Der uninterpretierbare Traum - Philip Hautmann - E-Book

Der uninterpretierbare Traum E-Book

Philip Hautmann

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Beschreibung

Ein gutes, ein ungewöhnliches, ein substanzielles Werk. Das ist wahr. Der Nachfolger von Yorick, der schon sehr gut war, nur ist Rompf halt noch ausgefallener. Das Schreiben guter Literatur setzt immer eine hohe Risikobereitschaft voraus. Mehr Autoren wie Philip Hautmann, welche das Wagnis eingehen, die ausgetretenen literarischen Trampelpfade zu verlassen, wären der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur dringend zu wünschen. - Christian Köllerer, The Gap

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Philip Hautmann

Der uninterpretierbare Traum

Die Geschichte von Rompf

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Klappentext, Zitate, Widmung

(Urknall und Formierung der Materie im Erzähluniversum, bis dass Rompf erscheint)

(Rompfs Kindheit)

(Traumsequenz)

(Rompf und der Vergessenweltrompf, Amazonen-Lilli)

(Solveig und ihre Väter und ihre Liebe zu Rompf)

(Der Indienrompf und der Algerienrompf)

(Gespräch mit Aase)

(Der amerikanische Rompf)

(Die Geschichte von Rompf, wie sie ursprünglich geplant war)

(Gespräch mit Solveig)

(Rompf als Ölscheich)

(Amazonen-Lilli und ich gehen in den Würstelprater)

(Der antiplatonische Dialog)

(Der hochgelahrte Vater Günt und seine Sicht der Dinge)

(Der Afrikarompf)

(Das große Finale)

Endnoten

Impressum neobooks

Klappentext, Zitate, Widmung

Gegenstand dieses sensationellen Buches, dessen Bauprinzip, wie sie bald merken werden, liebe Leserin, die freie, ungehinderte menschliche Kreativität bildet, ist eine Betrachtung des am weitesten verbreiteten menschlichen Problems, nämlich das der menschlichen Durchschnittlichkeit, die nichts über sich selbst anerkennt, außer, wenn es darum geht, sich selbst zu vergotten. Wie bei „Yorick“, dem Vorgängerbuch, also das Problem der menschlichen Ipseität; wo bei „Yorick“ jedoch die Seltsamkeit des menschlichen Charakters beleuchtet wird, so ist es hier der Mangel an Charakter, sozusagen die Verfallenheit an das Man, und das Problem des Egoischen an sich. Im Gegensatz zu „Yorick“ wird hier jedoch auch die Lösung des Problems der menschlichen Ipseität angezeigt, nämlich die Öffnung des Menschen für das Nicht-Selbstische, das Hineinwachsen des Menschen in die Moral, in das gute Prinzip. Eine wesentliche Referenz hat dieser Rompf-Roman bei Ibsens Peer Gynt, diesem bei uns wenig bekannten, aber bodenlos tiefen Werk, dessen Lektüre ich auch ganz unabhängig davon empfehle. Der Peer Gynt heißt hier Rompf, eine Kurzform des Namens Roman, nicht allein beispiellos dumpfen Klanges wegen, sondern auch, um auszudrücken, dass es sich hier um einen „Roman“ handelt, beziehungsweise, dass die literarische Form hier mitreflektiert und in sich selbst miteinbezogen wird. Am glücklichsten würde es mich machen, würden sie hierin keine „experimentelle“, sondern Metaliteratur erblicken. Es ist hier ein Spiel der Formen und der Inhalte, das in einem Gedankenraum stattfindet; gestatten wir uns eine Anlehnung an den Traum, nicht allein aufgrund des deliranten Charakters der Realität, der hier notdürftig abgebildet werden soll, sondern auch, weil hier alles einigermaßen spontan stattfindet. Weitere nützliche Navigationsmarken zum Verständnis sind die Begriffe Stream of Consciousness, Sprache der Nacht, Chaosmos, schizotype Kreativität, Klartraum, Universalpoesie und Transzendentalpoesie. Ich hoffe, Ihnen gefällt das, ansonsten habe ich hier wenigstens was probiert. Liebe Leserin, jetzt gehört die Sache ihnen! Als wichtigsten Tipp möchte ich ihnen noch mitteilen: --Ä/&“+kap_-P>>>LO-----Z!(

Y., 2014

Philip Hautmann, geb. 1977 in Linz, hat Sozial-, Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Linz und Basel studiert und lebt in Wien. Ende 2010 ist sein erster Roman „Yorick – Ein Mensch in Schwierigkeiten“ erschienen, der als „Ulysses von Wien“ u. dergl. gepriesen wurde. Die hier vorliegende Geschichte von Rompf ist dessen Nachfolger. www.philiphautmann.at

Für Sarah und Stella

Wenn das Komische Freude bereiten und nützen soll, muss es mit einem ernsten und bedeutenden Stoff gepaart werden … Ich will versuchen, was sonst der Tragödie vorbehalten war, auf heitere Art darzustellen: die Laster der Großen, die eigentlichen Ursachen des menschlichen Unglücks, die Torheiten der Politik, das Falsche der üblichen Moral, die Unzulänglichkeit aller philosophischer Systeme, den geistesgeschichtlichen Aspekt des Jahrhunderts; ich will ein Bild der Welt, der Gesellschaft, des gegenwärtigen Bürgertums, der politischen Umwälzungen der nationalen Verhältnisse geben. Und ich glaube, dass ich, und zumal heute, mit den Waffen der Komik mehr erreiche als mit Leidenschaft, Liebe, Einbildungskraft, Beredsamkeit, sogar mehr als dem Räsonnement, obschon dieses heute viel Macht besitzt.

Ciacomo Leopardi

Die ewige Verwechslung und die stets erneute Auseinanderhaltung ... des höheren und niederen Lebens, bildet das Hauptthema aller Historie des menschlichen Geistes: dies ist das Motiv der Weltgeschichte.

Otto Weininger

Hafis, ein dunkles Rätsel

Ist unser Sein

Und seine Erforschung

Ein Gaukelspiel und ein Schein

(Urknall und Formierung der Materie im Erzähluniversum, bis dass Rompf erscheint)

Ich möchte die Geschichte von Rompf erzählen. Die Geschichte von Rompf bewegt sich entlang jener Linie, diesseits derer der Kosmos und jenseits derer das Chaos liegt. Das Wichtigste, das es zu verstehen gibt, ist dass der Geist zunächst dem Raum selbst gleicht, das Ego hingegen einer Krümmung, einer Schwerkraft, unter deren Wirkung alle Ausformungen des Geistes abgelenkt und nach innen gezogen werden, hin in das endliche Zentrum unseres pathologischen Verhaltens, einer kleinen, ständig auf- und zuschnappenden, hysterisch agitierten Falle, beziehungsweise, wenn ich näher rangehe, einem beständig klappernden, schnappenden und dabei insgesamt in einem leeren Raum hysterisch zitternden Gebiss, wie ich es mir bildhaft vorstelle: der Selbstreferenzialität. Dieses ist eine Vorstellung, aus der sich einige Probleme ergeben, wie wir sehen werden, sie muss jedoch als Mutter aller Überlegungen gelten, wollen wir uns der akkuraten Erfassung des Menschlichen beziehungsweise dem schwierigen Thema des Rompf annähern. Bevor ich über Rompf erzähle, muss ich mich jedoch an dieser Stelle zunächst an Foom erinnern. Foom wurde im Kindergarten so genannt, weil seine schicke Frisur stets den Eindruck machte und so aussah, als hätte er sie in eine Form gepresst, es wurde Abend und es wurde Morgen, und eines Morgens nannten wir ihn dann Foom. Das erste halbe Jahr im Kindergarten hat Foom kaum was gesagt, sondern versucht, sich seine beiden Hände gleichzeitig in den Mund zu stecken, aus Nervosität. Ein paar Wochen darauf wurde der, den also Foom zu nennen wir übereingekommen waren, während eines schriftlichen Tests im Fach Musik beim Schummeln erwischt und von der Professorin draußen auf den Katheder gesetzt. Ohne seinen Schummelzettel, den anzufertigen ihn mehr Arbeit und Zeit gekostet haben musste, als schnell vorher in der Pause ein bisschen zu lernen, was eh ausreichend gewesen wäre, war er jedoch völlig aufgeschmissen und wusste keine einzige Frage auch nur mit einem einzigen Satz oder zumindest einer Ausflucht zu beantworten. Also saß er volle zwanzig Minuten draußen hinter dem Katheder und blickte betropitzt zu uns ins Kindergartenzimmer hinein. Nach diesem Vorfall war uns allen klar, dass von allen Leuten, die wir kannten, Foom der seltsamste war. Ich denke mir jetzt irgendetwas mit dem Wort Blei. Konkreter gesagt, fühle die Notwendigkeit, jetzt das Wort Blei zu verwenden. Gras am Boden: feine grüne Häärchen, entsprießend der Scholle – die Oberfläche eines Neutronensterns soll aufgrund der extremen Schwerkraft, die auf die Ausrichtung der Atome wirkt, faser- beziehungsweise haarartig sein, bevor sie nach nur wenigen Zentimetern in einen anderen, extrem kompakten Zustand übergeht. Über dem Gras, grün, und der Scholle, erdfarben: Himmel – ein bleierner Schild.

Über dem Gras, grün, und der Scholle, erdfarben: Himmel – ein bleierner Schild. Von links nach rechts das Bild entlang verläuft der Feldweg, rechts hinten steht eine Scheune, ganz vorne im Bild, vor dem Feldweg, eine Art Holzzaun, konkret eine Vorrichtung bestehend aus drei waagrechten und ebenso drei senkrechten Balken, zirka zwei Meter breit und hundertfünfundreißig Zentimeter hoch, ohne erkennbaren Sinn, doch das ist der Sinnloszaun, an den ellbogengestützt gelehnt Rompf und sein bester Freund („Kumpel“) Holz sich anlungern, wenn sie in meinem Geist in Erscheinung treten.

Du, das Leben ist Scheiße, kann Rompf sich endlich aufraffen, zu seinem Kumpel Holz zu sagen.

Genau, sagt Holz darauf zu Rompf.

Das Leben ist der letzte Dreck, ruft Rompf nach einer weiteren Weile aus.

Genau, ruft Holz zurück.

Das Leben ist ein einziges Klo, so Rompf, diesmal sogar unmittelbar darauf folgend.

Ein Klo, meine Rede, spricht also Holz.

Das ist die Entstehungsgeschichte von Rompf und Holz, als sie in meinem Geist erschaffen wurden.

Ich schaue auf die Uhr und sehe wie spät es ist. Es ist fünfundreißig Jahre nach meiner Geburt und ein paar Jahre weniger, als ich mir einmal bei einem Ausflug mit meinen Eltern nach Wilhering einen Schiefer eingezogen habe! Ich kann mich noch erinnern, wie ich einige Augenblicke verdutzt dagestanden bin, versucht habe einzuordnen, was passiert ist, und dann aus vollen Halse und leidenschaftlich mit dem Plärren begonnen habe, wobei sich dieses Geplärre die ganze Heimfahrt über, die meine Eltern sogleich mit mir angetreten sind, hingezogen hat. Wie fürchterlich ich meinen Eltern auf die Nerven gegangen sein muss, doch das war halt ich! Heute weiß ich, dass Kinder in etwa bis ins Alter, in dem sie eingeschult werden, die Ausdrucksregulation noch nicht ganz beherrschen bzw. die korrekte Wahrnehmung und Einordnung von äußeren Reizen, vor allem, wenn sie schmerzhafter Natur sind; warum, frage und ärgere ich mich immer, sind einem Erkenntnisse wie diese nicht früher schon zur Verfügung gestanden, als man sie gebraucht hätte? Wie unendlich viel weiter wäre man dann heute, und das Immer-Weiter-Kommen ist ja das einzig Interessante, zumindest für mich, wenngleich nicht für die meisten Menschen, wie ich seitdem feststellen konnte. Je mehr ich mich in das Thema versteige, frage ich mich, ob wir damals noch den blauen Volvo oder schon den silbernen BX gehabt haben, erinnere mich plötzlich, wie ich meinen schiefernen Finger während der Fahrt jammernd aus dem Fenster gehalten habe – zur ständigen Kühlung – also muss es der BX gewesen sein, denn bei dem Volvo konnte man die Hinterfenster nur aufklappen, falls ich mich da jetzt nicht irre, was ich aber eben nicht glaube. Das heißt, dass mein Bruder auch schon auf der Welt gewesen sein muss, der schon früh eine Brille trug, jetzt Kontaktlinsen. Das heißt, es muss sich um die Zeit gehandelt haben, wo die Biesenfeldsiedlung bei uns in der Nähe errichtet worden ist. Dort gab es dann die Konditorei Preining, wo wir zum Abschluss unserer Volksschulzeit als ganze Klasse von unserer Lehrerin eingeladen wurden, und die auch heute noch recht gut ist. Und genau am Ende meiner Volksschulzeit sind wir dann umgezogen, nach Ebelsberg, ans andere Ende der Stadt, weil meine Mutter das als besser für sich empfunden hat. Bevor ich in die Volksschule gekommen bin, erinnere ich mich, eine Freundin namens Marlies gehabt zu haben, die zwar gleich alt, aber zu ihrem ewigen Ruhm als eine ungeheuer reife Persönlichkeit in meinem Gedächtnis abgespeichert ist, die keinerlei Groll oder Ressentiment kannte und die mich gleichsam stets getröstet und beschützt hat, wenn die anderen Kinderchen mir Böses angetan haben oder mich gehänselt und ausgelacht wegen meiner Interessen, die ich stets hatte und die sich damals alle zwei Monate auf etwas anderes bezogen haben, unter anderem einmal auf Waschmaschinen, dann auf Betonautos, auf Akkordeons, Klaviere, Feuerwerkskörper, Motorräder oder Überschallflugzeuge vom Typ Concorde (heute lache natürlich ich über die anderen, da ich wenigstens Interessen habe, sie aber wahrscheinlich nicht, außer höchstens Radfahren, Reiten oder Schwimmen - und die anderen lachen über mich, da die wenigstens Jobs haben, ich aber nicht). Ansonsten kann ich mich an nichts mehr, was mit Marlies zusammenhängt, erinnern, auch nicht mehr an ihren Nachnamen, was bedeutet, dass allein der unglaubliche Zufall mich je in diesem Leben noch einmal mit ihr zusammenführen wird, das heißt also dem Chaos überlassen bleibt. In der Angelegenheit, um die es geht, sind wir aber noch in unsere Wohnung in Auhof nachhause gekommen, wo mir mein Vater dann ganz einfach mit einer Pinzette den Schiefer rausgezogen hat, und das Problem spontan behoben wurde. Draußen vor unserem Wohnblock gab es eine Wiese und einen Spielplatz mit vier Schaukeln, von denen ich eine einmal unsanft ins Gesicht bekommen habe, woraufhin ich, nach Augenblicken der Verdutztheit, ebenfalls zu Plärren begonnen habe, was, glaube ich, meine erste bewusste Erinnerung war. Oder war es die, wo ich mich vor der Geburt meines Bruders mit dem Flugzeug gespielt habe und mir eingebildet habe, er werde da in Zukunft auch mit uns einsteigen? Je weiter man seine Erinnerungen zurückverfolgt, desto mehr gleichen sie Rauchfetzen, die von irgendeinem grauen, dumpfen Urgrund, einer Art Grund des persönlichen Marianengrabens aufsteigen, ohne dass dieser jedoch geographische Charakteristika aufweisen würde, so zumindest stelle ich mir das jetzt bei der Gelegenheit vor, werde aber später darüber nachdenken, ob man das auch tatsächlich so sagen kann. Der Urgrund ist ein Schild in der Zeit1, hinter dem man zwar bereits gelebt hat, hinter den aber die bewussten Erinnerungen nicht zurückreichen. Ich finde diesen freilich allseits bekannten Umstand genauer besehen, beziehungsweise genauer bedacht, faszinierend wie einst das Riesenrad, für das ich mich damals auch eine Weile interessiert habe. Hinter dem Schild liegen jene Erfahrungen, welche die Grundstruktur unserer Persönlichkeit geprägt haben, also jener Form, in der wir uns grundsätzlich wiederfinden und außerhalb derer uns eine emotionale und damit reale Erfahrung der Welt und des Selbst nicht möglich ist, wie auch die Erfahrungen, die durch eine individuelle Persönlichkeit gemacht werden, für eine andere Persönlichkeit nicht ohne Weiteres in eine eigene innere Erfahrung übersetzbar sind: Weshalb wir uns durch die Form der individuellen Persönlichkeit zwar grundsätzlich begegnen und kennenlernen, uns aber gleichzeitig fremd bleiben. Nehmen wir die nulljährige Liese. Die nulljährige Liese wird von ihrer Amme zu unregelmäßigen Zeiten gefüttert, ebenso erratisch wird auf ihr Geplärre reagiert. Häufig werden ihr, wenn sie plärrt, mit einem Wollschal die Hände gebunden, was zwar nicht Liese, dafür aber die Amme weniger nervös macht. Die Eltern, die die Erziehung der Liese ab dem sie ein Jahr alt ist übernehmen, lassen sich nichts zu Schulden kommen. Im Alter von einigen Jahren zeigt Liese ein sehr extrovertiertes Wesen und einen gewinnenden Charme, den sie einsetzt, um ihre Umwelt zu beeinflussen und zu ihren Gunsten zu manipulieren, hinter diesem Ausdruck bemerkt man jedoch eine eigenartige, dazu im Widerspruch stehende Teilnahms- und Affektlosigkeit. Im Alter von acht Jahren wird Liese in Stresssituationen sich angewöhnen, an einem Wollschal zu nuckeln und dabei mit ausdruckslosen, gleichsam nach innen gerichteten Augen starr in die Gegend zu blicken, irgendwann wird man bemerken, dass ihre gesamte Wahrnehmung egozentrisch verzerrt ist etc. Sprich: Liese leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die schwer behandelbar ist, da sie, wie alle Persönlichkeit, ihr emotionales wie kognitives, ja, integrales Fenster zur Welt ist, das in diesem Fall allein durch die Dummheit und Nervosität der Amme so angelegt wurde. Nehmen wir den nulljährigen Tom, der auf einem holländischen Fischkutter in ein Strampelkostüm gesteckt und die meiste Zeit des Tages über über das Strampelkostüm an einer Leine aufgehängt wird. Später wird Tom immer wieder und wieder über geistige Probleme schreiben, die Sexualität wird in seinen Schriften überhaupt keine Rolle spielen, Frauen und vor allem Mütter stets negativ dargestellt werden, als Mensch wird Tom keine Freundschaften eingehen und einem zur Begrüßung mit nahezu vollständig ausgestrecktem Arm die Hand reichen etc. Ebenso ist der nulljährige Ted ein normal entwickeltes und an seiner Umgebung interessiertes Kind. Im Alter von zwei Jahren wird er nach der Verabreichung eines Medikamentes einen schweren allergischen Schock erleiden und einige Wochen im Krankenhaus verbringen, um nachher menschliche Kontakte fast vollständig zu meiden, Mathematikprofessor und Genie zu werden, bald darauf ohne Angabe von Gründen seine Professur niederzulegen und zu verschwinden und schließlich zweieinhalb Jahrzehnte später als der Unabomber verhaftet zu werden, der zwar vorgeben wird, auf der Grundlage einer fortschrittskritischen und primitivistischen Ideologie seine Verbrechen begangen zu haben, insgeheim aber für sich notieren wird, dass sein eigentlicher Beweggrund sein „Hass auf die Menschen“ gewesen sei. So viel also zu Ted und Tom und der Linie zwischen Kosmos und Chaos in der Persönlichkeitsentwicklung. Runter durch den Trichter, wenn man die Masse freilegt, ein Netz von einigen Punkten, Molekülen, darunter eine schmutziggraue Fläche: die Tiefenstruktur der Persönlichkeit. So stelle ich mir das vor, ein paar molekülartige Dinger hängen herum, darunter ein ortloser Ort, wo kein Punkt von einem anderen unterscheidbar ist: ein halluziniertes Bild für die Tiefenstruktur der Persönlichkeit. Ich habe viel nachgedacht über die Tiefenstruktur der Persönlichkeit, die unveränderbar ist. Unterhalb der Planckskala soll der Raum fraktal sein, selbstähnlich, sagen sie, wie mir bei der Gelegenheit einfällt. Ich habe viel nachgedacht über ein Begiffsbild für das Chaos. Jetzt habe ich der Leserin nicht gesagt, wie spät es eigentlich war, als ich vorhin auf die Uhr gesehen habe. Ich werde das bei der nächsten Gelegenheit veranlassen.

Ich schaue auf die Uhr und sehe wie spät es ist. Es ist sechshundertausend Jahre nach der Entdeckung des Feuers. DIE BEHERRSCHUNG DES FEUERS, bleibe ich, der verkrachte Akademiker, der es jetzt als Schriftsteller probiert, an dieser Stelle mitten auf der Straße stehen und referiere, kann als jene Urleistung angesehen werden, mit welcher der Mensch sich von seiner tierischen Existenz emanzipiert und einen eigenständigen Zweig in der Evolution – die kulturelle Evolution – begründet. Wie der Feuerbringer Prometheus verlieren sich die Ursprünge des vom Menschen gezähmten und nutzbar gemachten Feuers im mystischen Dunkel unvordenklicher Zeiten, eben bis zu über einer halben Million Jahre in der Vergangenheit. Vor ca. sechstausend Jahren kam es durch die neolithische Revolution, der Entdeckung von Ackerbau und Viehzucht und der daraus folgenden Sesshaftwerdung des Menschen, zur entscheidenden Wende, ab welcher Menschsein erstmals und unauslöschlich Zivilisation bedeutet. Nur zweihundert Jahre in der Vergangenheit liegt die nächste große Revolution, die industrielle Revolution, begründet in der Energieumwandlung durch Maschinen, so umwälzend, dass der Mensch zum ersten Mal in seiner Geschichte diese als selbstgemacht und nicht als gottgegeben-unveränderlich zu begreifen imstande ist. Seitdem ist ein Mensch nunmehr im Laufe seines Lebens Zeuge von so viel Fortschritt wie zuvor ein ganzes Jahrtausend. Der entfesselte Prometheus rächt sich und stürmt den Olymp, verjagt die Götter. Inmitten dieser rasenden Bewegung werden bereits die Konturen einer neuen menschheitsgeschichtlichen Umwälzung sichtbar, einer Revolution durch die Manipulierung von Information. In den nächsten Jahrzehnten dürfte die Singularität der künstlichen Intelligenz erreicht werden – der Punkt, ab dem Programme sich selbst verstehen und sich selbst reproduzieren können. Ergebnis wäre eine Synthese menschlichen und künstlichen Geistes. Der Alterungsprozess wird durch die Fortschritte in der Medizin und Gentechnologie aller Voraussicht nach verlangsamt werden, kühne Köpfe stellen bereits die Unsterblichkeit in Aussicht, der Mensch könnte eine Symbiose mit Maschinen eingehen und zum Cyborg werden. Ende des 21. Jahrhunderts dürfte die menschliche Zivilisation, in kosmischen Maßstäben gemessen, den Status einer Typ I-Zivilisation erreicht haben, einer Zivilisation, die es versteht, die gesamte Energie ihres Planeten für sich nutzbar zu machen. Jenseits dessen liegt die Zivilisation vom Typ II, welche die Energie ihres Sonnensystems verwertet. Und dahinter die Typ III-Zivilisation, die die Ressourcen ihrer Galaxis kontrolliert. Schauen wir in einer Million Jahre auf die Uhr und sehen, wie spät es ist, so werden wir Menschen das innerhalb von Kugelsternhaufen tun, innerhalb welcher wir uns zum Zweck der einfacheren interstellaren Kommunikation über kosmische Signale angesiedelt haben werden. Nehmen wir an, es ist 1058 Referenzzeit, wir machen einen Schnitt durch das Signalgewitter und protokollieren

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Der Mensch trotzt also dem letztendlichen Tod des Feuerballs Sonne, indem er sich ins Universum versetzt. Am Anfang all dessen – das Feuer... Nun ist der Mensch das jüngste und daher am wenigsten ausgereifte Produkt der Evolution. Evolution ist ein blinder Prozess, nicht in der Perfektion geht sie auf, das Beste, was ihren Produkten passieren kann, ist, dass sie nicht gleich wieder aussterben, sondern Zeit haben zu gedeihen. Wie der menschliche Körper ist auch das menschliche Gehirn vom Standpunkt eines Intelligent Design viel eher eine Notlösung als ein geglücktes abgeschlossenes Resultat. Das menschliche Gehirn besteht aus der wahllosen historisch gewachsenen Übereinander- und Nebeneinanderlagerung von Schichten. Der Mensch hat ein schwaches Gedächtnis, eine trügerische, arbiträre Sprache, er kennt hunderte von verschiedenen Motiven für Sex, der streng genommen ja nur der Fortpflanzung dient, empfindet Lust wahllos und teilweise auch im Schmerz und ist anfällig für psychische Störungen und Neurosen. Das Dilemma in der menschlichen Entscheidungsstruktur besteht darin, dass das menschliche Gehirn aus einem Reflexionssystem wie einem bloßen Reflexsystem besteht, welche beide interferieren. Anders gesagt, ist der Mensch das einzige Tier, das die Zukunft rational planen kann und sie damit beherrscht, gleichzeitig jedoch zur bloßen Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse und Momenthaftigkeiten alle Rationalität nur allzu oft fahren lässt. Durch die bedenkenlose Verfeuerung fossiler Brennstoffe könnte der Mensch sehenden Auges sein eigenes Ende einleiten. Eine vollkommene Auslöschung der menschlichen Spezies durch eine Klimakatastrophe ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Nehmen wir der Eleganz halber an, es käme dazu. Dann wäre die Geschichte von Rompf, die sich entlang jener Linie bewegt, die zwischen Kosmos und Chaos verläuft, eines der letzten Zeugnisse menschlichen Kulturschaffens.

Ich schaue auf die Uhr und sehe, wie spät es ist. Es ist neuntausend Jahre nachdem die Keule in Mode gekommen ist. Es war der wärmste Sommer damals seit vielen Jahrtausenden (weil nach der Eiszeit das Klima wechselte und es wärmer wurde). Gletscher zogen sich zurück, die Baumgrenze wanderte hinauf. Wo sich zuvor die Tundra erstreckt hatte, gediehen allmählich wieder Wälder. Rentierherden und andere Tiere, die an die Kälte angepasst waren, zogen nach Norden und kamen dem Menschen als Jagdbeute abhanden. Ersatz fand er in den Hirschen, den Rehen, den Wildschweinen, die in den Wäldern leicht ausfindig zu machen waren. Die Fischerei gewann an Bedeutung, Früchte, Samen, Beeren und Nüsse gediehen und erweiterten die Nahrungsgrundlage. Neben der Keule waren es Pfeil und Bogen, die der Mensch entwickelte, um Tiere zu erlegen. Die Menschen begannen sesshaft zu werden und neue Grundlagen der Kultur, der Wissenschaft und der Technik zu erarbeiten, wobei Männer und Frauen dies gemeinsam taten – Differenzierung und Separierung über Geschlecht waren etwas, das erst in der Zukunft liegen sollte. Die figurative altsteinzeitliche Kunst, Höhlenmalereien von großen Herden und der Jagd, die in den letzten fünftausend Jahren zuvor entwickelt und zu großer Reife gebracht wurde, verschwand plötzlich, und machte allmählich größeren symbolischen Zusammenhängen Platz: Den ersten Religionen, die noch keinerlei Priesterschaft kannten, keinerlei Götter im eigentlichen Sinne, und die auch noch keine Moralkodizes in sich beinhalteten, insgesamt also nichts, was dem Menschen mental aufoktroyiert hätte werden können, sondern die einfach symbolische und lebensweltliche Modi waren, über die sich der Mensch mit der Natur in Verbindung setzte. Der Kannibalismus und die Schädelkulte der Altsteinzeit hörten sich auf, Krankheiten konnten aufgrund der Zunahme des Wissens mehr und mehr mit komplizierten Mischungen von Kräutern in Kombination mit immer ausgefeilteren magischen Beschwörungsformeln behandelt werden, die Lebenserwartung stieg von durchschnittlich 29,6 auf 31,2 Jahre. – Endlich einmal was anderes als unsere seelenlose moderne Plastikwelt! – Es war, wie gesagt, der wärmste Sommer seit Jahrtausenden: Der Urahn von Rompf, von seiner Mutter, Aase, ebenfalls genannt Rompf (was bedeutet „Mensch“), saß schmollend am Rand seiner Ansiedelung im Gras. Die Lieblingsbeschäftigung von Mesolithikum-Rompf war es nämlich, sich von hinten an seine SippschaftsgenossInnen heranzuschleichen und sie möglichst unvermittelt am Ohr zu stupsen, was, wie man sich denken kann oder aus eigener Erfahrung kennen mag, etwas sehr Lästiges ist. Daher kam es nur allzu oft vor, dass sich Rompfs Opfer, die er von hinten am Ohr stupste, geradezu reflexartig umdrehten und Rompf eine schallende, weit ausgeholte Ohrfeige verpassten. Nach einiger Zeit hatte Rompf es dann gelernt, schnell nachdem er wieder jemand aus seiner Sippschaft von hinten am Ohr gestupst hatte, davonzulaufen und laut HNHNHNHNHN!!! zu lachen – Eine solche Freude lag für ihn darin, wenn ihm ein solcher Coup schadenfrei gelingen sollte, und noch dazu ein beträchtlicher Anteil seines persönlichen Stolzes, es zu einer solchen Meisterschaft auf diesem schwierigen Gebiet gebracht zu haben. Und so ging es immer wieder: Rompfs SippschaftsgenossInnen beschäftigten mit dem Auseinandernehmen von Tieren, der Zubereitung von Essen, der Herstellung von Kleidung, der Herstellung von Werkzeug, mit medizinischen Verrichtungen wie zum Beispiel dem Wiedereinrenken von ausgerenkten Gliedmaßen oder gar mit primitiven, aber sehr penibel und mit größter Umsicht ausgeführten Operationen, mit der Herstellung von Bindemitteln wie zum Beispiel Birkenpech, was größte Sorgsamkeit erforderte, mit Beobachtungen und präwissenschaftlichen Klassifizierungen auf den Gebieten der Botanik, der Zoologie, der Mineralogie und Geologie sowie der Astronomie – je mehr sie in ihre Sachen vertieft waren, desto größer war die Freude von Rompf, sich an sie heranzuschleichen und im unerwartetsten Moment von hinten am Ohr zu stupsen und dann laut HNHNHNHNHN!!! lachend davonzuzischen. Da in der Sippe von Rompf, der Sippe der Diese, und den damaligen Sippen im allgemeinen aufgrund der Gefahr, der der Einzelmensch in der Natur ausgesetzt war, beziehungsweise der Unmöglichkeit, außerhalb von Sippschaften in der freien Natur überhaupt überleben zu können, die Gemeinschaftsethik und der Gruppenzusammenhalt sehr ausgeprägt war, ließ man Rompf in seinen dämlichen Eskapaden sehr lange gewähren, unter anderem auch, da sein Talent, das er für die Sippe der Diese einbrachte, im Erlegen von Tieren mit der Keule lag, und es niemanden gab, der den Büffeln, den Biffeln und den Boffeln so hingebungsvoll die Schädel zertrümmerte wie Rompf – und dann anschließend im Übrigen ebenfalls HNHNHNHNHN!!! lachend davonzischte – eines Tages hatte man aber befunden, dass es an der Zeit sei, mit diesem Unfug Schluss zu machen. Also wurde eine Sitzung einberufen, in der Rompf von jedem Mitglied der Diese eine schallende Ohrfeige zuteil wurde und der drohende Verweis, aus der Sippe ausgestoßen zu werden, wenn er noch EINMAL jemand von ihnen hinten am Ohr stupsen sollte. Deswegen also saß Rompf in dem Moment, wo wir die ganze Sache näher betrachten wollen, schmollend am Rande seiner Ansiedelung im Gras. Die Vorstellung, niemand mehr am Ohr stupsen zu können und dann HNHNHNHNHN!!! lachend davonlaufen zu können, war für ihn so niederschmetternd, dass er jenen Sommer auf die Idee verfiel, einen Dreitagesmarsch zur Nachbarschaftssippe der Jene zu unternehmen, um die Leute der Jene von hinten am Ohr stupsen zu können. Eine Weile funktionierte das ganz gut, bis Rompf dann aber unter den Jene auf den Weltmeister im Geradezu reflexartig sich Umdrehen und einem eine schallende, weit ausgeholte Ohrfeige verpassen traf, womit er grundloserweise, wie man sagen muss, dann doch nicht gerechnet hatte. Und was ihm, mehr noch, gar nicht gefiel. Dazu kam, dass es sich bei dem Weltmeister im Geradezu reflexartig sich Umdrehen und einem eine schallende, weit ausgeholte Ohrfeige verpassen unter den Jene um ein kleines, geradezu affenartiges und hässliches, diese Nachteiligkeit aber eben durch Behändigkeit ausgleichendes Männlein handelte, wodurch die Ruckzuck ausgeführte schallende Ohrfeige für Rompf eine war, die ihn nicht nur peinlicherweise ins Gesicht traf, sondern noch schallender in seinem Stolz. Also ging er zurück zu seiner eigenen Sippe der Diese und klagte sein Leid, freilich unter der Zuhilfenahme des Mittels der verzerrten Darstellung. Dabei kamen die dunkleren Seiten der damaligen Sippschaftssolidarität zum Vorschein: Einer sehr großzügigen Solidarität von Sippschaften im Inneren stand nämlich ein geradezu irrationales Unvermögen entgegen, Beleidigungen durch Mitglieder fremder Sippen angemessen einzuordnen und sie dahingehend zu hinterfragen, inwieweit sie denn nicht als Reaktionen auf Gesten der Mitglieder der eigenen Sippe Berechtigung gehabt haben könnten. Dass Rompf ein Idiot war, der gerade einen schweren Verweis durch die eigene Sippe bekommen hatte aufgrund seiner Neigung, alle von hinten am Ohr zu stupsen, und der daraufhin einen Dreitagesmarsch unternommen hatte, um alle aus der Nachbarschaftssippe hinten am Ohr zu stupsen, fiel unter den Tisch, entscheidend war nur, dass er von einem der Jene eine Ohrfeige bekommen hatte. Umgekehrt fanden es die Jene selbstverständlich nicht so großartig, dass jemand der Diese etliche von ihnen von hinten am Ohr gestupst hatte, vor allen Dingen konnten sie es sich einfach nicht erklären, wie jemand einen Dreitagesmarsch unternommen haben konnte, nur um so was zu tun. Das Wort „Komplott“ wurde bei dieser Gelegenheit geprägt, der Ausdruck des „feindlichen provokativen Aktes“ kam hinzu. Eine Abordnung der Jene suchte die Diese auf um eine Erklärung wie eine Entschuldigung einzufordern, bekam aber keine, sondern nur eine schnoddrige Abfuhr, was ein unangenehm angerührtes Klima zwischen den Diese und den Jene zurückließ. Aufgrund des schütteren Kontaktes der mittelsteinzeitlichen Sippschaftsverbände untereinander und der weiten Entfernungen, über die ihre Ansiedelungen voneinander entfernt lagen, wäre an und für sich kein großes oder dauerhaftes Problem gewesen, und schnell wurde die Angelegenheit sowohl für die Sippe der Diese als auch für die Sippe der Jene durch relevantere ersetzt – hätte sich nicht Rompf unter Begleitung seines Kumpels Holz abermals auf einen Dreitagesmarsch unternommen, um Mitglieder der Sippe der Jene von hinten am Ohr zu stupsen und ihnen, aus zusätzlichen Rachemotiven, einige dumme bis gefährliche Streiche zu spielen, bis dass Rompf und Holz von einigen der Jene ordentlich durchgeprügelt wurden. Das brachte nun abermals die Sippe der Diese gegen die Jene auf und vice versa, diesmal aber ernsthafter, wobei es sich vor allem die Jene immer weniger logisch zu erklären vermochten, was es mit diesen sinnlosen Beleidigungen und Streichen, die nunmehr zwei Mitglieder der Diese unter der Voraussetzung der großen körperlichen Strapazen der zudem gefährlichen Dreitagesmärsche gegen sie ausübten, auf sich haben konnte, weswegen sie auf zusehend unlogische und sinistre Erklärungsversuche respektive Unterstellungen verschwörerischer Feindseligkeit, die die andere Sippe gegen sie hegen würde, verfielen. Ebenso deutlich verfiel in den unangenehmen hochsommerlichen Temperaturen das Klima zwischen den beiden Sippen, auf Grundlage dessen sich mehr und mehr Mitglieder sowohl der Diese als auch der Jene zu gegenseitigen sinnlosen und zudem riskanten Stör- und Gemeinheitsaktionen gegen die jeweils anderen hinreißen ließen, die auch auf die Ebene der Symbolik ausgetragen wurden. Von Rompf stammten einige heute nicht mehr entzifferbare Parolen, namentlich

 Daham statt Islam!

 Pummerin statt Muezzin!

 Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe!,

von deren konkreter Bedeutung man, wie gesagt, heute nichts mehr weiß, nur, dass sie sich gegen die Sippe der Jene richteten. Schließlich kam es, dass die Jene einfach beschlossen, mit diesem Techtelmechtel Schluss zu machen, die Diese also ebenso einfach mitten in der Nacht überfielen, den Männern und den Knaben mit der Keule die Schädel einschlugen, fliehende Mitglieder der Diese mit Pfeil und Bogen erledigten, die Ansiedelung der Diese verwüsteten und anzündeten, so dass nichts mehr, keinerlei Überbleibsel mehr an sie erinnern möge, und die Frauen und die Töchter mit sich schleppten, sie vergewaltigten um ihnen die Würde zu rauben um sie schließlich als untertänige Wesen in ihre eigene Sippe einzugliedern. Zur Zeit als die Keule in Mode kam, waren die Menschen zu wenig zahlreich und lebten zu weit voneinander entfernt um sich in Gebietsstreitigkeiten und darauf beruhende kriegerische Auseinandersetzungen zu verwickeln. Der Urahn von Rompf, Rompf, hatte es also geschafft, erstmalig eine gewalttätige kriegerische Handlung auf der Basis von Ehrbeleidigungen anzuzetteln, was daraufhin häufiger vorkam und ebenso wie die Keule in Mode kommen sollte. Die Verschleppung und Misshandlung von Frauen leistete zudem ihren Beitrag, dass die Männer den Respekt vor den Frauen, die sie bis dahin als gleichrangig angesehen hatten, mehr und mehr verloren, was dem in den nächsten Jahrtausenden sich ausprägenden Patriarchat eine erste mentale Grundlage verschaffen sollte, ebenso wie die Verschleppung und Eingemeindung von Frauen aus fremden Sippen als Dienerinnen, vor allem in sexueller Hinsicht, eine erste mentale Grundlage schaffen sollte für die damals logistisch noch nicht, später dann aber doch als solche bewältigbare allgemeine Sklaverei.

Der Rompf der heutigen Zeit flaniert gerne mit seinem Kumpel Holz durch den nahe gelegenen Wald, den Hinterwald, und wenn sie sehen, wie die Schnapsbrenner ihr eigenes Zeug brauen, nehmen sie, wenn die Schnapsbrenner nicht zu sehen sind, beide ungefragt einen kräftigen Probeschluck davon und bemerken dann entweder

Und? Was hältst du von dem Zeug?

Babypisse – hat keine „Keule“ nicht!

Stimmt, hat keine „Keule“ nicht.

und schlurfen weiter, oder aber sie befinden

Ey Mann, das Zeug hat die „Keule“! Aber voll!

Stimmt, hat die „Keule“, das Zeug, voll, Mann! Runter damit! Ey!

woraufhin sie in aller Hast, einerseits um die Schnapsbrenner zu überlisten, andererseits um die „Keule“ ihre volle Wirkung entfalten zu lassen, sich den Schnaps runterstürzen. Nachdem sie sich den ganzen Schnaps im Zeitenlauf von ein paar Minuten „reingestellt“, wie es bei ihnen heißt, haben, beeilen sich Rompf und Holz dann freilich, schnell nach Hause oder zumindest aus dem Hinterwald zu kommen, um sich aus der Gefahrenzone zu begeben beziehungsweise um im sicheren Bereich zu sein, wenn die „Keule“ zuschlägt. So sicher wie das Amen in der Kirche schlägt die „Keule“ aber eben schon vorher zu, dann fallen Rompf und Holz immer wieder nach kurzer Strecke vollalkoholisiert hin, um anschließend allerhöchstens robben zu können, meistens aber überhaupt nur dazuliegen und sich die folgenden Stunden mit schallendem Gelächter zu vertreiben. AHAHAHAHAHA!!! schreit dann immer Rompf, und AHAHAHAHAHA!!! schreit Holz zurück, vorgeblich sich höchlich amüsierend über ihren volltrunkenen beziehungsweise jenseits der Volltrunkenheit gelagerten Zustand: darüber, dass sie nicht mehr sprechen können, darüber dass sie sich kaum mehr bewegen können, darüber, dass ihre Wahrnehmung so gut wie ausgeschaltet ist, darüber, dass sie orientierungslos durch den Hinterwald robben oder zu robben versuchen beziehungsweise einfach nur flach auf dem Bauch mitten im Hinterwald liegen, inkompetenter als neugeborene Kinder. Darüber, dass sie ihren Harn und öfters auch ihren Stuhl nicht mehr halten können und sich in die Hose pissen und hin und wieder auch in die Hose scheißen. AHAHAHAHAHA!!! schreit Rompf oder Holz dann wieder, vorgeblich darüber, dass er einen fahren gelassen hat, obwohl er sich in Wirklichkeit in die Hose geschissen hat, AHAHAHAHAHA!!! schreit Holz oder Rompf zurück – selbstverständlich finden sie ihre vollkommene Hilflosigkeit dann doch nicht so komisch, aber das trauen sie sich nicht zuzugeben. AHAHAHAHAHA!!! AHAHAHAHAHA!!! schreien sie dann lieber die ganze Zeit, und locken damit, nebst ihrer Bewegungsunfähigkeit und zu allem Überfluss, auch noch die Schnapsbrenner an, mit denen sie freilich jegliche Begegnung ursprünglich und verständlicherweise zu vermeiden bestrebt waren. Denn wenn die Schnapsbrenner sie finden, setzt es für Rompf und Holz immer gewaltige Prügel und Schnapsbrennerstahlkappenstiefeltritte gegen die bewegungsunfähigen Körper. In ihrer Hilflosigkeit versuchen Rompf und Holz dann meistens die sie malträtierenden Schnapsbrenner „wegzufurzen“, sprich mit besonders stinkenden Fürzen zu vertreiben, woraufhin sie sich, so das nicht schon der Fall gewesen ist, oder aber eben auch abermals meistens anscheißen, woraufhin sie dann wieder reflexartig respektive aus verborgener Scham lauthals lachen, was die Schnapsbrenner noch wütender macht, diese also noch wütender auf sie eindreschen. Wenn Rompf und Holz volltrunken, angeschissen, angepisst und grün und blau geschlagen von den Schnapsbrennern im Hinterwald liegengelassen werden, kann es sehr gut vorkommen, dass die oberflächlich zwar sehr höflich und charmant tuenden, hintergründig aber hinterlistigen und sich an der Gemeinheit in allen ihren Formen erfreuenden Müllmänner Strache und Kickl8 mit ihrem Müllwagen vorbeikommen, und Rompf und Holz in ihrem sogenannten Zustand direkt vor sich liegen sehen, woraufhin sie beide unweigerlich die Mundwinkel ganz, ja, extrem stark in die Höhe ziehen. Strache und Kickl9 lieben es dann immer wieder, aus ihrem Müllwagen und ihrem Müllwagenfahreralltag auszusteigen, ekstatisch grinsend mit rückwärts verkreuzten Armen gemächlich auf Rompf und Holz zuzuschlendern, sich neben sie hinzustellen, und sich dann immer wieder gerne den Spaß zu erlauben, sich mit hämischer Freundlichkeit bei ihnen zu erkundigen, ob sie beide nicht Lust hätten, von ihnen in ihrem Luxustaxi nach Hause gebracht zu werden. Wenn Rompf und Holz dann zustimmend murmeln, machen es Strache und Kickl10 dann immer wieder so, Rompf und Holz aufzufordern, doch lauter sich zu äußern, vorgeblich, da sie nicht verstehen könnten, in Wirklichkeit aber natürlich, da sie wissen, dass vor allen Dingen Holz, manchmal aber auch Rompf sich dabei immer wieder ankotzt, und setzen dieses Spiel solange fort, bis Holz und Rompf sich zusätzlich zu allem anderen eben angekotzt auch noch haben. Anschließend werfen Strache und Kickl11 Rompf und Holz hinten auf den Müll und fahren ihre Runde weiter, wobei sie darauf achten, noch möglichst viel Müll einzusammeln, den sie dann auf Rompf und Holz zusätzlich noch platzieren können, bis sie schließlich vor dem Hof von Rompfs Mutter, Aase, stehen bleiben, mit herab gezogenen Mützen und einem gespielten Gesichtsausdruck des ungeheuren Bedauerns bei Aase anläuten und ihr erklären, dass sie ihren Rompf soeben im Hinterwald aufgegabelt haben und ein gutes Werk geleistet, indem sie ihn „hinten“ mitgenommen haben, ansonsten er ja womöglich im Hinterwald verendet wäre etc., und sich dann unter einer nahezu unmenschlichen Selbstbeherrschung innerlich daran weiden, wie Aase den volltrunkenen, angeschissenen, angepissten, angekotzten, halbtot geschlagenen und eben in einem Müllwagen nach Hause gebrachten Rompf mit einem Ausdruck hysterischer Wut wie ebenso hysterischen Entsetzens aus dem Müllwagen gabelt, ihm zwei klatschende Ohrfeigen versetzt und ihn beinahe heulend mit den Worten DU BLUADAO BUAO!! DU SUABLUADAO BUAO!!! in die Stube zerrt. Anschließend bringen sie Holz zu seiner Frau, Betty Geröllheimer, mit der sich eine identische Szene abspielt, nur dass es bei ihr halt DU BLUADAO MUAO!! DU SUABLUADAO MUAO!!! heißt. Die Chuzpe, von Aase und Betty Geröllheimer „ein bisschen Trinkgeld“ für ihre selbstlose Leistung zu erbitten, konnten Strache und Kickl12 zwar doch noch nie aufbringen, beziehungsweise war die Atmosphäre dazu immer zu aufgeladen, sie nehmen es sich aber jedes Mal vor, es beim nächsten Mal zu versuchen.

Ich habe der Leserin versprochen zu erläutern, wie spät es eigentlich war, als ich Seite 2 niedergeschrieben habe: und es war ungefähr elf in der Nacht. Bei der Gelegenheit möchte ich Sie beglückwünschen, dass sie es jetzt einmal bis hierher geschafft haben; wie sie sehen, hat das Chaos und die Sprach- und Inhaltsmaterie, die in die Welt geschleudert wurde, schon ein paar konkrete Formen angenommen, und ich verspreche, das wird mehr oder weniger jetzt auch so bleiben, freilich nur mehr oder weniger, denn wir befinden hier uns ja in einem totalen Buch über die Realität oder eben anders gesagt in einem uninterpretierbaren Traum. Ein paar Scherze werden also schon noch auf sie zukommen, das kann ich ihnen ebenfalls versprechen. – Höre, Alter, sagte meine Mutter, hast du nicht vergessen, die Uhr aufzuziehen? – Ach du meine Güte, rief mein Vater ungeduldig, gab sich jedoch Mühe, seine Stimme zu mäßigen, – hat seit der Erschaffung der Welt eine Frau ihren Mann jemals mit einer so dummen Frage unterbrochen? – Was sagte denn ihr Herr Vater vorher? – Ach, nichts, so Rompf. Und nach einer unglaublich langen, beinahe nachdenklich wirkenden Pause: Er war gerade dabei, mich in die Welt reinzupudern.

(Rompfs Kindheit)

Über dem Gras, erdfarben, und der Scholle, grün: Himmel – ein silberner Schild. Rompf und sein Kumpel Holz lungern in meinem Geist abermals am Sinnloszaun:

Du, hebt Rompf nach einigen Stunden des Schweigens an, um anschließend wieder innezuhalten,

Du, die eine Kellnerin vom Shabu, die Sarah....

Die Sarah, unterbricht Holz die Stille,

... ich habe immer gestaunt, was für unglaubliche Titten die hat, so Rompf.

Titten..., so Holz, und nach einer Weile: Titten, die Sarah, ja.

Dann hat eine Zeitlang darauf dort auch noch die Stella zum Arbeiten angefangen.

Stella... so Holz.

Und die Stella... also: die hat noch ein wenig unglaublichere Titten als die Sarah, stell dir das mal vor!

Noch unglaublichere..., so Holz impressionistisch.

Noch unglaublichere Titten, also, da glaubt man immer, der ihr Oberteil würde platzen, also, würde weggesprengt werden, weißt du, einfach ... weggesprengt. Von ihren Titten. Man glaubt, das würde gleich platzen, alles das. Solche Titten hat die, redet Rompf für seine Verhältnisse für einen Moment fast wie ein Wasserfall.

Die Stella!

Die Stella.

Ein Vogel fliegt von rechts ins Bild und ruft GUGURUGU, GUGURUGU. Schon trifft ihn der Plattschuss des Jägers außerhalb des Bildes, versteckt im Hinterwald, und er stolpert GUGURUGUUUUUU, UUUUUGUUUU