Geschichte des peloponnesischen Krieges - Thukydides - E-Book

Geschichte des peloponnesischen Krieges E-Book

Thukydides

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Beschreibung

Thukydides' "Geschichte des peloponnesischen Krieges" ist ein fundamentales Werk der antiken Geschichtsschreibung, das den Verlauf des Konflikts zwischen Athen und Sparta im 5. Jahrhundert v. Chr. umfassend dokumentiert. Thukydides, als Zeitzeuge und Militärkommandant, nutzt einen analytischen und rationalen Stil, der sich von mythologischen Erzählungen seiner Vorgänger abhebt. Durch detaillierte Berichte von Schlachten, politischen Intrigen und Reden gewährt er nicht nur Einblick in die Geschehnisse, sondern auch in die zugrunde liegenden menschlichen Motivationen und Machtstrukturen, die den Krieg prägten. Diese evidenzbasierte Methodik hat Thukydides den Status als Vorreiter der modernen Geschichtsschreibung eingebracht. Thukydides wurde in Athen um 460 v. Chr. geboren und erlebte die turbulente Zeit des peloponnesischen Krieges, die seine Perspektive und sein kritisches Denken prägten. Sein militärischer Hintergrund, verbunden mit seinen Bemühungen um objektive Geschichtsschreibung, ließ ihn über die Ursachen und Folgen des Krieges nachdenken und reflektieren. Thukydides' Ablehnung von Mythos zugunsten der Wahrheit macht sein Werk zu einem zeitlosen Dokument, das Fragen der Ethik, Gerechtigkeit und Macht behandelt. Die "Geschichte des peloponnesischen Krieges" ist für jeden Leser von essentieller Bedeutung, der sich für Antike, Machtspiele oder die Natur des Krieges interessiert. Thukydides' tiefgründige Analyse und seine fieberhafte Erkundung menschlicher Verhaltensweisen bieten wertvolle Einsichten, die auch in der heutigen Zeit relevant sind. Ein Muss für geschichtsinteressierte Leser und jene, die die Komplexität menschlicher Konflikte verstehen möchten. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Thukydides

Geschichte des peloponnesischen Krieges

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Patrick Lehmann
EAN 8596547729822
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Geschichte des peloponnesischen Kriegs
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Wenn Großmächte aufeinandertreffen, entscheidet nicht nur Stärke, sondern Urteil über Zeit, Risiko und Erinnerung. In dieser Zuspitzung liegt der Pulsschlag der Geschichte des peloponnesischen Kriegs, die Thukydides als nüchterne, schonungslose Analyse eines langwierigen Konflikts verfasst hat. Sein Werk führt in eine Welt, in der Seemacht und Landmacht, Bündnissysteme und Innenpolitik unauflöslich ineinandergreifen. Zugleich lädt es dazu ein, die Mechanik politischer Entscheidungen zu studieren: wie sie entstehen, wie sie kommuniziert werden, wie sie scheitern oder Bestand haben. Die Lektüre entwirft kein heroisches Panorama, sondern eine präzise Vermessung von Handlungsspielräumen und Zwängen in einer krisenhaften Epoche.

Thukydides war Athener, Feldherr und Historiker des 5. Jahrhunderts v. Chr. Seine Biographie verschränkte Erfahrung und Reflexion: Er nahm am Krieg teil, erlitt einen militärischen Misserfolg und lebte daraufhin in der Verbannung. Diese Distanz nutzte er, um Zeugnisse zu sammeln, Schauplätze zu bereisen und Berichte kritisch gegeneinander zu prüfen. Ihn interessierte, warum Menschen und Staaten handeln, wie sie handeln, und wie aus einzelnen Entscheidungen Strukturen werden. Aus dieser Perspektive formte er ein Werk, das persönliche Beteiligung mit methodischer Strenge verbindet und dadurch einen Maßstab für Geschichtsschreibung setzte, der bis heute Wirkung entfaltet.

Entstanden ist die Geschichte des peloponnesischen Kriegs während des Krieges und in der unmittelbaren Nachzeit. Der Konflikt erstreckte sich von 431 bis 404 v. Chr.; die Erzählung von Thukydides reicht bis ins Jahr 411 v. Chr. und blieb unvollendet. Diese Unabgeschlossenheit ist Teil ihrer Eigenart und Echtheit: Sie zeigt ein Werk im Modus der fortgesetzten Recherche. Thukydides schrieb in Altgriechisch und verfolgte eine zeitnahe, quellengesättigte Darstellung. Die Überlieferung vermittelt, dass er an einer umfassenden Revision arbeitete. Aus dem Zusammenspiel von Beobachtung, Sammeln und Ordnen entsteht ein Text, der Untersuchung und Darstellung aufs Engste verbindet.

Das Werk skizziert die Vorgeschichte des Konflikts, in der zwei Machtzentren mit ihren Bündnissen aufeinander zuliefen: eine Seemacht mit weit gespanntem Bündnissystem und eine Landmacht mit traditionell verankertem Verbund. Es zeigt den Übergang von Spannungszuständen zu offenen Feindseligkeiten und beschreibt, wie beide Seiten ihre Kräfte mobilisieren. Der Krieg verläuft in Phasen, die von strategischen Anpassungen, wechselnden Prioritäten und inneren Debatten geprägt sind. Thukydides zeichnet ein Panorama politischer, diplomatischer und militärischer Prozesse, ohne die Komplexität zu glätten. So entsteht ein Bild der Eskalation, das Ursachen, Mittel und Ziele in ihrer Dynamik sichtbar macht, ohne auf Sensationen zu setzen.

Kennzeichnend ist die Methode. Thukydides setzt auf sorgfältige Prüfung, Abgleich voneinander abweichender Berichte und bewusste Distanz zu Legenden. Sein Ziel ist eine belastbare Rekonstruktion von Ereignissen und Motiven. Markant sind die Reden: Sie sind keine stenografischen Mitschriften, sondern verdichtete Darstellungen, die die Kernargumente und Interessen der Akteure erfahrbar machen. Die Chronologie folgt meist dem Wechsel von Sommer- und Winterhalbjahr, wodurch die Logik von Zyklen, Fristen und Kampfsaisonen erkennbar wird. Diese Anordnung erlaubt es, Kausalbezüge nicht zu behaupten, sondern im Ablauf der Dinge durchscheinen zu lassen.

Als Literatur beeindruckt das Werk durch Konzentration, Präzision und dramatische Ruhe. Die Sprache ist knapp, oft anspruchsvoll und reich an begrifflicher Schärfe. Aus der Reibung von Erzählung und Rede entsteht eine Bühne, auf der Standpunkte einander prüfen und die Leserinnen und Leser zum Urteil herausfordern. Es gibt keine bequemen moralischen Etiketten; stattdessen werden Situationen so gezeigt, dass die Konsequenzen aus ihnen hervorgehen. Die Anmutung ist bisweilen tragisch, doch ohne Pathos. Thukydides sucht, den Stoff zu klären, nicht zu glätten. Seine Kunst besteht darin, Bewegung sichtbar zu machen und zugleich die Struktur hinter der Bewegung freizulegen.

Thematisch kreist das Buch um Macht, Furcht und Vorteil, aber auch um Normen, Institutionen und Erwartungen. Es fragt, wie Gemeinschaften in Krisen Entscheidungen treffen, welche Rolle Führung, Beratung und Öffentlichkeit spielen und wie innenpolitische Spaltungen außenpolitische Ziele formen. Wiederkehrend sind Motive von Risiko, Zeitdruck und Unsicherheit. Das Werk zeigt, wie Sprache Politik ermöglicht, legitimiert oder verführen kann, und wie Recht und Nutzen miteinander ringen. Es macht erfahrbar, dass Erfolg nicht nur Ressourcen, sondern Urteil und Maß erfordert. Gerade darin liegt die Modernität seiner Einsichten in kollektives Handeln unter Druck.

Die Geschichte des peloponnesischen Kriegs gilt als Klassiker, weil sie den Anspruch einer kritischen, methodisch reflektierten Geschichtsschreibung begründet. Sie hat Historiker angeregt, Ursachen von Ereignissen systematisch zu untersuchen, statt sie bloß zu erzählen. Sie prägte das Verständnis politischer Theorie, insbesondere dort, wo Machtgleichgewichte, Abschreckung und Unsicherheit bedacht werden. Im 17. Jahrhundert übersetzte Thomas Hobbes das Werk ins Englische; seither gehört es zum festen Kanon politischer Bildung. Auch Militär- und Strategiestudien greifen darauf zurück, um Entscheidungslogiken in langwierigen Konflikten zu analysieren und die Grenzen von Planung und Prognose auszuloten.

Über Jahrhunderte wurde der Text in Handschriften tradiert und philologisch betreut. Moderne Editionen und Übersetzungen machen die teilweise anspruchsvolle Diktion zugänglich, ohne den analytischen Kern zu glätten. Die Forschung hat die Datierung, die Struktur und den Grad der Überarbeitung diskutiert, doch die Grundzüge sind gesichert: eine zeitnahe, quellengesättigte, auf Dauerhaftigkeit angelegte Darstellung. Leserinnen und Leser profitieren heute von Kommentaren, Karten und Hilfsmitteln, die Topographie, Personen und Institutionen erläutern. Gleichwohl bleibt die Erfahrung eigenständig: Das Werk fordert die aktive Mitwirkung, denn es legt Spuren, statt Urteile vorwegzunehmen.

Wer dieses Buch aufschlägt, begegnet einer dichten Welt von Verhandlungen, Beschlüssen und Operationen. Die Reden eröffnen Einblick in Motive, Hoffnungen und Befürchtungen; die Erzählabschnitte zeigen, wie sich Entscheidungen in der Praxis bewähren. Die Struktur verlangt Aufmerksamkeit: Reihenfolgen, zeitliche Abstände und Zusammenhänge sind bedeutungstragend. Hilfreich ist es, sich an Namen, Orte und Bündnisse heranzutasten und die Logik der Jahreszeiten mitzudenken. Thukydides bietet keine leichten Effekte, sondern ein intellektuelles Gespräch über Politik, in dem die Leserinnen und Leser als prüfende Partner auftreten. Die Belohnung ist ein geschärfter Blick auf Handlung und Verantwortung.

Aktuell bleibt das Werk, weil es Grundprobleme kollektiver Sicherheit und politischer Führung auslotet. Großmachtwettbewerb, Bündnislogik, Fehleinschätzungen, innenpolitische Polarisierung und die Macht von Sprache sind keine historische Kuriosität, sondern Gegenwart. Thukydides zeigt, wie Übermut und Angst Entscheidungen verzerren und wie Institutionen Stabilität schaffen oder versagen können. Er lehrt, dass Prognosen ohne Selbstprüfung gefährlich sind und dass Transparenz, Maß und Lernfähigkeit zentrale Ressourcen politischer Ordnung bleiben. Damit spricht das Buch nicht nur Historiker an, sondern alle, die Verantwortung tragen oder verstehen wollen, wie fragile Gleichgewichte entstehen und vergehen.

Seine zeitlosen Qualitäten liegen in Klarheit, analytischer Strenge und intellektueller Redlichkeit. Thukydides verzichtet auf schmückende Erzählmuster und vertraut auf die Kraft geprüfter Gründe. Er zeigt Menschen und Staaten ohne Beschönigung, aber mit durchgängiger Fairness gegenüber den Möglichkeiten und Grenzen ihres Handelns. Dass die Darstellung unvollendet bleibt, unterstreicht ihren Charakter als fortgesetzte Untersuchung: Wissen ist nie endgültig, doch es kann belastbarer werden. So bewährt sich die Geschichte des peloponnesischen Kriegs als Buch, das den Verstand schärft, Urteilsvermögen schult und Orientierung bietet – nicht durch Rezepte, sondern durch Einsicht in die Struktur politischer Erfahrung.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Thukydides, athenischer Historiker des 5. Jahrhunderts v. Chr., verfasste die Geschichte des peloponnesischen Kriegs als nüchterne Untersuchung eines großen Konflikts zwischen Athen und Sparta samt ihren Bundesgenossen. Das Werk entstand während und nach den Ereignissen und blieb unvollendet. Es gliedert die Geschehnisse streng nach Sommern und Wintern und stützt sich auf eigene Anschauung, sorgfältige Befragung und kritische Prüfung der Quellen. Reden werden eingeführt, um Motive, Entscheidungen und die Logik der Handelnden zu verdeutlichen. Leitend ist die Suche nach tieferen Ursachen jenseits unmittelbarer Anlässe. Der Aufstieg Athens nach den Perserkriegen und die daraus resultierenden Ängste Spartas bilden den strukturellen Hintergrund.

Zu Beginn rekonstruiert Thukydides den Weg in den Krieg. Er beschreibt die Verwandlung des Delisch-Attischen Bundes in ein athenisches Imperium, die damit verbundene Tribute und Flottenmacht sowie die Spannungen, die daraus in Griechenland erwachsen. Streitigkeiten um Kerkyra und Potidaia, Handels- und Bündnisfragen und gescheiterte Vermittlungsversuche schaukeln die Lage hoch. In Sparta ringen gemäßigte und entschiedenere Stimmen um die Bewertung der Gefahr. Schließlich wird der Beschluss zum Krieg getroffen, den Thukydides als Ergebnis politischer Kalküle und wechselseitigen Misstrauens interpretiert. Die Analyse macht deutlich, wie Sicherheitsstreben, Prestige und Nutzenabwägungen die Politik treiben, lange bevor die ersten Heere marschieren.

Mit dem Kriegsbeginn setzt Athen zunächst auf die defensive Strategie des Perikles: hinter Mauern ausharren, die See beherrschen und das Land des Gegners mit Flottenangriffen treffen. Sparta verwüstet Attika, doch Athen vermeidet die große Landschlacht. Inmitten dieser Belastungsprobe bricht eine Seuche in der Stadt aus und trifft Bevölkerung und Führung schwer. Thukydides schildert ihre Symptome und sozialen Folgen mit außergewöhnlicher Genauigkeit. Die Krise erschüttert Normen, Vertrauen und politische Orientierung. Nach dem Tod des prägenden Staatsmannes ringen unterschiedliche Gruppen um Kurs und Prioritäten. Der Krieg nimmt eine offenere, riskantere Dynamik an, in der kurzfristige Erfolge und Rückschläge einander abwechseln.

Thukydides beleuchtet sodann exemplarische Episoden, um Kriegsführung und Entscheidungsprozesse sichtbar zu machen. Die Unternehmung bei Pylos und Sphakteria führt zu unerwarteten Entwicklungen und verändert Einschätzungen beider Seiten. In Athen rücken neue Wortführer in den Vordergrund, und die Volksversammlung ringt um harte oder maßvolle Lösungen. Die Debatte über das Schicksal der mytilenischen Aufständischen zeigt, wie Argumente über Nutzen, Gerechtigkeit und Abschreckung kollidieren. Noch finsterer tritt in der Bürgerkriegswirren von Kerkyra zutage, wie Konflikte innerhalb einer Polis Sprache, Loyalitäten und Institutionen zersetzen können. Diese Beobachtungen dienen Thukydides als Lehrstücke über die Wirkungen von Angst, Macht und Opportunität.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Nordgrenze des athenischen Einflussbereichs. Der spartanische Feldherr Brasidas gewinnt durch schnelle Operationen Unterstützung in Thrakien und gefährdet athenische Schlüsselpositionen. Thukydides berichtet hier auch von seinem eigenen Kommando und der darauffolgenden Verbannung, was Einblick in Quellenlage und Perspektive gibt. Die wechselvollen Kämpfe münden in Bemühungen um Entspannung. Der sogenannte Nikiasfrieden schafft eine formale Atempause, die allerdings von wechselseitigem Misstrauen und ungelösten Streitpunkten geprägt bleibt. Verschiebungen im Bündnissystem, rivalisierende Koalitionen und eine große Landschlacht auf der Peloponnes verdeutlichen, wie brüchig die Ordnung ist und wie rasch lokale Interessen das Gesamtsystem aufreißen.

Je länger der Konflikt dauert, desto stärker rücken Fragen der imperialen Selbstbehauptung in den Mittelpunkt. Thukydides stellt mit der Auseinandersetzung um Melos exemplarisch eine Konfrontation dar, in der Machtkalkül, Neutralität und Gerechtigkeitsansprüche aufeinandertreffen. Athen interpretiert Sicherheit expansiv, die Gegenseite beruft sich auf Recht und Hoffnung. Diese Episode bereitet gedanklich die nächste große Weichenstellung vor: die Debatte in Athen über eine Expedition nach Sizilien. Befürworter verweisen auf Reichtum, Prestige und strategische Vorteile, Skeptiker auf Risiken, Ressourcenbindung und unklare Ziele. Der Beschluss, eine gewaltige Flotte auszusenden, markiert einen der entscheidenden Wendepunkte des Werkes.

Die sizilische Unternehmung wird detailliert rekonstruiert: Befehlshaber mit unterschiedlichen Temperamenten, komplizierte Koalitionslagen auf Sizilien und die mühsame Anpassung der athenischen Kriegführung an fremdes Terrain. Politische Turbulenzen in der Heimat führen zum Rückruf eines prominenten Strategen, dessen Seitenwechsel die Lage weiter verkompliziert. Zunächst schwankt der Ausgang zwischen Möglichkeiten und Verzögerungen, bis sich die Kräfteverhältnisse auf der Insel nachhaltig verschieben. Die Gegner Athens erhalten Führung und Unterstützung, und das Unternehmen verliert seine Dynamik. Am Ende steht eine schwerwiegende Zäsur, die Ressourcen, Moral und strategische Optionen Athens grundlegend beeinträchtigt, ohne den Gesamtkonflikt zu entscheiden.

Nach Sizilien zeigt Thukydides, wie der Krieg in eine neue Phase übergeht. Sparta richtet in Attika einen festen Stützpunkt ein, während im Osten persische Gelder und regionale Interessen die Auseinandersetzung anheizen. Athen versucht, seine Seemacht wieder zu ordnen, doch innenpolitische Erschütterungen kulminieren in einem oligarchischen Umsturz. Die Flotte fern der Heimat spielt eine eigene politische Rolle, und einzelne Akteure wechseln Lager und Loyalitäten, wobei Diplomatie, List und Chancenrechnung überlagern, was als ideologischer Gegensatz erschien. Thukydides bricht seine Darstellung im Jahr 411 v. Chr. ab; spätere Entwicklungen des Krieges liegen außerhalb seines Berichts.

Als Gesamtleistung bietet das Werk eine nüchterne, analytische Geschichtsschreibung, die Ursachen, Mittel und Folgen des Krieges ungeschminkt betrachtet. Thukydides interessiert, wie Macht entsteht, gesichert wird und scheitert, wie Sprache in Krisen ihre Bedeutung verändert und wie Institutionen unter Druck reagieren. Seine Methode, Reden als Verdichtung politischer Überlegungen einzuführen, und die strenge Chronologie schaffen ein dauerhaftes Instrument zur Beurteilung von Konflikten. Die Geschichte des peloponnesischen Kriegs bleibt deshalb nicht nur Bericht über ein Ereignis, sondern eine anhaltende Reflexion über Entscheidung, Risiko und Verantwortung im Staat, deren Einsichten weit über die Antike hinauswirken.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Geschichte des Peloponnesischen Kriegs spielt im Griechenland des späten 5. Jahrhunderts v. Chr., einer Welt souveräner Stadtstaaten mit unterschiedlichen politischen Ordnungen. Athen, demokratisch und seefahrerisch geprägt, stand dem militärisch-zuchtvollen Sparta gegenüber, dessen Ordnung durch Dualkönigtum und Ältestenrat bestimmt war. Aus dem Sieg über Persien waren zwei Bündnissysteme erwachsen: der attisch dominierte Seebund und der spartanisch geführte Peloponnesische Bund. Zwischen ihnen verdichteten sich Rivalitäten um Macht, Prestige und Sicherheit. Thukydides setzt sein Werk in diesen Rahmen, um Ursachen, Dynamiken und Folgen eines Konflikts zu analysieren, der die griechische Staatenwelt nachhaltig erschütterte und ihre Institutionen auf die Probe stellte.

Athen verwandelte den ursprünglich freiwilligen Seebund schrittweise in ein Imperium. Bundesgenossen wurden zu Tributpflichtigen; Abweichler wurden militärisch gezwungen. Der Umzug des Bundesschatzes nach Athen unterstrich den Führungsanspruch. Der Hafen von Piräus, die Langen Mauern und ein leistungsfähiger Schiffsbaukomplex machten die Stadt zur maritimen Drehscheibe. Öffentliche Bauten und Zahlungen an Ruderer, Richter und Beamte verknüpften Imperium, Finanzen und Demokratie. Diese Struktur schuf Wohlstand und Handlungsspielraum, nährte aber Widerstände in der Ägäis und beunruhigte rivalisierende Mächte. Thukydides schildert, wie diese verfestigte Machtprojektion für Athen Chancen bot, zugleich jedoch strukturelle Verwundbarkeiten erzeugte.

Sparta verkörperte das schwer gepanzerte Landheer, kurze Feldzüge und konservative Bündnispolitik. Die innere Ordnung beruhte auf einer militärischen Elite und der Ausbeutung der Heloten, was dauernde Sicherheitsbedenken schürte. Dieser Struktur entsprach eine zurückhaltende Außenpolitik, die dennoch den Machtzuwachs Athens misstrauisch beobachtete. Der Peloponnesische Bund, mit Korinth als einflussreichem Verbündeten, drängte Sparta schließlich zum Handeln. Thukydides bettet diese Entwicklung in eine Logik wechselseitiger Furcht und Abschreckung ein. Er macht deutlich, dass nicht allein einzelne Beleidigungen, sondern das langfristige Kräfteverhältnis und die Sorge um Reputation und Handlungsfreiheit die Entscheidung für den Krieg prägten.

Unmittelbare Auslöser des Konflikts lagen in Streitfällen an der Peripherie: der Korseisch-Epidamnische Konflikt, Athenische Unterstützung für Korkyra und der Druck auf Potidaia. Hinzu kam das Megarische Psephisma, eine wirtschaftliche Sanktion, die Spannungen vertiefte. In Verhandlungen zwischen Athen und Sparta prallten Ansprüche, Ehre und Sicherheitsinteressen aufeinander. Thukydides ordnet diese Episoden einer tieferen Ursache unter: dem Wachstum der athenischen Macht und der Furcht Spartas davor. Indem er Einzelfälle mit strukturellen Faktoren verknüpft, zeigt er, wie lokale Krisen Katalysatoren eines Systems wurden, das bereits an Überdehnung und Misstrauen litt.

Zu Kriegsbeginn prägte Perikles die athenische Strategie. Er setzte auf Seeüberlegenheit, verweigerte entscheidende Landschlachten, schützte Stadt und Hafen durch die Langen Mauern und ließ das Umland evakuieren. So konnte Athen trotz spartanischer Invasionen über See agieren. Thukydides zeigt, wie diese defensive Ausdauerstrategie durch die Attische Pest erschüttert wurde: Überfüllung, Seeblockaden und psychischer Druck steigerten Verwundbarkeit. Zugleich überliefert er Perikles’ Rede, die das demokratische Selbstbild Athens entwirft. In diesem Spannungsfeld zwischen Ideal und Realität entfaltet sich eine Erzählung, die Kriegsführung, Staatsfinanzen und politische Kultur zusammenführt.

Thukydides war Athener, Strategos und Augenzeuge. Sein Exil nach dem Verlust von Amphipolis verschaffte ihm Zugang zu verschiedenen Perspektiven und Räumen des Konflikts. Er gibt an, die Pest selbst erlitten zu haben, was seine nüchterne, klinische Schilderung erklärt. Biografisch bleibt er im Text zurückhaltend; methodisch tritt er hervor. Sein Werk ist unvollendet überliefert, bricht jedoch nicht vor der Darstellung entscheidender Wendepunkte ab. Die Mischung aus Beteiligung und Distanz prägt seinen Zugriff: Er will weder Ankläger noch Verteidiger sein, sondern Erklärer der Ursachen, Abläufe und Wirkungen eines beispiellosen griechischen Krieges.

Historiografisch markiert das Werk einen Bruch mit mythischer Erzählweise. Thukydides strebt nach strenger Chronologie, gliedert nach Sommern und Wintern und stützt sich auf Autopsie, Befragung und Vergleich von Zeugenaussagen. Reden gibt er nicht stenografisch, sondern als kondensierte Rekonstruktionen wieder, um die wesentlichen Argumente der Zeit abzubilden. Im Proömium bietet er eine „Archäologie“ der griechischen Frühentwicklung, um langfristige Muster zu isolieren. Die Ambition, „ein Besitz für alle Zeiten“ zu schreiben, zeigt seinen Anspruch: exemplarische Erklärungen zu liefern, die über das Fallbeispiel Athen–Sparta hinaus analysierbar bleiben.

Die Attische Pest bildet ein frühes Schockereignis. Thukydides beschreibt Symptome, Verläufe und gesellschaftliche Folgewirkungen mit einer Genauigkeit, die medizinische Beobachtung vorwegnimmt. Er zeigt, wie Normen erodieren, Bestattungsrituale zerfallen und kurzfristiger Nutzen moralische Bindungen verdrängt. Diese Passage verdeutlicht sein Interesse an der Wechselwirkung von materieller Not, psychologischer Belastung und politischer Handlungsfähigkeit. Die Pest wird so zum Prüfstein der perikleischen Strategie und zum Hintergrund für Führungswechsel und Richtungsdebatten in Athen. Der Krieg erscheint nicht nur als Schlachtfolge, sondern als Stressor, der Institutionen und Werte aufzehrt.

Ein Schwerpunkt liegt auf dem athenischen Imperium und seiner Verwaltung. Thukydides zeigt Tribute, Garnisonen, Durchsetzungen von Loyalität und die Balance zwischen Nutzen und Überdehnung. Der Mytilene-Aufstand und die Parlament Debatten illustrieren die Spannung zwischen Strafe und Zweckmäßigkeit in einer Demokratie im Krieg. Argumente für Abschreckung treffen auf Überlegungen zu Bündnistreue, Kosten und Menschlichkeit. Aus dem Ringen um Entscheidungen wird die innere Logik imperialer Herrschaft sichtbar: Gewalt und Verhandlung, Rechtfertigung und Opportunität. Der Text verknüpft damit ökonomische Ressourcen, politische Kommunikation und die pragmatische Kalkulation von Risiken.

Militärisch markieren Pylos und Sphakteria einen Einschnitt: Gefangene spartanische Hopliten widerlegen die Aura unbesiegbarer Landleute und eröffnen Athen diplomatischen Spielraum. Zugleich führen Brasidas’ Unternehmungen in Thrakien zu Verschiebungen, die Strategieverluste Athens offenlegen. Thukydides gerät hier selbst in den Sog der Ereignisse. Die anschließende Nikiasfrieden ist brüchig, mehr Waffenruhe als endgültige Ordnung, und schafft Zwischenräume für neue Bündniskonstellationen. Der Autor betont, wie die Logik der Rivalität fortwirkt: Misstrauen, Prestige und Bündniszwänge verhindern eine stabile Restabilisierung, obwohl beide Seiten kriegsmüde und finanziell belastet sind.

Die Sizilienexpedition bündelt Ambition, Angst und Fehleinschätzung. Athen will Einfluss in einer fernen, reichen Region gewinnen, Rivalen schwächen und Vorräte sichern. Thukydides führt politische Beratungen, Kommandowechsel, religiöse Paniken und operative Probleme vor. In Syrakus scheitern Taktiken, Logistik und Führung an Widerstand und Topografie; See- und Landkampf verschlingen Ressourcen. Der Autor analysiert Ursachen des Desasters ohne Sensationslust: Übermut, Uneinigkeit und unterschätzte Gegner. Die Niederlage wirkt weit über das Schlachtfeld hinaus, unterminiert Finanzen, Moral und Bündnissysteme Athens und öffnet eine Phase verschärfter spartanischer Gegenstrategie.

Ein Leitmotiv ist die Stasis, der Bürgerkrieg im Kleinen. Thukydides’ Schilderung der Korkyräischen Wirren zeigt, wie Kriegsdruck innere Konflikte radikalisiert. Sprache wird pervertiert, Loyalitäten kippen, Gewalt eskaliert. Gemeinden richten sich nach außen an den großen Bündnissen aus und importieren deren Feindschaften in die eigenen Institutionen. Der Autor arbeitet heraus, wie normative Ordnungen unter Belastung kollabieren und kurzfristige Parteilogik langfristige Stabilität zerstört. Diese Analysen werden zu Reflexionen über politische Kultur im Krieg und zeigen, dass der Peloponnesische Krieg auch ein Labor extremer sozialer Dynamiken war.

Nach der Sizilienniederlage verschärft sich die Lage für Athen. Sparta befestigt Dekeleia in Attika, was dauerhaften Druck auf Wirtschaft und Versorgung erzeugt. Gleichzeitig treten persische Satrapen als Finanziers spartanischer Flotten auf; ionische Städte wechseln die Seiten. Thukydides dokumentiert die entstehenden Verträge und die Rivalität der persischen Statthalter, die eigene Interessen verfolgen. Damit internationalisiert sich der Konflikt erneut, und Seemacht wird noch stärker zur Währung. Die athenische Fähigkeit, Tribute zu erheben und Flotten zu bemannen, gerät unter Zugzwang. Diese Schritte setzt der Autor in Beziehung zu strategischer Anpassung und politischem Wandel.

Die innenpolitische Krise kulminiert im oligarchischen Umsturz von 411 v. Chr. In Athen setzen die Vierhundert eine straffere Herrschaftsform durch, während die Flotte in Samos ihre eigene, demokratisch geprägte Autonomie behauptet. Thukydides schildert diese Doppelherrschaft ohne parteiliche Zuspitzung und zeigt, wie Kriegslasten Institutionen verbiegen. Seine Darstellung macht die Anfälligkeit demokratischer Prozesse für Manipulation und Angst deutlich, aber auch ihre Resilienz, wenn militärische Notwendigkeiten und kollektive Erfahrung Reformdruck erzeugen. Der Umsturz steht im Text als Symptom einer Gesellschaft, die zwischen Überleben, Prinzipien und Machtpolitik laviert.

Ökonomische und technologische Bedingungen rahmen den Konflikt. Athenische Silberminen, weit akzeptierte Münzen und ein differenzierter Fiskus speisten Flotte, Jurys und Bauprogramme. Triremen erforderten Massen an geübten Ruderern, regelmäßige Ausrüstung und gut organisierte Häfen. Diese Infrastruktur prägte Strategien: Seekontrolle, Blockaden, Expeditionen. Thukydides macht deutlich, wie Material, Ausbildung und Wartung die Reichweite politischer Entscheidungen begrenzen. Als Reserven schwinden, geraten auch Entscheidungsprozesse unter Druck. Selbst symbolische Ressourcen – etwa einschmelzbares Kultgold in Notlagen – zeigen, wie eng religiöse, wirtschaftliche und militärische Sphären verflochten waren.

Das kulturelle Umfeld beeinflusste politische Kommunikation. Volksversammlungen, Gerichte und Redekultur strukturierten Entscheidungsfindung; Inschriften fixierten Beschlüsse, Theater reflektierte zeitgenössische Spannungen. Religiöse Rituale und Feste ordneten den Kalender, konnten aber durch Skandale erschüttert werden. Vor der Sizilienexpedition führten die Hermenmutilationen und Vorwürfe der Mysterienprofanation zu Panik und Verdächtigungen. Thukydides berichtet nüchtern und verzichtet auf Spekulationen zu Tätern oder Omina. So zeigt er, wie Glauben, Gerücht und Politik während des Kriegs ineinandergreifen und wie symbolische Vergehen handfeste sicherheitspolitische Konsequenzen nach sich ziehen.

Thukydides spiegelt und kritisiert seine Zeit durch analytische Verdichtung. Er zeigt, wie Angst, Interesse und Ehre Handlungen treiben, ohne in Moralpredigten zu verfallen. Debatten wie die über Mytilene oder der Melierdialog beleuchten Spannungen zwischen Recht, Nutzen und Macht. Indem er Strategien, Ressourcen, Institutionen und Sprache miteinander verknüpft, liefert er ein Modell historischer Erklärung, das Kriege als Prüfsteine sozialer Ordnung begreift. Sein unvollendet überliefertes Werk bricht 411 v. Chr. ab, doch seine Methode und Diagnose bleiben gültig: Sie machen die Geschichte des Peloponnesischen Kriegs zu einem Kommentar über Imperium, Demokratie und Entscheidung im Ausnahmezustand.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Thukydides, um die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Athen geboren und wohl am Übergang zum 4. Jahrhundert verstorben, gilt als einer der Begründer kritischer Geschichtsschreibung. Als Augenzeuge und Analytiker des Peloponnesischen Krieges verfasste er eine Geschichte dieses Konflikts zwischen Athen und Sparta, die durch methodische Strenge, politische Nüchternheit und eindringliche Sprache hervorsticht. Er verzichtete weitgehend auf mythische Erklärungen und suchte Ursachen in menschlichen Motiven, Institutionen und Machtkonstellationen. Sein Werk prägte nachhaltige Vorstellungen von Historiografie, politischem Denken und strategischer Analyse und bildet bis heute einen Referenzpunkt für die Interpretation von Krieg, Entscheidung und Verantwortung.

Über seine Ausbildung ist wenig sicher überliefert; er bewegte sich jedoch im geistigen Klima des klassisch-perikleischen Athen, in dem Rhetorik, Debatte und empirische Beobachtung hohes Ansehen genossen. Thukydides bezeichnet sich als Athener, Sohn des Oloros, und besaß durch familiäre Verbindungen und Bergwerksinteressen am thrakischen Ort Skaptè Hylè wirtschaftliche Ressourcen. Diese Stellung verschaffte ihm Einblicke in den nordägäischen Raum und zeitweise unmittelbare Nähe zu militärischen Operationen. Literarisch positioniert er sich im Gespräch mit seinem Vorgänger Herodot, von dessen erzählerischer Breite er sich bewusst durch Strenge der Beweisführung, knappe Darstellung und systematische Ursachensuche abgrenzt.

Im Jahr 424 v. Chr. wurde Thukydides zum Strategen gewählt und in den nordägäischen Raum entsandt, wo der spartanische Feldherr Brasidas die athenische Position bedrohte. Als Brasidas Amphipolis überraschend einnahm, gelang Thukydides die rechtzeitige Entsetzung nicht; Athen verurteilte ihn daraufhin zur Verbannung. Dieses langjährige Exil, das bis zum Ende des Peloponnesischen Krieges andauerte, nutzte er, um Informationen von unterschiedlichen Seiten zu sammeln, Reiseeindrücke zu gewinnen und Zeugnisse zu prüfen. Er betonte seine Nähe zu Ereignissen, ohne die Distanz analytischer Beurteilung aufzugeben, und legte besonderes Gewicht auf überprüfbare Fakten, präzise Chronologie und die Bewertung konkurrierender Berichte.

Sein einziges erhaltenes Werk, die Geschichte des Peloponnesischen Krieges, schildert den Konflikt von dessen Ausbruch 431 v. Chr. bis ins Jahr 411 und bricht dann unvermittelt ab. Die Darstellung ist nach Sommern und Wintern geordnet und verbindet erzählende Passagen mit kunstvoll komponierten Reden. Diese Reden sind, wie Thukydides erklärt, sinngemäße Rekonstruktionen, die die Logik der jeweiligen Situationen und Argumente sichtbar machen. Berühmt sind u. a. die Reden des Perikles und der sogenannte Melierdialog. Ziel ist keine bloße Chronik, sondern eine Analyse von Ursachen, Entscheidungen und Wirkungen, die exemplarische Einsichten für künftige Fälle bereitstellen soll.

Thukydides verknüpft Ursachenlehre mit einer eindringlichen Darstellung menschlichen Handelns. Er analysiert, wie Furcht, Ehre und Nutzen politische Entscheidungen prägen, und betont strukturelle Faktoren wie Bündnissysteme, Seemacht, Finanz- und Logistikressourcen. Religiöse Deutungen treten zurück; Zufall und Tyche werden als kontingente Größen behandelt, nicht als lenkende Mächte. Seine Schilderung der athenischen Pest verbindet nüchterne Beobachtung mit Reflexion über gesellschaftliche Auflösung. Die Analyse der Bürgerkriege, besonders der Stasis auf Kerkyra, zeigt sprachliche und moralische Entgrenzung in Krisen. Er erklärt sein Werk als ‚Besitz für alle Zeit‘, das Einsicht in wiederkehrende Muster von Konflikt und Herrschaft bieten soll.

Über Thukydides’ spätere Jahre ist wenig Sicheres bekannt. Sein Exil endete mit dem Kriegsende; ob und wann er nach Athen zurückkehrte, bleibt unklar, ebenso Todesort und -datum. Die Geschichte bricht 411 v. Chr. ab, was den unvollendeten Zustand bezeugt. In der Folgezeit setzte Xenophon die Ereigniserzählung mit den Hellenika fort, ohne Thukydides’ Methode zu kopieren. Bereits in der Antike wurde Thukydides wegen Dichte und Strenge bewundert und zugleich für seine anspruchsvolle Sprache kritisiert. Die handschriftliche Überlieferung bewahrte sein Werk über byzantinische Gelehrte; seit der Frühen Neuzeit erschienen maßgebliche Editionen, Übersetzungen und Kommentierungen.

Sein Vermächtnis reicht weit über die klassische Philologie hinaus. Historiker, Politikwissenschaftler und Strategen lesen Thukydides als Quelle für die Analyse von Macht, Unsicherheit und Entscheidungszwang in Konkurrenzsystemen. Seine dichten Fallstudien – von der athenischen Seestrategie bis zur sizilischen Expedition – werden als Labor historischer Erfahrung genutzt, ohne ihre besondere Zeitgebundenheit zu negieren. Moderne Theorien internationaler Beziehungen knüpfen häufig an seine Einsichten zu Abschreckung, Bündnissen und Eskalation an. Gleichzeitig bleibt er stilbildend für quellennahes, argumentatives Erzählen. In Forschung und Lehre ist sein Werk weltweit präsent und prägt Debatten über Krieg, Führung und Verantwortung bis in die Gegenwart.

Geschichte des peloponnesischen Kriegs

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
Fünftes Buch
Sechstes Buch
Siebentes Buch
Achtes Buch

Erstes Buch

Inhaltsverzeichnis
Inhalt des ersten Buchs.

Das erste Buch enthält die Einleitung zu dem Geschichtswerke, und die Angabe der entfernteren und näheren Ursachen und Veranlassungen des Peloponnesischen Kriegs. Andeutungen über die Wichtigkeit desselben. Cap. 1. Aeltester Zustand der Hellenen: Anfange und Fortschritte des Anbaus und der Gesittung, 2-8. Bemerkungen über den Trojanischen Krieg und seine Folgen. 9-12. Entstehung der Hellenischen Seemächte. 13-14. Art der Landkriege. 15. Die Perser und die Tyrannen in Hellas hindern dessen Wachsthum. 16. 17. Die Perserkriege und das Emporkommen der beiden Griechischen Hauptmächte, Sparta und Athen, und deren Verwaltungsweise. 18-19. Mängel der früheren Behandlung der Geschichte: genauere Forschung des Verfassers. Wichtigkeit und Ursachen des Pel. Kriegs. 20-23. Veranlassung desselben durch die inneren Unruhen in Epidamnus, durch die Einmischung der Korcyräer und Korinther, durch deren Zwist und Krieg, an dem die Athener Theil nehmen, und durch die Handel Athens mit Potidäa und Macedonien. 24-66. Verhandlungen in Sparta, das seit Krieg gegen Athen beschließt. 67–88. Rückblick auf die Geschichte der Hellenen seit den Siegen über die Perser, und auf die Machtvergrößerung Athens. 89-117. Auch die Bundesgenossen Sparta's beschließen den Krieg. 118 - 125. Letzte Unterhandlungs-Versuche mit Athen, durch Sparta's unannehmbare Forderungen und Pericles Einfluß vereitelt. Dazwischen gelegentliche Erinnerungen an die Schicksale des Pausanias und Themistokles. 26-146.

Erstes Buch.

1. Thucydides von Athen[1] hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, wie sie gegen einander kämpften, beschrieben. Er begann sein Werk sogleich, mit dem Ausbruche des Kampfes, in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alle frühern werden. Dieses Schloß er aus der Blüthe der Macht, welche beide Theile in jeglicher Art der Kriegsmittel erreicht hatten; auch sah er, daß die übrige Hellenenwelt an eine von beiden Parteien theils sogleich sich anschloß, theils diesen Gedanken hegte. In der That war dieß die größte Erschütterung, welche die Hellenen und einen Theil der Barbaren, und, ich möchte sagen, sogar einen sehr großen Theil der Menschheit je betroffen hat. Zwar die früheren Ereignisse, und was noch weiter rückwärts liegt, genau zu erforschen, war wegen der Länge des Zeitraums unmöglich: doch nach Beweisgründen, welche bei einer in die Fernste Vorzeit sich erstreckenden Untersuchung sich, mir als glaubwürdig ergeben, bin ich überzeugt, daß jene Begebenheiten weder in Betreff der Kriege, noch sonst bedeutend gewesen.

2. Denn offenbar hatte das jetzt sogenannte Hellas[2] vormals keine bleibenden Bewohner: sondern man wechselte die Wohnsitze. Und jeder verließ ohne Schwierigkeit seine Heimath, so oft ihn irgend eine Uebermacht bedrängte. Denn da kein Handel, noch gefahrloser Verkehr weder zu Lande noch zur See stattfand, und jeder sein Grundeigentum nur, im davon zu leben, anbaute; da man ferner keinen Geldvorrath besaß, und den Boden nicht fruchtbar zu machen suchte (denn es war ja ungewiß, ob nicht ein Anderer einbräche, und bei dem Mangel an befestigten Orten plünderte); so fand das Auswandern keine Schwierigkeit, weil man auch das tägliche Bedürfnis der Nahrung wohl überall zu erringen hoffte. Daher war man weder durch große Städte, noch durch andere Einrichtungen mächtig. Am meisten aber wechselten gerade die besten Landschaften ihre Bewohner, Thessalien, wie es jetzt heißt, und Böotien und, Arkadien ausgenommen, die meisten Gegenden des Peloponneses, und was sonst sehr vorzügliches Land war. Denn wegen der Trefflichkeit des Bodens veranlaßte theils bei Einigen der Zuwachs des Vermögens verderbliche Parteizwiste, theils war man den feindlichen Planen fremder Stammesgenossen mehr ausgesetzt. Dagegen war Attika, weil es wegen der Dürftigkeit seines Bodens keine Erschütterungen erlitt, immer meist von demselben Menschenstamme Bevölkert. Und für die Behauptung, daß Griechenland wegen der Wanderungen im Uebrigen nicht gleich förmig emporkam, giebt Folgen: des einen nicht unbedeutenden Beleg. Von denen nämlich, die aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Parteizwist vertrieben wurden, zogen sich die Mächtigsten nach Athen, als einem sichern Aufenthalte, zurück, und, zu Bürgern aufgenommen, vermehrten sie schon von Alters her die Bevölkerung der Stadt, so, daß man später, weil Attika nicht groß genug war, nach Ionien Ansiedlungen aussendete:

3. Die geringe Macht der Alten wird auch dadurch entscheidend beurkundet, daß Hellas vor der Trojischen Unternehmung[3] nichts gemeinsam ausführte. Auch hatte das Land, wie mir scheint, nicht einmal noch diesen Gesamtnamen: vielmehr war wohl diese Benennung in der Zeit vor Hellen, dem Sohne Denkalions, noch gar nicht vorhanden: sondern nach Volksstämmen liehen sowohl andere, als vornehmlich der Pelagische" den Landschaften ihren Namen. Als aber Hellen und seine Söhne in Phthiotis mächtig wurden, und man sie in andere Staaten zur Sühneleistung einlud; so wurden, wie mir scheint, im Verkehre die Einzelnen bereits häufiger Hellenen genannt. Doch konnte dieser Name nicht für Aue herrschend werden. Dieß beweist vorzüglich Homer. Denn wiewohl er lange sogar nach der Trojischen Zeit lebte, so hat er doch nirgends Aue insgesamt so benannt, und keine Anderen als die mit Achilles aus Phthiotis kamen, welche wirklich, auch die ersten Hellenen waren: dem Ganzen, giebt er in seinen Gedichten den Namen Danaer, Argirer, Achäer. Uebrigens hat er auch den Namen: Barbaren, nicht gebraucht, weil auch die seltenen, wie ich glaube, noch nicht unter Einem unterscheidenden Namen im Gegensatze gegen Jene begriffen wurden. Alle diese Hellenen nun, die in den einzelnen Städten eine gemeinsame Sprache hatten, so wie die später sogenannte Gesamtheit, haben vor der Trojischen Zeit aus Ohnmacht und Mangel an Verkehr nichts in Bereinigung ausgeführt. Aber auch zu jenem Heerzuge vereinigten sie sich erst, als sie bereits häufiger mit der Schifffahrt sich beschäftigten.

4. Denn Minos[4] war der älteste Gründer einer Seemacht, von dem wir durch die Sage wissen; denn er beherrschte den größten Theil des jetzigen Hellenischen Meeres, und gebot über die Entladischen Inseln, bevölkerte auch die meisten zuerst, indem er die Karier vertrieb, und seine Söhne als Häuptlinge einsetzte: auch vernichtete er, wie leicht zu erachten, die Seeräuberei, so weit er konnte, damit ihn die Einkünfte um so eher eingingen.

5. Denn vormals widmeten sich die Hellenen, und von den Barbaren theils die Küstenbewohner des Festlandes, theils alle Besitzer der Inseln, seit sie anfingen, einander häufiger zu Schiffe zu besuchen, der Seeräuberei, wobei die Mächtigeren sowohl eigenen Gewinns wegen, als auch zum Erwerbe des Unterhalts für die Unbegüterten, ihre Anführer waren. Sie überfielen und plünderten unbefestigte und dorfähnlich bewohnte Städte, und gewannen dadurch, meist ihren Unterhalt: ohne daß diesem Gewerbe noch eine Schande anklebte; vielmehr brachte es einigen Ruhm. Dieß beweisen auch jetzt noch einige Bewohner des Festlandes, bei denen als ehrenhaft gilt, Jenes mit Geschick zu treiben; so wie die alten Dichter, die bei der Erkundung über die Landen: den überall in gleichen Sinne fragen lassen: ob sie Seeräuber sehen? in der Voraussetzung, daß die Befragten dieß Gewerbe nicht für entehrend halten, noch die Kundesuchen: den es ihnen zum Vorwurf machen. Auch auf dem Festlande trieb man gegenseitig Räuberei: und bis heute haben noch, manche Gegenden von Hellas Bewohner von der alten Lebensart, zum Beispiele die Ozolischen Lokrer, Aetolier und Akarnaner, und die in dem dortigen Festlande wohnen. Auch das Waffentragen haben die Einwohner dieser Gegen: den aus der alten Raubzeit beibehalten.

6. Denn wegen der unbefestigten Wohnplätze und der Unsicherheit des Reiseverkehrs ging ganz Hellas bewaffnet: und dieß war die gewöhnliche Tracht bei den täglichen Verrichtungen, wie bei den Barbaren. Die genannten Gegenden von Hellas, deren Bewohner noch jetzt diese Sitte haben, beweisen die frühere Allgemeinheit jener Lebensart. Die Athener aber waren mit unter den Ersten, welche die Waffen ablegten, und, der rauhen Lebensweise entsagend, zu einem gewissen Grade von Üppigkeit übergingen. Und es ist dort noch nicht lange her, seit die Bejahrten unter den Wohlhabenden aufhörten, aus Weichlichkeit linnene Unterkleider zu tragen, und das Gefleckte der Scheitelhaare durch angebrachte goldne Zikaden zu befestigen: daher hat sich auch wegen der Stammesverwandtschaft jene Tracht unter den Ioniern bei ältern Männern lange behauptet. Schlichter einfacher Kleidung hingegen nach der jetzigen Weise bedienten sich zuerst die Lacedämonier; und auch sonst haben dort die Reicheren meist gleiche Lebensweise mit dem Volke angenommen. Sie waren auch die ersten, die sich bei den Leibesübungen entkleideten, und öffentlich die Gewänder ablegten, und sich mit Öle salbten. Ursprünglich, hatten die Wettkämpfer bei dem Olympischen Kampfspiele Gürtel um die Geschlechtstheile: was erst seit wenigen Jahren aufgehört hat. Bei einigen Barbaren, besonders Asiaten, werden noch jetzt Wett: spiele im Faust- und Ringkampfe gegeben, wobei die Teilnehmer geschürzt sind. Es ließen sich wohl auch sonst noch manche Ähnlichkeiten der Gebräuche des alten Hellenenvolks und der jetzigen Barbaren nachweisen.

7. Alle in der neuern Zeit und nach Erweiterung des Schifffahrt gegründeten Städte wurden, da man wohlhabender war, auf den Ufern selbst mit Festungswerken angelegt, und auf Landengen gebaut, theils des Handels wegen, theils zur Sicherung gegen die Nachbarn. Die ältern Städte hingegen waren, sowohl auf den Inseln als auf dem Festlande, wegen der lange anhaltenden Räuberei entfernter von der See angelegt worden. Denn sie trieben Raub, gegen einander und gegen alle, die, ohne Seeleute zu sein, an der Küste wohnten ; und jene sind noch jetzt landeinwärts gebaut.

8. Nicht minder waren auch die Inselbewohner, aus Karischem und Phönizischem Stamme, Seeräuber: denn diese Stämme hatten die meisten Inseln bevölkert. Ein Beweis ist Folgendes: Als Delos durch, die Athener in diesem Kriege gereinigt wurde, so ergab sich bei der Wegschaffung der Särge auf der Insel, daß die Toten über die Hälfte Karier waren: man erkannte sie an der mitbegrabenen Waffenrüstung und ihrer noch jetzt üblichen Bestattungsweise. Als nun die Seemacht des Minos emporkam, wurde der Schifffahrtsverkehr dadurch befördert: denn jene schädlichen Inselbewohner wurden durch ihn vertrieben und zugleich die meisten der Inseln mit Ansiedlern besetzt. Und die Anwohner des Meeres, welche nun schon sich größeres Vermögen erwarben, erhielten auch festere Wohnsitze: einige, weil sie reicher als früher geworden waren, umgaben sich auch mit schirmenden Mauern; denn aus Gewinnsucht ließen sich die Schwächen die Unterjochung durch Mächtigere gefallen, und die Stärkeren machten, weil sie mehr Vermögen hatten, die geringeren Städte sich unterwürfig. In diesem Zustand hatten sich die Griechen schon mehr befestigt, als sie in der Folge Den Meereszug gegen Troja unternahmen.

9. Agamemnon scheint mir, nicht sowohl als Anführer von Helena's Freiern, die ein Schwur dem Tyndareus verpflichtete, sondern durch das Uebergewicht seiner Macht über feine Zeitgenossen jenen Seezug zu Stande gebracht zu haben. Denn es erzählen diejenigen Peloponnesischer, welche die zuverlässigste Kunde durch Überlieferung von den Vorfahren erhalten haben: Pelops habe zuerst durch die vielen Schätze, die er ans Asien zu mittellosen Leuten mitgebracht, sich Macht erworben, und daher, wiewohl er nur Einwanderer war, dem Lande den Namen gegeben: noch größern Erfolg haben feine Nachkommen gehabt. Denn Eurystheus war in Attika durch die Herakliden geraten, und hatte den Atreus, seiner Mutter Bruder, als er zu Felde zog, Mycenä und die Regierung, der Verwandtschaft wegen, anvertraut: dieser aber hatte sich gerade wegen Chrysippus Ermordung vor seinem Vater geflüchtet. Als nun Eurystheus nicht mehr heimkehrte, so soll Atreus mit Genehmigung der Mycenäer, weil man sich vor den Herakliden fürchtete, und er für mächtig galt, und dem Volke geschmeichelt hatte, die fürstliche Herrschaft über Mycenä und das ganze Gebiet des Eurystheus erhalten haben und so sehen die Pelopiden mächtiger als Perseus Abkömmlinge geworden. Da diese Macht auf Agamemnon überging, und er zugleich durch die Seemacht den Andern überlegen war, so brachte er, wie mir dünkt, nicht sowohl durch Gunst, als durch Furcht das Meer zu jenem Zuge zusammen. Denn es findet sich, daß Ausgenommen nicht allein selbst die größte Zahl Schiffe mit sich führte, sondern auch den Arkadiern welche wie überließ, wie Sumer bezeugt, wofern dieser ein tüchtiger Gewährsmann ist. Und da, wo er die Vererbung des Scepters beschreibt, sagt er:

"Vieler Inseln war Er und des sämtlichen Argos Gebieter.“ Er würde jedoch als Bewohner des Festlandes die Inseln mit Ausnahme der nächstgelegenen, deren Zahl wohl sehr klein war, nicht sich unterworfen haben, hätte er nicht auch einige Seemacht gehabt. Man darf aber auch aus jenem Heerzuge auf den frühern Zustand schließen.

10. Wenn übrigens Mycenä eine kleine Stadt war, und manche der damaligen Ortschaften jetzt für unbedeutend gilt, so ist dieß kein entscheidender Beweis gegen die Annahme, daß jene See- Unternehmung so groß gewesen, als die Dichter angeben, und die herrschende Sage behauptet. Denn die Stadt der Lacedämonier würde einmal verödet, und es blieben die Tempel und der Grund und Boden der Anlage allein übrig; so würden, wie ich glaube, nach geraumer Zeit, bei den Nachkommen große Zweifel sich erheben, ob ihre Macht dem Rufe entsprochen habe. Und doch besitzen sie zwei Fünftheile des Peloponnes, und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen Bundesgenossen: allein da die Stadt nicht zusammengebaut ist, und keine kostbaren Tempel und Anlagen hat, sondern nach althellenischer Weise dorfartig eingerichtet ist; so dürfte sie ziemlich armselig erscheinen, Sollte aber die Athener das nämliche Schicksal treffen, so würde man aus dem äußern Ansehen der Stadt schließen, sie sei doppelt so mächtig gewesen, als sie wirklich ist. Man hat also keinen Grund, ungläubig zu sein, und die Städte mehr nach ihrem Aussehen, als nach ihrer Macht zu beurtheilen: vielmehr darf man mit

Grund annehmen, daß jenes Kriegsheer größer als alle früheren war, jedoch den neueren nicht gleich kam. Denn wenn man auch in dieser Hinsicht Homers Gedichten einigen Glauben schenken darf, obwohl er als Dichter wahrscheinlich verschönernd in's Größere gemalt hat, so erscheint doch jenes Heer auch so noch minder bedeutend. Denn er zählt zwölfhundert Schiffe: den Böotischen giebt er hundert und zwanzig Mann, denen des Philoctetes fünfzig: womit er die größten und kleinsten andeuten will: wenigstens erwähnt die Schiffsliste nichts von der Größe der übrigen. Ferner gibt er zu verstehen, daß Alle auf des Philoctetes Schiffen bewaffnete Ruderer und Streiter waren: denn die Ruderer macht er alle zu Bogenschüben. Die außerordentliche Bemannung aber war ohne Zweifel klein, außer den Königen und höchsten Kriegsbeamten, zumal da man auch Kriegsgeräthe überzusetzen hatte, und die Schiffe ohne Verdeck vielmehr nach alter Weise wie Raubschiffe gebaut waren. Nimmt man also das Mittel zwischen den größten und kleinsten Schiffen, so zeigt sich, daß für eine gemeinsame Ausrüstung aus ganz Hellas das vereinte Heer nicht groß war.

11. Daran aber war nicht sowohl die geringe Bevölkerung, als der Mangel an Geldmitteln Schuld. Wegen der Schwierigkeit der Unterhaltung nahm man ein minder großes Heer mit, und nur so viele Menschen, als man bei dem Kriege in der dortigen Gegend erhalten zu können hoffte. Als sie nun nach der Landung ein Treffen gewonnen hatten, was daraus erhellt, weil sie sonst ihr Lager nicht hätten verschanzen können; so gebrauchten sie auch da nicht ihre ganze Heeresmacht, sondern sie beschäftigten sich aus Mangel an Lebensmitteln mit Ackerbau auf dem Chersonnes, und mit Räuberei. Bei dieser Zersplitterung ihrer Macht vermochten auch die Trojer ihnen sehen Jahre lang zu widerstehen, da sie den jedesmal Zurückgebliebenen gewachsen waren. Hätten sie hinlänglichen Mundvorrat mitgebracht, und den Krieg mit gesammter Macht, ohne Plünderungszüge und Feldbau, unausgesetzt fortgeführt, so würden sie durch eine gewonnene Schlacht leicht die Eroberung bewerkstelligt haben, da sie ja auch ohne die Gesamtkräfte, mit dem Theile, der jedesmal gerade bei der Hand war, sich gegen den Feind behaupteten: oder sie würden durch, eine Einschließung und Belagerung Troja in kürzerer Frist und mit geringerer Mühe genommen haben. Aber wegen des Geldmangels war nicht allein ihre Macht vor dieser Zeit gering, sondern selbst diese Unternehmung, welche doch berühmter als alle früheren wurde, scheint in der Wirklichkeit minder bedeutend, als sie der Ruf darstellt und die Sage, die sich unter und durch die Dichter darüber erhalten hat.

12. Und, nach dem Trojanischen Kriege wechselte Hellas seine Bewohner durch Wanderungen, so daß es wegen des ruhelosen Zustandes nicht emporkommen konnte. Denn weil die Rückkehr der Hellenen von Ilium sich verzog, so wurden dadurch manche Veränderungen und in den Städten meist Parteizwiste veranlaßt, wodurch Einige zur Auswanderung genöthigt wurden, und Städte gründeten. So wurden die heutigen Böotier sechzig Jahre nach Trojas Eroberung durch die Thessalier aus Arie vertrieben, und besetzten das Land, das jetzt Böotien heißt, und früher das Kadmeische Land genannt wurde. Eine Abtheilung derselben hatte schon früher in diesem Lande gewohnt, und war zuin Theil mit gegen Ilium gezogen. Die Dorier aber besetzten, achtzig Jahre nach dem Trojanischen Kriege, den Peloponnes in Verbindung mit den Herakliden. So gelangte Hellas nur mit Mühe und spät zu festem Ruhestande, und hörte auf, Umwälzungen zu erleiden, und konnte nun Pflanzvölker aussenden. Die Athener schickten die Ionier und die meisten Inselbewohner als Ansiedler aus: die Peloponnesier aber besetzten den größten Theil von Sicilien und Italien, und einige Gegenden des übrigen Hellas. Alle diese Stiftungen waren später als der Trojanische Krieg.

13. Als aber Hellas mächtiger wurde und zu mehr Wohle stand denn früher gelangte, so kamen mit Vermehrung der Einkünfte in manchen Städten Zwingherrschaften auf, wo zuvor Erbfürstentümer mit bestimmten Vorrechten gewesen waren. Auch gründete sich Hellas eine Seemacht, und man widmete sich mehr der Schifffahrt. Die Korinther rollen die ersten gewesen sein, welche den Schiffbau so umschufen, daß er der jetzigen Weise nahe kam: zu Korinth rollen die ersten Dreiräder in Hellas gebaut worden sein. Und es findet sich, daß Aminokles, ein Korinthischer Schiffsbaumeister, den Samiern vier Schiffe verfertigte. Nun sind es bis zum Ende des gegenwärtigen Krieges ungefähr dreihundert Jahre, seit Aminokles zu den Samiern kam. Die älteste bekannte Seeschlacht ereignete sich zwischen den Korinthern und Korcycäern: es sind aber von da bis auf denselben Zeitpunkt etwa zweihundert und sechzig Jahre. Denn da die von den Korinthern bewohnte Stadt sich auf einer Landenge beftudet, so hatten sie von jeher einen Handelsplatz, indem die Hellenen sowohl innerhalb als außerhalb des Peloponneses von Altersher mehr zu Lande, als zur See durch ihr Gebiet mit einander Verkehr trieben; und sie waren durch Reichthum mächtig, wie dieß auch die alten Dichter bezeugen: denn sie gaben diesem Platz den Beinamen: der reiche. Und als die Hellenen mit der See vertrauter wurden, so vernichteten sie eben durch Errichtung jener Seemacht die Räuberei, und machten jene Stadt zum Stapelplatz für beide Meere und durch Geldeinkünfte mächtig. Auch die Ionier hatten später eine zahlreiche Seemacht, zur Zeit des Syrus, des ersten Königs der Perser, und seines Sohnes Kambyses: und waren eine Zeitlang im Kriege mit Cyrus Meister des Meeres an ihrer Küste. Auch Polykrates, der Gewaltherrscher von Samos zur Zeit des Kambyses, hatte eine starke Seemacht, und unterwarf sich Rhenna neben andern Inseln, und weihete jene dem Delischen Apoll. Die Photäer aber, welche die Pflanzstadt Massilia gründeten, gewannen ein Seetreffen gegen die Karthager.

14. Dieß waren nämlich die bedeutendsten Seemächte. Aber obwohl sie viele Menschenalter nach dem Trojanischen Kriege entstanden, hatten unläugbar noch wenige Schiffe mit drei Ruderbänken, sondern waren noch mit Fahr: zeugen zu fünfzig Rudern, und mit langen Schiffen, wie damals, versehen. Aber kurz vor den Perserkriegen und dem Tode des Darius, der nach Kambyses König der Perser war, hatten die Tyrannen in Sicilien und die Korcycäer eine Menge dreirädriger Kriegsschiffe: denn dieß waren unmittelbar vor dem Heerzuge des Xerxes die bedeutenden Seemächte in Hellas. Denn die Aegineten und Athener, und vielleicht noch einige andere Völkerschaften, besaßen kleine Flotten, und zwar meist von Fünfzigrudern: und als auf Themistokles Rath die Athener im Kriege mit den Angineten, und zugleich, wegen des erwarteten Angriffs der Barbaren, sich lange nachher Schiffe bauten, mit welchen sie die Seeschlachten lieferten, so hatten auch diese noch keine vollständigen Verdecke.

15. So war das Seewesen der Hellenen, sowohl in der ältern, als in der spätern Zeit beschaffen. Doch erwarben sich die, welche sich, demselben widmeten, keine unbedeutende Macht durch Geld-Einkünfte und durch, Herrschaft über Andere. Denn es griffen vornehmlich diejenigen, deren Land für ihre Bedürfnisse nicht hinreichte, die Inseln an und eroberten sie. Zu Lande aber gab es keinen Krieg, wodurch eine Verwehrung der Macht erfolgt wäre: indem alle Kriege, so viele deren geführt wurden, jedesmal blos die Grenznachbarn betrafen. Auswärtige Eroberungszüge, ferne von ihrer Heimath, unternahmen die Hellenen nicht. Denn mit den größern Staaten hatten sich die andern noch nicht im Verhältniß der Abhängigkeit vereinigt; auch veranstalteten sie nicht unter gleichen Rechten gemeinsame Heerzüge: sondern es führten mehr die Einzelnen Nachbarschaftskriege gegen einander; nur bei dem alten Kriege der Chalcidier und Eretrier nahm auch das übrige Hellenen-Volk auf beiden Seiten Partei.

16. Es traten aber da und dort verschiedene Hindernisse der Machtvergrößerung ein: so zog gegen die Ionier, deren Macht schon weit gediehen war, Syrus und die Persische Königsmacht, nachdem sie den Krösus und alles fand diesseits des Halysflusses bis ans Meer bezwungen, und unterjochten die Städte des Festlandes, so wie später Darius, dem die Phönicische Seemacht das Uebergewicht verlieh, auch die Inseln eroberte.

17. Die Gewaltherrscher aber, so viele deren in den Hellenischen Städten waren, sahen blos auf ihren Vortheil, und verwalteten die Staaten vornehmlich zur Erhebung ihrer Person und ihres Hauses nach dem Grundsatze der Sicherheit, so weit sie konnten. Von ihrer Seite wurde keine bedeutende Unternehmung ausgeführt, außer was jeder gegen feine Nachbarn that. Denn (nur) die Sicilisden Gewalthaber gelangten zu sehr großer Macht. So ward Hellas von allen Seiten her lange niedergehalten, daß es weder gemeinsam eine glänzende Unternehmung vollführte, noch im Einzelnen die Staaten etwas wagen mochten.

18. Die Tyrannen in Athen und, mit Ausnahme Siciliens, in dem übrigen Hellenen-Lande, welches vormals meist Gewaltherrscher gehabt hatte, waren endlich größtentheils durch die Lacedämonier gestürzt worden. Denn Lacedämon, wiewohl es seit der Besitznahme durch die jetzt daselbst wohnenden Dorier sehr lange Zeit, so weit unsre Stunde reicht, durch Parteizwist beunruhigt war, genoß doch von Altersher einer guten Verfassung, und blieb stets ohne Zwingherrschaft: denn es sind ungefähr etwas mehr als vierhundert Jahre bis zum Ende des gegenwärtigen Kriegs, seit die Lacedänonier dieselbe Verfassung haben: wodurch sie auch zur Macht und zum Einfluß auf die Einrichtungen anderer Staaten gelangten. Nach jenen Sturze der Tyrannen ereignete sich wenige Jahre später die Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon. Zehn Jahre nach derselben kamen die Barbaren abermal mit jenem gewaltigen Heereszuge gegen Griechenland, um es zu unterjochen. Als nur diese große Gefahr über dem Haupte der Hellenen schwebte, so leiteten ihren Kriegsbund die an Macht hervorragenden Lacedämonier: die Athener aber entschlossen sich beim Einbruche der Perser, ihre Stadt zu verlassen, sammelten ihre bewegliche Habe, und bestiegen damit die Schiffe, und wurden Seemänner. Nachdem sie sodann die Barbaren mit vereinter Kraft zurückgetrieben, theilten sich nicht lange nachher die vom Perserkönige abgefallenen Griechen und die zum Kriege Verbündeten in zwei Parteien, eine Athenische und eine Lacedämonische. Denn diese Staaten waren durch ihre Macht am meisten ausgezeichnet: jene waren zur See, diese zu lande stark. Und noch dauerte zwar das Waffenbündnis eine Zeitlang. Bald aber entzweiten sich die Lacedämonier und Athener, und geriethen nebst ihren Bundesgenossen in Krieg unter sich; und wo sonst noch Hellenische Staaten gegen einander im Zwiste waren, schlossen sie sich bereits an diese an. Daher hatten sie seit dem Persischen Kriege bis auf den gegenwärtigen, wo sie bald im Waffenstillstande, bald im Stampfe unter sich und mit den abgefallenen Bundesgenossen waren, eine treffliche Uebung im Kriegswesen, und wurden, unter Gefahren ausgebildet, immer gewandter.

19. Die Lacedämonier nun führten ihr Vorsteher-Amt, ohne ihre Bundesgenossen einer Steuer zu unterwerfen, und waren nur darauf bedacht, daß diese, der Lacedämonischen Staatsrücksicht gemäß, ihre Verfassung so einrichteten, daß Wenige herrschten: die Athener aber so, daß sie mit der Zeit die Schiffe der Staaten, mit Ausnahme der Chier und Lesbier, an sich zogen, und Allen eine Geldabgabe auflegten. Und ihre eigene Rüstung auf diesen Krieg war größer, als selbst zu jener Zeit, wo sie bei ungeschmälerter Bundesgenossenschaft in der höchsten Blüthe der Macht standen.

20. So fand ich den Zustand des Alterthums: wobei es schwer ist, jedem der Reihe nach sich darbietenden Beweisgrunde zu glauben. Die Menschen freilich nehmen die Sagen über die Ereignisse der Vergangenheit, selbst wenn diese einheimisch sind, ohne Unterschied und ungeprüft von einander an. So glauben die meisten Athener, Hipparch sei als Tyrann von der Harmodius und Aristogiton[6] getödtet worden ; und sie wissen nicht, daß Hippias, als der älteste unter Pisistratus Söhnen, die Herrschaft besaß, und das Hipparch und Thessalus seine Brüder waren. Weil aber Harmodius und Aristogiton den Verdacht faßten, die Sache sei an jenem Tage und im bestimmten Augenblicke dem Hippias verrathen worden; so wagten sie sich nicht an ihn, da sie ihn vorher unterrichtet glaubten, wollten jedoch vor ihrer Festnehmung etwas thun und wagen; und da sie den Hippard, bei dem sogenannten Leokorion trafen, wie er den Festzug der Panathenäen[5] ordnete, so ermordeten sie ihn. So haben auch andere Griechen von manchem Andern, was noch besteht, und nicht durch die Zeit in Vergessenheit gebracht ist, unrichtige Vorstellungen: wie die ist, daß die Lacedämonischen Könige jeder nicht Eine Stimme, sondern zwei abzugeben haben, und daß es dort eine Aitanatisdie Kriegsschaar gebe, die nie vorhanden war. So wenig Mühe macht den Meistert die Erforschung der Wahrheit, und sie nehmen lieber das Nächste Beste an.

21. Doch man wird nach den angegebenen Gründen wohl nicht irren, wenn man das Alterthum so, wie ich es entwickelt habe, ansieht, und nicht die Lobpreisungen der Dichter, welche die Sache vergrößernd ausschmückten, glaubwürdiger findet, noch die Zusammenstellungen der Sagenschreiber, die mehr für anziehenden Vortrag, als nach der Wahrheit verfaßt, unerweislich und meist durch die Länge der Zeit in unglaubhafte Fabeln übergegangen sind; wenn man vielmehr annimmt, daß der Erfund meiner Forschungen nach den wahrscheinlichsten Gründen, für so alterthümliche Dinge zureichend sei. Wiewohl nun die Menschen einen Krieg, dessen Theilnehmer sie sind, so lang er dauert, stets für den wichtigsten halten, wenn er aber zu Ende ist, das Arte mehr bewundern; so wird doch der jetzige Krieg, bei Erwägung der Thatsachen selbst, seine Wichtigkeit vor den früheren bewähren.

22. Was nun die Reden betrifft, welche da und dort, als man im Begriffe war, den Krieg zu beginnen, oder während desselben gehalten wurden, so wäre es für mich als Ohrenzeugen, und für die, welche mit anderswoher solche hinterbrachten, schwer gewesen, die Ausdrücke in der ursprünglichen Gestalt und mit Genauigkeit zu behalten: doch sind sie von mir so wiedergegeben, wie ich glaubte, daß Jeder unter den vorliegenden Umständen am passendsten geredet haben würde, wobei ich mich so nahe, wie möglich, an den Gesamt-Sinn des wirklichen Vortrags hielt. Den Thatbestand der Kriegsereignisse wollte ich nicht nach einer Erkundung bei dem Ersten Besten, noch nach meiner besondern Anficht aufzeichnen, sondern ich stellte das Einzelne bar, theils wie ich es als Augenzeuge kannte, theils nach möglichst genauer Erforschung von Andern. Es kostete aber Mühe, die Wahrheit herauszufinden, weil die Zuschauer der Begebenheiten in ihren Berichten über dieselben Thatsachen nicht übereinstimmten, sondern so sprachen, wie einer dieser oder jener Partei günstig oder der Erinnerung mächtig war. Die Entfernung vom Märchenhaften in diesen Nachrichten wird dem Ohre vielleicht minder anziehend erscheinen: mir aber wird es genügen, wenn, wer irgend das Zuverlässige über die Vergangenheit sowohl, als über das, was nach dem Laufe der menschlichen Dinge einst wieder auf gleiche oder ähnliche Weise sich ereignen wird, zu erforschen wünscht, dieses Werk für nützlich achtet. Auch ist es mehr zum Besitzthum für alle Zeiten, als zum Redeprunkstück für den Augenblick zusammengestellt.

23. Unter den frühern Begebenheiten war der Perser: krieg die bedeutendste: und doch wurde er durch zwei See- und Land-Schlachten schnell entschieden. Der gegenwärtige Krieg aber hat sich weit in die Länge gezogen, und Hellas erlitt in demselben Unfälle, wie nie in gleichen Zeitraume. Denn nie wurden so viele Städte erobert und verödet, theils durch Barbaren, theils durch die Kriegführenden selbst: einige wechselten auch nach der Eroberung ihre Bewohner ; nie hatten so viele die Heimath verlassen müßen: noch, war je der Menschenverlust, theils wegen des Kriegs selbst, theils wegen der Parteiwuth so groß gewesen. Dinge, die man früher vom Hörensagen kannte, aber sehr selten in der Wirklichkeit er: fuhr, wurden nunmehr glaubwürdig: so die Beschaffenheit der Erdbeben, welche einen sehr großen Theil der Erde zugleich und zwar mit großer Heftigkeit trafen. Auch Sonnenfinsternisse traten häufiger, als man aus frühern Zeiten sich erinnerte, ein: und an einigen Gegenden große Dürre, und durch sie Hungersnoth: endlich die so verderbliche pestartige Seuche, die einen Theil der Bevölkerung hinraffte. Alle diese Plagen kamen im Gefolge dieses Krieges[1q]. Es begannen ihn aber die Athener und Peloponnester nach Aufhebung des dreißigjährigen Waffenstillstandes, welchen sie nach der Einnahme von Euböa geschlossen hatten. Damit man jedoch nicht dereinst fragen müße, warum ein so gewaltiger Krieg unter den Hellenen entstand, so beschreibe ich zuvörderst die Ursachen des Bruchs jenes Vertrags und ihre Streitpunkte. Als die eigentliche Ursache, die aber in den Reden am wenigsten hervortrat, betrachte ich die Vergrößerung der Athenischen Macht, welche den Lacedämoniern Furcht einflößte, und sie zum Kriege bestimmte. Die öffentlich, angegebenen Gründe, warum sie den Waffenstillstand aufhoben, und in Kriegszustand traten, waren auf beiden Seiten folgende.

24. Epidamnus1 ist eine Stadt, rechts an der Einfahrt in den Ionischen Meerbusen gelegen: es wohnen in der Nähe Taulantische Barbaren, Illyrischer Abkunft. Diese Pflanzstadt gründeten Korcycäer; der Stifter aber war Phalius, Sohn des Eratoklides, aus Korinthischem Geschlechte, vom Stamme des Herkules, nach alter Sitte aus der Mutterstadt (Korinth) dazu berufen. An dieser Niederlassung nahmen auch einige Korinther und andere vom Dorischen Stamme Theil. Im Verfolge der Zeiten wurde die Stadt der Epidamnier groß und volkreich. Nachdem sie aber viele Jahre hindurch unter sich Parteizwiste gehabt, so litten sie, wie man erzählt, durch einen Krieg mit den angränzenden Bars baren großen Verlust, und wurden eines bedeutenden Theils ihrer Macht beraubt. In der letzten Zeit vor dem gegenwärtigen Kriege verjagte die Volkspartei die Machthaber. Die Verbannten trieben nun in Verbindung mit den Bars baren gegen die Stadtbewohner zu Land und zur See Räuberei. Dadurch bedrängt, schickten die in der Stadt befindlichen Epidamnier Gesandte nach Corcyra, als dem Mutterstaate, und baten, dieser möchte ihrem Untergange nicht gleichgültig zusehen, sondern die Vertriebenen mit ihnen aussöhnen, und dem Kriege mit den Barbaren ein Ende machen. Dieß baten sie, indem sie nach der Weise von Flehens den im Here-Tempel sich niedersetzten. Die Korcycäer aber schenkten diesem Gesuche Pein Gehör, und entließen sie ohne Erfolg.

25. Als nun die Epidamnier sich überzeugten, daß sie von Corcyra keine Hülfe zu erwarten haben, so waren sie verlegen, wie sie sich aus der Sache ziehen sollten. Sie sandten nach Delphi und befragten den Gott, ob sie ihre Stadt den Korinthern, als deren Stiftern, übergeben und versuchen sollten, sich von diesen eine Hülfe zu verschaffen. Der Gott ertheilte den Spruch: sie sollten die Stadt den Korinthern übergeben, und sie zu Anführern nehmen. Die Epidamnier wandten sich nun an Korinth, und unterwarfen ihre Pflanzstadt gemäß dem Götterspruche, indem sie auf diesen sich beriefen, und nachwiesen, daß ihr Stifter aus Korinth gewesen: zugleich, baten sie, man möchte sie dem Untergange nicht preisgeben, sondern ihnen Schutz gewähren. Die Korinther übernahmen, dem Rechte gemäß, die Hülfleistung, in der Ueberzeugung, daß es eben sowohl ihre als der Korcycäer Pflanzstadt sei, zugleich aber auch aus Haß gegen die Korcycäer, weil diese, unerachtet sie eine Korinthische Niederlassung waren, doch die Korinther vernachlässigt hatten. Denn sie gestatteten diesen weder bei allgemeinen Volksfesten die herkömmlichen Auszeichnungen, noch ließen sie, wie andere Pflanzorte, bei den Opferhandlungen den Vorrang einem Korinther, sondern behandelten Korinth mit Geringschätzung, da sie sich an Reichthum damals den wohlhabendsten Hellenischen Staaten gleichstellen konnten, und an Kriegsmacht noch stärker waren. Sie rühmten sich ferner zuweilen eines großen Vorzugs im Seewesen, auch darum, weil die Phäaken, diese berühmten Seeleute, ehemals Corcyra bewohnt hatten; daher rüsteten sie auch um so mehr ihre Flotte, und besaßen darin keine geringe Macht. Denn sie hatten beim Anfange des Kriegs hundert und zwanzig dreiruderige Schiffe.

26. Da nun die Korinther in allen diesen Rücksichten Grund zu Beschwerden hatten, so sandten sie gerne Hülfe nach Epidamnus, und erließen eine Aufforderung, daß, wer da wolle, als Ansiedler hinziehen könne, und schickten eine Besatzung von eigener Mannschaft, wie auch von Ambrakioten und Leukadiern hin. Diese zogen aber auf dem Landwege über Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Besorgniß, von den Korcycäern bei der Ueberfahrt zur See beunruhigt zu werden. Als diese vernahmen, daß diese Ansiedler und Beratungstruppen nach Epidamnus gekommen seyen, und diese Colonie sich in den Schutz der Korinther begeben habe; so wurden sie sehr ungehalten, und ließen sogleich fünf und zwanzig Schiffe, und später noch ein anderes Geschwader auslaufen, und forderten sie in feindlich drohendem Tone auf, die Verbannten wieder aufzunehmen, und die von den Korinthern geschickte Besabung nebst den Ansiedlern zu entlassen. Denn jene Vertriebenen hatten sich an Corcyra gewendet, und mit Hinweisung auf die Gräber der Ihrigen, und wegen ihrer Stammesverwandtschaft gefleht, man möchte ihren Rücktritt in die Heimath bewirken. Die Epidamnier aber achteten ihrer nicht. Die Koreyräer, in Verbindung mit den Vertriebenen, bekriegten sie also mit vierzig Schiffen, um diese wieder einzusetzen, und nahmen auch die Illyrier dazu. Sie lagerten sich nun vor der Stadt, und machten bekannt: jeder Epidamnier, der Lust hätte, so wie die Fremden, könnten ungekränkt abziehen: wo nicht, so würde man sie als Feinde behandeln. Als sie nicht nachgaben, so belagerten die Korcycäer die auf einer Landenge gelegene Stadt.

27. Als nun Boten von Epidamnus mit der Nachricht, daß es belagert werde, zu den Korinthern kamen, so rüsteten diese einen Heereszug: und verkündeten zugleich die Aufnahme von Ansiedlern in Epidamnus unter der Bedingung der Rechtsgleichheit für jeden, der hinziehen wolle, wer aber für jetzt nicht mitschiffen, und doch an der Niederlassung Theil haben wolle, könne zurückbleiben, wenn er fünfzig Korinthische Drachmen erlege. Es fanden sich viele, die mitschifften, und viele, die das Geld bezahlten. Sie foderten auch die Megareer auf, sie mit ihren Schiffen zu geleiten, wenn die Sorcyräer ihre Fahrt stören sollten. Diese rüsteten sich, mit acht Schiffen an die Flotte sich anzuschließen, und die Paleer aus Kephallenia mit vieren. Sie wendeten sich auch an die Epidanrier, die fünfe lieferten; die Hermios neer gaben eines, die Trözenier zwei; die Leukadier zehens die Ambratieten acht. Die Thebaner und Phliasier baten sie um Geld, die Eleer um unbemannte Schiffe und Geld. Von den Korinthern selbst wurden dreißig Schiffe und dreitausend Schwerbewaffnete ausgerüstet.

28. Als nun die Korcycäer von dieser Rüstung hörten, so gingen sie nebst Sicyonischen und Lacedämonischen Gesandten, die sie mitnahmen, nach Korinth; und verlangten, die Korinther rollten ihre Besatzung und Ansiedler von Epidanınus wegziehen, da sie kein Recht an dieser Stadt hätten würden sie das Gegentheil behaupten, so erklärten sie, die Sache der rechtlichen Entscheidung der Städte im Peloponnes, welche sie gemeinschaftlich zu bestimmen hätten, übers lassen zu wollen; und welchem Theile die Pflanzstadt zugesprochen würde, der sollte sie als Eigenthum haben. Auch erboten sie sich, dem Orakel zu Delphi die Sache anheimzustellen; den Krieg hingegen missrieten sie. Nähme man dieß nicht an, so erklärten sie, sie würden durch die Korinther selbst genöthigt werden, sich ihres Vortheils wegen lieber die Freundschaft anderer Staaten, als bisher, zu verschaffen, die jenen nicht angenehm sein würden. Die Korinther aber erwiderten: wenn jene die Schiffe und die Barbaren von Epidamnus wegziehen ließen, so würden sie sich bedenken. Bevor dieß geschähe, wäre es ungeziemend, wenn sie die Sache gerichtlich verhandelten, während jene belagert würden. Die Korcycäer fagten dagegen, sie wollen sich dieß gefallen lassen, wenn auch die Korinther die Mannschaft in Epidamnus zurückzögen; auch seien sie bereit, unter der Bedingung, daß beide Theile in ihrer Stellung bleiben, einen Waffenstillstand zu schließen, bis der Spruch erfolgt sei.