Der Verachtete - Marieke Hinterding - E-Book

Der Verachtete E-Book

Marieke Hinterding

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Beschreibung

"Der Verachtete", ist eine gesellschaftskritische und sensibel erzählte Geschichte aus dem Leben des Langzeitarbeitslosen Udo S. und ist zugleich auch Fallbeispiel für ein Leben, das von Armut und finanziellen Abhängigkeiten, Krankheit, sozialer Isolation und Süchten bestimmt wird. Erzählt wird der innere und äußere Konflikt des Protagonisten mit den Forderungen, Erwartungen und Urteilen seiner unmittelbaren Umgebung in den ersten Jahren nach Einführung der Hartz 4 Gesetze. Die Erzählung beschreibt den langsamen und quälenden Abstieg des Udo S. und endet nach zwei Psychiatrieaufenthalten und dem endgültigen finanziellen Kollaps, mit seinem Umzug in eine sozialtherapeutische Wohngemeinschaft, die wieder seine Arbeitslosigkeit in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit rückt und nicht die emotionale und soziale Bedürftigkeit des Protagonisten. Dadurch, dass das Buch so konzipiert ist, dass sich zwar nicht Udos unmittelbarer Umgebung, wohl aber dem Leser die Motivation für seine Verhaltensweisen erschließt, rückt der Protagonist - an vielen Stellen - für seine Mitwelt in ein "asoziales " Licht, dem Leser aber wird durch das Wissen um die inneren Konflikte des Udo S. mit sich und seiner Umgebung die Problematik seines Lebens nachvollziehbar vor Augen geführt. Die Erzählung richtet sich an Leser, die Interesse daran haben, anhand eines Fallbeispiels die Problematik von Langzeitarbeitslosigkeit/Hartz4 vielseitig zu betrachten, zu analysieren und zu diskutieren, ebenso ist es für Leser gedacht, die sich einfühlen wollen in eine Wirklichkeit, die -fernab ihrer eigenen- für zahlreiche Menschen bittere Realität ist.

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Marieke Hinterding

Der Verachtete

Das Leben des SGB2 Empfängers Udo S.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Hinweis

Der Verachtete

Es war 7 Uhr dreißig,

Eine Woche später:

Um Punkt 15 Uhr

Um 4 Uhr in der Früh

Wieder vor dem Werkstor

Um ungefähr 17 Uhr 30

Drei Tage später kam per Post die Kündigung.

Es war nur sein Bruder,

Nach dem Geschirrspülen

Einige Tage später

Heute Nacht

Als Udo zurück war

In den nächsten Wochen

Udo hatte sich eine Flasche billigen Wein gekauft

Verschwendetes Geld

Auch in den vorfestlichen Tagen

Drei Tage später

Der Husten hatte ihn auch am Ostermontag

Jetzt hatte er die rettende Lösung!

„Heute wäre mal Zeit,

Wozu mach` ich den Scheiß?“

Es war Post gekommen von der Arbeitsvermittlung!

Bis zum späten Mittag des Montags

Die Neubert GMBH hatte geschrieben!

Den Samstagnachmittag

Die Neubert GmbH

Als Udo tags darauf das Büro von Frau B. verließ,

Entspannt genoss Udo die letzten Stunden des Sonntags.

Wie gerne hätte Udo seine Lüge selbst geglaubt!

„Donnerwetter!“, staunte Udo am Montagmorgen,

Als Udo am Mittwochmorgen das Haus verlassen hatte,

“Nein, nicht auch das noch!“

die letzte saubere Hose

War schon wieder Schützenfest?

Es musste etwas geschehen,

Die einzige Möglichkeit

Mit dem, was im Warenkorb der Tafel enthalten war,

Telefonseelsorge

Kippen sammeln

Die Psychiatrie

Arbeitstherapie

Aufstehen, Herr S!

„Also Herr S., ich werde für Sie tun, was ich kann

Haargenau ein ganzer Monat war verstrichen ,

Gespannt öffnete Udo nun Werners Brief :

Die Anlaufstelle für Wohnungslose

Ab morgen gehst Du bei der Jobsuche realistischer vor,

Schlaflosigkeit, von Angst, Husten und Aufregung

„Guten Morgen Herr S., Firma Gut am Apparat,

„Guten Tag,“ sagte er , „mein Name ist Dust!

„Schluss jetzt Udo! Du hast genug gearbeitet!“,

Nein, so ging das nicht weiter!

Am darauffolgenden Samstag

Herr S., soo kann das nicht weitergehen!

Es war Freitag, der 19.

Soo, jetzt hieß es nur noch: Abwarten!,

Nicht nur der verstärkte Genuss von Alkohol und Zigaretten

Es war dann alles sehr schnell gegangen :

„Sie hätten Ihrem Arbeitgeber mitteilen können,

In einer nüchternen Stunde am Mittwoch

Als Udo Tage später den Briefumschlag

Und nochmal Psychiatrie

Betreute Wohngruppe

"Morgen", dachte er,

Impressum neobooks

Hinweis

Eine fiktive Geschichte aus der Gedanken-und Gefühlswelt eines Langzeitarbeitslosen geschrieben von Marieke Hinterding

Der Verachtete

Donnerstagmorgen, 11 Uhr dreißig: Udo S., 42 Jahre alt, ledig, seit 15 Jahren arbeitsuchend, öffnete wie jeden Morgen besorgt seinen Briefkasten. Die Arbeitsagentur hatte sich schon einige Zeit nicht mehr gemeldet und bangen Herzens fragte er sich, wie jeden Tag um diese Zeit, ob ihm vielleicht heute mal wieder eine Einladung der Arge ins Haus geschickt worden war, und tatsächlich: Zwischen den zahlreichen Werbeblättchen, die sich auch heute in seinem Postkasten angesammelt hatten, versteckte sich ein amtlich aussehender Brief , sofort erkennbar an den typischen Umweltbriefumschlägen der Stadt. Absender: Arge Neuss. Udo nahm den Brief an sich und begab sich unverzüglich in seine Wohnung. Sein Herz klopfte und er musste sich erst eine Zigarette anzünden. Wilde Gedanken gingen ihm dabei durch den Kopf und er hielt die vielen angsterfüllten Fragen, die er sich beim Anblick des Briefes stellt, kaum aus: Wollte man ihm vielleicht den Mietzuschuss kürzen, weil seine Wohnung 10 Quadratmeter zu viel Wohnfläche hatte? Wollte man vielleicht kontrollieren, ob er auch wirklich genug Eigeninitiative bei der Stellensuche entwickelt hatte? Oder hatte man vielleicht eine Arbeit gefunden für ihn? Mit einem Gefühl, das zwischen Angst und Hoffnung schwankte, riss er den Brief auf und mit zitternder Hand überflog er das Schreiben. Es war, wie schon vermutet, eine Einladung der Arge für Montag. Mitzubringen waren der Personalausweis und der Nachweis über seine Bemühungen bei der Stellensuche in den letzten drei Monaten.

Udo wurde schlecht bei dem Gedanken, am Montag bei der Arge Neuss vorsprechen zu müssen, wusste er doch ganz genau, dass er die Erwartung der Agentur nach zwanzig Bewerbungen in drei Monaten nicht würde erfüllen können. Ganze fünf Bewerbungen konnte er nachweisen für das letzte Vierteljahr, mehr hatten die Stellenangebote der regionalen Tageszeitung nicht hergegeben. Verzweifelt steckte er sich eine Zigarette nach der anderen an. Würde es am Montag wegen fehlender Bewerbungen zu einer Leistungskürzung kommen?

Sicher, er hatte im kostenlosen Stadtblättchen schon einige Jobangebote gesehen, die ihm ein hohes Gehalt und sogar eine fette Provision versprachen. Dabei handelte es sich allerdings um Jobs, die im allgemeinen Sprachgebrauch call-center agents hießen und damit hatte er schon zweimal keine guten Erfahrungen gemacht. Das erste Mal, als er sich als call-center agent versucht hatte, wurde ihm von der Firma aufgetragen, Leute aus dem Telefonbuch herauszusuchen, sie anzurufen und ihnen eine Riesenrendite zu versprechen, wenn sie ihr Vermögen möglichst bald in Kaffee oder Weizen anlegten. Damit war Udo aber nicht nur nicht erfolgreich, ihn plagte auch das Gewissen, ahnungslosen , reichen Rentnern das Blaue vom Himmel zu versprechen .Er hatte bei der ganzen Geschichte nur die Aufgabe, den Standardtext für solche Versprechungen so am Telefon vorzulesen, dass am anderen Ende der Leitung der Eindruck entstehen sollte, das dieses Angebot eine einmalige , sobald nicht wiederkehrende Chance war und dem Angerufenen sollte Glauben gemacht werden, dass er einer der wenigen Auserwählten war, mit denen dieses scheinbar exklusive Geschäft abgewickelt werden sollte.

Udo hatte den Job eine ganze Woche durchgehalten, jeden Tag hatte er acht Stunden telefoniert, immer wieder denselben Text zum Besten gegeben und genau so lange hatte er sich wütende oder unfreundliche Worte der Angerufenen anhören müssen, was er aber durchaus verstehen konnte, denn wer wollte schon ungebeten mit solch dubiosen „Geschäftsideen“ belästigt werden. Trotz allen Verständnisses kränkte ihn jedoch der Tonfall vieler von ihm Angerufenen und weil er nicht ein einziges Erfolgserlebnis hatte und er außerdem im Zweifel darüber war, ob das was er machte, überhaupt ganz legal war, gab er , wie schon erwähnt, nach einer Woche auf. Und auch die zweite Erfahrung im Telefonbusiness war nicht besser! Diesmal sollten Spenden Abos zugunsten misshandelter Kinder für lukrative Geschäfte sorgen, nun allerdings war die ganze Sache ohne festes Gehalt abgemacht, sondern ganz auf Provisionsbasis. Diese allerdings war pro abgeschlossenen Vertrag über ein Abo sehr hoch, so dass sich Udo fragte, wie wenig denn eigentlich noch für die misshandelten Kinder übrigbleiben sollte. Schließlich wollte nicht nur er Geld verdienen, sondern auch noch sein Chef und Telefongebühren und die Miete für das feine Büro in guter Lage mussten auch bezahlt werden und es ging ihm dann wie beim ersten Mal in dem Gewerbe: Er gab sich nach einigen Tagen geschlagen und beendete entnervt sein Beschäftigungsverhältnis.

All diese Gedanken beschäftigten Udo bis zum späten Abend und als er sich endlich schlafen legte, hatte er, ohne es zu merken, fast ein ganzes Päckchen Tabak konsumiert. Viel zu viel für einen, der ohnehin schon Tag und Nacht husten musste und dessen Schlaf sogar nachts immer wieder von nicht enden wollenden Hustenattacken begleitet wurde und so wachte er am nächsten Morgen wie üblich in aller Herrgotts Frühe zerschlagen und übermüdet auf.-

Das ganze Wochenende kreisten seine Gedanken um den kommenden Arge-Termin und je näher der Termin rückte, desto ängstlicher wurde er. Vor seinem geistigen Auge spielten sich dramatische Szenen ab, aber ganz schlimm wurde es dann in der Nacht von Sonntag auf Montag. Er lag die ganze Nacht wach und grübelte hin und her, wie er der Sachbearbeiterin die fehlenden Bewerbungen erklären sollte.

Wie sollte er der Agentur nur beweisen, dass er nicht für eines der zahlreichen Stellenangebote als call-center agent oder als Spendenwerber für die Johanniter Unfallhilfe geeignet war? Mit einem schrecklichen Gefühl in der Magengegend stand er schließlich auf, rauchte, duschte, zog sich an und rauchte wieder.

Es war 7 Uhr dreißig,

sein Termin bei der Arge war um 9 Uhr fünfzehn. Wenn er den Bus um 8 Uhr dreißig nahm, war er um 9 Uhr an der Marienstraße. Noch eine Stunde Schonfrist, ehe er aufbrechen musste...-

8 Uhr 27. Udo stand seit drei Minuten wartend an der Bushaltestelle. Nervös lief er auf und ab, umkreiste das Wartehäuschen in kleinen Schritten, immer wieder. Die wenigen Minuten bis zur Ankunft des Busses kamen ihm endlos vor. Dann endlich fuhr der Bus an. Udo zog noch einmal hastig an seiner halb aufgerauchten Zigarette, warf sie dann achtlos zu Boden kramte seine Geldbörse hervor, stieg ein und verlangte ein Vierer Ticket.

„Macht acht Euro vierzig“, sagte der Fahrer. Udo wurde blass. Damit hatte er nicht gerechnet: Die Fahrpreise waren erhöht worden!

Letzten Monat kostete das Ticket noch acht Euro zwanzig. Und nur genau so viel Geld hatte er in seinem Portmonee, 8 Euro zwanzig, nicht einen Cent mehr und nicht einen Cent weniger; denn seit er in der Stadt einmal um sein ganzes Wochenbudget bestohlen worden war, trug er , wenn er dort Erledigungen wie Ämterbesuche machen musste, nur noch abgezähltes Geld mit sich herum.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er zum Fahrer. „Ich war im Gedanken. Ich wollte eigentlich nur ein Ticket mit Rückfahrschein.“

Der Fahrer schnaubte. „Jetzt hab` ich schon das Vierer-Ticket verbucht. Haben Sie gut geschlafen, kann ich da nur sagen.“ Wütend legte der Busfahrer das Ticket auf die Ablage: „Vier Euro 20.“

Udo bezahlte mit seinem Fünf-Euro Schein. Gut, dass er den noch hatte und den Fahrpreis nicht mit lauter Münzen bezahlen musste! Mit einem Schein machte man doch einen viel besseren Eindruck und niemand würde auf die Idee kommen, dass sein Geld für ein Vierer Ticket nicht langte, da war sich Udo sicher. Scheinbar achtlos steckte Udo das Restgeld in seine Hosentasche, entwertete den Fahrschein und setzte sich auf einen der freien Plätze ans Fenster.

Udo lehnte seinen Kopf an die Fensterscheibe und schaute gedankenverloren hinaus. Sein Blick streifte die vielen Reklametafeln, an denen der Bus nun in schnellem Tempo vorbeizog. “Fliegen Sie mit uns in den sonnigen Süden! Traumziele in der Karibik, jetzt schon ab sensationellen 2480 Euro! Buchen Sie jetzt!“, stand dort in dicken Lettern und darunter waren wohlgeformte und knackig braungebrannte Bikinischönheiten abgebildet.

2480 Euro! Udo rechnete: Das war die Leistung der Arbeitsagentur für mehr als drei Monate, inklusiv Miete für seine kleine Zweizimmerwohnung.

Wer hatte so viel Geld? Udo jedenfalls kannte niemanden persönlich, nur hin und wieder begegneten ihm in der Nachbarschaft oder beim Einkaufen Menschen, deren teuer aussehende Kleidung ihn vermuten ließ, dass sie zu den betuchteren Klasse der Gesellschaft zählten. Aber er wusste auch, dass es sich anhand dieser Indize nur um eine Spekulation seinerseits handeln konnte.

Konnte man nicht heutzutage erstklassige Kleidung zu Spottpreisen bei eBay ersteigern? Handfester wurden seiner Meinung nach die Beweise für viel Geld, wenn er einem vermeintlich Reichen beim Einkaufen in den Einkaufswagen schielte. Manche Leute schienen tatsächlich das Geld für Originalmarken auszugeben, egal ob Nussnougatcreme, Waschpulver oder gar Zigaretten. Und dann bezahlten sie an der Kasse ohne mit der Wimper zu zucken, ihre hohe Rechnung ganz selbstverständlich mit einer Kreditkarte. Udo seufzte: Einmal bei Netto einkaufen, ohne rechnen zu müssen, das würde wohl auf unabsehbare Zeit ein unerfüllter Wunschtraum bleiben! Udo genoss die Wärme der Heizung am Fenster und wünschte sich, die Zeit bliebe stehen und der Bus würde sein Ziel nie erreichen, aber es waren jetzt nur noch zwei Stationen bis zur Marienstraße.

Gnadenlos schnell steuerte der Bus Udos Ziel an und Udo sprang schließlich auf. Mit zugeschnürter Kehle stieg er aus und zündete sich noch eine selbst gestopfte Zigarette an. Jetzt waren es nur noch wenige Fußminuten bis zur Arge und obwohl Udo, um den Termin hinauszuzögern, am liebsten in Zeitlupe gelaufen wäre, zwang ihn seine Uhr zum zügigen Gehen.

Schließlich war es Punkt 9 Uhr, als Udo S vor der Agentur für Arbeit in Neuss stand. Leute kamen und gingen und endlich, als er den letzten Zug von seiner Kippe genommen hatte, betrat auch Udo das Gebäude.

Udo nahm den Aufzug in die zweite Etage und stieg aus. Es hatte sich bereits eine lange Schlange vor der Anmeldung gebildet und er rechnete mit mindestens zehn Minuten Wartezeit.

Nur hier, bei der Agentur für Arbeit, stand er wirklich gerne am hintersten Ende einer Schlange, gewährte ihm die Wartezeit dort doch wenigstens ein paar Minuten länger Aufschub vor der ,von ihm stets als quälend empfundenen, Vorsprache im Büro der Sachbearbeiterin.

Ja, Frau B war eine scharfe Wächterin über die neuen Hartz 4 Gesetze , ihren Adleraugen schien nichts zu entgehen und immer wieder nach einem Besuch bei ihr, hatte er das Gefühl, dieses Mal ausnahmsweise gnädig davongekommen zu sein. Andere hatten da nicht so viel Glück. Er erinnerte sich an das letzte Mal: Vor ihm war ein türkischstämmiger Mitbürger aufgerufen worden und als, nach endlosen Minuten, die Tür wieder geöffnet wurde und ein anderer Sachbearbeiter, der mit Frau B das Büro teilte, geschäftig den Raum verließ und dabei die Tür offenstehen ließ, hörte er die scharfe Stimme von Frau B ., wie sie kalt und ohne Umstände dem Mann erklärte, dass ihrer Meinung nach sein Wille zur Aufnahme eines Beschäftigungsverhältnisses vollständig fehlte! Das sei ihres Erachtens nach aus den mangelhaften Bewerbungsanschreiben an verschiedene Arbeitgeber deutlich zu erkennen! Sie wolle dafür Sorge tragen, dass die Leistungsabteilung davon erführe und ihm die Leistungen für drei Monate um dreißig Prozent kürze!-

Worte wie Peitschenhiebe! Udo wurde wieder schlecht, wenn er daran dachte.

Würde es ihm heute genauso ergehen? Die Warteschlange hatte sich jetzt fast aufgelöst; es waren nur noch drei Leute vor ihm dran. Udo verspürte jetzt den gierigen Drang nach einer Zigarette, aber hier drin war das Rauchen verboten. Hoffentlich hatte er alles bald hinter sich gebracht!

Zwei Minuten später stand er am Tresen der Anmeldung, zückte seinen Personalausweis und ließ sich als anwesend registrieren. „Zimmer 110“, sagte die Frau am Empfang, „Sie werden aufgerufen.“

Es war genau viertel nach neun. Udo setzte sich auf einen der Stühle vor der Zimmernummer 110. Außer ihm saßen noch eine junge Frau mit Kinderwagen und ein Jugendlicher mit einem MP-3 Player dort. „Ist da noch jemand drin?“ fragte er die junge Frau, um abzuchecken, wie lange es noch dauern könnte.

„Ja, da ist jemand drin, und zwar schon ziemlich lange“, antwortete die Frau. Udos Anspannung wuchs, er hatte jetzt ganz dringend den Wunsch, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Die Zeit zog sich endlos hin, dann, nach fast zehn Minuten Ewigkeit, wurde es laut hinter der Zimmernummer 110, es öffnete sich die Tür und heraus trat ein Ehepaar fremder Nationalität. Die Frau war vollkommen verschleiert und der Mann wirkte mit wilden Gesten lautstark auf sie ein. Udo sah den beiden, die doch sehr erleichtert schienen, nach, wie sie den Gang verließen.

Ein bulliger Mann mit kurz geschorenen Haaren kam den Zweien entgegen und er steuerte, langsam und mit wachen Augen alles beobachtend, auf den Gang mit der Zimmernummer 110 zu. Der Blick des Bulligen schien die Personen, die sich auf dem Gang aufhielten , nur nebensächlich zu streifen, aber die Aufschrift, die der Mann auf dem Rücken seines T-Shirts trug, verriet den Anwesenden, dass sie keineswegs nur eine Nebensache für ihn waren, sondern dass er alle sehr wohl im Blick hatte und dass er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür Sorge tragen würde, dass Ruhe und Ordnung herrscht auf den Gängen dieser staatlichen Behörde. “Security“, las Udo S., als der Mann an ihm vorüberging.-

Endlich, nach weiteren 5 Minuten, steckte Frau B. ihren Kopf aus der Tür: „Herr S.“, forderte sie Udo kurz und knapp auf. Schnell erhob sich Udo und folgte Frau B. mit klopfendem Herzen in das Büro.

„Lieber Gott“, dachte er, „lass alles gut ablaufen.“ Gleichzeitig aber beschloss er, sich darauf einzustellen, dass heute nicht alles gut ablief und die Ahnung, die er am Wochenende hinsichtlich des Verlaufs seines Besuches bei der Arge gehabt hatte, trog ihn diesmal nicht.

„Nehmen Sie Platz“, sagte sie, während sie sich geschäftig dem Computer widmete, um seine Daten abzurufen. Udo setzte sich Frau B. gegenüber vor den großen Schreibtisch. Nur einen kurzen Moment brauchte Frau B, dann forderte sie ihn auf, ihr seine Bewerbungen vorzulegen. Udos Hand zitterte, als er Frau B. seine fünf Bewerbungen vorlegte und es herrschte eine für Udo fast unerträgliche Spannung, als sie schweigend und mit kritischem Blick, in Udos akkurat geschriebenen Bewerbungsnachweisen blätterte. Langsam und aufmerksam studierte sie jede einzelne Adresse der von Udo angeschriebenen Firmen. Nicht ein Wort des Unmuts kam über ihre Lippen und Udo wollte sich gerade der Hoffnung hingeben, dass seine ganzen Befürchtungen umsonst gewesen waren, als sie die unerträgliche Stille unterbrach: „Und wo sind die anderen Bewerbungen?“

Jetzt hatte sie ihn! Stand jetzt seine gesamte Existenz auf dem Spiel?

Udo bekam plötzlich beklemmende Angstzustände und er brachte nur noch tonlos hervor: „Das ist alles, was ich gefunden habe.“ Udo sah sich bereits obdachlos und nach Pfandflaschen suchend auf der Straße leben und er hörte nur noch mit halbem Ohr hin, als Frau B. mit erhobener Stimme zu dem ansetzte, was er immer gefürchtet hatte : Eine nicht enden wollende Tirade darüber, dass der Steuerzahler seit langer Zeit für seinen Unterhalt aufkäme und er die Pflicht habe, seinen Zustand mit aller Kraft zu beenden. Die Zeitungen seien voll mit Stellenanzeigen, hörte er sie sagen, und die Behörde sei nicht gewillt, Untätigkeit zu unterstützen!

Udo ließ die Worte über sich ergehen und er fühlte sich, wie er sich zuletzt als Schüler gefühlt hatte, als er dem Lehrer seine nicht gemachten Hausaufgaben damit erklären wollte, dass er sein Heft vergessen habe.

Nicht, dass er die Hausaufgaben nicht hatte machen wollen, aber er hatte die Aufgaben nicht begriffen und nachzufragen hatte er sich im Unterricht nicht getraut, denn der Lehrer war streng, und manchmal setzte es sogar Hiebe. Der Lehrer aber hatte ihm schließlich den gesamten Inhalt seiner Schultasche auf den Tisch gekippt und ihm befohlen, das Heft zu suchen. Selbstverständlich hatte er als Schüler das Heft zuhause liegenlassen und es war eine furchtbare seelische Tortur für ihn, während der gesamten Unterrichtsstunde nach etwas zu wühlen, von dem er genau wusste, dass es nicht da war. Sagen durfte er aber nichts, denn dann wären die gefürchteten Schläge garantiert gewesen! Und so sagte er auch nichts zu dem Verbal Angriff von Frau B. Und wie damals, als er hoffte, dass die Schulstunde bald vorbei sein möge, wartete er nun sehnsüchtig darauf, endlich von Frau B. verabschiedet zu werden. „Sie hören von uns!“, sagte sie endlich die erlösenden Worte, und Udo S. erhob sich schließlich von seinem Stuhl und verließ mit hochrotem Kopf den Raum.

„Security“. Kaum hatte Udo seinen Fuß aus der Tür gesetzt, begegnete ihm wieder der Bullige von vorhin. Aufreizend langsam schlenderte der Ordnungshüter ihm einige Schritte voraus in Richtung Ausgang. Udo passte sich dem langsamen Tempo des Mannes an und blieb, um ihn nicht überholen zu müssen, dicht hinter ihm.-

Für solche Leute wie ihn waren die Wachen im Amt bestimmt nicht engagiert, dachte er. Da gab es ganz andere Kaliber! Und obwohl er persönlich noch nie so einem begegnet war, wusste er, dass es bestimmt eine ganze Reihe Typen gab, die richtiggehend aggressiv wurden, wenn Angestellte wie Frau B. ihnen so unverblümt daherkamen, wie sie es bei ihm getan hatte. Dass sie da eines besonderen Schutzes bedurfte, war aus seiner Sicht nur allzu verständlich...

Udo atmete tief ein. Einmal, so wünschte er sich, wie wäre das schön, wenn Sachbearbeiter wie Frau B auch nur einmal so viel Respekt vor ihm hätten, wie vor den Aggressiven.

Genüsslich malte er sich aus, wie die Vorsprache wohl verlaufen wäre, wenn er mit der Faust auf den Tisch gehauen hätte und ihr ganz unverhohlen seine Meinung gesagt hätte. Wäre sie dann auf ihrem Stuhl zusammengesunken und hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht?

Dann wäre es ihr einmal so gegangen wie ihm! Und bildlich stellte er sich jetzt vor, wie er ihr schlagfertig und wortgewandt Paroli geboten hätte und sie dann völlig hilflos und mit ihm überfordert zurückgelassen hätte.

Diese Vorstellung bereitete ihm nun den Gipfel des Genusses und er wollte sich gar nicht trennen vom inneren Bild der unglücklichen Frau B. Udo gab sich einen Ruck: Nein, er war es nicht. Er war weder schlagfertig noch wortgewandt und auch nicht zu der geringsten Aggression fähig. Er war in der Realität zurück. Gesenkten Kopfes verließ er die Arge und lief Richtung Bahnhof.-

Eine Woche später:

Udo hatte sich gerade ein neues, billiges Päckchen Tabak gekauft, als er vor der Eingangstür des großen Mietshauses, in dem er wohnte , den Briefträger hantieren sah, der den Bewohnern, wie immer, routiniert die Post einwarf. Ob heute Post von der Arge dabei war? Udo betrat das Haus und wartete. Wartete darauf, dass das Klappern der Briefkästen ein Ende hatte und der Briefträger seine Arbeit getan hatte. Dann öffnete er seinen Kasten.

Zwei Briefe waren heute dabei. Der eine war, wie befürchtet, von der Arge, der andere von den Stadtwerken.

In seiner Wohnung angekommen, riss Udo den Umschlag mit dem Arge-Brief auf. Er schluckte: Die Leistungsabteilung hatte ihn, wie schon erwartet, mit Sanktionen belegt. Dreißig Prozent seiner Bezüge sollten ihm für drei Monate gestrichen werden. Weil er seiner Mitwirkungspflicht nicht nachgekommen war, hieß es. Außerdem wurde ihm schließlich mit weiteren Kürzungen gedroht, sollte er weiterhin nicht alles tun, seine Arbeitslosigkeit zu beenden. Udo setzte sich in seine kleine Küche und stopfte sich eine Zigarette: Dreißig Prozent von 347 Euro. Das waren, 104 Euro. 347 Euro weniger 104 Euro, das machten noch 243 Euro. Davon musste er abziehen:30 Euro für seine Internet und Telefonflatrate und 90 Euro für Strom und Gas. Das machte dann:123 Euro monatlich für Essen, Trinken, Kleidung, Tabak und Sonstiges. 123 Euro geteilt durch 30 Tage: 4 Euro und genau 10 Cent täglich!

Udo rauchte bereits die zweite Zigarette, als ihm einfiel, dass im Flur noch der Brief von den Stadtwerken lag. Was wollten die schon wieder?

„Lieber Gott“, dachte er, „lass es keine Rechnung sein!“ Sein Gebet aber wurde nicht erhört. Eine Nachzahlung sollte er leisten von sage und schreibe 100 Euro! Außerdem waren ab dem nächsten Monat höhere Abschlagszahlungen fällig. Jeden Monat sollte er jetzt fast 100 Euro zahlen! Udo war verzweifelt.

Wo sollte er das Geld nur hernehmen? Er hatte keinerlei Ersparnisse und er wusste niemanden, der ihm Geld hätte leihen können. Die einzige Idee, die er hatte, war, sein Konto zu überziehen. Ja, das war die Rettung! Er würde das Geld einfach überweisen, auch wenn sein Konto nicht gedeckt war!

Das wollte Udo dann sofort in Angriff nehmen und so setzte er sich an seinen Computer und überwies per Internet die Forderungen der Stadtwerke. Alles andere würde sich finden, überlegte er; man sollte ja optimistisch denken.-

Zwei Wochen später hatte Udo 40 Bewerbungen geschrieben und in Briefumschläge gesteckt. Die Firmen hatte er sich aus dem Telefonbuch gesucht und je nach Branche hatte er sich mal als Bäcker und Konditor, mal als LKW Fahrer und sogar als Steuerfachgehilfe beworben .Und das, obwohl er noch niemals einen Kuchen gebacken , auch keinen Führerschein für Lastwagen oder die geringste Ahnung vom deutschen Steuerrecht hatte; aber was sollte er tun, Jobs für Ungelernte wie ihn waren selten ausgeschrieben. Und die Arge saß ihm im Nacken!

Tag für Tag hatte er lediglich zwei seiner zahlreichen Bewerbungen losgeschickt; er musste auf das Porto achten denn mehr als 1-Euro 10 täglich konnte er nicht mehr abzweigen.

Für die nächsten 20 Tage hatte er nun wegen des Bewerbungs-Portos statt der errechneten 4 Euro 10 nur noch 3 Euro zur Verfügung für den täglichen Bedarf und bei der Bank hatte er ein überzogenes Konto, von dem er noch nicht wusste, wie er das jemals wieder ausgleichen sollte...!-

So vegetierte Udo S. die nächsten Monate vor sich hin: Zum Frühstück gab es täglich geröstete Haferflocken, mittags gebratenen Kohl und Kartoffeln und abends Quark mit Marmelade.

Nur manchmal- manchmal hielt er es einfach nicht mehr aus, dann musste es sein: Er kaufte sich eine billige Packung Bratwurst! Einmal hatte er sogar ohne Rücksicht auf Verluste 3 Kassler Stiel-Kotelett für 3,13 Euro vom Netto gekauft.-

Es war Samstagvormittag, einige Wochen später, als Udo den Anruf bekam. Zeitarbeitsfirma T. war am Telefon, der Chef höchstpersönlich. Man hätte seine Bewerbung erhalten und wolle ihn kennenlernen. Heute noch, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung und obwohl Wochenende war und er sich gerne den preisgekrönten Film im Fernsehen angesehen hätte, der schon seit Wochen angekündigt war, verabredete sich Udo für 15 Uhr im Büro der Zeitarbeitsfirma T. Udo stiegen die Tränen in die Augen, denn die Fahrt würde ihn wiederum über 4 Euro kosten. Udo checkte via Internet bei seiner Bank ein und mit großer Besorgnis stellte er fest, das sein Konto bereits seit einigen Wochen um mehrere Hundert Euro überzogen war!

Udos Rechnung war nicht aufgegangen: Er hatte umgerechnet weit mehr als 4 Euro täglich ausgeben müssen! Immer kam etwas dazwischen!

Mal hatten sich die Sohlen seiner bereits sehr alten Schuhe gelöst, mal ging das Toilettenpapier aus oder das Waschpulver, ein andermal meldete sich seine Haftpflichtversicherung und wollte Geld sehen!

Wie lange würde seine Bank noch mitspielen? Bei dem Gedanken bekam Udo eine Panikattacke und er wagte es nicht, ihn zu Ende zu denken.-

Es war 13 Uhr, als sich Udo langsam auf das ihm bevorstehende Bewerbungsgespräch vorbereitete. Schon während er duschte, überlegte er sich, wie er dem Personalchef am besten seine langjährige Arbeitslosigkeit erklären konnte: Wenn er den Job haben wollte, durfte er keineswegs seine physisch und psychisch instabile Gesundheit erwähnen, dachte er. Seine Depressionen zu verschweigen wäre kein Kunststück, aber was war mit seinem chronischen Husten? Oft genug hatte der Arzt ihn gemahnt, endlich das Rauchen aufzugeben, aber Udo konnte es einfach nicht lassen! Zu stark war die Sucht und bisher hatten ihn weder monatelange Schlafstörungen noch Ohnmachtsanfälle, die ihn eben wegen des ständigen Dauerhustens quälten, von seinem Laster abhalten können!

Doch dieses Mal, so schwor sich Udo, würde sich alles zum Guten wenden! Wenn er den Job hätte, würde ihm sowieso die Zeit fehlen, ununterbrochen zu rauchen, dachte er und vielleicht konnte er ja sogar Anschluss finden bei seinen zukünftigen Kollegen. Während er sich nun frische Wäsche aus dem Schrank holte, malte er sich seinen nächsten Geburtstag aus: Viele Freunde wollte er dann einladen und der Arbeitsplatz wäre der ideale Ort, Menschen kennenzulernen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Seine jahrelange Armut, seine Einsamkeit im sozialen Abseits –das sollte nun ein schnelles Ende haben!

Udo war plötzlich beseelt von einem unerschütterlichen Optimismus. Alles würde sich zum Besten wenden! Seine Zukunft schien ihm mit einem Mal rosarot und er verbat sich jeden aufkommenden Zweifel, zu lange hatte er auf eine Chance wie diese gewartet...-

Ein starker Regen hatte den Tag begleitet und Udo war völlig durchnässt, als er das relativ kurze Stück Fußweg von der Bushaltestelle hin zur Zeitarbeitsfirma T. zurückgelegt hatte. Zwischen mehreren Arztpraxen, einer Immobilienfirma und einem Sonnenstudio war auch Udos Firma ausgewiesen, sie befand sich laut Hinweisschild im 3.Stockwerk rechts.

Udo zögerte. Eine Viertelstunde hatte er noch Zeit bis zum Vorstellungstermin und so nutzte er die verbliebene Zeit, sich noch eine Zigarette anzustecken. Um seine Nervosität zu bekämpfen - wie er sich Glauben machte.-

Um Punkt 15 Uhr

klingelte Udo S. bei Zeitarbeitsfirma T. und er stand keine halbe Minute vor der Tür, da wurde ihm aufgetan. Ein elegant gekleideter, gut 1.90m großer Mann hatte ihn mit den Worten: „Sie sind sicher Herr S.“ in Empfang genommen und ehe Udo etwas erwidern konnte, wurde er auch schon in das kleine Personalbüro gebeten. Kaum hatte Udo Platz genommen, wurde ihm von Herrn T. ein Personalbogen vorgelegt. „Den füllen Sie bitte aus“, wies der Chef an und Udo machte sich sogleich daran, alle Fragen, die auf dem Bogen gestellt waren, nach bestem Wissen zu beantworten. Seinen vollständigen Namen wollte man wissen, Wohnort, Familienstand, Krankenkasse und Geburtsort. Haben Sie Ihren Wehrdienst absolviert und: Sind Sie vorbestraft? hieß es weiter. Rasch hatte Udo seine persönlichen Daten angegeben, aber bald wurden dort Fragen gestellt, die Udo in Konflikte bringen konnten, egal wie er sie beantwortete: Sind Sie gesundheitlich eingeschränkt?

Udo wusste genau, dass er sehr wohl eingeschränkt war, körperlich und auch psychisch aber sollte er e h r l i c h antworten? Keine seiner Krankheiten war bisher von einem Arzt als Handicap eingestuft worden! Wahrscheinlich war seine persönliche Einschätzung nicht maßgeblich, dachte er und wenn er jetzt mit „Ja“ antwortete und seine Gebrechen zu Protokoll gab, wäre wohl nicht nur der Job weg, sondern es könnten ihn auch weitere Sanktionen der Arge treffen, wenn diese davon erführe: „Sie werden mich zum Amtsarzt schicken,“ dachte Udo. „Und die werden mich garantiert für gesund erklären.“ Dann hätte er gelogen!

Durfte er mit „Nein“ antworten? , überlegte er. Wenn er nun wieder mal an einer Psychose erkranken würde und die Firma bekäme heraus, dass dies nicht das erste Mal war, könnte das wohl unweigerlich eine Kündigung zur Folge haben! Und ob da die Arge kulanter reagieren und ihm anstandslos Geld aus ihrem Leistungstopf zahlen würde, daran hatte er seine Zweifel. Man könnte ihm eine Mitschuld an der Kündigung wegen unwahrer Angaben geben.

„Schwamm drüber“, dachte er schließlich, „ich werde es riskieren, mit Nein zu antworten!“. Vielleicht waren die zukünftigen Kollegen nett und das Rauchen hatte er ja auch schon etwas eingeschränkt... -

Sind Sie zur Nachtschicht und Sonntagsarbeit bereit, sind Sie zeitlich flexibel , ungebunden und einsetzbar im gesamten Bundesgebiet, sind sie bereit Überstunden zu leisten und Akkordarbeit?

Ja, ja, ja, ja, ja! Udo musste nicht nur wollen, er wollte auch und das unbedingt und darum schob er alle Bedenken beiseite und schließlich hatte er das lange Formular ausgefüllt und dem Chef herüber gereicht.

Herr T. begutachtete den Personalbogen, legte ihn schließlich beiseite und wandte sich nun Udo zu: „Herr S., wir können Ihnen Arbeit in einer kleinen Elektronikfirma bieten, es handelt sich dabei um die Bestückung elektronischer Bauteile auf Platinen“, sagte der Mann. „Sind Sie motorisiert?“

„Nein“, antwortete Udo S., „ich bin auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen.“

„Das Problem ist, die Firma liegt im Gewerbegebiet von Grevenbroich. Aber ich denke: Vom Hauptbahnhof Neuss ist die Verbindung nach Grevenbroich ja sehr gut, es fahren alle Nase lang S-Bahnen dorthin. Wenn Sie Interesse haben, machen wir den Arbeitsvertrag gleich fertig und sie können Montag anfangen...“

Udo begann, innerlich zu jubeln. So einfach war das also: Man füllte ein Papier aus und schwupp-diwupp hatte man einen Arbeitsplatz! Und die unangenehmen Fragen nach irgendwelchen Arbeitszeugnissen vorheriger Arbeitgeber waren auch ausgeblieben!-

Der Chef kramte einen Vertrag aus der Schublade und begann, ihn auszufüllen. „Stundenlohn sind 6,00 Euro brutto“, sagte er nebenbei, „in den ersten 3 Monaten zahlen wir allerdings nur 5.40 Euro. Außerdem ziehen wir Ihnen eine Kaution von 30 Euro für Sicherheitsschuhe vom ersten Lohn ab. Die bekommen Sie aber wieder, wenn Sie bei uns aufhören.“

5,40 Euro. Das war verdammt wenig! Im Kopf rechnete er sich schnell seinen ungefähren Wochenverdienst aus: 5.40 Euro multipliziert mit vermuteten 40 Wochenstunden, das waren:216 Euro brutto. Davon ging dann wohl noch so einiges an Sozialabgaben ab, dachte Udo ernüchtert. Viel mehr als Hartz 4 war das auch nicht, aber trotzdem: Diese Chance wollte er nutzen und alles, wirklich alles war ihm lieber als diese verfluchte Abhängigkeit vom Staat!

Herr T. reichte ihm jetzt den Vertrag zur Durchsicht und Unterschrift.

Udo las: Früh- und Spätschicht sollte er machen. Arbeitsbeginn der Frühschicht war 6.00Uhr morgens. Wie um alles in der Welt sollte er bis 6.00 Uhr in der Früh im Gewerbegebiet Grevenbroich sein? Er wohnte in einem Vorort und der erste Bus zum Bahnhof Neuss fuhr erst gegen 5.45 Uhr.

Er würde das Fahrrad nehmen zum Bahnhof, überlegte er, dann wäre es zu schaffen.- Urlaubs- und Weihnachtsgeld war nicht vorgesehen, ebenfalls keine Sonderzulagen für Überstunden und eventuelle Nachtarbeit, alles war mit 6.00 Euro brutto in der Stunde abgegolten.

26 Urlaubstage standen Udo laut Vertrag zu, immerhin waren das 5 Wochen. Punkt für Punkt ging Udo den Vertrag durch und obwohl er etwas enttäuscht war vom finanziellen Aspekt, schluckte er die Kröte und unterzeichnete.

Danach unterwies ihn der Chef in den Sicherheitsbestimmungen des gewerblichen Betriebs, händigte ihm die Sicherheitsschuhe und ein paar Stundenzettel aus und entließ ihn mit der Hoffnung auf gute Zusammenarbeit aus seinem Büro.-

Udo schnappte tief Luft, als er wieder draußen war, dann zündete er sich eine seiner selbst gestopften an: Der Vertrag hatte es in sich! Das waren ja Stundenlöhne wie für einen 16 jährigen Schüler!

Der Traum, sich von seinem Lohn ein wenig anzusparen, war jedenfalls geplatzt. Desillusioniert lief Udo durch den immer noch strömenden Regen zur Bushaltestelle.-

Sonntagnachmittag regten sich in Udo die ersten Bedenken, ob er dem Job gewachsen sein würde: Platinen bestücken, das erforderte doch sicher eine gewisse Fingerfertigkeit. Ob er wohl Grundkenntnisse der Elektronik benötigte?, fragte er sich bange, dann aber überwog die Hoffnung. „Die Arbeit muss zu schaffen sein, man muss es nur wollen!“, redete er sich ein und dann stellte er sich vor, wie er in der Firma im Akkord Platinen bestückte, als hätte er nie etwas anderes getan.

„Es wird gutgeh`n“ sagte er sich und verwarf seine Ängste und Sorgen bis zum nächsten Morgen.-

Um 4 Uhr in der Früh

riss ihn der Wecker aus seinem oberflächlichen Schlaf und Udo quälte sich müde aus dem Bett. Wieder hatte er gestern zu viel geraucht und dafür nachts die Quittung bekommen. Er hatte fast ununterbrochen gehustet und nur eine Stunde geschlafen.

Udo wankte schlaftrunken in die Küche und machte sich einen Kaffee. Den hatte er sich, trotz seiner miserablen finanziellen Lage, ausnahmsweise erlaubt. Gleich am Samstagnachmittag hatte er für satte 10 Euro bei Netto eingekauft, in der Hoffnung, sein Konto mit seinem zukünftigen Verdienst wenigstens im Laufe der nächsten 4 – 5 Monate ausgeglichen zu haben.

Mit schlechtem Gewissen zündete sich Udo eine seiner selbst gestopften an und kaum hatte er den Rauch in der Lunge hustete er wieder. Mehrere Minuten lang dauerte der Anfall und Udo rang nach Luft, während er zum Fenster lief und es aufriss. Er atmete jetzt mehrmals tief ein und aus. ..

Das hatte geholfen und Udo war, wie so oft in solchen Situationen, wütend auf sich selbst und schimpfte sich willensschwach und selber schuld an seinen Krankheiten. Dann aber stellte er sich unter die Dusche. Es war sehr kalt in der Wohnung, denn Udo hatte aus Kostengründen nicht geheizt und so absolvierte er im Eiltempo sein Körperpflegeprogramm, zog sich an und trank seinen Kaffee.

4:15 Uhr war es jetzt, Udo hatte noch eine Viertelstunde, ehe er aufbrechen musste. Sein Herz begann zu klopfen vor Aufregung und Ungewissheit, wenn er an seinen zukünftigen Arbeitsplatz dachte und sein Blick streifte immer wieder die Tabakdose, die halb leer auf dem Tisch stand.

Eine einzige Zigarette, um die Angst zu betäuben, wollte er sich nun doch noch genehmigen. Wenn er nicht so tief inhalierte, würde es schon ohne Husten gehen und so zündete er sich wider besseren Wissens doch noch eine an. Diesmal hustete er nur wenig und er beschloss, den Tabak mitzunehmen zur Arbeit, obwohl er sich vorgenommen hatte, wenigstens während der Arbeit nicht zu rauchen.-

Die Fahrt mit dem Fahrrad zum Neusser Hauptbahnhof war beschwerlich. Sturm und Regen peitschten ihn endgültig wach und er brauchte fast eine Dreiviertelstunde, ehe er sein Ziel Schweiß überströmt und völlig außer Atem erreicht hatte. Udo `s Herz geriet aus dem Rhythmus, wie in letzter Zeit so oft und er bekam einen Augenblick beklemmende Angstzustände, als er sein Rad in den Fahrradständer schob und anschloss. Dann aber spürte er sein Herz nicht mehr und er beruhigte sich.

Udos nasse Kleidung klebte ihm am Körper und er fröstelte, als er das Bahnhofsgebäude betrat. Er warf einen Blick auf den Fahrplan. 5Uhr 25 würde der Zug nach Grevenbroich abfahren. Gleis 6. Es war jetzt 5 Uhr 15, er hatte noch zehn Minuten Zeit. „Das reicht für eine letzte Zigarette“, dachte er.

Aber zuvor musste er noch die Fahrkarte lösen. Udo hatte am Samstag dreißig Euro extra abgehoben von seinem überschuldeten Konto, um den Fahrschein bezahlen zu können und so steckte er jetzt einen Zehn-Euroschein in den Geldschlitz, drückte sein Fahrtziel und wartete , bis der Automat Fahrkarte und Wechselgeld ausspuckte. Schließlich steuerte er Gleis 6 an, setzte sich in die Raucherzone und drehte sich eine Zigarette...-

Pünktlich rollte der Zug in den Bahnhof ein. Udo stieg ein und die Wärme im Abteil des Zuges ließ ihn jetzt deutlich spüren, wie unangenehm klamm seine Kleidung war. Wie lange es wohl dauern würde, bis seine Sachen getrocknet waren...?

Jetzt übermannte ihn Müdigkeit. Udo schloss einen Moment die Augen und stellte sich vor, in einem warmen Bett zu liegen. Die monatelange Schlaflosigkeit forderte ihren Tribut. Udo stand nun auf und verließ das Abteil. Er zog es vor, die Fahrt im Stehen fortzusetzen, weil er befürchtete, sonst einzuschlafen.

Um 5 Uhr 50 hielt der Zug endlich im Gewerbegebiet Grevenbroich. Udo stieg aus und lief auf den Firmenpark zu. Dicht standen die Betriebe auf einer einzigen langen Straße zusammen .Aufmerksam studierte Udo nun die Namen der einzelnen Firmen, die Hinweisschilder waren Gott sei Dank gut beleuchtet und so brauchte er nicht lange, bis er „seine“ Firma gefunden hatte: die Grevenbroicher Werke für Solarschaltkreise.

Udo sah auf die Uhr: Es war bereits 2 Minuten vor 6 Uhr er musste sich sputen, wenn er seinen Arbeitsplatz rechtzeitig erreichen wollte. Er sah zum Parkplatz herüber, der bereits bis auf den letzten Platz besetzt war, dann suchte er mit den Augen das weitläufige Gebäude nach dem Werkstor ab. Gespenstisch ruhig war es auf der Außenanlage, niemand war da, den er hätte fragen können und so lief er einmal um den Betrieb herum, ehe er den Eingang fand. Hell erleuchtet war es, sein Weg führte ihn als erstes durch das große Lager. Neugierig sah Udo sich um. Kisten von IC‘s und Rollen von Widerständen, Platinen und andere Bauteile stapelten sich in großen Regalen. .

Udo marschierte nun den breiten Hauptgang entlang, bis er vom Lager endlich in die angrenzende Produktionshalle kam. Dort sah er dann die ersten Arbeiterinnen, die dort mit flinken Fingern Platinen mit IC‘s und Widerständen bestückten und die die Lötrahmen mit den Platinen anschließend auf eine Lötstraße setzten. Dort waren sie einem Lötzinnbad ausgesetzt und jedes Mal, wenn am anderen Ende die Prozedur beendet war, qualmte es gewaltig aus der Maschine in den Raum. Ein beißender Dampf aus Flussmittel und verschweltem Plastik schlug Udo entgegen. Als Udo an der Lötstraße vorbeiging packte ihn ein starker Hustenreiz. Er nahm das Getränk aus seiner Tasche, das er als Proviant mitgenommen hatte und betäubte den Reiz.

Es war bereits 6 Uhr 15, als er das Büro des Meisters endlich gefunden hatte. Es war leer und Udo wusste nicht, ob er besser warten sollte, bis sein zukünftiger Vorgesetzter endlich kam, oder ob er jemanden ansprechen sollte. Nervös nestelte er an seiner Jacke und dabei fiel ihm sein Tabak aus der Tasche. Er schaute wieder auf die Uhr.

6 Uhr 20, der Meister kam nicht. Udo entdeckte gleich neben dem Büro den Aufenthaltsraum. Dort würde er warten, überlegte er. Man konnte ja vom Pausenraum aus ganz prima das Büro einsehen, beide Räumlichkeiten waren nur durch eine Glaswand voneinander getrennt.

Udo saß im Aufenthaltsraum und hatte gerade noch Zeit für eine Zigarette, als er einen Mann in blauem Kittel das Büro betreten sah. Das war er! Udo erhob sich sofort und klopfte an. „Guten Morgen“, sagte Udo. „Ich bin Udo S., von der Zeitarbeitsfirma T. Aus Neuss.“

„Die Arbeitszeit beginnt um 6 Uhr! „antwortete der Mann, „nicht um halb sieben! Das war ihnen doch sicher bekannt!“

Udo zog den Kopf ein. „Ich war um 6 Uhr 15 hier“, protestierte er schwach. „Damit wir uns richtig verstehen: Die Arbeitszeit fängt auch nicht um 6 Uhr 15 an, sondern um 6 Uhr!“

Udo war betroffen. Morgen wollte er einen Zug früher nehmen, auch wenn er deshalb um 3 Uhr aufstehen musste!

„Hier ist ein Kittel“, sagte der Meister. „Dürfte Ihre Größe sein!“ Er drückte Udo den Kittel in die Hand und forderte ihn auf, mitzukommen. Ihr Ziel war ein Arbeitsplatz zwischen zwei Frauen am Ende der Lötstraße. „Das ist unsere Frau Schulz“, deutete er auf die Ältere von beiden. „Sie wird Sie einweisen. Und morgen bitte pünktlich!“ Der Meister rauschte davon.-

„Setzen Sie sich hierhin“, sagte Frau Schulz und deutete auf einen leeren Stuhl. Rasch holte sie jetzt eine schon fast fertig bestückte Platine, nahm eines der IC‘s, die auf dem Tisch lagen in die Hand und platzierte es zwischen einigen Widerständen, nahm den Lötkolben und lötete das IC daran fest. „So geht`s. Die IC´s immer zwischen diese beiden Widerstände. Auf der Lötstraße stehen gerade ein paar fehlerhafte Platinen. Holen Sie sich die, machen Sie die fertig und setzen sie die dann auf das andere Band. Hier wird übrigens mit Tempo gearbeitet.“ Frau Schulz setzte sich wieder auf ihren Platz und fing an, überflüssige, zu dicke Lötzinnkleckse auf der vor ihr liegenden Platine zu entfernen.

Udo stand auf und holte sich ein paar Platinen von der Lötstraße. Vorsichtig nahm er ein IC in die Hand und versuchte mit den Augen die Lücke zu finden, zwischen die es gelötet werden sollte. Allein das dauerte fast fünf Minuten und Udo hatte vor lauter Nervosität bereits einen Kloß im Hals, bis er endlich den Platz für das Bauteil gefunden hatte. Vorsichtig wollte Udo es auf die Platine stecken, dabei brach ein Beinchen. Das IC war kaputt.

„Frau Schulz“, sagte Udo. „Das Teil ist kaputt.“ Frau Schulz sprang auf.

„Was machen Sie denn da?“, fragte sie unfreundlich und Udo hatte, wie schon so oft in seinem Leben, das Gefühl, ein Idiot zu sein. „So steckt man das Teil rein!“ Im Bruchteil von Sekunden hatte sie ein neues Elektronikteil auf die Platine gesetzt, verlötet und anschließend zur Weitergabe auf das leere Fließband gebracht Udo nahm die nächste Platine, suchte einige Zeit nach dem

Bestimmungsort fürs IC und fummelte dann sehr lange und umständlich das IC zwischen die Widerstände. Dann warf er nochmal einen heimlichen Blick auf Frau Schulz Löttechnik, um sicher zu gehen, dass er nichts falsch machte. Schließlich fasste er sich ein Herz und verlötete die Teile miteinander. Dann brachte er die Platine auf das leere Fließband. Drei Stunden später hatte Udo gerade mal zwanzig Platinen bearbeitet und jedes Mal dann, wenn er zu Frau Schulz herübersah, trafen ihn ihre Blicke und er sah sie mit ihrer Kollegin tuscheln.-

Endlich, um 9 Uhr 45 klingelte der Werksgong zur Frühstückspause.

Udo wusste um seine schlechte Leistung und peinlich berührt und beschämt suchte er -wie die anderen Arbeiter - den Pausenraum auf. Er setzte sich an einen Tisch und holte seinen Tabak hervor. Über den Umstand, dass sich niemand zu ihm setzte, war Udo eigentlich ganz froh; er hätte niemandem in die Augen sehen können. Zu stark war das Gefühl des Versagens.

Udo sah zu Frau Schulz hinüber. Gott sei Dank, er schien hier wohl kein Gesprächsthema zu sein, denn sie und ihre Kolleginnen würdigten ihn nicht eines Blickes. Udo rauchte in der viertelstündigen Pause vier Zigaretten, dann ertönte erneut der Gong und alle begaben sich auf ihre Plätze.

Kaum hatte Udo seine Arbeit wieder aufgenommen, sah er den Meister, der zielstrebig und mit hochrotem Kopf auf ihn zutrat. Udo erschrak, die Blicke der Kollegen lagen nun auf ihm und er fühlte sich, als hätte man soeben einen großen schweren Felsen auf seinen Brustkorb gelegt.

„Herr S!“ schrie der Meister. „Sie haben die IC‘s falsch herum eingelötet! Wissen Sie eigentlich, wieviel Produktionsausfall das wegen der aufwendigen Fehlersuche bedeutet? Ab jetzt arbeiten Sie den Frauen nur noch zu!“

Udo war schockiert, denn er wusste bis zu diesem Augenblick nicht, dass man IC‘s auch falsch herum einlöten konnte. Hatte er bei Frau Schulz nicht richtig zugesehen? Obwohl er nicht wusste, was genau er falsch gemacht hatte bei der Bestückung, senkte er den Kopf und schwieg...

Der Meister stellte Udo nun direkt ans Ende der Lötstraße und Udo hatte nun die Aufgabe, die frisch aus dem Lötzinnbad kommenden Platinen vom Lötrahmen zu befreien und sie den Frauen herüber zu reichen.

Schon nach einer Viertelstunde aber legte sich ein beklemmendes Gefühl auf seine Brust, so als hätte sich zu viel auf einmal von dem beißenden Qualm , dem er jetzt ununterbrochen ausgesetzt war, auf seine Lungen gesetzt. Gleichzeitig fing er zu husten an - schlimmer als er es je zuvor getan hatte. Trotzdem verharrte er auf seinem Arbeitsplatz, solange bis es nicht mehr ging...

Er musste etwas zu trinken haben, überlegte er: Das würde den Hustenreiz lindern! Aber seine von zuhause mitgebrachte Wasserflasche war leer....

Die Toilette! Er würde seine Flasche auf der Toilette nachfüllen! Udo unterbrach seine Arbeit, nahm die Flasche und fragte eine der Frauen nach dem stillen Örtchen. Dann rannte er schnurstracks auf das WC und verschnaufte erst einmal sitzend auf dem geschlossenen Toilettendeckel. Der Hustenreiz hatte schlagartig nachgelassen! Udos Augen brannten vor Anstrengung und Müdigkeit und unterschwellig nahm er den Geruch von Lötzinn wahr. Kleidung und Hände waren mit dem Gestank der Metalllegierung behaftet. Udo war verzweifelt:

Erst versagte er beim Einlöten der IC‘s und nun schlug der Husten wieder zu! Hätte er nicht so viel geraucht, dachte er, wäre der Qualm sicher besser auszuhalten gewesen! Jetzt würde seine Gesundheit gleich doppelt geschädigt und Schuld war er ganz allein selbst! Udo stand auf und füllte seine leere Plastikflasche nun bis zum Rand voll mit Wasser, dann lief er zurück auf seinen Platz am Ende der Lötstraße... -

Immer und immer wieder wurde an diesem Tag seine Arbeit vom Husten unterbrochen, aber niemand der Betriebsangehörigen kam auf die Idee, ihn für einige Zeit abzulösen oder gar: nach Hause zu schicken. Was sollte er nur tun? Er hatte noch drei Stunden bis zum Feierabend, aber Udo war jetzt schon körperlich und seelisch so erschöpft, als hätte er bereits eine Doppelschicht hinter sich gebracht.

Und wieder geriet sein Herz einen Moment aus dem Rhythmus. Er konnte nicht mehr. Traurig sah er zu Frau Schulz rüber, aber ihr Platz war leer. Stattdessen stand der Meister dort und blickte ihm nun geradewegs in die Augen.

Wie lange stand der schon dort? Ob er ihn beobachtet hatte? Udo hustete nun solange, bis er würgte, sein Herz schlug schnell. Das hatte der Meister doch mitbekommen und Udo hoffte, dass er sich erbarmte und ihm einen anderen Arbeitsplatz zuwies, aber nichts geschah. Ungerührt verschwand der Vorgesetzte wieder und überließ Udo seinem Schicksal...

Udo dachte jetzt darüber nach, wie er diesem Arbeitsplatz möglichst unbeschadet entrinnen konnte. Wenn er jetzt einfach nach Hause ging, wäre er die Stelle wohl los, aber seine Befürchtungen, eine Leistungskürzung zu riskieren, waren groß, so dass er innerlich wankte.

Ein Attest musste her. „Ich werde mich krankmelden“, flüsterte er vor sich her, ließ die Platinen Platinen sein, schnappte sich seine Tasche mit dem Wasser und meldete sich im Meisterbüro ab. Der Chef sah ihn abwertend an, gab aber keine Antwort, sondern winkte ihn bloß wortlos aus dem Büro.

Wieder vor dem Werkstor

Udo war erleichtert, als er endlich wieder vor den Toren des Werkes stand. Sogar die Sonne ließ sich nun hin und wieder zwischen den dicken, herbstlich schnell jagenden Wolken blicken...-

„Jetzt nach Hause fahren und schlafen!“, sehnte sich Udo, aber zunächst einmal hatte er allerlei Erledigungen zu tätigen. Zuerst wollte er den Arztbesuch hinter sich bringen und dann der Zeitarbeitsfirma T. Bescheid geben. Zehn Minuten später hatte Udo das Gewerbegebiet verlassen und befand sich auf dem Bahnhof Grevenbroich.

Udo setzte sich auf die Bank am Bahnsteig Richtung Neuss. Seine Beschwerden waren fast verschwunden, er hustete nicht mehr. Nur das leichte Druckgefühl im Brustkorb war geblieben. Er holte seinen Tabak hervor: Verflucht! Musste das jetzt sein?, fragte er sich und angesichts seines plötzlichen Verlangens nach einer Belohnung für überstandene Strapazen, war ein „Ja“ die einzig mögliche Antwort.

Eine Viertelstunde später saß er im Zug nach Neuss und Udo bekam es wieder mit der Angst zu tun: Was, wenn der Arzt nichts fände und ihn ohne Attest aus der Praxis entließe? Er hätte in dem Fall nichts vorzuweisen, was seine Beschwerden ganz offiziell bestätigte. Würde er dann entlassen und bei der Arge vorstellig werden, könnte man ihm vielleicht einen Strick daraus drehen und ihm die Leistungen erneut kürzen? Und: Selbst wenn die ihm sofort kündigten, wäre er trotzdem verpflichtet, seine Arbeitsaufnahme bei den Behörden zu melden!

Der Papierkram! Es war nicht auszudenken, was da an Antragsflut auf ihn zukommen würde – andererseits: Vielleicht bliebe das eintägige Arbeitsabenteuer unbemerkt, es wäre durch Udos Verschweigen niemandem ein Schaden entstanden. „Wenn sie mich aber nun doch behalten wollen?“

Udos Gedanken drehten sich im Kreis, bis er Neuss erreicht hatte.

„Jetzt erst zum Arzt!“, dachte er, als er sein Fahrrad aus dem Ständer hob. Einhändig und mit brennender Zigarette schlängelte er sich zwischen den Autos entlang der Hauptstraßen.

Es war 14 Uhr 15, als er endlich vor der Praxis seines Hausarztes stand. Um 15 Uhr war Sprechstunde wie bei allen Ärzten in der Umgebung und Zweifel über den Krankheitswert seiner Beschwerden wechselten sich nun ab mit düstersten Selbstdiagnosen und aussichtslosen Prognosen für die Zukunft:

Wie lange hatte er noch? Seit Jahren schlug er sich mit chronischem Husten herum - wer wusste, ob nicht bereits ein Tumor in ihm wucherte! Udo fing an zu schwitzen: So genau wollte er es wirklich nicht wissen! Aber was war, wenn der Doktor auf einer Röntgenaufnahme bestand? Udo lief vor der Praxis auf und ab und um 14 Uhr 45 hatte er seit seiner Ankunft dort bereits wieder vier Zigaretten geraucht.

Mittlerweile hatten sich noch drei andere Patienten eingefunden, zwei alte Damen und eine Frau mittleren Alters. Zusammen warteten sie jetzt noch einige Minuten vor der Tür, bis endlich von drinnen geöffnet wurde. Nach kurzer Schilderung seiner Symptome wurde Udo mit den Worten: „Sie sind ohne Termin. Das kann ein Weilchen dauern“, in das Wartezimmer verwiesen.

Geduldig setzte sich Udo, er versuchte sich in die ausliegenden Zeitschriften zu vertiefen, aber immer wieder schweiften seine Gedanken ab und er fragte sich, wie es nun weitergehen sollte mit ihm. Für Udo war die Sache gelaufen: Erst versagt beim Löten und Produktionsausfall verursacht und dann zu krank für die einfachen Sachen! Nein, das machte keine Firma mit! Und schon gar nicht am ersten Tag!

Und trotzdem musste er jetzt hier sitzen und so tun, als glaubte er ganz fest an eine Weiterbeschäftigung.

Udo hüstelte nur schwach und das war ihm im Moment gar nicht recht. Ein starker Husten würde das Personal und den Arzt beeindrucken, er aber hatte seiner Ansicht nach ausgerechnet in diesen Momenten beim Arzt nichts vorzuweisen, was ein Attest rechtfertigen könnte. Das Wartezimmer hatte sich inzwischen bis auf den letzten Platz gefüllt und alle waren scheinbar mit Termin da, denn Udo saß geschlagene zwei Stunden, ehe er in das Sprechzimmer gerufen wurde.

„Akute Bronchitis“, lautete die knappe Diagnose des Arztes, als der ihn abgehört hatte. Udo fielen gleich mehrere Steine vom Herzen. Er hatte anstandslos ein Attest bekommen und war eine ganze Woche krankgeschrieben. Und er musste seine Lunge nicht röntgen lassen.

„Was für ein Glück“, dachte er, als er die Praxis verlassen hatte: „Wenn ich nämlich Krebs habe, möchte ich das lieber nicht wissen!“ Aber, wer wusste, vielleicht war seine Lunge ja noch gar nicht zerfressen von einem Tumor. Sicher hätte der Doktor gemerkt, wenn er ernsthaft erkrankt wäre. Dass die Röntgenaufnahme unterblieben war, konnte man doch nur als ein gutes Zeichen werten. Udo drehte sich jetzt eine Zigarette und rauchte sie genüsslich. „Wenn ich dieses Päckchen Tabak auf geraucht habe, werde ich endgültig aufhören. Man soll das Schicksal nicht herausfordern...!“ -

Jetzt galt es erst mal, Zeitarbeitsfirma T. anzurufen und sich telefonisch krank zu melden. „Das Attest werde ich morgen abschicken“, dachte er und schwang sich auf sein Fahrrad.

Um ungefähr 17 Uhr 30

betrat Udo S. seine Wohnung an diesem Abend wieder. Es war bereits dunkel und unangenehm kalt und Udo knipste in Flur und Wohnzimmer das Licht an. Heizen wollte er aber noch nicht .Er hatte sich ganz fest vorgenommen, die Heizung nur für drei Stunden am Tag aufzudrehen und das auch nur, wenn es unumgänglich war und so beschloss er angesichts der recht frühen Abendstunden, erst um 20 Uhr zu heizen, sonst war die Wärme verflogen ehe er es sich vor dem Fernseher bequem machen konnte. Udo holte einen dicken Pullover aus seinem Kleiderschrank und zog ihn über, dann machte er sich daran, die Telefonnummer von Zeitarbeitsfirma T. herauszusuchen, aber erreicht hatte er nur den Anrufbeantworter. Er gab Namen, Telefonnummer und Grund seines Anrufes an, dann hatte er für diesen Tag seine Schuldigkeit getan...-