Der Versehrte des Exzesses - Sam Greb - E-Book

Der Versehrte des Exzesses E-Book

Sam Greb

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Beschreibung

Ich weiß nicht, warum ich es ausgerechnet dir erzähle. Aber jemandem muss ich berichten - von den rauschenden Festen, dem Gesang der Treppengeister und den Folgen, wenn du nicht auf deine Schuhe acht gibst. Du weißt, welchen Preis ich für all diese Erlebnisse gezahlt habe. Er war es wert, und nichts davon möchte ich missen. Natürlich begann alles im Lichterhaus, wieder einmal ... Die Erlebnisberichte des Versehrten des Exzesses entführen dich in Sam Grebs Fieberwelt. In diesem Band findest du neben den Erzählungen "Die bemalten Beine" und "In der Wurzelgruft" mit "Die Ruinen unserer Augenblicke" eine brandneue Geschichte aus einer traumhaften Welt voller irrlichtender Wunder.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Dieses Buch wurde ermöglicht

durch eine Förderung des

Kulturamts der Stadt Essen.

Nastja Stefanyuk wurde in der Ukraine geboren und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Nach ihrem Bachelor in Kunstwissenschaften und Geschichte an der Universität Duisburg-Essen macht sie zur Zeit ihren Master in Kulturanalyse und Kulturvermittlung an der TU Dortmund. Sie beschäftigt sich künstlerisch mit Farben und ihrer Wirkung, um mit ihrer Hilfe die menschlichen Innenwelten nach außen zu transportieren.

Sam Greb, der Gemahl der Unvernunft und Chronist des Exzesses, schreibt fiebrige Tatsachenberichte und surreale Fantasien über die Fieberwelt. Seine Texte sind Liebeserklärungen an das Desolate und an die Hoffnung. Doch Sam Greb spricht nicht. Es ist sein treuer Begleiter, der den Erzählungen Leben einhaucht und die Zuhörer in die Fieberwelt entführt. Seit 2013 reisen die beiden Vagabunden umher, um von der Fieberwelt zu erzählen. Ihre Reisen führten sie zu Festivals, auf ansagte Kulturveranstaltungen und in verrauchte Kneipen.

Nach sechs Hörbüchern und der romantischen Novelle NADELN AUS RUß ist die Sammlung DER VERSEHRTE DES EXZESSES das zweite Buch aus der Fieberwelt.

www.fieberwelt.de

Widmung

Für alle,

die wir im Rausch vergessen

Bisher in dieser Reihe erschienen:

NADELN AUS RUß

Inhalt

Tritt ein in das Fieber

Die bemalten Beine

Die Ruinen unserer Augenblicke

In der Wurzelgruft

Der Versehrte des Exzesses

Tritt ein in das Fieber

Du sitzt in der Behaglichkeit zwischen den Zeiten aufsteigender und abebbender Exzesse. Die Silberfische in deiner Börse haben sich fast gänzlich verschlungen, doch du weißt, wo der Teich ist, aus dem du neue fischen kannst.

Der Kokon des Tages behütet dich, und von ihm beschirmt gleitest du der Nacht entgegen, deren Verheißungen Sehnsüchte in dein Herz säen. Sehnsüchte nach flüchtigen Begegnungen, nach tänzelnden Fingern und nach den herrlichen Lügen der Sorglosigkeit. Du denkst an den aufziehenden Tag nach einer durchtanzten Nacht und schmeckst auf deinen Lippen das besondere Aroma eines frischgeborenen Morgens.

Du füllst deine Lungen mit Rauch und deinen Kopf mit Rubintränen. Du tanzt mit leuchtenden Käfern und Gestalten aus Rauch und lachst über die feine Ironie frühreifer Seelen. Du trägst Kleider aus den abgeworfenen Flügeln von Schmetterlingen, die sich wieder in Raupen verwandelt haben. Du wanderst durch vergessene Wälder, die depressiven Häusern gewichen sind, und durch neblige Pilzgärten. Du schwimmst mit den Leuchtfischen zwischen den erstarrten Tränen der Nacht und entzündest mit ihnen das Feuer des Rausches in den Herzen der Betäubten. Und in dem Schatten, das ihr Lachen wirft, findest du einen Platz, um dich auszuruhen, bevor du dich wieder dem Reigen der Alltäglichen anschließt, die für jene tanzen, die schon immer da waren.

Es gibt Verpflichtungen und Vergessen, und irgendwo dazwischen befindest du dich.

Dies hier ist deine Geschichte. Du musst dir keine Sorgen machen. Außer, dass jemand anderes sie schreibt.

002

Die bemalten Beine

Es war keine besondere Party. Weder ereignete sich irgendetwas Außergewöhnliches, noch waren irgendwelche besonderen Personen eingeladen. Dennoch möchte ich dir von ihr berichten. Ich habe das Gefühl, es hängt alles miteinander zusammen. Vielleicht ist es notwendig, das Gesamte zu betrachten, um die Frage zu beantworten, die mich seit dieser Nacht beschäftigt.

Ich folgte der Einladung in das Lichterhaus. Es war nicht ihr Haus. Du kennst es. Wir haben dort schon einige Nächte durchgebracht von der Art, von der auch diese Nacht war. Hinter dem Vorhang begann der lange Flur, der zum Innenhof führte. Ich kam spät, es waren bereits zahlreiche andere Gäste anwesend. Leuchtkäfer tanzten über Schallplatten, die von der Decke hingen. Auf dem Podest aus Bierkästen stand das Rettungsboot, und in ihm saß das Pärchen, das nie die Finger voneinander lassen kann. Ein Kraken im Livree eines Dienstboten servierte ihm Limonade, ohne ihn zu beachten. Der Herr mit der Affenmaske begrüßte mich ebenso wie die Goldene Frau, die keine war. Ich rauchte einen Joint mit dem Kindlichen Buddha und machte die üblichen Späße mit dem Schwitzenden Teddy. Kurz fiel mein Blick nach draußen auf den Balkon. Dort saß das Mädchen mit den brennenden Haaren und rauchte. Als es mich sah, winkte es mir zu. Für die Geschichte spielte es keine weitere Rolle.

Wohl aber sie, die Gastgeberin, die uns eingeladen hatte, um mit ihr zusammen ihr Diplom zu feiern. Wohin man sah, sah man sie, doch nie lange genug, um mehr als zwei Worte mit ihr zu wechseln. Bei mir waren es nicht einmal zwei Worte. Plötzlich stand sie neben mir, erkannte mich, lachte und fiel mir freudig um den Hals. Ich hatte sie kaum an mich gedrückt, da war sie auch schon wieder verschwunden.

Sie war unglaublich schön, wie sie mit ihren hektischen kleinen Schritten zwischen den Gästen umherirrte. Die bemalten Beine waren entblößt, das herbstfarbene Haar fiel ihr über den Rücken und das silberne Oberteil. Wie bezaubernd sie war. Doch so schwer zu greifen, ein im nächtlichen Fieber schwirrender Traum, dass ich ihr nicht einmal für die Einladung danken konnte.

Von ihr stehen gelassen ließ ich mich im Garten der Seifenblasen nieder und beobachtete die Gestalten aus Rauch. Der ausgestreute Sand zwischen meinen Zehen fühlte sich warm an. Dumpf hörte man von drinnen die treibenden Bässe. Es drängten sich mir Bilder von im Takt stampfenden Füßen und Tentakeln auf. Nebenan, im Salon der vergessenen Schreiberlinge, rezitierte der Gelbe Gockel wie gewohnt Autoren, die noch nie jemanden interessiert hatten. Auch dieses Mal fand er keine aufmerksamen Zuhörer, nur vom Tanzen müde Gestalten, die sich in Ruhe unterhalten wollten.

Ich war ebenfalls müde und beschäftigte mich mit der Frage, warum ich überhaupt hierhin gegangen war. Immer dieselben Gespräche, kaum betrat man diesen Ort, begann man sich im Kreis zu drehen. Dann fiel mir die Gastgeberin wieder ein, das glitzernde Gehänge an ihren Ohren, ihr etwas längliches Gesicht und der kleine Mund, den stets ein feines Lächeln umspielte. In mir regte sich ein vergessenes Gefühl, vor so langer Zeit im sterbenden Fleisch begraben, dass ich nicht so recht etwas damit anzufangen wusste.

Während ich versuchte, mich an den Namen für dieses Gefühl zu erinnern, bemerkte ich plötzlich, dass die Gastgeberin neben mir saß, ein Glas in der einen Hand, ein Glas in der anderen, mir entgegengestreckt.

Wir wollen spielen, sagte sie.

Ich nahm einen Schluck. Zerstobene Träume, die in den Tränen alter Eichenfässer schwammen.

Was für ein Spiel?

Als Antwort lachte sie, und alle anderen Geräusche verschwanden. Sie beugte sich vor. Ich spürte ihr warmes Fleisch ganz nahe an meinem frierenden Körper.

Bist du dabei?, fragte sie und ich hatte keine andere Wahl, als stumm zu nicken und einen weiteren Schluck von dem bittersüßen Getränk zu nehmen.

Gehe hinunter in den Keller, die anderen warten bereits auf dich.

Im nächsten Augenblick war sie verschwunden, und als ich sie das nächste Mal sah, stand sie lachend bei dem Kindlichen Buddha und massierte ihm scherzhaft den nackten Wanst. Ich trank aus und machte mich auf den Weg in den Keller. Das Paar im Rettungsboot konnte immer noch nicht die Finger voneinander lassen.