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Tim Porter, ein junger Mann von einem rückständigen Planeten, folgt dem Ruf seiner Familie und begibt sich auf die Suche nach Teresuma. Teresuma, ein sagenhafter Planet, dessen Ursprung in den Nebeln der Geschichte verschollen ist und von dem nur noch wirre Mythen übrig geblieben sind. Aus seiner anfänglich ruhigen Reise wird jedoch schnell eine abenteuerliche Odyssee, die ihn einem Wechselspiel aus Gefahr und Erstaunen aussetzt und ihm gelegentliche Einblicke hinter die Fassade gewährt, die bis jetzt sein Leben war. Eine kleine Gruppe sammelt sich um ihn und begleitet ihn auf seinem Weg. Ihre Hilfe hat er auch dringend nötig, denn wie sich bald heraus stellt, sieht er sich mit einem mächtigen Gegner konfrontiert, der mit allen Mitteln zu verhindern versucht, dass Tim sein Ziel erreicht.
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Seitenzahl: 476
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Tim Porter, ein junger Mann von einem rückständigen Planeten, folgt dem Ruf seiner Familie und begibt sich auf die Suche nach Teresuma. Teresuma, ein sagenhafter Planet, dessen Ursprung in den Nebeln der Geschichte verschollen ist und von dem nur noch wirre Mythen übrig geblieben sind. Aus seiner anfänglich ruhigen Reise wird jedoch schnell eine abenteuerliche Odyssee, die ihn einem Wechselspiel aus Gefahr und Erstaunen aussetzt und ihm gelegentliche Einblicke hinter die Fassade gewährt, die bis jetzt sein Leben war. Eine kleine Gruppe sammelt sich um ihn und begleitet ihn auf seinem Weg. Ihre Hilfe hat er auch dringend nötig, denn wie sich bald heraus stellt, sieht er sich mit einem mächtigen Gegner konfrontiert, der mit allen Mitteln zu verhindern versucht, dass Tim sein Ziel erreicht.
Benjamin Fricke wurde 1981 in Hankensbüttel geboren. Er studierte zuerst Politikwissenschaften und Linguistik, wechselte dann jedoch in den naturwissenschaftlichen Bereich und begann mit dem Studium der Geoökologie. Seitdem ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im wasserbaulichen Bereich tätig.
Prolog
Akt I Unsicherheit
Erstes Zwischenspiel Es braut sich etwas zusammen
Akt II Neugier
Zweites Zwischenspiel Die Lage spitzt sich zu
Akt III Verwirrung
Drittes Zwischenspiel Aufgestautes entlädt sich
Akt IV Festigung
Viertes Zwischenspiel Die Druckwelle breitet sich aus
Akt V Erleuchtung
Nachwort
Die Große TM-Welt
Meiner Familie für Vertrauen und moralische Unterstützung. Den Primaten für konstante gelebte Inspiration und Kreativität. Dem Herren Paeth für die Arbeit, die er in dieses Projekt gesteckt hat.
Auf dem kleinen, abgelegenen Raumhafen in der Provinz Grünenburg des Planeten Treloch IV wartete der junge Tim Porter ungeduldig auf die Ankunft eines alten, zerbeulten Raumtransporters, der in Kürze landen würde. Außer einigen Arbeitern war auf dem Gelände niemand zu sehen, der außer ihm ein Interesse an diesem Ereignis haben könnte. Aber warum auch? Abgesehen von einer Lieferung an Ersatzteilen befand sich nur noch eine Sache an Bord. Oder besser gesagt eine Person.
Tims Vater.
Sechzehn lange Jahre – er war damals gerade erst vier Jahre alt gewesen – war es nun her, dass er ihn das letzte Mal gesehen hatte. Obwohl seine Mutter Martine immer etwas gereizt reagierte, wenn er nach seinem Vater fragte und offensichtlich nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen war, freute er sich doch von ganzem Herzen auf das Wiedersehen mit ihm. Sein Vater hatte ihm zwar regelmäßig geschrieben, doch das konnte den persönlichen Kontakt einfach nicht ersetzen.
Es würde nur noch wenige Minuten dauern, bis das kleine Raumschiff aufsetzen würde. Tim hatte sich für diesen besonderen Augenblick heraus geputzt. Man konnte zwar nicht unbedingt sagen, dass er ein prächtiges Bild abgegeben hätte, aber zumindest hatte er sich Mühe gegeben und schien nicht so zerzaust wie sonst.
Aber letztendlich strahlte er mit seinem kreisrunden Gesicht, auf dem fast immer ein Lächeln lag, und seiner schmächtigen Statur nach wie vor eine Aura von Unschuld und Naivität aus. Was der Wahrheit auch recht nahe kam. Immerhin konnte man sagen, er würde einen schnuckeligen Eindruck hinterlassen. Ob das für einen – mehr oder weniger – aufstrebenden jungen Mann etwas Positives ist, sei zunächst dahingestellt. Es muss an dieser Stelle aber gesagt werden, dass er bei weitem nicht so dumm war, wie man auf den ersten Blick annehmen mochte. Naivität hat herzlich wenig mit Intelligenz zu tun. Genau genommen war er manchmal sogar zu außergewöhnlichen Überlegungen in der Lage. Aber diese Momente waren bis jetzt in seinem Leben äußerst rar gewesen, da die Umstände es so gut wie nie erforderten.
Dies lag in erster Linie daran, dass Tim auf Treloch IV lebte. Das Einzige, das man über den Planeten sagen konnte, war, dass es nicht viel zu sagen gab. Auch gut sechshundert Jahre nach der Kolonisierung stellte er immer noch einen unbedeutenden Agrarplaneten dar, der auf dieser Entwicklungsstufe stagnierte. Dies hatte mehrere Gründe: Seine abgelegene Lage, die geringen Rohstoffvorkommen und eine über die Jahre hinweg durchgehend inkompetente Regierung, die immer krampfhaft bemüht war, den Status Quo zu erhalten und dadurch oft ungewollt Schaden angerichtet hatte. Doch da der Boden fruchtbar war und man hohe Erträge erzielen konnte, blieben die Einnahmen konstant und mit ihnen auch die gesellschaftliche Situation.
Doch von solchen Gedanken war Tim momentan meilenweit entfernt, denn es war endlich soweit. Er starrte angestrengt zum Himmel empor und sah den Feuerschweif der Triebwerke des Transporters, mit dem sein Vater anreiste. Gebannt verfolgte er den Landeanflug.
Als das Schiff endlich aufsetzte, stieß Tim hörbar den Atem aus. Mit einem lauten Zischen und einer Menge Dampf öffnete sich das Schott und ein kleiner Mann mit rundem Gesicht, wuscheligem, an einigen Stellen bereits leicht ergrautem Haar und einem breiten Lächeln trat heraus.
Robert Porter …
»Vater, endlich bist du zurück!«, rief Tim voller Freude und lief zu dem Neuankömmling, der den jungen Mann herzhaft in die Arme schloss.
»Mein Sohn, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisst habe.« Er drückte seinen Sohn noch einmal kräftig und blickte ihn dann von oben bis unten an.
»Es tut gut, dich wiederzusehen. Mensch, groß bist du geworden. Aber lass uns doch bitte gehen. Ich freue mich nämlich schon auf das Treffen mit deiner Mutter. Und außerdem habe ich dir eine Menge zu erzählen, für das das hier nicht der richtige Ort ist.«
»Wo warst du bloß die ganze Zeit? Und was hast du alles erlebt?«, sprudelten die Fragen aus Tim heraus.
Sein Vater lachte herzhaft.
»Eins nach dem Anderen. Habe noch etwas Geduld, Tim. Wenn wir zu Hause sind und ich etwas gegessen habe, werde ich dir alles erzählen. Das verspreche ich dir. Doch jetzt lass uns schnell los. Ich sehne mich danach, Taubecken wieder zu sehen und durch seine Straßen zu spazieren. Sag Tim, gibt es den Weg durch den Wald noch?«
»Ja.«
»Gut. Ich hoffe, du hast nichts gegen einen kleinen Spaziergang ein zu wenden?«
»Nein. Ich bin eh schon mit dem Bus her gekommen und es müsste noch etwas dauern, bis der Nächste kommt. Außerdem nimmt er die Umgehungsstraße über Farnberg. Zu Fuß sollten wir eigentlich fast noch eher zu Hause sein.«
»Dann lass uns aufbrechen.«
Gemeinsam gingen sie vom Landefeld fort und machten sich in Richtung des Waldweges nach Taubecken auf. Der Weg war nahezu ideal für ein allmähliches Wiederkennenlernen zwischen Vater und Sohn. Treffenderweise war sonst auch momentan niemand unterwegs. Der schmale, asphaltierte Weg schlängelte sich scheinbar ohne System durch den dichten Wald. Wahrscheinlich hatte man sich einfach eine bereits vorhandene Schneise gesucht und dann um die größten Bäume herum gebaut. Doch eben deswegen wirkte es trotz künstlichem Ursprung seltsam natürlich, als hätten Wald und Weg über die Jahrzehnte eine Einheit gebildet.
»Aber erzähle erst mal«, begann Robert. »Was hast du alles gemacht? Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass du deinen Schulabschluss gemacht hast.«
»Ja, das war vor anderthalb Jahren. Danach habe ich eine Weile beim alten Rupert im Laden gearbeitet. Du müsstest ihn ja noch kennen. Man kann seine Zeit definitiv besser verbringen, als unter ihm zu arbeiten. Ich habe mich jetzt für die Universität beworben.«
»Oh, wirklich? Das freut mich zu hören. Hier in der Nähe?«
»Nein. Ich möchte am liebsten nach Grünenburg.«
»Gleich in die Hauptstadt, wie?«
»Ja. Ich war noch nie dort. Ich habe zwar schon viel gehört, aber ich glaube, man muss mindestens einmal selbst da gewesen sein. Du bist doch bestimmt weit herum gekommen. Was hast du alles gesehen?«
»Ach, wie du schon selbst gesagt hast, man muss es selbst erleben. Es ist ganz anders als hier in Taubecken. Viel hektischer und unübersichtlicher. Und die Menschen sind nur selten so freundlich wie hier.«
Der letzte Abschnitt des Weges führte sie aus dem Wald heraus über eine niedrige Hügelkette, hinter der das beschauliche Taubecken lag, doch Robert verließ den Weg und erstieg die Spitze eines höher gelegenen Hügels, um einen besseren Ausblick zu haben.
»Ah, Taubecken. Wie habe ich diesen Anblick vermisst.«
Robert ließ seinen Blick über sein Heimatdorf schweifen, das sich ruhig, beinahe verschlafen vor ihnen abzeichnete. An den Dorfrändern fingen oft ohne genau auszumachenden Übergang bereits die Felder und Weiden an, die sich über einen Großteil der Umgebung erstreckten. Das Dorf selbst nahm mit seinen knapp zehntausend Einwohnern bei weitem nicht so viel Platz ein. Eigentlich gab es nichts Spektakuläres zu sehen. Das beeindruckendste und größte Gebäude war immer noch das Rathaus, doch selbst das zeichnete sich durch keine außergewöhnlichen Merkmale aus. Dennoch war ein gewisser Charme nicht zu leugnen. Diese Schlichtheit versprach Geborgenheit. Und Ruhe.
Der leicht abwesende Ausdruck in seinen Augen deutete darauf hin, dass er nur kurz das Dorf betrachtet hatte und dann seine Wahrnehmung von alten Erinnerungen überlagert wurde. Nach einigen Sekunden zeugte ein leiser Seufzer von seiner geistigen Rückkehr in die Gegenwart.
»Komm, mein Sohn. Lass uns weitergehen. Ich war schon zu lange fort.«
Er eilte zum Weg zurück und Tim musste seinen Gang beschleunigen, um mit ihm Schritt halten zu können. Sie gingen durch die spärlich bevölkerten Straßen, auch wenn die von überall her erklingenden Geräusche, von denen die meisten von Arbeit herrührten, doch von einer gewissen, wenn auch nicht offen sichtbaren Aktivität zeugten.
Ihr Ziel lag nahe der Dorfmitte. Das Haus war bereits seit mehreren Generationen in Familienbesitz der Porters, die einst sogar mit zu den Gründerfamilien gehörten, die Treloch IV kolonisierten, auch wenn sie nie eine tragende Rolle gespielt hatten.
Das Haus ließ erahnen, wie es zu Glanzzeiten ausgesehen haben musste; eine leichte Abnutzung im Laufe der Zeit war aber nicht zu leugnen. Doch man sah, dass sich jemand bei der Instandhaltung Mühe gab, trotz offensichtlichem Mangel an finanziellen Mitteln.
Tim öffnete die Haustür und führte seinen Vater hinein. Martine trat den Beiden entgegen. Robert wollte sie gerade auf das Herzlichste begrüßen, als er feststellen musste, dass seine von ihm über alles geliebte Frau seine überschwänglichen Gefühle nicht in voller Weise erwiderte. Sie bedachte ihn lediglich in einem leicht gehässigen Tonfall mit einem beiläufigen: »Robert, sieht man dich auch mal wieder?«
Entweder nahm er ihren Tonfall wirklich nicht war oder er ignorierte ihn einfach. So ging er einfach zu seiner Frau, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
»Schön dich wiederzusehen, Schatz. Bitte entschuldige, dass unser Wiedersehen so lange auf sich hat warten lassen. Und auch jetzt«, er räusperte sich, »muss ich dich erneut für kurze Zeit vertrösten. Es wird Zeit für ein besonderes Gespräch zwischen Vater und Sohn.«
Er zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Martine drehte sich um und ging in die Küche, wobei sie einen deutlich hörbaren Seufzer von sich gab, der zu gleichen Teilen nach Verzweiflung, Resignation und unterdrückter Wut klang. Doch für so etwas war in Roberts Welt kein Platz. Er setzte sich mit seinem Sohn an den Tisch und begann zu reden: »Wie du ja weißt, habe ich nach Teresuma gesucht.«
Bei diesem Namen weiteten sich Tims Augen und er nickte: »Der sagenhafte Planet unermesslicher Reichtümer.«
»Eben dieser, mein Sohn.«
»Hast du ihn etwa gefunden?« Tim wurde von Sekunde zu Sekunde aufgeregter und lehnte sich nach vorne, um seinem Vater aufmerksam zuzuhören.
Doch dieser schüttelte lächelnd den Kopf.
»Nein, leider noch nicht, aber ich habe die letzen sechzehn Jahre nach ihm gesucht und einige interessante Spuren verfolgt. Genau wie mein Vater vor mir. Und du weißt, wir sind eine sehr traditionsbewusste Familie!«
An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die wichtigste Frage, die Teresuma betraf, nicht die war, wo sich der Planet genau befand, sondern ob er überhaupt jemals existiert hatte. Die meisten Gelehrten und Wissenschaftler beantworteten diese Frage mit einem klaren Nein. Genau genommen glaubten nur diejenigen Gelehrten an seine Existenz, die von ihren Kollegen als schrullig, verschroben, eigenartig, paranoid, etwas realitätsfern oder ganz einfach als völlig plemplem beschrieben wurden. Der aufmerksame Leser wird mittlerweile festgestellt haben, dass einige dieser Umschreibungen durchaus auf Tims Vater zutreffen. Die ganz aufmerksamen Leser vermuten wahrscheinlich schon, dass dies wahrscheinlich auch auf Tims Großvater zutraf, womit sie nicht ganz falsch liegen.
Carl, Tims Großvater, erhielt im Alter von 22 Jahren ein besonderes Privileg: Ein Stipendium für die Universität für Mythologie und Legendentum auf Zefot IX. Ein Abschluss an dieser Universität war mit einem sorglosen und einfachen Leben gleichzusetzen, da der Bedarf an Leuten, die interessante, längst verloren geglaubte Geschichten erzählen konnten, in einem Universum, das aus sehr vielen Planeten mit ihren jeweils eigenen Herrscherfamilien bestand, immens war. Während seines Studiums stieß Carl erstmals auf Aufzeichnungen, in denen Teresuma erwähnt wurde und die weitergehendere Informationen als den üblichen Tratsch enthielten, den man sich sonst erzählte.
Er war von Anfang an fasziniert und widmete fast sein komplettes Studium diesem Thema, was von seinen seriöseren Kommilitonen, falls man in diesem Fachgebiet überhaupt von seriös sprechen kann, nur belächelt wurde. Jedenfalls führte Carls Interesse an Teresuma dazu, dass er sein Studium abbrach und einigen Hinweisen folgte, auf die er gestoßen war. Nach knapp 30 Jahren erfolgloser Suche gab er diese Aufgabe an seinen Sohn Robert weiter, womit sich der Kreis wieder schließt.
»Ich? Du meinst, ich soll jetzt nach Teresuma suchen?«, entfuhr es Tim.
»Genau das meine ich, mein Sohn. Ich werde langsam zu alt dafür.«
»Aber ich weiß doch … Wo soll ich bloß anfangen?«
»Natürlich genau dort, wo ich aufgehört habe.«
Und so begann ein langes Gespräch, bei dem Robert seinem Sohn den ungefähren Verlauf seiner Suche erzählte.
Währenddessen führte auch Martine ein Gespräch. Sie saß zwei Räume weiter in der Küche mit ihrer Freundin Tina zusammen, mit der sie sich schon vorher verabredet hatte.
»Was ist los, Martine? Du siehst unglücklich aus«, fragte Tina besorgt.
»Robert ist heute zurückgekehrt und redet gerade mit Tim. Ich bin mir ziemlich sicher, worauf es hinaus laufen wird. Und wie ich meinen Sohn kenne, wird er sich dieses Abenteuer nicht entgehen lassen. Ich kann ihn nicht dran hindern. Er ist ja schließlich schon volljährig.«
»Das bedeutet bei Männern selten, dass sie auch schon erwachsen sind.«
Martine konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, doch sofort wurde sie wieder ernst. »Das weiß ich ja auch, aber ich mache mir Sorgen um meinen Sohn.«
»Ich weiß. Aber wenn er geht, ist es seine Entscheidung. Du hast ihn so gut es dir möglich war auf das Leben vorbereitet. Bei Männern ist Dummheit nun mal in gewissem Grad in den Genen verankert. Daran kann man auch als Mutter nichts ändern. Das solltest du doch langsam wissen.«
»Du hast ja Recht. Es ist nur … Ach, du weißt schon. Da draußen kann so viel passieren.«
»Jetzt mach dir mal nicht zu viele Sorgen. Es wird schon nichts passieren. Carl und Robert sind doch auch heil zurückgekommen. Versteh mich nicht falsch, es sind beides nette Kerle, aber nicht unbedingt die Hellsten, wenn du weißt, was ich meine. Und ihnen ist auch nichts passiert. Und weißt du warum? Weil sie einem Phantom hinterherjagen. Einem, das außer ihnen keiner sieht. Deswegen ist ihnen nie was Ernsthaftes passiert. Weil es einfach keine Gefahr gibt. Und ich halte Tim für intelligent genug, dass er das nach kurzer Zeit merkt und dann ganz schnell wieder zurückkommt. Sieh es mal so. Robert ist doch auch schon wesentlich früher wieder aufgetaucht als sein Vater.«
»Ich hoffe, du hast Recht.«
Unterdessen hatte Robert fast das Ende seiner Erzählung erreicht.
»Keine Angst, wenn du nicht alles behalten hast. Ich habe mir größte Mühe gegeben, meine Ergebnisse auf dem Rückflug schriftlich zu bündeln und das Wesentliche hervorzuheben. Da kannst du das Wichtigste noch mal nachlesen. Aber wo war ich stehen geblieben …? Ah ja, richtig. In der Planetaren Bibliothek von Andreon. Wie gesagt, war ich zu diesem Zeitpunkt wirklich kurz vorm verzweifeln. Die Spuren führten in die verschiedensten Richtungen und es gab kaum zwei, die dieselbe einschlugen. Und zu allem Verdruss kam noch hinzu, dass meine letzten Hinweise sich als ergebnislos herausgestellt hatten und ich in einer Sackgasse steckte. Doch als ich die Bibliothek wieder verließ, wurde ich von einem alten Mann angerempelt, der anscheinend, wie mir aber erst später klar geworden ist, bestens über mich Bescheid wusste. War aber ziemlich schäbig gekleidet. Und etwas gemüffelt hat er auch. Aber seine Augen, Tim, seine Augen. Die haben förmlich geleuchtet. Jedoch wirkte er nicht sonderlich bedrohlich. Es gelang mir aber beim besten Willen nicht, den Blick von seinen Augen abzuwenden. Ich war wie hypnotisiert. So standen wir einige Zeit da, ohne dass sich einer von uns bewegt hat.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie lange wir da nun so herumstanden, jedenfalls fing der alte Mann auf einmal an zu lächeln und sagte: »Deine Suche wird keinen Erfolg haben, doch ist die Sache an sich nicht sinnlos und es gibt noch andere Sucher.« Völlig verdutzt ließ er mich einfach stehen und ging weg. Auf dem Weg zurück in mein Hotel fand ich einen Zettel in meiner Manteltasche. Er konnte nur von ihm sein. Auf ihm stehen die Koordinaten eines Planeten.«
»Ist es Teresuma?«, kam von Tim gleich die Frage.
Sein Vater antwortete ihm mit ernster Miene: »Ich weiß es nicht, mein Sohn. Ich bin dieser Spur nicht nachgegangen, weil ich spürte, dass dies nicht meine Aufgabe ist. Und sollte ich es dennoch versuchen, würde bestimmt etwas Schreckliches passieren. Aber wie der alte Mann schon sagte, gibt es ja noch andere Sucher.«
Und so begann Tims Suche nach Teresuma, dem sagenhaften Planeten unermesslicher Reichtümer.
Tim fühlte sich an Bord des Linienkreuzers nach Klosek, dem regionalen Hauptplaneten des Raumsektors, so allein wie nie zuvor in seinem Leben. Fast zwei Wochen waren jetzt vergangen, seit Robert von seiner Reise zurückgekehrt war. Die Reise, die nun seine war. Es bedurfte mehr als nur ein wenig Überredungskraft auch die Zustimmung seiner Mutter zu kriegen, aber am Ende war es Vater und Sohn doch gelungen. Die Vorbereitungen waren seltsam spärlich ausgefallen. Sein Vater hatte ihn in weitere Details eingeweiht und ihm dann Flug und Hotel gebucht, damit Tim in Klosek den nächsten Schritt der Suche unternehmen konnte. Momentan war das alles aber weit weg. Die Erinnerung schien mit zunehmender Entfernung zu seinem Heimatplaneten zu verblassen.
Er betrat den geräumigen Aussichtsraum des Schiffes mit seinem imposanten Panoramafenster, als aus den Bordlautsprechern eine Durchsage durch das Schiff tönte.
»Die Crew des Linienkreuzers ‘Sogot’ heißt diejenigen, die erst jetzt auf Treloch IV zu uns gestoßen sind, herzlich an Bord Willkommen und wünscht Ihnen einen erholsamen und interessanten Flug. Wir bitten sie, sich in spätestens zwanzig Minuten auf den Weg zu ihren Kabinen zu begeben, beziehungsweise die für den Hyperraumsprung vorgesehenen und gesondert gekennzeichneten Aufenthaltsräume aufzusuchen. Wir werden in dreißig Minuten mit der Initialisierung des Hyperraumsprunges beginnen. Unser nächstes Ziel, den Raumhafen von Valhoun, werden wir morgen am 17. Mai 2305 um wahrscheinlich 16.00 Uhr erreichen.«
Er wollte die Zeit, die sie noch im Normalraum waren, nutzen und einen Blick auf für ihn Fremdes werfen, bevor sie den Hyperraumsprung begannen. Das Gefühl der Einsamkeit wurde immer stärker, je länger er hinausstarrte. Er kam sich sehr klein vor, wenn er nur daran dachte …
wie viele Sterne dort draußen waren …
wie viele von Planeten umkreist wurden …
wie viele davon bewohnbar waren …
und wie viele Lebewesen auf ihnen lebten …
Um sich abzulenken, beschloss er, sich mit dem Holochip™ zu beschäftigen, den sein Vater ihm für den Flug nach Klosek mitgegeben hatte. Ein Überblick über die Geschichte des Kaiserlichen Imperiums. Das Meiste würde er wahrscheinlich eh bereits aus der Schule wissen, aber man konnte ja nie wissen. Er legte ihn in seinen Reado-Block™ ein und begann zu lesen …
Das uns bekannte Universum teilt sich in zwei große Blöcke auf. Da wäre zum einen das Kaiserliche Imperium und zum anderen die unabhängigen Planetenbündnisse in der Peripherie. Die genaue Anzahl der besiedelten Planeten und der auf ihnen lebenden Menschen anzugeben ist nicht möglich, da vor allem aus der Peripherie exakte Daten kaum vorhanden sind, doch seriöse Schätzungen belaufen sich auf insgesamt 2500 Planeten, die im Laufe der Zeit kolonisiert wurden. Davon gehören gut 1800 zum Kaiserlichen Imperium.
Das Oberhaupt des Kaiserlichen Imperiums ist Kaiser Hosep III., der in ununterbrochener Abfolge der vierunddreißigste Kaiser des Reiches ist. Seine Amtszeit begann im Jahr 2278, als sein Vater Hosep II. nach langer Regentschaft einem Herzinfarkt erlag.
Die Geschichte des Imperiums war über lange Zeit von Kriegen und Revolten geprägt. Im Jahre Null gegründet, ungefähr tausend Jahre nach Beginn der Besiedlung des Weltraums durch den Menschen, stellte es den ersten Versuch dar, eine Ordnung im Weltall zu etablieren. Die bis zu diesem Zeitpunkt bewohnten Planeten hielten nur über Handelsverbindungen sporadisch Kontakt, doch mit der Gründung des Imperiums kam es während der ersten fünfhundert Jahre zu einer enormen Expansion. Durch die zusammengelegten Kapazitäten waren die Möglichkeiten wesentlich vielfältiger und so konnten aufwendigere Projekte realisiert werden. Im wissenschaftlichen Bereich wurden große Fortschritte gemacht und die Kolonisierung neuer Welten ging mit hoher Geschwindigkeit voran.
Doch mit der Zeit wurde das Reich immer instabiler und Korruption und Machtgier verbreiteten sich. Es begann das Zeitalter der Kriege und Aufstände., zu zahlreich um an dieser Stelle im Detail erwähnt zu werden. Einige Male sah es so aus, als ob die herrschenden Unruhen das Imperium in völlige Barbarei und Anarchie zurückstoßen würden, doch gab es glücklicherweise in der Geschichte des Imperiums viele engagierte und mutige Männer, die tapfer für seinen Erhalt gekämpft haben.
Auch wenn zwischen den einzelnen Konflikten immer wieder Frieden herrschte, manchmal auch über einen längeren Zeitraum hinweg, so war dieser doch trügerischer Natur. Seiner schwersten Prüfung sah sich das Reich dann im Jahre 1457 gegenüber, als eine mächtige Seperatistenbewegung versuchte, an die Macht zu gelangen. Doch der Versuch eines schnellen Putsches schlug fehl und auf vielen Planeten kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Kaiserlichen Armee und paramilitärischen Gruppen.
Durch den Krieg verringerte sich die Anzahl der verfügbaren Raumschiffe auf ein Minimum, da etliche zerstört oder von der Armee requiriert wurden. Als Folge löste sich das Planeten umspannende Netzwerk langsam auf, da es in erster Linie auf dem regen Waren- und Informationsaustausch per Schiff beruhte. Die interstellare Kommunikation war zu diesem Zeitpunkt noch recht rückständig und das Übertragen von Sendungen nahm sehr viel Zeit in Anspruch.
Auf Grund der geringen Anzahl an Schiffen mussten viele Planeten auf wichtige Güter verzichten, was die Unruhen weiter anheizte. Zusätzlich zu den militärischen Auseinandersetzungen kam es bald zu Volksaufständen und mehrere Planeten erklärten ihre Unabhängigkeit und sagten sich vom Imperium los.
34 Jahre nach Ausbruch der Krise war das Kaiserreich, von den Kernwelten abgesehen, praktisch nicht mehr existent und verschiedenste Gruppierungen bekämpften sich im gesamten Universum, ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Die Kriege zogen eine Schneise der Vernichtung und Verwüstung durch das Imperium und ließen dabei nur wenig aus. Ganze planetare Industrien wurden zerstört und wichtige wissenschaftliche Errungenschaften gingen im Chaos unter.
Bündnisse wurden nur geschlossen, wenn man einen gemeinsamen Feind hatte und hielten meistens auch nur dementsprechend lange. Doch dann begann Samuel LeHarre, einer der letzten großen Admiräle der Kaiserlichen Flotte, damit, die Überreste der Kaiserlichen Armee wieder zu vereinen. Sie scharten sich um ihn und zogen aus, die rebellierenden Welten unter der Flagge des Imperiums erneut zusammenzubringen.
Sie hatten Erfolg. Durch ihre Anstrengungen entstand das Kaiserliche Imperium in seiner heutigen Form. Nachdem erst einmal der Grundstein gelegt war, schlossen sich immer mehr Planeten dem wachsenden Reich an, da jetzt das erste Mal seit langem wieder Aussicht auf Frieden bestand. Da der damalige Kaiser Rimerus VIII. im Laufe des Konflikts ums Leben kam, wurde der einzige aufzufindende Nachfahre von ihm, ein unehelicher Sohn, als neuer Kaiser ernannt, doch bis zu seinem Tod im Jahr 1512 war Samuel LeHarre derjenige, der das Imperium de facto regierte.
Es folgte eine Zeit ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwungs, da die Zerstörungen des Krieges einen totalen Neuanfang bedingten. Doch dauerte es beinahe hundertfünfzig Jahre, bis der technologische und wirtschaftliche Stand vor dem Bürgerkrieg annähernd wieder erreicht worden war. Auch vollzog sich die weitere Besiedlung des Weltalls nur äußerst schwerfällig und man begnügte sich damit, die vorhandenen Gebiete zu konsolidieren.
Mittlerweile herrscht im Universum seit achthundert Jahren ununterbrochen Frieden. Die Herrschaft der kaiserlichen Familie ist nach wie vor ein beruhigender Faktor auf die einzelnen Planeten, von denen die Meisten von autonomen Regierungen oder Herrscherhäusern verwaltet werden, welche einen Eid auf den Kaiser geleistet haben. Sicherheit und Stabilität sind kennzeichnende Worte und Werte für das heutige Reich.
Hiervon ausgenommen sind jedoch die unabhängigen Planeten der Peripherie. Viele von ihnen beschlossen damals, sich dem neu entstehenden Imperium nicht anzuschließen oder waren einfach zu weit vom Mittelpunkt des Reiches entfernt, so dass ihnen keine Aufmerksamkeit galt. Es gibt viele Gerüchte, dass von den Peripherieplaneten weiterhin Schiffe mit dem Ziel aufbrechen, neue Welten zu besiedeln. Daher kann über die genauen Ausmaße nur spekuliert werden.
Jedoch ist anzunehmen, dass dieses Vorhaben nicht sonderlich schnell voranschreitet, da die Peripherie unter technologischem sowie industriellem Aspekt weit hinter dem Kaiserlichen Imperium zurückliegt.
Wie anfangs bereits erklärt, ist es schwer möglich, die genaue Bevölkerungszahl der Menschheit anzugeben, doch gehen vorsichtige Schätzungen von bis zu 3,5 Billionen Individuen aus. Das Überraschende dabei ist, dass der Mensch während seiner Ausbreitung über das Universum keine anderen großen Zivilisationen entdeckt hat. Man traf durchaus auf einige intelligente Lebewesen, doch leben alle anderen Völker bis heute recht zurückgezogen auf ihren Heimatwelten, ohne größeres Interesse an der Raumfahrt zu zeigen. Vereinzelt gibt es Ausnahmen, wenn sich Individuen in die menschliche Zivilisation einfügen. Sie sind durchaus kein seltener Anblick auf dichter besiedelten Planeten, doch …
In diesem Moment betrat jemand den Raum. In seine Lektüre vertieft, hatte er das leise Zischen der sich öffnenden Tür nur unterbewusst wahrgenommen, doch ein betörender, dennoch dezenter Duft provozierte seine Aufmerksamkeit. Tim sah von dem ReadoBlock™ auf und drehte sich zur Tür um. Es war eine junge Frau. Eine sehr hübsche junge Frau. Sie trug ein modisches, sündhaft teures Kleid, dessen Farbpalette nahezu das komplette Spektrum ausreizte und man schon fast glaubte, sie würde wahrlich leuchten. Ein weiterer, nicht ganz unbedeutender und durchaus auch erwünschter Nebeneffekt war, dass es ihre überaus ansehnliche Figur betonte. Ihr schulterlanges schwarzes Haar und ihr etwas zu bleiches Gesicht bildeten einen angenehmen farblichen Kontrast zu ihrer restlichen Erscheinung. Die Art, wie ihr Haar geschnitten war und fiel, machte deutlich, dass sie dieses Potpourri gegensätzlicher Sinneseindrücke bewusst zur Schau stellte. Zu allem Übel lächelte sie Tim auch noch an. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt bei Bewusstsein blieb.
»Hallo. Hast du etwas dagegen, wenn ich mich zu dir setze?«, erklang die klare, melodiöse Stimme der jungen Frau.
Tims Antwort klang weitaus weniger klar und verständlich. Vorausgesetzt, man kann die sinnlose Aneinanderreihung einiger Buchstaben – vorzugsweise Umlaute – überhaupt als Antwort bezeichnen. Zumindest schien sie diese erraten zu haben, da sie sich neben ihn setzte.
»Ich heiße Jaleesa. Und wie heißt du?«
»Tim«, antwortete er ihr verunsichert.
»Tim …? Das ist ein süßer Name«, erwiderte sie mit einem Lächeln, das einzuordnen Tim nicht in der Lage war. Er war sich nicht sicher, ob sein Name ihr wirklich gefiel, oder ob sie sich nur über ihn lustig machte. Für Jaleesa schien das Thema damit jedoch erledigt zu sein, da sie sich zum großen Panoramafenster umwandte, welches einen ungestörten Blick in den unendlich erscheinenden Weltraum gestattete.
Nach mehreren Minuten des Schweigens nahm Tims Nervosität zu, da er nun zu einer Schlussfolgerung bezüglich ihrer letzten Bemerkung gekommen war– die sich nicht als sehr hilfreich in Bezug auf sein Selbstvertrauen entpuppte. Gerade als er sich vorgenommen hatte, den Raum einfach zu verlassen, ergriff Jaleesa etwas verträumt erneut das Wort.
»Ich schaue mir gerne die Sterne an. Sie faszinieren mich. Von ihnen geht etwas Geheimnisvolles aus. Findest du nicht auch?«
Eigentlich ging Tims Meinung genau ins Gegenteil. Die Sterne waren ihm schon eher zu geheimnisvoll, aber die Anwesenheit einer jungen, gutaussehenden Frau hat bekanntermassen Auswirkungen auf die Koordination zwischen dem Sprachzentrum im Gehirn und dem Sprachorgan selbst, so dass als Antwort letztendlich ein einfaches »Ja« herauskam.
»Deshalb reise ich auch so gerne«, fuhr sie fort. »Es vermittelt einem ein Gefühl von Freiheit. Die Möglichkeit, sein normales Leben hinter sich zu lassen und neue Geschichten zu erleben. Mein Traum ist es, eines Tages ein Buch über die Erlebnisse auf meinen Reisen zu schreiben.«
Jaleesa drehte sich zu Tim um und schaute ihn mit leicht abwesendem Blick an, woraufhin Tim etwas mulmig in der Magengegend wurde. Aber immerhin hatte das Gehirn die Kontrolle mittlerweile wieder übernommen.
»Ich bin vorher noch nie durchs All gereist.«
Mit einem Mal fiel jeglicher Anschein von Tagträumerei von Jaleesas Gesicht und sie betrachtete Tim mit einem kecken Grinsen.
»Jetzt nimmst du mich aber auf den Arm. Du bist wirklich noch nie zuvor verreist?«
»Nein. Aber warum auch? Zu Hause hatten …«
»Warum auch? Was ist denn das für eine dumme Frage. Es gibt so viele fantastische, aufregende Dinge dort draußen.« Sie zeigte mit der Hand aus dem Fenster. »Jeder Stern ist Grund genug.«
Tim erwiderte: »Bei uns auf Treloch IV gibt es aber auch viele aufregende Sachen.«
Erst im Nachhinein wurde ihm bewusst, dass diese Antwort ihn in ihren Augen bestimmt nicht sonderlich ‘aufregend’ erscheinen ließ. Außerdem fiel ihm ein, dass er es ihr nicht unbedingt hätte auf die Nase binden müssen, dass er von einem der rückständigsten Planeten des ganzen bekannten Universums kam. Er lag damit nicht ganz falsch.
»Und warum verreist du jetzt, wenn es bei euch auf Treloch IV soo viele aufregende Sachen gibt?«
»Ich suche etwas«, kam von Tim die Antwort.
»Und was suchst du?«, wollte Jaleesa sofort wissen.
Tim zögerte ein wenig, bevor er antwortete, da er befürchtete, dass sie ihn auslachte, wenn sie von seinem Ziel erfahren würde. Also entschied er sich dagegen.
»Das geht dich nichts an.«
Jaleesa guckte ihn verärgert an und verließ dann ohne ein weiteres Wort den Raum. Tim fühlte sich fürchterlich und verbrachte den Rest der Reise in seinem Zimmer, in der Hoffnung, Jaleesa nie wieder sehen zu müssen. Während des restlichen Fluges war das überhaupt kein Problem, da sie haargenau das Gleiche dachte.
Als sie auf dem Raumhafen von Klosek gelandet waren, fühlte sich Tim das erste Mal in seinem Leben wirklich hilflos. Sein Vater hatte ihm zwar eine GaCC™ mitgegeben, deren zugehöriges Konto nach seinen Angaben gut gefüllt war. Als Tims Großvater mit der Suche nach Teresuma begonnen hatte, stand er vor dem Problem, wie er sie finanzieren sollte. Seine Lösung war, Sponsoren zu finden, die bei einem Erfolg an den Funden beteiligt werden sollten. Anfangs tat er sich damit sehr schwer, da Leute, die über genügend Geld verfügten, um ihm davon etwas zukommen zu lassen, in der Regel gerade deshalb soviel Geld hatten, weil sie nicht jedem dahergelaufenem Typen mit einer komischen Geschichte unterstützten. Erst nach vielfältigen Fehlschlägen wurde er fündig und fand einige Wenige, die ihm finanzielle Unterstützung bereitstellten. Carl war dann aber von den letztendlichen Ausmassen doch überrascht. Das Geld würde bei sparsamen Umgang mehrere Jahrzehnte reichen.
Erst als er sich zur Ruhe setzte, vertraute er seinem Sohn das Geheimnis an, so wie Robert es Tim vor seinem Abflug anheim kommen ließ. Außerdem hatte Robert seinem Sohn ein Zimmer in einem Hotel gebucht und ihm eine Adresse mitgegeben, bei der er sich wegen der seltsamen Koordinaten melden sollte. Aber es war alles so riesig und unübersichtlich hier und nirgends war Hilfe in Sicht.
Nachdem das Schiff aufgesetzt hatte, wurde Tim mit dem Strom der restlichen Passagiere nach draußen geschwemmt und fand sich auf einem weiten Landefeld wieder. Zu allen Seiten war er von geparkten Raumschiffen umgeben. Etliche vor Menschen und Maschinen strotzende Hangars erstreckten sich über das Areal. Zehn Busse warteten auf die Neuankömmlinge, um sie zum Hauptgebäude des Raumhafens zu bringen, der für Reisende aus dem Raum das Tor nach Trint – größte Stadt auf Klosek und Hauptstadt dieses Raumsektors – darstellte.
Trint bedeckte nahezu vollständig das flächenmäßig weitläufigste Kontinentalmassiv des Planeten. Nur die Küstengebiete und einige größere Grünflächen waren aus Erholungsgründen unbebaut geblieben. Auch Industrieanlagen suchte man vergeblich. Diese befanden sich entweder auf den beiden übrigen Kontinenten oder waren im Orbit angesiedelt. Die meisten der gehandelten Güter, wie genau genommen ein Großteil des Bedarfs an Nahrungsmitteln, wurden ohnehin importiert. Die Stadt hatte sich in eine gewagte Abhängigkeit begeben. Im Gegenzug für die essentielle Versorgung stellte sie alles zur Verfügung, was an immateriellen Dienstleistungen für den Raumsektor benötigt wurde. Fragt sich nur, wer in einer Krisensituation die besseren Karten haben würde.
In Trint selbst war die Regionalverwaltung der größte Arbeitgeber. Riesige Bürogebäude und Wohnkomplexe prägten das Bild der Stadt, ergänzt durch zahlreiche Banken und Versicherungsgesellschaften, die hier ihren Hauptsitz hatten. Die koordinierende Verwaltung der Politik und Ökonomie eines kompletten Raumsektors stellte nun einmal große Platzansprüche, von den für den Betrieb notwendigen Menschenmassen ganz zu schweigen. Die Stadt Trint zählte beinahe drei Milliarden Einwohner und stellte zusätzlich das Ziel unzähliger Reisender dar.
Das erfuhr Tim am eigenen Leib, als die Busse ihr Ziel erreicht hatten und ihre Passagiere in den riesigen Raumhafen entließen. Verwirrend viele Schilder zeigten in verwirrend viele Richtungen und nach einer kurzen Phase der Orientierungslosigkeit entdeckte Tim auch jenes, das zur Gepäckausgabe führte. Er hatte sich erst einige Schritte den Schildern entlang vorangekämpft, als ein junger Mann in einem weiten Gewand aus einfachem Stoff an ihn herantrat. Sein Haar war sehr kurz geschnitten und auf seinem Gesicht lag ein völlig entspannter Ausdruck, der sich bereits in seine Gesichtszüge eingebrannt zu haben schien.
»Entschuldige bitte. Hast du vielleicht ein wenig Zeit für mich? Ich würde dir gerne etwas erzählen«, begann er mit sanfter Stimme.
»Eigentlich wollte ich gerade mein Gepäck abholen«, erwiderte Tim halbherzig.
Sein Interesse an Gesprächen mit völlig Fremden war nicht sonderlich ausgeprägt. Außerdem machte dieser hier einen etwas merkwürdigen Eindruck. Nicht speziell negativ, einfach nur sonderbar.
»Das läuft dir ja nicht weg. Es dauert meistens eh eine Weile, bis das Gepäck vom Schiff zur Ausgabestelle gebracht wurde. Wir haben also etwas Zeit.«
Tim wusste zwar noch immer nicht, was der Mann ihm erzählen wollte, doch innerlich hatte sich bereits eine leichte Abneigung gebildet.
»Hast du schon mal von dem Heiligen Orden des Krr’Chtok gehört?«, fragte der mysteriöse Fremde.
»Nein.«
»Wir leben in Einklang mit den Lehren des Großen Propheten Krr’Chtok und versuchen, das restliche Universum an seiner Weisheit teilhaben zu lassen.«
»Lebt er noch?«, wollte Tim wissen.
»Nein, dann wäre er doch kein richtiger Prophet. Er starb den Märtyrertod, als er trotz heftiger Gegenwehr an seinen edlen Zielen festhielt.«
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Krr’Chtok eines der wenigen Aliens war, die ihren Heimatplaneten verließen, um seine Ambitionen einer größeren Zielgruppe kundzutun. In diesem Fall heißt das, er zog aus, das gesamte Universum zu unterwerfen. Damit unterschied er sich grundlegend vom Rest seiner Rasse, die zwar ähnliche Ziele hegte, diese aber auf den eigenen Planeten beschränkte. Was außer Krieg führen sollte man auch schon großartig unternehmen, wenn man ein vielarmiges, -beiniges, schwanziges und –tentakeliges vier Meter großes Wesen mit vielen spitzen und scharfen Klauen, Stacheln und Zähnen war, dessen gepanzerter Körper widerstandsfähig genug war, um problemlos leichteren Explosionen standhalten zu können?
Krr’Chtok begann seinen Eroberungsfeldzug durch das Universum auf dem Planeten Wollmat. Aufgrund falscher Informationen und den üblichen Verständigungsproblemen bei dem Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen war sein erstes Angriffsziel nicht wie eigentlich geplant das planetare Verteidigungshauptquartier, sondern die Psychische Heilanstalt des Planeten. Nur darauf bedacht, die Flucht verwirrter Geister zu verhindern, waren die Sicherheitskräfte dem Angriff eines blutrünstigen Aliens schutzlos ausgeliefert. Bei der daraufhin anrückenden planetaren Miliz sah das Kräfteverhältnis schon anders aus. Auch wenn es ein langer und harter Kampf war, gelang es ihnen am Ende doch, das Monster vom anderen Stern zu vernichten.
In der Zwischenzeit hatten sich die Insassen der Psychischen Heilanstalt in sichere Entfernung gebracht, wobei es ihnen gelungen war, den Kampfhandlungen aus dem Weg zu gehen. Sie befanden sich schon etwas weiter weg, als sie von einer leicht erhöhten Position zufällig den schmerzvollen Tod ihres vermeintlichen Retters sahen. Sie zogen sich in die nahe gelegenen Berge zurück und verbrachten den Großteil ihrer Zeit damit, ihren Befreier zu vergöttern. Krr’Chtok. Der große Prophet, der auszog, um die Unterdrückung von Minderheiten und Verstöße gegen den freien Willen im ganzen Universum zu unterbinden und dann von den Unterdrückern gnadenlos niedergeschlachtet wurde.
Der wahre Hintergrund versank mit der Zeit in Vergessenheit und ihre Philosophie von Nächstenliebe und der Akzeptanz allen Lebens breitete sich aus und wurde auf einigen Planeten sogar Staatsreligion. Keiner schien sich daran zu stören, dass der Heilige Prophet vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet absolut scheußlich aussah. Doch seitdem Brrf’Trot, ein Angehöriger derselben Spezies, ebenfalls einen galaktischen Feldzug zur Vernichtung allen Lebens gestartet hatte und auf eben diesen Planeten, die zufälligerweise am Anfang seiner Reise standen, als Abgesandter Gottes begrüßt und gefeiert wurde – was seine Aufgabe ungemein erleichterte – war die Religion des Heiligen Propheten Krr’Chtok stark im Rückgang begriffen. In erster Linie weil sich die Mitgliederzahl schlagartig verringert hatte. Seitdem war sie nur noch eine von vielen gemiedene kleine Sekte, da die Rasse des Ehrwürdigen Propheten Krr’Chtok trotz einiger Versuche noch immer nicht ausgerottet war.
»… und deshalb finden wir, dass es mehr Liebe zwischen den Menschen geben muss, damit die Taten des Heiligen Propheten nicht umsonst waren. Ich habe hier einen sehr interessanten Holochip™ über seine Ideen. Du musst verstehen, dass wir sie selbst produzieren, um den Inhalt dem restlichen Universum zugänglich zu machen. Deshalb würden wir uns über eine kleine Spende freuen. Wenn du vielleicht zwei oder drei Galaxis hättest …« Der Mann ließ den Satz unbeendet, aber es war selbst für Tim nicht sonderlich schwer, ihn weiter zu führen: … dann könntest du mir die ja geben, damit wir noch mehr Holochips herstellen können.
»Ähm, tut mir leid. Ich habe gerade nichts griffbereit. Außerdem muss ich jetzt wirklich zu meinem Gepäck.«
Er verabschiedete sich hastig und wusste dabei genau, dass der Mann sein Unbehagen spürte. Fast bekam er ein schlechtes Gewissen für seine Unehrlichkeit eben.
Es war ungemein schwer, in diesem Gedränge seinen eigenen Weg zu gehen, da dieser oft von den umgebenden Massen bestimmt wurde. Hier eine große Reisegruppe mit unbekanntem Ziel, die einen einige Meter mitschleifte, da eine lange Schlange Wartender, die man umgehen musste.
Als Tim die Gepäckabgabe erreicht hatte, befand er sich dann selbst in einer der vielen Schlangen. Mehrere Minuten vergingen, bis er an der Reihe war und nach Abgabe seines Reisetickets sein Gepäck ausgehändigt bekam. Zwar verlief es völlig problemlos und es war auch vollständig, doch sich mit einem großen Koffer Richtung Ausgang zu kämpfen, erschwerte die Sache noch um einiges. Fast wie im Delirium quälte sich Tim an den Schildern orientierend durch die Menschenmassen, bis er das riesige Portal nach draußen vor sich aufragen sah und sich unvermittelt im Freien befand. Auch wenn der Blick bei weitem nicht so frei war, wie er es draußen eigentlich gewohnt war.
Jetzt war er wirklich kurz davor, völlig zu verzweifeln. Ein riesiger Parkplatz, angefüllt mit Taxis in allen Größen, erstreckte sich vor ihm. Hunderte von Anti-Grav-Autos™ schwebten mit beachtlicher Geschwindigkeit, dafür aber erstaunlich leise, über die nahe gelegene Straße, während die Häuser auf beiden Seiten so hoch ragten, dass eine der beiden Sonnen direkt über ihm hätte stehen müssen, um die Straße mit erfrischendem Sonnenlicht zu durchfluten. Da das aber so gut wie nie der Fall war, wurden die meisten Straßen und Bürgersteige rund um die Uhr beleuchtet. Überall um ihn herum bewegten sich Menschen. Oder wenigstens hatten die meisten Passanten ein zumindest annähernd menschliches Aussehen. Einige wenige waren, nun, etwas ungewöhnlicher.
Bevor Tim seine Umgebung gänzlich aufnehmen konnte, kam jemand aus der unpersönlichen Menge direkt auf ihn zu. Es war ein junger Mann, der eine blaue Uniform trug. Tim wurde kurz ein wenig mulmig zu Mute, da er auf Treloch IV Geschichten über ziemlich brutale Ordnungshüter in blauer Uniform gehört hatte. Wenn die Geschichten stimmten, hatten sie aber nicht viel mit Ordnung und Gesetzestreue am Hut. Während er noch darüber nachdachte, war der Mann schon fast bei ihm. Bei genauerem Hinsehen fiel Tim auf, dass der Mann wirklich noch recht jung aussah und schon gar nicht gemeingefährlich. Seine Angst, dass er einer der gefürchteten Ordnungshüter war, wich langsam von ihm. Zu Recht, wie sich herausstellte.
»Du musst Tim Porter sein. Ich bin James und arbeite als Chauffeur für das HELL-ON-EARTH-HOTEL. Keine Angst, es ist viel cooler, als es klingt.«
Tim fiel ein Stein vom Herzen. Das war genau das Hotel, in dem sein Vater ein Zimmer für ihn reserviert hatte.
»Ja, ich bin Tim Porter. Aber woher wusstest du, wo du mich treffen konntest?«
»Uns wurde ein Bild von dir geschickt mit der Bitte, dich vom Raumhafen abzuholen. Und für so’nen Job haben sie dann mich. Na ja, is halt so. Komm mit, ich bring dich zum Hotel.«
James lotste Tim durch den sich konstant bewegenden Strom von Menschen zu einem großen Gebäude direkt neben dem Raumhafen. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um ein Parkhaus. Er führte ihn zu einer großen Limousine, die komplett schwarz und ungefähr sechs Meter lang war. James ging vor und öffnete die hintere Tür, woraufhin Tim einstieg. Die Tür schloss sich lautlos hinter ihm.
Von innen waren die Fensterscheiben abgedunkelt, doch man konnte sie auch so einstellen, dass sie völlig transparent oder komplett schwarz waren. Zusätzlich gab es auch noch mehrere Lampen, die zu jeder Tageszeit ausreichende Beleuchtung garantierten. Die Sitze waren äußerst bequem, wie Tim feststellte. Dann merkte er, wie der Wagen ein wenig in die Höhe stieg und sich in Bewegung setzte. Er war überrascht, wie ruhig es im Wagen war. Kaum ein Geräusch fand den Weg ins Innere.
Zum ersten Mal seit er Treloch IV verlassen hatte, konnte er sich zumindest ein wenig entspannen. Das sanfte Dahingleiten der Limousine hatte etwas Einschläferndes an sich. Mit halb geschlossenen Augen blickte er aus dem Fenster und beobachtete die Stadt, die so ganz anders war als alles, das er von Treloch kannte. Die Leute machten insgesamt einen bedrückteren Eindruck. Sie schienen alle getrennte Wege zu gehen und keiner interessierte sich für den anderen; den Blick nach unten gerichtet, als ob die Zukunft nur zusätzliche Sorgen bringen würde.
Er hoffte, dass dieser Eindruck nur durch seine Müdigkeit und den verdunkelnden Einfluss der Fensterscheiben hervorgerufen wurde.
»James, kannst du bitte die Fenster transparent machen?«
»Na klar.«
Mit der neuen Perspektive sah es draußen aber auch nicht freundlicher aus. Es herrschte eine geschäftige, aber trübe Stimmung. Die Menschen waren nicht aus Überzeugung aktiv, sondern aus Angst davor, was passieren würde, wenn sie stehenblieben. Tim schüttelte verwundert den Kopf. So hatte er sich die Hauptstadt des Raumsektors nicht vorgestellt. Eher das Gegenteil davon. Die Leute hatten hier doch alles. Klosek war eine der reichsten Welten des Kaiserlichen Imperiums.
Doch bevor er diese neuen Impressionen verarbeiten konnte, sah er etwas viel Erschütternendes. Aus einer Seitenstraße kam ein panisch dreinschauender Mann gerannt und wurde von einem bläulichen Blitz in den Rücken getroffen. Mit schmerzverzerrten Gesicht ging er zu Boden, doch da waren sie bereits an ihm vorbeigefahren. Er konnte noch einen letzten Blick nach hinten werfen, bevor sie abbogen. Was er sah, gefiel ihm noch weniger. Blau uniformierte Männer mit schweren Schutzmasken traten auf den wehrlosen Mann ein und zerrten ihn dann hoch.
Tim war fassungslos ob dieser öffentlichen Zurschaustellung brutaler Gewalt. Er musste einfach Gewissheit darüber haben.
»Was war da eben los?«, fragte er James.
»Das? Keine Ahnung. Aber so’ne Scheiße passiert hier leider zu oft. Leute mit abweichenden Meinungen müssen heutzutage vorsichtig sein.«
»Aber warum tut denn keiner etwas dagegen?«
»Weil sie Angst haben. Ganz einfach.«
»Aber was ist mit den Kaiserlichen Angestellten?«
»Den Kaiserlichen Angestellten?« James stieß ein kurzes ungläubiges Lachen aus, bevor er fortfuhr: »Scheiße, Kleiner. Das waren deine sogenannten Kaiserlichen Angestellten. Und an deiner Stelle würde ich mich mit solchen Äußerungen zurückhalten, bis du die Situation gecheckt hast. Okay?«
»J-ja«, antwortete Tim eingeschüchtert.
»Hey, kein Grund dich schuldig zu fühlen. Ist nur’n gut gemeinter Tipp. Wir leben in verrückten Zeiten, so viel ist sicher.«
Zu diesem Schluss war Tim in der kurzen Zeit seit seiner Ankunft mittlerweile ebenfalls gekommen, auch wenn er darauf verzichtete, James laut zuzustimmen.
Sie fuhren nur noch eine kurze Strecke, bis James den Wagen anhielt und Tim hörte, wie er ausstieg. Anscheinend hatten sie das HELL-ON-EARTH-HOTEL erreicht.
Als Tim aus dem Wagen trat, erwartete ihn die nächste Überraschung. Sicherlich, das Gebäude, das er sah, erschien ihm durchaus imposant. Doch bei dem Namen des Hotels hatte er etwas weit ausgefalleneres und pompöseres erwartet. Nicht weit vor ihm erhob sich ein fünfzehn Meter hohes Gebilde, geformt wie ein riesiger roter Kopf mit zwei schwarzen, spitzen Hörnern. Die Augen glommen in einem grellen Gelb und dienten unter anderem als Beleuchtung für den Platz. Aber dieser war auch so schon hinreichend erhellt. Überall um den Weg herum, der zum Eingang führte, schossen Feuerfontänen aus dem Boden und loderten mehrere Meter hoch gen Himmel.
James bemerkte seinen verwunderten Blick.
»Ziemlich beeindruckend, was?«, fragte er Tim.
»Ja schon, aber ich hatte es mir, nun ja …«, er suchte kurz nach dem passenden Ausdruck, »etwas größer vorgestellt.«
James guckte ihn mit einem schiefen Grinsen an und erwiderte: »Du hast doch wohl nicht ernsthaft gedacht, dass sich das HELL-ON-EARTH auf der Oberfläche befindet?«
Eigentlich hatte Tim genau das gedacht, doch bevor er eine weitere Frage hätte stellen können, wendete sich James bereits von ihm ab und rief zu einem der am Eingang herumstehenden Hotelpagen: »Ey, Jimmy, komm mal her.«
Ein schlaksiger Mann Anfang zwanzig kam gemächlich zu ihnen herüber getrottet. Er trug eine ähnliche Uniform wie James, nur das seine blutrot war.
»Verdammt, Jimmy. Beweg deinen Arsch, hier wartet ein Gast.«
»Ja ja, bleib mal locker, James. Bin doch schon da.«
Als er sie erreicht hatte, ging James zum Kofferraum des Wagens, um das Gepäck zu holen. Jimmy wandte sich jedoch an Tim: »Wie ist Ihr Name, Sir?«
»Ich heiße Tim Porter.«
Jimmy holte einen kleinen CompBlock™ aus seiner Jackentasche. Er tippte ein paar Mal darauf herum, bevor er sagte: »Da haben wir Sie ja. Zimmer 666. Eine gute Wahl, Sir.«
Noch während er sprach, bewegte sich eine ovale Platte mit einer Länge von etwa einem Meter völlig geräuschlos auf sie zu. Sie schimmerte silbern und die unzähligen Flammen auf dem Gelände reflektierten auf der Oberfläche. Es war eine Anti-Grav-Platte™, die im ganzen Universum aufs Vielfältigste genutzt wurde. Tim kannte sie nur von seinem Heimatplaneten, wo sie als Lastenträger auf den Feldern eingesetzt wurden.
Nachdem James Tims Gepäck auf die Anti-Grav-Platte™ geladen hatte, forderte Jimmy ihn auf, ihm zu folgen, was Tim auch anstandslos tat. Die professionelle Behandlung änderte nichts an seinem komischen Gefühl, als sie das Gebäude betraten. Immerhin war der Eingang nichts anderes als das Maul des Kopfes, das ungefähr drei Meter hoch und fast genauso breit war. Doch Tims Sorgen waren völlig unbegründet.
Sie betraten eine große Halle, in der sich außer dreizehn Fahrstühlen und ein paar Sitzgelegenheiten nichts weiter befand. Abgesehen von einem runden Empfangstisch, der genau in der Mitte des Raumes stand und in dessen Mitte eine junge Dame saß. Sie nickte ihnen kurz zu und sagte zu Jimmy: »Ihr könnt Fahrstuhl sieben benutzen.«
Tim hatte wesentlich mehr Aktivität im Inneren erwartet, aber es waren nur einige Pagen und ein paar Gäste zu sehen. Jimmy lotste ihn zielstrebig zu einem der Fahrstühle, die Anti-Grav-Platte™ im Schlepptau. Nachdem sie den Fahrstuhl betreten hatten, schloss sich die Tür automatisch und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Es schien ziemlich weit nach unten zu gehen.
»Ist dies das Hotel?«, fragte Tim ungläubig, als sie aus dem Fahrstuhl traten.
»Ja. Wenn Sie mir nun folgen würden, bringe ich Sie zu Ihrem Zimmer.«
Die richtige Eingangshalle nahm recht beachtliche Ausmasse an. Die Rezeption war mindestens dreißig Meter lang. Mehrere Lebewesen, die Tims Gehirn erst einmal als äußerst bizarr einstufte, arbeiteten dort. Jedes von ihnen hatte drei Köpfe, die auf länglichen und extrem biegsamen Hälsen saßen. Aber die brauchten sie wohl auch, um die Bewegungen ihrer acht, Tentakeln nicht unähnlichen Arme koordinieren zu können. Jeder Teil von ihnen schien sehr beschäftigt zu sein. Zu allem Überfluss sahen sie aus wie grüner, radioaktiver Schleim und leuchteten dementsprechend. Ohne Tim Gelegenheit zu geben, sich weiter umzuschauen, machte sich Jimmy auf den Weg zu einem langen Korridor. Er führte Tim durch mehrere ähnlich aussehende Gänge, wobei sie zwischendurch den einen oder anderen Fahrstuhl benutzten, so dass Tim bereits nach einer Minute jegliche Orientierung verloren hatte.
Nach mehreren Minuten erreichten sie endlich Zimmer 666. Jimmy ging zur Zimmertür und zog eine kleine Karte durch den Schlitz neben der Tür. Ein Lämpchen, das vorher rot leuchtete, wechselte daraufhin zu Grün und die Tür glitt auf. Tim betrat das Zimmer und war überwältigt. Hier sollte er wohnen? Das Zimmer wies jeglichen denkbaren Luxus auf; da stand eine perfekt ausgestattete Bar in der einen Ecke, eine äußerst bequem aussehende Couchgarnitur befand sich in der Mitte des Raumes und gewährte eine hervorragende Sicht auf den gigantischen Vid-Shirm™. Dieser hing wie ein Gemälde an der Wand. Dann noch ein Esstisch aus edelstem Flembaumholz™. Es war von rötlich-brauner Färbung, wobei es so schien, als ob die Farben nie stillstanden, sondern kontinuierlich ineinander verlaufen würden. Das Beeindruckendste war jedoch der Balkon. Er befand sich gut zweihundert Meter über dem Boden und ermöglichte einen fantastischen Ausblick über das komplette Gelände.
»Hier befindet sich das Badezimmer und dort Ihr Schlafzimmer, Sir.«
Jimmy deutete auf zwei Türen, die von der Eingangstür aus zur Rechten dicht beieinander lagen.
»Sollten Sie Hunger haben, können Sie in eins der Restaurants der Vorhölle gehen.«
»Der Vorhölle?«, fragte Tim verunsichert nach.
»So nennen wir den Platz vor dem Hotel. Das Hotel ist die Hölle und der Platz davor ist die Vorhölle. Vom Balkon aus haben Sie einen exzellenten Ausblick.«
»Ohhh.«
»Gehört alles zu einem extrem ausgeklügelten Marketingplan. Wie gesagt, Sie können entweder in die Vorhölle gehen oder Sie rufen einfach den Zimmerservice.« Er deutete auf das Holophon, das neben der Eingangstür hing. »Wenn Sie weitere Fragen haben, rufen Sie einfach die Rezeption. Die helfen Ihnen gerne weiter.«
Jimmy reichte Tim die Schlüsselkarte und zog dann seinen kleinen CompBlock™ heraus, den er Tim hinhielt. Tim stand einige Sekunden unschlüssig herum, bis ihm einfiel, was sein Vater ihm noch mit auf den Weg gab.
Er holte seine GaCC™ heraus und zog sie durch den Schlitz an der Seite des Comp-Block™. Dann gab er eine Zahl ein und bestätigte die Transaktion des Trinkgelds mit seinem Fingerabdruck.
Bevor er sich daran machte, für den Rest des Tages jeden ihm nur erdenklichen Luxus, den das Hotel bot, zu genießen, ging er zunächst auf den Balkon hinaus.
Als er hinaus schaute, traute er seinen Augen kaum. Eine riesige Halle mit einem Durchmesser von annähernd zwei Kilometern, deren Decke so hoch war, dass man sie aus den Augenwinkeln verlor, wenn man nicht nach oben schaute, erstreckte sich vor und unter ihm. Es sah mehr wie eine kleine Stadt als der Vergnügungsteil eines Hotels aus. Überall befanden sich Restaurants, Bars, Discos, Souvenirläden, Casinos, Kneipen, Supermärkte, Kinos, edle Massage-Salons, billige Puffs und diverse andere Läden. Auch Wohnhäuser waren zu sehen. Die meisten wurden von den Tausenden von Angestellten der Geschäfte bewohnt.
Auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich eine riesige Wand. Es sah wie eine gewaltige natürliche Höhle aus, die aus dunkelrotem Stein bestand. Zwar waren nur sporadisch Lichtquellen zu sehen – wahrscheinlich waren sie irgendwo versteckt in der Decke angebracht –, doch war die unterirdische Halle hell erleuchtet. Wahrscheinlich gab es deswegen keine Laternen und Außenbeleuchtungen auf den Straßen der Vorhölle. Es war immer Tag.
Er ging wieder hinein und bestellte sich beim Zimmerservice Gerichte, von denen er vorher noch nicht einmal gehört, geschweige denn sie jemals probiert hatte. Die Folge war, dass er einige äußerst exotische Dinge aufs Zimmer geliefert bekam, wovon das Meiste seinem Geschmack nicht zuwider lief. Es gab jedoch auch ein paar Ausnahmen, auf die das nicht zutreffen sollte: Trimba-Salat™ zum Beispiel, welcher Blätter einer aggressiven, fleischfressenden Pflanze enthielt, welche die Eigenschaft hatten, dem Essenden einen harten Kampf zu liefern, bevor man den ansonsten delikaten Salat verspeisen konnte. Oder auch Quiirl-Pudding™, der auf den ersten Blick wie ganz normaler Pudding mit einer kleinen Überdosis gelben Farbstoffs wirkte. Bei näherer Betrachtung musste man jedoch feststellen, dass es sich um eine quallenartige Lebensform handelte, die außerhalb des Wassers zwar völlig bewegungsunfähig war und auch wirklich nach Pudding schmeckte, aber leider über rudimentäre telepathische Fähigkeiten verfügte, so dass man während des Essens andauernd telepathische Botschaften wie »Iss mich nicht!« oder »Ich schmecke doch gar nicht!« empfing. Wenn man sich davon nicht stören ließ, stellte Quiirl-Pudding™ eine wahre Delikatesse dar.
Tim ließ sich selbstverständlich davon stören und schmiss die Schüssel vor Schreck quer durchs Zimmer.
Den restlichen Abend verbrachte Tim damit, die ungeheuren Möglichkeiten eines hochmodernen Vid-Shirm™ zu bestaunen. Mit freundlicher Unterstützung von ETU™ und ihren fast 6000 Kanälen aus dem ganzen Universum. Jegliche Art von audiovisueller Unterhaltung. Alles was man sich nur wünschen konnte. Vielleicht sogar ein bisschen zu viel. Das Ganze mit einem Bild, dass schärfer als die Realität war und einem Sound, der einen mitten ins Geschehen versetzte, ermöglicht durch über 30 Lausprecher™, die jeweils kaum größer als eine Kinderhand und überall im Zimmer verborgen waren. Es war also kein Wunder, dass Tim auf dem Sofa einschlief.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, schrie Tim erschreckt auf. Auf seinem Hemd befand sich ein großer klebriger, roter Fleck, den er zuerst für Blut hielt. Sein Blut. Es dauerte einige Sekunden bis er registrierte, dass er gar keine Schmerzen hatte und wohl doch nicht jeden Moment sterben würde. Ein paar Sekunden danach fiel ihm die leere Schale auf, die neben ihm auf dem Boden lag. Es dauerte weitere Sekunden, bis sein verschlafener Verstand eine Verbindung zwischen Schale und Fleck herstellen konnte. Tim lachte auf. Er fuhr mit einem Finger über den noch leicht feuchten Fleck und leckte ihn dann ab. Der Dip, den er gestern zu seinen Topos™ gegessen hatte, schmeckte immer noch fantastisch.
Nachdem er geraume Zeit im geräumigen und einladenden Badezimmer verbrachte hatte, kam er erfrischt und neu eingekleidet wieder heraus, als sich auch schon das Holophon™ bemerkbar machte. Ein längerer Piepton war zu hören. Eine weibliche Stimme erklang, die sofort erkennen ließ, dass sie simuliert war. Sie war zu perfekt.
»Achtung. Sie haben einen Anruf. Der Name des Anrufers lautet Robert Porter.«
Tim ging zum Holophon™ und brauchte einige Sekunden, um das Gespräch entgegen zu nehmen. Die Geräte, die er von Treloch kannte, waren entschieden simpler konstruiert. Vor ihm materialisierte das Abbild seines Vaters. In Lebensgröße und komplett in Farbe. In viel besserer Qualität als er erwartet hatte. Jetzt wusste er auch, warum dieses Holophon™ komplizierter zu bedienen war. Im Gleichklang mit der technischen Entwicklung stieg wohl auch die Schwierigkeit, die Geräte zu handhaben.
»Ah, Tim, schön dich zu sehen. Bist du gut angekommen?«, begrüßte ihn sein Vater.
»Hallo, Papa. Mir geht’s gut und auf der Reise gab es auch keine Probleme. Aber es ist schon ungewohnt hier.«
»Das hektische Leben der Galaxie. Man spürt es nur an wenigen Orten so stark wie auf Klosek. Aber wie gefällt dir das Hotel? Ich hoffe, du bist mit meiner Wahl einverstanden.«
»Ja, es ist unglaublich. Der absolute Wahnsinn.«
»Mir hat es damals auch gut gefallen, als ich auf Klosek war. Ist aber schon ein bisschen her.«
»Wie geht es dir und Mama?«
»Gut, gut. Wir haben viel nachzuholen. In den letzten Tagen ist mir erst wieder bewusst geworden, was ich damals aufgegeben habe. Auch wenn ich meine Entscheidung nicht bereue, so trauere ich doch ein wenig um die verlorene Zeit mit euch. Aber ich will dir noch sagen, dass ich dich die ganzen Jahre über geliebt habe und dies auch nach wie vor tue. Mehr denn je.«
»Daran habe ich nie gezweifelt.«
»Das freut mich zu hören. Ich soll dich von deiner Mutter grüßen. Und ich soll dir sagen, dass du dich regelmäßig melden sollst.«
»Das mache ich. Versprochen. Und grüß zurück.«
»Und du meldest dich sofort bei mir, wenn du was Neues herausgefunden hast, ja?«
»Mach ich, Papa.«
Nachdem er das Gespräch beendet hatte, schaltete sich augenblicklich wieder die weibliche Stimme des Holophons ein: »Es liegt eine Nachricht für Sie bereit. Sie können sie an der Poststelle in der Eingangshalle gleich neben der Rezeption abholen.« Mit einem weiteren Piepton verabschiedete sie sich.
Tim entschied sich, in die Vorhölle zu gehen und dort ein nettes Café zu suchen, um zu frühstücken und sein weiteres Vorgehen zu überdenken. Vorher wollte er aber noch die Nachricht abholen, denn es interessierte ihn schon, wer ihm eine Mitteilung hatte zukommen lassen. Er packte schnell ein paar Sachen in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg. Trotz überall an den Wänden aushängender Wegbeschreibungen dauerte es eine gute Viertelstunde, bis er die Eingangshalle erreicht hatte.
Die Poststelle fand er dann auf Anhieb, was auch nicht weiter schwer war, da sie durch ein über ihr schwebendes Schild gekennzeichnet war. Er musste einige Minuten warten, bis er an der Reihe war und sich einer Frau gegenüber sah, die hier eindeutig schon zu lange arbeitete. Routine und Unzufriedenheit hatten ihr Gesicht gezeichnet. Sie musste die Vierzig schon vor einigen Jahren passiert haben und schien sich mit ihrer jetzigen Lage abgefunden zu haben. Darauf konnte man zumindest von ihrem resignierten Ausdruck schließen. Es war nicht nur das kurzfristige Sichtbarwerden einer vorübergehenden Emotion; es war vielmehr ein Gesichtsausdruck, der von jahrelanger Arbeit auf ein und demselben eintönigen Posten ohne Aussicht auf Abwechslung geprägt war.
