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Thukydides' 'Geschichte des peloponnesischen Krieges' ist ein zeitloses Werk, das die Ereignisse des Krieges zwischen Athen und Sparta im 5. Jahrhundert vor Christus detailliert und objektiv beschreibt. Mit seinem präzisen Schreibstil und seiner genauen Darstellung der politischen und militärischen Strategien der Konfliktparteien hebt sich Thukydides als einer der bedeutendsten Historiker der Antike hervor. Sein Werk wird oft als Wegbereiter der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung angesehen, da er die Ereignisse rational analysiert und die Bedeutung von Ursache und Wirkung betont. In der literarischen Welt gilt Thukydides als herausragender Vertreter des klassischen historischen Schreibens und hat einen bleibenden Einfluss auf die moderne Geschichtswissenschaft hinterlassen. Seine Geschichte des peloponnesischen Krieges ist ein Meisterwerk, das bis heute als Standardwerk der antiken Geschichtsschreibung betrachtet wird und einen unverzichtbaren Beitrag zur Erforschung der politischen und militärischen Konflikte der klassischen Antike leistet. Geschichte-Liebhaber und Geschichtswissenschaftler werden von Thukydides' präziser Darstellung und Analyse des peloponnesischen Krieges fasziniert sein. Die detaillierte Beschreibung der Ereignisse, die politischen Intrigen und die taktischen Entscheidungen der Kriegsparteien bieten eine vielschichtige Perspektive auf diese bedeutende Periode der antiken Geschichte. Thukydides' Werk ist ein Muss für jeden, der ein tieferes Verständnis der politischen und militärischen Dynamiken des klassischen Griechenlands erlangen möchte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
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Wenn Seemacht und Landmacht aufeinandertreffen, entscheidet nicht nur Stahl, sondern Urteil über das Schicksal von Staaten. Thukydides führt in eine Epoche, in der Athen und Sparta mit ihren Bündnissen um Vorherrschaft ringen und die Ordnung der griechischen Welt ins Wanken gerät. Sein Werk zeigt, wie politische Entscheidungen, wahrgenommene Bedrohungen und strategische Kalkulationen die Dynamik eines langen Konflikts prägen. Von Beginn an wird klar, dass Kräftegleichgewichte brüchig sind und dass Worte oft genauso folgenreich sind wie Waffen. Diese Einsicht verleiht der Darstellung eine eindringliche Spannung, die weit über das Militärische hinausreicht.
Thukydides, ein athenischer Historiker und Feldherr des 5. Jahrhunderts v. Chr., schrieb die Geschichte des peloponnesischen Kriegs aus eigener Erfahrung und mit ungewöhnlicher methodischer Strenge. Geboren um 460 v. Chr. und gestorben vermutlich um 400 v. Chr., nutzte er Jahre des Exils, um Zeugnisse zu sammeln, Zusammenhänge zu prüfen und Ereignisse nüchtern zu ordnen. Der Krieg, den er beschreibt, begann 431 v. Chr. und stellte Athens Seemacht Spartas Landmacht gegenüber. Thukydides verfasste sein Werk in attischem Griechisch; es bleibt unvollendet und bricht in der Darstellung der Jahre nach 411 v. Chr. ab.
Als Klassiker gilt dieses Buch, weil es die Geschichtsschreibung vom Bereich des Mythischen in die Sphäre der begründeten Analyse überführt. Thukydides sucht Ursachen, wägt Motive, trennt Gerüchte von belegbaren Vorgängen und setzt auf eine Chronologie, die Sommer und Winter als Taktgeber verwendet. Er vermeidet übernatürliche Erklärungen und zeigt stattdessen, wie menschliche Entscheidungen und Strukturen zusammenwirken. Damit entwirft er ein Muster historischer Vernunft, das bis heute Maßstab bleibt. Seine sachliche Strenge verbindet sich mit erzählerischer Klarheit, sodass Fakten, Perspektiven und Konsequenzen in einem überzeugenden Gefüge erscheinen.
Literarisch beeindruckt das Werk durch die Verbindung von präzisem Bericht und kunstvoller Rede. Thukydides integriert Reden als verdichtete Rekonstruktionen politischer Argumente, um die Logik der Handelnden sichtbar zu machen. Strategische Erwägungen, innere Debatten, Stadtratsbeschlüsse und Gesandtschaften werden so greifbar, ohne die Distanz des Historikers aufzugeben. Landschaften, Häfen und Heerstraßen treten in klar umrissenen Konturen hervor; die Gleichmäßigkeit der Zeitgliederung schärft den Blick für Wechsel und Wendungen. Diese Gestaltung lässt das Werk über eine bloße Chronik hinauswachsen und verleiht ihm die Kraft einer genauen, dramatischen Analyse.
In knapper Form schildert Thukydides die Ausgangslage: Nach Jahren gespannter Konkurrenz gerät das griechische Bündnissystem in eine Krise, in der Misstrauen, Prestige und Sicherheitsbedürfnisse dominieren. Athen vertraut auf Flotte, Mauern und Verbündete; Sparta baut auf Heere, Disziplin und das Vertrauen seiner Alliierten. Zwischen lokalen Streitpunkten und großräumigen Interessen verdichten sich Missverständnisse zu Entscheidungen von Tragweite. Der Krieg entfaltet sich über Festland und Meer, geprägt von Belagerungen, Fahrten, Verhandlungen und taktischem Zögern. Thukydides verknüpft diese Vorgänge, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen, und führt das Lesepublikum Schritt für Schritt an ihre Logik heran.
Zentrale Themen tragen das Buch über seinen historischen Rahmen hinaus. Macht wirkt als Anziehung und Bedrohung zugleich; Bündnisse schaffen Schutz und Fesseln; Rhetorik wird zur Waffe der Entscheidung. Thukydides zeigt, wie Angst, Ehrgeiz und Nutzenkalkül politische Ordnung formen, und wie Normen in Krisen belastet werden. Er untersucht, wie Innen- und Außenpolitik sich verschränken und wie gesellschaftliche Spannungen die Kriegsführung prägen. Dabei wahrt er eine nüchterne Haltung, die weder idealisiert noch verdammt, sondern versteht. Die humanen Kosten bleiben sichtbar, doch sie werden in eine Analyse eingespannt, die Ursachen und Folgen sorgfältig abwägt.
Die Wirkungsgeschichte ist weitreichend. Seit der Antike dient Thukydides als Referenz für Staatskunst, Strategie und politische Urteilskraft. Moderne Debatten über internationale Beziehungen greifen auf seine Einsichten zu Machtverhältnissen, Abschreckung und Bündnissystemen zurück. Denker verschiedener Epochen fanden in seiner Darstellung einen nüchternen Maßstab für die Bewertung von Entscheidungen unter Unsicherheit. Dass er Motive und Rahmenbedingungen so klar ausleuchtet, macht das Werk zu einem beständigen Bezugspunkt für Theorie und Praxis, von der Außenpolitik bis zur militärischen Führung. Zugleich mahnt seine Analyse die Grenzen von Planung und Kontrolle im Konflikt an.
Auch die Geschichtswissenschaft verdankt Thukydides viel. Seine sorgfältige Prüfung von Zeugenaussagen, der Vergleich von Berichten und die Selbstbeschränkung des Erzählers prägen bis heute methodische Standards. Die klare Datierung, die Aufmerksamkeit für Logistik, Finanzen und geographische Bedingungen sowie der Wille, Ursachenketten offenzulegen, zeigen, wie historische Erklärung funktionieren kann. Dabei vermeidet er Ornament um seiner selbst willen und lässt die Struktur der Ereignisse sprechen. Der Anspruch, das Wesentliche festzuhalten und das Zufällige einzuordnen, wirkt als Leitfaden für kritische, quellengestützte Forschung.
Ästhetisch überzeugt die knappe, zugleich dichte Sprache. Thukydides gestaltet Sätze, die Argumente schichtig ordnen und Nuancen der politischen Wahrnehmung erfassen. Die Reden sind nicht bloße Dekoration, sondern analytische Instrumente, die Alternativen aufspannen und Konsequenzen prüfen. Wer sie liest, erlebt, wie politische Sprache Wirklichkeit formt und Grenzen setzt. Der nüchterne Ton kontrastiert mit dem dramatischen Gehalt, wodurch die Ereignisse an Schärfe gewinnen. Die Komposition wahrt Balance zwischen Detail und Übersicht, sodass selbst komplexe Lagen verständlich bleiben, ohne ihre Ambivalenz zu verlieren.
Der Entstehungskontext erklärt die Eigenart des Blicks. Als Beteiligter kennt Thukydides militärische Praxis und politische Verfahren; als Forscher hält er Distanz. Diese doppelte Perspektive vermeidet Selbstinszenierung und richtet den Fokus auf Strukturen, Entscheidungen und Folgen. Dass das Werk unvollendet blieb, unterstreicht seinen Charakter als fortlaufende Untersuchung. In der Überlieferung der Handschriften und der langen Rezeptionsgeschichte entstand ein Text, der immer wieder neu interpretiert wurde. Übersetzungen bemühen sich, die Spannkraft der griechischen Syntax und die Präzision der Begriffe in moderne Sprachen zu tragen.
Für die Lektüre empfiehlt sich Aufmerksamkeit für Rhythmus und Maß. Thukydides bringt große Bewegungen mit stillen Verschiebungen in Verbindung: Versorgungslagen, Seewege, Grenzräume, Ratssitzungen, Stimmungen der Bürger. Sein Bericht verlangt, zwischen Handlungsdruck und langfristigen Entwicklungen zu unterscheiden. Wer die Reden als Prüfstände politischer Vernunft liest und die Chronologie als Raster der Erfahrung, erkennt das innere Gerüst der Darstellung. Die Absicht ist nicht moralische Erhebung, sondern Erkenntnisgewinn. Gerade diese Haltung verleiht dem Text eine Strenge, die den Leser einlädt, selbst zu urteilen.
Gegenwart gewinnt der Text, weil er grundlegende Fragen stellt, die politische Gemeinwesen dauerhaft betreffen: Wie entstehen Kriege aus Furcht und Rivalität? Was hält Bündnisse zusammen, und was zerreibt sie? Wann korrumpiert Not die Sprache? Thukydides liefert keine einfachen Antworten, doch er eröffnet einen Denkraum, in dem Verantwortung, Klugheit und Maß konkret werden. Sein Werk ist heute relevant, weil es Empirie und Reflexion zusammenführt, den Blick für Ursachen schärft und vor Selbsttäuschung warnt. Es ist zeitlos durch Klarheit, intellektuelle Redlichkeit und die beharrliche Suche nach Wahrheit inmitten der Ungewissheit.
Thukydides, athenischer Feldherr und Historiker des 5. Jahrhunderts v. Chr., verfasst in der Geschichte des Peloponnesischen Kriegs eine strenge Analyse des langjährigen Konflikts zwischen Athen und Sparta samt ihren Bundesgenossen. Das Werk verbindet chronologische Darstellung mit Reflexion über Ursachen, Motive und Wirkungszusammenhänge. Thukydides betont Augenzeugenschaft und kritische Prüfung von Berichten; Reden dienen ihm, Denkweisen und Entscheidungen plausibel zu machen. Ziel ist nicht bloß Erzählung von Ereignissen, sondern ein dauerhaft gültiges Verständnis politischer Dynamiken in Zeiten äußerer Gewalt und innerer Spannungen. Die Darstellung setzt mit der Begründung des Untersuchungsansatzes und seiner Abgrenzung gegenüber mythischer Überlieferung ein.
Er eröffnet mit einem Rückblick auf frühe Entwicklungen Griechenlands und zeichnet sodann die Jahrzehnte nach den Perserkriegen nach, in denen Athen seine Seemacht ausbaute und den Bund zunehmend in ein Imperium verwandelte. Diese Verdichtung von Macht und Ressourcen erzeugt Misstrauen und Furcht auf peloponnesischer Seite, insbesondere in Sparta. Als unmittelbare Zündfunken beschreibt er Streitigkeiten um Korfu, Epidamnos und Potidaia, in denen Bündnissolidaritäten auf die Probe gestellt werden. Die Athener Beschlüsse und spartanischen Beratungen verdeutlichen den Übergang von Rivalität zu offener Konfrontation. Thukydides arbeitet dabei strukturelle Ursachen – Wettbewerb, Sicherheit, Prestige, wirtschaftliche Abhängigkeiten – neben kontingenten Anlässen heraus.
Mit Kriegsbeginn schildert Thukydides das strategische Ringen: Sparta setzt auf wiederholte Landinvasionen in Attika, Athen auf Seeherrschaft, wirtschaftliche Resilienz und begrenzte Schläge entlang der Küsten. Zentral ist die langfristige Verteidigungsstrategie, die die Stadt über ihre Mauern, Vorräte und Flotte absichern soll. Früh wird das Konzept durch eine schwere Seuche in Athen herausgefordert, die demografische, militärische und moralische Folgen hat und politische Entscheidungen belastet. Dennoch führt die athenische Führung anfangs die Linie der Zurückhaltung fort, während Bundesgenossen beider Seiten unterschiedlich loyal bleiben. Thukydides verbindet operative Berichte mit Beobachtungen über Stimmungslagen, Entscheidungszwänge und die Fragilität kollektiver Rationalität.
In der Folge richtet Thukydides den Blick auf innere Konflikte und Grenzfragen imperialer Herrschaft. Debatten in Athen über den Umgang mit aufständischen Verbündeten zeigen das Spannungsfeld zwischen Abschreckung, Recht und Nutzen. Zugleich brechen in Städten wie Kerkyra blutige Parteikämpfe aus, die Sprache, Normen und Vertrauensverhältnisse zerstören und die Logik des Bürgerkriegs offenlegen. Belagerungen – etwa gegen kleinere Poleis – verdeutlichen die Härte des Krieges für Nichtmächtige. Diese Episoden fungieren als Labor politischer Ethik: Wie weit darf Macht gehen, wenn Sicherheit auf dem Spiel steht? Thukydides analysiert, wie Angst, Ehrgeiz und Gelegenheit Entscheidungen radikalisieren.
Militärisch verschiebt sich das Gewicht durch Unternehmungen in Nordgriechenland. Der spartanische Feldherr Brasidas nutzt Beweglichkeit und Bündnispolitik, um athenische Positionen in Thrakien zu unterminieren, während in Athen energische Gegenmaßnahmen diskutiert und umgesetzt werden. Auf beiden Seiten prägen charismatische, aber gegensätzliche Führungstypen die Entwicklung. Gefechte um strategische Knotenpunkte zeigen, wie lokale Entscheidungen den großräumigen Kriegspfad verändern. Erschöpfung, Verluste und der Wunsch nach Stabilisierung münden schließlich in einen formellen Frieden, der jedoch brüchig bleibt. Thukydides macht deutlich, dass Verträge allein strukturelle Rivalitäten nicht neutralisieren, solange Anreize, Misstrauen und Prestige den Handlungsspielraum verengen.
In einer berühmten Episode untersucht Thukydides die Begegnung zwischen imperialer Zweckrationalität und dem Anspruch kleinerer Staaten auf Unabhängigkeit. Daran anschließend schildert er die athenische Entscheidung, eine große Expedition nach Sizilien zu senden. In Athen treffen unterschiedliche Einschätzungen über Ziele, Risiken und Ressourcen aufeinander; Hoffnung auf Ruhm und Nutzen konkurriert mit Warnungen vor Überdehnung. Der Plan verbindet diplomatische Erwartungen mit einem massiven militärischen Einsatz. Die Entsendung mehrerer Feldherren und einer eindrucksvollen Flotte markiert einen neuen Schwerpunkt des Krieges. Zugleich betont Thukydides, dass Informationslage, innere Geschlossenheit und strategische Klarheit entscheidend für fernoperative Unternehmungen sind.
Die Sizilienkampagne entwickelt sich zu einem komplexen Bündnis- und Operationsgeschehen. Führungswechsel, Rivalitäten und juristische Auseinandersetzungen beeinträchtigen den athenischen Entschluss und die Kohärenz der Operation. Lokale Kräfte auf Sizilien und externe Akteure reagieren flexibel, wodurch aus einer begrenzten Intervention ein umfassendes Unternehmen wird. Versorgungswege, Jahreszeiten und Topographie gewinnen große Bedeutung. Thukydides beschreibt minutiös, wie Planung, Nachrichtendienst und moralische Faktoren den Verlauf prägen und wie Chancen ungenutzt bleiben oder sich rasch verflüchtigen. Die Ereignisse veranschaulichen die Risiken strategischer Überdehnung und die Verwundbarkeit selbst mächtiger Seemächte, wenn politische Einigkeit und operative Disziplin bröckeln.
Nach den sizilischen Entwicklungen weitet sich der Krieg erneut: Festsetzungen im attischen Hinterland, der Eintritt persischer Ressourcen in die Gleichung und der Ausbau spartanischer Seestreitkräfte verschieben die Kräfteverhältnisse. In Athen führen Spannungen zu institutionellen Experimenten und Machtwechseln, die Entscheidungsprozesse beeinflussen. Auf See und an der kleinasiatischen Küste entstehen neue Fronten, während Bündnissysteme sich neu ordnen. Thukydides verknüpft taktische und diplomatische Details mit der Frage, wie Regimeformen, Finanzen und Zufälle Kriegsverläufe bestimmen. Seine nüchtern komponierten Reden und Analysen zeigen, wie Argumente über Ehre, Furcht und Nutzen politische Allianzen festigen oder sprengen.
Das Werk bricht mitten im Fortgang der Ereignisse ab und lässt spätere Entwicklungen außerhalb seiner Darstellung. Gerade dadurch wirkt seine zentrale Botschaft umso nachhaltiger: Kriege entstehen aus einer Mischung aus strukturellen Rivalitäten, Fehlwahrnehmungen, Emotionen und materiellen Zwängen; ihre Dynamik wird durch Sprache, Institutionen und Führungsentscheidungen geprägt. Thukydides etabliert Maßstäbe der Quellenkritik, der Ursachenanalyse und der Verbindung von Faktum und Deutung. Seine Geschichte zeigt, wie Machtbeziehungen, Sicherheitslogik und menschliche Natur in Krisen interagieren – Einsichten, die über den konkreten Konflikt hinausweisen und politische Urteilskraft in Gegenwart und Zukunft schärfen sollen.
Das Werk des Thukydides entsteht im Kontext des 5. Jahrhunderts v. Chr., als das griechische Festland von einer Vielzahl autonomer Poleis geprägt ist. Nach den Perserkriegen konkurrieren vor allem Athen und Sparta um Hegemonie in der Ägäis und auf dem Peloponnes. Geographie und Seeverbindungen strukturieren Politik und Ökonomie; Inseln, Küstenstädte und schmale Landbrücken bestimmen strategische Optionen. Die Sprache des Handels ist Silbermünze, die Sprache der Macht sind Flotte und Hopliten. In diesem Gefüge ordnet Thukydides die Ereignisse, die 431 v. Chr. in den Peloponnesischen Krieg münden, als globalen Konflikt der hellenischen Welt ein.
Dominante Institutionen sind die Polisverfassungen und Bündnissysteme. Athen, demokratisch organisiert mit Ekklesia, Boulé und Volksgerichten, führt den Seebund (Delisch-Attischer Bund), der aus Tributleistungen und militärischer Schutzfunktion besteht. Sparta, oligarchisch mit Gerusia, Königen und Ephoren, steht dem Peloponnesischen Bund vor, in dem hegemoniale Führung stärker auf Landkriegsstärke und lojalitätsbasierte Verträge setzt. In Athen sichern die Langen Mauern die Verbindung zum Hafen Piräus; in Sparta stützt die disziplinierte Hoplitenordnung das Selbstverständnis. Thukydides verknüpft diese Institutionen mit strategischem Denken, Entscheidungsabläufen und Bündnispolitik.
Als tiefere Kriegsursache identifiziert Thukydides die Furcht Spartas vor dem wachsenden Einfluss Athens, eine Einsicht, die strukturelle Spannung über akute Anlässe stellt. Zugleich benennt er unmittelbare Auslöser: die Korkyrische Frage und der Konflikt um Potidaia verschärfen die Lage, während das Megarische Psephisma und Streitigkeiten über Bündnisverpflichtungen den Frieden aushöhlen. Der Dreißigjährige Friede von 446/445 v. Chr. erweist sich als brüchige Zäsur. Der Autor zeigt, wie ökonomische Interessen, Prestige, Machtkalkül und rechtliche Argumente ineinandergreifen und wechselseitige Misstrauenstspiralen erzeugen.
Mit Kriegsbeginn 431 v. Chr. wählen die Gegner unterschiedliche Strategien. Sparta führt jährliche Invasionen in Attika an, um Athen zu zermürben; Athen setzt auf Seemacht, Fernangriffe und die defensive Sicherheit der Langen Mauern. Die perikleische Strategie vertraut auf Überlegenheit zur See, auf Reserven und auf das Ausharren hinter Befestigungen, während das Umland verwüstet wird. Thukydides analysiert Kosten, Risiken und politische Folgen dieser Entscheidung. Er macht deutlich, wie Strategie nicht nur militärische, sondern auch psychologische und soziale Auswirkungen hat, die Versorgungswege, Moral und politische Stabilität betreffen.
Die athenische Hegemonie ruht ökonomisch auf Tributzahlungen, Marineressourcen und Handelsnetzen. Silber aus Laurion, Abgaben der Bundesgenossen und kontrollierte Seewege sichern Besoldung, Schiffsbau und Vorräte, insbesondere Getreideimporte aus dem Schwarzmeerraum. Thukydides legt Wert auf Logistik: Wer die See beherrscht, kontrolliert Transport, Kommunikation und Zufuhr. Diese pragmatische Sicht erklärt, weshalb Athen die Flotte als Lebensader begreift. Er verknüpft Finanzen und Kriegführung, ohne moralische Kategorien zu priorisieren, und zeigt, wie imperiale Verwaltung und fiskalische Zwänge politische Entscheidungen strukturieren.
Militärtechnisch dominiert die Trireme, ein schnelles Ruderkriegsschiff, unterstützt von Hopliten, Leichtbewaffneten und Ingenieursleistungen bei Belagerungen. Mauerringe, Verschanzungen und Blockaden entscheiden oft mehr als offene Feldschlachten. Thukydides gliedert die Ereignisse in Sommer- und Winterkampagnen und schafft damit eine konsequente Chronologie. Taktische Innovationen zeigen sich in kombinierten Operationen zu Land und zur See, in nächtlichen Vorstößen und in systematischem Linienbau. Der Autor achtet auf Gelände, Wetter, Versorgung und Führung, wodurch Krieg als komplexes Zusammenspiel materieller und organisatorischer Faktoren sichtbar wird.
Besonders eindrücklich schildert Thukydides die große Pest in Athen, die kurz nach Kriegsbeginn ausbricht. Er bietet eine nüchterne Symptombeschreibung, vermeidet vorschnelle Ursachenzuschreibungen und hebt die sozialen Folgen hervor: Normauflösung, religiöse Verunsicherung, Erschöpfung der Ressourcen. Moderne Identifikationen der Krankheit bleiben hypothetisch; der Autor selbst überstand die Seuche und berichtet als Augenzeuge. Seine Darstellung dient im Werk als Prüfstein für politische Resilienz und als Indikator dafür, wie äußere Schocks interne Spannungen verschärfen und strategische Kalküle unterminieren.
Thukydides richtet den Blick auch auf innergesellschaftliche Gewalt, etwa in der stasis von Korkyra (427 v. Chr.). Er analysiert, wie Parteikämpfe Sprache und Werte verkehren, Loyalitäten zerfallen und Gewaltspiralen entsteht. Diese Episode überschreitet den lokalen Rahmen: Bürgerkrieg als Begleitphänomen des Hegemonialkonflikts. Der Autor zeigt, wie große Bündniskriege lokale Fraktionen aktivieren, die in der Deckung externer Mächte agieren. Dabei entsteht ein bedrückendes Bild politischer Kultur unter Druck, das den moralischen Verschleiß und die instrumentelle Nutzung von Rechtsbegriffen offenlegt.
Der Versuch, den Konflikt einzudämmen, kulminiert im Nikiasfrieden von 421 v. Chr., einem fragilen Arrangement mit unvollständig umgesetzten Bestimmungen und wechselnden Geisellagen. Rasch bilden sich neue Koalitionen, insbesondere um Argos, die in Mantineia (418 v. Chr.) geprüft werden. Thukydides zeigt, wie Verträge als Momentaufnahmen komplexer Machtverhältnisse fungieren und wie Misstrauen, innerpolitische Rivalitäten und unklare Sicherheitsgarantien ihre Haltbarkeit begrenzen. Diplomatie erscheint als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, in der Prestige, Abschreckung und Bündnisarithmetik permanente Neujustierungen erzwingen.
Vor diesem Hintergrund erklärt der Autor die Sizilienpolitik als Erweiterung imperialer Logik. Die Debatten in Athen 415 v. Chr. verknüpfen Chancen, Risiken und Prinzipien von Bündnishilfe mit dem Versprechen wirtschaftlicher Gewinne. Thukydides rekonstruiert Reden, um Motivlagen und Fehleinschätzungen herauszuarbeiten. Der Zug gegen Syrakus, getragen von logistischer Ambition und Konkurrenz in der Führung, wird zu einem Prüfstein demokratischer Entscheidungsverfahren und militärischer Professionalität. So steht Sizilien im Werk nicht nur für geographische Expansion, sondern für den Stress test einer Gesellschaft, die Krieg, Ruhm und Kalkül ausbalanciert.
Mit der Befestigung der Spartaner in Decelea (ab 413 v. Chr.) verlagert sich der Krieg. Die Blockade der athenischen Landverbindungen, desertierende Sklaven und anhaltende Kosten belasten Athen empfindlich. Gleichzeitig intensiviert Persien, über westkleinasiatische Satrapien, seinen Einfluss und fördert den Aufbau einer spartanischen Flotte durch Zahlungen. Thukydides zeigt die wachsende Interdependenz zwischen griechischer Politik und persischen Ressourcen. Das Ringen verlagert sich zunehmend an die Küsten Kleinasiens, wo Finanzkraft, Schiffbau und Offiziersnetzwerke über die Handlungsfähigkeit der Bündnisse entscheiden.
Thukydides selbst ist Teil der Ereignisse: Als athenischer Feldherr 424 v. Chr. in Thrakien eingesetzt, wird er nach dem Verlust von Amphipolis verbannt. Die Verbannung erlaubt ihm, über Jahre Zugang zu beiden Seiten zu gewinnen und Recherchen durchzuführen. Er betont Autopsie, Quellenkritik und Überprüfung durch Zeugnisse. Bereits zu Kriegsbeginn habe er mit der Niederschrift begonnen; sein Ziel sei ein Besitz für immer, nicht eine Preisschrift des Augenblicks. Diese Selbstpositionierung unterstreicht einen neuen historiographischen Anspruch, der Genauigkeit, Kausalität und politische Nüchternheit in den Mittelpunkt stellt.
Ein methodisches Kernstück sind die Reden. Thukydides erklärt, er gebe wieder, was in der jeweiligen Lage am ehesten gesagt worden sei. Damit verbindet er rhetorische Kultur seiner Zeit – geprägt von Sophistik und Debatte – mit analytischer Verdichtung. Funeralrede, Mytilene-Debatte und der sogenannte Melierdialog beleuchten argumentatives Denken über Macht, Nutzen, Recht und Risiko. Diese Passagen sind weniger stenographische Protokolle als modellierte Brennpunkte politischer Rationalität. Sie spiegeln zugleich die intellektuelle Atmosphäre Athens, in der Rhetorik, Logik und Praxis eng verwoben sind.
Der Alltag der Epoche ist von Sklavenarbeit, Metökenökonomie und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung geprägt. Münzgeld, Kredite und spezialisierte Handwerke versorgen Flotte und Garnisonen. Flüchtlingsbewegungen aus dem Umland, Notmaßnahmen bei Versorgung, Preissteigerungen und Opportunitätskosten des Krieges treffen Bürger und Verbündete. Thukydides achtet auf diese materiellen Dimensionen, ohne sie zu moralisieren: Die Fähigkeit, Ressourcen zu mobilisieren und zu schützen, erscheint als Grundbedingung politischer Handlungsfähigkeit. So werden Wirtschaft und Kriegführung nicht als getrennte Sphären, sondern als unauflöslich verflochtene Prozesse sichtbar.
Religion bleibt öffentlich präsent: Orakel, Omina und Feste strukturieren Entscheidungen und soziale Kohäsion. Gleichzeitig markiert Thukydides’ Darstellung einen rationalen Bruch. Er verweist auf Tyche, doch rückt menschliches Planen, Irrtum und Interessenkonflikt in den Vordergrund. Die Beachtung von Vorzeichen tritt hinter die Analyse von Information, Timing und Disziplin. Besonders in Krisen – Seuche, Belagerungen, Koalitionswechsel – zeigt er, wie religiöse Erklärungen an Einfluss verlieren, wenn institutionelle Ordnung erodiert und nackte Notwendigkeiten dominieren.
Das Werk bricht in der Darstellung 411 v. Chr. ab; spätere Entwicklungen des Kriegsverlaufs sind bei anderen Autoren überliefert. Schon in der Antike wird Thukydides als Modell nüchterner, zweckrationaler Geschichtsschreibung gelesen. Seine knappe Sprache, die konsequente Chronologie und die Konzentration auf Ursachen beeinflussen Historiographie und politisches Denken weit über die Antike hinaus. Die Unvollständigkeit des Textes mindert nicht den Anspruch, vielmehr verstärkt sie den Eindruck eines offenen analytischen Projekts, das die Logik der Ereignisse wichtiger nimmt als ihre literarische Abrundung.
Historisch endet der Krieg mit der Niederlage Athens und dem Verlust der Hegemonie, doch Thukydides’ Fokus liegt auf den Mechanismen, die dahin führen. Er kommentiert seine Zeit, indem er imperiale Hybris, demagogische Exzesse, Bündniszwänge und die Erosion rechtlicher Normen sichtbar macht. Aus der Perspektive einer Poliswelt, die von Selbstverwaltung lebt, entwirft er eine Analyse von Macht und Unsicherheit, in der Furcht, Ehre und Nutzen kollektives Handeln prägen. Das Werk kritisiert nicht von außen, sondern durch präzise Darstellung: Es zwingt die Leser, die Kosten politischer Entscheidungen in Krisenzeiten mitzudenken.
Thukydides war ein athenischer Historiker und Feldherr des 5. Jahrhunderts v. Chr., dessen Bedeutung vor allem auf seinem Werk „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ beruht. Er schilderte den Konflikt zwischen Athen und Sparta mit bis dahin unerreichter methodischer Strenge und gilt als Begründer einer kritischen, quellenbewussten Geschichtsschreibung. Als Zeitgenosse der dramatischsten Jahrzehnte der klassischen Epoche verband er Augenzeugenberichte, eigenständige Recherche und nüchterne Analyse. Sein erklärtes Ziel war, eine Darstellung zu schaffen, die als „Besitz für immer“ gelten sollte und über die unmittelbaren Ereignisse hinaus Einsichten in Ursachen, Machtkonstellationen und menschliches Verhalten vermittelt.
Über seine frühe Ausbildung ist wenig sicher überliefert, doch er bewegte sich im intellektuellen Klima des späten 5. Jahrhunderts v. Chr., geprägt von Rhetorik, Debatte und methodischem Zweifel. Thukydides steht in der Nachfolge Herodots und grenzt sich zugleich von dessen erzählerischer Breite ab. Oft wird sein Zugang mit dem Denken der Sophisten in Beziehung gesetzt, insbesondere der Wertschätzung von Argumentation (logos) und überprüfbarer Evidenz. Er schrieb in attischem Griechisch, bevorzugte präzise Terminologie und eine strenge Sachlogik. Bekannt ist auch sein Besitz in Skapte Hyle in Thrakien, den er selbst erwähnt und der seine Perspektiven auf den Krieg erweiterte.
Politisch-militärisch trat Thukydides während des Peloponnesischen Krieges als Strategos hervor. Im Jahr 424 v. Chr. wurde er beauftragt, die bedrohte athenische Stellung bei Amphipolis zu entsetzen; der rasche Vorstoß des spartanischen Feldherrn Brasidas vereitelte dies. Athen verurteilte Thukydides daraufhin zur Verbannung. Er selbst berichtet, während seiner etwa zwanzigjährigen Exilzeit umfassend recherchiert zu haben, auf beiden Seiten Kontakte zu pflegen und Zeugnisse zu sammeln. Die Distanz zu Athen und die Bewegungsfreiheit im griechischen Raum förderten seine methodische Unabhängigkeit und ermöglichten eine vergleichende Sicht auf Ursachen, Strategien und die politische Kultur der kriegführenden Poleis.
Sein Hauptwerk „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ behandelt den Konflikt von seinem Ausbruch 431 v. Chr. bis in die Jahre 411 v. Chr.; eine Rückschau („Pentekontaetie“) erläutert den Aufstieg Athens. Charakteristisch sind eine strenge Chronologie nach Sommern und Wintern, die Analyse unmittelbarer und tieferer Ursachen sowie die Einbettung von Reden, die sinngemäß wiedergeben, was in der jeweiligen Situation gesagt werden konnte. Thukydides beschreibt zentrale Episoden wie die Athener Pest und untersucht die Auswirkungen des Krieges auf Institutionen und Moral. Sein Stil ist verdichtet, analytisch und auf erklärende Kausalzusammenhänge ausgerichtet. Quellenkritik und Distanz zu mythischen Erzählformen kennzeichnen seine Methode.
Zentrales Thema bei Thukydides ist das Verhalten von Menschen und Gemeinwesen unter Druck: Furcht, Ehre und Nutzen treten als starke Motive hervor. Er zeigt, wie Krieg Sprache verformt, Normen erodiert und in Bürgerkriegen brutale Dynamiken freisetzt. Seine Analysen politischer Führung, etwa im Zusammenhang mit Perikles, dienen nicht der Huldigung, sondern der Erklärung von Entscheidungsprozessen und ihrer Folgen. Thukydides verzichtet auf religiöse Deutungen und setzt auf nachvollziehbare Ursachen. Damit wurde er zu einem Referenzautor für politisches Denken, ohne dass er selbst ein politisches Programm formulierte; sein Fokus liegt auf nüchterner Beobachtung und Erklärung.
Das Werk blieb unvollendet: Buch 8 bricht abrupt ab, und spätere Ereignisse des Krieges werden von ihm nicht mehr behandelt. Gesicherte Details zu seinen letzten Lebensjahren sind spärlich; die antike Überlieferung lässt Zeitpunkt und Umstände seines Todes offen. Thukydides’ eigene Angaben belegen jedoch, dass er wesentliche Teile während des Exils verfasste. Zeitgenossen und Nachfolger nahmen sein Projekt auf je eigene Weise wahr; die „Hellenika“ Xenophons setzen die Kriegserzählung fort, ohne Thukydides’ Ansatz zu wiederholen. Die Abgeschlossenheit seiner Methode steht somit einer bewusst unvollendeten narrativen Form gegenüber. Über eine mögliche Rückkehr nach Athen äußert sich der Text nicht eindeutig.
Die Wirkung von Thukydides reicht von der Antike bis in die Gegenwart. Humanisten, Aufklärer und moderne Theoretiker der Politik und Internationalen Beziehungen lasen sein Werk als Schule des präzisen Denkens über Macht, Risiko und Entscheidungsdynamik. Seine Forderung nach überprüfbaren Gründen und sein Umgang mit Reden als analytischem Instrument prägen noch heute geschichtswissenschaftliche Standards. Übersetzungen und Kommentare halten die Debatte lebendig; an Universitäten, in Militärakademien und in politischer Bildung dient seine Darstellung als Referenztext. So bleibt Thukydides’ nüchterner Zugriff ein dauerhafter Maßstab für evidenzbasierte Analyse historischer Konflikte. Seine Beobachtungen gelten vielfach als zeitübergreifend anschlussfähig.
Das erste Buch enthält die Einleitung zu dem Geschichtswerke, und die Angabe der entfernteren und näheren Ursachen und Veranlassungen des Peloponnesischen Kriegs. Andeutungen über die Wichtigkeit desselben. Cap. 1. Aeltester Zustand der Hellenen: Anfange und Fortschritte des Anbaus und der Gesittung, 2-8. Bemerkungen über den Trojanischen Krieg und seine Folgen. 9-12. Entstehung der Hellenischen Seemächte. 13-14. Art der Landkriege. 15. Die Perser und die Tyrannen in Hellas hindern dessen Wachsthum. 16. 17. Die Perserkriege und das Emporkommen der beiden Griechischen Hauptmächte, Sparta und Athen, und deren Verwaltungsweise. 18-19. Mängel der früheren Behandlung der Geschichte: genauere Forschung des Verfassers. Wichtigkeit und Ursachen des Pel. Kriegs. 20-23. Veranlassung desselben durch die inneren Unruhen in Epidamnus, durch die Einmischung der Korcyräer und Korinther, durch deren Zwist und Krieg, an dem die Athener Theil nehmen, und durch die Handel Athens mit Potidäa und Macedonien. 24-66. Verhandlungen in Sparta, das seit Krieg gegen Athen beschließt. 67–88. Rückblick auf die Geschichte der Hellenen seit den Siegen über die Perser, und auf die Machtvergrößerung Athens. 89-117. Auch die Bundesgenossen Sparta's beschließen den Krieg. 118 - 125. Letzte Unterhandlungs-Versuche mit Athen, durch Sparta's unannehmbare Forderungen und Pericles Einfluß vereitelt. Dazwischen gelegentliche Erinnerungen an die Schicksale des Pausanias und Themistokles. 26-146.
1. Thucydides von Athen[1] hat den Krieg der Peloponnesier und Athener, wie sie gegen einander kämpften, beschrieben. Er begann sein Werk sogleich, mit dem Ausbruche des Kampfes, in der Erwartung, er werde groß und denkwürdiger als alle frühern werden. Dieses Schloß er aus der Blüthe der Macht, welche beide Theile in jeglicher Art der Kriegsmittel erreicht hatten; auch sah er, daß die übrige Hellenenwelt an eine von beiden Parteien theils sogleich sich anschloß, theils diesen Gedanken hegte. In der That war dieß die größte Erschütterung, welche die Hellenen und einen Theil der Barbaren, und, ich möchte sagen, sogar einen sehr großen Theil der Menschheit je betroffen hat. Zwar die früheren Ereignisse, und was noch weiter rückwärts liegt, genau zu erforschen, war wegen der Länge des Zeitraums unmöglich: doch nach Beweisgründen, welche bei einer in die Fernste Vorzeit sich erstreckenden Untersuchung sich, mir als glaubwürdig ergeben, bin ich überzeugt, daß jene Begebenheiten weder in Betreff der Kriege, noch sonst bedeutend gewesen.
2. Denn offenbar hatte das jetzt sogenannte Hellas vormals keine bleibenden Bewohner: sondern man wechselte die Wohnsitze. Und jeder verließ ohne Schwierigkeit seine Heimath, so oft ihn irgend eine Uebermacht bedrängte. Denn da kein Handel, noch gefahrloser Verkehr weder zu Lande noch zur See stattfand, und jeder sein Grundeigentum nur, im davon zu leben, anbaute; da man ferner keinen Geldvorrath besaß, und den Boden nicht fruchtbar zu machen suchte (denn es war ja ungewiß, ob nicht ein Anderer einbräche, und bei dem Mangel an befestigten Orten plünderte); so fand das Auswandern keine Schwierigkeit, weil man auch das tägliche Bedürfnis der Nahrung wohl überall zu erringen hoffte. Daher war man weder durch große Städte, noch durch andere Einrichtungen mächtig. Am meisten aber wechselten gerade die besten Landschaften ihre Bewohner, Thessalien, wie es jetzt heißt, und Böotien und, Arkadien ausgenommen, die meisten Gegenden des Peloponneses, und was sonst sehr vorzügliches Land war. Denn wegen der Trefflichkeit des Bodens veranlaßte theils bei Einigen der Zuwachs des Vermögens verderbliche Parteizwiste, theils war man den feindlichen Planen fremder Stammesgenossen mehr ausgesetzt. Dagegen war Attika, weil es wegen der Dürftigkeit seines Bodens keine Erschütterungen erlitt, immer meist von demselben Menschenstamme Bevölkert. Und für die Behauptung, daß Griechenland wegen der Wanderungen im Uebrigen nicht gleich förmig emporkam, giebt Folgen: des einen nicht unbedeutenden Beleg. Von denen nämlich, die aus dem übrigen Hellas durch Krieg oder Parteizwist vertrieben wurden, zogen sich die Mächtigsten nach Athen, als einem sichern Aufenthalte, zurück, und, zu Bürgern aufgenommen, vermehrten sie schon von Alters her die Bevölkerung der Stadt, so, daß man später, weil Attika nicht groß genug war, nach Ionien Ansiedlungen aussendete:
3. Die geringe Macht der Alten wird auch dadurch entscheidend beurkundet, daß Hellas vor der Trojischen Unternehmung nichts gemeinsam ausführte. Auch hatte das Land, wie mir scheint, nicht einmal noch diesen Gesamtnamen: vielmehr war wohl diese Benennung in der Zeit vor Hellen, dem Sohne Denkalions, noch gar nicht vorhanden: sondern nach Volksstämmen liehen sowohl andere, als vornehmlich der Pelagische" den Landschaften ihren Namen. Als aber Hellen und seine Söhne in Phthiotis mächtig wurden, und man sie in andere Staaten zur Sühneleistung einlud; so wurden, wie mir scheint, im Verkehre die Einzelnen bereits häufiger Hellenen genannt. Doch konnte dieser Name nicht für Aue herrschend werden. Dieß beweist vorzüglich Homer[3]. Denn wiewohl er lange sogar nach der Trojischen Zeit lebte, so hat er doch nirgends Aue insgesamt so benannt, und keine Anderen als die mit Achilles aus Phthiotis kamen, welche wirklich, auch die ersten Hellenen waren: dem Ganzen, giebt er in seinen Gedichten den Namen Danaer, Argirer, Achäer. Uebrigens hat er auch den Namen: Barbaren, nicht gebraucht, weil auch die seltenen, wie ich glaube, noch nicht unter Einem unterscheidenden Namen im Gegensatze gegen Jene begriffen wurden. Alle diese Hellenen nun, die in den einzelnen Städten eine gemeinsame Sprache hatten, so wie die später sogenannte Gesamtheit, haben vor der Trojischen Zeit aus Ohnmacht und Mangel an Verkehr nichts in Bereinigung ausgeführt. Aber auch zu jenem Heerzuge vereinigten sie sich erst, als sie bereits häufiger mit der Schifffahrt sich beschäftigten.
4. Denn Minos[2] war der älteste Gründer einer Seemacht, von dem wir durch die Sage wissen; denn er beherrschte den größten Theil des jetzigen Hellenischen Meeres, und gebot über die Entladischen Inseln, bevölkerte auch die meisten zuerst, indem er die Karier vertrieb, und seine Söhne als Häuptlinge einsetzte: auch vernichtete er, wie leicht zu erachten, die Seeräuberei, so weit er konnte, damit ihn die Einkünfte um so eher eingingen.
5. Denn vormals widmeten sich die Hellenen, und von den Barbaren theils die Küstenbewohner des Festlandes, theils alle Besitzer der Inseln, seit sie anfingen, einander häufiger zu Schiffe zu besuchen, der Seeräuberei, wobei die Mächtigeren sowohl eigenen Gewinns wegen, als auch zum Erwerbe des Unterhalts für die Unbegüterten, ihre Anführer waren. Sie überfielen und plünderten unbefestigte und dorfähnlich bewohnte Städte, und gewannen dadurch, meist ihren Unterhalt: ohne daß diesem Gewerbe noch eine Schande anklebte; vielmehr brachte es einigen Ruhm. Dieß beweisen auch jetzt noch einige Bewohner des Festlandes, bei denen als ehrenhaft gilt, Jenes mit Geschick zu treiben; so wie die alten Dichter, die bei der Erkundung über die Landen: den überall in gleichen Sinne fragen lassen: ob sie Seeräuber sehen? in der Voraussetzung, daß die Befragten dieß Gewerbe nicht für entehrend halten, noch die Kundesuchen: den es ihnen zum Vorwurf machen. Auch auf dem Festlande trieb man gegenseitig Räuberei: und bis heute haben noch, manche Gegenden von Hellas Bewohner von der alten Lebensart, zum Beispiele die Ozolischen Lokrer, Aetolier und Akarnaner, und die in dem dortigen Festlande wohnen. Auch das Waffentragen haben die Einwohner dieser Gegen: den aus der alten Raubzeit beibehalten.
6. Denn wegen der unbefestigten Wohnplätze und der Unsicherheit des Reiseverkehrs ging ganz Hellas bewaffnet: und dieß war die gewöhnliche Tracht bei den täglichen Verrichtungen, wie bei den Barbaren. Die genannten Gegenden von Hellas, deren Bewohner noch jetzt diese Sitte haben, beweisen die frühere Allgemeinheit jener Lebensart. Die Athener aber waren mit unter den Ersten, welche die Waffen ablegten, und, der rauhen Lebensweise entsagend, zu einem gewissen Grade von Üppigkeit übergingen. Und es ist dort noch nicht lange her, seit die Bejahrten unter den Wohlhabenden aufhörten, aus Weichlichkeit linnene Unterkleider zu tragen, und das Gefleckte der Scheitelhaare durch angebrachte goldne Zikaden zu befestigen: daher hat sich auch wegen der Stammesverwandtschaft jene Tracht unter den Ioniern bei ältern Männern lange behauptet. Schlichter einfacher Kleidung hingegen nach der jetzigen Weise bedienten sich zuerst die Lacedämonier; und auch sonst haben dort die Reicheren meist gleiche Lebensweise mit dem Volke angenommen. Sie waren auch die ersten, die sich bei den Leibesübungen entkleideten, und öffentlich die Gewänder ablegten, und sich mit Öle salbten. Ursprünglich, hatten die Wettkämpfer bei dem Olympischen Kampfspiele Gürtel um die Geschlechtstheile: was erst seit wenigen Jahren aufgehört hat. Bei einigen Barbaren, besonders Asiaten, werden noch jetzt Wett: spiele im Faust- und Ringkampfe gegeben, wobei die Teilnehmer geschürzt sind. Es ließen sich wohl auch sonst noch manche Ähnlichkeiten der Gebräuche des alten Hellenenvolks und der jetzigen Barbaren nachweisen.
7. Alle in der neuern Zeit und nach Erweiterung des Schifffahrt gegründeten Städte wurden, da man wohlhabender war, auf den Ufern selbst mit Festungswerken angelegt, und auf Landengen gebaut, theils des Handels wegen, theils zur Sicherung gegen die Nachbarn. Die ältern Städte hingegen waren, sowohl auf den Inseln als auf dem Festlande, wegen der lange anhaltenden Räuberei entfernter von der See angelegt worden. Denn sie trieben Raub, gegen einander und gegen alle, die, ohne Seeleute zu sein, an der Küste wohnten ; und jene sind noch jetzt landeinwärts gebaut.
8. Nicht minder waren auch die Inselbewohner, aus Karischem und Phönizischem Stamme, Seeräuber: denn diese Stämme hatten die meisten Inseln bevölkert. Ein Beweis ist Folgendes: Als Delos durch, die Athener in diesem Kriege gereinigt wurde, so ergab sich bei der Wegschaffung der Särge auf der Insel, daß die Toten über die Hälfte Karier waren: man erkannte sie an der mitbegrabenen Waffenrüstung und ihrer noch jetzt üblichen Bestattungsweise. Als nun die Seemacht des Minos emporkam, wurde der Schifffahrtsverkehr dadurch befördert: denn jene schädlichen Inselbewohner wurden durch ihn vertrieben und zugleich die meisten der Inseln mit Ansiedlern besetzt. Und die Anwohner des Meeres, welche nun schon sich größeres Vermögen erwarben, erhielten auch festere Wohnsitze: einige, weil sie reicher als früher geworden waren, umgaben sich auch mit schirmenden Mauern; denn aus Gewinnsucht ließen sich die Schwächen die Unterjochung durch Mächtigere gefallen, und die Stärkeren machten, weil sie mehr Vermögen hatten, die geringeren Städte sich unterwürfig. In diesem Zustand hatten sich die Griechen schon mehr befestigt, als sie in der Folge Den Meereszug gegen Troja unternahmen.
9. Agamemnon scheint mir, nicht sowohl als Anführer von Helena's Freiern, die ein Schwur dem Tyndareus verpflichtete, sondern durch das Uebergewicht seiner Macht über feine Zeitgenossen jenen Seezug zu Stande gebracht zu haben. Denn es erzählen diejenigen Peloponnesischer, welche die zuverlässigste Kunde durch Überlieferung von den Vorfahren erhalten haben: Pelops habe zuerst durch die vielen Schätze, die er ans Asien zu mittellosen Leuten mitgebracht, sich Macht erworben, und daher, wiewohl er nur Einwanderer war, dem Lande den Namen gegeben: noch größern Erfolg haben feine Nachkommen gehabt. Denn Eurystheus war in Attika durch die Herakliden geraten, und hatte den Atreus, seiner Mutter Bruder, als er zu Felde zog, Mycenä und die Regierung, der Verwandtschaft wegen, anvertraut: dieser aber hatte sich gerade wegen Chrysippus Ermordung vor seinem Vater geflüchtet. Als nun Eurystheus nicht mehr heimkehrte, so soll Atreus mit Genehmigung der Mycenäer, weil man sich vor den Herakliden fürchtete, und er für mächtig galt, und dem Volke geschmeichelt hatte, die fürstliche Herrschaft über Mycenä und das ganze Gebiet des Eurystheus erhalten haben und so sehen die Pelopiden mächtiger als Perseus Abkömmlinge geworden. Da diese Macht auf Agamemnon überging, und er zugleich durch die Seemacht den Andern überlegen war, so brachte er, wie mir dünkt, nicht sowohl durch Gunst, als durch Furcht das Meer zu jenem Zuge zusammen. Denn es findet sich, daß Ausgenommen nicht allein selbst die größte Zahl Schiffe mit sich führte, sondern auch den Arkadiern welche wie überließ, wie Sumer bezeugt, wofern dieser ein tüchtiger Gewährsmann ist. Und da, wo er die Vererbung des Scepters beschreibt, sagt er:
"Vieler Inseln war Er und des sämtlichen Argos Gebieter.“ Er würde jedoch als Bewohner des Festlandes die Inseln mit Ausnahme der nächstgelegenen, deren Zahl wohl sehr klein war, nicht sich unterworfen haben, hätte er nicht auch einige Seemacht gehabt. Man darf aber auch aus jenem Heerzuge auf den frühern Zustand schließen.
10. Wenn übrigens Mycenä eine kleine Stadt war, und manche der damaligen Ortschaften jetzt für unbedeutend gilt, so ist dieß kein entscheidender Beweis gegen die Annahme, daß jene See- Unternehmung so groß gewesen, als die Dichter angeben, und die herrschende Sage behauptet. Denn die Stadt der Lacedämonier würde einmal verödet, und es blieben die Tempel und der Grund und Boden der Anlage allein übrig; so würden, wie ich glaube, nach geraumer Zeit, bei den Nachkommen große Zweifel sich erheben, ob ihre Macht dem Rufe entsprochen habe. Und doch besitzen sie zwei Fünftheile des Peloponnes, und haben die Oberleitung des Ganzen und vieler auswärtigen Bundesgenossen: allein da die Stadt nicht zusammengebaut ist, und keine kostbaren Tempel und Anlagen hat, sondern nach althellenischer Weise dorfartig eingerichtet ist; so dürfte sie ziemlich armselig erscheinen, Sollte aber die Athener das nämliche Schicksal treffen, so würde man aus dem äußern Ansehen der Stadt schließen, sie sei doppelt so mächtig gewesen, als sie wirklich ist. Man hat also keinen Grund, ungläubig zu sein, und die Städte mehr nach ihrem Aussehen, als nach ihrer Macht zu beurtheilen: vielmehr darf man mit
Grund annehmen, daß jenes Kriegsheer größer als alle früheren war, jedoch den neueren nicht gleich kam. Denn wenn man auch in dieser Hinsicht Homers Gedichten einigen Glauben schenken darf, obwohl er als Dichter wahrscheinlich verschönernd in's Größere gemalt hat, so erscheint doch jenes Heer auch so noch minder bedeutend. Denn er zählt zwölfhundert Schiffe: den Böotischen giebt er hundert und zwanzig Mann, denen des Philoctetes fünfzig: womit er die größten und kleinsten andeuten will: wenigstens erwähnt die Schiffsliste nichts von der Größe der übrigen. Ferner gibt er zu verstehen, daß Alle auf des Philoctetes Schiffen bewaffnete Ruderer und Streiter waren: denn die Ruderer macht er alle zu Bogenschüben. Die außerordentliche Bemannung aber war ohne Zweifel klein, außer den Königen und höchsten Kriegsbeamten, zumal da man auch Kriegsgeräthe überzusetzen hatte, und die Schiffe ohne Verdeck vielmehr nach alter Weise wie Raubschiffe gebaut waren. Nimmt man also das Mittel zwischen den größten und kleinsten Schiffen, so zeigt sich, daß für eine gemeinsame Ausrüstung aus ganz Hellas das vereinte Heer nicht groß war.
11. Daran aber war nicht sowohl die geringe Bevölkerung, als der Mangel an Geldmitteln Schuld. Wegen der Schwierigkeit der Unterhaltung nahm man ein minder großes Heer mit, und nur so viele Menschen, als man bei dem Kriege in der dortigen Gegend erhalten zu können hoffte. Als sie nun nach der Landung ein Treffen gewonnen hatten, was daraus erhellt, weil sie sonst ihr Lager nicht hätten verschanzen können; so gebrauchten sie auch da nicht ihre ganze Heeresmacht, sondern sie beschäftigten sich aus Mangel an Lebensmitteln mit Ackerbau auf dem Chersonnes, und mit Räuberei. Bei dieser Zersplitterung ihrer Macht vermochten auch die Trojer ihnen sehen Jahre lang zu widerstehen, da sie den jedesmal Zurückgebliebenen gewachsen waren. Hätten sie hinlänglichen Mundvorrat mitgebracht, und den Krieg mit gesammter Macht, ohne Plünderungszüge und Feldbau, unausgesetzt fortgeführt, so würden sie durch eine gewonnene Schlacht leicht die Eroberung bewerkstelligt haben, da sie ja auch ohne die Gesamtkräfte, mit dem Theile, der jedesmal gerade bei der Hand war, sich gegen den Feind behaupteten: oder sie würden durch, eine Einschließung und Belagerung Troja in kürzerer Frist und mit geringerer Mühe genommen haben. Aber wegen des Geldmangels war nicht allein ihre Macht vor dieser Zeit gering, sondern selbst diese Unternehmung, welche doch berühmter als alle früheren wurde, scheint in der Wirklichkeit minder bedeutend, als sie der Ruf darstellt und die Sage, die sich unter und durch die Dichter darüber erhalten hat.
12. Und, nach dem Trojanischen Kriege wechselte Hellas seine Bewohner durch Wanderungen, so daß es wegen des ruhelosen Zustandes nicht emporkommen konnte. Denn weil die Rückkehr der Hellenen von Ilium sich verzog, so wurden dadurch manche Veränderungen und in den Städten meist Parteizwiste veranlaßt, wodurch Einige zur Auswanderung genöthigt wurden, und Städte gründeten. So wurden die heutigen Böotier sechzig Jahre nach Trojas Eroberung durch die Thessalier aus Arie vertrieben, und besetzten das Land, das jetzt Böotien heißt, und früher das Kadmeische Land genannt wurde. Eine Abtheilung derselben hatte schon früher in diesem Lande gewohnt, und war zuin Theil mit gegen Ilium gezogen. Die Dorier aber besetzten, achtzig Jahre nach dem Trojanischen Kriege, den Peloponnes in Verbindung mit den Herakliden. So gelangte Hellas nur mit Mühe und spät zu festem Ruhestande, und hörte auf, Umwälzungen zu erleiden, und konnte nun Pflanzvölker aussenden. Die Athener schickten die Ionier und die meisten Inselbewohner als Ansiedler aus: die Peloponnesier aber besetzten den größten Theil von Sicilien und Italien, und einige Gegenden des übrigen Hellas. Alle diese Stiftungen waren später als der Trojanische Krieg.
13. Als aber Hellas mächtiger wurde und zu mehr Wohle stand denn früher gelangte, so kamen mit Vermehrung der Einkünfte in manchen Städten Zwingherrschaften auf, wo zuvor Erbfürstentümer mit bestimmten Vorrechten gewesen waren. Auch gründete sich Hellas eine Seemacht, und man widmete sich mehr der Schifffahrt. Die Korinther rollen die ersten gewesen sein, welche den Schiffbau so umschufen, daß er der jetzigen Weise nahe kam: zu Korinth rollen die ersten Dreiräder in Hellas gebaut worden sein. Und es findet sich, daß Aminokles, ein Korinthischer Schiffsbaumeister, den Samiern vier Schiffe verfertigte. Nun sind es bis zum Ende des gegenwärtigen Krieges ungefähr dreihundert Jahre, seit Aminokles zu den Samiern kam. Die älteste bekannte Seeschlacht ereignete sich zwischen den Korinthern und Korcycäern: es sind aber von da bis auf denselben Zeitpunkt etwa zweihundert und sechzig Jahre. Denn da die von den Korinthern bewohnte Stadt sich auf einer Landenge beftudet, so hatten sie von jeher einen Handelsplatz, indem die Hellenen sowohl innerhalb als außerhalb des Peloponneses von Altersher mehr zu Lande, als zur See durch ihr Gebiet mit einander Verkehr trieben; und sie waren durch Reichthum mächtig, wie dieß auch die alten Dichter bezeugen: denn sie gaben diesem Platz den Beinamen: der reiche. Und als die Hellenen mit der See vertrauter wurden, so vernichteten sie eben durch Errichtung jener Seemacht die Räuberei, und machten jene Stadt zum Stapelplatz für beide Meere und durch Geldeinkünfte mächtig. Auch die Ionier hatten später eine zahlreiche Seemacht, zur Zeit des Syrus, des ersten Königs der Perser, und seines Sohnes Kambyses: und waren eine Zeitlang im Kriege mit Cyrus Meister des Meeres an ihrer Küste. Auch Polykrates, der Gewaltherrscher von Samos zur Zeit des Kambyses, hatte eine starke Seemacht, und unterwarf sich Rhenna neben andern Inseln, und weihete jene dem Delischen Apoll. Die Photäer aber, welche die Pflanzstadt Massilia gründeten, gewannen ein Seetreffen gegen die Karthager.
14. Dieß waren nämlich die bedeutendsten Seemächte. Aber obwohl sie viele Menschenalter nach dem Trojanischen Kriege entstanden, hatten unläugbar noch wenige Schiffe mit drei Ruderbänken, sondern waren noch mit Fahr: zeugen zu fünfzig Rudern, und mit langen Schiffen, wie damals, versehen. Aber kurz vor den Perserkriegen und dem Tode des Darius, der nach Kambyses König der Perser war, hatten die Tyrannen in Sicilien und die Korcycäer eine Menge dreirädriger Kriegsschiffe: denn dieß waren unmittelbar vor dem Heerzuge des Xerxes die bedeutenden Seemächte in Hellas. Denn die Aegineten und Athener, und vielleicht noch einige andere Völkerschaften, besaßen kleine Flotten, und zwar meist von Fünfzigrudern: und als auf Themistokles Rath die Athener im Kriege mit den Angineten, und zugleich, wegen des erwarteten Angriffs der Barbaren, sich lange nachher Schiffe bauten, mit welchen sie die Seeschlachten lieferten, so hatten auch diese noch keine vollständigen Verdecke.
15. So war das Seewesen der Hellenen, sowohl in der ältern, als in der spätern Zeit beschaffen. Doch erwarben sich die, welche sich, demselben widmeten, keine unbedeutende Macht durch Geld-Einkünfte und durch, Herrschaft über Andere. Denn es griffen vornehmlich diejenigen, deren Land für ihre Bedürfnisse nicht hinreichte, die Inseln an und eroberten sie. Zu Lande aber gab es keinen Krieg, wodurch eine Verwehrung der Macht erfolgt wäre: indem alle Kriege, so viele deren geführt wurden, jedesmal blos die Grenznachbarn betrafen. Auswärtige Eroberungszüge, ferne von ihrer Heimath, unternahmen die Hellenen nicht. Denn mit den größern Staaten hatten sich die andern noch nicht im Verhältniß der Abhängigkeit vereinigt; auch veranstalteten sie nicht unter gleichen Rechten gemeinsame Heerzüge: sondern es führten mehr die Einzelnen Nachbarschaftskriege gegen einander; nur bei dem alten Kriege der Chalcidier und Eretrier nahm auch das übrige Hellenen-Volk auf beiden Seiten Partei.
16. Es traten aber da und dort verschiedene Hindernisse der Machtvergrößerung ein: so zog gegen die Ionier, deren Macht schon weit gediehen war, Syrus und die Persische Königsmacht, nachdem sie den Krösus und alles fand diesseits des Halysflusses bis ans Meer bezwungen, und unterjochten die Städte des Festlandes, so wie später Darius, dem die Phönicische Seemacht das Uebergewicht verlieh, auch die Inseln eroberte.
17. Die Gewaltherrscher aber, so viele deren in den Hellenischen Städten waren, sahen blos auf ihren Vortheil, und verwalteten die Staaten vornehmlich zur Erhebung ihrer Person und ihres Hauses nach dem Grundsatze der Sicherheit, so weit sie konnten. Von ihrer Seite wurde keine bedeutende Unternehmung ausgeführt, außer was jeder gegen feine Nachbarn that. Denn (nur) die Sicilisden Gewalthaber gelangten zu sehr großer Macht. So ward Hellas von allen Seiten her lange niedergehalten, daß es weder gemeinsam eine glänzende Unternehmung vollführte, noch im Einzelnen die Staaten etwas wagen mochten.
18. Die Tyrannen in Athen und, mit Ausnahme Siciliens, in dem übrigen Hellenen-Lande, welches vormals meist Gewaltherrscher gehabt hatte, waren endlich größtentheils durch die Lacedämonier gestürzt worden. Denn Lacedämon, wiewohl es seit der Besitznahme durch die jetzt daselbst wohnenden Dorier sehr lange Zeit, so weit unsre Stunde reicht, durch Parteizwist beunruhigt war, genoß doch von Altersher einer guten Verfassung, und blieb stets ohne Zwingherrschaft: denn es sind ungefähr etwas mehr als vierhundert Jahre bis zum Ende des gegenwärtigen Kriegs, seit die Lacedänonier dieselbe Verfassung haben: wodurch sie auch zur Macht und zum Einfluß auf die Einrichtungen anderer Staaten gelangten. Nach jenen Sturze der Tyrannen ereignete sich wenige Jahre später die Schlacht der Perser gegen die Athener bei Marathon[4]. Zehn Jahre nach derselben kamen die Barbaren abermal mit jenem gewaltigen Heereszuge gegen Griechenland, um es zu unterjochen. Als nur diese große Gefahr über dem Haupte der Hellenen schwebte, so leiteten ihren Kriegsbund die an Macht hervorragenden Lacedämonier: die Athener aber entschlossen sich beim Einbruche der Perser, ihre Stadt zu verlassen, sammelten ihre bewegliche Habe, und bestiegen damit die Schiffe, und wurden Seemänner. Nachdem sie sodann die Barbaren mit vereinter Kraft zurückgetrieben, theilten sich nicht lange nachher die vom Perserkönige abgefallenen Griechen und die zum Kriege Verbündeten in zwei Parteien, eine Athenische und eine Lacedämonische. Denn diese Staaten waren durch ihre Macht am meisten ausgezeichnet: jene waren zur See, diese zu lande stark. Und noch dauerte zwar das Waffenbündnis eine Zeitlang. Bald aber entzweiten sich die Lacedämonier und Athener, und geriethen nebst ihren Bundesgenossen in Krieg unter sich; und wo sonst noch Hellenische Staaten gegen einander im Zwiste waren, schlossen sie sich bereits an diese an. Daher hatten sie seit dem Persischen Kriege bis auf den gegenwärtigen, wo sie bald im Waffenstillstande, bald im Stampfe unter sich und mit den abgefallenen Bundesgenossen waren, eine treffliche Uebung im Kriegswesen, und wurden, unter Gefahren ausgebildet, immer gewandter.
19. Die Lacedämonier nun führten ihr Vorsteher-Amt, ohne ihre Bundesgenossen einer Steuer zu unterwerfen, und waren nur darauf bedacht, daß diese, der Lacedämonischen Staatsrücksicht gemäß, ihre Verfassung so einrichteten, daß Wenige herrschten: die Athener aber so, daß sie mit der Zeit die Schiffe der Staaten, mit Ausnahme der Chier und Lesbier, an sich zogen, und Allen eine Geldabgabe auflegten. Und ihre eigene Rüstung auf diesen Krieg war größer, als selbst zu jener Zeit, wo sie bei ungeschmälerter Bundesgenossenschaft in der höchsten Blüthe der Macht standen.
20. So fand ich den Zustand des Alterthums: wobei es schwer ist, jedem der Reihe nach sich darbietenden Beweisgrunde zu glauben. Die Menschen freilich nehmen die Sagen über die Ereignisse der Vergangenheit, selbst wenn diese einheimisch sind, ohne Unterschied und ungeprüft von einander an. So glauben die meisten Athener, Hipparch sei als Tyrann von der Harmodius und Aristogiton[5] getödtet worden ; und sie wissen nicht, daß Hippias, als der älteste unter Pisistratus Söhnen, die Herrschaft besaß, und das Hipparch und Thessalus seine Brüder waren. Weil aber Harmodius und Aristogiton den Verdacht faßten, die Sache sei an jenem Tage und im bestimmten Augenblicke dem Hippias verrathen worden; so wagten sie sich nicht an ihn, da sie ihn vorher unterrichtet glaubten, wollten jedoch vor ihrer Festnehmung etwas thun und wagen; und da sie den Hippard, bei dem sogenannten Leokorion trafen, wie er den Festzug der Panathenäen ordnete, so ermordeten sie ihn. So haben auch andere Griechen von manchem Andern, was noch besteht, und nicht durch die Zeit in Vergessenheit gebracht ist, unrichtige Vorstellungen: wie die ist, daß die Lacedämonischen Könige jeder nicht Eine Stimme, sondern zwei abzugeben haben, und daß es dort eine Aitanatisdie Kriegsschaar gebe, die nie vorhanden war. So wenig Mühe macht den Meistert die Erforschung der Wahrheit, und sie nehmen lieber das Nächste Beste an.
21. Doch man wird nach den angegebenen Gründen wohl nicht irren, wenn man das Alterthum so, wie ich es entwickelt habe, ansieht, und nicht die Lobpreisungen der Dichter, welche die Sache vergrößernd ausschmückten, glaubwürdiger findet, noch die Zusammenstellungen der Sagenschreiber, die mehr für anziehenden Vortrag, als nach der Wahrheit verfaßt, unerweislich und meist durch die Länge der Zeit in unglaubhafte Fabeln übergegangen sind; wenn man vielmehr annimmt, daß der Erfund meiner Forschungen nach den wahrscheinlichsten Gründen, für so alterthümliche Dinge zureichend sei. Wiewohl nun die Menschen einen Krieg, dessen Theilnehmer sie sind, so lang er dauert, stets für den wichtigsten halten, wenn er aber zu Ende ist, das Arte mehr bewundern; so wird doch der jetzige Krieg, bei Erwägung der Thatsachen selbst, seine Wichtigkeit vor den früheren bewähren.
22. Was nun die Reden betrifft, welche da und dort, als man im Begriffe war, den Krieg zu beginnen, oder während desselben gehalten wurden, so wäre es für mich als Ohrenzeugen, und für die, welche mit anderswoher solche hinterbrachten, schwer gewesen, die Ausdrücke in der ursprünglichen Gestalt und mit Genauigkeit zu behalten: doch sind sie von mir so wiedergegeben, wie ich glaubte, daß Jeder unter den vorliegenden Umständen am passendsten geredet haben würde, wobei ich mich so nahe, wie möglich, an den Gesamt-Sinn des wirklichen Vortrags hielt. Den Thatbestand der Kriegsereignisse wollte ich nicht nach einer Erkundung bei dem Ersten Besten, noch nach meiner besondern Anficht aufzeichnen, sondern ich stellte das Einzelne bar, theils wie ich es als Augenzeuge kannte, theils nach möglichst genauer Erforschung von Andern. Es kostete aber Mühe, die Wahrheit herauszufinden, weil die Zuschauer der Begebenheiten in ihren Berichten über dieselben Thatsachen nicht übereinstimmten, sondern so sprachen, wie einer dieser oder jener Partei günstig oder der Erinnerung mächtig war. Die Entfernung vom Märchenhaften in diesen Nachrichten wird dem Ohre vielleicht minder anziehend erscheinen: mir aber wird es genügen, wenn, wer irgend das Zuverlässige über die Vergangenheit sowohl, als über das, was nach dem Laufe der menschlichen Dinge einst wieder auf gleiche oder ähnliche Weise sich ereignen wird, zu erforschen wünscht, dieses Werk für nützlich achtet. Auch ist es mehr zum Besitzthum für alle Zeiten, als zum Redeprunkstück für den Augenblick zusammengestellt.
23. Unter den frühern Begebenheiten war der Perser: krieg die bedeutendste: und doch wurde er durch zwei See- und Land-Schlachten schnell entschieden. Der gegenwärtige Krieg aber hat sich weit in die Länge gezogen, und Hellas erlitt in demselben Unfälle, wie nie in gleichen Zeitraume. Denn nie wurden so viele Städte erobert und verödet, theils durch Barbaren, theils durch die Kriegführenden selbst: einige wechselten auch nach der Eroberung ihre Bewohner ; nie hatten so viele die Heimath verlassen müßen: noch, war je der Menschenverlust, theils wegen des Kriegs selbst, theils wegen der Parteiwuth so groß gewesen. Dinge, die man früher vom Hörensagen kannte, aber sehr selten in der Wirklichkeit er: fuhr, wurden nunmehr glaubwürdig: so die Beschaffenheit der Erdbeben, welche einen sehr großen Theil der Erde zugleich und zwar mit großer Heftigkeit trafen. Auch Sonnenfinsternisse traten häufiger, als man aus frühern Zeiten sich erinnerte, ein: und an einigen Gegenden große Dürre, und durch sie Hungersnoth: endlich die so verderbliche pestartige Seuche, die einen Theil der Bevölkerung hinraffte. Alle diese Plagen kamen im Gefolge dieses Krieges. Es begannen ihn aber die Athener und Peloponnester nach Aufhebung des dreißigjährigen Waffenstillstandes, welchen sie nach der Einnahme von Euböa geschlossen hatten. Damit man jedoch nicht dereinst fragen müße, warum ein so gewaltiger Krieg unter den Hellenen entstand, so beschreibe ich zuvörderst die Ursachen des Bruchs jenes Vertrags und ihre Streitpunkte. Als die eigentliche Ursache, die aber in den Reden am wenigsten hervortrat, betrachte ich die Vergrößerung der Athenischen Macht, welche den Lacedämoniern Furcht einflößte, und sie zum Kriege bestimmte[1q]. Die öffentlich, angegebenen Gründe, warum sie den Waffenstillstand aufhoben, und in Kriegszustand traten, waren auf beiden Seiten folgende.
24. Epidamnus[6]1 ist eine Stadt, rechts an der Einfahrt in den Ionischen Meerbusen gelegen: es wohnen in der Nähe Taulantische Barbaren, Illyrischer Abkunft. Diese Pflanzstadt gründeten Korcycäer; der Stifter aber war Phalius, Sohn des Eratoklides, aus Korinthischem Geschlechte, vom Stamme des Herkules, nach alter Sitte aus der Mutterstadt (Korinth) dazu berufen. An dieser Niederlassung nahmen auch einige Korinther und andere vom Dorischen Stamme Theil. Im Verfolge der Zeiten wurde die Stadt der Epidamnier groß und volkreich. Nachdem sie aber viele Jahre hindurch unter sich Parteizwiste gehabt, so litten sie, wie man erzählt, durch einen Krieg mit den angränzenden Bars baren großen Verlust, und wurden eines bedeutenden Theils ihrer Macht beraubt. In der letzten Zeit vor dem gegenwärtigen Kriege verjagte die Volkspartei die Machthaber. Die Verbannten trieben nun in Verbindung mit den Bars baren gegen die Stadtbewohner zu Land und zur See Räuberei. Dadurch bedrängt, schickten die in der Stadt befindlichen Epidamnier Gesandte nach Corcyra, als dem Mutterstaate, und baten, dieser möchte ihrem Untergange nicht gleichgültig zusehen, sondern die Vertriebenen mit ihnen aussöhnen, und dem Kriege mit den Barbaren ein Ende machen. Dieß baten sie, indem sie nach der Weise von Flehens den im Here-Tempel sich niedersetzten. Die Korcycäer aber schenkten diesem Gesuche Pein Gehör, und entließen sie ohne Erfolg.
25. Als nun die Epidamnier sich überzeugten, daß sie von Corcyra keine Hülfe zu erwarten haben, so waren sie verlegen, wie sie sich aus der Sache ziehen sollten. Sie sandten nach Delphi und befragten den Gott, ob sie ihre Stadt den Korinthern, als deren Stiftern, übergeben und versuchen sollten, sich von diesen eine Hülfe zu verschaffen. Der Gott ertheilte den Spruch: sie sollten die Stadt den Korinthern übergeben, und sie zu Anführern nehmen. Die Epidamnier wandten sich nun an Korinth, und unterwarfen ihre Pflanzstadt gemäß dem Götterspruche, indem sie auf diesen sich beriefen, und nachwiesen, daß ihr Stifter aus Korinth gewesen: zugleich, baten sie, man möchte sie dem Untergange nicht preisgeben, sondern ihnen Schutz gewähren. Die Korinther übernahmen, dem Rechte gemäß, die Hülfleistung, in der Ueberzeugung, daß es eben sowohl ihre als der Korcycäer Pflanzstadt sei, zugleich aber auch aus Haß gegen die Korcycäer, weil diese, unerachtet sie eine Korinthische Niederlassung waren, doch die Korinther vernachlässigt hatten. Denn sie gestatteten diesen weder bei allgemeinen Volksfesten die herkömmlichen Auszeichnungen, noch ließen sie, wie andere Pflanzorte, bei den Opferhandlungen den Vorrang einem Korinther, sondern behandelten Korinth mit Geringschätzung, da sie sich an Reichthum damals den wohlhabendsten Hellenischen Staaten gleichstellen konnten, und an Kriegsmacht noch stärker waren. Sie rühmten sich ferner zuweilen eines großen Vorzugs im Seewesen, auch darum, weil die Phäaken, diese berühmten Seeleute, ehemals Corcyra bewohnt hatten; daher rüsteten sie auch um so mehr ihre Flotte, und besaßen darin keine geringe Macht. Denn sie hatten beim Anfange des Kriegs hundert und zwanzig dreiruderige Schiffe.
26. Da nun die Korinther in allen diesen Rücksichten Grund zu Beschwerden hatten, so sandten sie gerne Hülfe nach Epidamnus, und erließen eine Aufforderung, daß, wer da wolle, als Ansiedler hinziehen könne, und schickten eine Besatzung von eigener Mannschaft, wie auch von Ambrakioten und Leukadiern hin. Diese zogen aber auf dem Landwege über Apollonia, eine Korinthische Pflanzstadt, aus Besorgniß, von den Korcycäern bei der Ueberfahrt zur See beunruhigt zu werden. Als diese vernahmen, daß diese Ansiedler und Beratungstruppen nach Epidamnus gekommen seyen, und diese Colonie sich in den Schutz der Korinther begeben habe; so wurden sie sehr ungehalten, und ließen sogleich fünf und zwanzig Schiffe, und später noch ein anderes Geschwader auslaufen, und forderten sie in feindlich drohendem Tone auf, die Verbannten wieder aufzunehmen, und die von den Korinthern geschickte Besabung nebst den Ansiedlern zu entlassen. Denn jene Vertriebenen hatten sich an Corcyra gewendet, und mit Hinweisung auf die Gräber der Ihrigen, und wegen ihrer Stammesverwandtschaft gefleht, man möchte ihren Rücktritt in die Heimath bewirken. Die Epidamnier aber achteten ihrer nicht. Die Koreyräer, in Verbindung mit den Vertriebenen, bekriegten sie also mit vierzig Schiffen, um diese wieder einzusetzen, und nahmen auch die Illyrier dazu. Sie lagerten sich nun vor der Stadt, und machten bekannt: jeder Epidamnier, der Lust hätte, so wie die Fremden, könnten ungekränkt abziehen: wo nicht, so würde man sie als Feinde behandeln. Als sie nicht nachgaben, so belagerten die Korcycäer die auf einer Landenge gelegene Stadt.
27. Als nun Boten von Epidamnus mit der Nachricht, daß es belagert werde, zu den Korinthern kamen, so rüsteten diese einen Heereszug: und verkündeten zugleich die Aufnahme von Ansiedlern in Epidamnus unter der Bedingung der Rechtsgleichheit für jeden, der hinziehen wolle, wer aber für jetzt nicht mitschiffen, und doch an der Niederlassung Theil haben wolle, könne zurückbleiben, wenn er fünfzig Korinthische Drachmen erlege. Es fanden sich viele, die mitschifften, und viele, die das Geld bezahlten. Sie foderten auch die Megareer auf, sie mit ihren Schiffen zu geleiten, wenn die Sorcyräer ihre Fahrt stören sollten. Diese rüsteten sich, mit acht Schiffen an die Flotte sich anzuschließen, und die Paleer aus Kephallenia mit vieren. Sie wendeten sich auch an die Epidanrier, die fünfe lieferten; die Hermios neer gaben eines, die Trözenier zwei; die Leukadier zehens die Ambratieten acht. Die Thebaner und Phliasier baten sie um Geld, die Eleer um unbemannte Schiffe und Geld. Von den Korinthern selbst wurden dreißig Schiffe und dreitausend Schwerbewaffnete ausgerüstet.
28. Als nun die Korcycäer von dieser Rüstung hörten, so gingen sie nebst Sicyonischen und Lacedämonischen Gesandten, die sie mitnahmen, nach Korinth; und verlangten, die Korinther rollten ihre Besatzung und Ansiedler von Epidanınus wegziehen, da sie kein Recht an dieser Stadt hätten würden sie das Gegentheil behaupten, so erklärten sie, die Sache der rechtlichen Entscheidung der Städte im Peloponnes, welche sie gemeinschaftlich zu bestimmen hätten, übers lassen zu wollen; und welchem Theile die Pflanzstadt zugesprochen würde, der sollte sie als Eigenthum haben. Auch erboten sie sich, dem Orakel zu Delphi die Sache anheimzustellen; den Krieg hingegen missrieten sie. Nähme man dieß nicht an, so erklärten sie, sie würden durch die Korinther selbst genöthigt werden, sich ihres Vortheils wegen lieber die Freundschaft anderer Staaten, als bisher, zu verschaffen, die jenen nicht angenehm sein würden. Die Korinther aber erwiderten: wenn jene die Schiffe und die Barbaren von Epidamnus wegziehen ließen, so würden sie sich bedenken. Bevor dieß geschähe, wäre es ungeziemend, wenn sie die Sache gerichtlich verhandelten, während jene belagert würden. Die Korcycäer fagten dagegen, sie wollen sich dieß gefallen lassen, wenn auch die Korinther die Mannschaft in Epidamnus zurückzögen; auch seien sie bereit, unter der Bedingung, daß beide Theile in ihrer Stellung bleiben, einen Waffenstillstand zu schließen, bis der Spruch erfolgt sei.
29. Die Korinther aber wollten sich in keinen dieser Anträge fügen, sondern schickten, als ihre Schiffe bemannt, und die Bundesgenossen angekommen waren, einen Herold voraus, um den Korcycäern den Krieg anzukündigen: dann brachen sie mit zweitausend Schwerbewaffneten und fünf und siebzig Schiffen auf, und regelten nach Epidamnus, um die Korcycäer zu bekriegen. Anführer der Schiffe war Aristeus, Sohn des Pelichas, Kauitrates, Sohn des Kalias, unb Timanor, Sohn des Timanthes: die Landmacht befehligte Ardyetimus, der Sohn des Eurytimus, und Sfarchidas, Sohn des Isarhus. Als sie bei Actium im Anaktorischen Gebiete angekommen waren, an der Mündung des Ambrakischea Meerbusens, wo der Tempel des Apollo steht; so sandten ihnen die Korcycäer in einem Boote eigen Herold entgegen, um sie von dem feindlichen Vorrücken abzumachen. Zugleich bemannten sie ihre Schiffe, und besserten die alten aus, daß sie zur See brauchbar würden, und rüsteten auch die übrigen aus. Da nun der Herold von den Korinthern keine friedliche Antwort brachte, und ihre Schiffe, achtzig au der Zahl, bemannt waren (denn vierzig umlagerten Epidamnus), so liefen sie gegen den Feind auch stellten sich in Schlachtordnung und lieferten ein Seetreffen. Die Korcycäer gewannen einen entscheidenden Sieg, und vernichteten fünfzehn Schiffe der Korinther. An demselben Zage hatten die Belagerer das Glück, Epidamnus zur Uebergabe zu nöthigen und zu beleben, unter der Bedingung, daß die fremden Ansiedler verkauft, die Korinthischen aber bis auf weiteren Beschluß in Gewahrsam behalten würden.
