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Amir kommt aus einer streng gläubigen, muslimischen Familie, ist selbst aber überzeugter Atheist. Er verheimlicht nicht nur seinen Unglauben, sondern auch seine Beziehung zu der Studentin Lydia- wissend, dass seine Eltern beides nie akzeptieren würden. Damit nicht genug sieht, Lydias konservativer Vater Amir immer noch als Moslem und ist gegen die Beziehung. Zu allem Überfluss stößt Amirs islamkritische Haltung Lydias bester Freundin Natalie sauer auf. Schließlich wird ihnen klar, dass mehr auf dem Spiel steht, als bloß das Verhältnis zu ihren Familien und Freunden. Kann es für Lydia und Amir trotz allem eine gemeinsame Zukunft geben? Diese Geschichte ist frei erfunden, wurde aber nach ausführlicher Recherche und mehreren Gesprächen mit Personen, die sich vom Islam abgewandt haben, geschrieben.
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2019
Jasmin Thoma
Der Ungläubige
© 2019 Jasmin Thoma
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-3132-9
Hardcover:
978-3-7497-3133-6
e-Book:
978-3-7497-3134-3
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dieses Buch widme ich allen, die wegen ihrer Überzeugung verfolgt oder geächtet werden.
Vorwort
Alles begann, als ich zufällig im Internet auf einen Beitrag einer Ex-Muslima stieß - einer Person, die muslimisch erzogen wurde, sich aber vom Glauben abgewandt hat. Sie erzählte davon, dass sie von gläubigen Muslimen oft als Verräterin bezeichnet wird, während sie von Nicht-Muslimen des Öfteren nach wie vor als Muslima gesehen wird. Außerdem sprach sie an, wie schnell man für islamkritische Äußerungen in die rechte Ecke gestellt wird.
Als Studentin der Kultur-und Sozialanthropologie weckte diese Problematik mein Interesse. Als es dann an der Zeit war, mir Gedanken über ein Thema für meine Bachelorarbeit zu machen, entschied ich mich dieses Phänomen zu behandeln.
Schon bei meiner Entscheidung für diese Thematik, war mir klar, dass die Recherche sehr schwierig würde. Ich las zahlreiche Twitternachrichten, Blogbeiträge und Biographien von Ex-Moslems, sowie das Buch „The Apostates“ von Simon Cottee, die erste wissenschaftliche Studie zu diesem Thema. Schließlich führte ich selber Interviews mit Ex-Moslems - eine Aufgabe, die mich bis nach Köln führte.
Bei all meinen Nachforschungen stieß ich zwar auf sehr viele unterschiedliche und individuelle Geschichten, doch die grundsätzliche Problematik war immer wieder die gleiche. Jeder der sich vom Islam abwendet, wird von vielen Muslimen als Verräter gesehen, von Nicht-Muslime oft aber nach wie vor als Moslem. Äußert man sich kritisch über den Islam oder spricht Probleme an, die damit in Zusammenhang stehen, wird man sehr schnell in die rechte Ecke gestellt. Gleichzeitig werden viele, die den Islam offen ablehnen, oder von negativen Erfahrungen mit Muslimen berichten, von Rechtsextremen instrumentalisiert. Viele Ex-Muslime fühlen sich von allen Seiten attackiert, da sie keiner Gruppe richtig anzugehören scheinen.
In den Mainstream-Medien findet diese Gruppe von Menschen kaum Beachtung.
Während der Recherchen für meine Bachelorarbeit fasste ich den Entschluss, dass ich diesem Thema auch mein nächstes Buch widmen will.
Die Idee, dieses schwierige und wissenschaftlich wenig erforschte Thema in Form einer fiktiven Geschichte zu bearbeiten, hatte ich, als ich sah, wie wenig Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit diesbezüglich vorhanden ist. Viele Leute, mit denen ich sprach, waren überrascht, dass es überhaupt Menschen gibt, die sich vom Islam abwenden. Deshalb hoffe ich, auf diese Weise Personen zu erreichen, die sich vielleicht noch nie mit diesem Gegenstand befasst haben. Auch wenn ich darüber schreibe, wie Ex-Muslime sowohl von gläubigen Moslems als auch von Rechten sowie Linken angegriffen werden, möchte ich eines im Voraus klarstellen: Dieses Buch enthält keine Polemik gegen Links oder Rechts oder gegen den Islam. All jenen, die danach suchen, kann ich es nicht empfehlen. Es geht mir nicht darum, mich politisch zu positionieren, sondern darum, auf die Probleme von Individuen hinzuweisen. Dabei möchte ich alles so differenziert wie möglich beleuchten - Meinungen, die in diesem Buch geäußert werden, müssen daher auch nicht zwingendermaßen meinen persönlichen Ansichten entsprechen.
Zwischen den Fronten
„Hör endlich auf, deinen Müll hier zu verbreiten! Du bist ein derart islamophober Rassist. Damit hilfst du nur, Hass zu schüren!“
Lydia starrte entsetzt auf den Bildschirm. Es war nicht der Kommentar selbst, der sie derart schockierte. Sie war längst daran gewöhnt, dass Amirs Tweets solche Reaktionen hervorriefen. Doch dieses Mal kam es nicht von irgendeinem anonymen Twitter-Nutzer, sondern von niemand anderem als ihrer besten Freundin Natalie! Wie konnte sie Amir derart angreifen? Er hatte doch nur aus dem Koran zitiert.
Lydia las die übrigen Kommentare durch. Amir versuchte jedem, der ihn angriff, zu erklären, dass Islamkritik nichts mit Rassismus zu tun hatte und er auch nichts gegen Muslime hatte. Lydia fand die Geduld, mit der er das anging bewundernswert. Sie war diese ewig wiederkehrenden Diskussionen längst leid.
Als sie weiter ihr Newsfeed durchsah, entdeckte sie noch etwas, das sie aufregte. Dieses Mal erfüllte es sie mit Wut. Ihr Vater hatte einen Beitrag von Amir geliked und einen zustimmenden Kommentar hinterlassen. Das war wieder typisch! Hier auf Twitter konnte er Amirs Beiträge liken und ihn für seine Einsicht loben oder seinen Mut bewundern, Dinge offen auszusprechen, die sich viele nicht zu sagen trauten, während er im realen Leben darüber schimpfte, dass seine Tochter mit einem „Scheißmoslem“ zusammen war. Sie hatte schon öfters versucht ihrem Vater zu erklären, dass Amir längst nicht mehr gläubig war, doch er akzeptierte es nicht. Natürlich wusste er auch nicht, dass es Amir war, dem er gerade seine Zustimmung bekundet hatte, denn auf Twitter hieß Amir „The Apostate“ und sein Profilbild zeigte einen zerbrochenen Halbmond.
Lydia seufzte. Sie wusste nicht, wie sie ihrem Vater oder Natalie je klar machen sollte, dass Amir weder ein Moslem war, noch Moslems hasste.
Doch der Gedanke, dass sie Amir heute sehen würde, hob ihre Stimmung. Sie schaltete den Laptop aus. Dann ging sie zum Kleiderschrank und betrachtete sich im Spiegel. Sie blickte in ihr etwas rundliches Gesicht mit den haselnussbraunen Augen. Kurz kämmte sie ihre dichten, braunen Locken. Danach stöberte sie in der Lade, in der sie ihre Schminksachen aufbewahrte. Sie kaschierte schnell die paar Hautunreinheiten und die leichten Augenringe. Zudem schminkte sie sich etwas rosigere Wangen und trug einen zartrosa Lippenstift auf. Lydia trug meist nur sehr dezentes Make-up, da sie natürliche Looks bevorzugte. Sie betrachtete sich ein letztes Mal im Spiegel, dann eilte sie die Treppe hinunter.
„Ah, Lydia, wo gehst du hin?“ Es war ihr Vater.
„Ähm… nur im Wienerwald spazieren.“
„Ah, gut. Du triffst dich doch nicht wieder mit diesem komischen Asylanten oder?“ Ihr Vater schien misstrauisch.
„Nein. Und im Übrigen wurde er in Österreich geboren.“
Mit diesen Worten warf sich Lydia ihre Jacke über. „Apollo!“, rief sie ihren Hund, welcher freudig bellend herbeigelaufen kam. „Komm, beeil dich“, sagte sie, während sie ihn nach draußen führte. Apollo schaute sie nur von der Seite an. Seine dunklen Augen blickten unter seinen schwarzen Zotteln hervor, als er neben ihr zur nächsten U-Bahnstation lief. Nach einigen Stationen mit der U4 stiegen sie in die Straßenbahn Richtung Rodaun um.
Als Lydia ausstieg, sah sie sich kurz um, ehe sie Amir bemerkte. Ihr Herz begann höher zu schlagen. Es schien ihr so lange her, dass sie ihn zuletzt gesehen hatte. Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte; seine dunklen Augen, die sanften Gesichtszüge, die schwarzen Locken; sie hatte seine Stimme vermisst und all die unzähligen Gespräche, die sie geführt hatten. Lydia lief auf Amir zu und umarmte ihn. In dem Moment, da sie in seinen Armen lag, verschwanden all die Sorgen aus ihrem Kopf. Lydia schloss die Augen und legte den Kopf auf Amirs Brust. Sie könnte den ganzen Tag nur dem Geräusch seines Herzschlags lauschen und die Welt um sich herum vergessen. Ihre Wut auf Natalie, die Sorge, ob ihr Vater die Beziehung je akzeptieren würde, all das schien im Moment bedeutungslos.
Irgendwann lösten sie sich aus ihrer innigen Umarmung und gingen in Richtung Wald. Lydia hakte sich bei Amir unter. Sie dachte an all das, was sie beide zusammen erlebt hatten. Lydia erinnerte sich gerne daran, wie sie ihn kennengelernt hatte. In ihrem dritten Semester hatte sie für eine Seminararbeit Interviews mit in Österreich geborenen Nachkommen von Migranten geführt. Bei ihrer Suche war sie auf ihn gestoßen. Damals hatte er bereits an der Richtigkeit seines Glaubens gezweifelt, sich selbst aber noch als Moslem bezeichnet. Erst in den darauffolgenden Wochen hatte er der Religion endgültig den Rücken gekehrt. Lydia hatte diesen Prozess miterlebt, denn sie hatten sich nach ihrem Interview noch öfter getroffen. All die Dinge, die er ihr über seine Familie, seine Glaubensgemeinschaft und seine Religion erzählt hatte, waren ihr wie Geschichten aus einer anderen Welt erschienen. Lydia konnte nicht umhin zu vermuten, dass sie ein entscheidender Faktor für seinen Abfall vom Glauben gewesen war.
„Wie geht es dir mit dem Lernen?“, wollte Amir wissen, während sie spazieren gingen.
„Es geht so. Ich habe Anfang Oktober noch zwei Prüfungen.“
Amir nickte. Kurz wirkte er traurig. „Ich wünschte, ich könnte auch studieren. Aber meine Familie unterstützt mich dabei sicher nicht. Ich habe ihnen immer noch nicht gesagt, dass ich Atheist bin, aber sie merken, dass sich etwas verändert hat. Ich beteilige mich an den Gebeten oft gar nicht mehr und wenn, dann bin ich offensichtlich nicht wirklich dabei. Sie werden immer misstrauischer und ich weiß, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Ich war zwar beim Einhalten der ganzen religiösen Verpflichtungen immer schon etwas nachlässig. Deswegen fällt es mir leichter, das auf Faulheit oder Mangel an innerer Stärke zu schieben. Ein schlechter Moslem ist für sie immer noch besser als ein Ungläubiger. Aber auch das stört meinen Vater extrem, vor allem, weil ich noch nachlässiger geworden bin. Ich werde mir nach dem Zivildienst den erstbesten Job suchen müssen, damit ich endlich von ihnen unabhängig werde.“
Lydia drückte sanft seine Hand. Wenn sie mit ihm sprach, wurde ihr immer wieder bewusst, wie einfach ihr eigenes Leben war. Natürlich wäre es ihrem Vater lieber gewesen, sie hätte wie ihr Bruder eine Lehre gemacht und dann gleich zu arbeiten begonnen, anstatt zu studieren. Er hatte seine ganze Familie stets als Angestellte in seiner Firma gesehen. Dennoch unterstützte er sie. Lydia war fest entschlossen, Amir irgendwann ein Studium zu ermöglichen, sollte er das nicht selbst schaffen.
„Deine Familie weiß noch immer nichts von mir, oder?“
Amir schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe ihnen nichts davon gesagt. Mein Vater würde es nicht wollen, dass ich mit einer Ungläubigen zusammen bin. Es wäre bei mir zwar kein so großes Problem wie bei Alia, aber er will trotzdem, dass ich eine fromme Muslima heirate, keinen Sex vor der Ehe habe und so weiter.“
Lydia fiel etwas ein. „Übrigens sind meine Eltern am Wochenende auf Geschäftsreise. Das heißt du kannst zu mir kommen.“
Amir lächelte. Der Gedanke schien seine Stimmung ein wenig aufzuhellen. Dann fragte er vorsichtig: „Und dein Bruder?“
„Den konnte ich überzeugen, dass du kein Terrorist bist.“
„Ach… echt. OK, dann sollte das kein Problem sein.“
Den restlichen Spaziergang beschlossen sie, nicht mehr über all diese Schwierigkeiten nachzudenken. Sie redeten einfach über Alltägliches. Lydia erzählte von der letzten Kunstausstellung, die sie besucht hatte. Dann sprach sie über ihr Studium. Amir hatte immer Interesse an den Dingen, die sie lernte, gezeigt, denn auch er beschäftigte sich mit sozialen und politischen Themen. Die Stimmung der beiden wurde so unbeschwert, dass Lydia von einem peinlichen Missgeschick, das ihr noch in ihrer Schulzeit passiert war, erzählte. „Also ich muss wohl so 17 oder 18 gewesen sein, da hatte ich über Facebook Kontakt zu einem kanadischen Moslem und wir haben uns gelegentlich geschrieben. Meine Tante hat sich zu der Zeit Schweine gehalten und ich habe sie einfach süß gefunden. Ich habe viele Fotos von ihnen gemacht. Und weil sie eben so süß waren, musste ich ihm natürlich ein Foto von einem Schwein schicken.“
Amir musste lachen.
Auch Lydia konnte in dem Moment nicht anders als zu lachen. „Ja, und dann erst ist mir klar geworden, dass es als Beleidigung aufgefasst werden könnte, einem gläubigen Moslem einfach so ein Foto von einem Schwein zu schicken….“
„Und wie ist das dann weitergegangen?“, wollte Amir wissen.
„Naja, wie gesagt, ich habe mir zuerst nichts gedacht und erst später ist mir klar geworden, dass es als unangebracht angesehen werden könnte. Er hat mich gefragt, was das soll und ich habe versucht, es zu erklären. Ich glaube, er hat verstanden, dass ich es nicht böse gemeint habe.“
Die Geschichte schien Amir zu amüsieren - er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Lydia lachte mit, auch wenn sie sich noch gut erinnern konnte, wie peinlich ihr die Situation damals gewesen war.
Sie kamen auf eine große Wiese, in deren Mitte zwei alte Bäume standen. Amir ging ihr voraus auf die Wiese. Unterdessen löste Lydia Apollos Leine und er rannte in großen Kreisen über das Gras. Sie schmiegte sich an Amirs Körper und atmete tief ein. In dem Moment wusste sie mehr denn je, dass ihre Beziehung all die Probleme mit ihrem Vater und Natalie wert war. Amir nahm sie in die Arme und sah sie an. Lydias Herz begann höher zu schlagen. Sie blickte in seine fast schwarzen Augen, die sie von Anfang an in ihren Bann gezogen hatten. Sie sah so vieles in diesen Augen. Mehr denn je spürte sie die Gewissheit, dass sie beide zusammen alles durchstehen würden. Lydia wusste, dass er genau dasselbe dachte, wie sie. Sanft strich er über ihre Wange und fuhr dann durch ihr Haar. Mit zittrigen Fingern zeichnete sie die Konturen seines Gesichts nach. Sie schloss die Augen und rückte noch enger an ihn. Einen Moment später spürte sie seine Lippen auf den ihren. Einen Augenblick lange vergaßen sie die Welt um sich herum, waren einzig und allein erfüllt von dem Wunsch, einander noch näher zu sein.
Lydia wusste nicht, wie lange sie so eng umschlungen dastanden. Als sie sich schließlich voneinander lösten, stand Apollo laut kläffend neben ihnen.
Lydia seufzte. „Wenn du immer, wenn wir uns küssen so anfängst, dann nehmen wir dich in Zukunft nicht mehr mit“, sagte sie ihm. Apollo bellte nur lautstark und begann wie wild mit dem Schwanz zu wedeln. Widerwillig warf sie ihm einen Stock, der auf der Wiese lag. Nachdem sie ihn Apollo ein paar Mal holen geschickt hatte, beschlossen sie, dass es an der Zeit war, nach Hause zu gehen. Die Stunden, die sie zusammen verbrachten, waren immer am schönsten, dennoch lag ein dunkler Schatten über ihrem Glück. Denn sie beide mussten ihre Beziehung vor ihren Familien geheimhalten.
Bei der U-Bahnstation verabschiedeten sie sich voneinander. „Ich rufe dich am Wochenende an, sobald meine Eltern weg sind“, sagte sie ihm. Sie küssten sich erneut, bevor sich ihre Wege trennten. Wie jedes Mal, nachdem sie sich mit Amir traf, schwebte sie noch lange später im siebten Himmel. Das konnte ihr meist nicht einmal ihr Vater verderben.
„Hallo Papa!“, rief sie als sie zu Hause ankam.
„Oh, Lydia. Wie war dein Spaziergang?“, fragte er.
„Toll, ich muss das schöne Wetter noch ausnutzen, bevor es kalt wird.“
„Gute Idee“, sagte er. Dann fragte er misstrauisch: „Und du warst auch wirklich alleine im Wald?“
„Ja! Und wenn nicht, ginge es dich auch nichts an“, erwiderte Lydia. Mit diesen Worten ging sie nach oben.
„Ich wusste es! Du warst wieder mit diesem Kanaken zusammen!“ Ihr Vater sagte noch etwas, doch Lydia hörte ihm nicht mehr zu. Wieder spürte sie die Wut in sich, doch sie konnte sie unterdrücken, denn die Vorfreude, dass sie Amir am Wochenende wiedersehen würde, war stärker als der Ärger über ihren Vater. Dennoch machte es sie traurig, dass sie nicht wie andere ihren Freund jederzeit zu sich nach Hause einladen, oder ihn in seinem Elternhaus besuchen konnte. Sie war es leid, ständig lügen zu müssen.
Am nächsten Tag traf sich Lydia mit Natalie. Natalie hatte eine Wohnung in der Wiener Innenstadt. Es war eine kleine, aber gemütliche Einrichtung. Das Sofa, der Tisch, der Schrank, die Fenster und Vorhänge, alles war schön sauber gehalten. Der Kasten und der Kühlschrank waren vollgeklebt mit Stickern von Antifa und anderen linken Gruppierungen. Viele davon zeigten Sprüche wie „Stop Racism“ oder „Nazis Raus“ oder auch einfach einen durchgestrichenen Strache.
Natalie begrüßte Lydia überschwänglich. Die beiden begannen sofort zu plaudern. Eigentlich traf sich Lydia gerne mit Natalie, doch dieses Mal hatte das Zusammentreffen einen bitteren Beigeschmack. Sie dachte daran, wie Natalie Amir angegriffen hatte. Sie hätte nicht erwartet, dass ihre Beziehung zu Amir so viel Ärger in ihrem Bekanntenkreis verursachen würde. Nun befürchtete sie, dass Natalie das Thema ansprechen könnte. Sie hatte Amirs Meinungen schon öfters kritisiert, doch derartig persönlich angegriffen hatte sie ihn davor nie. Lydia hätte auch nicht gedacht, dass ihre Freundin zu derartigen Angriffen in der Lage wäre, nur weil jemand eine andere Meinung vertrat.
„Und, wie geht‘s dir beim Lernen?“, wollte Natalie wissen.
„Eh ganz gut. Ich muss die Woche noch die restliche Pflichtliteratur für die Rechtsanthropologieprüfung lesen. Aber das geht sich locker aus.“
„Oh, gut. Ich hoffe, ich kriege auch alles so gut unter. Aber ich habe noch so einige Prüfungen übrig“, erklärte Natalie.
„Und, glaubst du, dass es sich ausgehen wird?“, fragte Lydia.
„Theoretisch ja, aber ich habe nebenbei noch so viel Anderes um die Ohren“, meinte Natalie.
Vielleicht sollte sie einfach mehr Zeit mit Lernen verbringen und weniger damit im Internet Leute zu beschimpfen. Der Gedanke kam Lydia ganz spontan. Sie war selber überrascht, denn normalerweise waren ihr derartige Gedanken fremd, vor allem ihrer Freundin gegenüber. Sie wusste doch, dass Natalie sich sehr anstrengte und viel Zeit in ihr Studium investierte. So beschloss Lydia, das, was Natalie über Amir gesagt hatte, zu vergessen, doch ganz gelang es ihr nicht.
„Hast du dich schon für ein Bachelorseminar eingeschrieben?“, wollte Natalie wissen.
„Nein. Ich muss noch ein Modul, drei Vorlesungen und das Seminar für Quantitative Forschungsmethoden machen. Nächstes Semester mache ich dann den Bachelor.“
„Oh Gott, du liegst wirklich gut in der Zeit“, sagte Natalie.
„Ja, ich habe halt keinen Job nebenbei“, entgegnete Lydia.
„Okay, das stimmt natürlich, aber ich glaube, ich könnte es auch ohne Beruf nicht“, meinte Natalie „Ich merke mir die Dinge einfach nicht so gut wie du.“
„Wie geht‘s dir eigentlich mit der Arbeit?“, fragte Lydia.
„Ja, so wie immer halt“, antwortete Natalie „Die üblichen Probleme mit meinem Boss.“
„Starrt er dir immer noch ständig in den Ausschnitt?“, fragte Lydia
„Ja, das macht er bei allen jungen Frauen“, antwortete Natalie „Manchmal macht er auch sexistische, herablassende Bemerkungen. Es gibt einfach so viele Männer, die Frauen nur als Lustobjekte sehen.“
„Hast du schon daran gedacht, dich zu beschweren?“, wollte Lydia wissen.
„Klar, habe ich das“, sagte Natalie „Aber wenn er das erfährt, bin ich womöglich meinen Job los. Das kann ich mir in meiner momentanen Situation nicht leisten. Ich habe mich bereits nach anderen Stellen umgeschaut, aber im Moment habe ich einfach nur diesen Job. Man kann oft gar nichts tun und diese Männer wissen das und nutzen es aus. Eigentlich sollten sie sofort gefeuert werden, aber Frauenfeindlichkeit ist in unserer Gesellschaft einfach noch viel zu akzeptiert. Aber, sobald ich mein Studium fertig habe, suche ich mir so schnell wie möglich etwas anderes. Es ist nicht gerade spannend, 20 Stunden in der Woche Regale einzuschlichten.“
Lydia nickte. Sie hatte sich noch wenig Gedanken darüber gemacht, was sie nach dem Studium tun würde. Wenn sie nicht mit Lernen beschäftigt war, dann waren ihre Gedanken schon seit längerem meist bei Amir.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, stellte Natalie genau diese Frage an sie. „Und, hast du eigentlich schon einen Plan für nach dem Studium?“
Lydia zuckte nur mit den Schultern. „Nicht mehr als das letzte Mal, dass du mich gefragt hast. Ich konzentriere mich erstmal auf mein Studium. Du weißt, ich mach lieber eine Sache nach der anderen.“
Natalie lachte. „Ja, du hast dich noch nie gerne auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren wollen. Aber es gibt ohnehin recht viele Möglichkeiten, was du mit einem Abschluss in Kultur- und Sozialanthropologie machen kannst.“, meinte Natalie.
In dem Moment sprang Natalies Katze vom Kleiderschrank auf den Tisch. „Nelly, nein, böse!“ rief Natalie.
Lydia lachte. „Komm her, Nelly!“, rief sie und nahm die Katze in die Arme. Dann sah sie Natalie an. „Weißt du noch, wie wir als Kinder eine streunende Katze gefunden haben?“
„Ja, ich hätte sie ja behalten wollen, aber meine Eltern waren immer gegen Haustiere. Weißt du noch, mein Hamster. Der war alles, was sie mir je erlaubt haben.“
Wie so oft schwelgten die beiden in Erinnerungen an früher, als sie oftmals den ganzen Tag in der Natur unterwegs gewesen waren, Tiere gespielt oder glitzernde Steine gesammelt hatten. Lydia dachte zurück an einen Sommer, den sie im Bauernhaus von Natalies Opa verbracht hatte, wo sie den ganzen Tag mit Kühen und Schafen gespielt hatte.
Damals war eine sorglose Zeit gewesen. Sie hatte sich nie über etwas anderes als ihre eigenen momentanen Probleme Gedanken machen müssen.
Als sie älter wurde, wurde ihr nach und nach bewusst, dass es nicht überall so einfach war wie hier und, dass es nicht allen so gut ging wie ihr. Doch bevor sie Amir kennen gelernt hatte, war dieses Wissen noch sehr abstrakt. Ihr war lange nicht klar gewesen, wie viele Menschen wie er, nicht wie sie selbstverständlich eine Uni besuchen und an allen gesellschaftlichen Bereichen teilhaben konnten; nicht einfach offen ihre Meinung sagen konnten, ohne Gewalt fürchten zu müssen. Mittlerweile dachte sie oft daran, was passieren würde, wenn seine Eltern die Wahrheit wüssten; eine Vorstellung, die ihr richtig Angst bereitete.
Doch trotz alledem bereute sie nichts; sie bereute nicht, mit alledem konfrontiert worden zu sein; bereute es nicht, Amir getroffen zu haben.
Am Abend telefonierte Lydia mit Amir. „Hallo Schatz“, hauchte er ins Telefon „Wie war dein Tag?“
„Ganz nett“, antwortete sie „Ich habe mich heute mit Natalie getroffen.“
Amir unterdrückte ein Seufzen. Er wusste, dass Natalie ihn wegen seiner Meinung ablehnte, wie so viele andere auch.
So wechselte Lydia das Thema, um ihn nicht weiter damit zu belasten. „Ja und ich bin heute deswegen nicht so viel zum Lernen gekommen, aber ich liege eh gut in der Zeit“, meinte sie.
Wie immer war Amir interessiert an dem, was sie zu sagen hatte, doch ihn beschäftigte eindeutig noch etwas Anderes. So beschloss sie, das direkt anzusprechen und fragte ihn, wie es ihm ginge.
„Ja… also es war eigentlich nichts Besonderes, aber es wird immer schwieriger die Fassade des gläubigen Moslems aufrecht zu halten. Allein die ganzen Gebete widern mich mittlerweile an und ich drücke mich immer öfter davor, auch wenn ich das nicht sollte. Mein Vater wird immer misstrauischer. Ich lebe einfach nur noch eine Lüge. Manchmal glaube ich, es wäre besser, einfach offen zu sagen, dass ich nicht mehr gläubig bin. Aber ich weiß, dass mein Vater das nicht akzeptieren wird. Solange ich den Zivildienst mache, kann ich nicht von ihnen unabhängig werden. Ich verdiene damit einfach nicht genug Geld, um mir ein eigenes Leben leisten zu können. Ich will auch nicht den Kontakt zu meiner Familie abbrechen, aber mit ihnen im selben Haus leben, kann ich echt nicht mehr lange.“
Erneut spürte Lydia einen Kloß in ihrem Hals, wissend, dass sie Amir nicht helfen konnte. Alles, was sie im Moment tun konnte war, ihre eigenen Aufgaben so gut wie möglich zu erledigen. So versuchte sie ihn zu beruhigen. „Ich weiß Schatz“, sagte sie „Aber es sind nur noch ein paar Monate. Wenn du nicht mehr zu Hause wohnst, kriegen deine Eltern nicht mehr mit, ob du betest oder nicht oder was du sonst so machst.“
Amir seufzte abermals. „Ja, vielleicht hast du Recht. Vielleicht wird das alles bald vorbei sein und ich kann aufhören, eine Lüge zu leben. Irgendwie muss ich diese Zeit halt ertragen.“
Dann schwiegen sie beide. Sie klammerten sich an die Hoffnung, dass bald bessere Zeiten kämen-wenn er endlich von seinen Eltern unabhängig wäre und sie ihren Vater zur Vernunft gebracht hätte. Doch die Zeit bis dorthin mussten sie durchstehen. Lydia begann von ihrer gemeinsamen Zukunft zu sprechen; einer Zukunft, in der sie all diesen Problemen entkommen wären; wo Amir unabhängig war und Lydias Vater die Wahrheit akzeptiert hatte.
Nach ihrem Telefonat ging Lydia bald ins Bett. Sie hatten bis spät in die Nacht hinein miteinander gesprochen. Amirs Worte gingen ihr noch lange nicht aus dem Kopf. Bald würde alles besser werden, sagte sie sich; für sie beide, doch vor allem für Amir, dem die Situation sehr zu schaffen machte. Lydia schloss die Augen und stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie beide endlich frei wären. Mit diesen süßen Bildern im Kopf schlief sie schließlich ein.
Endlich kam der Tag, an dem ihre Eltern wegfahren würden. Sie verabschiedeten sich am späten Vormittag und sagten, Daniel und sie sollen einfach Pizza bestellen. So bestellte ihr Bruder sobald ihre Eltern weg waren Pizza für drei Personen, denn Amir würde schließlich auch kommen. Aufgeregt wählte Lydia seine Nummer. Es dauerte eine Weile, bis er abhob. „Ah, Lydia….“, er wirkte ein wenig nervös.
„Hallo, Amir? Geht es dir gut? Meine Eltern sind gerade weggefahren. Du kannst jetzt jederzeit zu mir kommen.“
„Ok, gut… ich komme sobald ich kann.“
Mit diesen Worten legte er auf. Lydia starrte auf ihr Handy. Weshalb war er so aufgeregt gewesen? War irgendetwas passiert? Sie versuchte, sich keine Gedanken zu machen und beruhigte sich damit, dass sie wahrscheinlich ohnehin alles bald erfahren würde. Vielleicht waren bloß seine Eltern in der Nähe gewesen.
So verdrängte sie den Gedanken und begann stattdessen die Küche etwas aufzuräumen. Dennoch ließ sie die Sorge nicht los, dass er Probleme hatte. Es dauerte lange, bis er kam. Lydia ging in Gedanken den Weg durch, den er zu fahren hatte. Er musste zweimal umsteigen. Vielleicht hatten die U-Bahnen Verspätung.
Lydias Sorgen verschwanden erst, als Amir schließlich vor der Tür stand. Sie bat ihn herein. „Lydia, es tut mir leid, ich wollte schon viel früher hier sein, aber… meine Eltern fragen mich seit Kurzem immer wenn ich aus dem Haus gehe, was ich mache und mit wem ich mich treffe. Ich behaupte dann, dass ich Dienst habe. Aber ich kann nicht immer vorgeben, Dienst zu haben.“
Lydia nickte. „Denkst du, sie ahnen etwas?“
Amir zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Sie werden generell immer misstrauischer. Deswegen machen sie sich auch Sorgen wegen der Leute, mit denen ich mich treffe. Ich habe mehr österreichische Freunde als ihnen lieb ist.“
„Und was sagst du, wenn du es nicht auf den Dienst schieben kannst?“, fragte Lydia.
„Naja, manchmal sage ich einfach, ich wäre bei Osim und seiner Familie. Die sind wenigstens Muslime. Aber auch sie sind meinem Vater viel zu liberal. Samar trägt nicht einmal ein Kopftuch… außerdem will ich eigentlich niemanden anderen in die Sache mit reinziehen.“
Lydia nickte und beschloss, das Thema zu wechseln. Sie wollte nicht, dass diese Probleme ihn noch mehr belasteten. „Übrigens, Daniel hat Pizzen bestellt“, erklärte sie „Sie sind wahrscheinlich in der Zwischenzeit schon kalt geworden.“ Lydia führte ihn in die Küche, wo Daniel während ihres Gesprächs gewartet hatte.
„Oh… hallo Daniel“, sagte Amir schnell. Plötzlich wirkte er etwas angespannt, denn als er Daniel zuletzt getroffen hatte, waren diesem seine Vorurteile deutlich anzumerken gewesen. Doch Daniel grüßte nur höflich zurück. Nachdem Lydia ihm ausführlich über Amir erzählt hatte, schien es ihm leid getan zu haben, dass er von vornherein davon ausgegangen war, Amir würde sie schlecht behandeln, weil sie eine Frau war.
