Der verlorene Sohn - Steffen Döpke - E-Book

Der verlorene Sohn E-Book

Steffen Döpke

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Beschreibung

Der Waisenjunge Peter erwacht eines Morgens mutterseelenallein in einem Pappkarton auf einer Kuhweide und hat alle Erinnerungen an sein früheres Leben verloren. Er weiß nicht einmal mehr, wer seine Eltern sind und ob sie noch leben. Als er sich auf den Weg macht, um nach Hilfe zu suchen, muss er bald feststellen, dass ihm alle Menschen aus dem Weg gehen oder ihm gar mit offenem Hass begegnen. Ein unsichtbarer Fluch scheint auf ihm zu liegen, der ihn zu dem Leben eines Straßenkindes in Einsamkeit und ständiger Angst ums Überleben zwingt. Alles scheint sich jedoch zu ändern, als ihm die Zauberin der weißen Rose begegnet. Kann sie ihn von seinem grausamen Schicksal erlösen oder bezahlt er für ihre Hilfe einen Preis, dessen Höhe er noch gar nicht absehen kann? Der verlorene Sohn ist der erste Band der Reihe Der Fluch des dritten Tages, welche die Lebensgeschichte eines absoluten Außenseiters erzählt. Das Schicksal Peters wird bereits in seiner Kindheit vom Kampf zwischen einer dunklen und einer hellen Macht bestimmt. In die totale Einsamkeit verbannt, erhält er eines Tages den Schlüssel, durch welchen er die Türen zu den Herzen der Menschen wieder öffnen kann. Findet er einen Ort, an dem er bleiben und glücklich werden kann oder ist er zu einem Leben auf ewiger Suche nach der Bestimmung seines Lebens verdammt? Viele Höhen und noch mehr Tiefen muss Peter durchleben, bis er die Antwort auf seine Frage erhält.

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Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2017

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„Der verlorene Sohn“ ist der erste Band der Reihe

„Der Fluch des dritten Tages“

mehr vom Autor unter:

www.youtube.com/user/SD4785

Inhaltsverzeichnis

Teil 1 – Böses Erwachen

Kapitel 1 bis 7

Teil 2 – Das Leben geht weiter

Kapitel 8 bis 14

Teil 3 – Ein neues Zuhause?

Kapitel 15 bis 24

Teil 4 – Enttäuschung und Hoffnung

Kapitel 25 bis 30

Teil 1 – Böses Erwachen

1.

Ich heiße Peter.

Das ist aber auch fast alles, was ich euch von mir erzählen kann. Ich bin ja froh, dass ich wenigstens noch meinen Namen weiß. Nur meinen Vornamen, wohlgemerkt. Alles andere habe ich vergessen. Meinen Nachnamen genauso wie die Namen meiner Eltern. Aber nicht nur ihre Namen, sondern auch ihr Aussehen, ihr Alter, ihre Berufe und auch sonst fast alles. Das Einzige, was ich noch von ihnen weiß, ist, dass mich meine Mutter liebhat und mein Vater stolz auf mich ist. Denn das haben sie mir ja immer wieder in meinem Traum gesagt, jenem Traum, den ich in der Nacht vor dem schrecklichen Tag, an dem ich alles andere vergaß, geträumt hatte.

Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, an einem Tag, der eigentlich ein sehr schöner Tag werden könnte, weil die Sonne scheint und der Himmel blau ist, aufzuwachen und nicht zu wissen, wer und wo man ist?

Könnt ihr das wirklich?

Schwer zu sagen, wenn man es selber nicht erlebt hat. Ich jedenfalls brauche es mir nicht vorzustellen, denn ich habe es erlebt. Und wenn man es genau nimmt, durchlebe ich es noch immer, denn seit dem Tag, an dem ich alles vergaß, ist nichts mehr so geworden, wie es einmal war. Ich brauche mich also lediglich an den Morgen zurückzuerinnern, an dem es begann, als ich plötzlich von dem lauten Muhen einer Kuh aus dem Traum aufgeschreckt wurde und voller Erstaunen die Augen aufriss.

Seltsam. Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, dass in der Nähe unseres Hauses jemals Kühe geweidet hätten. Aber als ich mich etwas genauer umsah, merkte ich sofort, woran das lag. Denn der Ort, an dem ich mich befand, konnte unmöglich mein Zuhause sein. Oder habt ihr jemals von einem Kind gehört, das mutterseelenallein in einem Pappkarton haust, der gerade einmal so breit ist, dass man sich dort gekrümmt hinlegen kann?

Ich nicht, jedenfalls nicht in diesem Land. Wo aber war dann mein Zuhause? Und weshalb war ich an diesem Morgen nicht dort?

Eine Weile blieb ich völlig verdattert liegen und dachte darüber nach. Versuchte krampfhaft, mich zu erinnern. An irgendetwas. An die Farbe unseres Waschbeckens, die Nasenspitze meiner Mutter, an die Tapeten unseres Wohnzimmers oder den Geschmack des letzten Abendessens. Aber alles schien vergebens zu sein. Egal, wie sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte keine Erinnerung hervorbringen. Die einzige, die mir geblieben war, waren die Worte meiner Eltern: „Ich habe dich so lieb“ und „Ich bin so stolz auf dich.“

Und wenn ich daran dachte, kam auch diese Wärme wieder.

Eine Wärme, die weniger an die Sonne oder an ein heißes Bad, sondern vielmehr an eine zärtliche Umarmung erinnerte. Ich versuchte, die Wärme festzuhalten, so lange es nur ging. Ich glaubte fest, dass mir dabei auch langsam die Gesichter wieder einfallen würden. Die Gesichter von den Leuten, die mich wärmten und mich liebhatten und stolz auf mich waren.

Aber die Wärme verschwand und stattdessen spürte ich den kühlen Luftzug, der durch die Ritzen an den Oberkanten des Pappkartons zu mir hereindrang. Verzweifelt gab ich auf.

Ich muss wissen, wo ich bin, war mein nächster Gedanke. Vielleicht hat man sich mit mir ja nur einen kleinen Scherz erlaubt, mich mitten in der Nacht aus meinem Bett getragen und in einem Pappkarton auf der nächsten Kuhweide abgesetzt. Mit Händen und Füßen stieß ich gegen die Wände, die nur sehr lose ineinander geschachtelt waren.

Und schon stand ich im Freien. Es war ziemlich kühl draußen, denn es war noch früh am Morgen. Doch die Tautropfen auf den Grashalmen glitzerten so wunderbar im aufgehenden Sonnenlicht, dass ich sofort wusste, dass dies ein schöner und sonniger Tag werden würde.

Doch dann fing ich an zu zittern. Ziemlich heftig sogar. Aber nicht etwa wegen dem Wetter, sondern wegen dem dumpfen „Muh!“, welches mir erneut entgegenschallte. Ich hatte mich also nicht getäuscht. Meine bescheidene Behausung befand sich auf einer Weide, die von mehreren Dutzend Kühen bevölkert wurde, welche nun in gemächlichem Gang auf mich zugetrottet kamen, um mich mit ihren großen, neugierigen Augen anzustarren. Anscheinend waren sie es nicht gewöhnt, dass am frühen Morgen Kinder auf ihrer Weide erwachten. Und ich war es genauso wenig gewöhnt, in einer Herde von Kühen zu stehen und hatte auch keine besondere Lust darauf, sie näher kennenzulernen. Was für ein Glück, dass sie fast alle von derselben Seite her angelaufen kamen und mich somit noch nicht umzingelt hatten.

Ohne darüber nachzudenken, ob diese schwarz-weißen Tiere nun Freund oder Feind waren, rannte ich los! Rannte so schnell mich meine zitternden Beine trugen. Taumelte, als ich über einen Maulwurfshügel stolperte, kam aber schnell wieder auf die Beine. Und dann machte ich endlich den letzten großen Satz und klammerte mich an einem bemoosten und glitschigen Holzzaun fest.

Da erst wagte ich es, zurückzusehen und stellte fest, dass die Kühe mir nicht in einem Affentempo hinterhergejagt waren. Nach ein paar Schritten waren sie stehen geblieben und nun guckte mir die gesamte Herde mit verwunderten Augen hinterher. Vielleicht waren sie beleidigt und fanden es unhöflich von mir, dass ich mich so panisch aus dem Staub gemacht hatte, wo sie mir doch nur in aller Freundlichkeit einen Guten Morgen wünschen wollten. Ich aber atmete erleichtert auf und hob das erste Bein über den Zaun. Welch ein Glück, dass es nur Kühe sind, dachte ich und wollte gerade das zweite Bein nachziehen. Bei Stieren hätte das Ganze vielleicht ganz anders…

Plötzlich spürte ich auf meinem Rücken solch einen eisigen Schauer, dass ich beinahe wieder hintenüber und zurück auf die Weide geplumpst wäre. Denn wie ich so über die Kühe und die Stiere nachgedacht hatte, war mir doch tatsächlich aufgefallen, dass ich nicht einmal mehr wusste, ob ich selbst ein Junge oder ein Mädchen war.

Ja, Herrgott nochmal, ist das denn die Möglichkeit? Kann es wirklich sein, dass man so wenig von sich selber weiß, nicht einmal, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist?

Zitternd und völlig mit den Nerven am Ende rutschte ich dann doch noch auf die andere Seite des Zauns hinab.

Nun ja, die Sache mit Junge oder Mädchen kann man mit einem einfachen Handgriff ziemlich schnell feststellen. Und außerdem fiel mir ein, dass ich ja Peter hieß. Und ein Mädchen kann wohl schlecht Peter heißen. Wie würde sich das anhören?

Aber was war mit all den anderen Dingen? Mit den Haaren. Waren sie hell oder dunkel? Oder den Augen. Waren sie grün, blau oder braun? Waren die Wangen rot oder blass, waren die Zähne gesund oder faul? War ich ein hübsches oder ein hässliches Kind?

Ich versuchte, mich zu erinnern, aber es wollte mir einfach nicht gelingen. Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist? Wie es ist, wirklich rein gar nichts über sich selbst zu wissen? Nicht sein Alter, nicht seine Schuhgröße, nicht den Nachnamen, ja, nicht einmal das eigene Gesicht zu kennen?

Auf der anderen Seite des Zauns lag ein Feldweg und an der anderen Seite dieses Weges stand ein alter Grenzstein, auf dem ich mich niederließ. Ich musste erst einmal tief durchatmen und den ersten Schock überwinden. Danach überlegte ich, was ich als nächstes unternehmen sollte.

Ich muss wissen, wo mein Zuhause liegt, dachte ich. Aber dazu muss ich erst einmal wissen, wer ich bin und wie ich aussehe. Doch allein kann ich das wohl kaum herausfinden. Deshalb muss ich die nächste Siedlung finden und einen anderen Menschen um Hilfe bitten. Wenn ich Glück habe, dann befinde ich mich ganz in der Nähe meines Elternhauses und treffe vielleicht sogar einen alten Bekannten, der mich erkennt und mir den Weg nach Hause zeigen wird.

Ich sah den Feldweg entlang, doch ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals in dieser Gegend gewesen zu sein. Aber was hieß das schon? Feldwege gibt es auf dem Land viele. Und sie sehen ja auch alle sehr ähnlich aus. Da muss man sich nicht an jeden einzelnen erinnern. Aber wenn ich diesen Weg entlanggehe und zu einem Bauernhof oder in ein Dorf komme, dann wird mir schon wieder einfallen, wo ich bin, hoffte ich.

Bevor ich mich aber auf den Weg machte, musste ich mich erst einmal ein wenig selbst beschauen. Ich trug braune Wanderstiefel aus Leder. Das passt ja schon mal, falls ich einen langen Marsch machen muss, dachte ich und mir wurde sofort etwas heiterer zumute, obwohl ich eigentlich hoffte, dass der Weg zum nächsten Haus – hoffentlich meinem Haus – nicht zu weit sein würde.

Dann trug ich noch eine braune Hose, die ein wenig alt und ausgewaschen aussah. Ich durchsuchte die Hosentaschen und hoffte, einen Zettel, ein Foto oder sonst irgendetwas zu finden, was mir sagen konnte, wer ich war. Aber die Taschen waren vollkommen leer.

Über der Hose trug ich eine graue Strickjacke und darunter ein gestreiftes Hemd. Nun wusste ich also genau, was ich anhatte.

Nur mein Gesicht, das wichtigste von allen, kannte ich immer noch nicht. Ich knöpfte mein Hemd auf und fuhr mir über den Bauch. Ich merkte, dass ich ziemlich mager war, denn ich konnte die Rippen gut ertasten. Sofort hörte ich, wie mein Magen protestierte. Ja, es war wirklich an der Zeit für ein kleines Frühstück. Zu dumm, dass ich keinen Rucksack mit Proviant dabei hatte. Tja, dann musste ich wohl wie ein Landstreicher von Tür zu Tür ziehen und mir etwas erbetteln. Also auf, auf! Ich hatte keine Zeit zu verlieren und marschierte los. Die Kühe auf der Wiese folgten mir ein kurzes Stück, doch schon bald kamen sie an den Zaun, der ihrer Weide ein Ende setzte, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und mir sehnsüchtig hinterherzuschauen. Von da an war ich allein auf weiter Flur.

Die Sonne stieg höher am Himmel hinauf und schien zusehends wärmer auf mich hinunter. Die bunten Blumen auf den Wiesen öffneten ihre Blüten und überall um mich herum sah ich Vögel, die auf den Zweigen der Bäume saßen oder geschäftig umherflogen und dabei ihre fröhlichen Lieder zwitscherten. Es kam mir ein wenig so vor, als sängen sie diese nur für mich und mein Herz machte vor Freude einen kleinen Hüpfer. Sicher war es ein schrecklicher Tag gewesen. Ohne Erinnerungen aufzuwachen, in einem Pappkarton, mitten auf einer Kuhweide, ist ein Schreck, den man nicht alle Tage erlebt. Aber jetzt, wo ich sah, wie die Natur um mich herum erwachte und alles so warm, grün und herrlich war, da konnte ich doch nicht länger traurig sein. Ich spürte, dass alles gut werden würde – ach nein, ich wusste es. Voller Vergnügen hüpfte ich den Weg entlang und sah mal nach links, mal nach rechts.

Ich sah Wiesen mit Gräsern und blühenden Blumen. Und ich wusste, dass es Wiesen waren. Diese Wiesen allerdings kannte ich nicht. Ich versuchte, mich an irgendwelche anderen Wiesen zu erinnern, aber mir fielen keine ein.

Dann kam ich durch ein kleines, schattiges Wäldchen, mit vielen Tannen, aber auch mit Laubbäumen. Sie waren noch ziemlich kahl und hatten erst ganz winzige, kleine Blätter. Aber in wenigen Tagen würden sie einen richtig schönen dichten, grünen Mantel bekommen. Das wusste ich.

Aber woher eigentlich? Ich kannte diese Bäume nicht. Und ich konnte mich auch an keine anderen erinnern und doch wusste ich, dass es sie gab, dass sie Bäume hießen und dass sie im Winter kahl waren, aber im Frühling neue Blätter bekamen.

Ich blieb stehen. Das war doch wirklich höchst verwunderlich! Alles um mich herum war mir so bekannt, aber gleichzeitig auch wieder so fremd. Hier im Schatten der Bäume ließ meine Fröhlichkeit wieder ein wenig nach. Langsam trottete ich den Weg voran und überlegte, was dies alles zu bedeuten hatte, warum ich alle Dinge beim Namen nennen konnte, obwohl ich mich an nichts dergleichen aus meinem früheren Leben erinnern konnte.

Aber ich sah bald ein, dass es keinen Zweck hatte, darüber nachzudenken. Wenn ich eine Antwort auf meine Fragen haben wollte, musste ich eben Menschen finden und zwar möglichst schnell!

Also fing ich wieder an zu laufen. Doch diesmal nicht aus Heiterkeit, diesmal hatte ich es wirklich eilig. Ich hoffte, unterwegs einen Teich, einen Bach oder wenigstens eine Wasserpfütze zu finden, in der ich mein Gesicht spiegeln konnte. Denn ich musste doch wissen, wie ich aussah, bevor ich vor den ersten Menschen trat. Aber ich hatte Pech. In den letzten Tagen schien es nicht besonders oft geregnet zu haben.

Und so hetzte ich weiter voran, hörte mit meinen Ohren die dumpfen Schritte meiner Stiefel auf dem Waldboden, schaute mit den Augen den Weg entlang, der sich vor mir in die Länge zog, sog mit meiner Nase den Geruch des Waldes in mich hinein und keuchte aus dem Mund, weil mir von dem vielen Gerenne langsam schwindelig wurde. Ja, meine Sinne, die funktionierten wirklich wunderbar. Hoffentlich sah das Gesicht, zu dem sie gehörten, genauso gut aus.

Ich erreichte den Waldrand und vor mir breitete sich eine leicht hügelige Wiesenlandschaft aus. Links und rechts vom Weg wuchsen Obstbäume, die noch vor wenigen Tagen in voller Blütenpracht gestanden haben mussten.

Und dann sah ich auch endlich das, wonach ich so lange gesucht hatte – einen Menschen!

Sofort waren all mein Kummer und all meine Sorgen wieder verschwunden. Hurra, ich war nicht der einzige verbliebene Mensch auf der Erde! Es gab auch noch andere, Erwachsene, die man um Hilfe bitten konnte. Und nur wenige hundert Meter von mir entfernt war so ein Erwachsener. Es war ein Mann, der auf einem Stein saß, ein Butterbrot aß und sich zufrieden die Landschaft um ihn herum ansah. Hinter ihm war eine Weide mit vielen weißen und einigen schwarzen Schafen und vor seinen Füßen lagen zwei schwarze Hunde, denen er ab und zu ein Stückchen Brot zuwarf, welches sie gierig aufschnappten.

Das wird wohl ein Schäfer sein, dachte ich und ging näher an ihn heran. Der Mann musste ungefähr vierzig Jahre alt sein, er trug grüne Kleidung, hatte braune Gummistiefel, ein gerötetes Gesicht und braunes, zerzaustes Haar. Hübsch sah er nicht gerade aus, fand ich. Aber das machte ja nichts. Wenn er mir nur sagen konnte, wo ich war und mir vielleicht ein wenig von seinem Brot abgab.

Zügig ging ich auf ihn zu und blieb dann abrupt stehen. Denn bevor er mich sah, entdeckten mich bereits seine beiden Hunde. Wild sprangen sie auf und kläfften mich mit fletschenden Zähnen an. Welch ein Glück, dass sie an einem Zaunpfahl angebunden waren. Die beiden wollten mich doch nicht etwa zerfleischen?

Vom lärmenden Gebell der Hunde aufgeschreckt, sah sich auch der Mann zu mir herum und sein zufriedenes Gesicht verzog sich sofort zu einer finster dreinblickenden Grimasse.

„Äh, hallo…“, stammelte ich ein wenig schüchtern, denn mit so einer Begrüßung hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

„Was machst du denn hier?“ fragte der Mann mit rauer und nicht gerade freundlicher Stimme. „Müssen kleine Kinder wie du nicht zu dieser Uhrzeit in der Schule sein?“

„Guten Morgen“, grüßte ich noch einmal, denn mir fiel ein, dass manche Erwachsene es nicht so gern mögen, wenn man sie einfach nur mit Hallo begrüßt. Aber der Mann sah kein bisschen freundlicher aus.

„Willst du hier vorbei?“ fragte er mürrisch. „Na, dann los! Ich halte die Hunde zurück.“

Er fasste beiden Hunden an den Halsbändern und obwohl er eigentlich recht kräftig aussah, kostete es ihn einige Mühe die beiden Kläffer zurückzuhalten.

„Na, was ist denn nun?“ brüllte er mir wütend zu. „Jetzt setz deinen Arsch in Bewegung und verschwinde! Siehst du nicht, dass du die Hunde total verrückt machst?“

„Oh, entschuldigen Sie bitte“, antwortete ich, ohne dabei einen Schritt vorwärts zu gehen. „Das wollte ich nicht. Aber bitte, lieber Herr, können Sie mir vielleicht sagen, wo ich hier bin? Ich habe mich im Wald verlaufen und nun suche ich den Weg nach Hause.“

Der Mann zog seine Hände zurück und die Hunde sprangen so hastig auf mich zu, dass sie sich beinahe mit ihren Halsbändern erwürgt hätten. Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. Der Mann sah sich zunächst seine gequetschten Finger an, dann warf er einen wütenden Blick auf mich.

„Das weiß ich doch nicht, wie du nach Hause kommst!“ keifte er mich an. „Ich kenn dich ja noch nicht mal. Und außerdem haben Kinder am frühen Morgen sowieso nichts im Wald zu suchen. Also sieh zu, dass du in die Schule kommst, damit du was lernst und mir später mal meine Rente bezahlen kannst!“

Ich war sehr enttäuscht darüber, dass mir der Mann überhaupt nicht helfen wollte.

Aber eigentlich ist es ja nicht so schlimm, tröstete ich mich. Es gibt ja noch mehrere, viel nettere Menschen auf der Welt, die ich fragen kann. Ungeduldig trat ich von einem Bein aufs andere, denn ich traute mich nicht, den Mann zu fragen, ob er die Hunde ein zweites Mal zurückhalten könne. Aber den ganzen Weg zurückgehen, wollte ich auch nicht.

Der Mann erkannte meine Gedanken und stand mit einem lauten Fluchen auf, als ob ich ihn um etwas Besonderes gebeten hätte. Dann band er seine Hunde los, öffnete das Gattertor zur Wiese und schubste sie genervt hinein. Sofort vergaßen die Hunde mich und machten sich voller Eifer daran, die Schafe zusammenzutreiben.

„Na, mach schon!“ brüllte der Mann mich an. „Nun verschwinde endlich vor meinen Augen, du hässliches Blag!“

Ich erschrak. Hässliches Blag hatte er mich genannt. Oh, hoffentlich war ihm das in seinem Ärger nur so rausgerutscht. Ich wollte alles sein, aber bloß nicht hässlich. Doch ich hatte keine Zeit, genauer darüber nachdenken, denn der Mann sah mich mit funkensprühenden Augen an, dass ich dachte, dass es wirklich das Beste sei, so schnell wie möglich abzuziehen und ihn nicht länger zu reizen.

Trotzdem blieb ich noch einmal stehen. Das war, als ich das große Stullenpaket erblickte, das er neben sich auf dem Stein liegen hatte. Mit leuchtenden Augen sah ich es an. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.

„Was habe ich gesagt?“ fragte der Mann, als ich stehen blieb.

„Ich… ich habe wirklich einen Mordshunger“, antwortete ich. „Wenn Sie mir vielleicht ein klitzekleines Brot geben, dann werde ich auch ganz schnell…“

„Meine Hunde haben auch einen Mordshunger!“ erwiderte der Mann mit einer Stimme, die sich anhörte, als würde sie hohe, Angst einflößende Wellen schlagen. „Und wenn du jetzt nicht endlich zusiehst, dass du wegkommst, dann kenne ich ein kleines, unverschämtes Kind, das sie heute zum Mittagessen fressen werden! Luca, Bronco, bei Fuß!“

Er stieß einen spitzen Pfiff aus und sofort vergaßen die Hunde die Schafe und kamen hechelnd auf den Zaun losgestürmt.

Und da rannte ich los! Ich rannte so schnell, dass die Steinchen unter meinen Stiefeln knirschten und das Herz in meiner Brust zu explodieren drohte. Und erst, als ich das Gefühl hatte, dass ich jeden Moment vor lauter Gehetze meine Lunge ausspucken könnte, blieb ich stehen. Ich sah mich um und rechnete damit, dass jeden Moment zwei dunkle, knurrende Schatten auf mich lossprangen, mich zu Boden rangen und mir das Gesicht zerfleischten. Aber der Weg hinter mir war leer und sah so idyllisch aus wie eh und je. Der Mann hatte die Hunde also doch nicht auf mich losgelassen. Er hatte mir nur einen ordentlichen Schreck einjagen wollen.

So ein fieser Typ, dachte ich, nachdem ich mich einigermaßen erholt hatte. Wieso musste er nur so unfreundlich werden, wo ich ihm doch nur ganz nett eine Frage gestellt habe? Na ja, es gibt halt solche doofen Menschen. Da sollte man sich nicht so viel draus machen. Beim nächsten Mal habe ich gewiss mehr Glück.

Nun machte der Weg vor mir eine kleine Biegung. Dahinter ging es einige Meter in ein kleines Tal hinab und rechts vom Weg sah ich das rote Dach eines großen Bauernhofs. Sofort besserte sich meine Laune. Was für ein wunderbarer Hof in einer so wunderbaren Landschaft!

Wenn das nicht zufälligerweise das Haus von diesem unfreundlichen Schäfer ist, dann werde ich dort sicherlich nur nette Leute treffen, dachte ich und machte mich freudig auf den Weg.

2.

Der Bauernhof bestand aus zwei Häusern. Einmal war da ein Stall, der aus rotem Backstein gebaut war. Er sah bereits ein wenig alt und gammelig aus und auf dem Dach fehlte die eine oder andere Ziegel. Aber das Wohnhaus gegenüber! Das war so schön, dass ich dort am liebsten sofort eingezogen wäre. Das Fachwerk sah aus wie frisch renoviert, glänzte weiß wie Schnee und vor allen Fenstern waren Kästen angebracht, in denen die schönsten Blumen blühten. Aber das Allerschönste von allem war, dass aus dem Schornstein frischer Dampf aufstieg und die Haustür weit geöffnet war. Ich blickte mich auf dem Hof um, aber ich sah und hörte keinen anderen Menschen.

Und da breitete sich in mir irgendwie das Gefühl aus, als würde man im Inneren des Hauses bereits auf mich warten. Vielleicht kochte gerade jemand einen Tee für mich und die Haustür hatte man so weit aufgelassen, damit ich sofort hineintreten konnte und nicht erst zu klingeln brauchte. Ja, vielleicht ist dies ja tatsächlich mein Elternhaus, phantasierte ich weiter. Und die Frau, die da drinnen den Tee für mich kocht, ist meine Mutter die nur darauf wartet, dass ihr Junge endlich aus dem Wald zurückkommt. Und meinem Bruder, der sich diesen dummen Scherz erlaubt hatte, mich mitten in der Nacht in einem Pappkarton auf der Kuhweide auszusetzen, hatte sie bereits ordentlich die Leviten gelesen. Als Strafe musste er den ganzen Nachmittag lang Holz hacken und würde obendrein auch noch zwei Wochen Hausarrest aufgebrummt bekommen.

Ich trat an den Eingang heran und musste sofort ernüchtert feststellen, dass man die Tür keineswegs für mich aufgelassen hatte. Der wahre Grund war vielmehr, dass man frisch gewischt hatte und der Boden auf diese Weise besser trocknen konnte. Die Diele, die so groß war, wie bei manch anderen die gesamte Wohnung, war zwar bereits weitgehend getrocknet, aber ein gefüllter Wassereimer und ein Wischmopp, der an der Wand lehnte, erinnerten noch an das vorangegangene Scheuererlebnis.

Ich sah auf das Namenschild an der Klingel: Brockmann. Der Name sagte mir überhaupt nichts und sofort spürte ich, dass dies ganz sicher nicht mein Zuhause war. Ich wusste zwar nicht, wie mein Nachname lautete, aber ich war davon überzeugt, dass ich ihn wiedererkennen würde, sobald ich ihn las oder hörte. Genauso, wie ich meine Eltern wiedererkennen würde, wenn ich sie nur endlich bald zu Gesicht bekam.

„Hallo“, rief ich schüchtern in die Diele hinein, aber niemand antwortete mir. Nur ein leises Echo, das durch die große Diele hallte. Ich überlegte, ob ich klingeln sollte, aber ich entschied mich dagegen. Warum wusste ich selber nicht. Und so trat ich, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, in ein fremdes Haus hinein. Die Riesendiele mit ihren ockerfarbenen, sauber glänzenden Bodenfliesen erzeugte in mir eine solche Ehrfurcht, dass ich mich kaum traute, mich zu bewegen. Und dennoch tippelte ich langsam und leise auf die erste Tür zu. Dahinter verbarg sich eine graue Betontreppe, die in einen dunklen, feuchten und muffigen Keller, mit Spinnenweben in den Ecken, führte.

Da wollte ich auf keinen Fall hin. Außer vielleicht auf dem Rückweg. Falls das Haus tatsächlich leer sein sollte, konnte ich da hinuntergehen und mir ein paar Essensvorräte stibitzen. Ich ging weiter zur nächsten Tür und war mir nicht ganz sicher, ob ich einfach öffnen oder erst anklopfen sollte. Eine Weile stand ich da, horchte und sah durchs Schlüsselloch. Als ich aber nichts Verdächtiges bemerkte, drückte ich langsam die Klinke nieder und öffnete. Dahinter befand sich so etwas wie ein Gästezimmer. Ein kleines, einfaches Bett, das aussah, als wäre es frisch gemacht, weil es schon seit Urzeiten nicht mehr benutzt wurde, ein kleiner Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderschrank, das war alles. Außerdem war es kühl und roch nach gar nichts. Dort brauchte ich mich nicht länger umzusehen, denn ich wusste sofort, dass ich in diesem Raum nicht das finden würde, was ich suchte. Also schloss ich die Tür so leise ich nur konnte und schlich auf die andere Seite der Diele hinüber, wo es ebenfalls eine Tür gab. Doch hinter dieser befand sich nur ein dunkler Raum mit einer stöhnenden Heizung und einigen Öltanks.

Enttäuscht schloss ich die Tür wieder und wusste nicht, ob ich noch weiter in das Haus eindringen oder ob ich lieber verschwinden sollte, solange ich noch die Zeit dazu hatte. Ich blickte immer wieder zwischen der offenen Haustür und dem Ende der Diele hin und her, wobei mich das Gefühl beschlich, dass ich mit jedem Schritt weiter in das Maul eines Löwen kriechen würde, der nur sehnsüchtig darauf wartete, mich endlich hinunterschlingen zu können. Aber noch war es nicht soweit, noch war die Haustür geöffnet…

Da hörte ich plötzlich eine Stimme und schrak zusammen, dass ich beinahe geschrien hätte. Aber diese Panik war überhaupt nicht nötig. Es war nämlich nicht etwa das bösartige Gebrüll eines Löwen, sondern nur die warmherzige Stimme einer Frau, die voller Freude am Singen war: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.“

Dieses Lied kannte ich. Dieses Lied mochte ich und ich wusste genau, dass ich es schon immer gemocht hatte und es mich an irgendetwas erinnerte.

An was?

Keine Ahnung. Vielleicht hatte meine Mutter es ja gesungen, wenn ich mit ihr und unserem Hund einen Frühjahrsspaziergang machte. Ich wusste es nicht. Aber vielleicht würde es mir wieder einfallen, wenn ich die Frau sah, die dieses Lied sang. Und so zog es mich immer weiter ins Haus hinein, bis vor die Tür, es war die vorletzte, aus der die Stimme erklang. Ich klopfte an, aber genau in diesem Moment trällerte die Frau so laut los, dass sie es einfach überhören musste. Und da ich mich absolut nicht traute, lauter zu klopfen, beschloss ich, die Tür zu öffnen, zuerst langsam, dann mit einem Riesenruck, weil ich sonst den Mut verloren hätte.

Hinter der Tür lag die Küche. Auf dem Küchentisch lagen ein Korb voll Kartoffeln und eine Schale mit rohem Schweinefleisch. Auf dem Herd stand ein großer Topf und am Waschbecken stand eine dicke Frau mit einer blauen Schürze und planschte ordentlich im Becken umher. Dabei fischte sie mit den Fingern hellgrün-weiße Blätter hervor und warf sie in ein weißes Plastiksieb. Vielleicht waren es Kohlblätter, vielleicht aber auch Salat. Jedenfalls ließ sich die Frau nicht bei ihrer Arbeit ablenken und trotzdem schien sie bemerkt zu haben, dass jemand gekommen war.

„Heinz?“ rief sie. „Bist du’s? Kannst du vielleicht mal bitte so lieb sein und mir aus dem Garten eine Hand voll…“

„Nein!“ wehrte ich eilig ab. „Ich bin’s. Meine Name ist Pe…“

Die Frau drehte sich rascher um, als ich vermutet hätte. Sie sah mich mit erschrockenen Augen an und dann tat sie solch einen spitzen Schrei aus, dass man meinen könnte, es wäre ein Unglück passiert. Wild schlug sie mit den Armen um sich, wobei sie das Sieb traf, dass die Kohlblätter auf den Küchenboden herunterrieselten. Doch das kümmerte sie gar nicht. Sie fasste sich mit den Händen an ihr gerötetes Gesicht und schrie noch lauter. Es klang so schrecklich, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob man mit einem einzigen Schrei einen Menschen töten konnte.

„‘Tschuldigung, dass ich einfach so reingeplatzt bin“, sagte ich, als sie eine Pause machte. „Ich wollte nur fragen, ob Sie mir vielleicht…“

„Heinz! Heinz!“ schrie die Frau. „Ein Einbrecher! Er will mich überfallen, in der Küche, am frühen Morgen. Komm schnell!“

Die Frau musste ja reineweg übergeschnappt sein. Sie war doch eine erwachsene und zudem ziemlich stämmige Frau und ich bloß ein Junge, ein ziemlich magerer noch dazu. Warum brüllte sie nur so? Sah ich denn so furchtbar gefährlich aus?

Ich versuchte, die fremde Frau zu beruhigen, aber es wollte mir nicht gelingen. Sie wurde immer nur noch panischer und griff schließlich nach einer Porzellantasse, die auf der Spüle stand, und warf sie nach mir. Welch ein Glück, dass ihre Arme so sehr zitterten, dass sie nicht richtig zielen konnte. Die Tasse zersplitterte auf dem Küchenboden, direkt vor meinen Füßen. Ich sah die kräftigen Arme der Frau an und wusste, dass es böse ausgehen konnte, wenn sie mir tatsächlich mit voller Wucht eine Tasse an die Stirn schmetterte. Ich sah ein, dass es keinen Sinn hatte, weiter mit ihr zu diskutieren und wollte mich auf und davon machen. Wenn ich schnell laufe, dachte ich, dann schaffe ich es vielleicht noch, rechtzeitig zu flüchten, bevor dieser Heinz auftaucht und mir den Arsch versohlen kann.

Doch da hatte ich die Frau falsch eingeschätzt.

„Warte!“ rief sie, kaum nachdem ich mich umgedreht hatte. Ihre Stimme klang nun überhaupt nicht mehr panisch und ängstlich, sondern entschlossen, klar und so tief wie die eines Mannes.

Ich drehte mich um und erstarrte. Und das war nicht gut. Denn ich hätte wegrennen sollen, so schnell es nur ging, weg von dieser Verrückten und vor allem weg von dem Fleischermesser, das sie in der Hand hielt und mit dem sie genau auf mein Herz zielte. Doch ich konnte nicht! Das Einzige, was ich wusste, war, dass es kein Blut geben würde, wenn sie zustach. Denn das war in meinen Adern längst gefroren.

„Ja, jetzt hast du wohl Angst!“ sagte die Frau. Ihre Stimme schwankte, aber nicht vor Furcht, sondern vor Erregung. Ich hielt mich am Türrahmen fest und schon machte die Frau zwei große Schritte auf mich zu, packte mir mit einem harten Griff ins Genick und schob mir das Messer vor die Nase, dass mir der Atem verging.

„Ja, das hast du dir wohl so gedacht! Erst in ein fremdes Haus einbrechen, eine arme, anständige Bauersfrau zu erschrecken und sich danach einfach so aus dem Staub machen. Aber nicht mit mir, mein Freund!“

Oh, wie fies und bösartig ihre Stimme klang. Ich konnte kaum glauben, dass genau diese Stimme noch vor einer Minute so schön gesungen hatte. Dafür aber konnte ich mir lebhaft vorstellen, dass mich diese Frau abstechen würde, ohne auch nur das kleinste bisschen Gnade mit mir zu haben.

Aber warum nur?

Ich war doch nur ein kleiner Junge, der nichts Schlimmeres getan hatte, als in ein fremdes Haus einzudringen, ohne vorher zu klingeln. Sicher, das war nicht gerade anständig, aber doch kein Grund, einen mit solch einem Messer zu bedrohen. Und wenn die Leute einfach so ihre Haustür aufließen, waren sie doch auch irgendwie selber schuld.

Aber die Frau war offenbar anderer Meinung. Dass sie nicht sofort zustach, lag wohl viel mehr daran, dass sie mich vorher noch ein bisschen quälen wollte. Und so riss sie mich zurück in die Küche, stellte mich dort an die Wand, ohrfeigte mich mit ihrer freien Hand und schimpfte und brüllte auf mich ein, als wäre ich ein Schwerverbrecher.

Mama, Papa, dachte ich nur noch. Wo seid ihr? Warum habt ihr mich verlassen? Merkt ihr denn nicht, dass euer Sohn in Gefahr ist? Was geschieht hier nur mit mir?

Aber meine Eltern konnten mir nicht helfen. Sie waren weit, weit weg. Und ich war allein in einer fremden Küche, bei diesem Drachen, dieser Furie, die mich umbringen wollte, obwohl ich noch nicht einmal etwas gestohlen hatte.

Am Ende aber bekam ich doch Hilfe. Allerdings von einer ganz anderen Seite und eigentlich wollte diese Person auch gar nicht mir helfen, sondern der Frau, die mich bedrohte.

„Frieda?“ hörte ich die Stimme eines Mannes. „Frieda? Was ist los mit dir? Du hast eben um Hilfe geschrien.“

Die Frau lockerte ihren Griff und drehte sich herum.

„Oh Heinz, komm schnell!“

Die brutale Wut, mit der sie mich gerade noch angeschrien hatte, wich völlig aus ihrer Stimme und stattdessen kehrte die panische Verzweiflung zurück. Als ob ich es wäre, der sie mit dem Messer bedrohte und nicht umgekehrt.

„Hier ist ein Einbrecher in der Küche!“ schrie sie weiter. „Ein ganz gemeiner! Komm schnell! Allein werde ich nicht mit ihm fertig!“

„Ich komme!“ rief der Mann und verschwand vom Fenster.

Da wollte die Frau ein weiteres Mal auf mich losgehen. Aber ich hatte die Gelegenheit genutzt und mir schnell einen Kochlöffel geschnappt, mit dem ich ihr, so stark ich konnte, unters Kinn stieß. Die Frau schrie, dass die Wände zitterten. Dann ließ sie vor lauter Schreck das Messer fallen, stolperte über das Sieb, das noch immer auf dem Boden lag und kippte hintenüber. Keine Sekunde wollte ich mehr dort verschwenden. Mit einem Satz war ich aus der Küche gesprungen, warf die Tür ins Schloss und wollte schon wegrennen. Als ich aber hörte, wie in der Küche der Schlüssel zu Boden fiel, machte ich noch einmal auf, griff nach ihm und sah zu, dass ich die alte Hexe in ihrer eigenen Küche einsperrte. Ich war gerade schnell genug, dass ich nicht von dem Messer getroffen wurde, das sie nach mir warf. Ich hörte nur noch, wie es sich mit einem lauten Ruck in das Holz der Küchentür bohrte.

Nur noch weg von hier! dachte ich. Doch gerade, als ich auf die Haustür losrennen wollte, sah ich, wie der Mann hineingestürmt kam. Auch das noch! Wo sollte ich nur hin?

Der Mann war nicht besonders groß und auch viel dürrer gebaut als seine Frau. Und doch war es ein erwachsener Mann und ich bloß ein Kind. Er sah mich hasserfüllt an und ohne ein Wort zu sagen, kam er mit großen Schritten auf mich zu.

Mir blieb nichts anderes übrig, als durch die breite Tür zu flüchten, die am Ende der Diele lag. Dahinter befand sich ein großer Flur, der im Gegensatz zur Diele mit einem scheußlichen, roten Teppich ausgelegt war. Wenn man eine große Familienfeier veranstalten wollte, dann hatte man hier genügend Platz, um die langen Tische aufzustellen. Jetzt aber war der Raum fast leer. Ohne zu überlegen, rannte ich auf die Tür, die mir gegenüberlag, zu, riss sie auf und warf mich hinein. Im Raum war es ziemlich dunkel. Aber ich hatte keine Zeit, um das Licht anzumachen. Ich tastete an der Tür herum und hatte Glück. Der Schlüssel steckte auf der Innenseite im Schlüsselloch. Mit zitternden Fingern drehte ich ihn um. Und danach konnte Heinz so lange an der Klinke rütteln, wie er wollte. Die Tür bekam er nicht auf. Er warf sich auch ein paar Mal dagegen, aber das Einzige, was er erreichte, war, dass er sich wunde Schultern holte. Er fluchte laut auf, doch seine Flüche wurden bald vom hysterischen Geschrei seiner Frau übertönt.

„Der Verbrecher hat mich zu Boden geschlagen!“ klagte sie. „Hast du ihn gefangen?“

„Der Mistkerl hat sich im Badezimmer eingeschlossen“, antwortete der Mann. „Aber er wird nicht entkommen, dafür sorge ich.“

Ich hörte ein lautes Rattern. Offenbar versuchte der Mann eine kleine Kommode, eines der wenigen Möbelstücke im Flur, heranzuschieben.

Voller Panik suchte ich den Lichtschalter und knipste an. Und tatsächlich, ich stand genau in dem Zimmer, in das ich die ganze Zeit hineingewollt hatte, im Badezimmer. Doch ich vergaß vollkommen, was ich hier eigentlich tun wollte, denn ich wurde gerade in diesem Zimmer eingesperrt und es gab nur ein winziges Fenster, das so weit oben lag, dass ich nicht heranreichte. Ich suchte nach einem Gegenstand, auf den ich hinaufklettern konnte. Doch die Schränke waren in der Wand verankert und einen Hocker gab es nicht. Die einzige Möglichkeit, die ich hatte, war, vom Waschbecken aus zu…

Und in dem Moment blickte ich zum ersten Mal in mein eigenes Spiegelbild. Ein eigenartiges Gefühl beschlich mich, wie ich mich so ansah. In mir breitete sich eine Ruhe aus, als wäre die Gefahr, in der ich schwebte, wie weggeblasen.

Zuerst traute ich mich kaum, mir direkt in die Augen zu schauen, weil ich Angst hatte, ich würde tatsächlich so hässlich sein, wie es der Schäfer gesagt hatte. Aber letztlich siegte die Neugier doch. Ich gab mir einen Ruck und sah mein gesamtes Gesicht klar und deutlich vor mir.

Was war es für eine Erleichterung, als ich merkte, dass der Schäfer gelogen hatte. Sicherlich war ich nicht das hübscheste Kind der Welt. Mein Gesicht wirkte blass und mager. Ich hatte schmale Wangen und eine kleine, spitze Nase. Man sah mir an, dass ich nicht gerade ein Kraftbrocken war, aber dafür hatte ich schönes, glattes, dunkles Haar, das oben mittellang und im Nacken etwas kürzer war. Meine Augen waren dunkelbraun, fast schwarz, mit dichten Augenbrauen darüber. Das sah ein wenig geheimnisvoll aus, fand ich, als hätte ich etwas dahinter zu verbergen. Aber es passte zu mir, denn ich spürte, dass ich kein sonderlich offenes Kind war. Kein ewig strahlender Sonnenschein, der stets dazu bereit war, die gesamte Verwandtschaft zu erheitern und der Liebling in der Schule war, sondern eher jemand, der sich gerne mal zurückzog und alleine sein wollte. Mein ganzes Gesicht wirkte verängstigt und eingeschüchtert, aber das war ja kein Wunder in der Situation, in der ich mich befand. Als ich mich aber dazu aufraffte, ein Lächeln aufzusetzen, da fand ich, dass ich wirklich sehr gut aussah.

Meine Lippen waren zwar dünn, aber dafür hatte ich schneeweiße, gesunde Zähne. Außerdem hatte ich weder Segelohren, noch eine krumme Nase, noch sonst irgendwelche Fehler im Gesicht. Was wollte ich also mehr?

Kein Wunder, dass meine Mutter mich liebte und mein Vater stolz auf mich war. Sollten die Anderen doch von mir denken, was sie wollten.

Neben dem Spiegel war ein Wandschrank, auf dem ein Zollstock lag. Sofort griff ich danach und klappte ihn auseinander, denn ich wollte wissen, wie groß ich war. Sehr groß war ich allerdings nicht, nur ungefähr ein Meter vierzig. Vielleicht auch ein bisschen größer. So genau konnte ich das in all der Aufregung nicht herausfinden, denn nun hörte ich, wie das wütende Fauchen der Frau wieder näherkam. Offenbar hatte ihr Mann sie aus der Küche befreit.

„Im Badezimmer ist er, hast du gesagt?“ hörte ich sie schreien. „Na, dann kann ich ihm ja gleich mal `ne kalte Dusche verpassen. Und dann gnade ihm Gott!“

Ich hörte, wie sie sich daran machten, die Kommode wieder zur Seite zu schieben und hatte keinen Zweifel daran, dass die Frau die Tür aufbrechen würde, so fett, wie sie war. Die Badezimmertür wirkte auch nicht so stabil, wie die Tür der Küche.

Erschrocken ließ ich den Zollstock fallen und kletterte in das Waschbecken hinein. Das Becken lag nicht direkt neben dem Fenster und es war bei meiner Größe nicht gerade einfach, von dort aus den Griff zu bedienen und das Fenster nach innen zu öffnen. Vor allem nicht, wenn der Rand des Beckens feucht war und man leicht abrutschen konnte. Am Ende aber schaffte ich es dennoch. Frische Luft drang zu mir hinein und ich klammerte meine Finger um den Fensterrahmen.

Und im nächsten Moment geschahen zwei Dinge. Das erste war, dass die Tür zum Badezimmer zerbrach, als sich die dicke Frieda dagegenstemmte. Das zweite war, dass das Waschbecken unter einem lauten Geschepper zu Boden fiel und dort in tausend kleine Stücke zerbrach, die der entsetzten Frieda entgegenflogen. Ich aber hatte keine Zeit, mich zu erschrecken. Die Freiheit war zum Greifen nah und ich sah zu, dass ich hinauskam, bevor sie mir wieder genommen werden konnte. Meine Füße hatte ich rechtzeitig auf dem Handtuchhalter abgestützt. Da der aber noch weniger stabil zu sein schien als das Waschbecken, hievte ich mich schnell unter einem lauten Gestöhne nach draußen. Heinz versuchte noch, mich an den Stiefeln zu packen, aber ich trat ihm ins Gesicht, dass er schreiend zurücktaumelte. Und endlich hatte ich es geschafft! Mit einem erleichterten Satz sprang ich auf der anderen Seite, im Garten, zu Boden und hörte noch, wie Frieda über das teure Waschbecken jammerte, was mich aber nicht mehr zu interessieren brauchte. Ohne zurückzublicken lief ich davon, über die grüne Wiese, durch die Rhododendrenhecke hindurch und…

Genau in das Fahrrad hinein, das, mit einer jungen Frau auf dem Sattel, den Weg entlanggefahren kam. Ich versuchte noch zurückzuweichen, aber es war bereits zu spät. Die Frau machte mit dem Vorderrad einen großen Schlenker, um einen Zusammenstoß zu vermeiden, doch dabei kam es, wie es kommen musste. Sie verlor das Gleichgewicht und sie kippten zusammen um, das Rad und die Fahrerin.

„Kannst du nicht aufpassen, du ungezogenes Kind?!“ brüllte sie mich an, nachdem die wildesten Schmerz- und Schreckensschreie aus ihrer Stimme gewichen waren. Dann befühlte sie ihre Beine, während ich wie versteinert neben ihr stand und keinen Mucks von mir gab. Sie hatte sich nichts gebrochen, aber sie sah, dass sie sich die Hose auf dem Kiesboden des Weges aufgescheuert hatte.

„So ein Mist, die Hose war gerade neu!“ schrie sie.

Ich war völlig verdattert und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Schließlich streckte ich ihr die Hand entgegen.

„Soll ich Ihnen aufhelfen?“ fragte ich.

„Fass mich bloß nicht an!“ brüllte die Frau zurück. „Du rücksichtsloses Blag! Aber meine Hose wirst du mir bezahlen müssen. Entweder du oder deine Eltern!“

Da musste ich schmunzeln, obwohl die Sache eigentlich gar nicht zum Lachen war.

„Aha, du findest das also auch noch komisch?“ rief die Frau mir biestig zu. „Aber das Lachen wird dir noch vergehen, das sage ich dir!“

Sie konnte ja nicht wissen, was an der Sache so traurigkomisch war. Nämlich, dass ich weder Geld noch Eltern hatte. Und so konnte ich die Hose nicht bezahlen und es gab auch niemanden, der mich zu Hause für meine Tat bestrafen konnte. Langsam löste sich meine Starre und ich bemerkte, dass die Frau vom Einkaufen zurückkam. Im Fahrradkorb hatte sie eine Stofftüte mit lauter Waren gehabt, die nun über den ganzen Weg verteilt lagen.

Und ohne genau zu wissen, was ich tat, ergriff ich die Gelegenheit. Ich schnappte mir die Tüte und griff alle Sachen auf, die ich in meiner Eile erwischen konnte. Einen Becher Joghurt, eine Tüte Brötchen, ein Paket Wurst, eine kleine Flasche mit einer merkwürdigen, dunklen Flüssigkeit, eine Tafel Schokolade und zwei Äpfel. Hastig warf ich die Tasche mit meiner Beute über die Schulter und lief davon, dass es nur so staubte. Schließlich hatte ich nichts mehr zu verlieren, aber zumindest ein kleines Frühstückchen zu gewinnen, wenn es mir nur endlich gelang, mich vor diesen schrecklichen Leuten in Sicherheit zu bringen.

Die Frau war von solch einer dreisten Tat offenbar so entsetzt, dass sie eine Weile nichts tun konnte, als mir sprachlos hinterherzuglotzen. Dann aber begann sie zu brüllen: „Du Dieb! Du hinterhältiger Dieb! Erst wirfst du eine wehrlose Frau zu Boden und dann raubst du sie auch noch aus! Bleib gefälligst stehen, du Schuft!“

Aber vor dieser Frau brauchte ich keine Angst zu haben, auch wenn sie ein Fahrrad hatte, mit dem sie mich verfolgen konnte. Was mir viel mehr Sorgen machte, waren die quietschenden Reifen eines anfahrenden Autos. Und dann hörte ich Heinz’ Stimme schreien: „Sabine! Mach den Weg frei! Ich muss einen Einbrecher verfolgen!“

„Fangt ihn!“ antwortete Sabine voller Wut. „Der Schuft hat mich auch ausgeraubt. Haltet ihn bloß auf und haut ihm ordentlich eins auf den Hintern!“

Danach war wieder das Quietschen der Reifen zu hören, als das Auto weiterfahren konnte. Ich versuchte, noch ein wenig schneller zu rennen, aber ich wusste, dass ich nicht mehr lange durchhalten würde. Ich war an diesem Tag schon genug gerannt, ohne auch nur einen Happen zu essen. Verzweifelt sah ich mich nach einem Fluchtweg um, aber auf den Wiesen links und rechts von mir weideten Pferde. Ich wusste zwar nicht, ob sie gefährlich waren, aber ich wollte es nicht darauf ankommen lassen. Ich sah mich um. Das Auto war mir schon ziemlich dicht auf den Fersen, mit Heinz auf dem Fahrersitz. Sein Gesicht war so hasserfüllt und er wurde noch um einiges entschlossener, als sich unsere Blicke trafen. Und da trat er noch einmal richtig auf die Pedale. Das Auto heulte auf.

Er wird mich überfahren, dachte ich. Er wird mich ganz sicher überfahren. Ich sah, dass wenige Meter vor mir eine scharfe Kurve kam. Dort würde er bremsen müssen, wenn er nicht vom Weg abkommen und in den Weidezaun oder in einen Baum krachen wollte. Und diese Kurve war meine letzte Chance. Wenn ich die erreichte, bevor Heinz mich erreichte, würde sich vielleicht doch noch eine Möglichkeit ergeben, zu entkommen. Ich sammelte meine letzten Kraftreserven und lief und lief…

Und wäre beinahe überfahren worden!

Allerdings nicht von Heinz. Genau in dem Moment, als ich in die Kurve einbiegen wollte, kam aus der anderen Richtung ein Trecker angerattert. Ich hätte ihn eigentlich viel früher hören müssen, aber vor lauter Panik hatte ich nicht darauf geachtet. Viel hätte nicht gefehlt und ich wäre direkt unter eines seiner gewaltigen Räder geraten. Ein Glück, dass ich es noch schaffte, zur Seite zu springen und mich in das Astwerk eines Baumes zu krallen, der direkt neben dem Weg stand.

„Kannst du nicht aufpassen!“ brüllte mich der Fahrer an, aber er vergaß mich schnell, als er sah, was nach mir auf ihn zugerast kam. Nämlich Heinz, der noch versuchte, die Reifen seines andonnernden Wagens zu bremsen. Aber vergebens. Ein Zusammenstoß war nicht mehr aufzuhalten. Der arme Heinz. Er konnte einem wirklich leidtun. Erst das zerbrochene Waschbecken und nun auch noch ein zu Schrott gefahrenes Auto. Aber er konnte noch vom Glück sprechen, dass ihm selbst nichts passiert war. Er öffnete die rechte Tür, die nicht vom Zusammenstoß eingequetscht worden war und sprang heraus.

„Das wirst du mir büßen, du Hundesohn!“ schrie er mich an und ich sah zu, dass ich mich zwischen Zaun und Traktor vorbeiquetschte und Leine zog.

„Bleib hier!“ rief der Traktorfahrer hinter mir her. „Du bist mein Zeuge.“

Aber das interessierte mich natürlich herzlich wenig, wo mir Heinz doch an den Kragen wollte. Der allerdings hatte nicht mit dem Traktorfahrer gerechnet, der ihn grob zurückhielt.

„Hiergeblieben!“ hörte ich ihn noch sagen. „Den Burschen werde ich schon noch auftreiben, wenn ich ihn brauche. Aber jetzt zu dir, mein lieber Freund. Bist du eigentlich komplett wahnsinnig geworden, dass du…“

„Halt’s Maul!“ erwiderte Heinz gereizt. „Lass uns das wann anders regeln. Ich muss den Jungen kriegen. Das ist wichtiger!“

Ich bekam noch mit, wie sich die beiden Männer ein heißes Wortgefecht miteinander lieferten. Einzelne Worte konnte ich nicht mehr verstehen, weil ich schon zu weit weg war, aber ich merkte, dass der Traktorfahrer hartnäckig blieb und Heinz nicht vorbeilassen wollte. Und das war gut für mich, denn sonst hätte er es womöglich doch noch geschafft, mich zu packen und anschließend Hackfleisch aus mir zu machen. So aber gelang es mir, der Gefahr im letzten Moment zu entrinnen. Vor mir tauchten zwei weitere Bauernhöfe auf, dahinter eine Kreuzung. Ich bog nach links ab und kam auf eine kleine Straße, die direkt in einen Wald hineinführte. Ich spitzte die Ohren und hörte, wie die beiden Männer noch immer miteinander stritten. Dann aber wurde es ruhiger. Offenbar hatte Heinz endlich nachgegeben und eingesehen, dass er für den Unfall verantwortlich war.

Triumphierend lief ich in den Wald hinein und hoffte inständig, dass ich in meinem Leben niemals wieder etwas von Heinz und seiner fetten Frau hören oder sehen würde. Ich kam von der Straße ab und lief kreuz und quer zwischen den Bäumen hindurch, wobei ich mich immer wieder umsah. Doch ich konnte niemals einen Verfolger erblicken. Schließlich trugen mich meine Füße zu einem anderen kleinen Waldweg. Ein paar Meter weiter lag ein riesiger Holzstoß. Und da ich mir ziemlich sicher war, dass Heinz mir nicht mehr auf den Fersen war, beschloss ich, stehenzubleiben, mich hinter den dicken Stämmen zu verstecken und mich eine Weile auszuruhen.

3.

Nachdem ich einen Happen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, fühlte ich mich gleich etwas besser. Mit der Limonade tat ich mich am Anfang allerdings etwas schwer, denn sie war pechschwarz. Sie erinnerte mich vom Aussehen her eher an Kaffee, aber das konnte nicht sein, denn niemand würde Kaffee in eine Flasche füllen. Außerdem sprudelte es in ihr, wie ich es von echter Limonade her kannte. Dabei konnte ich mich noch nicht einmal daran erinnern, wann ich das letzte Mal Limonade getrunken hatte, aber ich war mir ganz sicher, dass diese gelb, orangefarben oder durchsichtig gewesen war, auf keinen Fall aber schwarz. Vorsichtig nippte ich an der Flasche und war erstaunt darüber, dass es doch ziemlich gut schmeckte, wenn auch irgendwie ungewöhnlich und ziemlich süß. Danach aß ich ein Brötchen. Butter hatte ich leider keine und auch kein Brotmesser, um es teilen zu können. So riss ich es einfach in der Mitte durch, legte auf jede Hälfte eine Scheibe Wurst und schlang es herunter. Oh, wie sich mein Magen bei mir bedankte, als er an diesem Tag zum ersten Mal etwas zu tun bekam. Anschließend verspeiste ich noch einen Apfel und brach mir ein Stück von der Schokolade ab. Am liebsten hätte ich gleich die gesamte Tafel verschlungen, denn ich liebte Schokolade über alles. Aber ich musste vernünftig bleiben. Ich konnte ja nicht wissen, wann ich das nächste Mal etwas zu essen bekam. Als ich fertig war, klopfte ich von meiner Hose die Krümel ab und zog meinen linken Ärmel hoch, um dabei festzustellen, dass ich keine Armbanduhr besaß.