören Sie, irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Ich bitte Sie. Werfen Sie in aller Ruhe einen Blick auf das Stück. Ich setze großes Vertrauen in Sie. Die Angelegenheit hat auch keine Eile. Ich habe alle Zeit der Welt.“

Beinahe zärtlich faltete sie das Seidentuch zusammen, steckte es in ihre Handtasche aus Krokodilleder und lächelte, wodurch sich Grübchen in einem kleinen Meer aus Runzeln in ihrem Gesicht abzeichneten. Das Türglöckchen bimmelte abermals und die Greisin verschwand gleich einem zierlichen, liebenswürdigen Gespenst samt ihrem Hund auf der Gasse.

Hans Held blickte an die Decke und murrte, „Noch so eine Verrückte! Vielleicht bringt mir morgen ein Armleuchter eine Sonnenuhr zur Reparatur. Und überhaupt, was heißt, sie hat alle Zeit der Welt? Woher will sie wissen, über wie viel Zeit die Welt verfügt? Und was soll mit der Uhr nicht stimmen? Geht sie vor? Oder nach?“

Hans Held neigte zum Selbstgespräch, was ihm keineswegs auffiel. Der Uhrmacher redete im Laufe eines Tages mehr mit sich, als mit irgendjemand anderem. Man könnte auch sagen, er dachte laut.

Der Sand war zur Gänze durchgerieselt. Held drehte die Uhr um und hielt den Kopf schief, nachdem er einen überaus kleinen Zettel bemerkte, der auf der Unterseite der Sanduhr klebte. Darauf stand etwas in winzigen Buchstaben geschrieben.

Held griff zu seiner Uhrmacherlupe und las: „Wie viele Sandkörner es wohl sein mögen? Hat der Sanduhrmacher sie gezählt? Wofür stehen sie? Für Zeit? Für Vergänglichkeit? Für die Sterne? Für Liebesnächte, Tränen, geleerte Weingläser, gerauchte Zigaretten, Sorgen oder Atemzüge? Finden die Augenblicke, so wichtig oder unbedeutend sie auch erscheinen mögen, Platz in einer Sanduhr? Die Sandkörner fragen nicht, ob sie rieseln sollen. Wie viel Sand wird noch durch deine Lebensuhr rinnen? Bedenke, diese lässt sich nicht umdrehen. Den Körnern ist es egal. Nicht einmal das.“

Held verdrehte die Augen und murmelte, „Ich sag’s ja‚ noch eine Verrückte.“

II VATER DES SANDES