Der verlorene Feind - Marie Weinberg - E-Book

Der verlorene Feind E-Book

Marie Weinberg

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Beschreibung

Marie und Sidney begegnen sich zum Kriegsende 1945. Die Anspannung ihrer nicht ausgelebten Zuneigung wird für beide zur aufreibenden Realität. Während das 15-jährige Mädchen in dem idyllischen, rheinhessischen Weindorf zurückbleibt, kehrt der dort stationierte, US-amerikanische Soldat nach New York zurück. Mehr als 65 Jahre kommen beide, unbemerkt voneinander, nicht zur Ruhe - wie eine stille Flamme, die Jahrzehnte darauf wartet, als auflodernde Fackel endlich Licht in das Verborgene zu bringen. Wird ein unglaublicher Zufall dieser Lebensspur einen würdigen Abschluss bescheren?

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Kapitel 1

Marie

Kapitel 2

Sidney

Kapitel 3

Berechnung oder Kommunikationsschwierigkeit?

Kapitel 4

Niemals käuflich sein!

Kapitel 5

Abschied

Kapitel 6

Die Rückkehr

Nachwort

„Du kannst deine Augen verschließen, vor dem, was deine Augen nicht sehen wollen. Aber du kannst dein Herz nicht verschließen, vor dem, was dein Herz nicht sehen will.“

Johnny Depp

Vorwort

Marie Weinberg beginnt mit elf Jahren, Tagebucheintragungen zu führen. Ihren Schulheftern vertraut sie Dinge an, über die sie mit sonst niemandem reden kann und möchte. Es sind weder grausame noch entsetzliche Erlebnisse, die sie beschäftigen, aber da die Geschehnisse in den letzten Kriegstagen sowie in der Zeit darauf ohnehin voller Anspannungen sind, ergreifen sie die zusätzlich ungewöhnlichen Ereignisse so sehr, dass Marie noch über Jahrzehnte hinweg nicht zur Ruhe kommt.

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und auf den Tagebuchaufzeichnungen von Marie Weinberg und Sidney W.

Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen der Protagonisten aus dem deutschen Weindorf geändert sowie die amerikanischen Familiennamen abgekürzt.

Kapitel 1

Marie

Kriegsjahr 1941. Die elfjährige Marie Weinberg lebte mit ihrer Familie – den Eltern sowie der drei Jahre jüngeren Schwester Liesel und ihrem drei Jahre älteren Bruder Fred – in einem wunderschönen Weindorf am Rhein. Sie waren gesellschaftlich gesehen einfache Menschen. Obwohl in fast jedem Familienmitglied eine kreative und musische Begabung zu schlummern schien, hatte alleine der Vater die Möglichkeit, dies zum Ausdruck bringen zu können. Trotzdem er einer anstrengenden Arbeit in einer Möbelfabrik nachging, musizierte er in seiner knappen Freizeit und wann immer er es sich erlauben konnte auf einem alten Akkordeon oder einer noch älteren Geige und war dankbar dafür, dass er sich einst als Austausch für harte Landarbeit einen Musikunterricht hatte verdienen können.

Die Mutter, eine hochgewachsene, stabil wirkende brünette Frau, liebte es zu schreiben. Sie musste sich aber bedingungslos und ohne um die Verwirklichung ihrer Träume kämpfen zu dürfen, in die Rolle der Hausfrau drängen lassen. In ihrer Gesellschaft und gerade in jener Zeit konnte die Existenz einer Frau nur durch eine Heirat abgesichert werden. Sie hatte Schwierigkeiten, die Realität über ihre Fantasie zu stellen. Um ihre Unzufriedenheit und den stetig wachsenden Kummer in einem unerfüllten Leben zu besiegen, wurde aus einem versteckten Gläschen Wein auch bald eine Flasche oder gern auch zwei.

*

Die kleine Liesel, ein bleiches, zierliches Mädchen mit dunkelblondem Bubikopf, zeigte schon in der Grundschule ihre Begabung im Malen und Zeichnen. Die Zeit, in der sie aufwuchs, gab ihr jedoch nie die Möglichkeit, um sich in diesen Begabungen weiterbilden zu können. So malte Liesel schließlich ihre Träume lediglich auf Packpapier und Karton. Sie blieb allmorgendlich oder sogar ganztags in der Wohnung zurück, wenn die Mutter zum Beisteuern des Lebensunterhalts Zeitungen austrug, Marie zur Schule ging oder sie anschließend gemeinsam mit der Mutter am Nachmittag der Feldarbeit nachgehen musste. Es gab keine Zeit, um darüber nachzudenken, dass Liesel aus diesem Grund einmal einzelgängerische, egozentrische Eigenarten entwickeln könnte.

In Marie schlummerte eine gesunde Mischung aus musischem Talent und Realitätsbezug. Sie war schlank, hochgewachsen und trug ihre langen, goldblonden Haare als geflochtene Zöpfe. Gern hätte auch Marie auf einem Instrument gespielt, musiziert und einen Beruf, der mit der Natur zu tun hatte, erlernt. In jenen Jahren konnte sie aber nur zu den Liedern singen, die der Vater auf dem Akkordeon und der Geige spielte, denn sie musste neben der Feldarbeit den elterlichen Garten bestellen und das Kleinvieh versorgen.

Marie spürte schon sehr rasch, dass sich daran in Zukunft wohl auch kaum etwas ändern würde.

Der drei Jahre ältere Bruder Fred – ebenfalls gut aussehend, hochgewachsen und dunkelblond – hatte anscheinend viele Begabungen. Er war aber äußerst labil und deshalb kaum fähig, aus eigener Kraft etwas Konkretes zu verwirklichen. Stets musste er, wie auch anfangs in der Schule, mit straffer Hand dazu angehalten werden. Schon recht früh schien er aus diesem Grund dem leichtsinnigen Leben zugetan. So war es Fred, der in der Familie zu jener Zeit ständig für Probleme und Aufregungen sorgte. Er war dennoch Mutters Liebling, da er die besten Schulnoten nach Hause brachte. Oft wurde er Marie, der die Konzentration während des schulischen Drills schwerfiel, von der Mutter als großes Vorbild hingestellt. Er durfte seine Schwester Marie sogar hänseln und ärgern, wo immer er konnte und mochte, was der Mutter eine seltsame, unerklärliche Form von Genugtuung zu verschaffen schien.

Als er sich eines Tages zur Handelsmarine meldete, da er dort einen Lehrvertrag als Auszubildender auf dem Schiff „Ida Blumenthal“ in Hamburg bekam, wurde es doch sehr still im Haus.

Marie vermisste die alltäglichen Streitereien mit ihm, blieb aber dennoch fröhlich und guter Dinge, da sie – wie viele andere in dem abgeschiedenen Dorf – vom Krieg noch nicht viel mitbekommen hatte. Sonntagnachmittags ging sie mit den Freundinnen meistens ins Dorfkino. Dort konnte man in der Wochenschau die Soldaten aus der Heimat sehen, die lachend in die Kamera winkten.

Also, alles halb so schlimm, mit dem Krieg, dachte sie und vertraute ihre Gedanken zum ersten Mal einem Tagebuch an, das allerdings nicht mehr als ein Schulheft war. Zu jener Zeit besuchte sie auch fleißig ihren heißgeliebten dörflichen BDM-Dienst, bei dem es richtig fröhlich zuging. Hier wurde nicht gedrillt, sondern man konnte sich über alltägliche Dinge austauschen, von seinen Träumen erzählen und es wurde größtenteils gesungen und musiziert, was Marie natürlich besonders gut gefiel. Weniger Grund zur Freude hatte sie am BDM-Dienst, der nachmittags im Schulsaal abgehalten wurde.

Marie erzählte es ihrem Tagebuch:

Ungemütlich wird es immer, wenn die großen blonden Führerinnen mit ihren dicken Haarknoten und ihren gedrehten Kordeln am Busentäschchen in der Tür stehen. Sie kommen aus der Stadt und wollen mal wieder ihre dämlichen Prüfungen absolvieren. Verdammt, und ich hatte schon wieder keine Ahnung, wann und wo diese „wundervollen Männer“ zur Welt kamen!

Gemeint waren der Führer sowie die Herren Göring und Goebbels.

„Natürlich weiß ich eine ganze Menge, nur fallen mir in diesem Moment nicht immer Daten und Heldentaten ein“, versuchte sie sich des Öfteren zu entschuldigen. Marie blieb aus diesem Grund gern auf ihrem Platz in der letzten Bank, wo sie sich hinter einer der tragenden Säulen des Schulsaales verstecken konnte. Manchmal ging es gut, aber meistens wurde sie von einer Obergruppenführerin entdeckt.

„Du, da hinter der Säule, du kannst mir doch sicherlich sagen, wann und wo unser Führer Adolf Hitler geboren wurde?!“

Oh, Schande über mich, dachte Marie, es will mir ja gar nichts einfallen!

Natürlich war die Führerin über ihr Schweigen sehr ungehalten und schlug einen unfreundlicheren Ton an.

„Weißt du denn wenigstens etwas über Hermann Göring und Joseph Goebbels?“

„Natürlich!“, versicherte das Mädchen. „Nur im Moment fällt mir nichts Konkretes ein.“

Als die äußerst genervte Führerin sie schließlich fragte, wieso sie sich nicht mit den wichtigsten Dingen ihres Lebens befassen möchte, entschuldigte sich Marie mit der Erklärung, sie hätte wenig Zeit zum Lernen, da sie täglich der Mutter zur Hand gehen müsste. Beim Suchen von Hasenfutter zum Beispiel oder beim Arbeiten in den Weinbergen, was allerdings nicht ganz der Wahrheit entsprach. Es war einfach nur so, dass sie absolut kein Interesse an diesem Thema hatte. Eventuell, eine schöne Uniform ... Ja, das hätte ihr auch gefallen, aber nicht die trockenen, langweiligen Geschichten drum herum.

In das Tagebuch-Schulheft schrieb sie:

Heute war mal wieder so ein Scheißtag. Die große, blonde Kuh mit ihrem riesigen Dutt war erneut da.

„So, und nun höre mir mal gut zu!“, hat sie gezischt. „Willst du Nebensächlichkeiten vorschieben und damit die große und schöne Idee des Führers verwerfen? Willst also nicht an dem Werk des Führers mitarbeiten? – Und nimm endlich zur Kenntnis, dass unser geliebter Führer am 20. April 1889 auf österreichischem Boden, in Braunau am Inn geboren wurde. Hast du das kapiert?!“ Sie starrte mich fest mit ihren eisblauen Augen an: „Und nimm die Ohrringe ab! So etwas trägt man in Afrika!“

Damit meinte sie meine schönen goldenen Ohrringe von Großmutter! Welch eine dumme Kuh!

Zu Hause wollte Marie davon nicht viel erzählen. Mutter war nervös, die Arbeit in den Weinbergen, der Zeitungsdienst und die Hausarbeit schienen ihr über den Kopf zu wachsen. Oftmals reagierte sie überzogen und ungerecht, was ihr kurz darauf wieder leidzutun schien. Liesel verkrümelte sich daher sogleich mit ihrem Zeichenpapier im Schlafzimmer und Marie in den Garten zu den Hühnern, wo sie auch mit dem lustigen Ziegenbock herumtollen konnte. Aber es half nichts, denn auch am folgenden Tag war die Führerin mit ihrem Gequatsche noch nicht fertig.

Sie wollte noch so ganz nebenbei wissen, wieso Marie als Einzige keine Dienstkleidung der BDM tragen würde. Bei dieser peinlichen Rüge kamen dem Mädchen die Tränen. Natürlich hätte sie für ihr Leben gern solch eine Uniform gehabt, und man hätte diese Kleidung auch mit einem bestimmten Bezugsschein erwerben können. Die Mutter stellte sich gegen diesen Wunsch, was Marie nicht verstehen konnte. Schließlich musste sie sich somit vor all ihren Kameradinnen schämen. Am ärgsten war es, wenn man sich in einer Gruppe aufstellen musste: alle in Uniform und Marie ganz verschämt im Dirndl oder Sommerkleidchen. Hochmütiges Gelächter war ihr sicher.

Trotz allem, das Mädchen war irgendwann gewillt und versprach, in den nächsten Tagen das Bild des großen Führers Adolf Hitler zu studieren. Ja, sie wollte es endlich auch ganz genau wissen, auf welche Weise er sich im Kampf 1914 in Flandern einen solchen unvergänglichen Namen erworben hatte!

Gut, jedenfalls hatte sie es vor. Nur wurde ihr ziemlich rasch dieses bekundete Vorhaben doch wieder gleichgültig ... Es fehlte ihr ganz einfach die Lust an dieser Sache oder noch deutlicher: Es interessierte sie einen feuchten Kehricht!

Außerdem war dieser geliebte Führer, den alle so verehrten, gar nicht „ihr Typ“. Er schaute immer so grimmig und brüllte zu laut. Wie konnte so jemand begeistern? Aber so etwas zu laut zu äußern, wäre schlimm gewesen, das wusste sie.

Was muss ich solch einen unnützen Kram lernen? Nicht mal Fred muss jetzt auf dem Schiff diesen Käse durchmachen. Liesel schon gar nicht und Mutter und Vater scheint es auch kaum zu interessieren! Aber auch für mich gibt es Wichtigeres. Also, was soll ich mit solch einem nutzlosen Quatsch?!

Nach diesem Eintrag versteckte Marie zum ersten Mal ihr Tagebuch unter einer losen Holzdiele unter dem Schlafzimmer-Fußboden.

*

Doch dann, am 20. Juli1944, als die Nachricht eintraf, der Führer sei an der Front für „Volk und Vaterland“ gefallen, änderte sich ihre Ansicht schlagartig! Es berührte sie tief, nachdem bei der nächsten Meldung bekanntgegeben wurde, er hätte verwundet überlebt und sei somit durch Gottes Hilfe einem bösen Anschlag entkommen.

Marie empfand urplötzlich eine tiefe Dankbarkeit, da nun doch alles ein gutes Ende gefunden hatte. Sie begann, ihre kaltschnäuzigen Gedanken zu bereuen. Sicherlich war das, was die Männer an der Front taten, zu ihrem Besten und vielleicht hatten die in der Schule doch recht. Unter diesem neuen Gesichtspunkt sollte sie aber bald eine weitere Nachricht schockieren.

Aus ihrem Tagebuch:

Gestern Nacht hörte ich, wie meine Eltern sich im Schlafzimmer unterhielten. Vater geht davon aus, dass einer der Offiziere, die – wie er sagte – den Diktator vernichten wollte, sich hätte selber opfern müssen. Das wäre sicherer gewesen und hätte vielen Menschen, die im Krieg sterben würden, das Leben gerettet. Nur aus diesem Grunde sei das Attentat eine feige Aktion gewesen!

Ein tiefer Schreck durchfuhr das Mädchen. Wie konnte der Vater nur so etwas sagen? Beim BDM und bei den Rede schwingenden Parteiführern bekamen sie eingedrillt, Augen und Ohren offen zu halten und jeden Gegner und Aufwiegler anzuzeigen. Selbst die eigene Familie dürfte man in diesem Falle nicht schonen!

Oh Gott, dachte sie, hoffentlich geht das gut mit Vaters Ansichten und Einmischungen! Aber genau in diesem Chaos der Gefühle und Gewissensbisse ereignete sich für Marie ein Glückserlebnis, das sie kaum fassen konnte: Eine junge, frisch vermählte Frau schenkte dem Mädchen ihre fast neuwertige BDM-Uniform! Zwar war die honigfarbene Kletterweste um zwei Nummern zu groß, aber egal, Marie war stolz!

Tagebucheintrag, 23. August 1944:

Ist ja auch egal, was Vater und viele andere denken. ICH gehöre jetzt dazu! Und beim nächsten Dienstantritt werde ich es den anderen zeigen, wer hier gut aussieht!

Ich, mit der schlanken Figur, groß und mit blonden Zöpfen, oder die kleinen dicken, reichen Bratwürste mit ihrem Wissen. Ich könnte mein Spiegelbild küssen!

Natürlich war es Marie in erster Linie wichtig, einen guten äußeren Eindruck zu schinden. Sie war zweifellos das hübscheste Mädchen im Ort. Dass sie sich von nun an auch noch vorschriftsmäßig respektabel kleiden konnte, daran lag ihr sehr viel.

Als sie am Abend mit ihrem neuen Kleidungsstück stolz durch das Dorf schritt und wie immer den „Treffpunkt Marktplatz“ einschlug, kam ihr eine Gruppe polnischer Zwangsarbeiter entgegen. Sie gingen jeden Abend um die gleiche Zeit vom Feld zum Schlafen in ihr Lager. Seltsamerweise waren sie ohne Aufsicht unterwegs und benahmen sich auch dementsprechend ungezügelt. Marie kam kaum an ihnen vorbei. Die Männer bildeten eine Mauer um sie herum, spotteten unverkennbar, lachten sie aus und riefen ihr polnische Schimpfworte hinterher.

Marie blickte ängstlich um sich, aber von den Sicherheitskräften, die die ganze Zeit und besonders in den Abendstunden im Dorf herumschlichen, um jeden kleinen Zwischenfall zu erhaschen, war plötzlich keiner mehr zu sehen. Eine seltsame Atmosphäre lag in der Luft. Nein, sie würde diesen Vorfall nicht melden, aber sie wollte von dem Moment an auf der Hut sein, denn irgendwie erschlich sie das Gefühl, dass sich die nahe Zukunft noch schlechter gestalten könnte ...

An jenem Abend war auch der antike Marktplatz wie leergefegt. Kein anderes Mädchen, keine Führerin ließ sich blicken. Eine unwirkliche Stille lag über dem Platz, gerade so, als hätte jemand die Zeit angehalten. Selbst in den großen Linden wollte sich kein einziges Blatt bewegen und die riesige Kirche schien sie mit ihren dunklen Fensteraugen beobachten zu wollen. Was war passiert?

Enttäuscht und mit leicht mulmigem Gefühl ging sie zum Haus ihrer Schulfreundin, um sie zu einem Spaziergang abzuholen. Sie schlenderte gedankenversunken um die alte Hofmauer, klopfte an die stabile Holztür und wurde von der Mutter der Freundin, als diese die Tür öffnete, mit einem Aufschrei des Entsetzens empfangen. Auslöser des Schreckens war Maries Kleidung:

„Glaubst du denn wirklich, dass ich meine Tochter noch einmal zu eurem bescheuerten Verein lasse? Weißt du nicht, dass wir den Krieg jetzt schon so gut wie verloren haben?! Gehe nach Hause, ziehe diese Klamotten aus und stecke sie am besten gleich in den Ofen!“

Marie stand sprachlos vor ihr, drehte sich sogleich um und ging, ohne ein Wort zu entgegnen.

Ihre einzigen Gedanken, die sie dann auch aufschrieb, waren:

Also, ich fasse es nicht, die redet ja genauso übles Zeug wie meine Eltern. Die sollen ja aufpassen. Wenn das die Parteiführer des Ortes oder deren Spitzel erfahren ...

Im September 1944 wurden in der Möbelfabrik, in der Maries Vater arbeitete, kleine Holzkisten hergestellt, die auf einen Militärauftrag schließen ließen. Er äußerte sich darüber verhängnisvoll, indem er zu einem Kollegen sagte:

„Hm, Pralinenschachteln werden das ganz bestimmt nicht! Wie kann man sich jetzt noch auf so etwas einlassen!“ Er fügte hinzu, dass diese Firma doch wirklich „armselig und bescheuert“ sei.

Es war klar, dass es Munitionskisten waren, aber mit dieser Äußerung ging er einen gefährlichen Schritt zu weit. Verräter gab es zu dieser Zeit überall und wegen jener angeblichen Hetzkampagne, die als offensichtlichen Angrif auf den Arbeitgeber ausgelegt wurde, stellte man den 43-Jährigen acht Tage später frei, damit er sofort zur Wehrmacht einberufen werden konnte.

16. September 1944:

Ach, das ist so schlimm, dass Vater dies passieren musste! Ohne ihn gibt es jetzt keine Heiterkeit mehr in dieser Familie! Er sorgte doch für Frohsinn! Hauptsächlich, wenn er auf seinen Lieblingsinstrumenten, der Geige und dem Akkordeon spielte und ich dazu singen durfte, was oft spaßig endete. Unvorstellbar, dass dies jetzt vorbei sein soll ...

Liesel wird immer unzugänglicher und schnippischer und auch Mutter lässt kaum mit sich reden. Sie benimmt sich oft unverständlich seltsam ... Und „draußen im Krieg“ scheint es wirklich nicht so prächtig zuzugehen, wie die ganze Zeit posaunt wird.

Ich hatte keine Ahnung, wie oft Vater die „Feindsender“ gehört hatte. Nun aber erfuhr ich es durch Mutter und seit einigen Abenden hören wir gemeinsam jenen englischen Sender ... Was wir da vernehmen, lässt uns erschaudern! Ich möchte nicht länger darüber nachdenken, benötige Abwechslung. Ich nehme den Handwagen und fahre in unseren Garten ...

Marie und ihre Familie mussten sich mit dieser neuen unschönen Begebenheit abfinden. Die Mutter nahm neben ihrem allmorgendlichen Zeitungsaustragen noch weitere Arbeiten in den Weinbergen an und die mittlerweile 15-jährige Marie verpflichtete sich in jener Zeit für das „Landjahr“ bei einem Großbauern. Sie wollte damit ihrem Traumberuf näherkommen, hoffte auf Verständnis und den Weg zu einer Ausbildung. An der hauswirtschaftlichen Berufsschule hatte sie sich bereits angemeldet.

Zu ihrem Übel waren die Eigentümer des Bauernhofes allerdings verklärte Fanatiker, die immer noch an den totalen Endsieg glaubten und die verhängnisvollen Auswirkungen des Krieges nicht sehen wollten. So musste sie sich auch hier erneut tagtäglich anhören, dass der Führer der Schöpfer und Gestalter der deutschen Zukunft sei ... Marie hatte keine Wahl, sie passte sich den Gegebenheiten an. Ihr Ziel, Wirtschafterin auf einem Bauernhof zu werden, wollte sie unbedingt erreichen. Alles andere war Nebensache und so fügte sie sich auch den harten Arbeitsbedingungen.

In jener Zeit ging der BDM-Dienst zu Ende. Zum letzten Mal kamen die Führerinnen aus der Stadt, um den Mädchen in der alten Schule nochmals gute Ratschläge zu erteilen. Um auch vor dem Großbauern einen angemessenen und repräsentativen Eindruck zu erwecken, holte sie zu dieser letzten Tagung ihre BDM-Kleidung hervor. Im Schulsaal angekommen blickten jedoch erneut alle Anwesenden geradezu erschrocken auf sie, denn die Damen und Schüler waren in Zivilkleidung erschienen. Nur Marie Weinberg trug stolz ihre Uniform! Keiner sagte einen Ton, doch es war zu erkennen, dass man ihre Kleidung als etwas peinlich Unpassendes zu ignorieren versuchte.

Marie verstand die Welt nicht mehr. Sie schrieb:

Gott sei Dank hielten sie alle den Mund. Vielleicht wussten sie ja selbst nicht, was man nun zu tragen hatte oder nicht ... Na gut, wir hörten unseren BDM-Führerinnen zu ...

„Rasse-und Erbpflege“ war das Thema der letzten Stunden. Und es wurde still im Saal, als die Dame zu reden anfing. Man höre und staune: Die nordische Rasse mit ihrer Sittenreinheit, SIE ist es nämlich, der man treu bleiben muss! Sollte es dennoch zur Vermischung eines weißen, blonden Mädchens mit einem dunkelhäutigen Mann kommen, der sogar einen stechenden, unruhigen Blick hätte, dann sei das Unheil nicht mehr aufzuhalten!

„Um Gottes willen“, schrien die Mädchen, „nur niemals einen dunklen Ausländer! Niemals!“

Doch plötzlich mussten alle herzhaft lachen. Ach, welch ein seltsamer Kram. Ja, wir fanden diese Gesetze zur „Rassenreinheit“ einfach nur lächerlich ...

Marie wollte sich keine Gedanken mehr über all dies machen. Was sollte man auch davon halten? Die Führerinnen blieben sich doch nicht einmal selbst treu! Wieso wurden diese „Lehrgänge“ plötzlich in Zivil abgehalten? Fürchtete man sich etwa plötzlich, seine Gesinnung nach außen hin zu zeigen? Und wenn ja, vor wem und weshalb?

Zu Hause, als Marie die Mutter danach fragte, zuckte diese beim Kartoffelschälen kurz die Schultern.

„Es wird schon Gründe dafür geben, man wird sehen ...“, kam ihre lakonische Antwort und Marie verstand, dass sie besser nicht weiter fragen sollte.

*

Inzwischen war es Oktober. Marie schrieb sich ihre Verwirrung und den Frust von der Seele:

Das Pflichtjahr ist sehr enttäuschend. Anstatt auf dem Feld und Garten arbeiten zu dürfen, werde ich nur für die drei Kleinkinder als Kindermädchen benutzt. Ich muss sie den ganzen Tag versorgen. So oft als möglich sollen die Kinder an die frische Luft. Spaziergänge bis zum kleinen Wald sind alltäglich. In einem großen Handkarren kurve ich jeden Tag mit den Kleinen in der Umgebung herum. Eine Tätigkeit, die viel Kraft und Energie kostet und das Windeln- und Hosenwechseln ist auch kein Zuckerschlecken. So habe ich mir das nicht vorgestellt!

Marie nahm schließlich allen Mut zusammen, um über diese einseitige Beschäftigung mit der Chefin zu reden. In der herrschaftlich ausgestatteten Stube wagte sie, die Bäuerin anzusprechen, aber diese gab ihr beim Richten des Tafelservices nur ein gebieterisches Zeichen, um ihr zu verdeutlichen, dass sie augenblicklich den Mund halten sollte. Somit kam es zu keiner Diskussion und die Situation schien Marie zu erdrücken. Die Chefin war sich offensichtlich zu schade, um mit ihr zu reden! Marie sollte nur bedingungslos ihren Plan abarbeiten, sonst nichts. Sie gab vorerst voller schlimmer Gefühle im Bauch ihr Vorhaben auf, nahm sich aber vor, bei günstiger Gelegenheit erneut auf ihr Anliegen zu sprechen zu kommen.

Kurz darauf ergaben sich zusätzliche, große Probleme beim Spaziergang in der freien Natur. Plötzlich aus dem Nichts auftauchende Tiefflieger jagten dem sowieso schon verwirrten und eingeschüchterten Mädchen höllische Angst ein.