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Nadja ist eine selbstbewusste und lebenslustige Ehefrau und Mutter, die erfolgreich im Leben steht. Doch das tägliche Einerlei mit ihrem Ehemann ist zur erstarrten Gewohnheit geworden.Ihr fehlen die Überraschungen und Impulse im Alltag. Und dann: Die niederschmetternde Diagnose einer chronischen Autoimmunerkrankung, für die keine Heilung bekannt ist. Diese Nachricht wirft sie völlig aus ihrer Lebensbahn.Die neue und herausfordernde Situation wird zu einer unvermeidbaren Reise zu sich selbst.Dabei lernt sie nicht nur Roland kennen, mit dem sie eine leidenschaftliche Affäre beginnt. Sie entdeckt auch, dass sie durch viel Leid gehen muss, um den tieferen Sinn ihrer Lebensaufgabe zu erkennen. Die Richtung wird zunächst immer unklarer. Sie steuert im Blindflug ins Nirgendwo, als ob sie am Bahnhof stünde und darauf warten würde, dass ein Schiff anlegt. Mutig stellt Nadja sich ihren Ängsten.Dabei kommt sie an den entscheidenden Wendepunkt ihres Lebens, wo sie zum Scheitern bereit entschlossen ihren Weg geht, der aus ihrem Herzen kommt.Musik im KopfDa Musik ein ganz wichtiger Teil von Nadjas Welt ist, möchte ich euch, liebe Leser:innen, mit auf diese Reise nehmen. Wann immer ein Song im Buch vorkommt, könnt ihr euch diesen auf meiner Website anhören und so noch tiefer in Nadjas Gefühlswelt eintauchen.Denn Musik ist viel mehr als nur ein schöner Zeitvertreib.Musik kann Balsam für die Seele sein sie verändert den Herzschlag, denBlutdruck, die Atemfrequenz und die Muskelspannung.Playlist auf nadinedegenot.com
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Seitenzahl: 414
Veröffentlichungsjahr: 2023
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ROMAN
Der verlorene
Gladiolenstrauß
Nadine de Genot
Prolog
1. Das Gesetz der Anziehung
2. Der Quartierwechsel
3. Musik im Kopf
4. Der allerbeste Freund Nummer zwei
5. Die Denkschrift
6. Überraschung im Milchkästli
7. Die pinke Dreierbande
8. Perspektivenwechsel im Winterwunderland
9. Drei Wünsche für Aschenbrödel
10. Der Stein der Wichtigkeit
11. Auf Wolke sieben
12. Bambi und die Wallwurzelsalbe
13. Das Gefühl von Heimat
14. Das scheue Reh, das nicht gerade hellste Flusspferd und der blinde Maulwurf
15. Das Wechselbad der Gefühle
16. Der Mann aus Schnee
17. Die Metamorphose
18. Die Bandbreite an Weiblichkeit
19. Das Schweigen der Wahrheit
20. Der Schneelawinenabgang
21. Der Arsch-Engel mit der Nummer acht
22. Der Chamäleon-Einzelgänger mit Spezialeffekt
23. Das Benching-Gespräch
24. Im Schockraum
25. Eine Insel ohne Schatz
26. Der schwarze Ritter
27. Der Schleier des Vergessens
28. Das Geburtstagsbuffet an Kummerhieben
29. Wie keine Göttin in Frankreich
30. Die Meisterschaft
31. Der tote Thunfisch
32. Die Nacht der Physik
33. Junimond
34. Spiel mir das Theater vom Tod
35. Das bombastische Loslassen
36. Der verlorene Gladiolenstrauß
37. Das Haus der fünf Türen
38. Der Maulwurf
Schlusswort
Danksagung
Literaturverzeichnis
Playlist: Der verlorene Gladiolenstrauß
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
©2023 Nadine de Genot
Autorin: Nadine de Genot, nadinedegenot.com
Lektorat: Anita Schullerbauer, BAUER-Verlag, Schierling Zweitlektorat: Sieglinde Hollmer, Der letzte Schliff, derletzteschliff.de
Fotografie: Linda Kastrati, LNDA Photography
Cover & Web: Harun Dogan, RAWCUT Design Studio AG
Layout Inhalt: Christina Vogl, BF Werbung, Schierling, bf-werbung.de
ISBN: 978-3-9875677-6-6
Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen ist rein zufällig.
über die autorin
Nadine de Genot wurde 1977 in Berlin geboren. Ihr Debütroman »Der verlorene Gladiolenstrauß« erscheint am 21. März 2023. Nadine de Genot lebt mit ihrer Familie seit 2006 in Zürich.
www.nadinedegenot.com
Ich muss mich noch immer kneifen, um zu glauben, dass ich dieses Buch geschrieben habe. Eine unglaubliche Reise, die ich nie für möglich gehalten habe.
Welches mein Lieblingskapitel ist …? Nun ja, das ist einfach: ALLE.
Besonders lustig ist: »Der allerbeste Freund Nummer zwei«,
besonders romantisch: »Perspektivenwechsel im Winterwunderland«,
besonders irritierend: »Der Stein der Wichtigkeit«,
besonders glühend: »Bambi und die Wallwurzelsalbe«,
besonders wegweisend: »Der Mann aus Schnee«,
besonders überraschend: »Der Schneelawinenabgang«,
besonders schmerzvoll: »Der schwarze Ritter«,
besonders dramatisch: »Spiel mir das Theater vom Tod«,
besonders befreiend: »Das bombastische Loslassen«
und, und, und …
Doch es gibt ein Kapitel, das mir besonders am Herzen liegt und daher für mich ein wenig mehr hervorsticht.
Besonders gewinnend: »Der verlorene Gladiolenstrauß«.
Viel Spaß beim Lesen!
Deine Nadine
Für meinen Papa, dafür, dass er mir beigebracht hat, dass wir alles erreichen können, wenn wir nur ganz fest daran glauben.
Dass er mich ermutigte, meine Träume zu verfolgen.
Prolog
Nadjas Bewusstsein erwachte.
Ganz behutsam fühlte sie sich in ihren noch narkotisierten Körper ein.
»Bitte lass es endgültig vorbei sein. Dieses erbarmungslose, furchtbare und qualvolle Grauen muss ein Ende haben«, war ihr flehender, ja nahezu bettelnder erster Gedanke im Aufwachraum des Universitätsspitals der Stadt Zürich.
Wieder in den wachbewussten Zustand kommend, behielt sie gewollt ihre Augen noch geschlossen. Sie wollte erst einmal für sich erwachen, bevor sie dem Anästhesisten mit klarem Blick von ihrem Gipfelerlebnis erzählen würde.
Kurz vor der Operation hatte er sie mit ruhiger Stimme gefragt, welche Traumreise sie gleich antreten wollte. Nadja überlegte.
»Ich mache einen abenteuerlichen Aufstieg zum Säntis auf 2501 Meter«, schmunzelte sie im viel zu großen OP-Hemd. Ihre Antwort kam so spontan, dass sie selbst etwas verblüfft war.
»Ist mein absoluter Lieblingsberg in den Appenzeller Alpen. Der prächtige Weitblick belohnt jegliche Anstrengung. Vielleicht sehen wir uns ja oben auf dem Gipfel. Es hat dort eine wunderschöne Sonnenterrasse«, schob sie kess hinterher.
Ihren Humor, ihren Witz wollte sie definitiv nicht auch noch verlieren. Und das, obwohl Nadja in den letzten Monaten sehr viel verloren hatte – sehr viel Hoffnung, sehr viel Vertrauen, dass eine mögliche Therapieform doch noch greifen könnte.
»Später schwebe ich dann ganz gemütlich vom Gipfel mit der Säntisbahn ins Tal, bis ich dann wieder bei Ihnen im Aufwachraum ankomme«, lächelte sie, kurz bevor sich ihr Körper gänzlich entspannte und sie einschlief.
Doch nun war ihre Gipfeltour zu Ende.
Behutsam prüfte sie jeden ihrer fünf Sinne. Ihr Mund war trocken und speichelarm. Ein ekelhafter Geschmack lag auf ihrer Zunge. Das Schlucken schmerzte vom Intubationsschlauch, der ihren Rachen während der Operation gereizt hatte. Sie brauchte einen Moment, bis sie genügend Spucke zusammenhatte, um den alles entscheidenden für sie so essenziellen Test zu vollziehen. Erwartungsvoll und in atemloser Anspannung. Sie schluckte. Da war es.
»Es ist immer noch da! Dieses elendige Geräusch. Warum kann dieser Albtraum nicht endlich vorbei sein?«, dachte Nadja, während sie abermals ihren Speichel hinunterschluckte und das leidvolle Knallen in ihren Ohren hörte.
Nichts, gar nichts hatte sich geändert!
Seufzend biss sie sich auf ihre trockenen Lippen, nahm einen tiefen Atemzug und empfand, dass einfach alles um sie herum irgendwie kränklich und leidvoll roch.
Sie hielt einen Moment inne, bevor sich nun auch langsam tanzende Farben und Muster über ihren Augenlidern breitmachten.
Augenblicklich öffnete Nadja ihre großen, blauen Augen und tastete reflexartig mit zitternden Fingern nach ihren Ohren.
»Soll diese Tortur ewig so weitergehen? Allmählich geht mir die Kraft aus! Diese Qual muss doch ein Ende haben. Ich habe einfach keine verbleibende Energie mehr für neue, hoffnungsstiftende Versuche«, ging es ihr durch den Kopf, während der dunkelhaarige Arzt mit buschigem Schnurrbart und hell leuchtenden, amüsiert, dreinblickenden Augen sie freundlich mit »Willkommen in der Talstation. Wie war ihr Gipfelausblick?« zurück in ihre verzweifelte Realität katapultierte.
1. Das Gesetz der Anziehung
Nadja erwachte unruhig.
Ihre Smartwatch zeigte 6:22 Uhr an. Es war Ende Oktober und ein kühler, klarer Sonntagmorgen in Zürich-Höngg.
Ein Quartier am Rande der Stadt. Wer in Höngg lebt, entscheidet sich für eine gute Wohnlage mit Fernsicht und wohl auch ein bisschen gegen das pulsierende Stadtleben. Schon früher pflanzten die Höngger an den ganzen sonnigen Hängen zwischen Limmat und Waldrand Reben an, und bis gegen 1900 blieb der Weinbau der wichtigste Erwerbszweig. Gewerbe und Industrie hatten hingegen immer eine geringe Bedeutung im Quartier, mit Ausnahme der Spinnereien an der Limmat und der Kelterei und Mosterei der Firma Zweifel, die heute die einzige Weinkelterei in der Stadt Zürich betreibt.
Auch die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, kurz ETH Zürich, liegt auf dem Hönggerberg. Sie zählt zu den renommiertesten Universitäten weltweit und belegt regelmäßig Spitzenplätze in Rankings.
Nadja fühlte sich nicht nur in der wunderschönen Attikawohnung mit Blick auf die Berge, sondern auch in Höngg angekommen. Sie hatten vor einem Jahr die richtige Entscheidung getroffen, die kleine Altbauwohnung im Kreis 6 zu verlassen – insbesondere für die Zwillinge Freddy und Henry, die mit ihrer kleinen Schwester Lilly viel besser auf den Wiesen direkt vor ihrem Haus spielen konnten.
Nadja schlich auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer, ging die drei Stufen zum offenen Wohnbereich hinunter und lief am Kamin vorbei geradewegs in die Küche. Sie brauchte jetzt dringend einen Kaffee mit Milch und Agavendicksaft, wie jeden Morgen.
Erst gestern Abend waren sie alle aus dem Europa-Park zurückgekehrt, von einem Ausflug, den sich Freddy und Henry zu ihrem siebten Geburtstag so gewünscht hatten. Matteo und Nadja hatten den Zwillingen diesen Herzenswunsch nicht ausschlagen können, war doch dieser Ausflug ein erster Versuch zurück zur Normalität ihres einst so beschaulichen Familienlebens.
Heute war der letzte Herbstferientag. Morgen würden Freddy und Henry wieder in die Schule und Lilly in die Kita gehen. Nadja freute sich auf den Alltag, denn Struktur im Leben zu haben, war ihr generell wichtig. Gerade jetzt in der für sie so schweren Lebensphase. Der Schul- und Kita-Alltag mit all seinen Routinen und strukturierten Abläufen würde erneut beginnen. Ein Anker, den sie brauchte.
Ihre Operation an den Ohren, die mittlerweile einige Monate zurücklag, war leider erfolglos verlaufen, sodass die Ärzte in Bezug auf das nervtötende Knallgeräusch von einem irreparablen Schaden sprachen.
Sie nahm ihre kleine Bialetti Moka Express, befüllte diese mit dem gemahlenen Kaffee aus Südamerika, den Matteo zuletzt im August von seiner Geschäftsreise mitgebracht hatte, und ging, während der Kaffee durchlief, ins Badezimmer.
In der Wohnung war es wunderbar ruhig. Alle schliefen noch. Nadja wollte die Zeit nutzen. Pragmatische Alltagsarbeit half ihr, ihren Kopf wieder freizubekommen. Sie nahm die große Reisetasche und begann, die Dreckwäsche auszupacken. Nadja wollte das Chaos schnell erledigt haben.
»Wie hatte er das gemeint? Wie skurril unser Gespräch war!«, sinnierte sie.
»Selbst mit etwas Abstand bleibt es eine sehr sonderbare Situation. Wahrscheinlich bin ich genau deswegen auch so hin- und hergerissen zwischen kompletter Empörung und der Tatsache, bei einer möglichen feuchtfröhlichen Komödie mitgewirkt zu haben«, dachte sie vor der Waschmaschine kniend mit den vom Geburtstagskuchen verschmierten T-Shirts in der Hand.
Das Gespräch lag schon zwei Wochen zurück, doch seit gestern kam ihr seine Aussage wieder in den Sinn. Vermutlich deswegen, weil sie ihn morgen wiedersehen würde – wie jeden Montag.
In Gedanken wiederholte Nadja nicht nur die Szene, sondern auch jedes einzelne Wort, jeden einzelnen der Buchstaben, die sich wie Samen in ihren Kopf eingepflanzt hatten.
Die Geschichte begann damit, dass Freddy und Henry einen enormen Bewegungsdrang hatten und so lag es auf der Hand, dass Nadja beide für den wöchentlichen Polysport der Stadt Zürich anmeldete. Wenn es ihre Zeit zuließ, brachte sie die Zwillinge gerne gemeinsam mit Lilly zum Nachmittagsturnen. Die Zeit hatte sie ja.
Genauso war es auch vor zwei Wochen gewesen.
Die beiden Jungs waren bereits in der Garderobe, es war die letzte Unterrichtsstunde vor den Herbstferien, als sie mit Lilly auf den großen Betonstufen vor der Turnhalle Platz nahm. Es war 17:15 Uhr.
Sie brauchte keinen Blick auf ihre Smartwatch zu werfen. Sie wusste es. Roland erschien pünktlich auf dem Schulgelände, um seinen älteren Sohn Gabriel vom Hort abzuholen – wie jeden Montag.
Nadja beobachtete, dass er Lilly und sie von Weitem wahrnahm. Geradewegs steuerte er auf beide zu. Als auch er ihren Blick spürte, drehte er seinen Kopf schlagartig in Richtung Lilly und zog eine alberne Grimasse.
»Hallo du Große!«, begrüßte er Nadjas Tochter mit einem kecken Lachen.
»Ich mache mir mit deiner Mama morgen einen schönen Dienstagvormittag, solange du mit Aaron in der Kita bist«, sprudelte es übermütig aus ihm raus.
Nadja zuckte zusammen und starrte ungläubig in das immer noch grinsende Gesicht ihres neuen Nachbarn. Sie war völlig perplex über diese zweideutige Aussage. Perplex nicht nur über den anstößigen Inhalt, sondern vielmehr, weil er Lilly gezielt ansprach.
»Was soll das? Was soll diese unverfrorene und schlüpfrige Provokation und das auch noch direkt vor den Ohren meiner Tochter? Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll«, schoss es ihr durch den Kopf. Doch es gelang ihr nicht, den Gedanken laut auszusprechen.
Grundsätzlich war Nadja eine sehr schlagfertige Frau, die entweder sofort einen flotten Spruch nachlegen konnte oder die richtigen Fragen stellte, um Missverständnisse gezielt zu vermeiden. Sie liebte es, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Dabei ging es ihr nicht darum, viel und lange zu reden, sondern vielmehr Meinungen und Wünsche angemessen zu äußern und gleichzeitig auf ihr Gegenüber einfühlsam einzugehen.
Sie lebte nach dem Prinzip, wer selber viel redet, erfährt eigentlich nicht viel Neues, sondern wiederholt nur das, was bereits bekannt ist. Wer allerdings aufrichtig und wertschätzend zuhört, kann viel lernen.
Sie schätzte es, andere Menschen glücklich und erfolgreich zu sehen, denn das Leben war für sie eine gemeinsame Reise und kein Wettbewerb – und wenn doch, dann zumindest in einer gesunden Form, die beide erfolgreicher machte.
Sie suchte förmlich den Austausch zu Freunden, denn nach dem massiven Corona-Lockdown zu Beginn des Jahres mit den vielen außerordentlichen Bestimmungen wollte sie sich vom Leben nicht mehr einschränken lassen.
Erst recht nicht nach der überraschenden Diagnose kurz nach dem Einzug in das neue Zuhause.
Doch in diesem Moment auf den Betonstufen vor der Turnhalle, brachte sie nichts Gescheites heraus. Die Provokation triggerte sie.
Ein Gegensatz zu ihrer sonst üblichen Wortgewandtheit. Nadja schaute Roland sprachlos an, lachte verlegen und überspielte zumindest gegenüber ihrer Tochter diese interpretationsfähige Aussage geschickt.
»Schau mal Lilly, war da nicht gerade ein Eichhörnchen?«
Blitzschnell zeigte sie auf die große Baumreihe am Bächli neben der Turnhalle, die dem gesamten Schulkomplex einen waldähnlichen Charakter verlieh.
»Wie schön Höngg doch ist!«, versuchte sie sich selbst abzulenken, während Roland sie immer noch verschmitzt anlächelte.
Obwohl Nadja äußerlich nur flüchtig lachte, bemerkte sie, dass etwas Gewaltiges im Inneren mit ihr passiert war. Hätte es an diesem Tag geregnet, gedonnert oder gestürmt, dann wäre sicherlich ihre nüchterne Erklärung an sich selbst gewesen, dass ein unerwarteter Blitz von oben direkt durch ihren gesamten Körper eingeschlagen hatte. Auf heftige Wetterkapriolen konnte sie die Situation mit Roland leider nicht schieben, obgleich sie sich wie vom Blitz getroffen fühlte. So fragwürdig und anrüchig sie seine Bemerkung auch fand, so ehrlich musste sie zugeben, dass sie sich von ihm angezogen fühlte.
»Ist da etwas? Ein Kribbeln, eine Sympathie oder etwa ein Gefühl?«, dachte sie insgeheim.
Die Situation vor der Turnhalle lief lebhaft immer noch in ihrer mentalen Rückwärtsschleife, als sie plötzlich feststellte, dass die Sortierung der Wäsche in weiß und bunt völlig durcheinandergeraten war.
»Warum bringt mich dieser Roland so durcheinander? Ich kenne diesen Mann doch gar nicht. Mal abgesehen von den kurzen Kita- oder Spielplatz-Begegnungen mit Lilly. Soll ich ihn morgen auf seine Bemerkung ansprechen?«
»Ach, ist ja schon zwei Wochen her. Ich will dem gar nicht zu viel Bedeutung schenken«, entschärfte sie ihr eigenes Kopfkino.
Nadja nahm einen tiefen Atemzug und hörte erst jetzt die Bialetti Moka Express, die schon eine halbe Ewigkeit vor sich hin jaulte. Eilig lief sie zurück in die Küche.
Sie wollte ja niemanden aufwecken.
2. Der Quartierwechsel
Matteo und Nadja konnten ihr Glück kaum fassen.
Sie hatten die Zusage für die Attikawohnung in Höngg erhalten. Nadja hatte über Monate recherchiert und schlussendlich ein Bewerbungsdossier niedergeschrieben, was einer Art Aufnahmeprüfung gleichkam. Sie hoffte, dass dieser Neubeginn sich auch positiv auf ihre Partnerschaft übertragen würde. Damals im Sommer wirkte sie nachdenklich beim Umzugskisten packen.
»Ich wünsche mir wieder mehr verbindende Momente als Paar – irgendwie haben wir uns entfernt. Aktuell funktionieren wir mehr als Eltern. Wann waren wir eigentlich das letzte Mal ohne die Kinder im Restaurant abends essen?«, grübelte sie.
»Zudem fehlt ein gemeinsames Ziel, ein gemeinsamer Plan.
Das waren doch immer die verbindenden Elemente unserer Ehe.
Und die ständigen Differenzen in der Erziehung der Kinder zermürben mich. Viel zu oft schlucke ich alles runter und versuche dann wieder Harmonie zu schaffen«, stellte sie fest.
»Das tägliche Einerlei ist zur Gewohnheit geworden. Ich will einfach unsere romantischen Rituale zurück. Mir fehlen die Überraschungen und Impulse im Alltag. Einfach gemeinsam etwas Neues entdecken – ja, ich vermisse das!«, träumte sie sehnsüchtig.
Es war offensichtlich: Ihr beider Alltag richtete sich in erster Linie nach den Kindern und die Leidenschaft hatte sich nach zwölf Jahren Beziehung nahezu verflüchtigt. Sie erinnerte sich gerne zurück, wie sie Matteo damals in ihrer Wohnung im Kreis 6, nahe dem Kafischnaps, die berühmte Cafébar in Zürich, kennenlernte.
Völlig unerwartet – und das noch auf ihrer eigenen Grillparty.
Nadja war damals zweiunddreißig Jahre jung und hatte gerade eine zehnjährige Beziehung mit Oli hinter sich. Das Ende war, wie wohl meistens, schmerzvoll und traurig.
Doch sie wusste, dass ihr Entschluss der richtige war und ein ganz neues Leben mit Matteo auf sie wartete. Sie war es, die die langjährige Beziehung mit Oli beendet hatte, weil sie keine gemeinsame Zukunft mehr sah. Ihr gesamtes Umfeld, Freunde und Familie legten ihr damals nahe, sie solle sich das noch einmal sehr gut überlegen. Oli war ein richtiger Traummann – gut aussehend, liebevoll, intelligent und umsetzungsstark. Und das allerwichtigste – er liebte Nadja aufrichtig und von ganzem Herzen.
Gemeinsam waren sie von Berlin, Nadjas Heimatstadt, nach Zürich gezogen, um dort weiter auf der Karriereleiter hochzuklettern. Er als Kommunikationsberater bei einer der renommiertesten Werbeagenturen Europas. Sie als Media- und Kommunikationsspezialistin in einem internationalen Netzwerk mit Standort in Zürich.
Sie schätzte seine ruhige Art und seinen pragmatischen Lösungsstil, aber irgendwann bemerkte sie mit Wehmut, dass die Liebe, das Gefühl über die letzten zehn Jahre verloren gegangen war. Nadja spürte schon lange nicht mehr das Kribbeln im Bauch, wie damals mit Anfang zwanzig.
Gemeinsam hatten sie viel erlebt. Die Welt hatten sie bereist.
Sie tingelten als Backpacker durch Fidji, Neuseeland, Australien, Thailand, Vietnam und Indien. Wer 24/7 über mehrere Monate mit dem Partner aushält, ohne sich voneinander genervt zu fühlen, musste wohl für eine gemeinsame Zukunft bestimmt sein. Das dachten beide. Doch es kam anders.
Das Beziehungsaus zu akzeptieren, war ihr alles andere als leichtgefallen, und so quälte sie sich regelrecht über mehrere Monate bis zur finalen Entscheidung.
Nadja wusste, Oli würde unermüdlich kämpfen, und er würde sie niemals einfach so gehen lassen. Und genauso war es dann auch.
Das Ende war schmerzvoll und traurig. Sie hatte sein Herz gebrochen und dadurch irgendwie auch ihres, denn er war ein guter Mensch, ein wunderbarer Mann und sie hasste sich dafür, dass sie ihm so wehtun musste.
Während all ihre Freundinnen mit Anfang dreißig über Familienplanung nachdachten, entschied sie sich für einen kompletten Neustart ohne Partner. Und dann geschah etwas sehr Bedeutendes.
Gerade als sie, die Raupe, dachte, ihr Leben sei vorbei, wurde sie zum Schmetterling. Aus dem schüchternen Mädchen aus Berlin, das grenzenlosen Halt und ein starkes Beziehungsfundament suchte, wurde eine erwachsene Frau, die mutig und selbstsicher war, ihre eigene Unabhängigkeit neu zu definieren.
Nadja war abenteuerlustig und spontan. Sie mochte es, zahlreichen Aktivitäten nachzugehen. Mit großer Wissbegierde machte sie sich auf die Suche nach dem Neuen und Unbekannten, denn sie liebte es, zu lernen und zu wachsen.
Etwa fünfzehn Freunde hatte sie an jenem Abend zum Grillen auf ihrem kleinen, liebevoll dekorierten Balkon im Kreis 6 eingeladen.
Es klingelte an der Tür, als sie diese mit einem Glas Prosecco, das ihr Eva gerade gereicht hatte, öffnete. Vor ihr stand ein unbekannter Mann mit markanten Gesichtszügen, der einen Dreitagebart trug. Er hatte einen frischen, leicht gebräunten Teint und sah in seinen lachsfarbenen Bermudas und dem dunkelblauen Poloshirt unwiderstehlich aus. Es traf sie sprichwörtlich wie ein Blitz.
Beinahe wäre ihr das Proseccoglas aus der Hand gefallen. Es war ein inneres Gewitter mit einer gewaltigen Menge an Einschlägen.
Da stand er, Matteo, der gut aussehende Tessiner aus Lugano.
»Hi, ich bin Matteo und der neue Mitbewohner von Alex. Er meinte, ich kann auch zum Grillabend kommen«, sagte er selbstsicher.
Nadja starrte ihn einfach nur an, ohne die Begrüßung zu erwidern, ohne ihn in ihre Wohnung zu bitten. Sie starrte ihn einfach nur an. Kein einziges Wort kam ihr über die Lippen. Es mag völlig paradox und absurd klingen, doch in diesem Moment wusste sie, dass dieser Matteo der Vater ihrer Kinder sein würde. Nadja erkannte, dass dieser Mensch ihr Herzensmensch für eine sehr lange Zeit sein würde.
3. Musik im Kopf
Schulstart nach den Herbstferien.
Nadjas Handy klingelte um 6:24 Uhr. Die Weckzeit hatte sie bewusst gestern Abend so eingestellt. Es war ihr Tick, die Geburtstagszahlen ihrer Kinder sowie die eigene – 21, 22 und 24 – in ihre morgendliche Alltagsroutine einzubinden. Abwechselnd klingelte mal das Handy um 6:21 Uhr, am nächsten Tag um 6:22 Uhr oder eben um 6:24 Uhr, so wie heute. Nadja fand das amüsant und ausgefallen für einen guten Start in den Tag.
Sie war sich sicher, heute Nachmittag würde sie Roland beim Montagsturnen wiedersehen. Doch eines war ihr genauso klar, sie würde ihn nicht auf seine Aussage ansprechen. Das hatte sie gestern, verbündet mit der Dreckwäsche, entschieden.
»Ich lasse seinen Spruch einfach im Raum stehen. Ich möchte weder etwas hochkochen, noch etwas überbewerten. Aber ich werde diesen Roland von nun an genau beobachten. So etwas muss er nicht noch einmal zu Lilly sagen«, beschloss sie insgeheim beim Schulbrote schmieren für ihre Erstklässler.
Nachdem Matteo ins Büro und die Zwillinge zur Schule gestürmt waren, war sie mit Lilly ab 8:00 Uhr alleine zu Hause. Nur dienstags ging ihre kleine Prinzessin, wie sie Lilly liebevoll nannte, in die Kita, denn seit Mai arbeitete Nadja nicht mehr. Sie hatte ihren langjährigen Job im Brand-Management bei einem der größten Detailhändler der Schweiz bewusst an den Nagel gehängt. Nicht, weil sie diesen nicht mehr mochte oder bereits eine neue Position mit besseren Aufstiegschancen in der Tasche hatte, sondern vielmehr, weil sie die Prioritäten in ihrem Leben neu setzen wollte.
Sie hatte erkannt: Für den Moment wollte sie ausschließlich für ihre Familie und für sich da sein.
Dennoch vermisste sie ihr Team, ihren fordernden und fördernden Vorgesetzten, die Projektleitung von den Nachhaltigkeitsthemen des Super-/Verbrauchermarktes sowie die gesamte Marketingabteilung mit spannenden Persönlichkeiten. Sie war unendlich stolz, Teil dieses wunderbaren Teams über so viele Jahre gewesen zu sein. Unter Tränen, aber dennoch entschlossen, ihre Entscheidung durchzuziehen, hatte Nadja damals ihrem Chef die Kündigung überbracht und das Unternehmen kurze Zeit nach ihrer zehnjährigen Betriebszugehörigkeit verlassen.
Sie erinnerte sich, wie sie mit ihrem Chef im Meetingraum Platz genommen und ihm unter Tränen ihren Entschluss verkündet hatte.
»Mein lieber Urs, ich muss dir leider mitteilen, dass ich mich entschieden habe, unser supercooles Team zu verlassen«, begann Nadja und musste erst einmal tief Luft holen.
»Wer hat dich abgeworben? Also, denen werde ich etwas erzählen – natürlich nur im positiven Sinne«, gab Urs ziemlich überrascht zurück.
»Ich kündige nicht, weil ich einen neuen Job in der Tasche habe. Ich hoffe, du weißt, wie gut es mir im Team gefällt – noch dazu mit den hoch-interessanten inhaltlichen Aufgaben. Doch meine aktuelle gesundheitliche Situation überfordert mich. Die Komplexität meiner Erkrankung bringt mich an meine physische und mentale Grenze. Ich schaffe es nicht, die zahlreichen Tasks und vielen Projekte mit der hierfür notwendigen Konzentration zu verbinden. Was sonst so mühelos leicht von der Hand ging, scheint jetzt riesige Energiereserven von mir zu benötigen.
Urs, ich schaffe das nicht!
Ich habe Angst zu versagen, ich habe Angst, unsere Kampagnen und Konzepte gegen die Wand zu fahren, weil meine Aufmerksamkeit komplett woanders ist«, erklärte sie und bemerkte, wie die Tränen kullerten.
»Es tut mir so leid, Nadja«, sprach Urs einfühlsam, der am Rande über Nadjas gesundheitliche Situation informiert war.
»Ich habe das allergrößte Verständnis und möchte dir aufgrund deiner tollen Leistung sämtliche Türen für ein mögliches Comeback offenlassen. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder«, verabschiedete er sich damals an ihrem letzten Arbeitstag.
Grund für ihren konsequenten Entschluss war die überraschende Zufallsdiagnose einer chronischen Autoimmunkrankheit gewesen, für die keine Heilungschancen bekannt waren. Diese lag drei Monate zurück – sie erinnerte sich nur allzu gut an das Gespräch mit ihrem HNO-Arzt.
»Ich überweise Sie sofort zum Universitätsspital Zürich. Meine Kollegen werden dort alle weiteren nötigen Tests, die nicht nur die Ohren betreffen, mit Ihnen durchführen. Was ich Ihnen aber jetzt schon sagen kann: Ihre Speicheldrüsen sehen aus wie ein durchlöcherter Schweizer Käse«, gab der HNO-Arzt ihr im Rahmen seines Erstbefundes zu verstehen.
Die Nachricht hatte sie regelrecht niedergeschmettert.
War sie doch nur mit Ohrenschmerzen zur Hals-Nasen-Ohren-Arztpraxis zur Hardbrücke gefahren und hatte diese mit einer chronischen Autoimmunerkrankung im Huckepack wieder verlassen. Was auf der Hinfahrt noch nach einer lästigen Mittelohrentzündung für sie aussah, entpuppte sich auf der Rückfahrt zu einem gewaltigen Problem. Nadja war umspült von Ungewissheit und Sorge.
Plötzlich war sie eine von wenigen mit dieser Erkrankung. Ihr war bewusst, die Ärzte im Universitätsspital auf der Rheumatologie mussten sie berufsbedingt sachlich über alle möglichen Verläufe und Krankheitsbilder aufklären, doch das verunsicherte sie noch mehr. Ganz positiv beschrieben die Ärzte ihr das mögliche Negative.
Nadja wurden Krankheitsverläufe aufgezeigt, mit denen sie sich vorher noch nie in ihrem Leben befasst hatte. Gerade zu Beginn empfahlen sie ihr eine engmaschige Kontrolle alle sechs Monate. Die Ärzte erklärten ihr, dass, sollte in Folge ihrer chronischen Entzündung diese noch weitere Krankheiten mit sich bringen, sie nichts verpassen wollten. Die Untersuchungsintervalle sollten daher bewusst dicht genug beieinanderliegen.
Nachdem Nadja völlig aufgelöst den Befund erst einmal mit Matteo besprochen hatte, eilte sie am nächsten Tag zu ihrer Freundin Eva. Die beiden hatten sich damals in Zürich über die gemeinsame Arbeit kennengelernt.
Aus einem anfangs unschlagbaren Teamwork entwickelte sich eine tiefe und vertrauensvolle Freundschaft – und das seit bereits vierzehn Jahren. Eva, die ebenfalls aus Deutschland kam, wohnte mit ihrer Familie in einer wunderschönen alten Villa im Quartier Hottingen, direkt auf dem Zürichberg.
»Meine Liebe, was haben dir die Ärzte im Spital gesagt? Und wie fühlst du dich?«, fragte Eva besorgt.
»Weißt du, ich musste das Gespräch erst einmal verdauen. Das ist so ein verdammter Mist, das kannst du dir gar nicht vorstellen! So viele neue Informationen, die auf mich einprasseln. Das überfordert mich«, begann Nadja bedrückt.
»Mir wurde überaus positiv alles beschrieben, was passieren kann. Es war, als hätte ich meinen Körper verlassen, als wäre das nicht mein Leben. Es war ein Gefühl, als würde ich mir selbst im Gespräch mit den Ärzten zuschauen, wie ich komplett in mir zusammensacke. Ich fühle mich, auch wenn du mir das nicht ansiehst, irgendwie total krank«, gestand sie damals verletzlich und unsicher ihrer Freundin Eva auf deren ziegelroten Samtsofa.
»Hast du Angst?«, erkundigte sich Eva ebenfalls verunsichert.
»Ja, die habe ich. Was, wenn mein Kampfgeist für diese Krankheit nicht reicht?
Was, wenn ich an die Grenzen meiner Energie und Disziplin komme?
Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein, Angst, nicht ausreichend zu sein, und ich habe Angst, daran zu sterben. Das Thema Tod ist plötzlich ganz nah und klammheimlich in mein Leben gerückt. Wieder einmal.
Nur diesmal spiele ich die Hauptrolle.«
Es war nicht kalt, und trotzdem fror sie. Die Angst kroch empor. Ihr Magen zog sich zusammen.
»Was …«, Nadja stockte einen Moment. Sie wagte es kaum zu denken, was in ihr vorging.
»Was, wenn ich das alles nicht packe. Wenn ich an dieser Krankheit scheitere?«, wisperte sie mit leiser und brüchiger Stimme.
»Liebes, wir schaffen das! Ich unterstütze dich, wann immer du mich brauchst«, versuchte Eva sie aufzufangen und nahm Nadja in ihre Arme.
»Danke, das ist lieb. Ich fühle mich einfach so ungenügend und defekt. Defekt wie ein Auto mit einem massiven Unterbodenschaden, dessen Motor aber noch sehr gut intakt ist, und auch der Rest die Fahrzeugkontrolle ohne große Mängel oder Reparaturen überstehen würde«, versuchte Nadja ihrer Freundin ihr Gefühl bildhaft zu beschreiben.
»Du bist nicht defekt. Eher ein verdammt eindrucksvoller Wagen – supersportlich und irrsinnig elegant«, schmunzelte Eva und wollte damit die Stimmung etwas auflockern.
»Aber ich verstehe sehr gut, dass diese neue herausfordernde Situation an dir nagt«, fügte sie hinzu.
»Ja, du sagst es. Nahezu panisch denke ich nur noch an die Zwillinge und an Lilly. All drei sind doch noch so klein und sie haben nichts anderes, nichts Besseres verdient, als eine gesunde Mutter«, waren Nadjas tränenreichen Worte, die auch Eva damals auf ihrem ziegelroten Samtsofa in ihrer alten Villa tief berührten.
Schon einmal hatte der Tod Nadja gnadenlos aus ihrer inneren und äußeren Balance gebracht. Das erste Mal war sie gerade einmal achtzehn Jahre alt gewesen. Das zweite Mal jetzt als erwachsene Frau und Mutter. Wieder war das Thema Tod in ihr Leben gerückt.
Damit sich die Ärzte einen Überblick über Nadjas Krankheits-ausprägung verschaffen konnten, wurden zahlreiche Untersuchungen angeordnet. Für Nadja eine reine Odyssee. Es folgten MRTs, die nicht nur ihre Ohren, sondern auch ihr Gehirn und das zentrale Nervensystem unter die Lupe nahmen. Sie war erschöpft und wahnsinnig verunsichert.
Diesen Zustand bemerkten alle Menschen, die ihr sehr nah waren. Nadja hatte Nächte damit verbracht, im Internet nach geeigneten Therapieformen zu recherchieren. Krampfhaft war sie auf der Suche nach einer Lösung. Trotz intensiver Forschung galt Nadjas Erkrankung als noch nicht enträtselt. Eine Heilung war ausgeschlossen. Lediglich die vorhandenen Symptome konnten behandelt werden. Doch Nadja wollte sich damit nicht zufriedengeben. Penibel las sie sich auch in alternativ-medizinische Behandlungsmethoden ein. Gefühlt hatte sie eine riesige Doktorarbeit hinter sich, ohne jemals promoviert zu haben.
»Es muss eine Lösung geben! Und wenn nicht hier in Zürich, dann vielleicht in der Berliner Charité. Das kann nicht mein neues Leben sein. Nein, ich will dieses Leben so nicht! Ich habe einfach noch so viele Träume im Kopf, die ich unbedingt ausleben und auch erleben will«, dachte sie verzweifelt und rastlos nach einem Ausweg suchend.
Neben den ersten Beschwerden wie trockene Augen, trockener Mund, trockene Nase, also generell trockene Schleimhäute, wurde die Autoimmunkrankheit von den Ärzten bei ihr als primär eingestuft. Was so viel hieß wie, noch sind nur die Schleimhäute und keine inneren Organe, das Nervensystem oder die Lymphdrüsen auffällig. Allerdings hatte sich, zu ihrem großen Nachteil, die Schleimhaut in ihren Ohren, die Eustachische Röhre, die Ohrtrompete oder Tuba auditiva, wie sie im Fachjargon genannt wurde, krankheitsbedingt verändert.
Es stellte sich heraus, dass die Form ihrer Beeinträchtigung untypisch für das Krankheitsbild war. Für die Ärzte wurde Nadja zu einer Ausnahme, zu einer Art Abweichung von der Norm.
Sie mochte es zwar generell, speziell zu sein, aber in diesem Kontext schien ihr ihre Einzigartigkeit nicht erstrebenswert.
Und dennoch, Nadjas Fall war für das gesamte Ärzteteam sehr außergewöhnlich.
Völlig untypisch war die Oberflächenbeschaffenheit der röhrenförmigen Verbindung zwischen der Paukenhöhle im Mittelohr und Nadjas Rachenraum angegriffen.
Dies hatte zur Folge, dass sie bei jedem Hinunterschlucken ein spektakuläres Knallen in ihren Ohren und damit auch im Kopf wahrnahm.
Es glich einem Neujahrsfeuerwerk, allerdings ohne die schönen bunten Bilder und die heitere Stimmung dazu.
Im Rahmen der Diagnose gab sie humorvoll ihrem inneren Spektakel den Spitznamen: Der Knallfrosch.
Was vorher noch leise und ganz selbstverständlich funktionierte, wurde nun zu einer üblen Tortur. Grundsätzlich gehört Schlucken zu den häufigsten Bewegungsvorgängen im Körper. Gesunde Erwachsene schlucken ca. 580 bis 2000 Mal pro Tag. Die Vorstellung, ihren Knallfrosch 2000 Mal täglich zu hören, ließ Nadja vollends verzweifeln.
Die Ärzte rieten ihr, sich nicht auf das Knallen in ihren Ohren zu konzentrieren, denn dadurch würde es noch schlimmer werden. Das Gehirn lernt zu fokussieren, erläuterten sie ihr. Ähnlich wie bei Tinnitus-Patienten, die ebenfalls eine Defokussierung neu erlernen müssen, übte auch Nadja dies jeden Tag.
Die Ärzte erklärten ihr die Auswirkungen neuronaler Veränderungen, denn unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, im Wachzustand durchgängig fokussiert zu sein.
Sie veranschaulichten ihr, dass, wenn sich jemand ständig auf einen Ton oder ein Geräusch konzentrieren würde, sich der Geist nicht komplett entspannen könnte. Körperliche und geistige Erschöpfung, Müdigkeit, Reizbarkeit und Schlaflosigkeit wären die Folge.
Zudem zeigten sie ihr auf, dass je höher die Belastung durch Stress wäre, desto wahrscheinlicher wäre es, dass sich auch ihre Erkrankung weiterentwickeln würde. Die Korrelation zwischen Autoimmunerkrankungen und Stress war schon länger bewiesen. Sie empfahlen ihr dringend die Defokussierung als zentrales Prinzip der Resilienz.
Nadja wusste, dass ihre Verzweiflung, Traurigkeit und Wut weder ihr noch ihrer Familie etwas brachten. Und sie wusste ebenso, dass sie das Leben, so wie es jetzt war, neu annehmen und akzeptieren musste. Zumindest konnte sie auf ihre Erfahrung aufbauen, die sie mit achtzehn Jahren gemacht hatte.
»Mensch Mädel!«, sprach sie sich selber Mut zu.
»Es gib nur zwei Optionen, das ist klar wie Kloßbrühe: Frustration, Wut und Trauer oder Lebensfreunde, Spaß und Zufriedenheit.
Dafür die Augen zu verschließen und unbequeme Lebensumstände einfach zu verdrängen, bist du nicht der Typ. Nein, das ist nicht dein Lösungsstil. Das bist du nicht!«, versuchte sie sich tapfer zu trösten.
Damit entschied sie sich für das Letztere: Lebensfreunde, Spaß und Zufriedenheit.
Das Leben hatte ihr unvorbereitet eine gewaltige Prüfung auferlegt. Eine Lebenslehre, an der sie nur wachsen konnte.
Um ihre innere und äußere Balance zügig wiederherzustellen, entwickelte sie entschlossen einen Plan. Regelmäßige Yoga- und Pilatesstunden, morgendliche Jogging- und Schwimmeinheiten an der Limmat, Ruder-Sessions auf ihrem Hometrainer und Atemmeditationen wurden von nun an fix in ihre Zielplanung integriert.
Sie hatte noch nie zuvor so viel Sport gemacht wie jetzt. Nadja war ehrgeizig und pflichtbewusst, und der genau Plan half ihr bei der Zielbestimmung. Am Anfang waren es Wochenziele, später Monatsziele.
Es war eine Heidenarbeit. Die ganze Vorbereitung, jedes Detail zu bedenken und mit ihrer Familie abzustimmen, da rauchte ihr manchmal der Kopf. Sie nutzte zu Hause ein Whiteboard, um ihre Ziele und Gedankenvorgänge zu notieren und sie zu verfeinern. Stundenlang kritzelte sie darauf herum, wischte fort, begann von Neuem. Sie brauchte Hoffnung.
Sie wollte zurück ins Leben.
Die zahlreichen Arzttermine, ihre Sporteinheiten, der Haushalt mit all seinen organisatorischen Disziplinen sowie die Interessen der Kinder standen von nun an im Zentrum ihres tagtäglichen Handelns.
Kommunikationsstrategien, Kampagnenrealisationen und Marken-Positionierungen wurden gegen Spielplatzbesuche, Freizeitaktivitäten der Kinder und jegliche Form der Familienorganisation eingetauscht.
Es war Nadjas neuer Job.
Doch jetzt war es das Blubbern des Wasserkochers, das Nadja sanft aus ihrer Gedankenwelt entriss und sie an ihren strukturierten Tagesablauf mit Lilly erinnerte. Mindestens 2–3 Liter sollte sie täglich trinken, so wurde es ihr immer wieder zur Pflege der Schleimhäute empfohlen. Sie goss sich ihren magischen Guayusa-Tee aus dem Amazonasgebiet Ecuadors mit Wachmacher-Effekt und vielen gesundheitsförderlichen Wirkstoffen ein und lief ins Badezimmer, um sich für den Tag fertigzumachen. Auf dem Weg dorthin legte sie liebevoll eine Hand auf Lillys Schulter, die ganz brav im Kinderzimmer mit ihrer Puppenküche am Spielen war.
»Ich komme gleich, Prinzessin! Ich mache mich rasch fertig«, erklärte sie ihr und verschwand im Bad.
Nadja öffnete den Spiegelschrank und begann flink nach ihren Kosmetikutensilien zu suchen. Sie hatte erneut Gefallen daran gefunden, sich wieder etwas hübsch zu machen und ein natürliches Make-up samt Mascara aufzutragen.
Zweifelsfrei, für ihre Verhältnisse hatte sie sich in den letzten Monaten ziemlich gehen lassen. Dabei war sie keinesfalls ungepflegt, aber bedingt durch ihre neue Lebenssituation hatte sie Kontaktlinsen, Lippenstift, Nagellack, High Heels und verspielte aber durchaus business-elegante Kleidungsstücke gegen Brille, Pferdeschwanz, Jeans, Kapuzenpulli und Adidas Sneakers getauscht.
»Warum machst du das eigentlich? Warum überhaupt dieses Tamtam mit Mascara und Wangenrouge? Diese Begeisterung ist doch ein totaler Quatsch«, dachte sie, während sie sich vor dem Spiegel mit ihrem gesamten Beauty-Set erwischte.
Doch sie spürte das Warum. Nadja freute sich auf Roland. Daran bestand kein Zweifel. Die Frage war nur, in welche Richtung sich diese Freude weiterentwickeln würde. Sie schämte sich für dieses Gefühl.
Roland Schatz kam aus Zürich. Genauer gesagt aus Küsnacht, wo er seine Kindheit in einem wohlbehüteten Elternhaus direkt am Zürisee verbracht hatte. Sein Vater, Manfred Schatz, der gebürtig aus Berlin kam, war ein leidenschaftlicher Musiklehrer. Ein Kontrabassist, der sein Lehr- und Orchesterdiplom in der Hauptstadt absolviert hatte. Rolands Mutter, eine Schweizerin, wurde an der Staatlichen Ballettschule in Berlin ausgebildet, wo sich die beiden kennen und lieben lernten. Doch Dorli zog es wieder zurück in die Schweiz. Dort erhielt sie die Möglichkeit, am Opernhaus Zürich als erste Solistin zu tanzen. Manfred folgt ihr und so ließ sich die Familie mit drei Kindern in Küsnacht nieder. Roland war der Älteste.
Roland war ein großer, schlanker Mann. Anfang vierzig, und obwohl er etwas jünger als Nadja war, sah er deutlich älter aus. Am Hals, der meistens durch den Kragen eines weißen Hemdes verdeckt war, blitzte eine rote Narbe hervor.
Er war smart, schlagfertig und irgendwie charismatisch. Ein Typ Mann, der Nadja auf der Straße mit seinen großen dunklen Locken, buschigen Augenbrauen und seinen schmalen Lippen nicht gleich aufgefallen wäre.
Vielmehr glänzte er in ihren Augen durch seine humorvolle Art, sein offenes und schmeichelndes Wesen, das insbesondere bei Frauen in der gesamten Nachbarschaft gut ankam. Mit seinem breiten Lächeln im Gesicht und den strahlend weißen Zähnen wirkte er überaus freundlich. Insgesamt machte er mit seiner formellen Kleidung einen sehr gepflegten Eindruck.
Er war vor einem Jahr nach einem längeren Auslandsaufenthalt mit seiner Familie wieder zurück nach Zürich gekommen, um die Stelle als musikalischer Direktor des Zürcher Kammerorchesters zu übernehmen. Nadja erinnerte sich, wie er ihr auf dem Spielplatz erzählt hatte, dass er bereits als Dreijähriger unbedingt Geiger werden wollte.
Mit vier Jahren begann er das Violinspiel. Sein Debüt gab Roland im Alter von fünfzehn Jahren in der Hamburger Elbphilharmonie. Anschließend studierte er am Royal College of Music, einer renommierten Musikhochschule in Kensington, London. Mit diesem Erfahrungsschatz hielt ihn Nadja für extrem begabt, schlau und eloquent.
»Mama, bist du endlich fertig?«, rief Lilly ungeduldig aus Richtung Puppenküche. Nadja schraubte ihre Wimperntusche zu, stellte diese beschämt in den Schrank zurück und richtete ihre volle Aufmerksamkeit nun auf Lilly und den Haushalt.
Es war kurz vor 17:00 Uhr, als sie ihre Kinder zusammentrommelte, um sich gewohnheitsmäßig mit den Jungs und Lilly auf den Weg zur Turnhalle zu machen. Wie jeden Montag! Sie verließen die Wohnung, nahmen den Fahrstuhl nach unten, holten Lillys Laufrad und gingen schnurstracks durch den loftartigen Eingangsbereich direkt vor ihr Haus.
Sie wollten gerade den Weg zur Turnhalle fortsetzen, als Roland ihnen aus seinem Einfamilienhaus mit der Nummer 66 entgegen schlenderte.
Er streckte seine Arme wie ein Flugzeug zur Seite und machte dabei typische Flug- und Landebewegungen. Sein gewinnendes Lachen war dabei mindestens genauso breit wie die ausgestreckten Arme.
»Wow, wie sieht denn deine Mama heute aus. Toll! Unglaublich hübsch«, platzte es verschmitzt aus ihm raus, während er seine Ansprache wieder nur an Lilly richtete.
»Sag hast du dich heute geschminkt, Nadja?«
Sie runzelte die Stirn.
»Warum sollte ich mich nicht schminken, ist ja nicht das erste Mal«, antwortete sie – immerhin spontaner als noch vor ein paar Wochen vor der Turnhalle.
Verblüfft über seine Entdeckung drehte sich Nadja verlegen zu Lilly, Freddy und Henry. Doch insgeheim wusste sie, er hatte sie eiskalt und auf frischer Tat ertappt.
Es war das erste Mal gewesen. Das erste Mal seit langer Zeit wieder.
Und auch wenn Nadja sich weigerte, das zuzugeben, da war es wieder – dieses Kribbeln, diese Sympathie, dieses besondere Gefühl.
»Ist er bei mir im Landeanflug – zumindest metaphorisch gesehen? Wie kann es sein, dass ich mich ständig und in jeglicher Hinsicht von ihm überrumpelt fühle? Das macht doch gar keinen Sinn. Sein Wirkungsbereich ist definitiv für das Verhältnis unserer Bekanntschaft zu groß und von daher frage ich mich schon, warum ich so eigenartig emotional reagiere«, schoss es ihr durch den Kopf.
»Mama, wir müssen jetzt endlich los«, erinnerten sie die Kinder drängelnd.
»Gut, dann sehen wir uns gleich vor der Turnhalle. Ich kaufe noch rasch ein paar frische und knackige Äpfel, weil Maria das irgendwie nicht hinbekommt. Soll ich dir auch einen mitbringen, Lilly?«, fragte Roland heiter.
Nadjas Tochter, die total verzückt von Roland war, wäre am liebsten mit ihm zusammen die Äpfel kaufen gegangen, doch Nadja hielt ihre kleine Prinzessin fest an der Hand.
»Yummy, ja gerne!«, antwortete Lilly, die Roland immer noch völlig hingerissen hinterherblickte. Ihre Wege trennten sich, wenn auch nur kurz.
Bei der Turnhalle angekommen, stürzten die Jungs heißblütig mit Trinkflasche und Sportsachen in die Garderobe. Sie waren im Nullkommanichts verschwunden, während Nadja noch nach einer Erklärung für Rolands Aussage suchte. Lilly war fröhlich am Lauffahrrad-Sausen, als Nadja es sich mit Kopfhörerstöpseln und guter Musik in den Ohren auf den großen Betonstufen gemütlich machte.
»Searching for« von Xinobi.
What is it you are searching for?It is about what you feel, what you do How you choose to present yourself when the situation requires you It is about what you‘re looking for, what you search for It is not about fulfillment, but it is about what is missing How do you improve? How do you progress?Are you searching?
Sie mochte den Song, denn er war passend und erklärte in Melodie und Text wunderbar ihr aktuelles Gedankenkarussell. Musik war ihre große Leidenschaft und so war es nicht außergewöhnlich, dass sie sich gerade jetzt in dieser schwierigen Lebensphase verstärkt mit Texten und Melodien zahlreicher Songs auseinandersetzte. Sie gaben ihr Halt und entrissen sie mal sanft, mal kraftvoll ihrer Monotonie.
»Wisst ihr Kinder, es ist kein Wunder, wenn Musik euch einen wohligen Schauer über den Rücken laufen lässt oder euch Tränen in die Augen treibt. Ihr werdet das als Teenager noch besser verstehen, wenn ihr beim Konzert eurer Lieblingsband überschäumt vor Glück.
Musik hilft mir, mich besser zu entspannen, denn das Lauschen einer wunderschönen Melodie macht mir nicht nur riesigen Spaß, sondern verführt mich zum Loslassen«, so versuchte sie ihr Knallen im Ohr Freddy, Henry und Lilly regelmäßig zu erklären.
»Ich habe einfach lieber Musik im Kopf als diesen blöden, lästigen Knallfrosch.«
Doch insgeheim wusste sie, dass es mehr war, ein Kraftraum und die Musik das Mittel war, ihren Puls zu senken. Sich wieder am Leben zu erfreuen. Wieder Kraft zu tanken.
Pünktlich um 17:15 Uhr betrat Roland erwartungsgemäß mit den Äpfeln das Schulgelände. Diesmal schlenderte er direkt auf Nadja zu, denn Lilly war immer noch am Sausen. Der Song endete gerade auf »What is it you are searching for?«, als Roland direkt vor ihr stand und sie anblickte.
»Hey, was hörst du da eigentlich?«
Unsicher, Roland einen Einblick in ihre Musikwelt zu gestatten, reichte sie ihm zögerlich einen der Kopfhörerstöpsel. Den anderen steckte sie sich selber ins Ohr und drückte erneut auf Play.
»Sag, hast du diesen Song von deiner Yoga-Lehrerin bekommen oder ist der etwa für dein Ego?«, schmetterte er ihr brachial nach wenigen Sekunden entgegen.
Nadja blickte ihn beschämt an.
»Ich Dummkopf, er ist schließlich musikalischer Direktor des Zürcher Kammerorchesters. Wie peinlich!«, dachte Nadja und hätte am liebsten, wie die »bezaubernde Jeannie« die Arme verschränkt und sich weggeblinzelt.
»Weißt du, Musik besteht eigentlich aus drei Bausteinen«, sprach er weiter, da er bemerkt hatte, dass Nadja sich unwohl fühlte.
»Dazu zählen die Rhythmik, die Melodik und die Harmonik. Um mit diesen Bausteinen aber überhaupt etwas bauen zu können, benötigt man ein stabiles Fundament. In dieser Musik ist dieses Fundament die Dynamik. Aber ich muss sagen, einen sehr interessanten Musikgeschmack hast du ja – definitiv spannend«, grinste er.
Es war kein Zufall, dass sich Nadja nicht dazu äußerte. Er machte sie nervös. Er brachte sie durcheinander. Sie blickte ihn einfach nur an und hörte neugierig und kribbelig zu.
»Der Dynamik wird in manchen Musikrichtungen ein höherer Stellenwert beigemessen als in anderen. Vereinfacht gesagt, ist Dynamik nur der Unterschied zwischen laut und leise. Ich, als Musiker, habe dann immer die Möglichkeit, mit dem Einsatz von Dynamik meinen sprachlichen Ausdruck zu verfeinern. Sozusagen die Information einer musikalischen Phrase zu verstärken oder eindringlicher zu gestalten. Dynamik alleine reicht aber nicht, um musikalische Informationen zu übermitteln. Dafür benötigt es mindestens einen oder mehrere der drei Bausteine.«
Nadja war beeindruckt. Irgendwie gefesselt. Voller Konzentration hörte sie ihm weiter zu. Sie war ganz Ohr.
»Der Rhythmus ist für mich, als Musiker, der Herzschlag. Er ist untrennbar mit unserem Körper verbunden und definiert dadurch im gewissen Maße, »wie wir ticken«. Der Mensch tickt aber nicht nur, sondern er lebt in einem eigenen Rhythmus.«
Roland blickte auf die große Uhr, die auf dem Pausenplatz stand.
»Die anderen beiden Bausteine erzähle ich dir mal, wenn wir mehr Zeit haben, falls dich meine Musiktheorien nicht langweilen«, lachte er und bemerkte nicht, dass er ihr damit hingebungsvoll einen Einblick in seine Welt ermöglicht hatte.
»Ja, sehr gerne«, schmunzelte Nadja und versuchte, geschickt noch rasch auf ein ganz anderes Thema überzuleiten. Sie merkte, dass er losmusste.
»Übrigens, Lilly feiert am 24. ihren vierten Geburtstag. Selbstver-ständlich ist Aaron mit euch auch eingeladen. Die Einhorn-Geburtstagskarte werde ich euch nächste Woche noch in den Briefkasten werfen oder in der Kita in Aarons Fach hinterlegen.«
Sie hoffte, sie würde ihn bald wiedersehen und diesmal definitiv etwas länger als nur für ein paar Minuten auf dem Schulgelände oder in der Kita-Garderobe.
Darauf freute sie sich.
4. Der allerbeste Freund Nummer zwei
Es war Lillys Geburtstag.
Nadjas Smartwatch zeigt 8:24 Uhr an. Es war Ende November und ein nasser Samstagmorgen in Zürich-Höngg. Die ganze Nacht über hatte es geregnet und auch jetzt nieselte es.
»Kindergeburtstage sind im Sommer einfach schöner. Aber was soll’s, meine drei sind eben im Herbst geboren«, dachte Nadja und öffnete die Kinderzimmertür.
»Guten Morgen, Prinzessin, heute ist dein großer Tag. Heute ist dein Geburtstag«, so weckten Matteo und Nadja ihre Lilly behutsam auf. Schnell krochen auch die Zwillinge aufgeregt kichernd in Lillys Bett und gemeinsam sangen sie »Wie schön, dass du geboren bist« und »Happy Birthday«.
Nadjas Einhorn-Party-Konzept inklusive Smarties-Schokoladenkuchen für die Kinder sowie die Verpflegungsideen für die Eltern standen schon seit Wochen fest.
Nadja wusste genau, was sie heute noch alles zu erledigen hatte.
Wäre sie nicht in der Kommunikationsbranche gelandet, so wäre sie sicher ihrer Passion, dem Gastgewerbe, nachgegangen.
Es machte ihr Freude Gäste einzuladen und diese umfassend zu bewirten. Insgeheim war es immer ihr Traum gewesen, ein eigenes kleines Boutique-Hotel im Grünen zu besitzen, doch aktuell hatte sie nicht die physischen Ressourcen, diesen Gedanken voranzutreiben. Und abgesehen davon, sie war nur eine mittelmäßige Köchin und hatte weder Berufserfahrung im Gastgewerbe, noch die finanziellen Mittel für ihr Vorhaben.
Nadja besaß nur ein besonderes feines Gespür für die Bedürfnisse des Einzelnen und hatte einen ausgeprägt guten Geschmack für schönes Interieur.
»Jetzt aber hopp!«, sagte sie laut vor sich hin.
»Der Kuchen muss noch gebacken und die Salate vorbereitet werden«, murmelte sie eifrig weiter.
Die Partyvorbereitung war eine gute Ablenkung.
Ihr Knallfrosch belastete sie.
»Warum ist er ausgerechnet heute so elendig laut? Und dann auch noch diese Ohrenschmerzen. Gerade heute an Lillys Geburtstag! Heute brauche ich wirklich keine Plagerei.«
Bedrückt nahm Nadja wenige Tropfen ihres CBD Öls, steckte sich ihre Kopfhörerstöpsel in die Ohren und hörte »Feeling Good« von Michael Bublé.
Der süße Duft von Smarties-Schokoladenkuchen lag schwer in der Luft, als pünktlich um 14:30 Uhr die ersten Kinder, samt ihrer Eltern im Schlepptau eintrafen. Matteo und Nadja hatten sie bewusst eingeladen, um neue Kontakte im Quartier zu knüpfen.
Roland kam mit Aaron. Seine Frau Maria sowie sein älterer Sohn Gabriel waren zu Hause geblieben. Sie verbrachten den Nachmittag damit, erste Weihnachtsdekorationen zu basteln. Es waren nur noch vier Wochen bis Heiligabend.
Die Freude war riesig, als Lilly ihren besten Freund an der Eingangstür entdeckte. Sie hüpfte aufgeregt hin und her.
»Komm Aaron, ich zeige dir mein Kuddelmuddel-Kinderzimmer«, strahlte sie immer noch hüpfend in ihrem neuen, blau gemusterten Geburtstagskleid. Womöglich strahlte Roland genau deswegen und begrüßte erst Lilly und dann Nadja sehr herzlich.
»Da haben wir ja das superhübsche Geburtstagskind. Und deine Mutter hat ebenfalls ein Gespür für Mode. Ich finde, deine Kleidung unterstreicht nur noch mehr deine Persönlichkeit, Nadja«, lobte er lächelnd.
Überrascht starrte Nadja ihn verlegen an und war froh, dass Eva sie aus der Küche nach den Proseccogläsern fragte.
»Eva, oben links. Ich komme!«, rief sie zurück und lief zu ihr.
Nachdem Roland eingetreten war, setzte er die Begrüßung in seiner charmanten Art bei den bereits versammelten Eltern fort.
Kaum waren alle Gäste eingetroffen, machten sie sich nach einem kurzen Willkommensapéro auf den Weg zum Quartierhof Höngg. Dort hatten Matteo und Nadja für Lilly zum Ponyreiten eingeladen. Der Hof lag nicht weit entfernt.
Zu Fuß waren es nur wenige Minuten. Der Weg dorthin führte die Partygesellschaft an den wunderschönen Höngger Weinbergen vorbei.
Nadja nutzte den Fußmarsch und stellte den Eltern eine Art Personen-Mapping vor. Damit klärte sie spielerisch, wer wen woher kannte und wie lange schon.
Sie wollte gerade das Holztor zum Bauernhof öffnen, als sie Lorenzo ruckartig zu sich zog und mit ihm im Schlepptau zielgerichtet auf Roland zusteuerte.
»Darf ich dir meinen allerbesten Freund Lorenzo vorstellen?«, strahlte sie stolz und war dabei etwas aufgeregt.
Roland, der sich gerade noch mit einer anderen Mutter unterhalten hatte, wandte sich ihr sofort zu.
»Hallo Lorenzo, du bist also der allerbeste Freund von Nadja. Ich bin übrigens der allerbeste Freund Nummer zwei«, sprudelte es frech aus ihm raus.
Nadja wurde völlig aus dem Konzept gebracht. Ihr blieb sprichwörtlich die Spucke weg, als sie Roland reden hörte.
»Das gibt es doch nicht! Flirtet er etwa direkt vor den Augen und Ohren meines Freundes mit mir oder will er einfach nur witzig sein?
Ach, vielleicht will er beides?
Was ist da nur zwischen uns beiden, das immer wieder aufflackert?«, fragte sie sich verunsichert und war dabei immer noch verdattert.
Der Kindergeburtstagsnachmittag verlief ansonsten, wie sie es geplant hatte. Wie man sich eine klassische Einhorn-Party mit Ponyreiten eben vorstellt: Es wurde viel geredet und gelacht, und die Kinder rannten aufgeregt hin und her und genossen den Nachmittag. In diesem Trubel musste man ein feiner Beobachter sein, um zu erkennen, dass eine Sache neu, ja ganz anderes war.
Da wo Roland war, war auch Nadja. Da, wo Nadja war, war auch Roland.
Roland hatte sich gerade ein Pony für Aaron geschnappt, als auch Nadja eines für Lilly direkt neben ihm zugewiesen bekam. Gemeinsam führten sie die kleinen Reiter über die feuchten Wiesen. Dabei lieferte sie sich mit ihrem neu gewonnenen allerbesten Freund Nummer zwei einen humorvollen Schlagabtausch. Ein flotter Spruch folgte dem nächsten.
»Roland, das Pony ist harmlos. Aber Vorsicht vor den kleinen Reitern!«, erklärte sie, als sie sah, dass er das Tier etwas unbeholfen über die Wiese führte.
»Wenn reiten einfach wäre, würde es Fußball heißen«, konterte er prompt.
»Na ja, das Pony geht so, wie es am Zügel gehalten wird«, feuerte sie zurück.
»Na, du bist eine Lustige! Lebst du etwa, als hätte jemand die Stalltür offengelassen?«, schmunzelte er.
Nadja war sichtlich vergnügt. Sie lachte übers ganze Gesicht. Ihr langes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit ihrer engen blauen Jeans und dem rot karierten Flanellhemd sah sie aus, als wäre sie beim Westernreiten.
»Na, und du bist ein Netter! Ich habe schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht«, gab sie offen zu.
»Absolut, aber eigentlich bin ich netter, wenn ich vorher ein Pony geführt habe«, witzelte er und sah, dass Nadjas rot kariertes Flanellhemd von Pferdehaaren übersät war.
»Ohne Haare ist dein Outfit eben nicht komplett«, lachte er und zeigte mit einer Hand auf ihr Hemd. Mit der anderen hielt er immer noch unsicher das Pony.
»Mein Gott war mein Leben früher noch einfach – da war das männliche Geschlecht noch doof«, grinste Nadja.
»Na, du bist aber ganz schön schlagfertig«, schob er schmunzelnd nach und gab sein Pony bei der Tierpflegerin ab.
Sein Blick wanderte dabei über Nadjas schlanken Körper.
»Du, mein Pony ist jetzt weg. Darf ich bei dir aufsatteln?«, fragte er frech.
»Im nächsten Leben … vielleicht«, antwortete sie und blickte ihn verlegen an.
Wie froh Roland war, genau mit ihr zu reden. Er liebäugelte.
Wie froh Nadja war, genau mit ihm zu reden. Sie erblühte.
Als sie nach dem Ausflug mit den Ponys in die alte Hofscheune kamen, war der Geburtstagstisch bereits gedeckt. Die großen Strohballen dienten als Sitzgelegenheit. Am Vormittag war Matteo mit den Kindern früh genug da gewesen und hatte alles vorbildlich hergerichtet. Lilly strahlte vor Glück, als sie ihre Einhorn-Glitzerkerze auf dem Kuchen endlich auspusten durfte.
