Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im April 1944 bricht das letzte Jahr der deutschen Besatzung in den Niederlanden an. Jan Roos, ein 20-jähriger Holländer aus Amsterdam, wird zum Arbeitseinsatz nach Deutschland einberufen. Weil er nicht in einer deutschen Rüstungsfabrik arbeiten will, taucht er mit Hilfe seines Vaters er bei einer streng religiösen Bauernfamilie in Südholland unter. Dort wird er verraten, verhaftet und schliesslich auf auf die Insel Schouwen-Duiveland vor der holländischen Nordseeküste überführt, wo er an den deutschen Verteidigungsanlagen arbeiten muss. Mit drei Kameraden gelingt ihm die Flucht. Gereift an seinen Erfahrungen kehrt er nach Amsterdam zurück. Dort wird er Mitglied der «Palladijnen», einer aus studentischen Kreisen hervorgegangenen Widerstandsgruppe, deren Unterschlupf sich im Pallashaus am Zwanenburgwal im Amsterdamer Grachtenviertel befindet. Er ist für die Waffenpflege verantwortlich und beteiligt sich an der gelegentlichen Auslieferung von Waffen. Doch seit der Landung der Alliierten in der Normandie gehen die deutschen Besatzer mit grösster Brutalität gegen jegliche Art von Widerstand vor. Für Jan Roos und seine Mitstreiter brechen schwierige Zeiten an. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfen sie nicht nur gegen die übermächtigen Besatzer, sondern immer mehr auch um ihr Überleben. Das Buch rückt ein wenig bekanntes Stück Widerstandsgeschichte gegen die Nazis ins Licht und versteht sich in diesem Sinn als Würdigung der niederländischen Widerstandsgruppe «Palladijnen». Die erzählte Geschichte basiert auf den Erlebnissen von Jan Roos, geboren 1923 in Amsterdam, dem Vater des Autoren, und schildert wahre Begebenheiten sowie historische Tatsachen, die sich in den Niederlanden unter deutscher Besatzung zugetragen haben. Der erzählte Zeitraum umfasst das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs, von April 1944 bis zur Befreiung von Kamp Amersfoort Mitte April 1945.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2024
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Lucas Roos
Der Untertaucher
Eine Geschichte aus dem holländischen Widerstandim letzten Jahr der deutschen Besatzung
Roman
Für Corinne, Sophie und Noémie
© 2024 Lucas Roos
Rebwiesstrasse 54
8702 Zollikon, Schweiz
Lektorat: Carola Köhler
Gestaltung Umschlag/Karte: Katrin Bohrer
Titelbild: Personenausweis von Jan Roos, ausgestellt im Juni 1944 in Rijswijk
Herstellung: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Die Handlung des Buchs beruht auf wahren Begebenheiten.
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Sämtliche auch auszugsweise
Verwertungen bleiben vorbehalten.
Widerstand beginnt nicht mit grossen Worten,
sondern mit kleinen Taten.
Aus dem Gedicht «Verzet»
von Remco Campert
I
1 Amsterdam, Zaanstraat 88 April 1944
2 Dussen, Noord-Brabant April und Mai 1944
3 Waalwijk, Noord-Brabant Mai 1944
4 Haamstede, Zeeland Mai und Juni 1944
II
5 Zierikzee, Zeeland Juni 1944
6 Rijswijk, Noord-Brabant Juni 1944
7 Amsterdam, Nieuwe Kerkstraat Juni 1944
III
8 Amsterdam, Zwanenburgwal 42 Juni bis August 1944
9 Amsterdam, Zwanenburgwal 42 September 1944
10 Amsterdam, Zwanenburgwal 42 November und Dezember 1944
IV
11 Amsterdam, Gefängnis an der Weteringschans 19. Dezember 1944 bis 29. Januar 1945
12 Amersfoort, Polizeiliches Durchgangslager 29. Januar bis 13. Februar 1945
13 Amersfoort, Polizeiliches Durchgangslager 14. März bis 14. April 1945
Epilog
Im Gedenken an die Palladijnen
Geschichtliche Hintergründe
Personen auf Seiten des Widerstands
Personen auf Seiten der Nazis
Glossar
Dank
Der Autor
Häftling Nr. 10458 glaubte, in der Ferne Glockenschläge zu hören.
In der Nacht hatte er hohes Fieber bekommen, jetzt, am Morgen, war er benommen und orientierungslos. Ihm war gleichermassen heiss und kalt. Durch die halb geöffneten Augen sah er schummriges Licht.
Berührte ihn jemand? Zog ihn jemand am Fuss? Er war sich nicht sicher.
«Aufstehen, du fauler Hund», tönte es von weit, weit weg. Ob er damit gemeint war?
Er fiel in ein dunkles Loch.
Als er endlich wieder zu sich kam, lag er in einem Bett. In einem richtigen Bett. Einem Bett für sich allein.
Wo war er?
War alles, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, nur ein böser Traum gewesen?
Er öffnete die Augen und schaute sich um. Er befand sich in einem länglichen Raum mit zwei Reihen Betten. Aus jedem schaute unter einem Laken, das in besseren Zeiten einmal weiss gewesen sein musste, ein Kopf hervor. Ausser gelegentlichem Stöhnen und einem Geräusch, das sich anhörte, wie wenn man Wasser in einen Blecheimer giessen würde, war es still in dem Raum.
«Bist du auch wieder unter uns?» Ein Mann mit weissem Kittel war an sein Bett getreten. «Du warst im Delirium, als sie dich am Morgen hergebracht haben. Hast im Fieber wirres Zeugs geredet und um dich geschlagen. Ich musste dich festhalten, sonst wärst du aus dem Bett gefallen. Wie geht es dir jetzt?»
«Wo bin ich?»
«Im Krankenrevier. Aber nur, weil heute Nacht ein Bett frei geworden ist…»
«Ich habe Bauchkrämpfe und Durchfall. Und ziemlich starke Kopfschmerzen.»
«Dysenterie. Haben viele hier, kannst es ja riechen…»
Er roch nichts – nicht nach dem gestrigen Tag, den er fast vollständig in dem furchtbaren Gestank der Latrine verbracht hatte.
«Wenn du musst, steht neben dem Bett ein Eimer.»
«Danke.»
«Später kommt Doktor Klomp bei dir vorbei. Sieh zu, dass es dir dann nicht allzu gut geht. Dünnschiss allein ist für ihn nämlich kein Grund, hier zu sein…»
Häftling Nr. 10458 nahm sich den Rat zu Herzen. Auf keinen Fall wollte er zurück in den Block, zurück auf den Appellplatz, zurück in den Wald.
Jetzt, wo er der Hölle entronnen war.
Wo er es in deren Vorhof geschafft hatte.
Seit einem Jahr wusste er, dass dieser Brief kommen würde. Seit einem Jahr hatte er versucht, nicht daran zu denken.
Nun lag er auf dem Tisch, ungeöffnet, an ihn adressiert: Jan C. Roos, Zaanstraat 88, Amsterdam. Das schmutzige Weiss des Umschlags stand in scharfem Kontrast zu den bunten Blumenranken auf dem Wachstuch.
Er setzte sich und griff danach. Seine Familie hatte sich bereits vollzählig um den Esstisch versammelt, der in der Ecke des kleinen Wohnzimmers stand. Der Vater sah ihn mit ernstem Blick an, die Mutter hatte Tränen in den Augen. Annie, seine Schwester, kritzelte auf einem Blatt Papier herum, während sein kleiner Bruder Wim, das Kinn auf den Tisch gestützt, einen Blechlastwagen hin und herschob.
Vor wenigen Tagen hatte er die einjährige Ausbildung zum Dreher und Metallbearbeiter abgeschlossen, die er auf Geheiss der Deutschen hatte absolvieren müssen. Wie Zehntausende andere Holländer sollte er ins Deutsche Reich abkommandiert werden, um in einer Rüstungsfabrik Waffen oder Bomben oder anderes Kriegsmaterial bauen zu helfen, das die Wehrmacht an allen Fronten immer dringender benötigte.
Nichts lag ihm ferner.
Doch jetzt war der Brief mit dem Einberufungsbescheid da. Jan nahm den Brieföffner, den der Vater bereitgelegt hatte, und öffnete den Umschlag. Er zog ein Blatt heraus, faltete es auf und begann lautlos zu lesen: «Sie werden hiermit aufgefordert, sich am 6. April 1944 Punkt 6.30 Uhr mit maximal einem Gepäckstück vor dem Haupteingang des Bahnhofs Amsterdam Centraal einzufinden. Bei Nichtbefolgung dieses Befehls drohen ernsthafte Konsequenzen.»
Das Unausweichliche war eingetreten. Dabei hatte Jan die ganze Zeit gehofft, dass der Krieg rechtzeitig zu Ende wäre oder er auf irgendeine Art um den Einsatz herumkäme. Vergebens. Hier hatte er es schwarz auf weiss.
«Scheisse», dachte er. Aussprechen durfte er solche Wörter vor seinen Eltern nicht. «Am Donnerstag… schon übermorgen.»
Mit zitternden Händen las er das Schreiben zu Ende. Nach Friedrichshafen, in die dortigen Flugzeugwerke, wollten sie ihn schicken.
Er überreichte den Bescheid seinem Vater, der ihn mit Sorgenfalten auf der Stirn studierte.
Friedrichshafen, Friedrichshafen… Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wo dieser Ort lag – an der Ostsee vielleicht? Jedenfalls wollte er nicht nach Deutschland. Er hasste Bomber.
Und er hasste die Nazis.
Die Bilder der deutschen Siegesparade hatten sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Am 16. Mai 1940, dem Tag nach der Kapitulation Hollands, waren bis an die Zähne bewaffnete Soldaten der Wehrmacht durch die Strassen von Amsterdam marschiert und hatten Soldatenlieder gegrölt.
Wie viele andere hatte er damals mit Tränen in den Augen am Strassenrand gestanden.
Tränen vor Angst und vor Wut.
Nachdem auch seine Mutter den Einberufungsbescheid gelesen hatte, schaute sein Vater auf und sagte: «Annie und Wim, verschwindet in eure Zimmer, wir haben etwas zu besprechen.»
Dann stand er auf, schloss die Tür hinter ihnen und erklärte mit betont fester Stimme, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln sollte: «Du gehst auf keinen Fall nach Deutschland, das ist viel zu gefährlich. Rüstungsfabriken sind doch genau das, was die Alliierten fast jeden Tag bombardieren.» Er räusperte sich und fuhr fort. «Pass auf, wir machen Folgendes: Du gehst schon morgen zum Bahnhof, und dann nimmst du einen Zug nach Rotterdam und fährst zu Onkel Lou.»
«Was, zu Onkel Lou? Bei unseren Verwandten suchen sie mich doch sicher zuerst», wandte Jan ein. Es fiel ihm schwer, anderer Meinung zu sein als sein Vater.
«Lass mich bitte ausreden. Du bleibst natürlich nicht bei Lou. Aber ich habe ihm schon gesagt, dass du Anfang April zu ihm kommen wirst. Er bringt dich an einen Ort, wo du untertauchen kannst.»
«Und die Kontrollen am Bahnhof? Da komme ich doch nie durch.»
«Wenn die Moffen dich kontrollieren, sagst du einfach, dass du dich von deinen Verwandten verabschieden willst, weil du am Tag darauf nach Deutschland fahren musst. Das werden sie ja wohl verstehen.»
Das war alles einfacher gesagt als getan.
Jan wusste nicht, wie ihm geschah, sonderlich überrascht war er aber nicht. Sein Vater hatte schon alles vorbereitet. Das war typisch für ihn. Halbe Sachen mochte er gar nicht, ungelöste Probleme waren ihm ein Gräuel. Auch er hatte natürlich gewusst, dass dieser Brief nach dem Ende der Ausbildung eintreffen würde. Statt tatenlos abzuwarten hatte er im Stillen einen Plan ausgeheckt, wie er seinen Sohn vor dem Arbeitseinsatz bewahren konnte. Ihn einzuweihen war ihm sicher gar nicht in den Sinn gekommen. Zumal es in diesen Zeiten besser war, nicht zu viel zu wissen.
Ob der Plan aufgehen würde? Für den Augenblick war Jan erst einmal erleichtert, dass er nicht nach Deutschland fahren musste. Und was Unzählige von Holländern vor ihm gemacht hatten, konnte er sicher auch: untertauchen.
Zum Onderduiker werden.
***
An diesem Abend drückte Jan Roos senior seinen Sohn fester als sonst, vielleicht zum letzten Mal. Er hatte Angst um seinen Jan, der ihm so viel Freude bereitete und auf den er so ungemein stolz war. Auf seine Leistungen in der Schule, auf das ausgezeichnete Diplom der Handelsschule und das Praktikum bei einer Handelsversicherung, das Jan dank der Vermittlung seines Englischlehrers hätte antreten dürfen, wäre nicht alles anders gekommen.
Zwar hatte er sich bei Kriegsausbruch geschworen, seine Familie heil durch diese schwierige Zeit zu bringen, doch Jans Schicksal lag nun nicht mehr in seinen Händen. Ab morgen würde sein Sohn ohne ihn zurechtkommen müssen und sein Plan vielleicht bereits am Bahnhof auffliegen. Hatte er für Jan wirklich die beste Lösung gefunden? Er machte sich nichts vor. Einen Tag vor der Einberufung zum Arbeitseinsatz eine Zugreise anzutreten, war schon sehr verdächtig. Und wenn die Nazis Jan festnahmen, würden sie ihn am Donnerstag gleich selber in den Zug oder gar ins Gefängnis stecken. Daran durfte er nicht mal denken.
Jan Roos senior sah seinem Sohn tief in die Augen und versuchte Zuversicht auszustrahlen: «Lass dich nicht erwischen, mein Junge. Sei vorsichtig. Überleg dir immer gut, was du tust und was du sagst, dann wirst du es schaffen. Vielleicht geht der Krieg ja noch in diesem Jahr zu Ende.»
Das war seine grösste Hoffnung. Und es wäre Jans beste Chance, zu überleben.
***
Als Jan sein Zimmer betrat, schlief Wim bereits tief und fest. Das war gut, er hätte ihm ohnehin nichts erzählen dürfen. Nicht nur er war ab morgen in Gefahr, auch seine Familie musste jederzeit damit rechnen, von der Polizei verhört zu werden. Am Donnerstagmorgen würden die Deutschen feststellen, dass er nicht am Hauptbahnhof war, dass sie seinen Namen auf ihrer Liste nicht abhaken konnten. Und sie würden handeln.
Er fand keine Ruhe und lag bis tief in die Nacht wach. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Wie so oft, hatte sein Vater über ihn bestimmt, getan, was er für das Beste hielt. Jan hätte gern mitentschieden, es ging schliesslich um sein Leben, und immerhin war er zwanzig. Doch war er erzogen worden, seinem Vater zu gehorchen, das zu tun, was dieser sagte, und überhaupt: Was wäre denn die Alternative gewesen? Hätte er eine bessere Idee gehabt?
Jedenfalls würde er morgen seine Familie verlassen und mit unbekanntem Ziel verreisen. Er, der in seinem Leben nur wenige Tage weg von der Familie gewesen war, zu Besuch bei Verwandten. Er, der sich bisher um wenig hatte kümmern müssen, der einfach nur Sohn, Schüler, Student gewesen war. Nichts mehr würde so sein wie früher. Vorbei das behütete Leben in der Familie, vorbei das Zusammensein mit seinen Eltern, die ihn so sehr liebten. Ab morgen würde er, auf sich allein gestellt, seinen Weg gehen müssen und vor allem eines brauchen: viel Glück.
War er dieser Aufgabe überhaupt gewachsen?
Die Ungewissheit machte ihm zu schaffen. Als Reisender musste er am Bahnhof die Kontrolle passieren – die Kontrolle, seine grösste Sorge. Beunruhigt wälzte er sich von einer Seite auf die andere.
Als er nach Mitternacht endlich eingeschlafen war, hatte er immer wieder den gleichen Albtraum. Wie angewurzelt stand er vor einem Flugzeughangar. Ein deutscher Heinkel-Bomber rollte langsam aus dem Hangar und näherte sich ihm mit drehenden Propellern. Er wollte wegrennen, doch seine Beine waren wie gelähmt, er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Der Propeller kam näher und näher, doch im allerletzten Augenblick, kurz bevor ihn die rotierenden Flügelblätter zu zerfetzen drohten, drehte die Maschine ab.
Es war noch dunkel draussen, als ihn seine Mutter am Mittwochmorgen weckte. Wie gerädert stand er auf. Er zog sich drei Paar Unterhosen und zwei Unterhemden an, die er am Vorabend bereitgelegt hatte. So hatte er auch ohne Koffer wenigstens das Nötigste an Ersatzwäsche dabei.
Beim Frühstück sassen die Mutter und er schweigend am Tisch. Abwesend kaute er auf einem Stück Brot herum. Sein Vater war bereits bei der Arbeit, als Metzger verliess er das Haus schon vor fünf Uhr. Wim und Annie schliefen noch. «Pass gut auf dich auf und bleib gesund», sagten ihm die geröteten Augen der Mutter.
Sie verabschiedeten sich mit einer langen und innigen Umarmung. Seine Mutter küsste ihn auf die Stirn und sagte nur: «Leb wohl, Jan, mein Jantje.»
Viel mehr gab es in diesem Moment nicht zu sagen.
In der düsteren Bahnhofshalle waren an diesem Mittwoch trotz der frühen Stunde schon viele Menschen unterwegs. Zivilisten, die versuchten, möglichst ohne Scherereien ihren Zug zu erreichen. Offiziere der Wehrmacht, die wichtigtuerisch durch die Halle stolzierten. Soldaten, die hofften, dass ebendiese Offiziere sie in Ruhe liessen. Und Männer in schwarzen Mänteln und mit tief in die Stirn gezogenen Hüten. Jedoch nur so tief, dass nichts und niemand ihren geschulten und alles durchdringenden Adleraugen entging. Diese Männer von der Sicherheitspolizei und der Gestapo waren es, von denen die grösste Gefahr ausging.
Jan traute sich nicht, direkt an den Fahrkartenschalter zu gehen. Möglichst unauffällig – und deshalb wohl besonders auffällig – bewegte er sich in Richtung der Toiletten.
«Suchen Sie was Bestimmtes, junger Mann?», ertönte plötzlich hinter ihm eine Stimme.
Er zuckte zusammen und drehte sich um. Ein Schaffner. Zum Glück nur ein Schaffner. «Hm… die Toiletten…»
«Dort hinten rechts, gleich um die Ecke», schmunzelte der Schaffner. «Wohin soll denn die Reise gehen?»
«Nach Rotterdam, zu meinem Onkel. Morgen muss ich nach Deutschland.»
«Dann wünsche ich eine gute Reise...» Der Schaffner machte sich davon.
Hatte er etwa zu viel verraten? Wohl kaum, der Schaffner wirkte nicht wie ein Spitzel. Der Wortwechsel mit einem Fremden gab ihm Selbstvertrauen. Seine Nervosität hatte sich ein wenig gelegt.
Nach dem Toilettenbesuch kaufte er sich am Schalter eine Rückfahrkarte nach Rotterdam und stellte sich danach in die Schlange vor dem Kontrollposten. Die nächsten Minuten würden über seine Zukunft entscheiden. Wenn dem Polizisten sein Gesicht nicht passte oder wenn ihn seine Antworten nicht zufriedenstellten, war seine Flucht zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren und die Fragen ohne das leiseste Zögern beantworten.
Noch drei Männer vor ihm.
Sein Herz pochte.
Noch zwei.
Als der Mann vor ihm an der Reihe war, trat ein SS-Offizier an den Tisch und flüsterte dem Polizisten, der die Kontrolle durchführte, etwas ins Ohr. Dieser machte eine Notiz, warf einen gleichgültigen Blick auf den Ausweis und winkte den Mann ohne Fragen durch. Unaufgefordert hielt ihm Jan seinen Ausweis vor die Nase und wurde ebenfalls durchgewinkt. Die Anspannung fiel auf einen Schlag von ihm ab und Erleichterung durchströmte seinen Körper. Erleichterung, dass er die tausendmal einstudierte Antwort auf die Frage, wohin und weshalb er verreisen würde, gar nicht hatte geben müssen.
Die erste Hürde in seinem Leben als Untertaucher war genommen.
Kurz darauf setzte er sich in einem Sechserabteil des Eisenbahnwagens ans Fenster und wartete auf die Abfahrt des Zuges. Gegenüber von ihm nahmen zwei Männer Platz, die wie Geschäftsleute aussahen. Sie waren in ihr Gespräch vertieft und beachteten ihn nicht.
Schliesslich setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung und fuhr aus der dunklen Bahnhofshalle hinaus in die Strahlen der aufgehenden Sonne.
Gedankenverloren schaute Jan aus dem Fenster, ohne wirklich aufzunehmen, was da draussen an ihm vorbeizog. Wohin würde die Zukunft ihn führen?
Wie würde das enden?
Bauer mit Leib und Seele, das war Wim Hogenaar. Er hatte das Glück, dass er als Erstgeborener vor zwanzig Jahren den Hof seines Vaters in Dussen übernehmen durfte. Sein Vater hatte den Hof bereits von seinem Vater geerbt. Das Bauerndorf an der träge dahinfliessenden Bergschen Maas gehörte zu Noord-Brabant, der südlichsten Provinz von Holland, an der Grenze zu Belgien.
Seit Generationen betrieb die Familie Hogenaar in dem fruchtbaren Gebiet rund um Dussen Ackerbau. Auf ihren paar Hektaren Land baute sie Zuckerrüben, Kartoffeln und Grünkohl an. Weil es seit der deutschen Besatzung Jahr für Jahr schwieriger wurde, genügend Futtermittel für die Tiere aufzutreiben, hielt Wim Hogenaar nur noch einige wenige Schweine, Hasen und Hühner. Dazu kam ein Friese, ein stämmiges schwarzes Arbeitspferd mit langer Mähne, mit dem er seine Äcker bestellte. Gut bewacht wurde der Hof von Leen, dem Hofhund.
Wim Hogenaar war ein stattlicher Mann mit struppigem Bart. Die schwere körperliche Arbeit auf Feld und Hof hatte ihn stark gemacht, so dass er ausser Gott nichts fürchtete. Auch vor den Nazis hatte er keine Angst – vielleicht auch, weil er sie so weit draussen auf dem Land noch gar nicht richtig kennengelernt hatte. Wim dankte Gott jeden Tag, dass er seine Familie mit seinen eigenen Händen ernähren durfte.
Seine Frau Tineke, eine Frohnatur, hatte ihm drei Kinder geschenkt: die ältere Tochter Truusje, die soeben sechzehn geworden war, der vierzehnjährige Piet und Aneke, die fünfjährige Nachzüglerin. Alle drei Kinder halfen mit auf dem Hof, wo immer sie konnten, wann immer sie konnten.
Als der Pfarrer Wim vor ein paar Monaten an einem Sonntag nach dem Morgengottesdienst beiseite genommen und ihn gefragt hatte, ob er bereit wäre, einen Untertaucher aufzunehmen, hatte er keinen Augenblick gezögert. Wim betrachtete es als seine christliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen – und dazu gehörten auch jene, die von den Nazis verfolgt wurden. Dabei spielte es für ihn keine Rolle, ob sie durch eigenes Verschulden in diese Situation geraten waren oder nicht. Er war sich bewusst, dass die Aufnahme eines Untertauchers nicht ohne Risiko war. Wer Menschen, die gesucht wurden, bei sich versteckte, musste mit schweren Strafen rechnen.
Der Untertaucher würde einfach ein Knecht sein, falls sich jemand für ihn interessieren sollte. Und wer wollte ihm schon verbieten, einen Knecht anzustellen?
Inzwischen wusste er, dass Anfang April ein gewisser Jan Roos aus Amsterdam bei ihm eintreffen sollte.
***
Am späten Nachmittag des 5. April kamen Jan und sein Onkel Lou nach einer fünfstündigen Fahrt mit dem Fahrrad, meist auf Nebenstrassen, Feldwegen und gegen den Wind, bei dem Bauernhof an, der für die nächste Zeit Jans Zuhause werden sollte. Das aus roten Ziegelsteinen gebaute Haus war lang, den grössten Teil nahmen jedoch Scheune und Stall ein. Links und rechts von der Haustüre befand sich je ein Fenster mit halbhohen weissen Vorhängen und grünen Fensterläden. Ein Hofhund mit schwarz-weissem Fell bellte wie verrückt, wedelte aber auch mit dem Schwanz. Er wusste wohl nicht so recht, ob er die Fremden vertreiben oder begrüssen sollte. Zum Glück war er angekettet.
Onkel Lou klopfte dreimal an die Tür, die kurz darauf geöffnet wurde. Ein kleines Mädchen mit blonden Locken schaute sie mit grossen Augen an, drehte sich blitzschnell um und versteckte sich hinter den Beinen ihres Vaters. Die ganze Familie stand nun am Eingang und wunderte sich, wer unerwartet zu Besuch kam.
«Guten Abend, ich bin Lou Roos und das ist mein Neffe Jan. Sind wir hier richtig bei der Familie Hogenaar?»
«Das sind Sie, meine Herren, das sind Sie. Ich bin Wim Hogenaar.» Der Hausherr hiess sie willkommen und stellte ihnen seine Frau und seine drei Kinder vor. «Sie müssen hungrig sein nach der beschwerlichen Reise», fuhr er fort und zeigte auf den gedeckten Tisch. «Wir freuen uns, wenn wir Speis und Trank mit Ihnen teilen dürfen. Es ist alles angerichtet.»
Onkel Lou bedankte sich für die Gastfreundschaft, blieb aber nicht zum Essen. Er war bei dem Pfarrer eingeladen, der das Versteck für seinen Neffen bei der Bauernfamilie vermittelt hatte. Die Kirche verfügte über Adressen von Menschen im ganzen Land, die bereit waren, Personen auf der Flucht bei sich aufzunehmen. Da er auch im Pfarrhaus übernachten durfte, verabschiedete er sich.
Nachdem Onkel Lou gegangen war, setzte sich Jan mit der Familie an den Tisch. Wim Hogenaar stellte ihn seinen Kindern als Knecht vor. Jan Roos komme aus Amsterdam, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Während Tineke von ihrem Mann über den Grund seiner Ankunft offensichtlich ins Bild gesetzt worden war, blieb den zwei älteren Kindern vor Staunen der Mund offen. Ein Knecht? Auf ihrem Hof? Doch bevor die beiden etwas fragen konnten, kam ihnen der Vater zuvor: «Lasset uns beten.»
Während des Gebets, das mindestens zehn Minuten dauerte, schauten alle reglos vor sich auf den Tisch und hielten die Hände gefaltet. Nur Aneke blinzelte Jan aus den Augenwinkeln an. Nach dem «Amen» schöpfte die Mutter aus einem zerbeulten Kochtopf einen herzhaften Eintopf aus Kartoffeln und Rüben auf, genau das Richtige nach der anstrengenden Fahrt. Nach wenigen Bissen bemerkte Jan, dass niemand am Tisch etwas sagte oder etwas von ihm wissen wollte, und so hielt er es für angebracht, seinen Mund ebenfalls nur zum Essen aufzumachen.
Nachdem Aneke als Letzte ihren Teller geleert hatte, kündigte der Vater zu Jans Erstaunen ein weiteres Gebet an. Er dankte dem lieben Gott dafür, dass alle am Tisch satt geworden waren – abermals mit ausschweifenden Worten. Beide Gebete zusammen nahmen deutlich mehr Zeit in Anspruch als die Mahlzeit selber.
Offenbar befand er sich in einem besonders frommen Haus. Seine Familie war ebenfalls reformiert und gläubig, aber sie betete nicht am Tisch. Warum das so war, hatte Jan sich noch nie überlegt. Dass man vor und nach der Mahlzeit so lange betete, fand er jedoch schon seltsam.
Nach dem Essen zeigte ihm Wim sein Zimmer. Es war winzig klein und nur mit dem Allernötigsten eingerichtet: einem Bett, einem Tisch mit Stuhl und einer alten Kommode. Über dem Bett hing ein Bild, das einen Sämann auf dem Acker zeigte. «Klein, aber zweckmässig», dachte Jan.
«Das ist Piets Zimmer», sagte Wim. «Du musst es mit ihm teilen. Ein eigenes kann ich dir leider nicht anbieten.»
«Damit kommen wir sicher klar, Piet und ich. Zu Hause teile ich das Zimmer auch mit meinem kleinen Bruder.»
«Falls du für deine Sachen Platz brauchst, gibt es in der Kommode noch eine leere Schublade.»
Jan bedankte sich bei Wim. Ein zweiter Blick auf das Bett gab ihm allerdings zu denken. Es war nicht breiter als sein eigenes bei sich zu Hause, aber dieses hier sollte nun für zwei reichen? Doch im Grunde war er froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Dass Wim ihn als Untertaucher bei sich aufnahm, war nicht selbstverständlich. Da war es nicht angebracht, auch noch Ansprüche zu stellen.
Kurze Zeit später lagen Piet und Jan eng nebeneinander im Bett. Es war für beide unangenehm. Sie versuchten, sich schmal zu machen, lagen aber Schulter an Schulter. Um etwas Nettes zu sagen, fragte Jan Piet, in welche Klasse er ginge. Piet aber blieb stumm, und so verzichtete Jan auf weitere Fragen. Sie würden noch mehr als genug Zeit haben, um sich näher kennenzulernen. Verständlich, dass Piet sauer war, sein Kämmerlein mit einem Mann teilen zu müssen, den er noch nie im Leben gesehen hatte. Wider Erwarten schliefen sie wenig später beide ein.
Als die Schritte von Klompjes auf dem Holzboden Jan am nächsten Morgen aufweckten, war der Platz neben ihm im Bett bereits leer. Durch das Fenster sah er, dass es draussen dämmerte. Er zog sich an und ging auf die Toilette, die sich in einem Häuschen neben dem Haus befand und keine Wasserspülung hatte.
Gerne hätte sich Jan, wie gewohnt, gewaschen. Es gab aber in dem Haus kein Badezimmer. Der einzige Ort mit fliessendem Wasser war der Spülstein in der Küche und der war besetzt. Tineke füllte eben Wasser in einen Topf.
«Gut geschlafen, Jan?» Die Bäuerin lachte. Sie schien vom frühen Morgen an guter Dinge zu sein.
«Danke, gar nicht schlecht für die erste Nacht an einem fremden Ort», nickte er und setzte sich an den Tisch. Die Familie erwartete ihn bereits mit leichter Ungeduld.
Tineke nahm einen Laib Brot aus dem Brotkorb. Sie drückte sich den Laib an ihre stattlichen Brüste und schnitt mit dem Messer von vorn eine Scheibe nach der anderen ab – ein Anblick, der Jan heimlich schmunzeln liess. Der Vater und die Kinder legten ihre Scheibe auf den Teller, rührten sie aber noch nicht an. Zum Brot gab es ein Stück Käse – für Jan eine Delikatesse. In Amsterdam hatte Käse nur noch selten auf dem Speisezettel gestanden.
Wim Hogenaar räusperte sich, musterte alle am Tisch, faltete seine Hände zum Tischgebet und schloss die Augen. Wie am Abend zuvor murmelte er längere Zeit in seinen Bart. Und wie das Abendessen wurde das Frühstück mit einem zweiten Gebet abgeschlossen. Wim dankte Gott ausführlich für das tägliche Brot und bat ihn um seinen Segen für das bevorstehende Tagwerk.
Der Bauer hatte den Friesen vor einen Wagen gespannt, auf dem sich ein Berg Kartoffeln türmte. Was er mit den Kartoffeln wohl vorhatte? Die meisten waren bereits am Keimen. Jan nahm eine in die Hand und betrachtete sie.
Wim schien seine Gedanken zu erraten und sagte: «Anfang April legen wir die Kartoffeln. Wir machen auf den Feldern Reihen mit Löchern, immer mit einem Fuss Abstand. In jedes Loch legen wir eine Saatkartoffel, und zwar so, dass der Trieb nach oben schaut. Das ist eine Menge Arbeit.»
So viel hatte Wim seit seiner Ankunft noch nie gesagt – ausser bei seinen Gebeten. Jan spürte, dass ihm der Bauer trotz seiner Verschlossenheit freundlich gesinnt war. Als Bewohner einer Grossstadt kam er bestimmt aus einer für ihn völlig fremden Welt.
«Ich wusste nicht, wie man Kartoffeln anbaut. Es ist spannend für mich, Neues zu lernen, und ich freue mich, bei der Arbeit auf dem Feld mitzuhelfen.»
«Das höre ich gern, Jan. Wir können deine beiden Hände gut gebrauchen.»
Zusammen mit Truusje und Piet machten sie sich auf den Weg zu den Feldern. Tineke und Aneke blieben auf dem Hof. Sie sorgten für die Tiere, den Gemüsegarten und den Hofladen, in dem es ausser Kartoffeln nichts mehr zu kaufen gab. Was die Tiere und der Gemüsegarten hergaben, verwendete Tineke für ihre eigene Familie.
Piet durfte den Friesen, sein Lieblingstier, führen, und Jan ging neben ihm. «Das Pferd hat sicher eine unglaubliche Kraft», sagte er zu ihm.
«Ja, er ist sehr stark», antwortete Piet und seine Augen leuchteten. «Wenn wir im Sommer die Rüben ernten, zieht er einen Wagen, der noch viel schwerer ist als dieser hier. Und manchmal sitzen wir alle sogar noch obendrauf.»
Jan erfuhr von Piet, dass sie früher noch ein zweites Pferd besessen hatten. Eines Tages seien jedoch deutsche Soldaten vorbeigekommen und hätten es mitgenommen, einfach so. Piet schien langsam aufzutauen.
Das Feld war riesig, so gross wie viele Fussballfelder zusammen. Würden sie es schaffen, zu viert auf einem Feld mit diesen Ausmassen Kartoffeln auszulegen? Sie gingen so vor, wie Wim es zuvor erklärt hatte. Er stach die Löcher aus, Jan legte die Saatkartoffeln hinein, Keimling nach oben, und die beiden Kinder deckten sie kauernd und kniend mit Erde zu. Jan nahm die Saatkartoffeln aus einem Sack, in den er sie zuvor abgefüllt hatte. Zum Glück wurde dieser mit jeder ausgelegten Kartoffel leichter. Als er leer war, füllte er ihn wieder auf. Die Kinder machten in dieser Zeit Pause, der Bauer hingegen setzte seinen Weg, Löcher stechend, fort. Unaufhaltsam, wie eine Maschine.
Als der halbe Morgen vorüber war, begann Jans Rücken zu zwicken. Er war körperliche Arbeit nicht gewohnt, und das ständige Bücken war anstrengend. Jedoch biss er sich auf die Zähne, denn er wollte keinesfalls als Schwächling dastehen, der schon am ersten Morgen schlappmachte. Was diese Kinder schafften, schaffte er auch. Er war der neue Knecht, und er wollte seinen Arbeitgeber nicht enttäuschen.
Gegen Mittag war der Wagen leer, und Jan ging mit dem letzten vollen Sack zurück aufs Feld. Zu seiner Überraschung nahm ihm Wim den Sack ab und begann, die Saatkartoffeln selber in die vorgefertigten Löcher zu legen. Jan half ihm dabei, und kurz darauf traten sie den Heimweg an. Entkräftet sass er mit den Kindern auf dem Wagen, der Bauer führte den Friesen.
Kurz bevor sie den Hof erreichten, kam ihnen ein Junge entgegen. Er grüsste sie beim Vorbeigehen und sah Jan merkwürdig an. «Das ist Wout vom Nachbarhof», sagte Truusje und lief rot an.
«Truusje ist verlie-hibt, Truusje ist verlie-hibt», hänselte Piet sie, wohl darauf bedacht, dass der Vater vorne beim Pferd nichts davon mitbekam.
«Stimmt überhaupt nicht», wehrte sich Truusje verärgert und etwas zu laut und erntete dafür prompt einen strengen Blick ihres Vaters. Jan konnte sich gut vorstellen, dass Wout sich in Truusje verguckt hatte. Sie war wirklich hübsch mit ihren blonden Haaren, den blauen Augen und der Stupsnase mit den Sommersprossen. Aber eben noch ein Mädchen.
Beim Hof angekommen, wuschen sie sich draussen am Brunnen die Hände. Am Tisch sprach Wim sein Gebet, und nach dem Amen schöpfte Tineke Kartoffelbrei auf, zu dem es Grünkohl und eine fettige Sauce gab. Jan hatte einen Bärenhunger. Für die Männer reichte es sogar zu einer zweiten Portion.
Der Nachmittag verlief wie der Morgen. Wieder legten sie Kartoffel um Kartoffel aus. Und wieder schmerzte Jans Rücken – mit jeder Stunde etwas mehr. Doch er hielt bis zum Abend durch, was ihm ein gutes Gefühl gab. Er war zwar restlos erledigt, aber zuversichtlich, der Feldarbeit gewachsen zu sein. Er musste sich einfach durchbeissen.
Nach dem Abendessen verschwand Jan schon bald im Kämmerlein, und auch Piet legte sich neben ihn ins Bett.
«Gute Nacht, Piet. Ich bin sehr müde.»
«Ich auch.»
Jan fehlte die Energie für ein Gespräch. Wie der Familie Hogenaar auch.
Die nächsten beiden Tage unterschieden sich kaum vom ersten. An den Abenden war Jan erschöpft, aber zufrieden. Sein Körper gewöhnte sich allmählich an die Strapazen der Feldarbeit.
Am Samstag hatte Tineke deutlich grössere Mengen an Speisen zubereitet, als sie für das Mittagessen benötigten.
«Du hast aber viel gekocht heute», bemerkte Jan.
«Ich koche jeden Samstag vor, damit wir am Sonntag die Mahlzeiten nur aufwärmen müssen. Unser Glaube verbietet uns am Sonntag jede körperliche Arbeit.»
Stimmt, morgen war Sonntag. Endlich ein Tag, um sich auszuruhen. Dass bei den Hogenaars am Sonntag niemand arbeiten durfte, kam ihm gelegen.
Piets Ruf zum Aufbruch riss ihn aus seinen Gedanken. Ein weiterer Nachmittag auf dem Feld stand bevor – der letzte in dieser Woche!
Am späten Nachmittag war die Arbeit getan. Staubig und verschwitzt wie er war, erkundigte sich Jan bei Tineke, wo sich die Familie denn waschen würde.
«Wir waschen uns nur die Hände und das Gesicht, den Körper waschen wir nicht», meinte diese.
«Aber nach der harten Arbeit auf dem Feld muss man sich doch…»
Sie lachte herzhaft. «Nein, nein, das ist nicht nötig und auch nicht gesund. Aber im Sommer baden wir im Teich. Und wir ziehen frische Wäsche an, jede Woche.»
Jan musste an seine Mutter denken. Sie wäre entsetzt gewesen, wenn sie das gehört hätte.
«Hm… darf ich trotzdem den Waschzuber benutzen, um mich zu waschen?»
Tineke hatte, schulterzuckend, nichts dagegen.
Er ging zum Brunnen, füllte den Zuber mit kaltem Wasser, schleppte ihn in die Scheune und schloss das Tor. Dann zog er seine Kleider aus und stieg in den Zuber. Das Wasser erfrischte ihn, er fühlte sich gleich besser.
Während er seinen Oberkörper wusch, ging das Scheunentor auf, nur einen winzigen Spalt breit. Tineke konnte es sich nicht verkneifen, nachzusehen, was der junge Mann aus Amsterdam in der Scheune machte. Als sie Jan splitternackt im Zuber stehen sah, stiess sie einen Schrei aus. Schockiert schlug sie das Tor zu und rannte davon. Er erschrak nicht weniger. Hastig stieg er aus dem Zuber und trocknete sich ab. In dieser peinlichen Lage wollte er sich nicht vor Wim rechtfertigen müssen. Er schlüpfte in eine frische Unterhose und in sein zweites Unterhemd.
Nach dem zweiten Abendgebet nahm Wim ihn zur Seite: «Jan, was du in der Scheune gemacht hast, können wir bei uns nicht dulden. Das geziemt sich nicht. Sollte so etwas noch einmal vorkommen, musst du unser Haus verlassen. Haben wir uns verstanden?»
«Es tut mir leid», entschuldigte sich Jan, obwohl er sich nicht wirklich schuldig fühlte. Er wollte aber nicht mit Wim argumentieren. Nie im Leben hätte er damit gerechnet, dass Tineke so neugierig war und ihren Kopf durch das Tor stecken würde.
Am Sonntag zog Piet schwarze Hosen, ein kragenloses weisses Hemd und eine schwarze Jacke an. Jan schlüpfte in seinen Anzug, den er auf der Reise getragen hatte. Dieser war zwar nicht schwarz, aber nicht weit davon entfernt. Wim trug die gleichen Kleider wie Piet, während Tineke, Truusje und Aneke in lange schwarze Röcke und Jacken gehüllt waren. Auch ihre Strümpfe und Schuhe waren schwarz. Mit einem Mal wurde Jan klar, weshalb in der Familie Hogenaar so vielgebetet wurde. Sie gehörte der Zwartekousenkerk an, der Schwarzstrümpflerkirche, wie man sie wegen der dunklen Strümpfe der Frauen leicht abschätzig nannte. Strenggläubigen Protestanten, die im Süden Hollands lebten, wie ihm nun wieder einfiel. Inzwischen hatten sich die weiblichen Familienmitglieder noch einen schwarzen Hut aufgesetzt, dann verliessen alle das Haus und machten sich zu Fuss auf den Weg zur Kirche.
Schon von weitem war der Backsteinturm der Dorfkirche zu erkennen, der schlicht und ein wenig verloren in den grauen Himmel ragte. Die Glocken läuteten, und von allen Seiten näherten sich schwarz gekleidete Menschen. Wie der Turm zeigte sich auch das Innere der Kirche nüchtern und schmucklos. Zur Einrichtung gehörten einige Reihen harter Holzbänke, ein Altar und, gut sichtbar für alle Kirchgänger, die Kanzel. Wim steuerte zielstrebig auf die vierte Reihe zu, in der seine Familie nebeneinander Platz nahm. Jan sass zwischen Piet und Truusje. Auf der anderen Seite, rechts vom Mittelgang, sass Wout mit seiner Familie in der dritten Reihe. Gelegentlich drehte er den Kopf und schaute zu ihnen herüber. Er machte kein besonders freundliches Gesicht.
Der Gottesdienst begann mit einem Psalm. Er wurde im Viervierteltakt gesungen und von einem Harmonium begleitet. Singen gehörte zu Jans liebsten Schulfächern, darum sang er mit lauter und kräftiger Stimme, die seine Banknachbarn deutlich übertönte. Truusje und Piet sahen ihn verschämt an, und auch in anderen Reihen schielte man in seine Richtung, um zu sehen, wer da so aus voller Kehle sang. Ein bisschen verlegen senkte er seine Stimme, und alle um ihn herum widmeten sich wieder den Versen und Noten in ihren Gesangbüchern.
Von der Predigt bekam Jan nur das Wenigste mit – zu sehr war er mit sich und seiner Situation beschäftigt. In Gedanken war er in Amsterdam. Obwohl die Hogenaars es gut mit ihm meinten, hatte er Heimweh. Er vermisste seine Familie und seine traute Umgebung. Ob sich die Polizei schon nach ihm erkundigt hatte? War sein Vater verhört oder gar verhaftet worden? Er machte sich Sorgen. Zwar befand er sich in Sicherheit, doch mit seinem Plan hatte sein Vater sich und seine Familie in Gefahr gebracht. Nach der Kirche würde er seinen Eltern einen Brief schreiben.
Wie Wims Tischgebete wollte auch der Gottesdienst fast kein Ende nehmen. Erst nach gut zwei Stunden schloss der Pfarrer die Predigt mit einem Gebet ab und verabschiedete danach die Mitglieder seiner Gemeinde händeschüttelnd an der Kirchentür.
Nach dem aufgewärmten Mittagessen, zu dem es eine sonntägliche Scheibe Speck gab, machte sich Jan daran, seiner Familie zu schreiben. Mit Papier und Bleistift blieb er am Tisch sitzen. Kaum hatte er den ersten Satz beendet, stand Wim neben ihm: «Jan, um Gotteswillen, was tust du da?», sagte er in strengem Ton. «Am Sonntag wird nicht gearbeitet, dieser Tag ist heilig.»
«Ich arbeite doch nicht, ich schreibe nur einen Brief.»
«In der Bibel steht geschrieben: Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebten Tage sollst du ruhen. Auch in der Zeit des Pflügens und des Erntens. Daran halten wir uns.»
«Ist es wirklich Arbeit, einen Brief zu schreiben?»
Wim stellte sich stur: «Das ist es sehr wohl. Am Sonntag sollst du nicht schreiben! Du darfst in der Bibel lesen oder einen Spaziergang machen. Aber nicht zu lange. Bald ist es Zeit für unseren zweiten Gottesdienst.»
Ein zweiter Gottesdienst? Jan horchte auf. Auf eine weitere Predigt hatte er wirklich gar keine Lust, doch blieb ihm in seiner Lage wohl keine Wahl. Wenn die Hogenaars am Sonntag ein zweites Mal zur Kirche gingen, dann musste er mit, ob er wollte oder nicht.
Jan war enttäuscht, dass er seinen Eltern nicht schreiben durfte. Vielleicht wäre es aber auch leichtsinnig, einen Brief nach Hause zu schicken? Die Post seiner Familie wurde bestimmt kontrolliert.
Mit den beiden Gottesdiensten und den vielen Gebeten bei den Mahlzeiten fühlte sich der Sonntag fast doppelt so lang an wie ein Werktag. Beinahe war Jan erleichtert, dass am nächsten Tag wieder Feldarbeit angesagt war. Auch wenn sie ihn erneut an seine körperlichen Grenzen bringen würde.
Die Tage gingen ins Land und Wim, Truusje, Piet und Jan aufs Feld. Sie arbeiteten von früh bis spät und legten auf zwei weiteren Feldern Saatkartoffeln aus. Nach zwei Wochen wechselten sie auf ein Rübenfeld, das von Unkraut befreit werden musste.
Das Leben auf dem Hof war eintönig. Arbeiten, Beten, Essen, Schlafen. Arbeiten, Beten, Essen, Schlafen, Tag für Tag, Woche um Woche. Jan hatte sich an die schwere Arbeit und die Glaubensrituale der Hogenaars gewöhnt. Auf dem Feld gab er sein Bestes, und im Haus achtete er darauf, sich an die Regeln zu halten. Die Unbehaglichkeit der ersten Tage hatte sich gelegt, und der strikte Tagesablauf gab ihm Halt. Und trotz seines Heimwehs fühlte er manchmal sogar so etwas wie Geborgenheit. Jedenfalls war es um vieles besser, hier auf dem Hof zu schuften als in einer deutschen Rüstungsfabrik.
An den Sonntagen nutzte er die Zeit, die ihm neben den beiden Kirchgängen blieb, meist für einsame Spaziergänge, die ihn an einem Kanal entlangführten. Dabei konnte er in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Es beeindruckte ihn, wie gottesfürchtig die Hogenaars waren. Während ihr Glaube unerschütterlich war, hatte er an der Existenz Gottes zu zweifeln begonnen. Wenn es wirklich einen Gott gab, warum liess der dann zu, dass sich die Menschen so viel Leid zufügten? Warum erlaubte er, dass das Böse über das Gute siegte? Wo blieben seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit? Jan fand keine Antworten. Mit den Hogenaars wagte er nicht, über solche Themen zu reden. An Gott zu zweifeln, war für sie sicher eine schwere Sünde.
***
Wout war wütend.
Truusje Hogenaar sass nun bereits den vierten Sonntag in der Kirche neben diesem fremden Mann. Am Morgen, am Nachmittag. Auch heute. Die Reihenfolge war immer dieselbe: Wim, Tineke, Truusje, der fremde Mann, Piet und Aneke.
Wout fand das ungerecht. Er würde selber so gerne neben Truusje sitzen, ihre Nähe spüren, sich Dinge ausmalen. Zu nahekommen durfte er ihr natürlich nicht, das wäre gegen die Regeln. Dennoch hatten sich früher oft Gelegenheiten ergeben, mit ihr zusammen zu sein. Wenn sie Pause machte und er gerade vorbeikam, oder wenn sie im Dorf einkaufte und er ihr rein zufällig über den Weg lief. Dann setzten sie sich nebeneinander, plauderten, neckten sich, und wenn er Glück hatte, berührten sich ihre Hände. Er fühlte sich zu ihr hingezogen, und sie sich vielleicht auch zu ihm. Das hoffte er.
Seit der fremde Mann bei der Familie wohnte, hatten Truusje und er sich nicht mehr getroffen. Das konnte kein Zufall sein. Der Mann war schuld, davon war er überzeugt.
Aus der Entfernung von seinem Platz in der dritten Reihe konnte Wout nicht erkennen, ob der fremde Mann seiner Truusje zu nahekam – wobei er eigentlich gar nicht anders konnte. Die Kirchbänke waren so eng, dass er sie beim Sitzen zwangsläufig berühren musste.
Wout musste etwas tun. Noch wusste er nicht, was. Aber er musste dafür sorgen, dass alles wieder so werden würde wie früher, als bei den Hogenaars noch kein fremder Mann gewohnt und als Knecht gearbeitet hatte. Dass der ein Knecht sein sollte, glaubte er ohnehin nicht so richtig.
***
An einem späten Montagnachmittag Anfang Mai kam Wim von einer Besorgung aus dem Dorf zurück und nahm Jan zur Seite: «Im Dorf geht das Gerücht um, dass die Schwarze Polizei eine Razzia plant. Sie will Arbeitsverweigerer und Taugenichtse aufspüren. Es wäre besser für uns alle, wenn du die nächsten paar Tage nicht hier im Haus wohnen würdest. Auf dem Feld, wo wir heute Morgen waren, gibt es einen Unterstand. Dort kannst du dich verstecken, bis die Luft wieder rein ist. Mach dich gleich auf den Weg, Tineke gibt dir eine Decke und etwas zu essen mit.»
Jan erschrak. Er hatte sich in Sicherheit gewiegt und gedacht, dass ihm hier draussen in der Abgeschiedenheit nichts passieren konnte. Doch Nazis und die Zwarte Politie, die mit ihnen kollaborierte, gab es überall, auch auf dem Land. Diese «Polizisten» waren berüchtigt. Und sie suchten ihn!
Wim bemerkte Jans Reaktion. «Fürchte dich nicht, Jan. Auf dem Feld bist du sicher, dort finden sie dich nicht. Und die Kinder bringen dir jeden Tag was zu essen.»
Obwohl es schon dunkel wurde, war der Unterstand von weitem zu sehen. Jan hoffte, dass das kein schlechtes Omen war. Der Verschlag hatte Wände aus Brettern und ein Wellblechdach, das die Strohballen notdürftig vor dem Regen schützte. Die windabgewandte Seite war offen. Beruhigt stellte er fest, dass es ein gutes Versteck war.
Nachdem er die Strohballen so angeordnet hatte, dass er hinter ihnen schlafen und sich notfalls auch verstecken konnte, griff er nach dem Korb mit der Verpflegung. Er wollte eben in ein Stück Brot beissen, als er sich besann und aus lauter Gewohnheit ein kurzes Gebet murmelte. Eines, wie er es als Kind manchmal aufgesagt hatte – ohne dass sich die damit verbundenen Wünsche jemals erfüllt hätten. Er hoffte, dass es jetzt anders sein würde: «Lieber Gott, mach, dass mich die Polizei nicht aufspürt und dass ich bei der Familie Hogenaar bleiben kann. Amen.»
