Der Ursprung der Geschichte: Herodot und Thukydides - Thukydides - E-Book

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Thukydides

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Beschreibung

In der Anthologie 'Der Ursprung der Geschichte: Herodot und Thukydides' wird der Grundstein der historischen Literatur in seiner facettenreichen Tiefe ergründet. Diese Sammlung vereint die Pioniere der Geschichtsschreibung, um die Evolution der historiographischen Praktiken und Perspektiven zu beleuchten. Die Werke bieten ein breites Spektrum an Stilen, von Herodots lebhaft erzählten 'Historien', die nicht nur die Ereignisse der Perserkriege schildern, sondern auch die Bräuche und Sitten fremder Völker beschreiben, bis hin zu Thukydides' analytischer Berichterstattung über den Peloponnesischen Krieg, welche die Entfaltung von Macht und Politik akribisch darlegt. Diese literarischen Meisterstücke reflektieren den Übergang von mythischer Erzählweise zur kritischen Analyse historischer Prozesse. Die Autoren Thukydides und Herodot stehen im Zentrum dieser bedeutungsvollen Sammlung, deren Werke entscheidend zur Methodologie und Stilistik der westlichen Geschichtsschreibung beigetragen haben. Herodot gilt als 'Vater der Geschichte', dessen neugieriges und integratives Geschichtsbewusstsein einen kulturellen Vergleich anregt. Thukydides hingegen setzt auf Rationalismus und strenge Quellenkritik, die oft als der Beginn der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung angesehen wird. Diese beiden visionären Geschichtsschreiber bieten durch ihre unterschiedlichen Ansätze einen Einblick in die kulturellen und intellektuellen Strömungen des antiken Griechenlands und prägen das Verständnis historischer Untersuchungen bis heute maßgeblich. 'Herodot und Thukydides: Der Ursprung der Geschichte' ist eine unverzichtbare Lektüre für all jene, die in die Ursprünge der Geschichtsschreibung eintauchen wollen. Diese Anthologie bietet eine wertvolle Gelegenheit, diverse Perspektiven historischer Narration aus einem einzigen Band heraus zu erkunden. Sie lädt ein, den Dialog zwischen verschiedenen Formen der Geschichtsdarstellung und deren kulturellen Kontexten zu erleben und darüber nachzudenken. Leser werden inspiriert, die erzählerische Kunst und die analytische Kraft dieser frühen Historiker zu schätzen, wodurch sie ein tieferes Verständnis der Geschichte und ihrer Darstellung gewinnen können. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine Einführung verknüpft die verschiedenen Stränge, indem sie erörtert, warum diese unterschiedlichen Autoren und Texte gemeinsam in einer Sammlung Platz finden. - Der Abschnitt zum historischen Kontext beleuchtet die kulturellen und intellektuellen Strömungen, die diese Werke geprägt haben, und bietet Einblicke in die gemeinsamen (oder gegensätzlichen) Epochen, die jeden Autor beeinflusst haben. - Eine kombinierte Synopsis (Auswahl) umreißt kurz die wichtigsten Handlungen oder Argumente der enthaltenen Texte, damit die Leser den Gesamtumfang der Anthologie erfassen können, ohne wesentliche Wendungen vorwegzunehmen. - Eine kollektive Analyse hebt gemeinsame Themen, stilistische Variationen und bedeutsame Überschneidungen in Ton und Technik hervor, um Autoren aus verschiedenen Hintergründen miteinander zu verbinden. - Reflexionsfragen ermutigen die Leser, die verschiedenen Stimmen und Perspektiven innerhalb der Sammlung zu vergleichen, und fördern so ein tieferes Verständnis des übergreifenden Gesprächs.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Herodot, Thukydides

Der Ursprung der Geschichte: Herodot und Thukydides

Bereicherte Ausgabe. Historien + Geschichte des peloponnesischen Kriegs
Einführung, Studien und Kommentare von Jonas Becker
EAN 8596547730309
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Der Ursprung der Geschichte: Herodot und Thukydides
Analyse
Reflexion

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Kuratorische Vision

Diese Sammlung vereint Herodots Historien und Thukydides’ Geschichte des peloponnesischen Kriegs, zwei Grundpfeiler der historischen Reflexion in der klassischen griechischen Welt. Beide untersuchen Ursachen, Entscheidungen und Folgen, doch sie tun es mit unterschiedlichen Mitteln. Unter dem Leitmotiv Ursprung der Geschichte werden Erkundung, Erinnerung und Macht als miteinander verflochtene Anliegen sichtbar. Die Zusammenführung soll zeigen, wie Geschichtsschreiben aus der Beobachtung politischer Krisen erwächst und sich zugleich als intellektuelle Praxis formt. Indem beide Werke in einem gemeinsamen Rahmen gelesen werden, entsteht ein Resonanzraum, der ihre Eigenarten schärft und ihre Gemeinsamkeiten hervortreten lässt.

Die Auswahl betont ein Spannungsfeld zwischen Erzählfreude und analytischer Strenge. Herodot entfaltet ein weites Panorama menschlicher Sitten und Begegnungen, während Thukydides die politische Dynamik eines anhaltenden Konflikts seziert. Gemeinsamer Nenner ist das Interesse an Ursachen, Belegen und Argumenten, verbunden mit der Einsicht, dass Erzählung selbst ein Mittel der Erkenntnis ist. Die Sammlung verfolgt das Ziel, dieses Spannungsfeld als produktive Achse sichtbar zu machen: Beobachtung, Deutung, Urteil. So entsteht ein Bogen vom Weltkontakt des Reisenden bis zur methodischen Verdichtung des Zeugen, der verschiedene Wege geschichtlicher Wahrheitsfindung konzise nebeneinanderstellt und vergleichbar macht.

Ein weiteres Ziel besteht darin, einen thematischen Pfad von den Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern zu den innergriechischen Spannungen zu zeichnen. Die Perspektive verschiebt sich vom Blick über Grenzen zum Blick ins eigene Gemeinwesen. Damit wird erfahrbar, wie sich Begriffe wie Freiheit, Bündnis, Risiko und Verantwortung in unterschiedlichen Krisen neu ausprägen. Die Sammlung lädt dazu ein, die Reflexion über Führung, Deliberation und kollektives Handeln entlang dieses Pfades zu verfolgen. Aus der Gegenüberstellung entsteht kein Kompromiss, sondern ein dialektischer Rahmen, in dem Differenzen produktiv werden und Einsichten aus zwei verschiedenen Schreibarten aufscheinen.

Die Besonderheit liegt in der bewussten Zusammenstellung zweier traditionell getrennt rezipierter Texte. Statt isolierter Lektüren ermöglicht der gemeinsame Rahmen wechselseitige Bezugnahmen: Motive, Argumente und Beschreibungsverfahren lassen sich direkt vergleichen. Dadurch wird nicht nur die Eigenart jedes Werks klarer, sondern auch ihr gemeinsamer Beitrag zur Entstehung einer reflektierten Darstellung politischer Erfahrung. Diese Sammlung versteht sich als Leseanordnung, die das Nebeneinander in ein Miteinander verwandelt und neue Zugänge zur Beziehung zwischen Erkundung und Analyse eröffnet, ohne die Werke zu glätten oder zu vereinheitlichen. Differenz erscheint hier als produktive Form der Verständigung selbst.

Thematisches und ästhetisches Zusammenspiel

Im gemeinsamen Dialog zeigen sich zwei komplementäre Wege, Komplexität zu fassen. Herodot verknüpft Ereignisse mit Sitten, Landschaften und Erzählungen über Begegnungen; Thukydides verdichtet den Blick auf Machtkalküle, Entscheidungen und Folgen. Beide nutzen Rede und Gegenrede, um Ursachen sichtbar zu machen, und beide reflektieren die Grenzen des Wissens. So entsteht ein polyphones Feld, in dem Neugier und Strenge einander befragen. Die Texte treten nicht als Rivalen auf, sondern als Gesprächspartner, deren Verfahren unterschiedliche Aspekte derselben historischen Wirklichkeit beleuchten und dadurch die Urteilsfähigkeit der Lesenden durch Kontrast, Bestätigung und Korrektur schärfen können.

Über beide Werke hinweg wiederholen sich Motive, die ethische Fragen bündeln: Macht und Maß, Furcht und Hoffnung, Loyalität und Verrat, die Anziehungskraft des Ruhms und die Fragilität von Bündnissen. Das Meer und die Stadt erscheinen als Räume der Entscheidung, die Volksversammlung als Labor politischer Sprache. Immer wieder geht es um die Deutung von Zeichen, die Unsicherheit des Hörensagens und die Prüfung von Zeugnissen. Das Ergebnis ist kein moralisches Lehrstück, sondern eine Einladung, Gründe zu wägen, Handlungen zu beurteilen und Begriffe wie Gerechtigkeit, Nutzen und Notwendigkeit konkret zu durchdenken. So wird Urteil zur praktischen Aufgabe.

Die Kontraste in Ton und Perspektive treiben den inneren Austausch an. Herodot kultiviert eine offene Haltung der Erkundung, die das Staunen nicht scheut, und entwickelt daraus eine erzählerische Weite. Thukydides pflegt eine strenge, oft nüchterne Sprache, die Ursachenketten und strategische Kalküle freilegt. Die Spannung zwischen Breite und Verdichtung, zwischen Reiseblick und Krisenprotokoll, lässt unterschiedliche Wahrnehmungsformen sichtbar werden. Gleichwohl teilen beide die Überzeugung, dass sorgfältiges Fragen und Abwägen nötig sind, um Ereignisse verständlich zu machen. Aus dieser Doppelstruktur entsteht ein produktiver Reibungsraum, der Methoden, Motive und Maßstäbe gegenseitig konturiert und fruchtbar hält.

Auch die Anspielungen und Abgrenzungen sind bedeutsam. Herodot zeigt, wie Wissensgewinn aus Sammlung, Vergleich und Erzählung entsteht. Thukydides formuliert demgegenüber ein Programm, das auf dauerhafte Geltung zielt und Berichten über Wunderdinge misstraut; darin liegt eine implizite Stellungnahme zur Erzählpraxis seines Vorgängers. Zugleich bleibt die Verwandtschaft sichtbar: Beide nutzen Reden, um Motive zu ordnen und Interessen zu durchleuchten, und beide prüfen Ursachenketten mit Blick auf Notwendigkeiten und Möglichkeiten. So wird die spätere Strenge aus früherer Erkundung verständlich, während die frühere Weite als Korrektiv gegen vorschnelle Reduktion erinnerlich bleibt. Der Dialog ist zugleich kritisch und konstruktiv.

Langfristige Wirkung und kritische Rezeption

Die Relevanz dieser Sammlung gründet in ihrer doppelten Perspektive auf Krieg, Politik und Erkenntnis. Herodot und Thukydides verbinden Ereignisnähe mit Reflexion über Ursachen, Verantwortung und Erzählbarkeit. In Zeiten, in denen Information strömt und Deutung umstritten ist, bieten beide Werke Maßstäbe für die Prüfung von Aussagen und die Abwägung von Motiven. Die gemeinsame Lektüre macht sichtbar, wie historische Darstellung Orientierung stiften kann, ohne Komplexität zu verflachen. Sie eröffnet Spielräume für Urteilskraft, indem sie Erfahrungswissen, methodische Strenge und narrative Anschaulichkeit zusammenführt und damit Denkbewegungen ermöglicht, die über aktuelle Situationen hinausreichen und tragfähig bleiben.

Die kritische Rezeption beider Werke hat früh ihre exemplarische Bedeutung für die historische Reflexion erkannt, insbesondere die Spannung zwischen erzählerischer Weite und strenger Analyse. Maßgeblich erscheint bis heute die Einsicht, dass methodische Selbstprüfung und argumentierende Darstellung den Anspruch auf Geltung tragen. Gleichzeitig bleibt anerkannt, dass anschauliche Erzählformen Zugänge eröffnen, die reines Kalkül verfehlt. Aus der Gleichzeitigkeit dieser Einsichten ergibt sich eine andauernde Debatte über Maßstäbe der Wahrheitssuche. Die Sammlung bündelt diese Debatte, indem sie das Wechselspiel sichtbar macht und so eine historisch gegründete, doch bewegliche Norm der Beurteilung nahelegt und weitergibt.

Kulturelle und wissenschaftliche Nachwirkungen zeigen sich in vielfältigen Bezugnahmen auf die dargestellten Konflikte, Argumentationsweisen und Entscheidungsszenen. Dramatische Bearbeitungen, politische Reflexion und historische Forschung greifen wiederkehrend auf Konstellationen zurück, die hier paradigmatisch beschrieben werden, etwa auf Koalitionen, Revolten, Aushandlungen und Reden. Ebenso sind Begriffe wie Macht, Zufall, Notwendigkeit und Verantwortung in dauernder Bewegung geblieben, genährt durch die Lektüre dieser Werke. Ihre anhaltende Präsenz belegt, wie stark erzählerische und analytische Verfahren der beiden Autoren den Blick auf Handlung, Risiko und Urteil geprägt haben und weiterhin Orientierung bieten. Dies betrifft Bildung, öffentliche Debatten und künstlerische Experimente gleichermaßen.

Schließlich eröffnet die Sammlung eine Gelegenheit, tradierte Lesarten neu zu prüfen und die eigene Haltung zur historischen Darstellung zu schärfen. Wer Herodots Offenheit mit Thukydides’ Strenge zusammen denkt, gewinnt ein Spektrum, das Skepsis und Vertrauen, Nähe und Distanz, Erfahrung und Methode in Balance hält. Diese Balance ist kein fertiges Ergebnis, sondern eine zu aktualisierende Praxis. Die gemeinsame Lektüre beider Werke stellt Werkzeuge bereit, um komplexe Lagen zu beschreiben, ohne vorschnell zu vereinfachen. So wird der Ursprung der Geschichte zum Ausgangspunkt reflektierter Gegenwartsarbeit und zu einer Schule der Urteilskraft für viele Bereiche.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Sozio-politische Landschaft

Die Sammlung verankert zwei monumentale Erzählungen im Spannungsfeld der griechischen Poliswelt. In den Historien entfaltet sich die Konfrontation zwischen griechischen Gemeinwesen und einem expansiven Großreich, während die Geschichte des peloponnesischen Kriegs die innergriechische Zerreißprobe in den Mittelpunkt rückt. Beide Werke verbinden Kriegsgeschichte mit Verfassungsfragen und materiellen Zwängen. Sie zeigen, wie Bündnisse entstehen und zerbrechen, wie Städte durch Tribute, Flotten und Mauern Macht akkumulieren und wie religiöse Praktiken politische Entscheidungen flankieren. So wird Geschichte zugleich als internationale, regionale und häusliche Angelegenheit sichtbar, deren Deutungen um Legitimität und Identität ringen.

Die Historien stellen die persischen Kriege als Kulmination konkurrierender Ordnungsvorstellungen vor: monarchische Zentralisierung, regionale Autonomie, städtische Freiheit. Über Handelswege, Grenzräume und diplomatische Rituale hinweg verfolgt das Werk die Aushandlung von Autorität. Herodot verknüpft Ursachenketten, die von persönlichen Motiven bis zu strukturellen Spannungen reichen, und macht sichtbar, wie fragil Verpflichtungen zwischen Poleis und benachbarten Völkern sind. Die Erzählung zeigt, dass militärische Entscheidungen stets in sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen getroffen werden, ob im Rat, auf dem Marktplatz oder in improvisierten Kriegsräten, in denen Tradition und Gegenwart miteinander um Vorrang streiten.

In der Geschichte des peloponnesischen Kriegs werden institutionelle Profile präzise ausgeleuchtet. Volksversammlungen, Gerichte und Strategenämter formen kollektive Handlungsfähigkeit, aber auch impulsive Wendungen. Die maritime Ausrichtung einer Stadt, gespeist durch Tribute und Seeverkehr, steht im Spannungsverhältnis zu egalitären Idealen und imperialen Praktiken. Thukydides analysiert, wie Reden Mehrheiten formen, wie Information gesteuert wird und welche Kosten Prestigeprojekte verursachen. Entscheidungssituationen erscheinen nicht als Einzelfälle, sondern als wiederkehrende Muster, in denen Hoffnung, Furcht und Kalkül die politische Grammatik der Polis definieren und damit Kriegführung, Diplomatie und innere Ordnung prägen.

Der Gegensatz zwischen landgebundener Hegemonie und seegestützter Herrschaft wird zur geopolitischen Grundachse. Thukydides beschreibt, wie das Anwachsen der Macht einer Stadt Unsicherheit erzeugt und Abwehrkoalitionen stimuliert. Gleichgewichtspolitik und Abschreckung entstehen nicht als theoretische Schemata, sondern aus Vorräten, Rekrutierung, Mauern, Häfen und Zufahrtswegen. Herodot liefert dazu die longue durée: Er zeigt, wie ältere Rivalitäten und Grenzkonflikte die Wahrnehmung von Bedrohung rahmen. So formt die Architektur des Raumes – Gebirge, Inseln, Engpässe – gemeinsam mit Institutionen den Möglichkeitsraum, in dem Krieg und Verhandlung stattfinden.

Beide Werke dokumentieren soziale Erschütterungen, die Krieg über die Polis bringt. In den Historien destabilisieren Eroberungen, Umsiedlungen und Verwüstungen lokale Ordnungen; alte Loyalitäten zerbrechen, neue Loyalitäten werden erzwungen. Thukydides beschreibt Belagerungen, Hunger, Epidemie und die moralische Verrohung im Bürgerkrieg. Sprachregeln lösen sich, Normen geraten in Schieflage, und Notwendigkeit wird zur politischen Maxime. Diese Krisen sind keine Randerscheinungen, sondern Kernelemente der Geschichtserfahrung. Sie erklären, warum Debatten um Recht, Ehre und Nutzen sich verhärten und warum Institutionen unter Druck zu Varianten ihrer selbst werden.

Ökonomie und Technik fungieren als stille Akteure. Flottenbau, Rudererlohn, Festungsbau und Versorgungslinien entscheiden über Handlungsspielräume. Herodot verfolgt die Finanzierung und Logistik großer Feldzüge ebenso wie die symbolische Ökonomie von Gaben und Gesandtschaften. Thukydides zeigt Kalkül in Zahlen: Vorräte, Jahreszeitenrhythmus, Verluste. Häfen und Inselstützpunkte werden zu Schaltstellen von Herrschaft, während Getreiderouten und Silberressourcen strategische Prioritäten setzen. Religiöse Kalender, Feste und Heiligtümer strukturieren zudem diplomatische Begegnungen und Waffenruhen. In dieser materiellen und rituellen Umwelt nehmen politische Visionen Gestalt an – oder scheitern an ihren Kosten.

Recht und Vertragspraxis stehen im Mittelpunkt politischer Kommunikation. Die Historien schildern Eide, Geiselstellungen und diplomatische Formeln als fragile Brücken zwischen Misstrauen und Kooperation. Thukydides integriert Auszüge aus Abmachungen und Waffenstillständen, seziert Bruchgründe und Interpretationsspielräume und führt so den Graubereich zwischen Rechtsanspruch und militärischer Zweckmäßigkeit vor. Beide Werke zeigen die performative Kraft von Worten: Versprechen stiften Handlungsketten, deren Folgen weit über den Moment hinausreichen. Geschichte erscheint als fortlaufende Aushandlung zwischen Gerechtigkeitsansprüchen, Interesse und der unberechenbaren Dynamik der Ereignisse.

Intellektuelle und ästhetische Strömungen

Die Sammlung dokumentiert die Verschiebung von mythischer Erklärung zu forschender Darstellung. In den Historien verbindet Herodot Neugier, Vergleich und Ortsbegehung mit der Einsicht, dass Erinnerung plural ist und Widersprüche erfordert. Er setzt auf offene Fragestellung und die Erzählbarkeit des Unerwarteten. Thukydides akzentuiert Prüfung und Beweis, ordnet Zeit präzise und sucht die Generalisierbarkeit politischer Mechanismen. Beide positionieren Geschichte als Erkenntnispraxis, die nicht nur Ereignisse bewahrt, sondern Gründe auffindbar macht. Aus dieser Methodik erwächst ein Anspruch auf Dauer: Einsichten sollen jenseits des Augenblicks Orientierungswissen bereitstellen.

Rede und Gegenrede sind das ästhetische Labor politischer Vernunft. Herodot bietet vielfältige Stimmen, in denen weltanschauliche Alternativen resonieren, und lässt Motivation, Mythos und Moral miteinander konkurrieren. Thukydides konstruiert Redeanordnungen, die Entscheidungszwänge transparent machen, Argumente verdichten und die Kluft zwischen Norm und Notwendigkeit ausloten. So entsteht eine Bühne ohne Schauspieler außerhalb der Geschichte: Politik wird in Sprache sichtbar, und Sprache wird zum Handlungsraum. Die Kunst der Komposition – Auswahl, Platzierung, Kontrast – lässt Debatten exemplarisch werden, ohne ihre historische Eigenart zu verwischen.

Narrative Gestaltung unterscheidet die beiden Werke und schafft komplementäre Lektüreerfahrungen. Herodot bevorzugt Weitwinkel, Exkurs und Rückblende; das Staunen über Sitten, Ressourcen und Landschaften erweitert Ursachenverständnis. Thukydides arbeitet mit Verdichtung: knappe Schlachtenbilder, klarer Zeitlauf, strenge Kausalität. Bei Herodot erscheint Zufall als soziales Faktum, eingebettet in Bräuche und Erwartungen; bei Thukydides wird Kontingenz am Scharnier zwischen Planung und Fehleinschätzung greifbar. Gemeinsam erzeugen sie ein Spannungsfeld aus Weltweite und Präzision, in dem die Lesenden lernen, wie Erkenntnis von Perspektive, Auswahl und Beleg abhängt.

Beide Autoren experimentieren mit empirischen und quantifizierenden Verfahren. Herodot ordnet Räume, misst Entfernungen, beschreibt Ressourcenströme und die technischen Voraussetzungen großer Unternehmungen. Thukydides führt saisonale Chronologie, Zahlenangaben und symptomorientierte Beschreibungen ein, etwa bei Seuchen oder Belagerungen. So entsteht eine epistemische Sprache, die Beobachtung, Wahrscheinlichkeit und Vergleich priorisiert. Wissenschaftliche Haltung zeigt sich nicht als Abkehr von Erzählung, sondern als dessen Disziplinierung: Der Bericht soll überprüfbar werden, ohne die Komplexität zu verflachen. Technik und Methodik stehen im Dienst politischer Aufklärung.

Die Sammlung rahmt zugleich eine implizite Rivalität der Gattungsentwürfe. Herodots universal ausgreifendes Erzählmuster behauptet, dass Verständigung über Differenz möglich ist und dass Macht ohne Kulturkunde nicht begreifbar wird. Thukydides entwirft die politische Monographie als Schule der Urteilskraft, die exemplarische Muster abhebt und in nüchterner Sprache tradierbar macht. Beide reklamieren Dauerhaftigkeit ihres Unternehmens – als Mahnung, Gedächtnis und Werkzeug. Aus der Spannung zwischen Offenheit und Strenge entsteht ein Kanon doppelter Optik: die Welt als Gewordenes und der Krieg als Prüfstand der Institutionen.

Vermächtnis und Neubewertung im Lauf der Zeit

Frühe Leserinnen und Leser erkannten in der Sammlung ein Archiv politischer Erfahrung. Die Historien boten Modelle, mit Fremden zu sprechen und Vergangenes als vielstimmig zu begreifen; die Geschichte des peloponnesischen Kriegs zeigte, wie Entscheidungen unter Risiko fallen. In Bildungszusammenhängen galten beide als Schule für Sprache, Ethos und Urteil. Imperiale und städtische Eliten nutzten sie, um Herrschaft zu begründen, Bündnisse zu bewerten und Niederlagen zu erklären. Die Werke blieben anschlussfähig, weil sie nicht Rezepte liefern, sondern Konfliktformen zeigen, die sich in wechselnden Ordnungen wiederholen.

Mit der Wiederentdeckung antiker Politik im europäischen Frühneuzeitdenken wurden beide Texte zu Prüfsteinen historischer Methode. Herodots Weitwinkel schien Weltkenntnis zu lehren; Thukydides’ Strenge versprach Maßstab für Quellenkritik. Debatten über Erzählfreude und Faktentreue formten das Selbstbild der Geschichtsschreibung, die zwischen Anschaulichkeit und Genauigkeit vermitteln wollte. In dieser Klimazone erhielten die Texte programmatische Rollen: als Muster für kulturkundliche Aufschlüsse und als Matrix politischer Analyse. Der Unterschied beider Ansätze wurde nicht als Mangel, sondern als produktive Polarität gedeutet, die Forschung und Darstellung bis heute strukturiert.

Moderne Umbrüche verschoben die Lektüre erneut. Nationalstaatliche Projekte, totale Kriege und ökonomische Krisen ließen die Geschichte des peloponnesischen Kriegs als Handbuch strategischer Rationalität erscheinen, während die Historien als Reservoir interkultureller Einsichten galten. In kolonialen und postkolonialen Kontexten wurde Herodots Aufmerksamkeit für lokale Stimmen neu bewertet, zugleich kritisch befragt auf Asymmetrien der Darstellung. Thukydides’ Analyse der Machtkonkurrenz wurde als nüchterner Blick auf Eskalationslogiken gelesen, aber auch als Warnung vor moralischer Erosion in langwierigen Konflikten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erweiterten neue Perspektiven die Rezeption. Sozial- und Umweltgeschichte schärften das Interesse an Versorgung, Krankheit und dem Einfluss materieller Systeme, wodurch beide Werke frische Aktualität erhielten. Digitale Kartierungen und Netzwerkmodelle machten Mobilität, Diplomatie und Ressourcenflüsse sichtbar, die in den Texten angelegt sind. Zugleich traten Emotionen und Affekte stärker ins Zentrum: Furcht, Hoffnung und Scham als politische Kräfte. Herodots multiperspektivisches Erzählen erschien als Schule der Empathie, Thukydides’ analytische Komposition als Werkzeug, um systemische Risiken und Kettenreaktionen zu begreifen.

Gegenwärtige Debatten kreisen um Wahrheit, Zeugenschaft und Verantwortung. Vor dem Hintergrund globaler Informationskonflikte wirken die Verfahren beider Autoren exemplarisch: Nachprüfung, Offenlegung von Unsicherheit, Markierung der eigenen Reichweite. Neuübersetzungen und Bühnenbearbeitungen zeigen, wie flexibel die Texte auf aktuelle Fragen reagieren: Demokratie unter Stress, Gewaltenteilung im Ausnahmezustand, Grenzerfahrungen von Krieg und Seuche. Die Auseinandersetzung mit Niederlage und Wiederaufbau – im einen Werk fern, im anderen leitmotivisch – fungiert als kritische Schule des politischen Urteils. So bleibt die Sammlung ein lebendiges Labor historischer Selbsterkenntnis.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Historien (Herodot)

Herodots Historien verfolgen die Ursachen und Ereignisse der Auseinandersetzungen zwischen Griechen und Persern und weiten den Blick auf die Sitten, Landschaften und Geschichten zahlreicher Völker. Die Darstellung verbindet Erkundung und Erzählfreude: Berichte verschiedener Gewährsleute werden gesammelt, abgewogen und zu einem Panorama von Machtpolitik, Kulturkontakt und Risiko zusammengeführt. Der Ton ist neugierig und episodisch, mit Interesse an menschlichen Motiven, Normen und den Grenzen von Wissen.

Geschichte des peloponnesischen Kriegs (Thukydides)

Thukydides’ Werk zeichnet in strenger Analyse die Ursachen, Dynamiken und Wendepunkte des Konflikts zwischen Athen und Sparta nach. Im Mittelpunkt stehen Machtinteressen, Angst und Nutzenkalkül; Reden und präzise Szenen dienen dazu, konkurrierende Argumente und Entscheidungen sichtbar zu machen. Der Ton ist nüchtern und methodisch, aus der Perspektive eines zeitgenössischen Beobachters, der Mythen meidet und auf nachvollziehbare Kausalität zielt.

Verbindungslinien und Kontraste

Beide Werke begründen Geschichtsschreibung als Untersuchung: Sie bewahren Erinnerung und fragen nach Ursachen, doch Herodot erweitert die historische Bühne kulturkundlich, während Thukydides den Fokus auf Politik, Krieg und Entscheidungslogik verengt. Kontrastiert werden erzählerische Weiträumigkeit und quellenkritische Strenge, episodische Vielfalt und analytische Verdichtung; beide nutzen Redeformen, um Positionen zu prüfen und Handlungslogiken offenzulegen. Im Dialog zeigen sie, wie Erzählung und Analyse unterschiedliche Wege bieten, Macht, Risiko und Verantwortung in der menschlichen Geschichte zu verstehen.

Der Ursprung der Geschichte: Herodot und Thukydides

Hauptinhaltsverzeichnis
Historien (Herodot)
Geschichte des peloponnesischen Kriegs (Thukydides)

Historien (Herodot)

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Erstes Buch: Klio
Zweites Buch: Euterpe
Drittes Buch: Thalia
Viertes Buch: Melpomene
Fünftes Buch: Terpsichore
Sechstes Buch: Erato
Siebentes Buch: Polyhymnia
Achtes Buch: Urania
Neuntes Buch: Kalliope

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Seit langer Zeit trägt Herodot allgemein den Ehrentitel des Vaters der Geschichte. Er verdient diesen Namen nicht sowohl wegen des Alters seiner Schrift, der ältesten historischen, die wir von Griechen besitzen, als vielmehr wegen seiner vortheilhaften Auszeichnung vor Allen, die vor ihm für die Geschichte gearbeitet hatten, namentlich durch den Umfang und Reichthum des Stoffes, den er gesammelt bat, und durch die Zweckmäßigkeit und Schönheit der Form, die ihm eigen ist. Das Vaterland unsers Geschichtsschreibers, das kleinasiatische Griechenland, hatte bekanntlich den lebendigen Hellenischen Volksgeist leichter und schneller entfaltet, als das Mutterland selbst: die Reime der Kunst und der Cultur überhaupt, welche seine Söhne aus diesem mitgebrachthatten, waren schnell zu üppigen Blüthen erwachsen. Der glückliche Himmel und Boden Ionien's und der nahen Inseln, aufregende Kämpfe mit den alten Landesbewohnern, vielfacher Verkehr mit nähern und entferntern Nachbarn, die günstige Lage für Schiffahrt, Handel und Gewerbewesen, alles vereinigte sich, um hier ein reiches, bewegliches Städteleben zu bilden. Von der ersten kräftigsten Periode dieser Entwicklung hatte schon Jahrhunderte vor Herodot das Ionische Epos Zeugniß gegeben; für die innern Reibungen wurden die frühen Tone der Ionischen und Aeolischen Leyer, für die verfeinerte Ausbildung sinnlichen Genusses und gemüthlichen Lebens würde eben diese Poesie, für die steigende Cultur des Geistes die Ionische Philosophie beweisen, wenn wir auch nichts mehr wußten von den rüstigen Kämpfen, von den immer erweiterten Seefahrten, von den zahlreichen Colonien dieser aufgeweckten Volksstämme, und von dem Reichthum und Luxus, zu welchem ihre Städte sich erhoben. Bei allen Völkern waren es gerade solche Zeiten des Aufblühens, ein so betriebvolles Gesellschaftsleben, von nothwendiger Erweiterung der Natur- und Menschenkunde begleitet, mit aufregenden Bedürfnissen und lehrreichen Erfahrungen verbunden, welche die Bildung einer Geschichte und Geschichtschreibung herbeiführten. So hatte sich auch in Kleinasien, ungefähr ein Jahrhundert vor Herodot, die Prosa schriftlich zu bilden angefangen, und es entstanden da und dort Aufzeichnungen alter Ueberlieferung und neuer Erfahrung. Diese trugen den ziemlich unbestimmten Namen Logoi (λόγοι), welcher Sagen und Geschichten aller Art, Gegenstände des Wissens überhaupt und selbst solche der Dichtkunst unter sich begriff, womit jedoch auch noch unser Herodot seinen Stoff und die Mittheilung derselben bezeichnet. Es ist daher gewöhnlich geworden, diese Art alter Geschichtschreiber unter dem Namen Logographen zusammen zu fassen. Natürlich konnten diese ersten Historischen Versuche anfangs nicht wohl in etwas Anderen bestehen, als in bloßer Meldung jener geheiligten Sagen, die, bisher in den Dichtungen und im Volksglauben lebend, die einzigen Ueberlieferungen aus der Vergangenheit ausmachten, und ohne, ihrer Natur nach, eine kritische Behandlung zuzulassen, nur gesammelt und geordnet werden konnten; aber auch dieß Letztere nicht auf umfassende Weise, da die Verfasser zunächst und großentheils auf das Anhören von örtlichen Sagen und die Betrachtung von Lokaldenkmälern beschränkt waren. Auch Das, was näher mit der Gegenwart zusammenhing, und wozu äussere Verhältnisse Veranlassung gaben, konnte sich nicht viel über Stammes-, Stadt- und Familiengeschichte ausdehnen; nur daß zu einiger Belebung solcher Genealogien und Specialgeschichten einerseits ihre Mitgabe aus der alten Glaubenswelt, die sich mährchenartig umgestaltete, andrerseits allmählige Fortschritte in der Natur- und Länderkenntniß, endlich auch die eigenen Combinationen beitrugen, in welchen sich die Logographen oft ziemlich willkührlich versuchten. Als jedoch der Handel, die Reisen in's Ausland, besonders Seefahrten den Horizont erweiterten, da mußte die Geschichte durch die immer wachsende Länder- und Völkerkunde neue Nahrung und Kraft gewinnen. Dazu kam noch, daß nun auch das politische Leben in Ionien, namentlich, durch das Herandrängen Asiatischer Mächte in größere Bewegung versetzt, auch die historische Thätigkeit lebhafter aufregte und beschäftigte. So war es denn gerade die Zeitperiode, in welcher das kleinasiatische Griechenland die ersten, schönsten Blüthen abfallen sah, die ihm schneller und üppiger, aber auch minder kräftig, als dem Mutterlande aufgegangen waren: es war gerade diese Zeit der Stürme, in welcher die Ionische Geschichtschreibung zu reifen begann. Kurz vor Herodot erhielt so die Geographie, die Grundlage der Geschichte, mehr Umfang und Bestand, die Kenntniß der Hauptvölker und ihrer Schicksale mehr Hülfsmittel und das historische Urtheil größere Reife. Auf dieser Stufe stand der Milesische Logograph Hekatäus, dessen Blüthe ungefähr fünfzig Jahre früher fällt, als die des Herodot. Er spielte eine Rolle in der damaligen unruhigen Zeitgeschichte, 1 und wegen seines freieren Blickes, insbesondere wegen der Erdbeschreibung und Geschichtbücher, die er ausgearbeitet und wozu er den Stoff, wie nach ihm Herodot, auf Reisen gesammelt hatte, kann er als ein Vorläufer Desselben betrachtet werden. Wir lernen Dieß zum Theil daraus, daß Herodot ihn mehrmals namentlich berücksichtigt, 2 ja auch einigemal ohne Nennung tadelt; 3 was hier um so mehr Erwähnung verdiente, da Hekatäus höchstwahrscheinlich, der einzige Logograph ist, dessen Schriften Herodot nicht sowohl benützte als kannte. Denn daß wir die vollkommenste Frucht der Ionischen Geschichtschreibung, das Werk Herodot's, uns nicht aus vorangegangenen Arbeiten zu erklären haben, sondern theils aus den bildenden Zeit verhältnissen im Allgemeinen, theils aus seinem besondern Leben, das sollte die obige Darstellung jener, das soll nun weiter der Abriß dieses Lebens selbst beweisen, so weit wir ihn zu geben im Stande sind.

In der vierundsiebzigsten Olympiade erstem Jahre (v. Chr. 484.), zu Anfang der Regierung des Xerxes, zehn Jahre nach dem Aufstand der Asiatischen Griechen gegen die Persische Obermacht, sechs nach der Schlacht bei Marathon, wurde Herodot aus einem edeln Geschlecht 4 in Dorischen Halikarnaß geboren, der Hauptstadt des kleinen Carischen Königreiches, welches damals die Königswitwe Artemisia beherrschte, wiewohl dem Xerxes zinspflichtig, dem sie auch, als Herodot vier Jahre alt war, auf seinem Zug gegen Griechenland mit fünf Schiffen folgte, und durch klugen Rath sowohl als durch ihre Tapferkeit bei Salamis Achtung und Vertrauen abgewann. 5 Mag es seyn, daß vor dem Enkel dieser Artemisia, dem Tyrannen Lygdainis, 6 der herangewachsene Herodot nach Samos floh, und von da in's Vaterland zurückgekehrt, die Vertreibung desselben erkämpfte: Dieß ist es nicht, was uns sein Leben denkwürdig macht; Herodot's Reisen, welchen sein unsterbliches Werk bei weitem den größten Theil des Inhalte und dabei seine Anschaulichkeit und sinnliche Anmuth verdankt, bleiben das Wichtigste was wir aus seinem Leben wissen. Zwar wir haben noch eine Sage, wie Herodot zu Olympia den versammelten Hellenen seine Geschichte vorgelesen, wobei der Knabe Thucydides weinte; allein wenn wir diese Anekdote (aus Lucian, Suidas, Photius) auch so weit verstümmeln, daß wir ihn nur das erste Buch (Asiatischer Geschichten) in einer seiner jetzigen ungleichen Gestalt vortragen lassen, damit die Vorlesung in die alleinpassende einundachtzigste Olympiade (v. Chr. 456.), des Herodot zweiunddreißigstes und des Thucydides fünfzehntes Lebensjahr, noch gesetzt werden kann: so steht sie doch zu unsers Historikers und seines Werkes Character in keiner merklichen Beziehung, und sieht habe sie auch Lucian nicht rein aus der Luft gegriffen - der Erfindung eines Grammatikers sehr ähnlich.

Auch die andere Nachricht von einer spätern 7 Vorlesung zu Athen an den Panathenäen, wofür er von dieser Stadt mit zehn Talenten Tod belohnt worden seyn, könnte wenigstens ebenso gut durch die doch gar nicht panegyrische - Verherrlichung Athen's in seiner Schrift veranlaßt worden seyn, als die zwei bekannten Mährchen von einer Geldforderung Heros dot's, die ihm die Corinther und die Thebaner abgeschlagen hätten, daraus sich erklären, daß man den Schatten wegnehmen wollte, der in seinen unparteiischen Geschichten auf jene beiden Städte fällt. 8

Nur eine Thatsache aus Herodot's Leben bestätigt sich hinlänglich. Er mag schon einige Zeit in Athen sich aufgehalten haben, als die Sybariten, durch die Krotoniaten ihres Vaterlandes beraubt, Gesandte nach Griechenland schickten um Unterstützung ihrer Heimkehr und Verstärkung ihrer neuen Ansiedlung; welche Bitte Sparta abwies, Athen dagegen erfüllte, indem es durch Herolde in ganz Griechenland zur Theilnahme an der Colonie aufrufen ließ, und zehn Schiffe nebst den Anführern Lampon und Xenocrates hergab. So ward um's zwölfte Fahr vor dem Peloponnesischen Krieg (ungefähr 444 v. Chr.) unweit des zerstörten Sybaris, an der Duelle Thuria, einem Apollinischen Orakel gemäß, Thurium (Thurii) gegründet. Dieser Colonie schloß sich auch unser Geschichtschreiber entweder gleich an in seinem vierzigsten Jahr, oder folgte ihr etwas später nach. Aber die zwei vorhergehenden Jahrzehende seines Lebens waren ohne Zweifel durch die meisten jener bedeutenden Reisen ausgefüllt, von welchen und allein seine Geschichtbücher selbst, wenn auch nicht durchaus bestimmte, doch viele sichere Zeugnisse liefern. Scharfsinnige Forscher haben diese zusammengestellt, und daraus den Umfang von Herodot's autoptischer Länder- und Völkerkunde nachgewiesen; wie denn auch keinem aufmerksamen Leser seiner Musen das Hauptsächlichste davon entgehen kann. Demnach hat er die Griechischen Küsten Vorderasien's mit den zugehörigen Inseln, was wir, nach Herodot selbst, unter dem Namen Ionien im weitern Sinn des Worts zusammenfassen können, vielfach, besucht und beschaut; hat Lydien's Merkwürdigkeiten und seine Hauptstadt Sardes gesehen, und ist nicht nur über den östlichen Grenzstrom des lydischen Gebietes, den Halys, gegangen, dessen lauf er so genau beschreibt; er hat auch den Norden Kleinasiens bereist, mit den Pontischen Hellenen gesprochen, und ist bis zum Phasis gedrungen (nach Herodot Asien' nördliche Grenze), wo er die Colchier kennen lernte. Von den Caucasischen Völkern aber weiß er nur vom Hörensagen, wenn er auch vielleicht an's Caspische Meer gekommen ist. Die südlichen Theile Vorderasiens ließ er auch nicht unbesucht. Insbesondere hat der, von ihm vollständig beschriebene Weg, welcher von Ephesus über Sardes durch Phrygien, Cappadocien und sofort bis nach Susa hinaufging, ohne Zweifel auch unsern Herodot selbst in's innere Asien geführt. Da hat er den Euphrat und den Tigris gesehen und Babylon, das, wiewohl seine Mauern geschleift, seine Söhne unter die Perserherrschaft gedemüthigt waren, ihn noch durch Denkmäler seiner alten Hoheit, durch seinen Reichthum und seine üppige Fruchtbarkeit staunen machte. In Medien betrachtete er Ekbatana, die alte Stadt des Dejoces, mit ihren farbigen Ringmauern; in Arderikka fand er die von Darius hieher versetzten Eretrischen Gefangenen, und mag leicht in Susa, der Persischen Königsstadt selber gewesen seyn. Aber was hinter Persien lag, sah er nicht mehr; und Indien nicht minder, als die nördlichen, jenseits des Araxes und vom Scythenland östlich wohnenden Völker schwanden ihm in die Nebel der Sage. Dagegen vom westlichen Asien hat er auch den Küstenstrich, der nach Süden hin und mit Libyen (Afrika) zusammenläuft, Syrien, Phönicien und Palästina bereist. Dort sah er in Ascalon den Tempel der Venus Urania; in Palästina verglich er Cadytis (sey es nun Jerusalem oder nicht) in eigener Anschauung mit Sardes, und in Tyrus fragte er persönlich nach dem Alter des dortigen Heraklestempels. Ja, auch Arabien hat er betreten; obgleich er das Meiste, was von dessen Schätzen in seinen Büchern steht, der Fabel nacherzählen mußte.

Arabien's Busen hat er befahren und gemessen. Minder bekannt ist ihm das Indische Meer (welches er das rothe, im weitern Sinn als wir, sonst wohl auch das südliche nennt), und gar nicht, wie es scheint, der Persische Meerbusen. In jene untern Theile Asien's kam er zu Schiffe von Aegypten aus, wohin er gleichfalls zur See auf dem gewöhnlichen Wege der Griechea durch's Mittelmeer gekommen war. Wenn er denn also zuerst Kleinasien und von da aus das innere Asien besucht hat, so wird seine Fahrt in's eigentliche Griechenland und auch ein Theil seiner Griechischen Reisen zwischen die Innerasiatische und die Aegyptische Reise gefallen seyn, von welcher er dann über Syrien wieder nach Hellas zurückgekehrt seyn wird.

Als reifer Geschichtforscher - Dieß ist klar - hat er Aegypten mit vielseitiger Aufmerksamkeit durch forscht, und, wie er in richtiger Ansicht dieses Land1es feiner Zeit weit vorangegangen, so ist er noch jetzt eine Hauptquelle für die Kunde desselben. Mit welcher Sorgfalt hat Herodot am Nil verweilt, nach seinen Quellen, der Ursache seines Anschwellens geforscht, die Mündungen und das Werk dieses Stromes, wofür er's erkannte, das Deltaland kennen gelernt! Hier betrachtete er die Königsstadt Saïs, wo er in den Geheimdienst des Osiris einging, und Buto mit dem Latonaheiligthum und seiner schwimmenden Insel. Aber auch das hochgelegene Bubastis (gegen den östlichen Nilarm hin) war ihm merkwürdig, und der klarsten Anschauung verdanken wir die liebliche Zeichnung des dortigen Artemistempels. An der Pelusischen Mündung selbst beschaute er die Gebeine des Schlachtfeldes, auf welchem Cambyses das Heer Psammetich's besiegt hatte, und eine Bemerkung, die er hier macht, lehrt und nicht nur, daß er auch im westlich gelegenen Papremis war, sondern zugleich, daß Herodot's Aufenthalt in Aegypten zwischen sein dreißigstes und vierzigstes Lebensjahr (434 — 444. vor Christo) gefallen seyn muß. Wie fleißig erscheint der Reisende bei der alten Stadt Memphis, wo besonders die je erweiterten Vorhallen des Hephästustempels auch in seinen Geschichten jedesmal den Eins gang bilden, so oft er wieder an einen der alten Aegyptischen Könige kommt; wie denn auch die nahen Pyramiden, in seinem Werk neu aufgestellt und gemessen, doppelt als Denkmäler verherrlicht sind. Den Mörissee und das wunderbare Labyrinth beschreibt uns der Augenzeuge. Von Memphis sehen wir ihn als eigentlichen Geschichtforscher nach Heliopolis sich wenden, und von da, aus gleicher Absicht, mißt er uns den weiten Weg nach Theben, wo er staunend vor den unzähligen Piromisbildern der dialogisirenden Priester stand. Dieser Weg führte ihn durch Chemmis (Panopolis), wo er dem Perseus ein Heiligthum und Kampfspiele (die einzigen in Aegypten) gestiftet fand. Südwärts von Theben drang er noch bis zur Nilinsel Elephantine; weiter nicht, wie er selbst sagt. Ueber jenen Sandstrich mit den Salzbügeln, die von Theben westwärts durch das innere Libyen bis zu den Säulen des Herakles gehen, und zunächst liber das Ammonsorakel und die Sonnenquelle der Ammonier, mögen ihm Ammonier selbst, die er irgendwo in Aegypten traf, Kunde gegeben haben; aber auch diese Sagen gingen nur bis zum Atlasberg, nachdem sie von schlangenessenden Höhlenbewohnern mit schwirrender Sprache, von namenlosen Menschen, die der brennenden Sonne fluchen, und von Solchen, die keine Träume haben, gesprochen hatten.

Von Aegypten ist Herodot sicher nach Cyrene geschifft, und von da aus bereiste er die Küstenländer Libyen's; wie er denn auch die Völker bis zum Tritonsee aufzuzählen weiß. Sollte er auch in Carthago gewesen seyn; der Südwest Afrika's und der Abend blieben ihm doch dunkel, und er sah wiederum nur im trüglichen Spiegel der Sage, ihm selbst unglaubliche Mißgestalten von Thieren und Menschen, neben welchen blos noch Carthagische Handelsnachrichten von jenseits der Heraklessäulen zu hören waren.

Dieß wären denn Herodot's Außereuropäische Reisen; aber Wer kann ihren Gang genau bestimmen oder weiter angeben, in welcher Ordnung er die Inseln besuchte, die zwischen jenen Festländern im Meere liegen, wann er auf Cypern gelandet, von wo aus er nach Creta gelangt ist? Den vierzigjährigen Herodot finden wir in Athen, von wo er nach Thurium mit auswanderte, und finden in seinen Büchern lichte Spuren, wie er in den Griechischen Stadtgebieten und Eilanden bewandert war; nur nicht den Faden einer zusammenhängenden Reise. Unter den Inseln auf der Westseite Griechenlands sah er auf Zakynthus den pechhaltigen See; im Aegeischen Meer wissen wir, daß er mehrere Cycladen, besonders auch die heilige Delos betrat; in Aegina selbst ließ er sich Aeginetische Geschichten erzählen, und Artemisium, so wie den Kampf bei Salamis, konnte nur, Wer selber auf Euböa und Salamis war, so genau beschreiben.

Fragen wir noch, ob Herodot in Peloponnes gereist sey, der mit den Laconen so bekannt ist, Arion's Bild zu Tänarus gesehen hat, die Argivische Tracht aus Anschauung kennt, im Arcadischen Tegea den Tempel der Athene Alea, in Nonacris das Stygische Wasser, im Elischen Olympia den Zenstempel und in Triphylia die Trümmer der sechs Minnerstädte - der alles Dieß selbst gesehen hat? Nicht minder zuverläßig ist, daß Herodot seine Kenntniß Corinthischer Geschichten und Sitten an Ort und Stelle geholt hat. - Und geben wir nun über den Isthmus, so kennt er auch hier das Phönizische Dreiruder, ein heiliges Siegesmaal aus der Salaminischen Schlacht, so wie das eherne Poseidonsbild aus der Beute von Platää. Nach Athen kam unser großer Reisende nicht ganz als Fremder. Denn sein väterliches Halikarnaß stand damals schon in der Bundesgenossenschaft, deren mächtiges Oberhaupt jene Stadt war. Wem auch die - wenig bedeutenden -

Nachrichten von einer dortigen Vorlesung seines Geschichtwerks, 9 von einem Lied, das Sophocles auf Herodot gedichtet, 10 und von einem Grabmal (Cenotaph), das Herodot neben einem des Thucydides, in der Cimonischen Gruft zu Athen erhalten, 11 gar nichts beweisen, der erfährt doch aus seinen Schriften, daß er die Burg Athen's, das Aeacusheiligthum auf dem Markt, auch Simon's Gruft gesehen, daß er das Vorgebirg Zoster und das Sunische und mehrere Gauen Attica's, also dieses überhaupt gekannt hat, außerdem daß seine Runde von den Athenischen Geschichten und Ereignissen der Perserkriege nicht ohne einen Aufenthalt in diesem Freistaat zu erklären ist.

Aber es ist überhaupt unzweifelhaft, daß Herodot in ganz Griechenland keinen merkwürdigen Ort unbesucht ließ. Bald hatte er die Arbeiten der Natur zu betrachten, wie die Echinadischen Inseln, die der Fluß Achelous an's Acarnanische Festland angeschwemmt, oder den Kessel Thesaliens, das ehemals ein See, wie er einsah, durch Erdbeben seinen Wasserabfluß gewonnen hatte; bald seinen Sinn an Götterstätten mit heiligen Dingen zu beschäftigen, wie auf Samothrace, in dessen Mysterien er eingeweiht ward, im Eichwald Dodona's, wo er der ältesten Zeusverehrung nach fragte, und in Delphi, wo er getreulich die zahllosen Weihgeschenke sich aufzeichnete, was er auch in Theben that, wo er zugleich am Tempel des Ismenischen Apollo die Cadmeischen Inschriften las. Besonders zog es ihn aber dahin, wo er etwas Geschichtliches durch eine örtliche Sage, durch Denkmäler und die Ortslage sich veranschaulichen konnte. Dieß findet jeder Leser der Musen zu seiner Freude bewährt in der lebendigen Schilderung nicht nur der Kampfstätten an den Thermopylen und bei Platää, sondern auch des ganzen Weges, auf dem sich das unendliche Heer des Xerxes herabwälzt.

Mit welcher Genauigkeit verfolgt Herodot diesen Zug von Doriscus an, wo der übermächtige König die Zählung zehntausendweis vornahm, längs Thraciens Küsten hin, vorüber all den Städten, die kaum Lebensmittel, all den Flussen, die nicht Trinkwasser genug hatten, und zeigt dabei nähere Kenntniß jener vielen Thracischen Völkerschaften! Und während uns der treffliche Wegweiser mit der Landmacht über die Strynonbrücke in Macedonien hineinführt, läßt er auch die Flotte uns nicht aus den Augen verlieren, die von Acanthus durch den Athosgraben bis in den Thermaischen Busen läuft. Nicht nur dieser Busen und die demselben östliche Halbinsel und das ihm westliche Pierien ist unserm vielkundigen Manne wohl bekannt; sehen wir ihn doch auch am andern Orte vertraut mit den Päoniern und ihren Sitten, und wie mit den Thraciern am Aegeischen Meer, so mit den Bewohnern des Chersoneses am Hellespont, den Küsten der Propontis und des Bosporus. Denn diese Gewässer, ja nach Länge und Breite den Pontus Euxinus hat er durchfahren und nach Tag- und Nachtfahrten gemessen. Hier bereiste er wieder nicht nur einen Theil Thracien's und der Griechischen Pflanzstädte am Pontus, er ging auch über den Ister und lernte das Scythenland und Volk mit seinen Flussen und Erzeugnissen, seinen Sitten und Sagen kennen, und stand selbst vor dem ungeheuern Kupferkessel, einem eigenthümlichen Denkmal der Menge dieses Volke. Ostwärts ist er bis an die weidenreichen Ufer des Borysthenes (Dnieper) gekommen, und auf seiner Fahrt durch den Pontus an der unwirthbaren Taurischen Halbinsel vorbeigesegelt; aber seine Kunde, eingezogen in Griechischen Factoreien, geht noch hinauf nach Mitternacht bis zu den kahlköpfigen Argippäern (Kalmücken am Ural) und zu den Issedonen; dann steht sie an steilen Bergen still; denn an die ziegenfüßigen Menschen, die einäugigen Arimaspuer und goldbewachenden Greifen und an die heiligen Hyperboreer glaubt er nicht; und so bleibt ihm der ganze Nordrand Asiens dunkel, den er noch Europa zutheilt, da ihm Asiens Grenze der Phasis ist. Ein Gleiches gesteht er vom Westen. Gleich nördlich von Thracien kann er jenseits des Ister nur von Bienenschwärmen hören, dann von den Sigynnern, die bis zu den Venetern sich erstrecken und aus dem ferneren Abend spricht die Sage Unglaubliches vom Eridanusstrom, Unbestimmtes vom Bernstein und den Zinninseln, endlich von den Quellen des Ister bei Pyrene im äußersten Celtenland.

Alles Dieses nun, oder doch gewiß das Meiste hatte Herodot von seinem zwanzigsten bis zum vierzigsten Jahre gesehen oder erkundet, als von Athen aus das Italische Thurium gestiftet ward, wohin auch er, vielleicht erst einige Jahre später, gezogen ist, um ein zweites Vaterland dort zu finden. Wirklich wird er häufig von den Alten der Thürische Geschichtschreiber genannt. Von Thurium aus machte er seine letzten Reisen. Außer den Städten Unteritaliens besuchte er wenigstens auch noch Sicilien. Aber seine Hauptbeschäftigung war hier endlich nicht mehr das Sammeln, sondern das Ordnen und Gestalten seines für alle Zeiten kostbaren, einzigen Werkes. In Halikarnaß oder in Samos, wohin einige Nachrichten seine Geschichtschreibung verlegen, kann er dieselbe höchstens begonnen, in Thurii kann er sie nicht erst begonnen haben. Es leuchtet ein, daß er Vieles während seiner Reisen selbst muß aufgezeichnet haben, jedoch an die Bildung eines Ganzen dann erst gehen konnte, als er sich einen festen Ruhesitz gewählt hatte. Die späte Vollendung der großen Arbeit seines Lebens beweisen mehrere Notizen im Werke selbst, zugleich die einzigen Spuren für die Dauer seiner Lebensjahre.

Herodot's Geschichte endigt zwar mit der Zerstörung Persischer Macht in Hellas und an Kleinasiens Küsten nach den Schlachten bei Platää und Mycale; allein zerstreute Erwähnungen in seinen Büchern beziehen sich noch auf spätere Griechischpersische Geschichten, die zum die zum Theil bis in die Zeiten des Peloponnesischen Krieges hinein laufen. 12 Den Peloponnesischen Krieg selbst deutet Herodot nicht nur in einer allgemeinen Bemerkung an (VI, 98.),er erwähnt nicht nur (VII, 233.) des gewaltthätigen Signals zu demselben, der Eroberung von Platää, die in sein dreiundfünfzigstes Jahr fiel (431 v. Chr.), wie auch einzelner Ereignisse in den ersten Fahren dieses Krieges; sondern nennt ihn auch ausdrücklich (IX, 73.), indem er einen Vorfall aus dessen neunzehntem Sommer berücksichtigt. Ja, zwei Stellen (III, 15, I, 130.) können uns glauben machen, daß er bis über das 408te Fahr vor Christus das vierundzwanzigste jenes verderblichen innern Kampfes der Griechen hinaus gelebt, und die letzte Hand au sein Werk nicht vor dem siebenundsiebzigsten Jahre seines Alters gelegt haben kann.

So sind Herodot's Leben und sein schriftliches Denkmal eines vom andern durchdrungen, daß wir jedes nur noch im andern recht erkennen. Den Schluß seines Lebens weiß die Geschichte nicht; so erscheint auch sein Buch ungeschlossen. Denn gleichwie seine Persönlichkeit, obgleich in der originalen Haltung des Ganzen unverkennbar, bescheiden und fast unsichtbar hinter dem eigenen Werke zurücktritt: so hat auch dieses Werk selbst im Wesentlichen keinen speciellen Character, und die Schranken, in denen es sich hält, sind ihm weit weniger durch die Absicht des Verfassers, als vielmehr durch seine Stellung in seiner Zeit, durch die Grenzen des Raumes, in dem er sich bewegte, durch die Endlichkeit seiner Natur und seines Lebens gegeben. Dieser universale Mensch, da er nicht Alles sehen und erleben konnte, bewahrte wenigstens alles das Merkwürdige, was er sah und zu erfahren vermochte. Er widmete sich der Geschichte im weitesten Sinn, der Betrachtung der Natur und der Menschheit. Beide waren ihm gegeben in besonderer Erscheinung von Ländern und Völkern. Darum liegt seinem Werk ein gedoppelter Plan zu Grunde, ein geographischer und ein historischer. Dieser gestaltet sich im Allgemeinen ethnographisch, jener, der untergeordnete, drängt sich oft im Werke sichtlich hervor. Für beide ward ihm nach damaliger und eigener Erdkunde, so wie nach der Zeitgeschichte, fein heimathliches Ionien der Mittelpunkt. Um dieses, dem das schönste Maß der Temperatur und Naturgaben zu Theil geworden, lagern sich rings die bekannten Meere und Länder, der nähere Ost, Süd und Nordwest mit großerem aber minder gleichartigem Reichthum; der fernere Abend und Morgen, wie auch die Enden der Welt nach Mitternacht und Mittag mit den kostbarsten Gütern der Erde. Um dasselbe Ionien bewegen sich auch die Wechselwirkungen Asiatischer und Europäischer Völker, von welchen aus allseitige Pfade in die Vergangenheit zurückführen, bis auch sie in die Fernen der Sage verschwinden.

Demgemäß stellt uns Herodot gleich vorn in den Mittelpunkt seines Gemäldes; und die Anfänge jener feindlichen Berührungen Asiens und Europa's, ausgehend von Lydien, knüpfen sich von selbst an Cyrus, der und in den Osten führt, wie hernach Cambyses in den Süden, Darius nach Norden, bis wir den Xerxes nach Westen begleiten, wobei aber immer noch die allseits hergezogenen Massen, mit denen wir nach Europa übergehen, und die Ausmalung des Weges selbst verhüten, daß wir nicht eine einzelne Kriegsgeschichte vor uns zu haben wähnen. Wohl muß indessen die kräftige Reaction Europa's im Griechenvolk, zumal bei ihrer historischen Nähe, den Geschichtschreiber ganz besonders in Anspruch nehmen. Der Sieg der Hellenen über die Perser ist nicht Endzweck des Werkes; aber Asien's und des Griechenlandes Streit bildet (was ja Herodot's eigene Einleitung kurz, aber deutlich besagt) die äußerste Form des Ganzen, weil er ohne Zwang zum Ueberblick desselben verhilft, leicht mögliche Zerstreuung beschränkend durch Anziehung des meisten Stoffes. Das Uebrige lagert sich an, oder wird gelegentlich und episodisch eingeschaltet. Nicht ein epischer Rhapsode, nicht ein Logograph, nicht Naturforscher, noch pragmatischer Geschichtschreiber ist unser Herodot; aber er ist alles Dieß, wie und wie weit es sein Gegenstand mit sich bringt, oder wenigstens auch verstattet. Er hatte nicht den Uebermuth, seinen Stoff nach einer Idee zu mißhandeln, wohl aber Ruhe, Heiterkeit, Ausdauer genug, ihn vielseitig aufzufassen. Die schwebende Sage fesselt er nicht; dagegen, wo er Boden spürt, weiß er zu scheiden und zu bestimmen. Eigene Anschauung, eigene Erkundigung sind beinahe seine ausschließlichen Quellen. Jene gibt freilich schöne, sinnliche Nähe, nur darum noch keine poetische, unwahre; diese behandelt er mit Recht nur dann kritisch, wann der Gegenstand kritischen Waffen erreichbar ist. Doch die Glaubwürdigkeit Herodot's im Allgemeinen ist bereits hinlänglich anerkannt; hätte man ihm nur eben so wenig einen zusammengesetzten Pragmatismus unterschieben wollen. Denn so wie die rühmlichen Thaten der Hellenen auf der obersten Höhe seines Geschichtbildes stehen, ohne das Ziel des Werkes zu seyn: so schwebt Herodot's religiöser Glaube, seine Scheu vor einer eifersüchtigen Gottheit blos über einzelnen Gestaltenund Zügen des Ganzen, ohne bildendes Princip desselben zu seyn.

Auf Wahrheit und Wirklichkeit haftete das ruhige Auge des genialen, erfahrungsvollen Mannes, keine Leidenschaft betäubte sein Ohr, und sein reiner Mund sprach in einfacher Rede, in lieblicher, Ionischer Zunge die Zeugnisse seines Geistes und seiner Welt. Wer es daher immer gewesen seyn mag, der seine Schrift in neun Bücher eintheilte, und der dies selben mit den Namen der Musen bezeichnete; 13 durch das Werk selbst ist der sinnige Gedanke gerechtfertigt, den auch das einfachschöne Griechische Epigramm ausdrückt:

Herodot herbergte die Musen, da gab zur Belohnung

Ihrem gastfreundlichen Wirth jegliche Muse ein Buch.

Was die vorliegende Verdeutschung der Musen betrifft, so konnte sich dieselbe nicht immer so genau, wie es bei manchen Vorgängen mit Glück geschehen seyn mag, an die eigenthümlichen Formen des Originals anschließen; doch suchte sie denselben so nahe zu bleiben, als es der besondere Zweck der Uebersetzung erlaubte.

Zu Grunde gelegt ist der Text der Ausgabe von Thomas Gaisford (Leipz. bei Schwickert 1824 - 26.). aus welcher auch die chronologischen Bestimmungen der Hauptbegebenheiten nach christlicher Zeitrechnung, um ihrer Richtigkeit im Allgemeinen und ihrer einleuchtenden Zweckmäßigkeit willen, der Uebersetzung beigefügt sind.

Zu den nöthigen Anmerkungen sind theils vorhandene Erklärungen unsers Schriftstellers, theils hierher gehörige Bemerkungen aus andern neuerer Schriften mitbenützt worden.

Hier gibt Herodot von Halikarnaß eine Denkschrift seiner gesammelten Kunde, damit nicht die Handlungen der Menschen durch die Zeit verloren gingen, noch große und wunderbare Werke, wie sie Hellenen sowohl, als Barbaren ausgeführt, des Ruhmes verlustig würden;. besonders auch, aus welcher Ursache sie einander bekriegt haben.

Erstes Buch: Klio

Inhaltsverzeichnis
Herodot's von Halikarnaß Geschichte

(Phönizier kommen an's Mittelmeer v. Chr. 1722. Raub der Io v. Chr. 1687.)

1. Bei den Persern nun sagen die Geschichtskundigen, Phönizier seyen des Streites Urheber gewesen. Diese nämlich wären von dem sogenannten rothen Meere 14 hergekommen an unser Meer, hätten Wohnung genommen in eben dem Lande, wo sie auch jetzt wohnen, und als bald an weite Schiffsfahrten sich gemacht. Da seyen sie mit Waaren, die sie aus Aegypten und Assyrien ausführten, in manches Land gekommen, darunter auch nach Argos. Argos that es aber zu jener Zeit in Allem zuvor den Andern im Lande, das jetzt Hellas genannt wird. In dieses Argos also seyen die Phönizier gekommen Asiens, dessen westlichster Busen, der arabische, das jetzt sogenannte rothe Meer" ist. Unser Meer d. i. das mittelländisahe. und hätten ihre Waaren ausgestellt. Aber den fünften oder sechsten Tag nach ihrer Ankunft, da sie beinahe Alles verkauft hatten, sey unter vielen andern Frauen auch, Das Königs Tochter an’s Meer gekommen, deren Name war, wie auch die Hellenen sagen, Io, Tochter des Inachus. Wie diese im hintern Schiffsraum gestanden und von den Waaren gekauft hätten, auf welche ihr Sinn gerade ging, hätten die Phönizier einander Muth gemacht, und sie angefallen. Nun seyen die meisten der Frauen entflohen, Io aber mit Andern geraubt worden. Jene hätten sie in’s Schiff geworfen, und seyen schnell abgefahren nach Aegypten.

(Europa 1582. Medea 1349.)

2. So sey so nach Aegypten gekommen, sagen die Perser, anders als die Hellenen; und von den Beleidigungen habe Diese den ersten Anfang gemacht. Nach Diesem aber wären einige Hellenen (denn sie wissen keinen Namen anzugeben) in Phönizien bei Tyrus gelandet, und hätten des Königs Tochter, Europa, geraubt. Das mögen wohl Kreter gewesen seyn. So weit indessen sey nur Gleiches um Gleiches geschehen. Nach Diesem aber wären die Hellenen Urheber des andern Frevels geworden. Sie seyen nämlich ausgefahren mit einem langen Schiff nach Aea in Kolchis 15 und an den Phasisstrom, 16 und von da hätten sie, nach Ausrichtung des Uebrigen, weßhalb sie gekommen, des Königs Tochter, Medea, geraubt. Nun hätte der Kolchier nach Hellas einen Herold gesandt, Buße gefordert für den Raub, und seine Tochter zurückgefordert. Darauf hätten sie geantwortet, daß ja auch jene um Io, die Argiverin, keine Buße für den Raub gegeben, und so wollten sie ihnen auch keine geben.

(Helena 1290.)

3. Im zweiten Geschlechte darauf, sagen sie, habe Alexander, des Priamus Sohn, Solches gehört, und sey Willens geworden , aus Hellas durch Raub zu einem Weibe zu kommen, ganz überzeugt, daß er keine Buße geben werde: gäben doch Jene auch keine. Da er also wirklich die Helena raubte, hätten die Hellenen erachtet, zuvorderst durch Abgesandte die Helena zurückzufordern und Buße zu fordern für den Raub. Die Andern aber, als man Dieses vortrug, hätten ihnen den Raub der Medea vorgerückt: wie sie, welche selbst keine Buße gegeben und auf Rückforderung Nichts ausgeliefert hätten, wollen könnten, ihnen solle von Andern Buße erstattet werden?

4. Bis dahin also seyen Das bloße Raubstücke auf beiden Seiten; aber von da an trügen die Hellenen die Hauptschuld. Denn es hätten Dieselben eher angefangen, nach Asien Krieg zu führen, als sie (die Perser) nach Europa. Zwar Die, welche Weiber rauben, halten sie für frevelhafte Menschen, Die aber, welche wegen der Geraubten eifern um Rache, für Thoren; Die hingegen, welche keine Rücksicht nehmen auf die Geraubten, für Kluge. Denn offenbar, wo: fern sie nicht selbst gewollt hätten, wären sie wohl nicht geraubt worden. Sie einmal, die Asiaten, sagen die Perser, hätten nach den geraubten Weibern Nichts gefragt; die Hellenen aber hätten um eines Lacedämonischen Weibes willen ein großes Schiffsheer zusammengebracht, seyen darauf nach Asien gezogen und hätten des Priamus Macht zu Grunde gerichtet. Seit Diesem hätten sie immer, was Hellenisch ist, für ihren Feind angesehen. Asien nämlich und die inwohnenden Barbaren-Völker rechnen die Perser zu sich, Europa aber mit dem Hellenischen sehen sie für abgesondert an.

(Troja zerstört 1270.)

5. So sagen denn die Perser, daß es ergangen sey, und finden in der Eroberung Ilium's den Anfangsgrund ihrer Feindschaft gegen die Hellenen. Ueber die Io aber stimmen mit den Persern die Phönizier nicht überein. Denn nicht auf dem Wege des Raubes hätten sie Dieselbe nach Aegypten geführt; sondern in Argos, sagen sie, habe sie Umgang mit dem Herrn jenes Schiffes gepflogen, und, weil sie inne geworden, daß sie schwanger war, vor den Eltern sich gefürchtet, und so sey sie freiwillig mit den Phöniziern weggeschifft, auf daß sie nicht offenbar würde. - Dieß ist es denn, was die Perser und die Phönizier sagen; ich aber lasse mich hier nicht darauf ein, ob Dieses so oder anders geschah; aber er, nach meinem eignen Wissen, den ersten Anfang gemacht hat mit Beleidigungen gegen die Hellenen, der soll von mir an: gezeigt werden: dann will ich weiter in der Geschichte vorschreiten, und gleichermaßen kleine und große Städte der Menschen durchgehen. Denn Was ehemals groß war, das ist meist klein geworden, und Was groß war zu meiner Zeit, war vorher klein. In Erkenntniß also des menschlichen Glückes, wie es nirgends in seinem Stande verbleibt, will ich Beider in Gleichem gedenken.

(Krösus von Lydien 560.)

6. Krösus war ein Lydier von Geschlecht, Sohn des Alyattes und Herr der Völker diesseits des Halysstromes, 17 welcher von Mittag fließt zwischen den Syriern und Paphlagoniern, und ausströmt gegen den Nord in den sogenannten Pontus Euxinus (schwarze Meer). Dieser Krösus hat zuerst unter den Barbaren, von denen ich weiß, einen Theil der Hellenen unterworfen zur Zinsentrichtung, Andere zu Freunden gewonnen: unterworfen nämlich die Ionier, Aeolier und Dorier in Asien, zu Freunden gewonnen die Lacedämonier. Bor Krösus Herrschaft aber waren die Hellenen Alle frei. Denn der Cimmerier Heereszug, der über Ionien gekommen und älter als Krösus ist, war keine Unterwerfung der Städte, sondern räuberischer Ueberfall.

(Herakliden, Könige Lydiens 1221-716.)

7. Die Regierung war aber von den Herakliden, den frühern Herren, folgendermaßen auf das Geschlecht des Krösus, die sogenannten Mermnaden, übergegangen. Kandaules, den die Hellenen Myrsilus nennen, war ein Herr zu Sardes und Enkel des Alcäus, Sohnes von Herakles. Agron nämlich, Sohn des Ninus, Sohnes von Bel, Sohnes von Alcäus, war, der erste von den Herakliden, König zu Sardis; Kandaules, des Myrsus Sohn, der lebte. Vor Agron aber waren Könige über dieß Land die Abkömmlinge von Lydus, des Atys Sohn, von welchem dieses ganze Volk, zuvor das Mäonische genannt, das Lydische genannt wurde. Durch Uebertragung von Diesen kam die Herrschaft nach einem Götterspruch an die Herakliden, Nachkommen des Herakles und einer Sklavin des Iardanus; und Diese herrschten zweiundzwanzig Menschenalter lang, fünfhundert und fünf Jahre, da die Herrschaft immer vom Vater auf den Sohn überging, bis auf Kandaules, Myrsus Sohn.

8. Dieser Kandaules nun war sehr in seine Frau verliebt, und in dieser Liebe meinte er, er habe bei weitem die allerschönste Frau. Dieser Meinung zufolge pflegte er dem Gyges, Daskylus Sohne, einem seiner Trabanten, der nämlich sein Liebling war, und dem er die wichtigsten Geschäfte auftrug, besonders auch die Schönheit seiner Frau über die Maßen zu preisen. Es dauerte nicht lange (denn es sollte dem Kandaules übel gehen), so sagte er zu Gyges Folgendes: "Gyges, weil es mir vorkommt, ich überzeuge dich nicht mit Worten über die Schönheit meiner Frau (denn die Ohren der Menschen sind einmal ungläubiger, als die Augen): mach' daß du sie nackend schauen kannst." Der aber schrie hoc, auf und sprach: "Herr, was sagst du da für ein verkehrtes Wort, und heißest mich meine Herrin nackend Schauen? Denn wie ein Weib das Kleid auszieht, so ziehet sie zugleich die Scham ans. Längst aber haben die Menschen, was wohl ansteht, gefunden, woraus man Lehre nehmen soll. Eines darunter ist: Das zu betrachten, was Einem zukommt. Ich glaube nun, daß Jene unter Allen Frauen die schönste ist; und von dir begehr' ich, daß du nichts ungebührlidies begehrest."

9. Dieser also stritt mit solchen Worten dagegen, aus Furcht, es möchte ihm daraus ein Uebel entstehen. Jener aber antwortete darauf: "Sey getrost," Gyges, und fürchte dich nicht, weder vor mir, als versuch' ich dich mit dieser Rede, noch vor meiner Frau, daß dir von ihr ein Leid geschehen möchte. Denn von Anfang will ich es so einrichten, daß sie nicht einmal merkt, von dir gesehen zu seyn. Ich will dich nämlich in das Gemach, worin wir schlafen, hinter die geöffnete Thüre stellen. Bin ich eingetreten, so wird sich auch meine Frau einfinden, um zu Bette zu gehen. Nun steht neben dem Eingang ein Sessel; auf diesen wird sie von den Gewanden eines nach dem andern beim Ausziehen hinlegen, und in voller Ruhe dir gewähren, sie zu schauen. Wenn sie aber vom Sessel hinweg schlafen geht, und du ihr in den Rücken zu stehen kommst, so hast du alsdann dafür zu sorgen, daß du ungesehen von ihr durch die Thüre kommst."

10. Gyges ließ sich denn, da er nicht ausweichen konnte, bereit finden, und Kandaules führte ihn, als es ihm Schlafenszeit dünkte, in das Gemach, worauf sich auch seine Frau alsbald einfand. Wie sie herein kam, und die Kleider ablegte, schaute sie Gyges. Als er aber der Frau, da sie zu Bette ging, in den Rücken kam, schlüpfte er durch und hinaus. Da erblickte ihn die Frau im Hinausgehen. Sie merkte, Das sey von ihrem Manne angelegt, that aber keinen Schrei vor Scham, noch schien sie's zu merken; entschlossen, sich an Kandaules zu rächen. Denn bei den Lydiern, und fast bei allen Barbaren, gilt selbst einem Manne, nackend gesehen zu werden, für große Schande.

11. Für jetzt also äußerte sie Nichts, und hielt sich ruhig; sobald es aber Tag geworden war, nahm sie von den Hausdienern, welche sie für ihre getreuesten erkannt hatte, ließ sie bereit seyn, und den Gyges rufen. Dieser in der Meinung, sie wisse Nichts von dem Geschehenen, folgte dem Ruf. Denn er war früher schon gewohnt, die Königin, wenn sie ihn rufen ließ, zu besuchen. Als aber Gyges kam, sagte die Frau Dieses: "Siehe, unter zwei vorliegenden Wegen, Gyges, geb' ich dir nun die Wahl, zu welchem von beiden du dich, wenden willst: entweder tödtest du den Kandaules und erhältst mich und das Königreich, der Lydier; oder du selbst mußt alsbald, wie du bist, sterben, auf daß du nicht, in Allem dem Kandaules zu Willen, noch künstighin sehest, was du nicht sollst. Ja, entweder muß Jener, der Soldes angelegt, umkommen, oder du, der mich nackend geschaut und gethan hat, was sich, nicht gebühret."

Gyges verwunderte sich eine Zeitlang über diese Rede; hernach aber flehte er, ihm nicht die Nothwendigkeit aufzubinden, daß er eine solche Wahl entscheide. Doch er fand kein Gehör, sondern sah wirklich, die Nothwendigkeit vor sich, entweder den Gebieter umzubringen, oder selbst durch Andere umzukommen. Da wählte er seine Erhaltung, und that folgende Frage: "Da du mich nöthigst, meinen Herrn zu tödten wider Willen: wohlan, so will ich hören, auf welche Weise wir Hand an ihn legen." Sie aber nahm das Wort und sprach: "Von derselben Stelle soll der Angriff ausgehen, von wo er mich nackend hat sehen lassen; und wenn er im Schlaf tiegt, soll Hand an ihn gelegt werden."

12. Da sie nun den Anschlag gestiftet hatten und die Nacht kam, ging Gyges (denn er war nicht entlassen, noch war für ihn eine Auskunft; sondern entweder mußte er selbst umkommen, oder Kandaules) mit der Frau in das Gemach, wo sie ihn mit einem Dolch hinter derselben Thüre verbarg. Als hierauf Kandaules ruhte, schlüpfte er hinein und tödtete ihn wirklich, und so erhielt Gyges die Frau und das Königreich. Dessen gedenkt auch Archilochus von Paros, der in dieselbe Seit fällt, in einem dreimaßigen 18 Jambus.

13. In dem erhaltenen Königreich aber ward er bestätigt durch das Orakel von Delphi. Denn als die Lydier sich arg darüber aufließen, daß Solches an Kandaules verübt worden sey, und schon in Waffen standen, kamen die Anhänger des Gyges. und die übrigen Lydier darin überein: wofern das Orakel spräche, er solle König seyn über die Lydier, so solle er audch König seyn, wo nicht, die Herrschaft wieder an die Herakliden zurückgeben. Das Orakel sprach dafür, und so war Gyges König. So viel erklärte indessen die Pythia, daß für die Herakliden Rache kommen werde auf den fünften Nachkommen des Gyges. Dieses Wortes achteten die Lydier und ihre Könige nicht, bis es wirklich erfüllt ward.

(Gyges, Lydischer König 716-678.)

14. Also gewannen die Mermnaden auf Kosten der Herakliden die Herrschergewalt. Als nun Gyges Herr war, sandte er Weihgeschenke nach Delphi, und das nicht wenige, sondern schon an silbernen Weihgeschenken ist von ihm die größte Menge in Delphi; und außer dem Silber weihte er noch ungeheuer viel Gold; wozu, was am meisten bemerkenswerth ist, die goldenen Mischkrüge gehören, deren er sechs dort aufgestellt hat. Ihr Standort ist im Schatzhause der Korinthier, und ihr Gewicht dreißig Talente. Die Wahrheit aber zu sagen, ist dieß das Schafhaus nicht von der Korinthischen Gemeinde, sondern von Cypselus, Eetion's Sohne. Dieser Gyges hat zuerst unter den Barbaren, von denen wir wissen, nach Delphi Weihgeschenke gestiftet, nächst Midas, dem Sohn des Gordius, Phrygien's König. Denn auch Midas weihte den königlichen Thronstuhl, worauf er öffentlich zu Gericht saß, ein sehenswerthes Stück. Und dieser Thron steht eben da, wo des Gyges Mischkrüge. Jenes Gold aber und Silber, das Gyges geweiht, wird von den Delphiern Gygadas genannt, nach des Weihenden Namen. Auch Dieser fiel während seiner Herrschaft mit einem Heere in Milet ein und in Smyrna, und die Kolophonier-Stadt nahm er weg; indessen, da sonst nichts Großes von ihm geschah in den achtunddreißig Jahren, da er König war, so fassen wir's mit ihm bei dem Gedachten Bewenden.

(Ardys, Lyd. K. Cimmerier 678-629.)

15. Des Ardys aber, Gyges Sohn, der nach Gyges König war, will ich jetzo gedenken. Derselbe nahm Priene weg, und in Milet fiel er ein. Und zu der Zeit, da Dieser in Sardes gebot, kamen die Cimmerier, aus ihren Sitzen von den nomadischen Scythen aufgejagt, nach Asien, und nahmen Sardes weg, außer der Burg.

(Sadyattes 639-617.)

16. Auf Ardys aber, nachdem er neunundvierzig Jahre König gewesen, folgte Sadyattes, des Ardys Sohn, und war König zwölf Jahre; auf Sadyattes aber Alyattes. Und Dieser führte mit Cyaxares, des Dejoces Enkel, und mit den Medern Krieg, vertrieb auch die Cimmerier aus Asien, nahm Smyrna weg, welches von Kolophon aus bevölkert worden ist, und fiel in Klazomenä ein. Von hier aber zog er nicht nach Wunsch wieder ab, sondern erlitt einen harten Stoß. Andere Thaten, die er während seiner Herrschaft ausführte, und zwarvornämlich erzählungswerth, sind diese.

17. Er führte mit den Milesiern Krieg, den er von seinem Vater überkommen hatte. Er zog nämlich, heran und bedrängte Milet auf solche Weise: Jedesmal, wenn die Feldfrucht herangewachsen war, fiel er mit seinem Heere ein, das er mit Pfeifen und mit Harfen, mit der weiblichen und der männlichen Flöte, in's Feld führte.

Kam er nun in's Milesische, so riß er nicht die Wohnungen auf dem Lande nieder, verbrannte sie auch. nicht, und brach keine Thüre aus, sondern ließ Alles an seinem Orte stehen; dagegen die Bäume und die Frucht auf dem Felde verderbte er allemal, und dann zog er wieder heim. Denn die Milesier waren Meister zur See, so daß mit einer Belagerung vom Heer Nichts gethan war. Die Häuser aber riß der Lydier darum nicht nieder, damit eine Stätte für die Milesier da wäre, von wo aus das Feld sich besäen und bearbeiten ließe, und wenn sie die Arbeit gethan, auch für ihn Etwas da wäre, das sich bei'm Einfalt verheeren ließe.

18. Auf diese Art führte er den Krieg eilf Jahre, in denen die Milesier zwei große Niederlagen erlitten, da sie im Limeneum (dem Hafengebiet) ihres Landes und auf der Ebene des Mäander fochten. Sechs Jahre indessen von diesen eilfen herrschte noch Sadyattes, Ardys Sohn, über die Lydier, welcher zu seiner Zeit auch in's Milesische mit seinem Speer eindrang (denn eben dieser Sadyattes war's, der den Krieg angesponnen hatte); die fünf Jahre aber, welche auf die sechse folgten, führte Alyattes, Sadyattes Sohn, den Krieg, der ihn (wie auch vorhin von mir angezeigt wurde) vom Vater überkam, und so strenge Betrieb. Aber den Milesiern stand von den Ioniern Niemand in diesem Kriege bei, als allein die Chier. 19 Diese leisteten Hülfe, und vergalten so Gleiches mit Gleichem. Denn die Milesier hatten zuvor mit den Chiern auch ihren Krieg gegen die Erythräer ausgehalten.