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„Der verlassene Himmel“ ist eine außergewöhnliche Geschichte der mehrmonatigen Rückkehr der Warschauer Familie Schumski in ihre Heimat im Frühjahr 1945. Vater Wojciech, seine drei Kinder Teresa, auch Tessi genannt, Kazio und Stefania sowie die Kinderfrau „Witkosia“ brechen vom Inhaftierungslager Groß-Rosen gen Osten auf. Mit einem Pferdewagen fahren sie über Breslau und die verlassenen Gebiete im Westen, in denen bis vor wenigen Wochen noch Deutsche lebten – ein Niemandsland mit neuen Chancen und dramatischen Schicksalen. Sie durchqueren das halbe Land, um an ihre Vergangenheit anzuknüpfen und sich dennoch ein neues Leben aufzubauen. Unterwegs begegnen sie anderen Rückkehrern, Flüchtlingen und Suchenden. Authentische Menschen und Ereignisse in Zeiten des Nachkriegschaos. Eine Reise voller Gefahren, Verrat, aber auch großer Gefühle und Lebensentscheidungen. Eine fesselnde Geschichte nach wahren Begebenheiten, die überrascht und unter die Haut geht.
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Elwira Krupp
DERVERLASSENE HIMMEL
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2024
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für meine Großmutter Teresa Gąsiorowska-Szumska.
Copyright der polnischen Originalausgabe (2017) LSW Verlag, Warschau
Copyright für die deutschsprachige Ausgabe (2024) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
www.engelsdorfer-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Februar 1945
Gross-Rosen. Spätherbst 1944
Der Brotkanten
Die ersten Augenblicke der Freiheit
„Saska kçpa“
Tag des Aufbruchs
OMA WITKOSIA – Josefa Witkowska
Der erste Halt
Die Nachtwache
Nächtlicher Besuch
Der Morgen danach
Unterwegs
Frau von Kulbitz
Unter dem Japanischen Kirschbaum
Die Bibliothek
Cäsar
Breslau
Doktor Taschynski
In der Arztpraxis
Hasenpastete
Das Tagebuch
Die Entscheidung
Großpolen
Posen
Teresa
Warschau
Wójty Trojany
Die Kisten
Der Erste September 1945
In der Schule
Das Einmaleins
Mai 1945, München Stadelheim
Wójty Trojany, Oktober 1945
Die Abreise
Stechende Winterluft mit Millionen von dünnen Nadeln dringt in den Hals und bohrt sich in die Bronchien. Teresa holt Luft mit kleinen vorsichtigen Atemzügen, so wie man Eislimonade trinkt, um eine Kälteexplosion im Kopf zu vermeiden.
Die Kälte um sie schillert im Licht der tiefstehenden winterlichen Sonne und kneift in die Haut.
Blasse Gruppen kahler Birkenstämme und dünner Kiefern in der Ferne der offenen, flachen, grau-weißen Felder reflektieren das trübe Licht des Tages.
Alle Gefangenen wurden in einer langen, geraden Reihe aufgestellt. Kinder und Erwachsene, Frauen, Männer, Polen, Franzosen, Holländer, Russen. Die Gefangenen des KZ Lagers- Groß-Rosen. Unter ihnen das neunjährige Mädchen Teresa. Zu Hause in der besseren Welt wurde sie liebevoll Tessi genannt.
Eine erdrückende Angst nahm ihr fast das Bewusstsein, die Kehle so eng geschnürt, dass jeder Schluck wehtat. Ihr ganzer Körper wurde taub vom Frost. Sie spürte die wunden Stellen, die juckenden Läusebisse und die Krätze, die sie alle seit vier Monaten peinigten, nicht mehr.
Sie spürt sie nicht mehr, betäubt von Kälte und Adrenalinstößen. Der nasse Schnee, bildete an ihren müden Füßen eine Art schweres Schuhwerk, mit dem sie direkt auf der Stelle festfror.
Sie hatte die inzwischen zu einem Lumpen verfilzte Persianerjacke, die ihre Nanny, Oma-Witkosia ihr vor der Deportation über die vielen Kleidungschichten gezogen hatte, an.
Sie zitterte trotzdem.
Hier und da erhoben sich beängstigend einzelne gedämpfte Schreie und stille Gebete in die Luft. Sie drückte ihren Kopf noch tiefer in den Bauch ihres lieben Omchens-Witkosia.
Sie wollte nicht mehr in den frisch ausgehobenen Graben schauen, nicht mehr in die Richtung, in der sich gerade SS-Männer zum Erschießungskommando sammelten.
Dicht neben ihr stand ihre erwachsene Halbschwester Stefania, Hand in Hand mit ihrem älteren Bruder Kazio.
Links von ihnen der Vater, wie erstarrt geradeaus schauend, den Blick in die unerreichbare Ferne gerichtet. Sie warteten diese unerträgliche Zeit, bis sie, einer nach dem anderen in den Graben sinken würden.
Auf einmal wurde die gespannte, unerträgliche Stille von einer einzelnen unsicheren, zittrigen Stimme unterbrochen: Jemand stimmte die ersten Strophen des populären Kirchenliedes an: ‚Heilige Mutter, Du herzliche Beschützerin der Menschenkinder. Solle Dich das Klagen der Weisen zum Mitleid bewegen …’
Bald erklangen aus vielen Kehlen, vermischt mit Schluchzen, weitere Wörter und Strophen: ‚ … Wir verbannten Kinder Evas rufen zu Dir, erbarme Dich, erbarme Dich, dass wir nicht auf der Welt irren müssen …’
‚Heilige Mutter, lass uns, oh lass uns in das Himmelreich eintreten, und ausruhen vor Deines Sohnes Füßen.’
In der Zwischenzeit wartete ungeduldig hinter ihnen das Exekutionskommando auf das Zeichen zur Eröffnung des Feuers.
„Oma, was wird jetzt mit uns passieren?“
Kalte Tränen rollten Teresa über die Wangen. „Oma, Oma“, jammerte sie leise. ‚Großer Gott im Himmel erbarme Dich, hilf uns!’, dachte das Kind und spürte, wie sich die knochigen Finger der Nanny an ihren Armen schmerzhaft verkrampften.
„Tessi, Liebes, du brauchst dich nicht zu ängstigen, es wird gleich vorbei sein und danach wirst du keine Kälte und keinen Hunger mehr spüren“.
Sie hörte das kaum wahrnehmbare, trockene Flüstern Witkosias.
Sie presste ihren Kopf noch fester in den dünnen Bauch von Oma-Witkosia und versuchte krampfhaft ihren Geist in eine andere Dimension flüchten zu lassen, sich an etwas Schönes zu erinnern.
An das Zuhause, das es nicht mehr gab, weil ihr Haus auf die Veranlassung der Gestapo abgerissen worden war. An Mamachen. An die Zeit bevor der ganze Albtraum begann.
Das Exekutionskommando war so weit, die SS-Männer erhoben langsam ihre Gewehre. Die traurige Melodie und die Wörter des Kirchenliedes brachen abrupt ab. Lähmendes Schweigen umhüllte die letzten Sekunden der Lagerinsassen.
In diesem Augenblick zeigte sich die Wintersonne hinter den Wolken. So fern, gleichgültig und grell in der kristallklaren Luft beschien sie ihre Welt.
Plötzlich, bevor der erste Schuss fiel und der erste Tote in die nasse Grube rutschen konnte, vernahmen sie ein leises Geräusch. Von Sekunde zu Sekunde wurde es lauter – eindeutig das Motorengeräusch eines Flugzeugs, das sich in ihre Richtung bewegte. Die Zeit erstarb, als ob sie den Atem anhalten würde. Für den Bruchteil einer Sekunde, der ewig zu dauern schien, blieb alles in der Starre gefangen.
Nur das eine Geräusch schien zu existieren, zu leben und zu wachsen … tuk, tuk, tuk tuk tuk tuk tuk– stach es in die Stille, wie eine Messerspitze. Alle hoben die Köpfe in Richtung Himmel. ‚KUKURYZNIK!’, dachte Teresa erstaunt.
Die russische Maschine ging tiefer und flog direkt über ihre Köpfe, über den langen Graben, über das Erschießungskommando. Man hörte einzelne Schüsse, aber niemand fiel zu Boden. Die SS-Männer rannten zu den Lastwagen. Die Ereignisse überschlugen sich. Die Lastwagen mit den Soldaten verschwanden in der Ferne und die Gefangenen blieben, so wie sie aufgereiht worden waren, verunsichert stehen.
„Oma Witkosia, was ist mit den Deutschen?“, fragte Tessi.
„Was werden sie jetzt mit uns machen?“ Das Gesicht von „Witkosia“, war blass, wie der auf den Feldern liegende Schnee, ihre Hände zitterten.
Sie konnte kein Wort aus ihrer Kehle herauspressen.
Jemand fiel auf die Knie. Wieder weinten und beteten die Lagerinsassen, aber diesmal vor Staunen, und Erleichterung. „Lieber Gott, Du hast uns erhört. Mutter Gottes hat uns gerettet!“, rief jemand aus der Reihe.
Vor ihnen atmete enttäuscht das tiefe Grab seinen feuchten, fauligen Atem durch sein aufgerissenes Maul, wie ein Riesenfisch. Um Sie herum, verstreut in den grauen Feldern, lagen längliche Hügel, bewachsen mit kläglichen, dünnen Birken und Fichten.
Unter ihnen lagen die anderen. Die Gefangenen, die vor ihnen hierhergeführt worden waren und um die sich die Mäuler der Gräber bereits geschlossen hatten. Die Menschen, die nicht so viel Glück hatten.
Allmählich wagten die ersten aus der Gruppe sich hinzusetzen, vorsichtig, mit Bedacht, auf die tiefgefrorenen Erdklumpen und die Steine. Die Füße schmerzten, die Kälte kroch tief in die Knochen. Sie drängten sich eng aneinander, um sich gegenseitig etwas Wärme zu spenden und wagten doch nicht in ihre Freiheit aufzubrechen.
Sie warteten noch Stunden darauf, was das Schicksal ihnen bringen würde und konnten nicht glauben oder begriffen noch nicht, dass die SS-Männer nie wieder zurückkommen würden.
Und die SS-Männer kamen auch nicht mehr. Sie haben sie auch nicht weitergetrieben und niemand hat das beendet, was an diesem Tag geplant war.
Schließlich sprach einer der Männer das aus, was alle schon gedacht hatten: „Es ist Zeit umzukehren. Wenn wir hier länger sitzen bleiben, werden wir in der Nacht alle erfrieren!“
So schleppten sie sich in einer langgezogenen Reihe in Richtung der Baracken. Denselben Weg entlang, auf dem sie heute Vormittag hierhergeführt worden waren. Im Schnee schimmerten noch grau die Schuhabdrücke, die sie hinterlassen hatten, als sie zur Erschießung gingen.
Unterwegs fuhren Rotarmisten auf Motorrädern an ihnen vorbei. „Wy Palaki?! Palaki?“, fragten sie laut.
„Jaaaa!“, rief jemand aus der Gruppe zurück.
Einer der Soldaten verlagsamte die Fahrt.
„Wartet im Lager! Bald kriegt ihr was zu essen! Ihr seid frei! Deutschland kaputt! Habt keine Angst!“, schrie er in ihre Richtung und beschleunigte seine Maschine wieder.
Teresa verstand nicht wirklich, was er meinte.
‚Ist das wahr oder ist das schon wieder eine Lüge, ein Hinterhalt?’, fragte sie sich. Vielleicht werden wir nicht von den Deutschen sondern von den Russen im Lager erschossen und in den Krematorien verbrannt.
Sie wusste, dass dort Menschen und keine Kohle verbrannt worden waren. Manchmal war der Schnee, der auf den Baracken- Dächern, dem Appellplatz und den Straßen des Lagers lag, ganz grau und manchmal fiel der Schnee sogar schon grau vom Himmel. Sie war so erschöpft, dass ihr letztendlich gleich war, ob die Russen sie alle erschießen würden oder nicht. Sie hatte keine Kraft mehr darüber nachzudenken, was der Soldat vom Motorrad ihnen zugerufen hatte. Sie wollte sich rasch auf ihre verlauste Pritsche in der Baracke legen und schlafen.
Als sie endlich am Ort ankamen, erhob sich aus dem Abendgrau das Hauptgebäude mit der Eingangspforte auf der in Eisenbuchstaben geschrieben stand: ‚Arbeit macht frei’.
Die Laternen im Lager waren jedoch erloschen, die Fensterscheiben in den Anbauten waren eingeschlagen worden und die Wärtertürme beobachteten sie aus schwarzen Augenhöhlen. Sie hörte kein Gebell, sah keine SS-Männer. Nicht einmal den Arzt mit seiner Krankenschwester, die jeden Morgen ihre Baracken inspizierten und Kinder mitnahmen und vor denen sie so panische Angst hatten, konnte sie erblicken.
Es fiel die Winterdämmerung über das Lagergelände und das kleine Städtchen in der Nähe, das inzwischen genauso verlassen und einsam in den Schlaf fiel, wie die grauen schneebedeckten Felder und der Kieferwald am Horizont. Ein schmutziges bläuliches Grau umhüllte die Reste des zertretenen Schnees zwischen den Baracken. Den Stacheldrahtzaun, die nackten Baumkronen und die Dächer bedeckte ein kristallen schimmernder Raureif. Bei jedem Atemzug entstand eine dichte dampfende Wolke und entwich geräuschlos in die Dämmerung. Am Horizont dekorierten in Altrosa und Smaragdgrün die letzten Strahlen des Tageslichtes den dunklen Winterhimmel.
Alle sprachen von der Befreiung.
Teresa zog die kalte, reine Luft tief in die Lunge ein.
Allmählich wurde allen bewusst, dass sie wirklich frei waren. So einfach frei, unter dem grenzenlosen Himmel. Sie konnten in diesem Augenblick durch die Lagerpforte, vorbei an den Stacheldrahtzäunen, hinaus in die Welt gehen und keiner würde sie aufhalten.
Ähnlich den Vögeln, die hoch am Himmel wie kleine Schiffe auf dem blauen Ozean segelten.
So konnte sie jetzt mit Papa, Stefania, Kazio und Oma Witkosia zurück nach Warschau gehen. Zurück in die heile Welt von früher.
Wie so oft, als die Wochen und Monate im Lager sich aneinanderreihten, schaute sie verstohlen zum Himmel hinauf und beobachtete die Vögel, die über ihrem Gefängnis flogen, so weit oben, so unerreichbar. Sie hatte sich damals gewünscht einer von ihnen zu sein und über den Wolken, in sicherer Entfernung von den bellenden Hunden und den Gewehrsalven nach Warschau zu fliegen.
Jetzt waren sie plötzlich frei. Und sie waren immer noch am Leben!
Teresa konnte den Tag, an dem sie an das Ziel ihrer Deportation gebracht worden war, nicht aus ihrem Gedächtnis tilgen. Bei ihr war der Papa - ‚Wojciech Schumski’, die Halbschwester Stefania, Kasimir (Kazio), ihr drei Jahre älterer Bruder und die von ihr angehimmelte Nanny Witkosia. Das Mädchen liebte und verehrte sie von ganzem Herzen, als ob die ältere Frau ihre eigene Lieblingsoma wäre. ‚Mama – Marianna Schumska’ war schon vorher von der Gestapo festgenommen worden und vor mehr als zwei Jahren im Deutschen Reich verschwunden.
Nach Groß-Rosen wurden sie in Viehwaggons gefahren. Die letzten Kilometer bis zum Lager mussten sie zu Fuß zurücklegen. Die Sonne blendete und ihr Licht wurde durch das Weiß, das die Landschaft bis zum Horizont mit einer weichen, kalten Decke überzog, noch vielfach verstärkt. Diese Helligkeit stach schmerzhaft in den Augen.
Die SS-Männer trieben die Menschen immer wieder an. Mit gesenkten Köpfen, nach Luft schnappend, liefen die Gefangenen in kleinen, mühsamen Schritten in parallelen Reihen. Das aufgezwungene Gepäck klapperte und raschelte, einige blieben im Schnee zurück.
Die Gruppe näherte sich rasch dem Lager. Vor dem hohen Tor des Lagers hörte man Hundegebell. Gehalten an kurzer Leine, rissen sich die-Schäferhunde wild hin und her und warfen ihre massigen Körper in Richtung auf die Neuankömmlinge. Mit gebleckten Zähnen kläfften sie bis ihnen die Halsbänder die Luft abschnürten und die Augen vor Anstrengung blutunterlaufen erschienen. Sie waren versessen darauf jeden der neuankommenden Gefangenen buchstäblich in Stücke zu reißen.
Diese Bilder kehrten immer wieder. Setzten sich in ihrem kindlichen Gedächtnis während des hoffnungslosen, mit Hunger und Angst erfüllten Winters, den sie im Vernichtungslager verbracht hatte, fest.
Eine der Frauen in der Kolonne stürzte plötzlich vor Schmerz schreiend auf die Erde. SS-Männer ließen die aufgeregt bellenden Bestien von den Leinen los. Sofort waren die Hunde bei ihr.
Stefania ergriff Theresas Hand und zog sie energisch hinter sich her: „Schau nicht hin!“, flüsterte sie eindringlich direkt ins Ohr ihrer Halbschwester und beschleunigte ihre Schritte. „Geh schneller!“ Theresa war entsetzt. So fühlte sich für sie das Sterben an. Die Luft blieb ihr weg und ihre Muskeln versagten.
Einen Fuß vor den anderen zu setzen war ihr noch nie im Leben so schwer gefallen. In dieser Sekunde verlangsamte sich alles, was um sie herum passierte, wie in einer Zeitlupe.
Ein pulsierender, dunkler Nebel vor ihren Augen schränkte ihr die Sicht ein. Sie registrierte die dramatische Szene am Rande ihrer Wahrnehmung, trotz des Versuches ihrer Schwester sie eilig davon wegzuzerren.
Die am Boden liegende Frau hielt im ersten Moment instinktiv beide Hände vor das Gesicht, um sich zu schützen. Dann jedoch ließ sie sie herabfallen und umschloss fest ihren gewölbten Bauch. Unterdessen hackten die Hunde ihre Reißzähne in die blassen Wangen der Frau. Anschließend verbissen sie sich im Mantel und in den Beinen. Die Fetzen blutigen Fleisches spritzten zur Seite und vermischten sich mit Stoffresten des Mantels. Um all das tanzten weiche, frische Schneeflocken, die gerade vom Himmel auf die Erde fielen. Das Bild verdämmerte langsam. Teresa flüchtete mit gesenktem Kopf und drückte die Hand ihrer Schwester mit der ganzen kindlichen Kraft, mit der sie sich am Leben hielt.
Nachdem sie das Eingangstor zum Lager durchschritten hatten, wurden die Deportierten untersucht und selektiert, die Männer von den Frauen und Kindern getrennt.
Theresa, die in der Familie auch Tessi genannt wurde, mit Stefanie und Oma -Witkosia auf die eine Seite, Papa und Kazio wurden zu den Männern auf die andere Seite geschickt.
Die SS-Männer trieben sie danach alle in eine große Baracke. Sie mussten sich nackt ausziehen und die Haare wurden ihnen abrasiert. Nachdem sie vor Kälte zitternd, mit kahlen Köpfen versuchten sich in kleinen Grüppchen etwas Wärme zu spenden, trieben sie die Kapos zu den Duschanlagen weiter. Die Duschanlage der Frauen war mit einer niedrigen, roh gezimmerten Wand aus Holz vom Männerraum getrennt. Im Raum herrschte Chaos. Einige Gefangene weinten, andere versuchten sich Platz zu schaffen oder wieder andere versuchten hinaus zu gelangen.
In dieser Enge trat jemand auf Teresas Fuß. Ein Ellenbogen bohrte sich in ihre Rippen. Sie wurde geschubst und gestoßen. Beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren und wäre auf den kalten Betonboden gestürzt, wenn sie sich nicht am Rücken einer dicken Frau abgestützt hätte. Schließlich wurde sie von Stefania aufgefangen. Sie zog sie mit dem Arm zu sich.
Theresa stand wieder fest auf den Füßen zwischen Oma und ihrer großen Schwester. Sie versuchte in dem Wirrwarr aus nackten Körpern auch Papa und Kazio ausfindig zu machen. Sie spähte vorsichtig durch ein Loch in der Trennwand, auf die Seite der Männer.
Plötzlich beschlich sie ein entsetzlicher Verdacht. Sie zog Witkosia an der Hand: „Oma, schau nur, sie werden bald alle sterben!“, flüsterte sie aufgeregt. „Schau nur, was die Deutschen ihnen angetan haben!“ Sie zeigte mit dem Kopf in Richtung der Lücke zwischen zwei Holzbrettern.
„Sag so was nicht, Schätzchen, gleich werden sie warmes Wasser einlaufen lassen!“, versuchte Witkosia Teresa mit zittriger Stimme zu beruhigen und drückte das Mädchen an sich.
„Tessi, weine nicht, es wird gleich alles vorbei sein! Wir werden schön in warmem Wasser duschen. Nach der langen Reise werden wir uns wieder besser und sauberer fühlen. Du wirst sehen, gleich kannst du dich aufwärmen!“, fügte Witkosia mit brüchiger Stimme hinzu.
„Aber Oma, man konnte sehen, dass den Männern die Bäuche aufgeschnitten wurden und die Innereinen herausquollen!“, flüsterte Theresa eindringlich.
„Was erzählst du da, Kindchen!?“
„Schau doch selbst! Jedem guckt ein Stück Gedärm zwischen den Beinen heraus!“
Witkosia vergaß für einen Augenblick die Todesangst und auf ihren Lippen zeigte sich ein angedeutetes Lächeln: „Weißt du Tessi, das sind kleine spezielle Schläuche. Die Männer brauchen sie, um damit pinkeln zu können“, flüsterte sie direkt ins Ohr des Mädchens.
In diesem Augenblick fielen die ersten Tropfen Wasser aus den Duschbrausen auf die kahlrasierten Schädel. Die Erwachsenen wurden auf einmal fröhlich und gaben, wie Kinder, ihrer Fröhlichkeit einen unbeschwerten oder sogar kreischenden und lachenden Ausdruck. Die Freude und Erleichterung, einfach nur duschen zu können. Die Wärme des Wassers auf der nackten Haut zu spüren und einen weiteren tiefen Atemzug in die Lunge einzusaugen, waren überwältigend.
Am Abend saßen sie auf ihren Pritschen. Tess lauschte einer Unterhaltung dreier Gefangener über die Frau von heute Vormittag, die auf ihrem Weg zum Lager stolperte, stürzte und in den Schnee fiel.
„Und was ist dann mit ihr passiert?“, fragte jemand.
„Was soll mit ihr passiert sein, die Hunde haben die ‚Geburt’ entgegengenommen“, erklang die gedämpfte Stimme eines Mannes aus einer oberen Pritsche.
Plötzlich breitete sich ein betretenes Schweigen unter den Gesprächsteilnehmern aus. Tess beschloss, nie wieder zu dem Thema Fragen zu stellen und verstand auch nicht, was es genau mit der Aussage auf sich hatte, dass ‚Hunde die Geburt’ in Empfang nahmen. Sie spürte unterbewusst, dass es eine unmenschliche, grauenvolle Sache sein musste, die sie gar nicht näher erklärt bekommen wollte.
***
Im Lager schleppten sich die Tage träge in der kalten und dunklen Wirklichkeit dahin. Teresa entfloh in ihren Gedanken dem täglichen Albtraum, so oft sie konnte. Sie setzte sich in die dunkelste Ecke ihrer Pritsche, lehnte sich mit den Rücken an die Wand, zog die geschwollenen Knie unter das Kinn und hoffte in dieser Position so lange wie möglich, von niemandem entdeckt, einfach nur sitzen bleiben zu können, wie ein kleiner Käfer unter einem Blatt.
Als die Gestapo vor drei Jahren Mama verhaftete, verpasste ihr einer der Soldaten einen Tritt und sie flog im Bogen direkt mit dem Gesicht voran in eine Schneewehe. Der Tritt hatte Tessi nicht wirklich weh getan, sie spürte ihn kaum. Vielmehr hatte der Soldat sie mit einem Schubs in den Schnee befördert, damit sie endlich aufhörte zu schreien, nachdem sie nicht mehr zuschauen musste.
Für eine Weile versank sie in einer weichen Stille, nur die nasse Kälte kniff ihr in die Wangen. Der Schnee schmolz in ihrem Mund, in der Nase und in den Augen. Ein bisschen davon fiel ihr sogar ins Ohr. Als sie sich aus dem Schnee befreit hatte und sich das Schmelzwasser und die Schneereste vom Gesicht wischte, war die Mutter nicht mehr zu sehen. Nur Blutspuren breiteten sich auf der Schneedecke aus. Alle erzählten sich später, dass Marianne nicht mehr lebte, als sie auf die Ladefläche des Fahrzeugs geworfen wurde.
Manchmal blickte Teresa in den grauen, winterlichen Himmel, der bleiern über den symmetrischen Reihen der Baracken hing. In den Augenblicken stellte sie sich den großen, allmächtigen und klugen Herrgott vor. Er thronte auf seinem goldenen Stuhl inmitten weißer Wölkchen. Sie betete dann in lautlosem Flüstern: „Wo bist Du? Wo versteckst Du dich? Dort in den Höhen unter den singenden Engeln, so weit von unseren Sorgen. Gib mir, lieber Gott, ein kleines, wenigstens ein klitzekleines Zeichen, dass ‚Mamachen’ noch lebt! Mach’, dass sie zurückkehrt, damit wir uns alle wieder in unserem Haus treffen! Du kannst doch alles, wenn Du nur möchtest!!”
Eines Tages als sie von der Latrine zurück zur Baracke lief und beinahe auf einer gefrorenen Pfütze ausgerutscht wäre, geschah ein Wunder. Tief in ihrem Herzen vernahm sie eine kaum hörbare Stimme, dass sie sich nicht mehr sorgen müsse, weil ‚Mamachen’ gesund zu ihnen zurückkehren würde. Tess hielt mitten im Schritt an und schaute sich vorsichtig um. Es hielt sich aber niemand in der Nähe auf. Am Appellplatz schleppten sich einzelne Gefangene in Richtung auf die ihnen bekannten Ziele zu. Auf den Wachtürmen standen, schussbereit, SS-Männer.
Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. ‚Alle Arbeitskommandos sind im Morgengrauen bereits ausgerückt, in den Baracken waren nur Kranke und Kinder geblieben.’
Tess spürte plötzlich eine ihr, unerklärliche freudige Erregung und Zuversicht, die sich in ihrem schmächtigen Körper ausbreitete und einen unerschütterlichen Glauben an die Rückkehr der Mutter. Dieses Gefühl erlaubte es ihr den Alltag im Lager zu ertragen. Ihre Gedanken schweiften oft in die glücklichen Tage der Kindheit ab. An die Augenblicke der Unbeschwertheit, die sie mit ihrer Mutter verbracht hatte. Besonders ein Sommerabend an einem der letzten Vorkriegstage, war in ihrem Gedächtnis lebhaft haften geblieben.
Sie saß auf Mamas Schoß auf der Bank im Garten. Sie drückte sie fest an sich und erzählte etwas Lustiges. Teresa lachte laut und warf den Kopf so weit nach hinten, dass sie die leicht orangenfarbenen Wolken am blassen Himmelblau hängen sehen konnte. Sie atmete die duftenden Wiesen und Weizenfelder der umliegenden Bauernhöfe. Und erfreute sich an der von erdigen Aromen durchtränkten Sommerluft. Die Wärme erfüllte ihre Lungen und streichelte die von den Sonnenstrahlen warmen Haare. Sie hatte damals ihr blaues seidenes Lieblingskleid an und in den braunen Haaren eine cremefarbene Schleife gebunden.
Vielleicht war es einer der Sonntage, an dem Onkel Piotr und sein Adoptivsohn Bronek zu Besuch waren. An solchen sommerlichen, trägen Sonntagen hatten sich die Kinder um neues Spielzeug gestritten und später mit Süßigkeiten vollgestopft. Die Erwachsenen unterhielten sich über die Neuigkeiten aus Warschau, Politik und Familientratsch.
Weitere Erinnerungen drängten ungeduldig nach vorn und vermischten sich in fließendem Übergang miteinander. Sie erschufen ein heiles Bild der Zuversicht, einen Zufluchtsort – gut verborgen vor dem Lageralltag.
Manchmal kam Stefania, Teresas ältere Halbschwester, zu Besuch aus Warschau. Sie lebte bei Onkel Piotr. Dann ging es noch fröhlicher zu! Nach dem Mittagessen hielten die Erwachsenen eine kleine Siesta ab. Bronek und Kazio gingen spazieren und der kleine Hund Filou lief hinter den beiden her und lärmte so, dass man ihn noch an der Abbiegung, hinter dem kleinen Wäldchen, hören könnte.
Filou hatte Tess einmal in die Wade gebissen. Dies war alles wegen Kazio passiert, weil er den kleinen Köter auf sie hetzte, als sie gesagt hatte, dass ihre Katze Mio viel intelligenter sei als dieser ‚Kläffer’.
Da war wieder ein großer Aufruhr zu Hause. Kazio hatte sich, wie üblich hinter ihrem Haus in dem kleinen Buchenwäldchen, das von Schutzgräben aus dem Ersten Weltkrieg durchzogen war, versteckt.
Dort spukten die Geister gefallener Soldaten, aber Kazio hatte mehr Angst vor der Spitzrute auf seinem Hintern als vor sämtlichen Dämonen der Vergangenheit. Er saß dort bis zum Abend in der Hoffnung, dass sein Vergehen vergessen oder wenigsten die Strafe etwas milder ausfallen würde.
Teresa weinte. Die Mutter legte ihr einen Verband an und Witkosia tröstete und beruhigte sie. Mama schimpfte hinterher mit der Nanny, dass sie Tess mit ihrer Leutseligkeit zu sehr verwöhnt hätte und zu einer Heulsuse machen würde.
Papa hielt sich aus derartigen ‚Dramoletten’, wie so oft, heraus.
Kazio kam schließlich zurück, als es zu dämmern begann und sein Hunger zu groß wurde. Er wurde bestraft und musste, wie so viele Male zuvor, den Eltern als Entschuldigung die Hand küssen, Besserung versprechen und ohne Abendbrot ins Bett gehen. Seine Versprechungen hielten aber nicht für lange. Schon bald fiel ihm etwas Neues ein, ob es zu Hause oder in der Schule war.
Das morgendliche Begrüßungsritual war im Hause Schumski üblich: Jeden Morgen vor dem Frühstück mussten beide Kinder den Eltern die Hand küssen. Auf diese Weise erwiesen sie ihnen ihren Respekt.
Die Mutter nahm Teresa nur selten mit, wenn sie aus dem Haus ging. Obwohl die Kleine am liebsten ihr ‚Mamachen’ auf solchen Wegen niemals losgelassen hätte.
Umso mehr verwöhnte sie dafür Oma-Witkosia. Die beiden waren unzertrennlich. Tess durfte überall mit ihr zusammen hingehen, sogar mit schmutzigen Händen, nachdem sie draußen hinter dem Haus gespielt hatte.
Und so nahm Witkosia, die sie verehrte und von Herzen liebte, das Mädchen gerne zum Spazieren oder um Besorgungen zu erledigen mit.
Teresa durfte sogar heimlich, wenn niemand in der Nähe war, ihre Strümpfe und Schuhe ausziehen und wie ein Bauernkind einfach barfuß laufen. Witkosia hat sie niemals an die Mutter verraten.
Obwohl sie ihr diese kleinen Freiheiten zugestanden hatte, war ihr das Spielen mit anderen Dorfkindern streng untersagt. In dieser Hinsicht war auch Oma -Witkosia unnachgiebig und vertrat die Meinung der Eltern.
Manchmal besuchten sie die Familienfeiern in Pschewodowo. Das waren herrliche Feste.
Am großen Tisch im Salon, auf dem eine elegante Gipüre – Tischdecke ausgebreitet war und der sich von zahlreichen Delikatessen fast beugte, saßen vornehme Tanten und bei ihnen Onkel in leichten Anzügen und weißen, gestärkten Hemden. Auch ihre Eltern besuchten die Familienfeiern in der Gegend.
Wenn Tess vom Spielen mit Cousins und Cousinen erschöpft war, wollte sie sich auf dem mütterlichen Schoss am Erwachsenentisch setzen. Manchmal erlaubte die Mutter ihr für eine Weile, den müden kindlichen Kopf auf ihre Schulter zu legen, um sich auszuruhen. Sie streichelte leicht mit den Fingern über ihre dunklen, weichen Haare und küsste sanft die warme Stirn. Die kurzen Momente der mütterlichen Liebe gingen schnell vorbei und sie kehrte wieder unter die Obhut von Witkosia zurück.
Auch zur Sonntagsmesse und den Familienfeiern ging Teresa nicht mit den Eltern, sondern mit ihrer Oma -Witkosia. Erst nach ihrem siebten Geburtstag durfte sie häufiger in der Gesellschaft ihrer Eltern sein.
Dafür liebte sie es mit ihrem Mamachen zum Schneider in Pultusk zur Anprobe zu gehen. Danach besuchten sie gemeinsam ein Café, wo Mama ihr ein himmlisch schmeckendes Stück Sahnekuchen oder gefüllte Pralinen kaufte.
Sie wurde nie von den Eltern geschlagen oder bestraft, außer einem einzigen Mal. Eines Tages war ihre Mutter in Eile, etwas verspätet zu einem der zahlreichen Vereinigungs- oder Arbeitskreistreffen, an denen sie sich für karitative Zwecke engagierte, wie immer elegant nach der neuesten Mode angezogen, aus dem Haus geeilt.
Theresa war gerade mit einem Puppen-Picknick vor dem Haus beschäftigt. Sie bemerkte ihre Mutter, hob den Kopf in ihre Richtung, roch dass schöne leichte Lieblingsparfum, das ihre Mama aufgelegt hatte und plötzlich wollte sie, so wie sie in ihren Alltagssachen und mit schmutzigen Händen dastand, ihrer Mutter folgen. Sie hatte vorher ‚Garten’ gespielt und musste den Puppen auch etwas zum Essen vorbereiten. Sie sprang auf und lief hinter Marianne her. Marianne hielt an, drehte sich um und wartete bis die Tochter sie erreichte.
„Liebes, du musst wieder umkehren, schau dich nur an, du hast schmutzige Hände und deine Strümpfe sind grün an den Knien vom Grass! Außerdem würdest du dich furchtbar langeweilen, wenn du mit mir mitkommen würdest“, sagte die Mutter mit sanftem, erklärendem Ton und küsste Teresa auf den Kopf. „Lauf bitte zurück, deine Oma-Witkosia wird sich Sorgen machen und die Puppen erst recht!“
Theresa schmollte und blieb auf dem Weg stehen. Ihre Mutter ging weiter. Die Kleine überlegte kurz und nach einem Moment der Unsicherheit, beschloss sie der Mutter dennoch zu folgen. So gingen beide noch eine Weile bis Marianne an einer Weide stehen blieb, eine dünne Rute vom Strauch holte und die Tochter zu sich rief.
Als sie vor ihr stand, nahm sie die Kleine an die Hand, drehte sie geschickt um und zog ihr mit der Weidenrute ein paar Hiebe über ihr Hinterteil.
„Und jetzt, Kind, wirst du bitte sofort zurück nach Hause gehen! So wie ich dich darum gebeten habe! Hast du das verstanden?!“
Teresa war so schockiert, dass sie die Mutter nur anstarrte und nicht einmal zu weinen begann. Marianna warf die Weidenrute weg, drehte sich um und ging mit energischem Schritt weiter, ohne das Kind eines Blickes zu würdigen.
Tess heulte los und lief laut jammernd nach Hause, huschte an der verblüfften Witkosia vorbei und warf sich direkt in ihr Bett.
Der Rutenhieb brannte nicht so sehr, wie das Gefühl von Scham und Schuld. Sie hat die Bitte ihrer Mutter missachtet, sie hatte sie enttäuscht.
In dem Moment konnte sie nachvollziehen, wie schrecklich sich Kazio fühlen musste, als er wieder etwas angestellt hatte. ‚Warum nur macht er das immer wieder? Sie würde niemals, nie wieder ihre Mutter enttäuschen!’, dachte sie.
Teresa wollte zuerst sogar Witkosia nicht sagen warum sie so erbittert weinte, so peinlich war es ihr. Schließlich ließ sie sich von der Nanny trösten und erzählte ihr doch alles.
***
In derselben Baracke in der Teresa mit ihrer Familie untergebracht war, waren auch zwei Schwestern: Anna und Antonia.
Ihre Mutter, eine hübsche junge Frau, kümmerte sich um die beiden. Sie erzählten überall, dass ihr Vater sie eines Tages aus dem Lager retten würde. Er sei ein ranghoher und wichtiger Offizier in der Polnischen Armee. Tess hoffte sehr, dass er bei dieser Gelegenheit auch sie und ihre Familie befreien könnte, daher versuchte sie sich in der Nähe der Schwestern aufzuhalten.
Die Tage und Wochen vergingen und niemand kam. Von dem Vater der Mädchen war nichts zu sehen. Eines Morgens wachten die beiden Kinder mit hohem Fieber auf. Es ging ihnen sehr schlecht. In nur wenigen Tagen kamen sie dem Tode so nah, dass ihre Mutter vor Verzweiflung versuchte, die beiden wie kleine Säuglinge zu stillen. Teresa hörte zufällig, wie Oma-Witkosia dem Papa zuflüsterte: „Die arme Frau hat den Verstand aus Verzweiflung und vor Hunger verloren.“ Kurz danach trugen sie den leblosen Körper der jungen Mutter heraus, so wie sie es mit allen anderen Leichen jeden Morgen taten.
Jeden Tag in aller Frühe kam der Lagerarzt mit einer Krankenschwester, die eine schneeweiße Schwesterhaube auf den glatt gekämmten Haaren trug, zur Visite. Alle hatten Angst vor ihnen, besonders die Kinder. Der Arzt kam aus einem anderen Lager nach Groß-Rosen.
Die Erwachsenen erzählten sich unter einander, dass er hier erst seit kurzem war und das Lager Auschwitz in der Nähe von Krakau lag.
Theresa sagte der Name des Lagers nichts, aber Krakau kannte sie aus dem Märchen vom Drachen und dem Tapferen Schneiderlein und aus den Geschichten, die ihr Witkosia erzählt hatte. Außerdem wusste sie, dass Krakau vor vielen, vielen Jahren die Hauptstadt von Polen war und erst später Warschau zur Hauptstadt ernannt wurde.
Der Arzt war groß gewachsen. Er wirkte steif in seinem weißen, fleckenlosen Kittel, den er über der Uniform trug und sein Blick war düster hinter der aufgesetzten Freundlichkeit. Mengele zeigte beiläufig mit dem Finger auf die ausgewählten Gefangenen. Er strahlte Kälte und eine unnahbare Distanz aus. Teresa kam sich in seiner Anwesenheit noch schäbiger und abgerissener vor als sie es ohnehin schon war. Einige der selektierten Gefangenen mussten die Baracke sofort verlassen, andere wurden später von den Blockwarten abgeholt. Sie kamen von den Untersuchungen nicht mehr zurück. Tessi und Kazio versuchten an den Kindern, die vom Arzt ausgewählt worden waren, etwas Auffälliges zu entdecken.
Sie beobachteten sie verstohlen, ob sie etwas von den anderen unterschied, die nicht zu den Untersuchungen gehen mussten – sie konnten nichts feststellen. Die Kinder waren unterschiedlich groß, Mädchen und Jungen mit blauer, grüner oder brauner Augenfarbe. Es gab keine für sie erkennbaren Regeln. Also blieb ihnen nichts anderes übrig als sich während der morgendlichen Visite einzureihen, die Brust herauszustrecken, den Kopf gerade zu halten und den Blick auf die Füße senken. Sie beteten und hofften, dass die Wahl diesmal nicht auf einen von ihnen fallen würde.
Teresa konzentrierte sich hauptsächlich darauf, das Zittern zu unterdrücken, das ihren Körper unkontrolliert überfiel. Sie hatte solche Angst, dass sie die Zähne zusammenbiss, um das Klappern zu unterdrücken. Sie erstarrte zu einer Statue, wie damals, als sie mit ihren Vettern und Cousinen während der Familienfeier das Winterspiel spielten: Bei dem allen Kindern vom Atem der Schneekönigin eingefroren wurden und keines sich mehr bewegen durfte. Wer sich zuerst bewegte und die Schneekönigin das bemerkte, war aus dem Spiel raus. Nur, dass es diesmal nicht mit Lachen und Kinderlärm endete und es war auch kein lustiges Spiel mehr.
Eines Tages vertraute Kazio seiner Schwester seine Beobachtung an, dass Kinder mit spitzen Nasen vom Doktor ausgewählt würden. Spitze Nasen, die aus den ausgedörrten Gesichtern herausragten, hatten sie alle.
Dennoch, Teresa hatte sich daraufhin vorgenommen, auch das Wachstum der Nase unter Kontrolle zu bringen. Damit sie nicht auffiel, dürfte ihre Nase nicht länger werden. Also versuchte sie vor dem Einschlafen ihre Nase an die Bretter der Pritsche zu drücken.
Jedoch jedes Mal, wenn sie in der Nacht aufwachte, ragte ihre kleine Stupsnase geradewegs in Richtung Decke aus ihrem Gesicht und konnte ungehindert weiterwachsen. Diese Tatsache bereitete ihr viel Kummer.
Am anderen Ende der Baracke hatte eine alte Frau ihre Pritsche. Kazio war schon mehrmals an den Doppelstockbetten entlang bis unter ihre Pritsche gekrochen und hatte ein paar Brotrinden gestohlen, die sie in einen Lappen eingewickelt zwischen Bett und Wand aufbewahrte.
Kazio und Teresa aßen dann heimlich die Brotkrumen. Sie waren stolz darauf eine zusätzliche Nahrungsquelle entdeckt zu haben. Doch eines Tages ertappte die alte Frau den Jungen auf frischer Tat.
„Ich flehe Sie an und schwöre beim Leben meiner Mutter, ich mach’ das nie wieder, ich gebe Ihnen alles zurück, aber bitte, bitte sagen Sie nichts dem Kapo!“ Kazio kullerten Tränen über die Wangen. Er kniete sich vor ihre Pritsche wie ein graues Stoffknäuel.
Als Teresa mitbekommen hatte, was passiert war, kam sie sofort zu ihrem Bruder: „Bitte, bitte, haben Sie Mitleid mit meinem kleinen Bruder – ich flehe Sie an!“, flüsterte sie, indem sie sich weinend neben Kazio hinkniete und um ihr Leben flehte.
Teresa wusste, dass man für so etwas totgeschlagen werden konnte oder noch schlimmer: Sie könnten in einem der Futtertröge im großen Stall den Schweinen zum Fraß vorgeworfen werden.
So wie es vor zwei Wochen einer kranken Frau ergangen war. Alle mussten damals die ganze Nacht lang dabeistehen und zuschauen, wie die ausgewachsenen fetten Schweine gierig den Körper der Ärmsten in Stücke rissen. Der Schweinetrog füllte sich mit Blut und die Rüssel der Schweine glänzten rot im Licht der Glühbirnen. Niemand durfte den Kopf wegdrehen oder die Augen schließen. Teresa überlief es eiskalt beim bloßen Gedanken daran.
Das Mädchen umarmte die Füße der Frau, die sie um einen Brotkanten bestohlen hatten. Sie flehte, wie noch nie in ihrem Leben aus ganzem Herzen um Mitleid. Plötzlich nahm das ausgemergelte Gesicht der älteren Dame einen schwachen Glanz an. Für einen kurzen Moment war hinter dem gequälten Geschöpf in elenden Lumpen, das sie hier alle waren, die schöne, kluge Frau zu erkennen.
„Kinderchen, nehmt das Brot, esst es! Ihr müsst überleben!“, hörten sie ihr schwaches Flüstern. Vom Kinn tropften ihr die Tränen auf das eingewickelte Stück Brot, das sie zusammengepresst in den Händen hielt. „Ich habe niemanden, für den ich weiterleben muss“, sagte sie wie zu sich selbst mit zitternder Stimme. Das war alles. Den Kapo rief sie nicht.
Teresa kam es vor wie ein Wunder. Sie konnte es kaum glauben, dass sie nicht böse auf sie war. Sie und ihr Bruder küssten ihr die Hand, so wie sie es früher bei ihren Eltern getan hatten, dankten ihr, dass sie ihnen vergeben hatte und versprachen, nie wieder Brot zu stehlen. Als sie sich, mit heiler Haut davongekommen, entfernten, erblickte Teresa zwei kleine dunkle Flecken von den Tränen auf dem grauen Brotkanten. Das Mädchen drehte sich noch einmal um. Die Frau hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen, die Ellbogen auf die Knie gestützt und ihre Schultern bebten als sie weinte.
„Das ist der Leib Christi. Das ist sein Blut. Nehmt und esst davon! Nehmt und trinkt davon! Und ihr werdet erlöst …!“, erinnerte sich Teresa an die Worte des Priesters während der Heiligen Messe. Einen Augenblick lang sahen die Tränen wie Blutstropfen aus. „Das ist Sein Leib, das ist Sein Blut …“, dröhnte es in ihrem Kopf. „Werden wir jetzt erlöst? Sie tut mir so leid.”, sagte Teresa leise.
„Dann gib ihr das Brot zurück!“, erwiderte ihr Bruder ohne Überzeugung und zog das Bündel heraus, während er mit den Augen bereits die trockenen Brotrinden verschlang. Tessi war so hungrig, dass sie alles auf einmal hätte herunterschlucken können.
Sie verkrochen sich in die Ecke ihrer Pritsche, verteilten die Brotrinden untereinander und verspeisten sie dann gierig. Kazio hat nie wieder die Brotreste der alten Frau gestohlen
Nach ihrer Rückkehr in das Lager, nach stundenlangem Warten in der Kälte und dem Ringen mit der Angst und der Unsicherheit, ob die SS-Männer nicht doch zurückkommen würden, befanden sich die Gefangenen am Rande der Erschöpfung. Die Dunkelheit verhüllte die Baracken. Einige der Leute fielen entkräftet auf ihre Pritschen, andere setzten sich auf die Bänke an der langen Tischreihe in der Mitte des Durchgangs. Beide Gusseisenöfen waren längst ausgekühlt, niemand hatte sie während des Tages angeheizt. Für wen auch?
Sie sollten heute endgültig aufbrechen. Papa mit Stefania standen am Eingang. Zwischen den beiden drängte sich Kazio hindurch. Draußen, am Appellplatz leuchteten orangerote Flammen eines überdimensionalen Lagerfeuers. Teresa lag auf ihrer Pritsche, den Kopf auf dem Schoss ihrer Oma-Witkosia. Diese streichelte zärtlich die Stirn des Mädchens und schwieg. Um sie herum schwirrte ein Durcheinander von Bewegung, Lauten und Geräuschen, geflüsterten Gesprächen, vereinzelten Rufen, gedämpftem Schluchzen und Lachen. Ein Kommen und Gehen. Die Leute drängten sich aneinander vorbei in den schmalen Durchgängen zwischen den Pritschen.
Tessi hätte so ewig liegen bleiben können, bedeckt mit dem, was noch von Witkosias wunderschönem Persianermantel übriggeblieben war. Kazio trat an ihre Pritsche, Vater folgte ihm.
„Tessi, steh auf, komm mit!”, rief der Junge begeistert.
„Schau nur, auf dem Appellplatz haben sie ein riesiges Feuer angezündet, die Russen haben große Fleischportionen hergebracht, es gibt was zu essen! Ganze Schweinehälften! Sie haben gesagt, wir dürfen das alles essen, wirklich!”, schrie er und seine Stimme überschlug sich fast dabei. Er warf die dünnen Ärmchen vor Aufregung in die Luft und lachte durch die Tränen.
„Wir werden wieder Fleisch essen können! Schluss mit der wässrigen Steckrübensuppe, mit Sand und Dreck!” Er drehte sich um und verschwand.
Obwohl Teresa vor Ermüdung und Kälte den Hunger fast verdrängt hatte, ängstigte sie der Gedanke, ihre Position zu wechseln und dadurch den wunderbaren, fast vergessenen Duft von gebratenem, saftigen Fleisch und dem über den Feuerflammen brutzelnden, gehaltvollen Fett verschwinden zu lassen. Sie war so benommen, dass ihr die Realität, wie ein Traum vorkam. Ihr Magen verkrampfte sich und verursachte ein unangenehmes Ziehen, das ihr wieder bestätigte, dass sie sich nicht in einem Traum befand.
Vater erhob sich schließlich und stand etwas unsicher da, als ob er bald das Gleichgewicht verlieren und in Ohnmacht fallen würde. Er stützte sich an dem Holzpfahl der Pritsche ab. Sein kahlrasierter Schädel, das ausgemergelte Gesicht mit tief in den Augenhöhlen eingefallenen blassblauen Augen, zeichnete sich in kantigen Konturen in dem dämmrigen Licht. Ohne seinen gepflegten Schnurrbart, sorgfältig geschnittenen und pomadisierten Haaren und gehüllt in schmutzige Reste seines maßgeschneiderten Anzuges, sah er befremdlich aus. Entlang der linken Kopfhälfte zeichnete sich immer noch deutlich eine dünne rötliche Narbe, die ihn neben dem leichten Stottern auch zukünftig an den Autounfall vor drei Jahren erinnern würde. Seitdem hatte er sich von seiner melancholischen Stimmung nicht erholen können.
Das Leuchten des Feuers nahm an Intensität zu, fiel durch die Eingänge und die ausgeschlagenen Fensterscheiben herein, tanzte im unruhigen Licht. Schattenwechsel auf den Gesichtern, den Holztischen, den Pritschen, fiel von der Barackendecke zurück auf die Wände und das Gebälk.
Das Mädchen schloss leicht die Augenlider, atmete tief und mit Erleichterung durch. Sie spürte wie die Angst und die Anspannung nachließen. Ihre Starre lockerte sich ähnlich wie die eisige Umarmung des Winters im Frühling an Stärke verlor und die Sonnenstrahlen die Erde aufwärmten und sie aus ihrer Gefangenschaft befreiten. Sie erwachte zum Leben. Ihre Muskeln entspannten sich. Sie atmete erneut tief ein und lies die Luft aus der Lunge langsam und ohne Mühe entweichen. ‚So empfindet man Freiheit?’, überlegte sie kurz.
Großmutters Hand ruhte auf ihrem kahlen Kopf, nur die Fingerkuppen bewegten sich unwillkürlich in Rhythmus einer unbekannten Melodie. Witkowska richtete einen fragenden Blick auf Schumski.
„Ich hole euch etwas zum Essen. Tessi ist so schwach. Sie sollte sich ausruhen”, sagte er und lächelte dabei seine Tochter an.
In diesem Augenblick kam Stefania heran, über den Händen trug sie einen frischen Verband. Sie hatte sich die Finger verfroren, als sie in der Lagerküche gearbeitet hatte. Dorthin war sie abkommandiert worden und versuchte jeden Tag die angefaulten, vereisten Steckrüben, aus denen sie eine dünne wässrige Suppe kochten, mit bloßen Händen von den tiefgefrorenen Erdklumpen zu reinigen, damit der Sand bei dem vorzüglichen Mahl nicht so sehr zwischen den Zähnen knirschte. Die Kinder lachten manchmal über ihre Späße – in den kurzen Momenten, in denen sie ihre Wirklichkeit vergaßen. Stefanias Haare wurden nicht abrasiert. Sie fielen in leichten, dunkelblonden Wellen und reichten ihr bis zum Kinn. Und jetzt verfing sich spielerisch das Feuerlicht in ihnen. Aus den einzelnen losen Haarsträhnen bildete sich eine Aureole aus warmem Licht um ihren Kopf.
„Steffi! Steffi, weißt du was, du siehst wie ein Engel aus!“, flüsterte Teresa. „Tessi, deine Stirn glüht regelrecht. Witkosia, wir sollten sie ans Feuer führen, damit sie sich richtig aufwärmt. Dort draußen ist es viel wärmer als hier. Und die Soldaten verteilen warme Decken.“
„Vielleicht kriegt sie etwas Appetit, sie braucht unbedingt Stärkung!“, fügte Witkowska mit sorgenvoller Stimme hinzu.
Als sie am Feuer saßen, spürte Teresa, wie sich die wohlige Wärme in ihrem Körper ausbreitete. Zum ersten Mal seit Monaten fror sie nicht mehr. Sie aß in Wasser eingetunktes Brot und ein Stück des gebratenen Fleisches. Im ersten Augenblick wurde ihr übel vom Geschmack frischen Schweinefleisches im Mund. Sie unterdrückte jedoch den Impuls zu würgen. Sie würde doch niemals das Essen verschwenden, nicht mal den kleinsten Fetttropfen und schon gar nicht etwas so kostbares wie Fleisch! Viel konnte das Kind jedoch nicht essen, ihr Magen rebellierte und formte sich zu einer kleinen bösartigen Faust in ihrem Bauch.
Die Rotarmisten versammelten sich am Feuer gemeinsam mit den befreiten Lagerinsassen, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Sie aßen, tranken und sangen. Die Soldaten spielten auf dem Akkordeon fröhliche russische Melodien, einige von ihnen tanzten sogar.
Ein junger Mann, breitschultrig mit geröteten Wangen und einer hervorstehenden Nase, kam auf Stefania zu, brach ein Stück Brot aus dem Brotlaib ab und drückte ihr das Stück in die Hand. Er klopfte ihr auf die Schulter und sagte: Kuschei, kuschai, eto dla tiebja. In die zweite Hand gab er ihr ein Wodkaglas. „Na zdarowie!“
Kazio bestaunte ihn wie eine Erscheinung und stopfte sich große Fleischstücke in den bereits vollen Mund. Das Fett glänzte auf seinem Kinn und die Flammen spiegelten sich darin.
Ein Mann erhob sich zögerlich. Er ging auf den Russen zu, stellte sich schweigend vor ihn, als ob er vergessen hatte, was er eigentlich beabsichtigte. Das breite Grinsen wich aus dem Gesicht des Soldaten, ein gespannter Ausdruck der Wachsamkeit erschien darin. Mit Mühe versuchte er die Wirkung des Alkohols zu vertreiben und ließ den ausgemergelten Mann nicht aus den Augen. Nach einer Weile entspannte sich der Häftling und fing an Wörter auf Russisch zu bilden. Anfänglich stockend, bald immer schneller. Dabei verschluckte er sich ab und zu mit den eigenen Tränen und schwieg dann tief berührt. Endlich fielen sich die beiden in die Arme.
„Das ist ein Russe! Er ist ein Russe und offensichtlich hat er den anderen erkannt. Könnte sein Nachbar gewesen sein“, sagte Papa überrascht. „Ich hätte nie gedacht, dass der junge Mann, dessen Pritsche neben unserer stand, ein Russe ist. Ich habe ihn nie sprechen hören.”
Schumski blickte zu den Kindern herüber und in diesem Augenblick schien es so, als ob sich in seinen Augen wieder kurz so ein hellblaues Leuchten wie früher zeigte. Früher, vor einer unvorstellbar langen Zeit, als die Familie aus Warschau zum Besuch kam. Als er noch eine Ehefrau hatte und Pläne.
Teresa freute sich am meisten auf die Besuche von Onkel Piotr und als Stefania mit ihrer Cousine Krystina Czerniakowska in den Sommerferien nach Hause zu Besuch kamen. Als die Kutsche am Rande der Felder sichtbar wurde, lief ihnen Kazio entgegen und ihm folgte der kleine klaffende Filou. Papa stellte sich auf die Veranda, richtete seinen Schnurrbart und lächelte zufrieden.
„Liebe Witkosia und was nun?“, fragte Schumski nach einer Weile.
„Was soll sein, Herr Wojciech? Wir fahren zurück nach Warschau!“, entgegnete die alte Frau lächelnd.
Bereits vor dem Sonnenaufgang wachte Teresa auf und konnte vor Aufregung nicht mehr zurück in den Schlaf finden. Sie schaute in die Dunkelheit in einer fröhlichen Erwartung des heutigen Tages. Sie versuchte den Augenblick zu erwischen, in dem die Umgebung an Konturen gewinnt, aus dem Schatten der Nacht hervortritt und durch die ersten Sonnenstrahlen wieder ihre Farben zurückgewinnt. Sie horchte und nahm die regelmäßigen Atemzüge der neben ihr schlafenden Geschwister wahr, hörte die Stimmen der vergehenden Nacht. Husten, leise Schritte, die sich Richtung der Latrine entfernten. Alle diese Geräusche durchdrangen das Innere der Baracke, das Holz der Pritschen und krabbelten in ihre Ohren, wie nervige Insekten.
Sie freute sich so sehr auf den heutigen Ausflug in den Dorfladen mit Papa, Stefania und Kazio. Sie war sich jedoch noch nicht sicher, ob die Erwachsenen ihr erlauben würden mitzukommen und dieses Problem hinderte sie insbesondere am Einschlafen.
In den wenigen Tagen, die seit ihrer Befreiung vergangen waren, hatte sie das Lager nicht verlassen dürfen. Sie war zu geschwächt. Ihre Haut bedeckten unzählige Geschwüre. Sie juckten und brannten. Trotz der letzten hygienischen Maßnahmen und ärztlicher Versorgung. Die nahgelegene Ortschaft kannte sie nur aus den Berichten der anderen Lagerinsassen. In der Nacht vor dem Ausflug konnte sie nicht gut schlafen. Zahlreiche Fragen gingen ihr durch den Kopf. Sie überlegte, ob die Spielzeugläden oder wenigstens die Spielzeugabteilung noch ausreichend mit Puppen und Accessoires ausgestattet waren. Ihr fehlte so sehr die Lieblingspuppe, eine kleine Zigeunerin in himmlisch bunten Kleidern und langen lockigen Haaren. Sie war das Geschenk ihres Onkels Piotr.
‚Mein armes Püppchen, es muss ihr so kalt und dunkel sein in der Kiste, die Papa im Garten vergraben hatte, bevor sie in das Lager abtransportiert worden waren. Vielleicht flüstern sie sich ihre eigenen Puppengeheimnisse mit dem Teddybären Bodo zu und hören Geschichten, die Kazios Zinnsoldaten erzählen, damit es ihnen nicht so langweilig ist? Vielleicht finden sie in dem Laden Teebestecke für Puppen – dann kaufe ich gleich einen neuen’, dachte sie.
Sie hoffte immer noch, dass sie wieder heimkehren würde. Ihre Puppe aus der dunklen, kalten Kiste herausnehmen könnte, sie fest an sich drücken und für immer bei ihr bleiben würde. Nichts würde sie wieder voneinander trennen. Dann könnte sie ihre Puppen mit dem neuen Teeservice überraschen und ihnen Tee und Kekse servieren. Sie würde ihnen vom Krieg erzählen, von allem, was sich inzwischen in der Welt außerhalb der Kiste abgespielt hatte. Es war vielleicht besser so dachte sie, dass sie ahnungslos blieben und sich immer wieder dieselben alten Geschichten erzählten. Ihre Gedanken verschwammen, verloren den roten Faden und Tessi fühlte, wie sie in eine endlose Tiefe hineinfiel, weich und leicht, wie ein Daunenkissen.
Sie wollte nur noch für ein Moment die Augen schließen und sich die Ladenregale voll von Süßigkeiten und Spielzeug vorstellen. Plötzlich rüttelte jemand vorsichtig an ihrem Arm: „Tessi, aufstehen! Der Kaffee steht bereits auf dem Tisch und die Schnitten sind auch schon geschmiert. Geh’ dir das Gesicht waschen und zieh’ dich wärmer an!“, hörte sie die Stimme Oma Witkosias über sich. Alle waren bereits aufgestanden. Kazio kaute gerade den letzten Brocken der dicken Schnitte grauen Brotes zu Ende und spülte sie mit Malzkaffee herunter.
„Steffi darf ich?“, fragte Teresa hoffnungsvoll. Stefania wickelte sich den Wollschal um und versuchte mühsam ihren Mantel zuzuknöpfen. Auf der Pritsche lag Teresas Rucksack.
Papa bereitete sich schon zum Gehen vor und konnte das Gespräch seiner Töchter aus dieser Entfernung nicht genau hören.
„Darf ich mit euch zum Laden?“, wiederholte das Mädchen bettelnd und schaute ihre Schwester eindringlich an. Sie schob ihre Mütze in die Stirn, noch bevor sie die Antwort erhalten hatte.
„Papa möchte nicht, dass du durch die Gegend wanderst und Kräfte verlierst. Ihr beide, du und Kazio, ihr solltet viel Essen, euch ausruhen und wieder mehr Fleisch auf die Rippen kriegen, damit ihr auf dem Rückweg in die Heimat nicht krepiert!“, erwiderte sie energisch.
Das Zuknöpfen bereitete ihr große Schwierigkeiten. Sie litt immer noch unter starken Schmerzen wegen der Erfrierungen an den Händen.
„Steffi, meine Liebe! Ich kann dir den Mantel zuknöpfen. Ich habe flinke Finger“, sagte inzwischen verzweifelt mit zittriger Stimme Teresa. Sie wurde schon leicht panisch, dass Papa und Stefania sie tatsächlich in der Baracke zurücklassen würden, während sie zum Laden gingen.
„Du kannst doch mit deiner Oma hierbleiben und noch etwas von dem süßen Kaffee trinken. Tessi, es ist noch sehr windig und kühl heute. Wenn du dich erkältest, werden wir hier noch zwei Wochen länger hocken müssen“, entgegnete schon etwas ungeduldig Stefania und versuchte vergeblich diese furchtbaren Knöpfe zu schließen, die sie zur Verzweiflung brachten.
„Ich flehe dich an, Steffi, ich habe hier schon genug Zeit verbracht,” antwortete Teresa verzweifelt. Sie schaute hilfesuchend zu Witkosia. Diese lächelte nur und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Ich werde noch kränker sein, wenn ich mir das alles noch länger anschauen muss!“, schrie das Mädchen und verlor die Selbstbeherrschung. Sie fühlte, wie ihr die Kontrolle entglitt. Das Kinn fing an zu zittern und Wasser füllte ihre Augen. „Ich habe die halbe Nacht wach gelegen und aufgepasst, um den Ausflug nicht zu verschlafen und jetzt muss ich hier sitzen bleiben?“
‚Alle diese Schätze, die auf uns in den deutschen Läden warten? Das darf so nicht sein. Es ist ungerecht’, dachte sie und in diesem Augenblick kullerten die Tränen in dünnen Rinnsalen an ihren eingefallenen Wangen herunter. Stefania schaute ihre kleine Schwester an und der unglückliche Gesichtsausdruck, der sorgenvolle Blick in ihren großen braunen Augen, erweichte offensichtlich ihr Herz. Schließlich gab sie nach, lächelte nur und erwiderte resigniert: „Also gut, dann komm’ mit, kleine Trödlerin, aber zieh’ dich warm an!“
Schumski sagte nichts dazu, er verstand, wie wichtig für Tessi die Ausflüge an der frischen Luft, in die Freiheit außerhalb des Todeslagers waren.
***
Das Zentrum der Ortschaft lag nicht weit vom Konzentrationslager entfernt. Entlang der zwei langgezogenen Hauptstraßen reihten sich weiße Häuser mit roten Dächern, wie fette Gänse am Wiesenrand aneinander. An der Abbiegung hinter alten Bäumen ragte ein Kirchturm mit runder Kuppel in die Höhe. Teresa war etwas enttäuscht von dem Anblick des Städtchens Groß-Rosen. Es fehlten die Geräusche des Lebens. Verlassene Gebäude schauten sie mit dunklen Fenstern an, keine Passanten waren zu sehen. Es fehlte vollkommen das Vogelgezwitscher. Alles das, an was sie sich aus ihrem Heimatort oder auch – nicht zu vergleichen – aus Warschau erinnerte, verschwand in einer unheimlichen Stille.
„Vielleicht wurden die Vögel von den Horden verwilderter Hunde und Katzen, die sich hinter dem Umschlagplatz am Bahnhof und in dem nahgelegenen Wald herumtrieben, gefressen?“, dachte Teresa.
Sie hatten einen Handwagen dabei. Das Mädchen saß darauf, eingemummelt in eine Decke, die ihr Stefania über den Mantel gewickelt hatte. Die grüne Wollmütze zog sie tief in die Stirn. Als sie den kleinen Kolonialladen betraten, schlug ihnen ein Schwall warmer, vom Kachelofen angeheizter Luft entgegen. Den Raum füllte ein würziger Duft von Tabak und Lebensmitteln. Auch ein schwacher Kernseifenduft schwebte über die Geruchsmischung. Es roch aber auch etwas säuerlich, nach Salzheringen und süßlich nach Karamellbier. Diese Mischung unterschiedlicher Aromen wirke auf Teresa wie ein Lebenselixier. Es war eine Rückkehr zum Leben.
Sie hatte sich inzwischen an den allgegenwärtigen Gestank der Angst, des Drecks und der Verwesung fast gewöhnt.
Papa und Stefania mühten sich gerade mit einem Sack Zucker in dem Magazin im hinteren Teil des Ladens ab. Sie brauchten noch Fleischkonserven, Tee und alles, was für die Rückreise nach Warschau als Verpflegung notwendig war. Unterdessen schaute sich Tessi genauer im Laden um. Der Tresen war groß und breit aus dunklem Holz. Die Wände mit eingebauten Regalen ragten hoch über ihren Kopf. Sie fand keine Puppen und auch keine Teeservices. Dafür aber erblickte sie in einem der oberen Fächer über dem Tresen einen Glasbehälter, der zur Hälfte mit rosafarbenen Lutschbonbons gefüllt war.
„Stefania!“, rief sie erfreut nach ihrer Entdeckung. „Steffi! Kannst du mir bitte helfen, diese Bonbons herunterzuholen?“
