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In "Der Peloponnesische Krieg" präsentiert Thukydides eine analytische Darstellung des Konflikts zwischen Athen und Sparta, der von 431 bis 404 v. Chr. wütete. Sein literarischer Stil zeichnet sich durch eine präzise und nüchterne Sprache aus, die dem Leser ein tiefes Verständnis für die militärischen und politischen Strategien der beteiligten Akteure vermittelt. Thukydides, als Augenzeuge dieser Ereignisse, nutzt historische Methoden und kritische Reflexionen, um die Ursachen und Auswirkungen dieses bedeutenden Krieges zu ergründen und bietet zudem Einblicke in die menschliche Natur und die Mechanismen der Macht, die bis heute von Relevanz sind. Thukydides, ein anerkannter Historiker und General aus Athen, war nicht nur Teil des Geschehens, sondern auch ein scharfsinniger Beobachter. Seine persönlichen Erfahrungen im Krieg und die politische Atmosphäre seiner Zeit prägten seine Herangehensweise. Er strebte danach, eine objektive Geschichtsschreibung zu fördern, die sich auf Tatsachen stützt und persönliche Vorurteile meidet, was seine Arbeit zu einer der ersten Formen der modernen Geschichtsschreibung macht. "Der Peloponnesische Krieg" ist ein unerlässliches Werk für alle, die sich für die Antike, Kriegsführung oder die Entwicklung der politischen Philosophie interessieren. Thukydides' tiefgehende Analysen bieten nicht nur historische Erkenntnisse, sondern laden auch zur Reflexion über die gegenwärtigen politischen und sozialen Dynamiken ein. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Wenn Aufstieg und Angst aufeinandertreffen, setzt die Mechanik der Macht Geschichte in Bewegung. Thukydides’ Der Peloponnesische Krieg zeigt dieses Gesetz am Konflikt zwischen Athen und Sparta, ohne Beschönigung und ohne Mythos. In den hier versammelten Büchern 1–8 entfaltet sich eine Analyse von Ursachen, Entscheidungen und Zwängen, die eine ganze Welt in den Krieg treibt. Der Autor schildert nicht nur Ereignisse, sondern legt deren Struktur offen: Interessen prallen auf Normen, Hoffnung reibt sich an Kalkül, Rede konkurriert mit Tat. So entsteht eine Darstellung, die die politische Vernunft prüft und die Tragweite kollektiven Handelns sichtbar macht.
Das Werk gilt als Klassiker, weil es die historische Darstellung von Grund auf erneuert. Thukydides erhebt den Anspruch, überprüfbare Gründe zu liefern, und trennt konsequent zwischen Erzählstoff und Beweisgang. Er verzichtet auf mythische Erklärungen, ordnet komplexe Abläufe mit strenger Chronologie und konzentriert sich auf das, was aus Quellen, Beobachtung und logischer Rekonstruktion gesichert werden kann. Diese Nüchternheit ist nicht trocken: Sie erzeugt eine dramatische Spannung, weil Einsicht und Irrtum, Absicht und Folge unablässig miteinander ringen. Aus dieser Verbindung von Methodenbewusstsein und erzählerischer Dichte erwächst die dauerhafte Autorität des Buches.
Verfasser ist Thukydides, ein athenischer Historiker und Stratege, geboren wohl um 460 v. Chr., gestorben gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Er begann während des Krieges zu schreiben und setzte seine Arbeit im Exil fort. Die Geschichte entstand somit aus unmittelbarer Nähe zu den Ereignissen, aber mit der nötigen Distanz, Material kritisch zu prüfen. Überliefert ist das Werk in acht Büchern; es blieb unvollendet. Ein genauer Publikationszeitpunkt ist nicht bekannt. Sicher ist: Die Niederschrift fällt in das späte 5. Jahrhundert v. Chr., und die Darstellung bricht vor dem Ende des Krieges ab, was ihren offenen, nachdenklichen Charakter verstärkt.
Inhaltlich bietet Thukydides eine konzentrierte Darstellung der Konfrontation zwischen dem athenischen Seebund und der spartanisch geführten Landmacht samt ihrer Verbündeten. Er verfolgt, wie lokale Spannungen in einen Großkonflikt übergehen, und zeigt, wie Bündnisse, Abschreckung, Ressourcen, Zeitdruck und Unsicherheit Entscheidungen formen. Die Erzählung führt an Rats- und Gerichtsstätten, in diplomatische Gespräche und zu strategischen Erwägungen, ohne sich in Anekdoten zu verlieren. Sie schildert die Veränderung politischer Kulturen unter Kriegsstress und legt offen, wie Erwartungen, Furcht und Ehrgeiz kollektive Rationalität prägen. Eine vollständige Auflösung der Ereignisse bietet das Werk bewusst nicht.
Kennzeichnend ist die Methode. Thukydides betont Autopsie, Befragung und Abgleich der Zeugnisse. Wo exakte Worte nicht überliefert sind, rekonstruiert er Debatten so, dass sie der Sache nach das Gemeinte wiedergeben und den inneren Logiken der Akteure gerecht werden. Er unterscheidet zwischen unmittelbarem Anlass und tieferen Ursachen, analysiert Motive und zeigt die Rolle des Zufalls, ohne ihr alles zu unterstellen. Diese intellektuelle Disziplin macht das Buch zu einem Vorläufer analytischer Geschichtsschreibung und politischer Wissenschaft. Sie erklärt zugleich die Knappheit des Stils, der nur das Nötige sagt, aber damit das Wesentliche sichtbar macht.
Literarisch beeindruckt die Architektur der Darstellung. Szenen und Reflexionen sind kunstvoll verschränkt; Beschleunigung und Innehalten wechseln einander ab. Kontraste strukturieren den Text: Land und Meer, Zentrum und Peripherie, Freiheit und Zwang, Hoffnung und Erfahrung. Die knappe Sprache erzeugt Prägnanz, die Auswahl der Beispiele lenkt den Blick auf Strukturen statt auf Zufälle. Dadurch lässt sich der Text wie ein Labor lesen, in dem politische Experimente unter wechselnden Bedingungen beobachtet werden. Die Wirkung entsteht nicht durch Pathos, sondern durch Genauigkeit. Die Kühnheit liegt darin, die Dinge so zu ordnen, dass sie sich selbst erklären.
Der Einfluss des Werks ist weitreichend. Historiker sahen in ihm früh einen Maßstab für Quellensorge, Strukturierung und Argumentation. Philosophische und politische Theorien haben aus seiner Darstellung von Macht, Norm und Notwendigkeit geschöpft. Thomas Hobbes schuf im 17. Jahrhundert eine bedeutende englische Übersetzung und prägte damit die Rezeption im politischen Denken. Auch heute stützen sich Debatten der internationalen Politik auf Beobachtungen, die sich in Thukydides’ Analyse wiederfinden. Dass das Werk zugleich nüchtern und poetisch streng ist, macht es für verschiedene Disziplinen gleichermaßen fruchtbar und für Leserinnen und Leser dauerhaft anziehend.
Zu den nachhaltigen Themen gehören die Dynamik von Machtverschiebungen, die Fragilität von Bündnissen, die Spannung zwischen Recht und Nutzen sowie die Anforderungen verantwortlicher Führung. Thukydides zeigt, wie politische Gemeinschaften entscheiden, wenn Informationen unvollständig, Zeit knapp und Risiken existenziell sind. Er macht verständlich, wie Rhetorik Wahrnehmungen formt und wie Institutionen Belastungen aushalten oder daran zerbrechen. Dabei geht es nie um bloße Morallehre, sondern um die Anwendung von Urteilskraft. Aus der Verbindung von institutioneller Analyse und Blick für menschliche Motivationen erwächst eine Studie politischer Klugheit.
Für die Lektüre ist hilfreich, das Buch als Untersuchung statt als bloße Chronik zu verstehen. Man folgt nicht nur einem Ablauf, sondern betritt eine Argumentationslandschaft, in der Begriffe wie Sicherheit, Risiko, Ehre, Vorteil und Gesetz miteinander konkurrieren. Karten und knappe Hintergrundinformationen zum griechischen Raum sind nützlich, doch der Text ist so gebaut, dass er seine zentralen Zusammenhänge selbst erschließt. Wer auf die Bewegungen von Ursache und Folge, Rede und Entscheidung achtet, wird eine innere Ordnung erkennen, die das Geschehen verständlich macht, ohne es zu vereinfachen.
Diese Ausgabe umfasst die acht überlieferten Bücher und zeigt das Werk in seiner Gesamtheit, so weit es der Autor geführt hat. Der offene Schluss ist kein Mangel, sondern Teil des Konzepts: Geschichte bleibt ein Prozess. Der Text lädt dazu ein, Zwischenstände ernst zu nehmen und Urteile vorläufig zu halten. Gerade dadurch bewahrt er seine Gegenwärtigkeit. Die Abwesenheit eines definitiven Endpunkts verhindert die rückblickende Verzerrung, die aus dem Ausgang einer Sache falsche Gewissheiten ableitet. Thukydides überlässt den Leserinnen und Lesern die Verantwortung, Schlüsse zu ziehen und Maßstäbe zu prüfen.
Aktuell ist das Buch, weil es beschreibt, was politischen Entscheidungen dauerhaft zugrunde liegt: unvollkommene Information, konkurrierende Werte, Machtasymmetrien und die Versuchung, kurzfristigen Nutzen über langfristige Stabilität zu stellen. Wer heutige Debatten über Bündnisse, Abschreckung, wirtschaftliche Abhängigkeiten oder die Belastbarkeit demokratischer Verfahren verstehen will, findet hier ein Instrumentarium, das über Epochen trägt. Thukydides zeigt, wie Überforderung, Selbstvertrauen und Furcht politische Körper formen, und wie Sprache in Krisen sowohl klären als auch vernebeln kann. Diese Einsichten sind heuristische Werkzeuge, keine Rezepte, und gerade deshalb dauerhaft brauchbar.
Der Peloponnesische Krieg ist ein zeitloses Buch, weil es aus intellektueller Redlichkeit, methodischer Strenge und erzählerischer Konzentration eine Form von Klarheit gewinnt, die über den Einzelfall hinausweist. Es bietet keine einfachen Botschaften, sondern ein Schulungsfeld für Urteilskraft. Seine Autorität beruht nicht auf Größe der Ereignisse, sondern auf Präzision der Beobachtung. Wer es liest, lernt, Komplexität auszuhalten und Verantwortung im Denken zu üben. Darin liegt seine bleibende Relevanz: Es macht uns aufmerksamer gegenüber den Kräften, die Politik bewegen, und anspruchsvoller im Ringen um vernünftige Entscheidungen.
Thukydides’ Der Peloponnesische Krieg schildert in acht Büchern die Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta samt ihren Verbündeten von den Ursachen bis zu den entscheidenden Wendungen der Jahre 431–411 v. Chr. Der Autor verbindet strenge Quellenkritik, eigene Erfahrungen und analysierende Reden, um Motive, Entscheidungen und Strukturen der Macht sichtbar zu machen. Statt anekdotischer Erzählung liefert er eine nüchterne Untersuchung von Kriegführung, politischer Kultur und Zufallseinflüssen. Leitend sind Fragen nach der Dynamik imperialer Expansion, nach Furcht, Nutzen und Ehre als Triebkräften, sowie nach den Belastungsproben, denen Institutionen im Kriegszustand ausgesetzt sind. Die Darstellung folgt der Chronologie und verknüpft Ereignis- mit Ursachenanalyse.
Buch 1 eröffnet mit einem Überblick zur Vorgeschichte Griechenlands und skizziert die Bedingungen, unter denen Seemacht, Reichtum und Bündnisse entstehen. Thukydides entwickelt die Grundthese, dass das Wachstum der athenischen Macht und der daraus erwachsende spartanische Furchtimpuls den Grundkonflikt nähren. Er präsentiert unmittelbare Auslöser in Streitfällen zwischen Athens Verbündeten und spartatreuen Städten und führt die Beratungen der Poleis vor, in denen Kriegsbereitschaft, Ehre und Nutzen gegeneinander abgewogen werden. Früh verknüpft er diplomatische Episoden mit strukturellen Ursachen und bereitet damit die spätere Eskalation vor, ohne sie als zwingend oder monokausal darzustellen.
Buch 2 schildert den Kriegsbeginn mit strategischen Prämissen: Athen setzt auf Seeherrschaft und Defensive an Land, während Sparta auf Invasionen im attischen Umland baut. Die Evakuierung des Hinterlandes, die Belastung der Stadt und die Seuche verdeutlichen, wie Krieg soziale Normen unterminiert und Vertrauen erschüttert. Thukydides nutzt programmatische Reden, um die politische Selbstvergewisserung Athens und die Spannungen zwischen Ideal und Notwendigkeit sichtbar zu machen. Zugleich zeigt er die Grenzen rhetorischer Orientierung, wenn unvorhergesehene Katastrophen eintreten. Militärische Operationen und ihre politische Rückkopplung werden als wechselseitiger Prozess erkennbar.
Buch 3 vertieft die innere Zerrüttung durch Belagerungen, Aufstände und harte Entscheidungen in den Städten des Bündnissystems. Die Debatte über das Schicksal einer abtrünnigen Polis illustriert die Spannung zwischen Abschreckung und Maßhalten. Besonders prägnant analysiert Thukydides den Bürgerkrieg in Kerkyra als paradigmatischen Fall moralischer und sprachlicher Verkehrung im Bürgerzwist: Loyalitäten zerfallen, Begriffe verlieren ihren Gehalt, und Opportunismus tritt an die Stelle gemeinsamer Normen. Die Schilderung verbindet konkrete Ereignisse mit einer Theorie politischer Verrohung unter Kriegsdruck und zeigt, wie lokale Krisen die Großkonflikte spiegeln und verschärfen.
Buch 4 markiert eine Phase wechselnder Kriegsglücksfälle, die strategische Gewissheiten erschüttern. Operationen an der westlichen Küste des Peloponnes führen zu ungewohnten Ergebnissen, die das Selbstbild Spartas wie auch das Kalkül Athens herausfordern. Gleichzeitig eröffnen Feldzüge im Norden Möglichkeiten und Risiken, indem sie Bündnisse lockern und neue Fronten schaffen. Thukydides betont die Rolle einzelner Feldherren, deren Initiative, Fehler und Mut den Verlauf prägen, und reflektiert das Zusammenspiel von Planung, Gelände, Zufall und politischem Druck. Ein prominentes Gefecht im thrakischen Raum bindet auch den Autor biografisch in die Ereignisse ein.
Buch 5 führt über einen Waffenstillstand zu einem fragilen Frieden, der zwar Erschöpfung widerspiegelt, aber keine belastbare Ordnung stiftet. Vereinbarungen bleiben selektiv umgesetzt; Misstrauen, Ehrgeiz und lokale Konflikte unterminieren die Stabilisierung. Thukydides integriert eine berühmte Verhandlungsszene, in der Ansprüche auf Gerechtigkeit und die Realität asymmetrischer Macht hart aufeinandertreffen. Sie dient als Fallstudie für die Logik imperialer Politik und die Grenzen moralischer Argumente unter Zwangslagen. Gleichzeitig verschieben Bündnisse ihre Konturen, und zwischenzeitliche Entspannung bereitet paradoxerweise den Boden für riskante Unternehmungen, die aus Prestige-, Sicherheits- und Opportunitätskalkülen erwachsen.
Buch 6 analysiert die athenische Entscheidung für eine Expedition nach Sizilien. In Athen prallen Zuversicht, imperialer Ehrgeiz und Vorsicht in einer intensiven strategischen Debatte aufeinander. Der Entschluss fällt unter innenpolitischem Druck und hoher Erwartungshaltung, begleitet von personellen Zerwürfnissen, die die Führung schwächen. Thukydides legt die Komplexität der Operationsziele, die geographische Weite und die Unsicherheit über lokale Kräfteverhältnisse dar. Früh wird deutlich, dass Informationsdefizite, überdehnte Logistik und politische Intrigen eine gewaltige Unternehmung anfällig machen. Die anfänglichen Manöver deuten an, wie rasch Chancen in strukturelle Nachteile umschlagen können.
Buch 7 zeigt die Zuspitzung des sizilischen Konflikts. Thukydides richtet den Blick auf Belagerungstechnik, Gegenmaßnahmen und die Bedeutung von Zeit, Moral und Versorgung. Die Intervention spartanischer Führungskräfte auf Seiten der Gegner verstärkt den Druck auf die Athener. Schrittweise offenbart die Darstellung, wie strategische Fehleinschätzungen, Erschöpfung und widrige Umstände die Initiative aushöhlen. Der Autor wahrt analytische Distanz und macht verständlich, warum selbst große Ressourcen ohne kohärente Führung und günstige Rahmenbedingungen versagen können. Die Folgen sind schwerwiegend und prägen die Kräftebalance, ohne dass jede Einzelentscheidung bis zum Ende ausgeführt wird.
Buch 8 wendet sich den Nachwirkungen zu: Revolten im Bündnissystem Athens, Seemachtkonkurrenz im Osten und die finanzielle Einflussnahme persischer Satrapen verändern die Spielregeln. Flottenoperationen und wechselhafte Bündnisse dominieren, während Athen innenpolitisch eine oligarchische Umwälzung erlebt, die die Handlungsfähigkeit zersplittert. Thukydides verfolgt zugleich die Gegenbewegungen im athenischen Flottenverband und zeigt, wie Institutionen im Ausnahmezustand improvisieren. Die Erzählung bricht mit dem Krieg noch im Gange ab. Zurück bleibt ein Werk, das Machtpolitik, Unsicherheit und institutionelle Belastungsproben seziert und als nüchterne Analyse langfristiger Zusammenhänge fortwirkt.
Der Peloponnesische Krieg spielt im späten 5. Jahrhundert v. Chr. in der griechischen Welt der Poleis, mit Schwerpunkt auf Athen und Sparta. Dominante Institutionen sind die Polis mit ihren Bürgerkörpern, ferner Bündnissysteme wie der attische Seebund und der peloponnesische Bund. Die Ägäis bildet den strategischen Raum, Häfen und Seewege sind entscheidend. Politische Ordnungen differieren: Athens radikale Demokratie mit Volksversammlung und Gerichten steht Spartas konservativer Mischverfassung mit Königen, Gerusia und Ephoren gegenüber. Innergriechische Konkurrenz, Ehrenkodizes und Bündnistreue prägen Entscheidungen. Thukydides verfasst sein Werk als Zeitgenosse, ordnet Ereignisse streng chronologisch und analysiert Macht, Furcht und Nutzen als zentrale Triebkräfte.
Nach den Perserkriegen entstand 478 v. Chr. der delisch-attische Seebund, zunächst als Verteidigungsallianz gegen Persien. Athen führte Flotte und Finanzen, verlegte später die Bundeskasse von Delos nach Athen und wandelte das Bündnis schrittweise in ein Imperium mit Tributzahlungen um. Diese Ressourcen finanzierten Großbauten, Flottenunterhalt und die Langen Mauern. Sparta blieb Anführer eines überwiegend landgestützten peloponnesischen Bundes. Der strukturelle Gegensatz zwischen einer maritimen, imperialen Demokratie und einer landfokussierten, militärischen Gesellschaft verschärfte Spannungen. Thukydides zeichnet die Entwicklung vom Bündnis zur Hegemonie nach und zeigt, wie Sicherheitsinteressen in Herrschaftspraxis umschlagen.
Der sogenannte Dreißigjährige Frieden von 446/445 v. Chr. stabilisierte das Machtgleichgewicht nur vorübergehend. Mit Konflikten um Korkyra und deren Rivalität zu Korinth, der Revolte in Potidaia und dem Megarischen Bann verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Athen und Spartanern. Formale Ultimaten, Schiedsangebote und Bündnisverpflichtungen prägten die Diplomatie. Thukydides unterscheidet zwischen vorgebrachten Kriegsgründen und einer tieferen Ursache: dem Wachstum athenischer Macht und der daraus resultierenden Furcht Spartas. Diese Diagnose verankert den Krieg in langfristigen Strukturkräften, nicht in einzelnen Anlässen, und spiegelt sein Streben nach analytischer Erklärung statt moralischer Anklage.
Thukydides war Athener aus aristokratischem Milieu, diente als Stratege und wurde nach dem Verlust von Amphipolis 424 v. Chr. verbannt. Sein Exil verschaffte ihm Zugang zu beiden Lagerperspektiven und zu Informanten außerhalb Athens. Er betont Autopsie, kritische Quellenprüfung und eine annalistische Ordnung nach Sommern und Wintern. Reden gibt er nicht stenografisch wieder, sondern so, wie sie dem Wesentlichen der Situation entsprechen sollten. Diese Methode verleiht dem Werk zugleich erzählerische Kraft und analytische Strenge. Sein Ziel ist ein Besitz für immer, eine Geschichtsschreibung, die über den Einzelfall hinaus allgemeine Einsichten in Politik und Krieg vermittelt.
Die Kriegsführung beruhte auf unterschiedlichen Stärken. Athen dominierte zur See mit Triremen, schnellen Ruderschiffen mit geschulten Ruderern, Rammsporn und komplexer Logistik. Hafenanlagen, Trockendocks und Vorratssysteme stützten lange Operationen. Sparta und seine Verbündeten waren starke Landmächte mit Hoplitenphalanxen, vertraut mit saisonalen Feldzügen. Belagerungstechnik war im Wandel, doch begrenzt; Festungen und Mauern blieben entscheidend. Die Langen Mauern verbanden Athen mit Piräus, sicherten Versorgung und ermöglichten die Strategie, Landinvasionen auszuweichen. Technische Kompetenz, Manöver auf See und Disziplin prägten das athenische Vorgehen und bilden in Thukydides’ Darstellung einen Kern moderner Kriegskunst.
Ökonomisch finanzierte Athen seine Seeherrschaft durch Tribute des Seebunds, Zölle, Hafenabgaben und Erlöse aus dem Bergbau von Laurion. Metöken, Handwerker und Händler trugen erheblich zur städtischen Wirtschaft bei; Münzgeld und standardisierte Silbermünzen vereinfachten Fernhandel. Der Krieg störte jedoch agrarische Zyklen, Handelsrouten und Einnahmeflüsse. Spartas Ordnung basierte auf einem agrarischen Fundament und der Ausbeutung der Heloten, was tiefgreifende soziale Spannungen barg. Thukydides zeigt, wie ökonomische Ressourcen Kriegsdauer und -intensität bestimmen und wie wirtschaftliche Schläge – Blockaden, Verwüstungen, Tributausfälle – politische Entscheidungsräume verengen.
Politische Kultur und Institutionen prägten die Entscheidungsprozesse. In Athen tagte die Volksversammlung häufig, die Boule bereitete Geschäfte vor, große Geschworenengerichte beurteilten Prozesse. Ostrakismos und Amtsrotation sollten Machtkonzentration verhindern. Rhetorik gewann Gewicht; Sophisten und Redner formten öffentliche Debatten. Sparta hingegen pflegte knappe Deliberation, Tradition und militärische Disziplin. Nachrichtengewinnung, Spionage und Botenwesen beeinflussten Wahrnehmung und Tempo von Entscheidungen. Thukydides zeigt, wie Institutionen das Feld des politisch Möglichen umreißen: Demokratische Offenheit begünstigt Innovation und Risiko, spartanitische Zurückhaltung Stabilität und Zähigkeit – jeweils mit eigenen Fehlstellen.
Perikles verkörperte die athenische Kriegsstrategie der ersten Phase: Vermeidung großer Landschlachten, Schutz hinter den Langen Mauern, Seeüberlegenheit wahren, Gegner wirtschaftlich und psychologisch zermürben. Jährliche spartanische Einfälle in Attika konterte Athen mit Überfällen an den Küsten, Blockaden und dem Aufrechterhalten von Allianzen. Thukydides überliefert Perikles’ politisches Programm und seine Rolle in der frühen Kriegsführung, inklusive der Reflexionen über Bürgertugend und Staatszweck. Die Strategie setzte auf Ausdauer, Finanzen und Flotte – eine nüchterne Kosten-Nutzen-Kalkulation, die aber auf eine belastbare Binnenordnung und Disziplin der Bürgerschaft angewiesen war.
Die Umsiedlung der Landbevölkerung in die Stadt überlastete Athen. Enge, Versorgungslasten und angespannte Hygiene trugen zur großen Epidemie bei, die ab 430 v. Chr. wütete. Thukydides bietet eine detaillierte, naturalistische Schilderung von Symptomen und sozialen Folgen, ohne religiöse Deutung zu bemühen. Der Einbruch von Krankheit unterminierte Normen, schwächte Amtsführung und Loyalität, traf Arme und Reiche. Politische Autorität litt, und die Leistungsfähigkeit der Flotte wurde vorübergehend beeinträchtigt. Diese Episode verdeutlicht, wie biologische Faktoren politische Strategien verändern und wie Krisen die moralischen Fundamente einer Polis erschüttern können.
Bürgerkriege innerhalb einzelner Poleis verschärften das Gesamtbild. Thukydides’ Bericht über die Stasis auf Kerkyra 427 v. Chr. zeigt, wie Bündniskonflikte innere Loyalitäten spalteten. Begriffe kippten in ihr Gegenteil, und Gewaltspiralen ließen Vermittlung scheitern. Die Polarisierung zwischen oligarchischen und demokratischen Fraktionen war nicht nur lokale Episode, sondern ein Muster, das sich im Kriegsverlauf verbreitete. Externe Allianzen überlagerten lokale Rivalitäten, wodurch Städte zu Stellvertreterarenen wurden. Thukydides interessiert weniger moralische Schuld als die Dynamik, mit der Angst, Ehrgeiz und Rache rationales Handeln entgleisen lassen.
Die Mytilene-Debatte von 427 v. Chr. verdeutlicht Spannungen der athenischen Herrschaftspolitik. Nach Revolte und Kapitulation stand Athen vor der Frage, wie hart es verfahren sollte. In der Volksversammlung prallten Forderungen nach abschreckender Strafe und Argumente für nüchterne Nützlichkeit aufeinander. Thukydides rekonstruiert Positionen, die zwischen Vergeltung, Präzedenzwirkung und ökonomisch-politischer Vernunft abwägen. Die Episode spiegelt die Imperiumslogik: Machterhalt verlangt Härte, doch zu große Härte unterminiert Loyalität und künftige Kooperation. Das Werk zeichnet damit die ethisch-politische Spannung nach, in der Demokratien unter Kriegsdruck agieren.
Die Auseinandersetzung mit Melos 416 v. Chr. bündelt Realpolitik und Normkonflikte. Athen verlangte Unterwerfung einer neutralen Insel; die berühmten Argumente über Macht und Recht betonen Ungleichheit zwischen Starken und Schwachen. Thukydides nutzt die Szene, um die Sprache der Interessenpolitik freizulegen, ohne sie moralisch zu glätten. Er zeigt, wie Imperien die eigene Sicherheit mit Zwang begründen und wie kleine Akteure in struktureller Ohnmacht handeln. Diese Verdichtung von Argument und Ereignis macht sichtbar, wie Prinzipien und Opportunität im Krieg kollidieren und wie rhetorische Rationalität Gewaltentscheidungen begleiten kann.
Die Sizilienexpedition ab 415 v. Chr. offenbart athenische Ambition und strategische Überdehnung. Die Ressourcenbindung einer Fernexpedition, komplizierte Koalitionen, Führungswechsel und gegnerische Anpassung prägten den Verlauf. Syrakus, unterstützt von spartanischen und korinthischen Beratern, konnte seine Verteidigung organisieren. Thukydides analysiert Planungsmängel, Logistikprobleme, Zeitverzug und Fehleinschätzungen der politischen Führung. Das Ergebnis schwächte Athen militärisch, finanziell und psychologisch nachhaltig. Für Thukydides ist die Episode ein Lehrstück über Hybris, Informationsasymmetrien und die Gefahren kollektiver Begeisterung, wenn institutionelle Checks in Krisen versagen.
Mit der Ausweitung des Konflikts gewann Persien wieder Einfluss. Satrapen wie Tissaphernes und Pharnabazos nutzten griechische Rivalitäten, um durch Subsidien den Aufbau einer spartanischen Flotte zu fördern. Verträge und Zahlungen zielten darauf, die ionischen Städte dem Großkönig zu unterstellen oder Tribute zu sichern. Der Krieg verlagerte sich zunehmend in die Ägäis und an die kleinasiatische Küste. Thukydides zeigt, wie externe Mächte das Gleichgewicht verschieben, wenn Krieg Kosten treibt und Allianzen fluide werden. Finanzielle Unterstützung, nicht allein Tapferkeit, entscheidet über Operationsfähigkeit – ein nüchterner Blick auf die Materialitäten des Krieges.
Die innenpolitische Krise Athens kulminierte 411 v. Chr. in einem oligarchischen Umsturz. Das Regime der Vierhundert versuchte, Kriegslasten zu reduzieren und persische Unterstützung zu gewinnen. Gleichzeitig hielt die Flotte in Samos an demokratischen Strukturen fest und blieb militärisch handlungsfähig. Die Spaltung der politischen Ordnung berührte Befehlsketten, Loyalität und Ressourcensteuerung. Thukydides analysiert Ursachen, wie Erschöpfung, Misstrauen gegenüber Demagogen und den Einfluss externer Geldgeber. Seine Darstellung vermeidet simple Schuldzuweisungen und zeichnet die Fragilität von Verfassungen unter Druck nach, in der sich kurzfristige Sicherheit gegen langfristige Legitimität reibt.
Kommunikation und Wissen sind wiederkehrende Motive. Botenwege, Gerüchte, Seerecht und Wetterbedingungen formen Entscheidungszeitpunkte, Missverständnisse und Überraschungen. Thukydides verknüpft präzise Ortsangaben, Entfernungen und Jahreszeiten, um Handlungsoptionen zu erklären. Seine archäologische Einleitung und die Darstellung der Pentecontaetie liefern longue-durée-Kontext: Bevölkerungen, Reichtum, Schiffsbau und Bündnisstruktur seit den Perserkriegen. So verbindet das Werk unmittelbare Ereignisse mit Strukturen. Die abrupte Beendigung des Textes 411 v. Chr. betont dennoch seine Intention, ein methodisch solides Protokoll vorzulegen, das spätere Leser zur Analyse, nicht zur Erbauung, heranziehen können.
Thukydides’ Sprache ist nüchtern, moralische Urteile treten hinter Kausalität zurück. Reden machen sichtbar, wie Akteure ihre Ziele legitimieren: durch Sicherheit, Ehre, Nutzen. Strategische Überlegungen – Festungen, Flottenbasen, Bündnisketten – werden mit psychologischen Faktoren verknüpft: Furcht, Hoffnung, Ehrgeiz. Dabei wendet sich der Autor gegen mythologische Erklärungen und betont überprüfbare Fakten, ohne die Rolle des Zufalls zu leugnen. Diese Haltung spiegelt eine breitere intellektuelle Strömung des 5. Jahrhunderts v. Chr., in der Naturerklärung, Rhetorik und politische Theorie an Bedeutung gewinnen und öffentliche Debatte zu einem Instrument der Macht wird. Seine acht Bücher sind in Aufbau und Perspektive auf Erklärung angelegt, nicht auf Trost. Das Werk kommentiert seine Zeit, indem es imperialen Übermut, Demagogie und institutionelle Erosion als wiederkehrende Muster beschreibt. Es kritisiert nicht in moralischer Pose, sondern durch das Zeigen von Konsequenzen: wie Angst harte Politik erzeugt, wie Bündnisse Interessen bündeln und auflösen, wie Sprache Wirklichkeit formt. So wird der Peloponnesische Krieg zu einer Fallstudie politischer Moderne, deren Einsichten weit über die griechische Polis hinausreichen.
Thukydides, im 5. Jahrhundert v. Chr. wirkender athenischer Historiker, gilt als einer der Begründer einer quellenkritischen, analytischen Geschichtsschreibung. Sein einzig sicher überliefertes Werk, die Geschichte des Peloponnesischen Krieges, behandelt die Auseinandersetzung zwischen Athen und Sparta und hebt Ursachen, Entscheidungen und Folgen hervor. Er schrieb ohne mythische Ausschmückung, mit nüchterner Sprache und strenger Argumentation, und prägte damit dauerhaft historische Methode und politisches Denken. Entstanden in der Hoch- und Krisenzeit der klassischen Polis, verbindet das Werk genaue Beobachtung, politische Theorie im Entstehen und literarische Gestaltung, besonders durch Reden, die Denk- und Handlungsweisen der Akteure verdichten.
Über Herkunft und Ausbildung ist wenig Sicheres überliefert. Thukydides war Athener und besaß beträchtlichen Grundbesitz samt Bergwerksinteressen in Thrakien, was seine Bewegungsfreiheit und Informationszugänge erweiterte. Konkrete Lehrer oder institutionelle Schulwege sind nicht belegt; dennoch zeigt sein Werk eine umfassende Vertrautheit mit der attischen Redekunst, mit zeitgenössischer Argumentationstechnik und mit rationaler Naturbeobachtung. In der Forschung wird häufig die Nähe zur intellektuellen Kultur der Sophisten und der Kontrast zu Herodots erzählerischer Breite herausgestellt. Thukydides formulierte ein methodisches Programm, das auf Prüfung von Zeugnissen, eigener Anschauung und sorgfältiger Chronologie basiert und spätere Historikergenerationen beeinflusste.
Politisch trat Thukydides als Strategos im Peloponnesischen Krieg hervor. 424 v. Chr. kommandierte er eine Flotte im Norden der Ägäis, konnte Amphipolis jedoch nicht rechtzeitig entsetzen; in Athen wurde er daraufhin verbannt. Die Verbannung dauerte, nach eigener Aussage, zwanzig Jahre und fiel mit dem größten Teil des Krieges zusammen. Sie eröffnete ihm den Zugang zu Zeugen und Schauplätzen auf beiden Seiten des Konflikts. Thukydides nutzte diese Lage, um systematisch zu sammeln, zu vergleichen und sein Werk zu entwerfen. Seine Rückkehr erfolgte erst nach Kriegsende; genaue Einzelheiten dieser letzten Lebensjahre bleiben ungesichert.
Die Geschichte des Peloponnesischen Krieges deckt die Jahre 431 bis 411 v. Chr. ab und bricht unvollendet ab. Thukydides gliedert streng in Sommer- und Winterkampagnen, stützt sich auf eigene Beobachtung und sorgfältig abgewogene Berichte. Berühmt ist sein methodischer Vorbehalt zu den Reden: Er gibt deren Sinn nach bestem Wissen wieder, wie er ihn verstanden und für die Situation angemessen hielt. Damit verbindet er Faktenermittlung mit einer Analyse von Motiven und Entscheidungslogiken. Das Werk ist in späterer Überlieferung in acht Bücher eingeteilt, eine Ordnung der Handschriften, die die Struktur festlegt, nicht jedoch den Text erweitert.
Mehrere Passagen seines Werkes sind exemplarisch für seinen Zugriff auf Macht und Moral. Die berühmte Grabrede für die Gefallenen zeigt die Ideale der athenischen Demokratie; die Schilderung der Pest in Athen verbindet Präzision der Beobachtung mit Reflexion über gesellschaftliche Normen. Debatten wie jene in Mytilene und der sogenannte Melierdialog entfalten Interessen, Furcht und Nutzenkalkül als Triebkräfte politischer Entscheidungen. Ebenso analysiert Thukydides Bürgerkriegserfahrungen und sprachliche Verrohung, etwa bei der Stasis auf Kerkyra. Stets richtet er den Blick auf Ursachenketten, Unsicherheit und die Grenzen planvollen Handelns, ohne die Verantwortung handelnder Personen zu relativieren.
Die unmittelbare Nachwirkung zeigt sich in der antiken Fortführung der Ereignisse durch Xenophons Hellenika, die inhaltlich dort ansetzt, wo Thukydides abbricht. In späteren Jahrhunderten wurde sein Stil bewundert und seine Methode als Maßstab historischer Kritik gelesen. Frühneuzeitliche Übersetzungen, etwa durch Thomas Hobbes, wirkten auf politische Theorie und Realismusdebatten in den Internationalen Beziehungen zurück. Auch Militärhistoriker, Philologen und Philosophinnen griffen seine Analysen auf. Die Dichte der Argumentation, die Redekonstruktionen und die Konzentration auf Ursachen und Strukturen machten ihn zu einer Referenz für Forschung, Lehre und öffentliche Debatten über Krieg, Führung und Verantwortung.
Über sein Ende ist wenig mit Sicherheit bekannt. Wahrscheinlich starb Thukydides nach dem Kriegsende, also spät im 5. oder früh im 4. Jahrhundert v. Chr.; genaue Umstände und Ort sind nicht verlässlich überliefert. Die Unvollendetheit seines Werks unterstreicht gleichwohl sein Vermächtnis: den Anspruch, Geschichte als Untersuchung von Ursachen, Optionen und menschlichen Konstanten zu betreiben. In der modernen Rezeption bleibt Thukydides präsent, sei es in historiographischer Methodendiskussion oder in Analysen von Machtpolitik und Entscheidungszwang. Sein nüchterner Blick auf Konflikte und seine strenge Form prägen das Verständnis der klassischen Epoche bis heute.
Das erste Buch enthält die Einleitung zu dem Geschichtswerke, und die Angabe der entfernteren und näheren Ursachen und Veranlassungen des Peloponnesischen Kriegs. Andeutungen über die Wichtigkeit desselben. Cap. 1. Aeltester Zustand der Hellenen: Anfange und Fortschritte des Anbaus und der Gesittung, 2-8. Bemerkungen über den Trojanischen Krieg und seine Folgen. 9-12. Entstehung der Hellenischen Seemächte. 13-14. Art der Landkriege. 15. Die Perser und die Tyrannen in Hellas hindern dessen Wachsthum. 16. 17. Die Perserkriege und das Emporkommen der beiden Griechischen Hauptmächte, Sparta und Athen, und deren Verwaltungsweise. 18-19. Mängel der früheren Behandlung der Geschichte: genauere Forschung des Verfassers. Wichtigkeit und Ursachen des Pel. Kriegs. 20-23. Veranlassung desselben durch die inneren Unruhen in Epidamnus, durch die Einmischung der Korcyräer und Korinther, durch deren Zwist und Krieg, an dem die Athener Theil nehmen, und durch die Handel Athens mit Potidäa und Macedonien. 24-66. Verhandlungen in Sparta, das seit Krieg gegen Athen beschließt. 67–88. Rückblick auf die Geschichte der Hellenen seit den Siegen über die Perser, und auf die Machtvergrößerung Athens. 89-117. Auch die Bundesgenossen Sparta's beschließen den Krieg. 118 - 125. Letzte Unterhandlungs-Versuche mit Athen, durch Sparta's unannehmbare Forderungen und Pericles Einfluß vereitelt. Dazwischen gelegentliche Erinnerungen an die Schicksale des Pausanias und Themistokles. 26-146.
1. Thucydides von Athen[1] hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, wie sie gegen einander kämpften, beschrieben. Er begann sein Werk sogleich, mit dem Ausbruche des Kampfes[1q], in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alle frühern werden. Dieses Schloß er aus der Blüthe der Macht, welche beide Theile in jeglicher Art der Kriegsmittel erreicht hatten; auch sah er, daß die übrige Hellen[2]enwelt an eine von beiden Parteien theils sogleich sich anschloß, theils diesen Gedanken hegte. In der That war dieß die größte Erschütterung, welche die Hellenen und einen Theil der Barbaren, und, ich möchte sagen, sogar einen sehr großen Theil der Menschheit je betroffen hat. Zwar die früheren Ereignisse, und was noch weiter rückwärts liegt, genau zu erforschen, war wegen der Länge des Zeitraums unmöglich: doch nach Beweisgründen, welche bei einer in die Fernste Vorzeit sich erstreckenden Untersuchung sich, mir als glaubwürdig ergeben, bin ich überzeugt, daß jene Begebenheiten weder in Betreff der Kriege, noch sonst bedeutend gewesen.
2. Denn offenbar hatte das jetzt sogenannte Hellas vormals keine bleibenden Bewohner: sondern man wechselte die Wohnsitze. Und jeder verließ ohne Schwierigkeit seine Heimath, so oft ihn irgend eine Uebermacht bedrängte. Denn da kein Handel, noch gefahrloser Verkehr weder zu Lande noch zur See stattfand, und jeder sein Grundeigentum nur, im davon zu leben, anbaute; da man ferner keinen Geldvorrath besaß, und den Boden nicht fruchtbar zu machen suchte (denn es war ja ungewiß, ob nicht ein Anderer einbräche, und bei dem Mangel an befestigten Orten plünderte); so fand das Auswandern keine Schwierigkeit, weil man auch das tägliche Bedürfnis der Nahrung wohl überall zu erringen hoffte. Daher war man weder durch große Städte, noch durch andere Einrichtungen mächtig. Am meisten aber wechselten gerade die besten Landschaften ihre Bewohner, Thessalien, wie es jetzt heißt, und Böotien und, Arkadien ausgenommen, die meisten Gegenden des Peloponneses, und was sonst sehr vorzügliches Land war. Denn wegen der Trefflichkeit des Bodens veranlaßte theils bei Einigen der Zuwachs des Vermögens verderbliche Parteizwiste, theils war man den feindlichen Planen fremder Stammesgenossen mehr ausgesetzt. Dagegen war Attika, weil es wegen der Dürftigkeit seines Bodens keine Erschütterungen erlitt, immer meist von demselben Menschenstamme Bevölkert. Und für die Behauptung, daß Griechenland wegen der Wanderungen im Uebrigen nicht gleich förmig emporkam, giebt Folgen: des einen nicht unbedeutenden Beleg. Von denen nämlich, die aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Parteizwist vertrieben wurden, zogen sich die Mächtigsten nach Athen, als einem sichern Aufenthalte, zurück, und, zu Bürgern aufgenommen, vermehrten sie schon von Alters her die Bevölkerung der Stadt, so, daß man später, weil Attika nicht groß genug war, nach Ionien Ansiedlungen aussendete:
3. Die geringe Macht der Alten wird auch dadurch entscheidend beurkundet, daß Hellas vor der Trojischen Unternehmung nichts gemeinsam ausführte. Auch hatte das Land, wie mir scheint, nicht einmal noch diesen Gesamtnamen: vielmehr war wohl diese Benennung in der Zeit vor Hellen, dem Sohne Denkalions, noch gar nicht vorhanden: sondern nach Volksstämmen liehen sowohl andere, als vornehmlich der Pelagische" den Landschaften ihren Namen. Als aber Hellen und seine Söhne in Phthiotis mächtig wurden, und man sie in andere Staaten zur Sühneleistung einlud; so wurden, wie mir scheint, im Verkehre die Einzelnen bereits häufiger Hellenen genannt. Doch konnte dieser Name nicht für Aue herrschend werden. Dieß beweist vorzüglich Homer. Denn wiewohl er lange sogar nach der Trojischen Zeit lebte, so hat er doch nirgends Aue insgesamt so benannt, und keine Anderen als die mit Achilles aus Phthiotis kamen, welche wirklich, auch die ersten Hellenen waren: dem Ganzen, giebt er in seinen Gedichten den Namen Danaer, Argirer, Achäer. Uebrigens hat er auch den Namen: Barbaren, nicht gebraucht, weil auch die seltenen, wie ich glaube, noch nicht unter Einem unterscheidenden Namen im Gegensatze gegen Jene begriffen wurden. Alle diese Hellenen nun, die in den einzelnen Städten eine gemeinsame Sprache hatten, so wie die später sogenannte Gesamtheit, haben vor der Trojischen Zeit aus Ohnmacht und Mangel an Verkehr nichts in Bereinigung ausgeführt. Aber auch zu jenem Heerzuge vereinigten sie sich erst, als sie bereits häufiger mit der Schifffahrt sich beschäftigten.
4. Denn Minos[3] war der älteste Gründer einer Seemacht, von dem wir durch die Sage wissen; denn er beherrschte den größten Theil des jetzigen Hellenischen Meeres, und gebot über die Entladischen Inseln, bevölkerte auch die meisten zuerst, indem er die Karier vertrieb, und seine Söhne als Häuptlinge einsetzte: auch vernichtete er, wie leicht zu erachten, die Seeräuberei, so weit er konnte, damit ihn die Einkünfte um so eher eingingen.
5. Denn vormals widmeten sich die Hellenen, und von den Barbaren theils die Küstenbewohner des Festlandes, theils alle Besitzer der Inseln, seit sie anfingen, einander häufiger zu Schiffe zu besuchen, der Seeräuberei, wobei die Mächtigeren sowohl eigenen Gewinns wegen, als auch zum Erwerbe des Unterhalts für die Unbegüterten, ihre Anführer waren. Sie überfielen und plünderten unbefestigte und dorfähnlich bewohnte Städte, und gewannen dadurch, meist ihren Unterhalt: ohne daß diesem Gewerbe noch eine Schande anklebte; vielmehr brachte es einigen Ruhm. Dieß beweisen auch jetzt noch einige Bewohner des Festlandes, bei denen als ehrenhaft gilt, Jenes mit Geschick zu treiben; so wie die alten Dichter, die bei der Erkundung über die Landen: den überall in gleichen Sinne fragen lassen: ob sie Seeräuber sehen? in der Voraussetzung, daß die Befragten dieß Gewerbe nicht für entehrend halten, noch die Kundesuchen: den es ihnen zum Vorwurf machen. Auch auf dem Festlande trieb man gegenseitig Räuberei: und bis heute haben noch, manche Gegenden von Hellas Bewohner von der alten Lebensart, zum Beispiele die Ozolischen Lokrer, Aetolier und Akarnaner, und die in dem dortigen Festlande wohnen. Auch das Waffentragen haben die Einwohner dieser Gegen: den aus der alten Raubzeit beibehalten.
6. Denn wegen der unbefestigten Wohnplätze und der Unsicherheit des Reiseverkehrs ging ganz Hellas bewaffnet: und dieß war die gewöhnliche Tracht bei den täglichen Verrichtungen, wie bei den Barbaren. Die genannten Gegenden von Hellas, deren Bewohner noch jetzt diese Sitte haben, beweisen die frühere Allgemeinheit jener Lebensart. Die Athener aber waren mit unter den Ersten, welche die Waffen ablegten, und, der rauhen Lebensweise entsagend, zu einem gewissen Grade von Üppigkeit übergingen. Und es ist dort noch nicht lange her, seit die Bejahrten unter den Wohlhabenden aufhörten, aus Weichlichkeit linnene Unterkleider zu tragen, und das Gefleckte der Scheitelhaare durch angebrachte goldne Zikaden zu befestigen: daher hat sich auch wegen der Stammesverwandtschaft jene Tracht unter den Ioniern bei ältern Männern lange behauptet. Schlichter einfacher Kleidung hingegen nach der jetzigen Weise bedienten sich zuerst die Lacedämonier; und auch sonst haben dort die Reicheren meist gleiche Lebensweise mit dem Volke angenommen. Sie waren auch die ersten, die sich bei den Leibesübungen entkleideten, und öffentlich die Gewänder ablegten, und sich mit Öle salbten. Ursprünglich, hatten die Wettkämpfer bei dem Olympischen Kampfspiele Gürtel um die Geschlechtstheile: was erst seit wenigen Jahren aufgehört hat. Bei einigen Barbaren, besonders Asiaten, werden noch jetzt Wett: spiele im Faust- und Ringkampfe gegeben, wobei die Teilnehmer geschürzt sind. Es ließen sich wohl auch sonst noch manche Ähnlichkeiten der Gebräuche des alten Hellenenvolks und der jetzigen Barbaren nachweisen.
7. Alle in der neuern Zeit und nach Erweiterung des Schifffahrt gegründeten Städte wurden, da man wohlhabender war, auf den Ufern selbst mit Festungswerken angelegt, und auf Landengen gebaut, theils des Handels wegen, theils zur Sicherung gegen die Nachbarn. Die ältern Städte hingegen waren, sowohl auf den Inseln als auf dem Festlande, wegen der lange anhaltenden Räuberei entfernter von der See angelegt worden. Denn sie trieben Raub, gegen einander und gegen alle, die, ohne Seeleute zu sein, an der Küste wohnten ; und jene sind noch jetzt landeinwärts gebaut.
8. Nicht minder waren auch die Inselbewohner, aus Karischem und Phönizischem Stamme, Seeräuber: denn diese Stämme hatten die meisten Inseln bevölkert. Ein Beweis ist Folgendes: Als Delos durch, die Athener in diesem Kriege gereinigt wurde, so ergab sich bei der Wegschaffung der Särge auf der Insel, daß die Toten über die Hälfte Karier waren: man erkannte sie an der mitbegrabenen Waffenrüstung und ihrer noch jetzt üblichen Bestattungsweise. Als nun die Seemacht des Minos emporkam, wurde der Schifffahrtsverkehr dadurch befördert: denn jene schädlichen Inselbewohner wurden durch ihn vertrieben und zugleich die meisten der Inseln mit Ansiedlern besetzt. Und die Anwohner des Meeres, welche nun schon sich größeres Vermögen erwarben, erhielten auch festere Wohnsitze: einige, weil sie reicher als früher geworden waren, umgaben sich auch mit schirmenden Mauern; denn aus Gewinnsucht ließen sich die Schwächen die Unterjochung durch Mächtigere gefallen, und die Stärkeren machten, weil sie mehr Vermögen hatten, die geringeren Städte sich unterwürfig. In diesem Zustand hatten sich die Griechen schon mehr befestigt, als sie in der Folge Den Meereszug gegen Troja unternahmen.
9. Agamemnon scheint mir, nicht sowohl als Anführer von Helena's Freiern, die ein Schwur dem Tyndareus verpflichtete, sondern durch das Uebergewicht seiner Macht über feine Zeitgenossen jenen Seezug zu Stande gebracht zu haben. Denn es erzählen diejenigen Peloponnesischer, welche die zuverlässigste Kunde durch Überlieferung von den Vorfahren erhalten haben: Pelops habe zuerst durch die vielen Schätze, die er ans Asien zu mittellosen Leuten mitgebracht, sich Macht erworben, und daher, wiewohl er nur Einwanderer war, dem Lande den Namen gegeben: noch größern Erfolg haben feine Nachkommen gehabt. Denn Eurystheus war in Attika durch die Herakliden geraten, und hatte den Atreus, seiner Mutter Bruder, als er zu Felde zog, Mycenä und die Regierung, der Verwandtschaft wegen, anvertraut: dieser aber hatte sich gerade wegen Chrysippus Ermordung vor seinem Vater geflüchtet. Als nun Eurystheus nicht mehr heimkehrte, so soll Atreus mit Genehmigung der Mycenäer, weil man sich vor den Herakliden fürchtete, und er für mächtig galt, und dem Volke geschmeichelt hatte, die fürstliche Herrschaft über Mycenä und das ganze Gebiet des Eurystheus erhalten haben und so sehen die Pelopiden mächtiger als Perseus Abkömmlinge geworden. Da diese Macht auf Agamemnon überging, und er zugleich durch die Seemacht den Andern überlegen war, so brachte er, wie mir dünkt, nicht sowohl durch Gunst, als durch Furcht das Meer zu jenem Zuge zusammen. Denn es findet sich, daß Ausgenommen nicht allein selbst die größte Zahl Schiffe mit sich führte, sondern auch den Arkadiern welche wie überließ, wie Sumer bezeugt, wofern dieser ein tüchtiger Gewährsmann ist. Und da, wo er die Vererbung des Scepters beschreibt, sagt er:
"Vieler Inseln war Er und des sämtlichen Argos Gebieter.“ Er würde jedoch als Bewohner des Festlandes die Inseln mit Ausnahme der nächstgelegenen, deren Zahl wohl sehr klein war, nicht sich unterworfen haben, hätte er nicht auch einige Seemacht gehabt. Man darf aber auch aus jenem Heerzuge auf den frühern Zustand schließen.
10. Wenn übrigens Mycenä eine kleine Stadt war, und manche der damaligen Ortschaften jetzt für unbedeutend gilt, so ist dieß kein entscheidender Beweis gegen die Annahme, daß jene See- Unternehmung so groß gewesen, als die Dichter angeben, und die herrschende Sage behauptet. Denn die Stadt der Lacedämonier würde einmal verödet, und es blieben die Tempel und der Grund und Boden der Anlage allein übrig; so würden, wie ich glaube, nach geraumer Zeit, bei den Nachkommen große Zweifel sich erheben, ob ihre Macht dem Rufe entsprochen habe. Und doch besitzen sie zwei Fünftheile des Peloponnes, und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen Bundesgenossen: allein da die Stadt nicht zusammengebaut ist, und keine kostbaren Tempel und Anlagen hat, sondern nach althellenischer Weise dorfartig eingerichtet ist; so dürfte sie ziemlich armselig erscheinen, Sollte aber die Athener das nämliche Schicksal treffen, so würde man aus dem äußern Ansehen der Stadt schließen, sie sei doppelt so mächtig gewesen, als sie wirklich ist. Man hat also keinen Grund, ungläubig zu sein, und die Städte mehr nach ihrem Aussehen, als nach ihrer Macht zu beurtheilen: vielmehr darf man mit
Grund annehmen, daß jenes Kriegsheer größer als alle früheren war, jedoch den neueren nicht gleich kam. Denn wenn man auch in dieser Hinsicht Homers Gedichten einigen Glauben schenken darf, obwohl er als Dichter wahrscheinlich verschönernd in's Größere gemalt hat, so erscheint doch jenes Heer auch so noch minder bedeutend. Denn er zählt zwölfhundert Schiffe: den Böotischen giebt er hundert und zwanzig Mann, denen des Philoctetes fünfzig: womit er die größten und kleinsten andeuten will: wenigstens erwähnt die Schiffsliste nichts von der Größe der übrigen. Ferner gibt er zu verstehen, daß Alle auf des Philoctetes Schiffen bewaffnete Ruderer und Streiter waren: denn die Ruderer macht er alle zu Bogenschüben. Die außerordentliche Bemannung aber war ohne Zweifel klein, außer den Königen und höchsten Kriegsbeamten, zumal da man auch Kriegsgeräthe überzusetzen hatte, und die Schiffe ohne Verdeck vielmehr nach alter Weise wie Raubschiffe gebaut waren. Nimmt man also das Mittel zwischen den größten und kleinsten Schiffen, so zeigt sich, daß für eine gemeinsame Ausrüstung aus ganz Hellas das vereinte Heer nicht groß war.
11. Daran aber war nicht sowohl die geringe Bevölkerung, als der Mangel an Geldmitteln Schuld. Wegen der Schwierigkeit der Unterhaltung nahm man ein minder großes Heer mit, und nur so viele Menschen, als man bei dem Kriege in der dortigen Gegend erhalten zu können hoffte. Als sie nun nach der Landung ein Treffen gewonnen hatten, was daraus erhellt, weil sie sonst ihr Lager nicht hätten verschanzen können; so gebrauchten sie auch da nicht ihre ganze Heeresmacht, sondern sie beschäftigten sich aus Mangel an Lebensmitteln mit Ackerbau auf dem Chersonnes, und mit Räuberei. Bei dieser Zersplitterung ihrer Macht vermochten auch die Trojer ihnen sehen Jahre lang zu widerstehen, da sie den jedesmal Zurückgebliebenen gewachsen waren. Hätten sie hinlänglichen Mundvorrat mitgebracht, und den Krieg mit gesammter Macht, ohne Plünderungszüge und Feldbau, unausgesetzt fortgeführt, so würden sie durch eine gewonnene Schlacht leicht die Eroberung bewerkstelligt haben, da sie ja auch ohne die Gesamtkräfte, mit dem Theile, der jedesmal gerade bei der Hand war, sich gegen den Feind behaupteten: oder sie würden durch, eine Einschließung und Belagerung Troja in kürzerer Frist und mit geringerer Mühe genommen haben. Aber wegen des Geldmangels war nicht allein ihre Macht vor dieser Zeit gering, sondern selbst diese Unternehmung, welche doch berühmter als alle früheren wurde, scheint in der Wirklichkeit minder bedeutend, als sie der Ruf darstellt und die Sage, die sich unter und durch die Dichter darüber erhalten hat.
12. Und, nach dem Trojanischen Kriege wechselte Hellas seine Bewohner durch Wanderungen, so daß es wegen des ruhelosen Zustandes nicht emporkommen konnte. Denn weil die Rückkehr der Hellenen von Ilium sich verzog, so wurden dadurch manche Veränderungen und in den Städten meist Parteizwiste veranlaßt, wodurch Einige zur Auswanderung genöthigt wurden, und Städte gründeten. So wurden die heutigen Böotier sechzig Jahre nach Trojas Eroberung durch die Thessalier aus Arie vertrieben, und besetzten das Land, das jetzt Böotien heißt, und früher das Kadmeische Land genannt wurde. Eine Abtheilung derselben hatte schon früher in diesem Lande gewohnt, und war zuin Theil mit gegen Ilium gezogen. Die Dorier aber besetzten, achtzig Jahre nach dem Trojanischen Kriege, den Peloponnes in Verbindung mit den Herakliden. So gelangte Hellas nur mit Mühe und spät zu festem Ruhestande, und hörte auf, Umwälzungen zu erleiden, und konnte nun Pflanzvölker aussenden. Die Athener schickten die Ionier und die meisten Inselbewohner als Ansiedler aus: die Peloponnesier aber besetzten den größten Theil von Sicilien und Italien, und einige Gegenden des übrigen Hellas. Alle diese Stiftungen waren später als der Trojanische Krieg.
13. Als aber Hellas mächtiger wurde und zu mehr Wohle stand denn früher gelangte, so kamen mit Vermehrung der Einkünfte in manchen Städten Zwingherrschaften auf, wo zuvor Erbfürstentümer mit bestimmten Vorrechten gewesen waren. Auch gründete sich Hellas eine Seemacht, und man widmete sich mehr der Schifffahrt. Die Korinther rollen die ersten gewesen sein, welche den Schiffbau so umschufen, daß er der jetzigen Weise nahe kam: zu Korinth rollen die ersten Dreiräder in Hellas gebaut worden sein. Und es findet sich, daß Aminokles, ein Korinthischer Schiffsbaumeister, den Samiern vier Schiffe verfertigte. Nun sind es bis zum Ende des gegenwärtigen Krieges ungefähr dreihundert Jahre, seit Aminokles zu den Samiern kam. Die älteste bekannte Seeschlacht ereignete sich zwischen den Korinthern und Korcycäern: es sind aber von da bis auf denselben Zeitpunkt etwa zweihundert und sechzig Jahre. Denn da die von den Korinthern bewohnte Stadt sich auf einer Landenge beftudet, so hatten sie von jeher einen Handelsplatz, indem die Hellenen sowohl innerhalb als außerhalb des Peloponneses von Altersher mehr zu Lande, als zur See durch ihr Gebiet mit einander Verkehr trieben; und sie waren durch Reichthum mächtig, wie dieß auch die alten Dichter bezeugen: denn sie gaben diesem Platz den Beinamen: der reiche. Und als die Hellenen mit der See vertrauter wurden, so vernichteten sie eben durch Errichtung jener Seemacht die Räuberei, und machten jene Stadt zum Stapelplatz für beide Meere und durch Geldeinkünfte mächtig. Auch die Ionier hatten später eine zahlreiche Seemacht, zur Zeit des Syrus, des ersten Königs der Perser, und seines Sohnes Kambyses: und waren eine Zeitlang im Kriege mit Cyrus Meister des Meeres an ihrer Küste. Auch Polykrates, der Gewaltherrscher von Samos zur Zeit des Kambyses, hatte eine starke Seemacht, und unterwarf sich Rhenna neben andern Inseln, und weihete jene dem Delischen Apoll. Die Photäer aber, welche die Pflanzstadt Massilia gründeten, gewannen ein Seetreffen gegen die Karthager.
14. Dieß waren nämlich die bedeutendsten Seemächte. Aber obwohl sie viele Menschenalter nach dem Trojanischen Kriege entstanden, hatten unläugbar noch wenige Schiffe mit drei Ruderbänken, sondern waren noch mit Fahr: zeugen zu fünfzig Rudern, und mit langen Schiffen, wie damals, versehen. Aber kurz vor den Perserkriegen und dem Tode des Darius, der nach Kambyses König der Perser war, hatten die Tyrannen in Sicilien und die Korcycäer eine Menge dreirädriger Kriegsschiffe: denn dieß waren unmittelbar vor dem Heerzuge des Xerxes die bedeutenden Seemächte in Hellas. Denn die Aegineten und Athener, und vielleicht noch einige andere Völkerschaften, besaßen kleine Flotten, und zwar meist von Fünfzigrudern[4]: und als auf Themistokles Rath die Athener im Kriege mit den Angineten, und zugleich, wegen des erwarteten Angriffs der Barbaren, sich lange nachher Schiffe bauten, mit welchen sie die Seeschlachten lieferten, so hatten auch diese noch keine vollständigen Verdecke.
15. So war das Seewesen der Hellenen, sowohl in der ältern, als in der spätern Zeit beschaffen. Doch erwarben sich die, welche sich, demselben widmeten, keine unbedeutende Macht durch Geld-Einkünfte und durch, Herrschaft über Andere. Denn es griffen vornehmlich diejenigen, deren Land für ihre Bedürfnisse nicht hinreichte, die Inseln an und eroberten sie. Zu Lande aber gab es keinen Krieg, wodurch eine Verwehrung der Macht erfolgt wäre: indem alle Kriege, so viele deren geführt wurden, jedesmal blos die Grenznachbarn betrafen. Auswärtige Eroberungszüge, ferne von ihrer Heimath, unternahmen die Hellenen nicht. Denn mit den größern Staaten hatten sich die andern noch nicht im Verhältniß der Abhängigkeit vereinigt; auch veranstalteten sie nicht unter gleichen Rechten gemeinsame Heerzüge: sondern es führten mehr die Einzelnen Nachbarschaftskriege gegen einander; nur bei dem alten Kriege der Chalcidier und Eretrier nahm auch das übrige Hellenen-Volk auf beiden Seiten Partei.
16. Es traten aber da und dort verschiedene Hindernisse der Machtvergrößerung ein: so zog gegen die Ionier, deren Macht schon weit gediehen war, Syrus und die Persische Königsmacht, nachdem sie den Krösus und alles fand diesseits des Halysflusses bis ans Meer bezwungen, und unterjochten die Städte des Festlandes, so wie später Darius, dem die Phönicische Seemacht das Uebergewicht verlieh, auch die Inseln eroberte.
17. Die Gewaltherrscher aber, so viele deren in den Hellenischen Städten waren, sahen blos auf ihren Vortheil, und verwalteten die Staaten vornehmlich zur Erhebung ihrer Person und ihres Hauses nach dem Grundsatze der Sicherheit, so weit sie konnten. Von ihrer Seite wurde keine bedeutende Unternehmung ausgeführt, außer was jeder gegen feine Nachbarn that. Denn (nur) die Sicilisden Gewalthaber gelangten zu sehr großer Macht. So ward Hellas von allen Seiten her lange niedergehalten, daß es weder gemeinsam eine glänzende Unternehmung vollführte, noch im Einzelnen die Staaten etwas wagen mochten.
18. Die Tyrannen in Athen und, mit Ausnahme Siciliens, in dem übrigen Hellenen-Lande, welches vormals meist Gewaltherrscher gehabt hatte, waren endlich größtentheils durch die Lacedämonier gestürzt worden. Denn Lacedämon, wiewohl es seit der Besitznahme durch die jetzt daselbst wohnenden Dorier sehr lange Zeit, so weit unsre Stunde reicht, durch Parteizwist beunruhigt war, genoß doch von Altersher einer guten Verfassung, und blieb stets ohne Zwingherrschaft: denn es sind ungefähr etwas mehr als vierhundert Jahre bis zum Ende des gegenwärtigen Kriegs, seit die Lacedänonier dieselbe Verfassung haben: wodurch sie auch zur Macht und zum Einfluß auf die Einrichtungen anderer Staaten gelangten. Nach jenen Sturze der Tyrannen ereignete sich wenige Jahre später die Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon. Zehn Jahre nach derselben kamen die Barbaren abermal mit jenem gewaltigen Heereszuge gegen Griechenland, um es zu unterjochen. Als nur diese große Gefahr über dem Haupte der Hellenen schwebte, so leiteten ihren Kriegsbund die an Macht hervorragenden Lacedämonier: die Athener aber entschlossen sich beim Einbruche der Perser, ihre Stadt zu verlassen, sammelten ihre bewegliche Habe, und bestiegen damit die Schiffe, und wurden Seemänner. Nachdem sie sodann die Barbaren mit vereinter Kraft zurückgetrieben, theilten sich nicht lange nachher die vom Perserkönige abgefallenen Griechen und die zum Kriege Verbündeten in zwei Parteien, eine Athenische und eine Lacedämonische. Denn diese Staaten waren durch ihre Macht am meisten ausgezeichnet: jene waren zur See, diese zu lande stark. Und noch dauerte zwar das Waffenbündnis eine Zeitlang. Bald aber entzweiten sich die Lacedämonier und Athener, und geriethen nebst ihren Bundesgenossen in Krieg unter sich; und wo sonst noch Hellenische Staaten gegen einander im Zwiste waren, schlossen sie sich bereits an diese an. Daher hatten sie seit dem Persischen Kriege bis auf den gegenwärtigen, wo sie bald im Waffenstillstande, bald im Stampfe unter sich und mit den abgefallenen Bundesgenossen waren, eine treffliche Uebung im Kriegswesen, und wurden, unter Gefahren ausgebildet, immer gewandter.
19. Die Lacedämonier nun führten ihr Vorsteher-Amt, ohne ihre Bundesgenossen einer Steuer zu unterwerfen, und waren nur darauf bedacht, daß diese, der Lacedämonischen Staatsrücksicht gemäß, ihre Verfassung so einrichteten, daß Wenige herrschten: die Athener aber so, daß sie mit der Zeit die Schiffe der Staaten, mit Ausnahme der Chier und Lesbier, an sich zogen, und Allen eine Geldabgabe auflegten. Und ihre eigene Rüstung auf diesen Krieg war größer, als selbst zu jener Zeit, wo sie bei ungeschmälerter Bundesgenossenschaft in der höchsten Blüthe der Macht standen.
20. So fand ich den Zustand des Alterthums: wobei es schwer ist, jedem der Reihe nach sich darbietenden Beweisgrunde zu glauben. Die Menschen freilich nehmen die Sagen über die Ereignisse der Vergangenheit, selbst wenn diese einheimisch sind, ohne Unterschied und ungeprüft von einander an. So glauben die meisten Athener, Hipparch sei als Tyrann von der Harmodius und Aristogiton[5] getödtet worden ; und sie wissen nicht, daß Hippias, als der älteste unter Pisistratus Söhnen, die Herrschaft besaß, und das Hipparch und Thessalus seine Brüder waren. Weil aber Harmodius und Aristogiton den Verdacht faßten, die Sache sei an jenem Tage und im bestimmten Augenblicke dem Hippias verrathen worden; so wagten sie sich nicht an ihn, da sie ihn vorher unterrichtet glaubten, wollten jedoch vor ihrer Festnehmung etwas thun und wagen; und da sie den Hippard, bei dem sogenannten Leokorion trafen, wie er den Festzug der Panathenäen ordnete, so ermordeten sie ihn. So haben auch andere Griechen von manchem Andern, was noch besteht, und nicht durch die Zeit in Vergessenheit gebracht ist, unrichtige Vorstellungen: wie die ist, daß die Lacedämonischen Könige jeder nicht Eine Stimme, sondern zwei abzugeben haben, und daß es dort eine Aitanatisdie Kriegsschaar gebe, die nie vorhanden war. So wenig Mühe macht den Meistert die Erforschung der Wahrheit, und sie nehmen lieber das Nächste Beste an.
21. Doch man wird nach den angegebenen Gründen wohl nicht irren, wenn man das Alterthum so, wie ich es entwickelt habe, ansieht, und nicht die Lobpreisungen der Dichter, welche die Sache vergrößernd ausschmückten, glaubwürdiger findet, noch die Zusammenstellungen der Sagenschreiber, die mehr für anziehenden Vortrag, als nach der Wahrheit verfaßt, unerweislich und meist durch die Länge der Zeit in unglaubhafte Fabeln übergegangen sind; wenn man vielmehr annimmt, daß der Erfund meiner Forschungen nach den wahrscheinlichsten Gründen, für so alterthümliche Dinge zureichend sei. Wiewohl nun die Menschen einen Krieg, dessen Theilnehmer sie sind, so lang er dauert, stets für den wichtigsten halten, wenn er aber zu Ende ist, das Arte mehr bewundern; so wird doch der jetzige Krieg, bei Erwägung der Thatsachen selbst, seine Wichtigkeit vor den früheren bewähren.
22. Was nun die Reden betrifft, welche da und dort, als man im Begriffe war, den Krieg zu beginnen, oder während desselben gehalten wurden, so wäre es für mich als Ohrenzeugen, und für die, welche mit anderswoher solche hinterbrachten, schwer gewesen, die Ausdrücke in der ursprünglichen Gestalt und mit Genauigkeit zu behalten: doch sind sie von mir so wiedergegeben, wie ich glaubte, daß Jeder unter den vorliegenden Umständen am passendsten geredet haben würde, wobei ich mich so nahe, wie möglich, an den Gesamt-Sinn des wirklichen Vortrags hielt. Den Thatbestand der Kriegsereignisse wollte ich nicht nach einer Erkundung bei dem Ersten Besten, noch nach meiner besondern Anficht aufzeichnen, sondern ich stellte das Einzelne bar, theils wie ich es als Augenzeuge kannte, theils nach möglichst genauer Erforschung von Andern. Es kostete aber Mühe, die Wahrheit herauszufinden, weil die Zuschauer der Begebenheiten in ihren Berichten über dieselben Thatsachen nicht übereinstimmten, sondern so sprachen, wie einer dieser oder jener Partei günstig oder der Erinnerung mächtig war. Die Entfernung vom Märchenhaften in diesen Nachrichten wird dem Ohre vielleicht minder anziehend erscheinen: mir aber wird es genügen, wenn, wer irgend das Zuverlässige über die Vergangenheit sowohl, als über das, was nach dem Laufe der menschlichen Dinge einst wieder auf gleiche oder ähnliche Weise sich ereignen wird, zu erforschen wünscht, dieses Werk für nützlich achtet. Auch ist es mehr zum Besitzthum für alle Zeiten, als zum Redeprunkstück für den Augenblick zusammengestellt.
23. Unter den frühern Begebenheiten war der Perser: krieg die bedeutendste: und doch wurde er durch zwei See- und Land-Schlachten schnell entschieden. Der gegenwärtige Krieg aber hat sich weit in die Länge gezogen, und Hellas erlitt in demselben Unfälle, wie nie in gleichen Zeitraume. Denn nie wurden so viele Städte erobert und verödet, theils durch Barbaren, theils durch die Kriegführenden selbst: einige wechselten auch nach der Eroberung ihre Bewohner ; nie hatten so viele die Heimath verlassen müßen: noch, war je der Menschenverlust, theils wegen des Kriegs selbst, theils wegen der Parteiwuth so groß gewesen. Dinge, die man früher vom Hörensagen kannte, aber sehr selten in der Wirklichkeit er: fuhr, wurden nunmehr glaubwürdig: so die Beschaffenheit der Erdbeben, welche einen sehr großen Theil der Erde zugleich und zwar mit großer Heftigkeit trafen. Auch Sonnenfinsternisse traten häufiger, als man aus frühern Zeiten sich erinnerte, ein: und an einigen Gegenden große Dürre, und durch sie Hungersnoth: endlich die so verderbliche pestartige Seuche, die einen Theil der Bevölkerung hinraffte. Alle diese Plagen kamen im Gefolge dieses Krieges. Es begannen ihn aber die Athener und Peloponnester nach Aufhebung des dreißigjährigen Waffenstillstandes, welchen sie nach der Einnahme von Euböa geschlossen hatten. Damit man jedoch nicht dereinst fragen müße, warum ein so gewaltiger Krieg unter den Hellenen entstand, so beschreibe ich zuvörderst die Ursachen des Bruchs jenes Vertrags und ihre Streitpunkte. Als die eigentliche Ursache, die aber in den Reden am wenigsten hervortrat, betrachte ich die Vergrößerung der Athenischen Macht, welche den Lacedämoniern Furcht einflößte, und sie zum Kriege bestimmte. Die öffentlich, angegebenen Gründe, warum sie den Waffenstillstand aufhoben, und in Kriegszustand traten, waren auf beiden Seiten folgende.
24. Epidamnus[6]1 ist eine Stadt, rechts an der Einfahrt in den Ionischen Meerbusen gelegen: es wohnen in der Nähe Taulantische Barbaren, Illyrischer Abkunft. Diese Pflanzstadt gründeten Korcycäer; der Stifter aber war Phalius, Sohn des Eratoklides, aus Korinthischem Geschlechte, vom Stamme des Herkules, nach alter Sitte aus der Mutterstadt (Korinth) dazu berufen. An dieser Niederlassung nahmen auch einige Korinther und andere vom Dorischen Stamme Theil. Im Verfolge der Zeiten wurde die Stadt der Epidamnier groß und volkreich. Nachdem sie aber viele Jahre hindurch unter sich Parteizwiste gehabt, so litten sie, wie man erzählt, durch einen Krieg mit den angränzenden Bars baren großen Verlust, und wurden eines bedeutenden Theils ihrer Macht beraubt. In der letzten Zeit vor dem gegenwärtigen Kriege verjagte die Volkspartei die Machthaber. Die Verbannten trieben nun in Verbindung mit den Bars baren gegen die Stadtbewohner zu Land und zur See Räuberei. Dadurch bedrängt, schickten die in der Stadt befindlichen Epidamnier Gesandte nach Corcyra, als dem Mutterstaate, und baten, dieser möchte ihrem Untergange nicht gleichgültig zusehen, sondern die Vertriebenen mit ihnen aussöhnen, und dem Kriege mit den Barbaren ein Ende machen. Dieß baten sie, indem sie nach der Weise von Flehens den im Here-Tempel sich niedersetzten. Die Korcycäer aber schenkten diesem Gesuche Pein Gehör, und entließen sie ohne Erfolg.
25. Als nun die Epidamnier sich überzeugten, daß sie von Corcyra keine Hülfe zu erwarten haben, so waren sie verlegen, wie sie sich aus der Sache ziehen sollten. Sie sandten nach Delphi und befragten den Gott, ob sie ihre Stadt den Korinthern, als deren Stiftern, übergeben und versuchen sollten, sich von diesen eine Hülfe zu verschaffen. Der Gott ertheilte den Spruch: sie sollten die Stadt den Korinthern übergeben, und sie zu Anführern nehmen. Die Epidamnier wandten sich nun an Korinth, und unterwarfen ihre Pflanzstadt gemäß dem Götterspruche, indem sie auf diesen sich beriefen, und nachwiesen, daß ihr Stifter aus Korinth gewesen: zugleich, baten sie, man möchte sie dem Untergange nicht preisgeben, sondern ihnen Schutz gewähren. Die Korinther übernahmen, dem Rechte gemäß, die Hülfleistung, in der Ueberzeugung, daß es eben sowohl ihre als der Korcycäer Pflanzstadt sei, zugleich aber auch aus Haß gegen die Korcycäer, weil diese, unerachtet sie eine Korinthische Niederlassung waren, doch die Korinther vernachlässigt hatten. Denn sie gestatteten diesen weder bei allgemeinen Volksfesten die herkömmlichen Auszeichnungen, noch ließen sie, wie andere Pflanzorte, bei den Opferhandlungen den Vorrang einem Korinther, sondern behandelten Korinth mit Geringschätzung, da sie sich an Reichthum damals den wohlhabendsten Hellenischen Staaten gleichstellen konnten, und an Kriegsmacht noch stärker waren. Sie rühmten sich ferner zuweilen eines großen Vorzugs im Seewesen, auch darum, weil die Phäaken, diese berühmten Seeleute, ehemals Corcyra bewohnt hatten; daher rüsteten sie auch um so mehr ihre Flotte, und besaßen darin keine geringe Macht. Denn sie hatten beim Anfange des Kriegs hundert und zwanzig dreiruderige Schiffe.
26. Da nun die Korinther in allen diesen Rücksichten Grund zu Beschwerden hatten, so sandten sie gerne Hülfe nach Epidamnus, und erließen eine Aufforderung, daß, wer da wolle, als Ansiedler hinziehen könne, und schickten eine Besatzung von eigener Mannschaft, wie auch von Ambrakioten und Leukadiern hin. Diese zogen aber auf dem Landwege über Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Besorgniß, von den Korcycäern bei der Ueberfahrt zur See beunruhigt zu werden. Als diese vernahmen, daß diese Ansiedler und Beratungstruppen nach Epidamnus gekommen seyen, und diese Colonie sich in den Schutz der Korinther begeben habe; so wurden sie sehr ungehalten, und ließen sogleich fünf und zwanzig Schiffe, und später noch ein anderes Geschwader auslaufen, und forderten sie in feindlich drohendem Tone auf, die Verbannten wieder aufzunehmen, und die von den Korinthern geschickte Besabung nebst den Ansiedlern zu entlassen. Denn jene Vertriebenen hatten sich an Corcyra gewendet, und mit Hinweisung auf die Gräber der Ihrigen, und wegen ihrer Stammesverwandtschaft gefleht, man möchte ihren Rücktritt in die Heimath bewirken. Die Epidamnier aber achteten ihrer nicht. Die Koreyräer, in Verbindung mit den Vertriebenen, bekriegten sie also mit vierzig Schiffen, um diese wieder einzusetzen, und nahmen auch die Illyrier dazu. Sie lagerten sich nun vor der Stadt, und machten bekannt: jeder Epidamnier, der Lust hätte, so wie die Fremden, könnten ungekränkt abziehen: wo nicht, so würde man sie als Feinde behandeln. Als sie nicht nachgaben, so belagerten die Korcycäer die auf einer Landenge gelegene Stadt.
27. Als nun Boten von Epidamnus mit der Nachricht, daß es belagert werde, zu den Korinthern kamen, so rüsteten diese einen Heereszug: und verkündeten zugleich die Aufnahme von Ansiedlern in Epidamnus unter der Bedingung der Rechtsgleichheit für jeden, der hinziehen wolle, wer aber für jetzt nicht mitschiffen, und doch an der Niederlassung Theil haben wolle, könne zurückbleiben, wenn er fünfzig Korinthische Drachmen erlege. Es fanden sich viele, die mitschifften, und viele, die das Geld bezahlten. Sie foderten auch die Megareer auf, sie mit ihren Schiffen zu geleiten, wenn die Sorcyräer ihre Fahrt stören sollten. Diese rüsteten sich, mit acht Schiffen an die Flotte sich anzuschließen, und die Paleer aus Kephallenia mit vieren. Sie wendeten sich auch an die Epidanrier, die fünfe lieferten; die Hermios neer gaben eines, die Trözenier zwei; die Leukadier zehens die Ambratieten acht. Die Thebaner und Phliasier baten sie um Geld, die Eleer um unbemannte Schiffe und Geld. Von den Korinthern selbst wurden dreißig Schiffe und dreitausend Schwerbewaffnete ausgerüstet.
28. Als nun die Korcycäer von dieser Rüstung hörten, so gingen sie nebst Sicyonischen und Lacedämonischen Gesandten, die sie mitnahmen, nach Korinth; und verlangten, die Korinther rollten ihre Besatzung und Ansiedler von Epidanınus wegziehen, da sie kein Recht an dieser Stadt hätten würden sie das Gegentheil behaupten, so erklärten sie, die Sache der rechtlichen Entscheidung der Städte im Peloponnes, welche sie gemeinschaftlich zu bestimmen hätten, übers lassen zu wollen; und welchem Theile die Pflanzstadt zugesprochen würde, der sollte sie als Eigenthum haben. Auch erboten sie sich, dem Orakel zu Delphi die Sache anheimzustellen; den Krieg hingegen missrieten sie. Nähme man dieß nicht an, so erklärten sie, sie würden durch die Korinther selbst genöthigt werden, sich ihres Vortheils wegen lieber die Freundschaft anderer Staaten, als bisher, zu verschaffen, die jenen nicht angenehm sein würden. Die Korinther aber erwiderten: wenn jene die Schiffe und die Barbaren von Epidamnus wegziehen ließen, so würden sie sich bedenken. Bevor dieß geschähe, wäre es ungeziemend, wenn sie die Sache gerichtlich verhandelten, während jene belagert würden. Die Korcycäer fagten dagegen, sie wollen sich dieß gefallen lassen, wenn auch die Korinther die Mannschaft in Epidamnus zurückzögen; auch seien sie bereit, unter der Bedingung, daß beide Theile in ihrer Stellung bleiben, einen Waffenstillstand zu schließen, bis der Spruch erfolgt sei.
