Der verhängnisvolle Schulausflug - Patricia Vandenberg - E-Book

Der verhängnisvolle Schulausflug E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Im Hause Laurin waren heftige Diskussionen ausgetragen worden, als die Zwillinge Konstantin und Kaja mit der Nachricht heimkamen, dass sie mit ihrer Schulklasse ins Skilager in die Dolomiten fahren würden. Begeistert war Antonia Laurin nicht gerade, aber es gehörte nun mal dazu, dass so ein Skilager stattfand. Und schließlich waren die Zwillinge nicht mehr so klein, dass man ihnen nicht vertrauen konnte. Dr. Leon Laurin hatte nur leicht die Stirn gerunzelt. »Da wird wieder allerhand passieren«, sagte er. »Welche Lehrer fahren mit?« »Dr. Berger und die Möllner«, erwiderte Konstantin. »Wenn was passiert, dann zwischen den beiden. Die Möllner ist hinter Berger her wie die Feuerwehr. Aber vielleicht will der Direx sie verkuppeln.« »Warum denn das?«, fragte Antonia unbefangen. »Weil er selbst was mit der Möllner hat«, erklärte Konstantin. »Das darfst du nicht sagen, Kons­tantin«, verwies Kaja ihren Zwillingsbruder, »das wird bloß geklatscht.« »Die Möllner nimmt, was sie kriegt«, knurrte Konstantin. »Aber vielleicht bringen wir sie auf Vordermann, wenn wir sie unter Aufsicht haben.« Leon Laurin grinste jungenhaft und zwinkerte seiner Frau zu. Antonia war beruhigt. Wenn ihr Mann die Ausdrucksweise der Kinder nicht allzu Ernst nahm und rügte, wollte sie es auch nicht tun. Kevin erklärte, dass er Skilager grässlich fände und niemals mitfahren würde. Kyra, das Nesthäkchen, meinte, dass man sich doch nicht ausschließen dürfe, und sie bekam daraufhin von ihrem älteren Bruder Kevin zu hören, dass sie erst mitreden dürfe, wenn es bei ihr mal so weit wäre. Schnell kam der Morgen herbei, an dem die Fahrt losgehen sollte. Antonia brachte die Zwillinge samt Ausrüstung zur Schule, wo

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Laurin – 152 –Der verhängnisvolle Schulausflug

Ein dramatisches Ereignis erschrecken Leon und Antonia Laurin zutiefst

Patricia Vandenberg

Im Hause Laurin waren heftige Diskussionen ausgetragen worden, als die Zwillinge Konstantin und Kaja mit der Nachricht heimkamen, dass sie mit ihrer Schulklasse ins Skilager in die Dolomiten fahren würden.

Begeistert war Antonia Laurin nicht gerade, aber es gehörte nun mal dazu, dass so ein Skilager stattfand. Und schließlich waren die Zwillinge nicht mehr so klein, dass man ihnen nicht vertrauen konnte.

Dr. Leon Laurin hatte nur leicht die Stirn gerunzelt. »Da wird wieder allerhand passieren«, sagte er. »Welche Lehrer fahren mit?«

»Dr. Berger und die Möllner«, erwiderte Konstantin. »Wenn was passiert, dann zwischen den beiden. Die Möllner ist hinter Berger her wie die Feuerwehr. Aber vielleicht will der Direx sie verkuppeln.«

»Warum denn das?«, fragte Antonia unbefangen.

»Weil er selbst was mit der Möllner hat«, erklärte Konstantin.

»Das darfst du nicht sagen, Kons­tantin«, verwies Kaja ihren Zwillingsbruder, »das wird bloß geklatscht.«

»Die Möllner nimmt, was sie kriegt«, knurrte Konstantin. »Aber vielleicht bringen wir sie auf Vordermann, wenn wir sie unter Aufsicht haben.«

Leon Laurin grinste jungenhaft und zwinkerte seiner Frau zu. Antonia war beruhigt. Wenn ihr Mann die Ausdrucksweise der Kinder nicht allzu Ernst nahm und rügte, wollte sie es auch nicht tun.

Kevin erklärte, dass er Skilager grässlich fände und niemals mitfahren würde. Kyra, das Nesthäkchen, meinte, dass man sich doch nicht ausschließen dürfe, und sie bekam daraufhin von ihrem älteren Bruder Kevin zu hören, dass sie erst mitreden dürfe, wenn es bei ihr mal so weit wäre.

Schnell kam der Morgen herbei, an dem die Fahrt losgehen sollte. Antonia brachte die Zwillinge samt Ausrüstung zur Schule, wo die Busse warteten. Es war sieben Uhr und noch stockdunkel. Konstantin gab sich forsch. Kaja war recht trübsinnig.

Die meisten ihrer Mitschüler waren schon da und hellauf begeistert. Die dazugehörigen Mütter oder Väter waren unterschiedlicher Stimmung. Für Antonia war das recht interessant.

Während sich die Studienassessorin Judith Möllner mit einem noch jungen, gut aussehenden Vater unterhielt und sich sonst um nichts kümmerte, begrüßte Studienrat Dr. Wolfgang Berger höflich die anwesenden Eltern. Antonia Laurin kannte ihn schon, da sie noch immer gewissenhaft ihre Pflichten im Elternbeirat erfüllte. Wolfgang Berger war ein sympathischer junger Mann, der Schwarm vieler Schülerinnen, noch Junggeselle, aber nach Antonias Ansicht ein Mann von Charakter und sehr zuverlässig.

Antonia machte es kurz. »Wenn etwas ist – Anruf genügt, Herr Dr. Berger«, sagte sie.

»Ich werde mein Bestes tun, Frau Doktor«, erwiderte er. »Konstantin und Kaja sind meine Stützen.«

Antonia umarmte ihre Zwillinge und fuhr heim, bevor sie in triste Abschiedsstimmung geriet und man ihr die Wehmut ansehen konnte. Dann brachte sie Kevin und Kyra zur Schule.

»Wenn sie bloß schon wieder da wären«, brummelte Kevin.

»Mach Mami das Herz nicht schwer«, tadelte Kyra. Aber auch ihr Stimmchen war unsicher.

Dr. Laurin war schon in die Klinik gefahren, als Antonia heimkehrte.

Es gab noch jemanden, der an die Zwillinge dachte. Schwester Maries erste Frage an den Chefarzt war: »Sind Konstantin und Kaja schon unterwegs?«

»Antonia hat sie zum Bus gebracht«, erwiderte Leon knapp. Und daraus entnahm Schwester Marie, dass auch er mit gemischten Gefühlen an die Trennung dachte.

Aber in der Klinik ging die Arbeit weiter. Im OP lag Frau Klinger zur Operation bereit. Ein Prolapses uteri, ein Gebärmuttervorfall, musste korrigiert werden. Das war nun wirklich eine Routineoperation, und darüber war Schwester Marie froh, denn Dr. Laurin schien ihr doch ziemlich geistesabwesend.

Doch im OP änderte sich das schlagartig. Da war er ganz konzentriert, und als die Patientin in ihr Zimmer gefahren wurde, war die Schulklasse schon fast am Ziel.

*

Die Pension, in der die Kinder untergebracht waren, lag an einem schneebedeckten Hang. Der Bus hatte nur mühsam bis vor die Tür fahren können, da es in der Nacht sehr heftig geschneit hatte.

»Mach doch nicht so ein trübes Gesicht, Kaja«, sagte Konstantin zu seiner Schwester. »Ist doch sehr hübsch hier.«

Kaja legte den Kopf zurück. »Ich muss schauen, dass ich mit Moni und Trixi ein Zimmer bekomme«, sagte sie. »Viel Glück bei deinen Bettgenossen, Bruderherz.«

Der Sturm ging los. Wer zuerst kommt, war immer am besten dran. Kaja hatte Glück. Sie konnte sich ein Zweibettzimmer mit Trixi Zimmermann schnappen. Es war winzig, aber Trixi war ein Mädchen, mit dem man auskommen konnte, ruhig und bescheiden, wie es auch Kaja war. Und Trixi war auch keine begeisterte Skifahrerin.

»Man kann uns doch zu nichts zwingen, Kaja?«, sagte sie ängstlich.

»Ach was, Dr. Berger macht das schon«, antwortete Kaja. »Nur keine Panik, Trixi.«

»Meine Mami hat Angst«, erzählte die Mitschülerin.

»Meine auch, wenn sie es auch nicht zeigt«, sagte Kaja, und ihr Blick irrte sehnsüchtig in die Ferne. Sie hatte jetzt schon Heimweh. Sie legte den Arm um Trixi, als diese zu ihr ans Fenster trat. »Die zwei Wochen werden wir schon überstehen, Trixi«, meinte sie tröstend, als ihrer Freundin die Tränen über die Wangen kullerten. »Vielleicht kann ich zu Hause anrufen, und meine Mami sagt deiner dann bestimmt Bescheid.«

Kaja wusste, dass es für Trixis Mutter wirklich ein Opfer gewesen war, die fünfhundert Euro für das Skilager aufzubringen, denn sie war von ihrem Mann geschieden und musste allein für ihre Tochter sorgen. Aber Kaja hätte niemals gesagt, dass sie Bescheid wusste.

Immerhin wurde es vier Uhr nachmittags, bis Kaja Verbindung mit zu Hause bekam. Trixi leistete ihr beim Warten Gesellschaft. Endlich war es so weit. Kaja vernahm die Stimme ihrer Mami.

»Es ist alles gut gegangen, Mami. Ich bin mit Trixi in einem Zimmer. Sag ihrer Mutter bitte Bescheid. Lange reden kann ich nicht. Ja, Konstantin ist auch gut untergebracht. In einem Viererzimmer, aber der schafft’s schon. Massig Schnee gibt es hier. Wenn man fällt, fällt man weich, Mami. Macht euch keine Sorgen. Kümmere dich bitte ein bisschen um Frau Zimmermann und sag ihr Grüße von Trixi.«

Antonia atmete tief durch, als sie den Hörer auflegte. »Sie sind gut angekommen, Karin«, sagte sie zu ihrer Haushaltshilfe. Es klang sehr erleichtert.

»Aber wie geht’s weiter?«, fragte diese.

»Unke nicht«, tadelte Antonia lächelnd. »Ich fahre schnell mal zu Frau Zimmermann.«

»Kann ich mitkommen, Mami?«, fragte Kyra von der Treppe her.

»Ich bin gleich wieder zurück, Schätzchen«, erwiderte Antonia. »Ich weiß gar nicht, ob Frau Zimmermann schon zu Hause ist.«

Margot Zimmermann war zu Hause. Sie bewohnte mit ihrer Tochter eine kleine Zweizimmerwohnung im Dachgeschoss eines Zweifamilienhauses.

Sie war eine schlanke blasse Frau, der man ansah, dass sie einmal bessere Tage gesehen hatte. Antonia Laurin kannte ihre Lebensgeschichte, denn Dr. Friedrich Brink hatte die Ehescheidung durchgeführt. Margot Zimmermann war ein vermögendes Mädchen gewesen, als sie Eberhard Zimmermann geheiratet hatte, aber er hatte nicht lange gebraucht, ihr Vermögen durchzubringen, und dann hatte er sich wieder eine vermögende Frau gesucht. Er wäre verpflichtet gewesen, wenigstens Unterhalt für Trixi zu zahlen, aber er zahlte nicht, und Margot war des Kämpfens müde geworden.

»Frau Dr. Laurin!«, rief sie überrascht aus, als sie Antonia die Tür öffnete. »Es ist doch nichts passiert?«

»Keine Sorge, Frau Zimmermann«, sagte Antonia. »Kaja hat mich eben angerufen. Sie ist mit Trixi in einem Zimmer, und die zwei verstehen sich gut. Ich soll Ihnen nur Bescheid sagen, dass herrlicher Schnee liegt.«

»Ich bin kein Mensch, wenn das Kind nicht bei mir ist«, gestand Margot Zimmermann. »Bitte, verstehen Sie das, Frau Dr. Laurin. Ich will ja nicht, dass Trixi auf alles verzichten soll, aber ich habe so eine wahnsinnige Angst, dass dem Kind was passiert.«

»Ich habe auch Angst um meine Kinder, Frau Zimmermann. Ich verstehe Sie sehr gut.«

»Mein Chef hat Trixi die Skiausrüstung zu Weihnachten geschenkt«, sagte Margot leise. »Herr Walther ist so nett. Ich wollte nur einen Vorschuss, damit Trixi nicht wieder zurückstehen muss. Und nun weiß ich gar nicht, ob ich ihr einen Gefallen damit getan habe. Sie wollte gar nicht mitfahren.«

»Es wird ihr gefallen, Frau Zimmermann«, sagte Antonia. »Unsere Kaja wird schon das Ihre dazu beitragen.«

»Ja, Kaja ist lieb, aber die anderen lassen es Trixi schon sehr spüren, dass wir bescheiden leben müssen. Sie wissen ja sicher Bescheid, Frau Dr. Laurin.«

»Sie sind eine tapfere Frau, das wissen wir«, sagte Antonia. »Trixi ist ein liebes Mädchen, und manchen anderen täte es gut, wenn sie bescheidener leben würden und nicht so angäben.«

»Die Tage werden endlos sein«, murmelte Margot Zimmermann. »Es ist so leer ohne das Kind. Es kommt mir vor, als wäre sie schon ewig weg. Dabei habe ich sie doch nur abends.«

Mein Gott, wie gut haben wir es, dachte Antonia, als sie wenig später heimwärts fuhr. Wie dankbar muss ich sein, dass ich solche Sorgen nicht habe.

Aber auch sie war eine besorgte Mutter und hatte die gleichen Ängste wie Margot Zimmermann.

Der Drogist Walther schien ein gutes Herz zu haben, auch das ging Antonia Laurin durch den Sinn. Sie kannte den leidgeprüften Mann, der vor vier Jahren seine Frau verloren hatte. Sie war mitten aus dem Leben hinweggerafft worden, als ein betrunkener Autofahrer auf den Gehsteig raste.

Ein verbitterter Mann blieb zurück, und in diesem Fall konnte man von Glück sagen, dass keine Kinder vorhanden waren, denn Gerhard Walther wurde mit diesem Schicksalsschlag lange nicht fertig. Sicher war es gut für ihn, in Frau Zimmermann eine Mitarbeiterin gefunden zu haben, die selbst so manche Nackenschläge bekommen hatte. Und wenn er Trixi eine ganze Skiausrüstung schenkte, musste er wohl auch für das Mädchen etwas übrig haben.

Antonia war recht zufrieden, als sie wieder heimkam. »Warst aber ziemlich lange weg, Mami«, meinte Kyra vorwurfsvoll.

»Ich habe mich ein Weilchen mit Frau Zimmermann unterhalten. Darf ich das nicht?«, fragte Antonia.

»Natürlich darfst du, aber ich habe die Funkstreife gehört, und da war mir bange«, sagte Kyra kleinlaut.

Da wird wieder mal ein Unfall passiert sein, dachte Antonia. Eisglätte und Nebel brachten solche täglich mit sich.

Tatsächlich hatte man in der Prof.-Kayser-Klinik alle Hände voll zu tun, denn zwei Autos waren an der Kreuzung zusammengestoßen, und es hatte vier Schwerverletzte gegeben. Für die Ärzte von der Chirurgischen Abteilung gab es noch lange keinen Feierabend, aber auch auf der Frauenstation hatte man zusätzliche Arbeit bekommen, denn eine der Wageninsassinnen war hochschwanger, und das Leben des ungeborenen Kindes war ebenso gefährdet wie das der werdenden Mutter. Jedenfalls musste das Kind durch einen Kaiserschnitt geholt werden, damit die verletzte Mutter ausreichend medikamentös behandelt werden konnte. Allein so war möglicherweise beider Leben zu retten.

Der Operationssaal war bereit, die Ärzte – Dr. Laurin, Dr. Rasmus und Dr. Lenz – verständigten sich kurz, Operationsschwester Irma kontrollierte nochmals die Instrumente, und nur ein leises Klappern und Klirren war zu vernehmen, sonst herrschte absolute Stille. Die Ärzte waren konzentriert.

Auf der Chirurgischen ging es ähnlich zu, aber einer der Verletzten war jetzt bei Bewusstsein.

»Meine Frau, das Baby!«, stöhnte er.

»Es kommt alles in Ordnung«, sagte Dr. Eckart Sternberg beruhigend. »Würden Sie uns bitte Ihre Personalien geben?«

»Ich muss Elke sehen.«

»Sie dürfen sich jetzt nicht aufregen«, sagte Dr. Sternberg. »Ihr Name, bitte.«

»Stöhr, Peter Stöhr, Elke Stöhr«, flüsterte der Verletzte monoton. »Tulpenstraße 13. Elke hat gesagt, dass uns die Nummer kein Glück bringt.«

Er bekam eine Beruhigungsspritze, aber das merkte er gar nicht. Dr. Sternberg war es alles andere als wohl zumute, denn er wusste, dass es um Elke Stöhr bedeutend schlechter stand als um ihren Mann, der mit Prellungen, Schnittwunden und einer nicht allzu schweren Gehirnerschütterung davongekommen war.

Doch der erfahrene Arzt wusste auch, dass ein zweiter Schock schlimmere Folgen nach sich ziehen konnte. Zum Glück wirkte die Spritze rasch und schaltete das Bewusstsein des Patienten vorübergehend aus.

Nun musste Dr. Sternberg auch in den OP und sich der beiden jungen Männer annehmen, die den Unfall verursacht hatten.

»Du lieber Himmel, das ist Lutz Priller!«, stieß Dr. Hillenberg hervor, als das Gesicht des blonden Jungen vom Blut befreit war. »Da wird noch allerhand auf uns zukommen.«

Eine nähere Erklärung wollte Dr. Sternberg jetzt gar nicht hören. »Welche Blutgruppe?«, fragte er knapp.

»Wird gerade festgestellt«, erwiderte Dr. Hillenberg.

»Keine Ausweise?«

»Nicht in den Taschen.«

»Blutgruppe Null!«, rief jetzt Schwester Maria.

»Konserven bereithalten. Angehörige verständigen.«

»Wen denn?«, fragte Schwester Maria konsterniert.

»Priller, Anton Priller«, erwiderte Dr. Hillenberg heiser.

»Und der andere?«, fragte Schwester Maria.

»Wissen wir noch nicht.«

*

»Papi kommt heute wohl gar nicht?«, fragte Kyra, als die Uhr acht Mal schlug.

»In der Klinik wird was passiert sein«, meinte Kevin.

Der Unfall, dachte Antonia, sicher hat Leon deswegen keine Zeit.

In der gleichen Minute hielt Dr. Laurin das Baby in den Händen. »Sauerstoff, Inkubator«, ordnete er kurz an. Er musste sich jetzt ausschließlich um die junge Mutter kümmern, deren Herz nur noch schwach schlug.

Nun jedoch konnte man alle Mittel einsetzen, die zur Verfügung standen, da das Kind dadurch nicht mehr geschädigt werden konnte. Der Kampf um Elke Stöhrs Leben begann, und er sollte Stunden dauern. Das Kind erwies sich, allen Ängsten zum Trotz, als ein recht kräftiger Junge, fast sechs Pfund schwer und gut entwickelt.

Wenigstens Schwester Marie, die sich seiner angenommen hatte, konnte zufrieden sein.

Antonia Laurin wurde von Unruhe hin und her getrieben, als der Zeiger der Uhr nun schon auf die Zehn rückte und noch immer keine Nachricht aus der Klinik gekommen war.

Antonia entschloss sich, zur Klinik zu gehen. Es war glatt und sehr kalt. Aber der volle Mond stand am Himmel, und so wurde auch der Weg durch den Klinikpark nicht unheimlich. Hell erleuchtet war die Vorhalle, was besagte, dass noch keine Nachtruhe eingekehrt war und sich dort wohl Besucher aufhalten mussten.

Antonia erkannte Schwester Hilde, die auf einen grauhaarigen Mann einredete. Es waren auch noch vier weitere Personen in der Halle.

»Er kann nicht gefahren sein!«, stöhnte der grauhaarige Mann. »Er hat doch den Führerschein noch gar nicht.«

Antonia hörte die Worte, und jetzt erkannte sie ihn.

»Herr Priller!«

»Frau Doktor«, rief Schwester Hilde ihr zur, »hier ist die Hölle los!«

»Mein Sohn, der Lutz«, stammelte Anton Priller, »ein Unfall. Man hat mich geholt, aber es kann doch nicht Lutz sein, er ist doch im Internat.«

Antonia wusste eine ganze Menge über Lutz Priller. Er hatte das Gymnasium verlassen müssen, als er in der Oberstufe zum zweiten Mal sitzen geblieben war, doch die Prillers hatten Geld genug, und so war Lutz in ein teures Internat gekommen. Es war jetzt aber nicht der Zeitpunkt, über solche Probleme zu sprechen.

»Ich werde mich erkundigen, Herr Priller«, versprach Antonia. »Beruhigen Sie sich bitte.«

Schwester Hilde hatte noch mehr zu tun, als die Angehörigen zu beruhigen.

»Wo ist mein Mann?«, fragte Antonia leise.

»Im OP.« Hilde flüsterte nur, und Antonia erfuhr, was sich da abgespielt hatte. So ging sie schnell zur Säuglingsstation.

Über Maries Gesicht glitt ein flüchtiges Lächeln, als sie Antonia gewahrte. »Sie haben sich wohl Sorgen gemacht?«, sagte sie. »Das Baby ist ganz in Ordnung, hoffentlich überlebt die Mutter.«

Antonia betrachtete das Baby, das nun friedlich schlief. »Der Bub hat schon mächtig gebrüllt«, berichtete Schwester Marie. »Wäre sowieso bald zur Welt gekommen.«

»Ist der Name bekannt?«, fragte Antonia.

Schwester Marie nickte. »Stöhr heißen die Eltern, Peter und Elke Stöhr. Der Mann liegt drüben. Schuld waren zwei junge Burschen mit so ’nem Flitzer.«

»Einer davon ist anscheinend Lutz Priller«, sagte Antonia beklommen.

»Guter Gott, das bringt seine Mutter um«, seufzte Schwester Marie. »Ist doch nur noch ein Endchen Licht.«

Das Drama der Familie Priller war auch ihr bekannt. Luise Priller war vor einem Jahr in der Prof.-Kayser-Klinik operiert worden – Totaloperation, nachdem eine Krebsgeschwulst festgestellt worden war.

Mit achtunddreißig Jahren hatte Frau Priller ihr erstes Kind zur Welt gebracht, ein Mädchen, das jetzt neunzehn war. Schon vor zwei Jahren war es mit einem bedeutend älteren Mann durchgebrannt. Die Sache war vertuscht worden, zumal der Mann sie dann mit einem Kind sitzen ließ. An Lutz, der jetzt siebzehn war, hatten die Eltern auch keine Freude erlebt, und dabei waren sie seinerzeit doch so glücklich gewesen, noch zwei Kinder zu bekommen. Alles hatten Helga und Lutz bekommen, kein Wunsch war ihnen versagt geblieben.

Antonia dachte daran, als sie zur Chirurgischen Station ging. Dort ging es noch hektischer her als auf der Gynäkologischen. Ein junger Mann in einem Bademantel, der der Klinik gehörte, kam Antonia entgegengetaumelt.