Der Unfall - Birgit Irmscher - E-Book

Der Unfall E-Book

Birgit Irmscher

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Beschreibung

Das Schreien des Babys. Das Kreischen von aufeinanderprallendem Metall. Dann nichts. Was der erste Urlaub als Kleinfamilie werden sollte, scheint ein jähes Ende gefunden zu haben. Doch als Mary, eine Kernphysikerin aus Irland, wieder zu sich kommt, hat der Unfall nie stattgefunden. Ihr Sohn schläft friedlich neben ihr und ihr Mann verkündet fröhlich, dass sie gleich da sind. Ziel ihrer Reise ist das Pays de Gex in der Nähe von Genf und vor allem in der Nähe des CERN, der weltgrößten Kernforschungseinrichtung. Mary, die ihre Promotion unterbrochen hat, um ihr Kind zu stillen, will nach diesem Kurzurlaub in die Physik zurückkehren. Doch nach diesem nie stattgefundenem Unfall haben sich Details verändert: ein T-Shirt verschwindet plötzlich , eine Katze, die nie existiert zu haben scheint, taucht auf, Sitzbezüge ändern ihre Farbe... Niemand außer Mary scheint diese seltsamen Veränderungen zu bemerken. Doch dann trifft sie auf Francois, der ähnliche unerklärliche Ereignisse erlebt. Als sich herausstellt, dass Francois auch der Verursacher des vermeintlichen Autounfalls war, wird die Situation noch mysteriöser.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum:

1. Auflage, 2023

© Birgit Irmscher – alle Rechte vorbehalten.

Anschrift Autor:

Bornstr. 27

64291 Darmstadt

 

[email protected]

 

 

 

 

 

 

 

Der Unfall

 

 

 

Von Birgit Irmscher

 

Inhaltsverzeichnis

1. Freitag 14:00 Heidelberg7

2. Freitag 16:00, Heidelberg14

3. Freitag 17:00, Meyrin26

4. Freitag 17:00, Segny29

5. Freitag 19:00, Thoiry35

6. Samstag 6:00, Thoiry39

7. Samstag 9:00, Segny46

8. Samstag 13:00, Thoiry49

9. Sonntag 7:00, Thoiry54

10. Sonntag, 11:00, Salève60

11. Montag 7:00, Thoiry67

12. Dienstag 6:00, Thoiry75

13. Dienstag 8:00, Segny84

14. Dienstag 10:00, Meyrin88

15. Dienstag 12:00, Meyrin95

16. Dienstag, 16:00, Meyrin114

17. Mittwoch 11:00, Thoiry122

18. Mittwoch 15:00, Pierre de la Lune130

19. Mittwoch 22:00, Genf138

20. Mittwoch, 23:00 Genf141

21. Mittwoch 21:00, Ferney-Voltaire156

22. Donnerstag 7:00, Genf161

23. Donnerstag 10:00, Genf168

24. Donnerstag 17:00, Gex172

25. Donnerstag, 20:00, Gex181

26. Freitag 7:00, Thoiry198

27. Freitag 8:00, Segny209

28. Freitag 11:00, Genf212

29. Freitag 12:00, Genf223

30. Freitag, 14:00, Genf230

31. Freitag 17:00, Thoiry236

32. Samstag 8:00, Segny245

33. Samstag 8:00, Thoiry249

34. Samstag 14:00, Genf261

35. Samstag 19:00, Dijon264

36. Sonntag 8:00, Thoiry270

37. Sonntag 15:00, Meyrin282

38. Montag, 10:00, Thoiry296

39. Dienstag 8:00, Meyrin308

40. Dienstag 8:00, Thory311

41. Dienstag 11:00, Thoiry318

42. Dienstag 22:00, Thoiry322

43. Mittwoch 7:00, Genf326

44. Donnerstag, 7:00, Genf332

45. Freitag 10:00, Thoiry342

 

 

 

 

 

 

 

 

Wortzähler: 87359

 

1. Freitag 14:00 Heidelberg

 

„Ist es nötig, zwei Werkzeugkisten zu mitnehmen, really?“ Mary starrte ihren Mann entgeistert an. „Schau dir diese Berg Sachen an, die auch müssen noch mit ins Auto!“

Ihren irischen Akzent hatte sie im Laufe der Jahre in Deutschland fast abgelegt. Nur in Stresssituationen kam er manchmal durch. Dies war so eine Situation. Sie strich sich eine Strähne ihrer roten Locken aus dem Gesicht und stemmte die Hände in die Hüften.

Den ganzen Tag hatte sie gepackt, wieder ausgepackt, neu eingepackt. In ihren 30 Jahren hatte sie schon viele große Reise unternommen. Sie war Schnorcheln am Great Barrier Reef, hatte den Vesuv erklommen, war Wandern in Neuseeland, und hatte auch vor dem grönländischen Eis nicht Halt gemacht. Lächelnd griff sie nach dem Anhänger ihrer Kette, ein kleiner, schlicht gefasster rotbrauner Edelstein, ein Zirkon, den sie sich vor fünf Jahren dort gekauft hatte. Grönland! Die größte Insel der Welt! Und sie hatte die Chance erhalten, ihre Freundin Kirsty auf einer Forschungsreise dorthin zu begleiten. Diese Reise war eine Herausforderung! Und doch erschienen ihr im Rückblick die Reisevorbereitungen weniger aufwendig als jetzt. Jetzt, da sie ein Kleinkind von noch nicht ganz einem Jahr einplanen musste. Von einem Hobby-Handwerker ganz zu schweigen.

Sie standen sich im Flur ihrer gemütlichen Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock eines Mehrparteienhauses gegenüber. Nicht unbedingt ein architektonisches Meisterwerk, aber sauber, gut erhalten und in einer ruhigen Gegend. Und vor allem bezahlbar. Ein Glücksgriff, um den sie viele beneideten in Heidelberg.

David blieb die Ruhe selbst. „Gerade, weil wir ein altes Auto haben, ist es unerlässlich, auch entsprechendes Werkzeug mitzunehmen. Und da wir nicht wissen, was für ein Appartement uns erwartet, müssen wir auch in dieser Hinsicht gerüstet sein.“

Als ob sie eine Reise in ein Entwicklungsland planten!

„Es macht eher den Eindruck, als würdest du uns dort ein Haus bauen wollen“, grummelte Mary, aber die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass mit David nicht über Werkzeug zu diskutieren war.

 

 

„Wo ist die Kiste mit den Hipp-Gläschen denn jetzt?“ Ratlos schaute sie sich um.

„Hab ich schon längst im Auto verstaut.“ David strahlte sie an wie ein Hund, der erfolgreich ein Stöckchen apportiert hatte.

Mary atmete tief ein und langsam wieder aus. Einundzwanzig, zweiundzwanzig... „Die war noch nicht fertig gepackt“, sagte sie beherrscht. „Kannst du sie bitte wieder reinholen? Sonst muss ich alle anderen Sachen, die in diese Kiste sollten, einzeln raustragen“.

Nein, kein Leckerli fürs Apportieren. Mary sah, wie David beim Rausgehen die Augen verdrehte.

Eins, zwei, drei, vier, fünf,... Ja, es war eine Marotte und sie war sich dessen durchaus bewusst. Aber hatte nicht jeder einen kleinen Spleen? Mary hatte im Studium angefangen zu zählen. Immer. Alles. Sie zählte die Stufen ... zwölf bis zur Haustür..., sie zählte, während sie den Wasserkessel befüllte ... sieben, wenn sie nur für sich Kaffee kochte, zwölf bis dreizehn, wenn Gäste kamen ..., sie zählte beim Duschen ... 17, bis endlich warmes Wasser kam ... und sie zählte beim Warten. So wie jetzt.

Bei 14 kam David mit betont schweren Schritten zurückgestapft. „Bitte schön!“

Mary sah ihn an. Dann grinste sie. Und schließlich lachten beide.

„Weißt du noch, unser Campingurlaub vor zwei Jahren? Jeder hatte einen Rucksack und in weniger als einer Stunde war alles gepackt“, erinnerte sich David und lächelte seine Frau an.

Seine schon etwas lichter werdenden hellbraunen Haare klebten ihm verschwitzt am Kopf, aber Mary sah nur seine strahlend blauen Augen, umrandet von unzähligen kleinen Lachfältchen. In diese Augen hatte sie sich beim ersten Anblick verliebt. Sie konnte versinken in diesem Blau.

Aber nicht jetzt, rief sie sich zur Ordnung.

„Da gab es Robin auch noch nicht“. Zeit, ihn ebenfalls in die Realität zurückzuholen.

Er seufzte. Aber Mary wusste, dass er seinen kleinen Sohn über alles liebte und daher sein Bestes gab, um diesen Urlaub zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen.

 

„So“, zwanzig Minuten später klatschte David in die Hände, „haben wir denn jetzt alles zusammen getragen?“ Er sah sich im kleinen Flur um. „Wo ist die Liste?“

Mary wedelte ihm freundlich mit einem Blatt Papier zu.

„Ich hab schon fast alles abgehakt: Unsere eigenen Klamotten“, kurze Kunstpause, Blickkontakt „... und denk dran, jeder ist selbst verantwortlich, was er mitnimmt“,

„... oder sie!“, unterbrach David grinsend.

„Richtig. Oder sie... Wo war ich? Ach ja, Klamotten für uns, Klamotten für Robin - die habe ich zusammengepackt - dann noch Bettwäsche, Windeln, Wundcreme, Q-Tips, Handtücher, Feuchttücher, Taschentücher.....“

„Du musst mir nicht alles vorlesen“, beteuerte David, der kein Interesse an den unterschiedlichen Tücher-Varianten zu haben schien. „Während du die Liste weiter abhakst, kann ich ja schon mal die großen Teile ins Auto laden. Wie zum Beispiel den Kinderwagen“.

„Und die Werkzeugkisten, wenn sie denn wirklich gebraucht werden“, ergänzte Mary.

„Sie werden gebraucht“, betonte David. „Und wenn sie dann gebraucht werden, müssen sie griffbereit sein. Das heißt, sie kommen als letztes ins Auto!“

Mary war eine kluge Frau, die ihren Ehemann liebte und daher an dieser Stelle schwieg.

 

Stattdessen holte sie aus dem Schlafzimmer ihren gepackten Koffer. Einen nagelneuen Hartschalenkoffer, von dem sie sich erhoffte, dass ihre Kleidungsstücke bei der Ankunft nicht alle nach Crinkle-Look aussähen. Sie trug ihn zu den anderen Sachen und verwandelte damit den Gepäckberg in ein Gepäckgebirge. Alles Utensilien, die unverzichtbar waren, wenn man zwei Wochen Urlaub mit einem Kleinkind plante.

David brauchte lange, um einen geeigneten Platz für den Kinderwagen zu finden. Mary sah noch einmal die Liste durch. Richtig! Die Kindertrage fehlte. Ein Gestell, mit dem sich ein Dreikäsehoch beim Wandern bequem auf dem Rücken tragen ließ. Mit gepolsterten Hüft- und Schultergurten. Dieser überaus praktische Rucksack, der selbst mit einem darin sitzenden Kind sicher auf dem Boden abgestellt werden konnte, war ein Geschenk von Marys Elternzur Geburt ihres ersten Enkels.

Nun, während der Fahrt würden sie das Gestell nicht brauchen, es konnte also weiter unten verstaut werden.

Als Mary mit der Trage in der Hand wieder aus dem Keller kam ... 24 Stufen ..., stand David regungslos vor dem Gepäck.

„Das ist ja hoffentlich nicht dein Ernst!“

„Was denn?“, fragte Mary ahnungslos.

„Dieses Trumm von einem Koffer! Der ist für Flugreisen. Für Interkontinentalreisen, wenn nicht sogar Interplanetarreisen! Auf jeden Fall aber für Reisen, die mehr als 6 Monate lang sind! Wie soll der denn ins Auto passen?“

„Er kann ja unten rein“, bot Mary hilfreich an.

„Unten rein? Wir haben doch kein zweistöckiges Auto!“

„Also, irgendwie muss es gehen.“ Sie bemühte sich um einen resoluten Klang. „Ich habe ihn extra für diese Reise gekauft, damit meine Kleidung mal ausnahmsweise nicht völlig zerknittert ankommt, wie in jedem Campingurlaub. Und“, fügte sie spitz hinzu, „wenn Platz für zwei Werkzeugkisten ist, dann darf ja wohl ein Koffer von mir mit.“

David schnaubte nur verächtlich. Aber er schnappte sich den Koffer und verschwand in Richtung Auto. Mary hätte ihm geholfen, wenn sie nicht sicher wüsste, dass er seine ganz persönliche Ordnung hatte. Jede Einmischung wäre dem ehelichen Frieden abträglich.

Stattdessen stellte Mary ein Gläschen Möhren-Brei mit Kartoffeln für Robin in die Mikrowelle und schaltete sie ein. Sie zählte bis 20, das sollte reichen. Dann holte sie sich ihren kleinen Sohn aus seinem Zimmer, setzte ihn sich auf den Schoß und fütterte ihn.

Robin war ein ausgesprochen freundliches Kind, das selten schrie. Mit seinen rotblonden Löckchen und den Pausbäckchen sah er einfach zum Anbeißen süß aus. Auch jetzt hatte er wieder friedlich in seinem Bettchen gelegen und seinen geliebten Stoffhasen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Sinnen untersucht. Die Essenszeit erlaubte dem armen Hasen, sein nass gelutschtes Ohr zu trocknen.

„Ein Löffelchen für Papa, ein Löffelchen für Schlappohr...“

Robin liebte dieses Spiel und sperrte bereitwillig bei jedem Bissen sein Mäulchen auf. Ob leer oder nicht. Mary zwang sich, den Nachschub zu verlangsamen. Auch wenn das bedeutete, dass eine kleine Kinderhand dann immer wieder ungeduldig in ihre lange rotblonde Mähne griff und daran zog.

Nachdem alles aufgegessen war und Mary die letzten Teile abgewaschen und weggeräumt hatte, schlenderte sie mit ihrem Sohn auf dem Arm in den Flur, um Davids Fortschritte beim Beladen ihres Renaults zu begutachten.

Es gibt von Renault verschiedene Modelle. Zum Beispiel den Renault Master, einen großen Transporter.

Den hatten sie nicht.

Sie fuhren einen Renault Mégane. Wendiger und handlicher als der Master. Und kleiner.

Mary brauchte einen Moment, um den Anblick, der sich ihr im Flur bot, zu verarbeiten.

Sie riss die Augen auf. Kein einziges Stück mehr! Sie war tief beeindruckt und lief nach unten zum Parkplatz.

„Du hast ja alles verstaut! Super!“ Ihr Mann hatte ein Lob verdient und sie drückte ihm einen dicken Kuss auf seine Wange.

„Wo sind denn die Windeln und Fläschchen für unterwegs?“ Sie spähte zwischen den Gepäckstücken hin und her.

„Wie? Für unterwegs?“ David stutze. „Gibt es dafür eine extra Tasche?“

„Natürlich! Die grüne. Die mit der Wickelauflage. Glaubst du, ich will unterwegs in lauter verschiedenen Taschen alles zusammensuchen?“ Männern fehlte manchmal der Sinn fürs Praktische.

„Die grüne steckt da unter deinem Koffer. Die hat super in das Gestell vom Kinderwagen gepasst.“ David zuckte mit den Schultern.

Mary starrte ihn an. „Die ist für unterwegs! Die muss noch greifbarer sein, als deine Werkzeugkisten! Steck die doch unten ins Gestell vom Kinderwagen. Wenn wir in eine Situation kommen sollten, in der wir sie brauchen, wird das auch eine Situation sein, in der wir genug Zeit haben werden, sie da heraus zu kramen.“

David rollte die Augen und wandte sich dem Kofferraum zu.

„Ok, dann pack ich halt das Auto noch mal ganz neu!“

Er drehte sich zu seiner Frau um. „Gibt es noch etwas, das sofort greifbar sein soll? Nicht, dass ich noch ein drittes Mal Tetris spielen muss.“

„Nur der Kuschelhase, aber den nimmt Robin sowieso zu sich“, antwortete Mary friedfertig.

Kaum eine Stunde später saß die gesamte Familie angeschnallt in ihrem Auto, dessen zur Verfügung stehendes Volumen David allem Anschein nach magisch vergrößert hatte. Ähnlich den Zelten einer bekannten Zaubererfamilie in England. Jetzt konnte es losgehen.

Sie wussten, dass es keine gute Idee war, an einem Freitag-Nachmittag loszufahren. Eben weil alle freitags nachmittags losfuhren.

Aber sie gedachten, die kostbare Zeit ihres kurzen Urlaubs – des ersten als Klein-Familie - nicht zu vergeuden.

 

2. Freitag 16:00, Heidelberg

 

Mary fuhr die erste Strecke. Aus den Lautsprechern verkündeten die Pogues ihre Meinung über diese „dirty old town“, und für diesen Teil von Heidelberg, den sie gerade durchquerten, konnte Mary nur zustimmen.

Ein Blick in den Rückspiegel: Robin schlief bereits.

„Du, Davy“, begann sie und wandte ihren Kopf nach rechts. Doch dann verstummte sie. Eindeutig Robins Vater. Davids Kopf war nach hinten geneigt und sein Mund stand leicht offen. Ein leises gleichmäßiges Schnarchen entströmte ihm.

Mary schmunzelte. Sie stellte die Musik etwas leiser und hing ihren Gedanken nach.

 

Sieben Jahre war es jetzt her, dass sie ihre grüne Insel verlassen hatte, um in Heidelberg ihr Studium fortzusetzen. Inzwischen hatte sie ihren Master of Science abgeschlossen und promovierte seit 4 Jahren am Max-Planck-Institut für Kernphysik.

Schon als kleines Mädchen hatte sie sich für die Welt um sie herum interessiert und alles hinterfragt. Und hatte damit ihre Eltern und ihre Lehrer immer wieder an deren Grenzen gebracht.

Es war daher nicht verwunderlich, dass sie sich nach der Schule für ein Physik-Studium entschied.

Ihre Eltern, Patrick und Fiona Boyle, betrieben in ihrer Heimatstadt Kilkenny eine Kneipe, „Fiddlers Pub“. Paddy spielte in einer Drei-Mann-Band Geige und einmal im Monat traten sie im Pub auf.

Wenn montags und dienstags Ruhetag war, fuhr Paddy manchmal mit ihr und ihrer Schwester Moina in die angrenzenden Berge. Genau genommen waren es nur Hügel, aber es reichte, um den Lichtern der Stadt zu entfliehen und einen relativ klaren Nachthimmel zu erhalten.

Wenn es nicht regnete. Es schien einen Grund zu geben, dass es in Irland nicht viele nennenswerte Sternwarten gab.

Eine Ausnahme bildete nur der Kerry Dark Sky Park, der in der Tat nachts eine der dunkelsten Regionen der Erde darstellte.

Der Anblick eines Sternenhimmels abseits aller Lichter der Zivilisation hatte sich ihr unauslöschbar ins Gedächtnis gebrannt. Nie würde sie diesen Eindruck vergessen, und das berauschende Gefühl dabei, unendlich klein und doch eins mit dem ganzen Universum zu sein.

Schließlich fuhr sie nur noch alleine mit ihrem Vater hinaus, weil Moina zu schnell fror und maulig feststellte, dass ein Stern aussah wie der andere. Ihre Schwester klang dann immer wie ein Althippie, wenn sie mit einer wegwerfenden Handbewegung erklärte: „Haste einen gesehen, haste alle gesehen.“ Selbst in Paddys Teleskop, einem russischen Tal 1-M, bliebe ein Lichtpunkt doch nur ein Lichtpunkt.

Mary jedoch war fasziniert. Sowohl vom Anblick, als auch von den Vorgängen, die im Inneren der Sterne abliefen, und das seit Milliarden von Jahren. Sie verschlang Bücher über Radioastronomie ebenso wie über Kernphysik.

Nach ihrem Schulabschluss, dem Leaving Certificate, das in etwa dem deutschen Abitur entspricht, stellte sie fest, dass ihr Notendurchschnitt leider nicht ausreichte, um sich am Trinity College in Dublin einzuschreiben. Aber die National University of Irland – kurz NUI genannt – in Galway nahm sie gerne. Und letztlich war es dort deutlich günstiger, ein Studentenzimmer zu bekommen. Also zog sie im Alter von 18 Jahren von Kilkenny nach Galway und absolvierte 4 Jahre später erfolgreich ihren Bachelor of Science in Physik. Und da trotz des umfangreichen Studiums erwartet wurde, dass man mindestens zwei fachfremde Kurse einbrachte, wählte sie Deutsch als Fremdsprache. Sie fand so viel Gefallen an der Sprache, dass sie nicht nur zwei, sondern gleich sechs Deutsch-Kurse einbrachte. Nach ihrem Bachelor entschloss sie sich, ihre Deutschkenntnisse praktisch anzuwenden, und bewarb sich an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg für den Masterstudiengang.

Die Eltern waren zunächst bestürzt über diese Entscheidung. Hauptsächlich aufgrund der Entfernung, die sie dann von ihrer Tochter trennten. Andererseits waren sie aber auch mächtig stolz auf sie. Ihre Mutter, Fee, von der sie eindeutig die pragmatische und entschlossene Art geerbt hatte, flog mit ihr gemeinsam nach Heidelberg, um sich selbst ein Bild von der Stadt, der Universität und dem Studentenwohnheim zu machen. Und Moina, die schon als Physiotherapeutin arbeitete, versprach, in den nächsten Ferien nach Heidelberg zu kommen.

Mary seufzte zufrieden. Da sie bis Basel nur auf der A5 dahinrollte, musste sie sich nur auf den Verkehr konzentrieren. Es war voll auf der Autobahn, aber bislang kein Stau. Und so wanderten ihre Gedanken wieder zurück zu ihren ersten Wochen in Heidelberg. Die Stadt war riesig vergleichen mit ihrer Heimatstadt Kilkenny.

Ja, und sie genoss das Studentenleben! Sie bekam ein Zimmer in einem der Studentenwohnheime. Da auf jedem Stockwerk ein großer Gemeinschaftsraum vorhanden war, fand sie schnell Anschluss. Hier waren Studenten aller Fachrichtungen aus allen möglichen Ländern. Und wenn ihr der Trubel zu viel wurde, zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Es war nicht allzu groß, besaß aber eine kleine Kochzeile direkt hinter der Eingangstür, die zumindest symbolisch vom Rest des Zimmers abgetrennt war. Erst als David dann in ihr Leben trat, stießen die räumlichen Verhältnisse an ihre Grenzen. Man musste sich schon sehr lieb haben, um zu zweit in einem 90cm breiten Bett so etwas wie Nachtruhe zu finden. Davids Junggesellenwohnung war deutlich größer und so verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt hin und wieder 20 Kilometer Richtung Nordwesten. Denn zu ihrem Leidwesen wohnte David in Mannheim. Mit der S-Bahn war jedoch die Verbindung zügig und unkompliziert.

Nach zwei Jahren beschlossen sie einige entscheidende Änderungen vorzunehmenden: sie veränderten den Status ihres Familienstandes, ihre Steuerklasse und sie einigten sich auf einen Familiennamen. Dann suchten sie sich ein gemeinsames Zuhause. Sie hatten Glück und konnten in einem Heidelberger Vorort die Wohnung eines Arbeitskollegen von David übernehmen, der sich - ebenfalls auf Grund einer Änderung seines Familienstandes – verkleinern wollte.

David musste zwar täglich nach Mannheim zu seiner Arbeit beim TÜV pendeln, aber die Wohnlage gefiel beiden so gut, dass er dieses Opfer gerne zu bringen bereit war.Und dann stellte sie kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion fest, dass sie schwanger war. Sie und David hatten zwar bislang nicht so konkret über ihre Kinderwünsche gesprochen, aber ihnen war bewusst, dass die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode eher für Paare war, die das Risiko liebten. Und sie liebten das Risiko.

Mary grinste, als sie an den Abend dachte, an dem sie gemeinsam mit David auf den sich langsam, aber deutlich einfärbenden Streifen des Schwangerschaftstest starrten. Ja, sie waren beide überrascht. Aber nicht schockiert. Irgendwo tief in ihrem Inneren hatten sie es geahnt. Vielleicht sogar darauf angelegt? Nun, zumindest nicht wirklich versucht, es zu verhindern.

Und, um ehrlich zusein, sagte sich Mary, sooo unpassend kam es jetzt auch nicht.

Sie hatte schon die meisten Daten für ihre Doktorarbeit gesammelt und konnte sich somit aufs Zusammenschreiben konzentrieren.

Daher beschlossen die jungen Eltern, dass Mary während der Stillzeit eine Pause einlegen sollte.

Im Anschluss könne sie sich auf ihren Abschluss und die damit verbundene Prüfung stürzen, und David würde eine Auszeit nehmen.

Für den Übergang von der mütterlichen zur väterlichen Elternzeit war ein gemeinsamer Urlaub in Frankreich geplant. Und zwar im Pay de Gex, dem französischen Gebiet bei Genf, so dass Mary die Zeit nutzen konnte, ihren früheren Kollegen Christian Schön zu treffen, der dort am CERN, einer kernphysikalischen Großforschungsanlage, arbeitete.

 

Die Fahrt verlief ruhig. Kurz hinter Freiburg wechselten Mary und David die Plätze und Mary genoss es, sich zurückzulehnen und für einen Moment die Augen zu schließen. Obwohl dichter Verkehr herrschte, kamen sie doch zügig bis hinter die französische Grenze.

Der Schrei kam prompt und ohne Vorwarnung. Robin, der bislang friedlich in seinem Römersitz schlief, war wach. Und was ihm an Wortgewandtheit fehlte, glich er durch Volumen aus.

Mary zuckte zusammen. Dann drehte sie sich nach hinten zu ihrem Sohn.

„Hallo, mein Schatz, na du, bist du wach?“, flötete sie glockenhell und ignorierte die Tatsache, dass die Frage überflüssig war.

Robin schaute sie fast zwei Sekunden lang mit großen blauen Augen an. So ein süßer Schatz!

Dann wiederholte er seine Äußerung, wobei er ein paar Dezibel zulegte.

„Robin, ist ja gut!“ So ein lauter Schatz!

Auch Mary hob ihre Lautstärke an. „Wir sind gleich da!“

Sie sah sich suchend um. Der Kuschelhase war runtergefallen. Na, das Problem wäre ja schnell behoben. Sie reichte ihrem Sohn den zerliebten Hasen.

Robin ignorierte ihn. Er verzog sein Gesichtchen und schrie.

„Schau doch mal, hier ist Schlappohr!“ Sie wedelte mit dem Kuscheltier vor seiner Nase herum. Die einzige Reaktion: ein weiteres Crescendo. Wo war bloß der Lautstärkeregler?

Akustik war ein Themengebiet, das Mary eher am Rande ihres Studiums über sich ergehen ließ. Aber gab es nicht Zusammenhänge zwischen Resonanzkörper und Lautstärke? Wie konnte ein so kleiner Körper solche Schallwellen produzieren?

„Vielleicht hat er was in der Windel“, schlug David hilfreich vor.

Mary warf ihm einen finsteren Blick zu, woraufhin er schnell wieder auf die Straße schaute.

„Also dann“, sagte Mary, „fahren wir bei nächster Gelegenheit rechts ran, und du schaust nach.“

„Wieso ich?“

„Weil du die brillante Idee hattest.“

„Aber es könnte doch wirklich sein, dass die Windel voll ist.“ Davids Stimme klang gekränkt.

„Ja, Schatz. Entschuldige, du hast recht.... Robin! Gleich!! ... Lass uns auf den nächsten Parkplatz fahren.“ Stress lass nach! Das war wirklich überflüssig, David deswegen anzupampen.

Robin hatte seine Mutter bislang durch sein sonniges Gemüt verwöhnt. Daher fehlte ihr nun eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit einem schreienden Kind.

Sie wedelte weiter mit dem Stoffhasen vor seinem nass geweinten Gesichtchen herum, stupste ihn immer wieder freundlich an, aber ihr Sohn war untröstlich.

Wenn man keine Pause brauchte, kam alle fünf Kilometer ein Parkplatz! Und jetzt? Verblüffend, wie ein schreiendes Kind die Zeit zu dehnen vermochte.

Ähnlich wie ein schwarzes Loch. Vielleicht wurde ja die Zeit nicht nur in der Nähe großer Massen, sondern auch in die Nähe großer Lautstärke gedehnt. Sollte man mal wissenschaftlich untersuchen.

Endlich! Eine Raststätte.

Kaum stand das Auto, sprang Mary heraus, öffnete die hintere Tür und befreite ihren Sohn aus seinem Kindersitz. Sofort hörte das Geschrei auf.

Mit geübten Griffen hielt sie den Kleinen auf dem linken Arm, während sie mit der rechten Hand den oberen Rand der Windel etwas aufzog und einen kurzen Blick hineinwarf. Die Windel war trocken.

„Na, was ist?“ David war ebenfalls ausgestiegen und vertrat sich die Beine.

„Die Windel ist trocken“, sagte Mary ratlos.

„Dann brauchte er wohl einfach mal Gesellschaft“, meinte David achselzuckend und fügte gutmütig hinzu: „Komm, gib ihn mir. Ich setze mich zu ihm auf die Rückbank und du fährst den Rest.“

Mary saß nur ungern und nur unter Protest hinten in einem Auto.

„Danke!“ Sie lächelte ihren Mann an. „Ich nutz nur schnell die Chance, um auf Toilette zu gehen.“ Im Gegensatz zu deutschen Raststätten sind die in Frankreich sauber und kostenfrei. So musste man nicht drei Jahre lang Sanifair-Bons sammeln, um sich anschließend eines der völlig überteuerten Sandwiches davon zu leisten.

Mary reichte ihren Sohn an seinen Vater weiter.

Prompt setzte das Geschrei wieder ein.

„Nanu, seit wann schreit er denn bei dir?“

„Keine Ahnung.“ David klang bestürzt. „Geh du erstmal auf Toilette. Vielleicht kann ich ihn inzwischen beruhigen.“

Mary lief zur Raststätte, begleitet vom leiser werdenden Geschrei ihres Sohnes. Möglicherweise verweilte sie etwas länger, als nötig auf der Toilette.

Das Gebrüll hielt unvermindert an und empfing sie, als sie zum Auto zurückkam.

David stand mit hochrotem Kopf da und schaukelte seinen Sohn in seinen Armen schwungvoll hin und her.

Mary wurde schon beim Anblick seekrank. Robin nicht. Aber leiser wurde er davon auch nicht.

Sie streckte die Arme aus und David gab ihr das schreiende Kind mit einem erleichterten Seufzer zurück. Schlagartig herrschte eine ohrenbetäubende Stille.

Die Eltern schauten sich ratlos an.

„Ich glaube“, begann David vorsichtig, „Vielleicht sollte ich weiter fahren und du setzt dich zu ihm nach hinten. Er scheint ja offensichtlich zur Zeit seine Mutter zu brauchen.“ Obwohl er sich Mühe gab, entging Mary die Erleichterung in seiner Stimme nicht. Sein Angebot war durchaus ernst gemeint, aber sie wusste auch, dass er nicht wirklich unglücklich darüber war, nicht hinten sitzen zu müssen.

Na toll! Sie verzog das Gesicht. Seit ihrer Kindheit hatte sie nicht mehr auf der Rückbank gesessen. Ihr wurde dort zwar nicht immer schlecht, doch ein mulmiges Gefühl im Magen ließ sich nie ganz vermeiden.

„Also, ich würde mich ja nach hinten setzen, aber du siehst ja selber....“, David hob die Schultern in gespieltem Bedauern. „Da müssen wir Robin zu liebe eben beide ein Opfer bringen.“

„Übertreib es nicht“, zischte Mary, hob Robin in seinen Kindersitz, schnallte ihn an und versuchte dabei, das spontan einsetzende Gebrüll zu ignorieren.

Dann lief sie ums Auto herum, setzte sich neben ihn und griff nach seinem kleinen Fäustchen. Welch himmlische Ruhe!

David nutze die Gelegenheit, startete das Auto und steuerte die Ausfahrt an.

Für ein paar Sekunden erfüllte das freundliche Brummen des Motors den Innenraum. Dann gingen alle Geräusche unter im ohrenbetäubenden Geschrei Robins.

Mary war versucht, sich die Ohren zu zuhalten. Wie konnte ein so kleines Kerlchen nur so eine Lautstärke hervorbringen?

David gab Gas und fädelte sich geschickt in den fließenden Verkehr ein.

„Was soll ich denn noch machen?“, fragte Mary genervt.

David schaute konzentriert auf die Straße.

„Davy!“ Es war nicht leicht, Robin zu übertönen, aber schließlich hatte Robin diese kräftige Stimme von seiner Mutter geerbt.

„DAVID!!“

„Ja, mein Schatz, entschuldige, ich musste mich gerade konzentrieren“, Hundeblick im Rückspiegel.

Insgeheim bewunderte Mary ihren Mann, wie er es immer wieder schaffte, auszublenden, was ihn störte.

„Ist schon gut“, sagte sie versöhnlich. „Du kannst ja wahrscheinlich auch nichts machen. Ich finde diese Tonlage nur ziemlich nervenzermürbend. Und wenn ich mir wünsche, ich hätte jetzt Oropax, dann habe ich ein schlechtes Gewissen.“

„Das musst du nicht haben. Du bist eine tolle Mutter! Und manchmal ist ein Kind vielleicht einfach nur genervt; aber er kann es eben nicht anders ausdrücken.“

Mary lächelte ihn dankbar im Rückspiegel an.

„Danke.“

„Was?“

„DANKE!“ Es war wirklich nicht leicht, Robin zu übertönen.

„Ich will ja nicht wie ein nörgeliges Kind klingen“, setzte Mary mit lauter Stimme fort, „aber: wie laaaaange nooohooch?“

David grinste ihr Spiegelbild an.

„Ich schau nach vorn, schau in die Rund; noch dreißig Minuten, halbe Stund!“

Mary verdrehte die Augen. Sie kannte Davids Leidenschaft für Gedichte und dieser Satz eben klang verdächtig nach irgendeinem Gedicht.

Marys Deutsch war nach fast acht Jahren in Deutschland so gut wie akzentfrei. Und natürlich hatte sie auch viele Details der deutschen Kultur kennen- und manche, aber absolut nicht alle auch schätzen gelernt. Jedoch in die Welt der Dichter und Denker war sie nicht vorgedrungen. Sie schmunzelte, als ihr das erste Treffen mit Peter Hansen, Davids besten Freund aus Kindertagen in den Sinn kam.

Die beiden Männer hatten sich den ganzen Abend irgendwelche Zitate von Goethe, Schiller und Morgenstern um die Ohren gehauen.

Morgenstern .... das war tatsächlich ein Name! Nicht nur eine Bezeichnung des Planeten Venus, geschweige denn eine mittelalterliche Waffe.

Und sie hatte daneben gesessen und nichts verstanden.

Ob Peter, ein Deutsch- und Biologielehrer, bei seinen Schülern beliebt war? Dann dürfte er sie auf jeden Fall nicht so mit seinen Gedichten nerven, dachte Mary bissig. Andererseits tat er immer so lässig und wirkte mit seinen verwaschenen T-Shirts und Jeans, zusammen mit seinem 8-Tage-Bart und der Sonnenbräune wie ein Surfer. Auf jeden Fall nicht wie ein strenger Gymnasiallehrer.

Marys abschweifende Gedanken wurden von ihrem Sohn unsanft unterbrochen. Woher nahm der bloß die Energie?

Wenn er so weiter schrie, befürchtete sie eine größere Sauerei im Auto. Robin hatte schon des öfteren seinen empfindlichen Magen demonstriert. Und seinen Eltern fehlte noch die Erfahrung im Umgang mit Spucktüten.

Mary erwog für einen Moment, sich ihren Sohn auf den Schoß zu nehmen.

Natürlich ist das verboten. Und zu Recht! Kinder sind am besten in Kindersitzen aufgehoben. Aber dieses Geschrei! Wenn er bei zehn noch nicht damit aufhörte ...

Nein, Sicherheit ging vor. Gestern erst hatte sie einen Film gesehen, in dem zu Beginn ein kleiner Junge ungesichert im Auto herumtobte. Mary wurde fast schlecht, als sie sah, wie das Kind bei einem Unfall durch die Scheibe flog und verstarb. Sie war so entsetzt, dass sie den Film abbrechen wollte. Erst als David ihr versicherte, dass die Handlung eine ganz andere sei, war sie widerwillig dabei geblieben.

Wenn Robin doch nur endlich still wäre!

Wieder einmal beneidete sie ihren Mann um die Gabe, Unangenehmes oder Störendes einfach auszublenden. Wie machte er das bloß? Autogenes Training? Imagination?

Sie stellte sich ein friedlich neben ihr schlafendes Kleinkind vor. Konzentrierte sich auf die himmlische Ruhe, die dann herrschen ....

Ein lauter Knall.

Sie wurde nach vorne in den Gurt geschleudert, spürte einen stechenden Schmerz in der rechten Schulter und hatte das vage Gefühl, dass der Wagen sich einige Male um sich selbst drehte, bis er endlich zum Stillstand kam.

Erstaunlicherweise empfand Mary keine Panik. Nur Erleichterung, dass sie Robin nicht aus seinem Sitz geholt hatt. Dann fiel aller Schmerz von ihr ab. Sie fühlte sich leicht und befreit. Um sie herum verschwammen die Bilder in einheitlichem Grau.

Ich bin tot! Schoss es ihr durch den Kopf.

Jetzt noch nicht! Sie wollte ihren kleinen Sohn aufwachsen sehen. Er brauchte doch seine Mama!

 

Sie versuchte zu blinzeln.

Es wurde heller um sie herum.

Bis sie eingehüllt war in gleißende Helligkeit.

Nach einiger Zeit, deren Dauer sie nicht abzuschätzen vermochte, verblasste das Strahlen. Konturen wurden sichtbar.

Sie kniff die Augen zusammen.

Immer deutlicher erschien die Welt um sie herum. Sie nahm auch Geräusche wieder wahr. Etwas berührte ihren Arm.

Langsam kehrten ihre Sinne zurück.

Sie saß im Auto. Neben ihr Robin in seinem Römersitz.

Hatte sie nur geträumt? Sie war verwirrt. Alles wirkte so vertraut. Und doch fremd.

Ihr Sohn schlief friedlich. Hatte er nicht eben noch gebrüllt?

„Was meinst du?“ Hörte sie ihren Mann. Sie sah sein Gesicht im Rückspiegel. So gewohnt, und doch… Irgendwie... Nein, sie kam nicht drauf.

„Also, was machen wir jetzt wegen Robin?“ David wiederholte seine Frage.

„Wieso? Was meinst du, was wir machen sollen? Wir können doch froh sein, dass er endlich schläft.“

„Was?“ Erstaunte Augen musterten sie im Spiegel.

„Er schläft doch jetzt schon die ganze Fahrt über. Sollten wir ihn nicht wecken und füttern? Sonst schläft er womöglich in der Nacht nicht mehr.“

Mary starrte sein Spiegelbild an.

„Was meinst du mit ‚er schläft die ganze Fahrt‘? Er hat bis eben gebrüllt. Deshalb habe ich mich doch nach hinten gesetzt.“

Davids Augen im Rückspiegel wurden größer. „Du sitzt doch von Anfang an da hinten, damit wir die Essenskiste auf den Beifahrersitz stellen konnten. Was ist denn los mit dir?“

Mary verstummte. Ja, was war los? Dieses Gespräch ergab keinen Sinn. Und sie traute sich auf einmal nicht mehr, zu fragen, ob sie einen Unfall hatten. Offensichtlich nicht.

Aber sie konnte sich doch nicht alles eingebildet haben. Das schreiende Kind. Ihr Wechsel vom Beifahrer- auf den Rücksitz. War das ein außergewöhnlich lebhafter Traum?

 

3. Freitag 17:00, Meyrin

 

Inzwischen war es still im Gebäude. Die Kollegen waren alle in Genf. Heute spielten die Geneva Seahawks gegen die Lausanne Owls. American Football. Das hatte Christian noch nie interessiert und zudem verstand er die Regeln nicht. Daher fiel es ihm nicht schwer, heute die Nachtschicht zu übernehmen.

Er beschloss, sich einen Kaffee zu holen und zu diesem Zweck zur Kantine am Haupteingang bei Meyrin zu laufen. Etwas frische Luft täte ihm gut. Natürlich hatte er hier bei NA62, seinem Experiment in der North Area des CERN, bequemere Möglichkeiten, an Kaffee zu bekommen, aber er brauchte Bewegung.

Eine halbe Stunde später kam er gestärkt zurück. Wieder am Schreibtisch gab er das Passwort ein. Daraufhin lösten sich die Bildschirmschoner seiner drei riesigen Flatscreens auf und gaben den Blick frei auf zahllose Grafiken, die die Ergebnisse der laufenden Experimente visualisierten. Histogramme und Diagramme zur Veranschaulichung von Messdaten, und vor allem ein Event-Display, das eine 3D-Live-Darstellung der Atomkern-Kollisionen zeigte.

„Ich mach jetzt Feierabend“, sein Kollege Jean-Luc Martin steckte den Kopf zur Tür herein.

„Du bist noch da? Ich dachte, ihr seid alle in Genf wegen des Super-Bowls.“

„Football“, Jean-Luc verdrehte die Augen. „Wenn es wenigstens Fußball wäre. Aber dafür interessiert sich hier ja keiner.“

„Hallo!“ Entrüstung schwang in diesem einen Wort mit.

„Ja, ok, Anwesende natürlich ausgenommen!“ Jean-Luc grinste und wollte gerade weiter, drehte sich dann aber wieder um. „Komm doch mit. Wir gehen mit ein paar Leuten zum Hacienda Club. Ist Live-Musik heute.“

Na klar! Christian drehte sich zu Jean-Luc um und setzte ein freundliches Lächeln auf. „Ein andermal vielleicht. Hab heute die Nachtschicht.“ Bedauernd hob er die Schultern.

Jean-Luc hob eine Augenbraue und sah ihn eine Sekunde lang an. „Alles klar“, sagte er dann und zog einen Mundwinkel hoch. „Viel Erfolg. Man sieht sich morgen.“ Er verschwand und ließ die Bürotür offen stehen.

Es war still auf dem Gang.

Hacienda-Club. Wäre vermutlich ganz lustig gewesen. Schade. Er sah den Grafiken zu, die sich veränderten und geheimnisvolle Muster wie mit einem Spirographen zeichneten. Als Kind liebte er dieses Zeichengerät und beschäftigte sich stundenlang damit, die schönsten Kurven zu zeichnen. Ob das den Grundstein gelegt hatte für seine jetzige Arbeit?

Er schmunzelte und betrachtete wieder seine Bildschirme.

Beinahe hypnotisierend, wie sich bunte Linien von einem unsichtbaren Punkt aus in alle Richtungen erstreckten. Manche geradlinig, manche gekrümmt. Manchmal waren es viele Spuren, manchmal nur ...

Was war das denn?? Er blinzelte. Für einen kurzen Augenblick sah es so aus, als würden die Linien wie mit einem großen Kamm nach unten gekämmt und dann wie einen Zopf zusammenlaufen! Das geht doch gar nicht, fuhr es ihm durch den Kopf. Das hatte er sich bloß eingebildet, denn im Bruchteil einer Sekunde war alles wieder wie vorher.

Übermüdung, schoss es ihm durch den Kopf. Einbildung.

Er beobachtete die anderen Graphiken. Das Experiment NA62, an dem er als Postdoktorand arbeitete, nutze nicht den berühmten Teilchenbeschleuniger LHC, den Large Hadron Collider, von dem die ganze Welt sprach. Stattdessen kam der SPS-Beschleuniger, der Super-Proton-Synchrotron-Beschleuniger zum Einsatz. Er diente wie der Beschleunigungsstreifen einer Autobahn hauptsächlich als Vorbeschleuniger für den LHC. Und eben auch für das Experiment NA62, für das er einen intensiven Strahl Materie erzeugte und auf Detektoren lenkte, um das Verhalten und den Zerfall dieser Teilchen zu messen.

 

Christian hoffte zwar, dass bei der Analyse der Zerfallsprodukte eines Tages ein exotisches, ein noch nie dagewesenes Teilchen identifiziert werden konnte. Aber die Signale, die die unterschiedlichen Detektoren lieferten ... Nein. Auch die bei einem Zerfall entstehenden Teilchen würden letztlich als Punkte oder Klumpen dargestellt werden. Parallele Linien, die zu einem Zopf gebunden wurden! Also wirklich! Er sollte seine Phantasie im Zaum halten. Jetzt sah ja auch alles wieder völlig normal aus. Na bitte.

 

 

4. Freitag 17:00, Segny

 

Enzo schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Wieder ein trüber Tag. Ohne Sonnenschein fühlte er sich noch energieloser und frustrierter als sonst.

Er lehnte sich zurück und strich sich über seine Haare. Er sollte mal wieder zum Friseur. Da sich seine Haare an den Schläfen schon seit Jahren ausdünnten, trug er den Rest lieber kurz. Das milderte in seinen Augen den Kontrast. Und was oben auf dem Kopf zurückwich, wuchs unten heraus. Er mochte seinen Bart, hatte schon als Jugendlicher sehnsüchtig darauf gewartet und kein Mittel unversucht gelassen, um den Bartwuchs zu beschleunigen. Nun allerdings sollte er ihn mal wieder stutzen.

Dieser Artikel über die Neugestaltung eines Freizeitparks im benachbarten Grilly ... ihm wollten einfach keine Ideen kommen. Dabei war er früher so ein erfolgreicher Landschaftsarchitekt. Sein größtes, sein letztes Projekt, war die Leitung der Gestaltung der Gärten von Versailles. Versailles! Das war vor fünf Jahren, doch es fühlte sich an wie in einem anderen Leben. Ein Leben, in dem er noch laufen konnte. Und Motorrad fahren. Er war immer ein begeisterter, aber auch umsichtiger Motorradfahrer. Kalkulierte die möglichen Fehler der anderen Verkehrsteilnehmer in jeder Situation mit ein. Das Auto, das ihn von hinten überrollte, als er vor einer roten Ampel hielt, hatte er nicht gesehen. Der Bruch seines linken Oberarmes war zwar schmerzhaft, aber medizinisch nicht kompliziert. Ein Problem war seine Hüfte. Das rechte Hüftgelenk war durch die schwere Maschine, die nicht nur auf ihn stürzte, sondern von dem Auto regelrecht auf ihn geschoben wurde, mehrfach gebrochen. Und so bekam Enzo Truchon im Alter von nur 41 Jahren ein künstliches Hüftgelenk. Es war eine lange Operation. Als er aus der Narkose erwachte, hatte er eine neue Hüfte. Aus modernstem keramischen Material. Und völlig nutzlos. Denn seit diesem Eingriff war er querschnittsgelähmt. Seine Frau Caroline, eine erfolgreiche Anwältin, verklagte ohne Zögern die behandelnden Ärzte. Mit Erfolg. Das Gericht verurteilte das Krankenhaus und er bekam ein großzügiges Schmerzensgeld. Das er liebend gerne gegen zwei gesunde Beine eingetauscht hätte. Viele Monate und zahllose Stunden bei einem Psychologen ließen ihn schließlich den Gedanken an Selbstmord aufgeben. Eine furchtbare Zeit nicht nur für ihn, sondern auch für Caroline und die zwei Mädchen. Ja, er hatte wieder ein Leben. Und ja, er hatte einen coolen Rollstuhl, mit dem er sogar schon im Verein „Sport Handicap Meyrin“ Rollstuhlvolleyball gespielt hatte. Und dennoch. Diese tief sitzende Wut auf den pfuschenden Arzt wurde er nie los. Manchmal kroch sie in ihm hoch wie bittere Galle. Dann vernebelte sie seine Gedanken, bis sein Kopf angefüllt war mit Hass, so zäh und schwer wie Teer.

Es war so mühsam, so unglaublich anstrengend, sich aus dieser Lähmung zu lösen. Der Psychologe hatte ihm geraten, er solle an etwas Schönes denken. Ha! Als ob das möglich wäre, wenn das Gehirn aus Teer bestand und er nur noch rot sah. Früher hielt er das nur für eine Redewendung. Aber wenn diese Wut in ihm emporkroch, sah er tatsächlich alles wie durch eine rote Brille.

Er hatte dann selber eine für ihn wirksamere Methode entwickelt. Er nannte es sein Reset für sein Hirn: Er pflanzte in Gedanken Bäume in exakt berechneten Abständen. Mal folgten diese Abstände den Fibonacci-Zahlen, mal den Primzahlen, oder den Quadratzahlen.

Als er nun vor seinem geistigen Auge den fünften Baum sieben Meter vom vorigen entfernt pflanzte, riss ihn das Telefon aus seiner imaginären Allee.

Sein Bruder Philippe, der erfolgreiche Unternehmer. Enzo verzog das Gesicht. Wollte er jetzt wirklich mit ihm sprechen? Philippe, der ältere Bruder, wenn auch nur ein Jahr älter. Philippe, der Gustav Gans der Familie. Was er anfing, gelang ihm. Philippe, dem keine Frau widerstehen konnte. Philippe, der im Alter von nur 27 Jahren sein Bauunternehmen gründete.

Enzo seufzte. Fairerweise musste er zugeben, dass sich sowohl Philippe als auch seine Schwester Isabelle in den Monaten nach seinem Unfall rührend um ihn und seine Familie kümmerten. Trotzdem. Davon konnte er auch nicht wieder laufen!

Was solls, dachte er sich und drückte das grüne Hörer-Symbol.

„Was gibts?“ Wozu sich mit Begrüßungsfloskeln aufhalten? Sein Bruder wusste ja, dass Enzo auf dem Display sah, wer ihn anrief.

„Dir auch einen guten Tag“, tönte es fröhlich aus dem Hörer. „Ich hoffe, ich stör dich nicht bei was wichtigem. Du, ich versuch schon seit ein paar Tagen Isabelle zu erreichen. Nächsten Samstag ist Papas 10. Todestag und da sollten wir gemeinsam etwas unternehmen. Meinst du nicht auch?“

Nein, das meinte er ganz und gar nicht. Und im Gegensatz zu Philippe wusste er genau, warum Isabelle sich nicht meldete. Aber das konnte er seinem Bruder nicht sagen. Denn was damals passierte, als Isabelle erst zwölf Jahre alt war, hatte sie nur ihm anvertraut. Niemandem sonst. Weder einem Therapeuten, noch der Polizei, obwohl Enzo sie zu Letzterem gedrängt hatte.

„Vielleicht ist Isabelle ja weggefahren“, sagte er lahm. „Aber du, ich kann nächste Woche auch nicht. Hab gerade echt viel zu tun.“

„Viel zu tun?“, echote Philippe. „Du?“, setzte er überflüssigerweise hinzu.

„Ja, ich! Auch wenn du dir das nicht vorstellen kannst.“ Merde! Immer wieder schaffte es sein Bruder, ihn auf die Palme zu bringen.

„Weißt du was, Philippe, kauf du doch ein Blumengesteck und leg es aufs Grab. Wir teilen uns auch das Geld.“

Philippe lachte höhnisch auf. „Als ob mir dein Geld wichtig wäre! Wir sind es Papa schuldig, dass wir seinen Todestag in Ehren halten. Was er alles für uns getan hat!“

Enzo atmete tief ein und dann wieder tief aus.

„Nun, das kann man so oder so sehen. Ich werde auf jeden Fall nicht dabei sein können.“

„Hätte ich mir ja denken können. Falls du was von Isabelle hörst, dann sag ihr, dass sie nächsten Samstag um 14:00 Uhr am Grab sein soll. Sie kann auch gerne schon am Freitag kommen und in meinem Gästezimmer übernachten.“

Aber sicher doch. Enzo verzog das Gesicht. „Ich werds ihr ausrichten, wenn sie sich meldet“, sagte er und legte dann auf. Isabelle. Er wusste, dass er der einzige war, dem Isabelle sich anvertraut hatte, wenn auch erst Jahre später, als sie schon nicht mehr zu Hause wohnte. Der eigene Vater! Seitdem empfand Enzo nur noch Verachtung und Ekel vor dem alten Mann. Und nur, weil er es Isabelle versprochen hatte, ging er nicht zur Polizei.

Seine Gedanken schweiften zu Gillis, seinem jungen Mieter. Gillis Kuiper kam aus den Niederlanden und promovierte an der nahe gelegenen Kernforschungsanlage. Nach außen hin wirkte der Junge immer fröhlich und gut gelaunt. Aber an seinem ersten Wochenende, als Caroline mit den Töchtern zu ihren Eltern fuhr und er mit Gillis allein war, vertraute sich der Junge ihm an. Nach dem dritten Cognac.

Enzo erfuhr, dass Gillis in seiner Kindheit nicht nur vom jähzornigen Vater geprügelt wurde, sondern auch mitansehen musste, wie seine Mutter geschlagen wurde. Mit zwölf Jahren kam er in eine Pflegefamilie, nachdem Nachbarn das Jugendamt auf die Zustände aufmerksam gemacht hatten.

Am nächsten Morgen bat Gillis ihn, niemandem von dem Gespräch zu erzählen. Es war ihm sichtlich peinlich, Enzo ins Vertrauen gezogen zu haben. Und so gab Enzo ihm sein Wort.

 

Quälend langsam füllte sich der Artikel. Enzo hatte versprochen, ihn heute bis spätestens 19:00 Uhr abzugeben. Aber ihm mangelte es nicht nur an Ideen. Auch Worte wollten sich nicht einfinden. Nun hatte er den letzten Satz schon dreimal umformuliert, doch verständlicher wurde er dadurch nicht. Seine Gedanken kreisten um das unerfreuliche Telefonat mit Philippe. Sein Bruder würde nie verstehen, warum Isabelle sich von der Familie zurückgezogen hatte. Warum sie selbst zur Beerdigung des Vaters vor zehn Jahren nicht erschien und warum sie auch zur Mutter bis zu deren Tod vor drei Jahren keinen Kontakt hatte. Nun, Philippe wusste ja auch nicht, was damals vorgefallen war.

Enzo schreckte hoch, als sein Kinn auf die Brust sank. War er doch tatsächlich gerade eingenickt!

So, jetzt musste er sich aber wirklich mal konzentrieren!

Er sah auf seinen Bildschirm. Hm, er hatte schon mehr geschrieben, als ihm bewusst war. Merkwürdig. Über 10.000 Wörter. Nun, dann würde er den Artikeln nur noch abrunden und ... Moment mal ... Sportanlage? Er hatte über eine Sportanlage geschrieben? Aber es sollte doch um einen Freizeitpark gehen. Oder? Er schüttelte verwirrt den Kopf.

Es klopfte. Enzo seufzte. Wieder eine Störung. Oder eine Ausrede für eine Unterbrechung.

Sein Mieter Gillis stand vor der Tür.

„Bonjour Gillis, was gibts?“

„Hallo, bonjour, ich habe gerade gemerkt, dass die Gasflasche leer ist. Haben Sie noch eine in Reserve? Oder können Sie mir sagen, wo ich so eine kaufen kann?“

Was?

„Welche Gasflasche meinst du?“

„Na, die von meinem Herd. Die unten im Schrank steht. So ne große, graue.“

Gas? Von was redete der Junge?

„Wieso Gas? Welcher Herd?“

Es entstand eine ungemütliche Pause, in der sie sich anstarrten.

„Ich wollte mir gerade ein Spiegelei machen“, sagte Gillis dann in langsamen und deutlich ausgesprochenen Worten. So, wie man mit einem zurückgebliebenen Schüler reden würde. „Ich drehe die Gasflamme auf und nach ein paar Sekunden ist sie ausgegangen. Also vermute ich, dass die Gasflasche leer ist.“

Wieder entstand eine Pause.

Was hatte der Junge bloß immer mit dem Gasherd? Schon vor einigen Jahren hatte Enzo zwei Elektroplatten in dem Appartement installiert, weil ihm der Gedanke, dass jemand in seinem Haus mit Gas hantierte, mulmig war.

Es gab kein Gas in dieser Einliegerwohnung. Auch keine Gasflasche.

„Ok, ich schau es mir an“, brummte er und warf Gillis einen zweifelnden Blick zu.

 

5. Freitag 19:00, Thoiry

 

David fand mit Hilfe des Navis problemlos ihr Ferienappartement in Thoiry.

Madame Dubois, ihre Vermieterin hatte das Auto wohl gehört, denn sie stand schon in der Eingangstür. Mary staunte. Madame Dubois war doch über 50 Jahre alt. My goodness! Sah die elegant aus! Ein bisschen wie Catherine Deneuve. Die blonden Haare trug sie in einer raffinierten und aufwendigen Hochsteckfrisur. Wenn Mary so eine Frisur an sich versuchte, sah das Ergebnis meist aus wie ein Vogelnest, in dem ein heftiger Kampf getobt hatte.

Dazu trug Madame eine beige Bluse mit leichtem Rüschenkragen, der von einer etwas zu klobigen Bernsteinkette umrundet wurde, und einen braunen, knielangen Wollrock, der ihre schlanke Figur betonte. Abgerundet wurde das Outfit mit dunkelbraunen Wildlederpumps. Stilvoll, aber nicht Marys Stil.

Selbstverständlich war Madame Dubois auch perfekt geschminkt.

„Bonsoir! Bienvenue! Isch ´offe, Sie ´atten eine bonne voyage“. Mit einem freundlichen Lächeln kam sie ihnen auf der gepflasterten Einfahrt entgegen.

„Bonjour“, kramte David eine seiner 10 französischen Vokabeln hervor. „Wir sind ganz gut durchgekommen. Und unser Kleiner hat die meiste Zeit geschlafen.“

Mary schüttelte stumm den Kopf, als sie diese Worte hörte. Sie konnte es immer noch nicht fassen.

Inzwischen war sie mit Robin auf dem Arm aus dem Auto geklettert.

„Bonjour, Madame Dubois. Je suis tres ravi de vous rencontrer. Leider spricht mein Mann nur wenig französisch, aber Sie sprechen ja ein ausgezeichnetes Deutsch. Also, wie gesagt: Ich freu mich sehr, Sie kennenzulernen. Was für ein schönes Haus Sie haben!“ Mary schaute bewundernd die Einfahrt entlang zur Steinfassade des großzügigen Einfamilienhauses, das mit den hell erleuchteten Fenstern in dicken Holzrahmen einladend und gemütlich aussah. Der Blickfang dieses Domizils war jedoch ein hoher, mit bunten Natursteinen gemauerter Außenkamin neben der Eingangstür.

„Oh, le doux bébé!“ Madame streckte die Arme nach dem verschlafen dreinblickenden Robin aus, der prompt sein Gesicht an Marys Brust verbarg.

„Er ist eben erst aufgewacht“, verteidigte David seinen Sohn. „Aber ab morgen werden Sie ihn wahrscheinlich nicht mehr los.“

„Dann wir lassen ihm erstmal die Zeit“, antwortete Madame Dubois verständnisvoll. „Kommen Sie, isch zeige Ihnen Ihre Appartement.“

Sie schritt voran und Mary und David folgten ihr in einen hellen und geschmackvollen Gang. Die Terrakottafliesen auf dem Boden vermittelten zusammen mit dem warmen Gelbton der Rauputzwände einen südlichen Flair.

Madame Dubois öffnete eine Holztür auf der rechten Seite, und sie standen im Flur einer kleinen Einliegerwohnung. Eine weitere Tür führte zu einer großen Wohnküche, mit einem rustikalen Esstisch und vier Holzstühlen. Ein schneller Blick verriet Mary, dass die Küche mit allem ausgestattet war, was man so brauchte. Kühlschrank, Herd mit Backofen, Schränke voller Töpfe, Pfannen und Geschirr. Sogar eine Kaffeemaschine und eine Mikrowelle standen zur Verfügung. Und zwei Wochen lang kämen sie problemlos ohne Spülmaschine aus. Die vielen an den Wänden hängenden Makramee-Eulen waren nicht ganz nach ihrem Geschmack und in einer Küche eher unpraktisch. Mary dachte lieber nicht daran, wie viel Bratfett diese Staubfänger im Laufe der Zeit geschluckt haben mochten. Igitt!

Des Weiteren gab es eine Sofaecke mit einem Glastischchen und einem Fernseher. Der kleinste Flachbild-TV, den Mary je gesehen hatte. Auf dem Sofa waren farbenfrohe, selbstgehäkelte Kissen liebevoll drapiert. Nun, über Geschmack ließ sich bekanntlich nicht streiten.

Durch die Küche gelangte man in das Schlafzimmer, in dem ein großes Doppelbett, ein Kinderbett mit Gitter, und ein alter Bauernschrank standen. An der Wand hing ein Regalbrett voller Bücher. Französische Bücher. Um das Regal herum wieder Eulen aus Makramee. Mary schmunzelte. So viele Eulen auf einmal gab es sonst nur in Hogwarts.

Um in das kleine Bad mit Dusche zu kommen, musste man das Schlafgemach durchqueren. Keine Aufteilung, die Mary für sich gewählt hätte.

Aber es war ja ein Ferien-Appartement. Und Gäste, die auf dem Weg zur Toilette durchs Schlafzimmer spazierten, waren nicht eingeplant.

„Vielen Dank, es ist wirklich entzückend“, log Mary, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir werden uns bestimmt sehr wohl fühlen.“

„Bien sur! Und wenn Sie etwas brauchen, dann zögern Sie nischt, zu mir zu kommen!“ Madame Dubois war äußerst hilfsbereit. Sie drückte ihnen die Schlüssel zum Appartement in die Hände, erklärte ihnen, welcher Schlüssel welche Tür öffnete und versprach, dass der ganze Papierkram Zeit bis morgen hätte.

---ENDE DER LESEPROBE---