Der Vollstrecker - Gerhard Starke - E-Book

Der Vollstrecker E-Book

Gerhard Starke

0,0

Beschreibung

Im Frühjahr des Jahres 1999 finden Spaziergänger eine männliche Leiche auf dem Heyerberg im Koblenzer Stadtteil Güls. Das K11 ermittelt, tritt jedoch auf der Stelle, denn im sozial schwachen Milieu sind so gut wie keine verlässlichen Hinweise verfügbar. Weitere Menschen verschwinden und das beschauliche Koblenz sieht eine Mordserie, wie die Stadt sie noch nicht erlebt hat ... „Fiction meets Reality“ – ein Vergleich von „Dichtung und Wahrheit“ in den Abgründen menschlicher Seelen; Krimis zum Lesen und Kriminologie zum Anfassen. Wo die Erfahrungen eines pensionierten Kripobeamten mit der Phantasie einer Krimiautorin zusammentreffen, da kommen Fragen auf: Gibt es wirklich solche Morde? Wie ermittelt eigentlich ein echter Kommissar? Ist es in der Fiktion nicht sehr übertrieben? Aber die Realität ist mitunter widerwärtiger als erdachte Handlungen, die Mörder brutaler als in den Geschichten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 286

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


ULRIKE PUDERBACH

GERHARD STARKE

DER VOLLSTRECKER

ULRIKE PUDERBACH

GERHARD STARKE

DERVOLLSTRECKER

Die Heyerberg-Morde

Kriminalroman

swb media publishing

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die

Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2018

ISBN 978-3-96438-003-6

© 2018 Südwestbuch Verlag, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen

Lektorat: Johanna Ziwich, Waiblingen

Titelgestaltung: Dieter Borrmann

Titelfotoanimation: © Dieter Borrmann

Satz: swb media publishing

Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

Vorwort

„Wie nah liegen Fiktion und Realität denn nun wirklich beieinander?“

Auf diese oder ähnliche Fragen stoßen Krimileser und Autoren gleichermaßen zwangsläufig irgendwann im Laufe ihrer Karriere. „Der Vollstrecker“ ist eine gesunde Symbiose aus Fiktion und Wirklichkeit, denn auch wenn es sich um einen Kriminalroman handelt, so basiert er doch auf einer wahren Mordserie, die Ende des 20. Jahrhunderts die Stadt Koblenz erschütterte.

In diesem Roman hat der Leser die Möglichkeit, sich ein Bild von der Ähnlichkeit zwischen Realität und Fiktion zu machen und Einblicke in die Gedanken und Gefühle der ermittelnden Kommissare zu bekommen, da Gerhard Starke und seine Kollegen keine fiktiven Charaktere sind, sondern aus ihrem Erfahrungsschatz schöpfen.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass er eben nicht der alleinigen Fantasie eines Schriftstellers entsprungen ist, sondern alle diese Verbrechen wirklich an den Schauplätzen des Buches geschehen sind. Viele Koblenzer werden sich noch an die Ereignisse erinnern können.

Ulrike Puderbach und Gerhard Starke sind gemeinsam in das Koblenz der Jahre 1997–2000 eingetaucht und haben daraus den Roman „Der Vollstrecker“ erschaffen – eine Reise in die Symbiose aus Fiktion und Realität, die die Realität in einem ganz neuen, brutalen Licht erscheinen lässt.

Teil I – 1997

Prolog: Ein perfider Plan

Er saß in seinem großen Ohrensessel mit der elektrisch verstellbaren Rückenlehne. Im Ausschnitt seines Hemdes war das große, goldene Kreuz auf seiner behaarten Brust zu sehen. Er war der Patriarch der Familie und hatte gerufen, also waren alle gekommen, denn niemand wagte es, sich ihm zu widersetzen. Gespannt und auch ein wenig nervös saßen seine Ehefrau, seine Tochter mit Schwiegersohn und Sohn Karl nun im Halbkreis vor ihm im Wohnzimmer und blickten ihn erwartungsvoll an.

„Wie ihr wisst“, hob er an und augenblicklich verstummte das leise Geraschel und Gemurmel; vier Augenpaare richteten sich auf ihn, „kann ich nach meinem Herzinfarkt nicht mehr in unserem Schrotthandel mitarbeiten. Dazu kommt, dass der Schrotthandel alleine uns nicht mehr ernährt und unser zweites Standbein – die Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen – auch nicht wirklich viel abwirft.“

„Aber letztens haben wir doch erst bei der alten Wiegand die Briefmarkensammlung und die Münzen gefunden“, meldete sich Karl zu Wort.

„Ja, und was glaubst du, wie lange die Kohle davon reicht“, herrschte der Schrotthändler seinen Sohn an, der merklich in seinem Sessel zusammenschrumpfte. „Hier gibt es inzwischen fünf Mäuler zu stopfen“, er warf einen bezeichnenden Blick in Richtung seines nichtsnutzigen Schwiegersohnes, der zunächst empört den Mund zum Protest öffnete, ihn aber nach einem Seitenhieb seiner Frau Christa sofort wieder schloss.

‚Waschlappen‘, dachte der Alte verächtlich und fuhr dann fort: „Also, ich habe euch hier zusammengerufen, weil ich von euch Vorschläge erwarte, wie es weitergehen soll und wie wir an mehr Geld kommen.“

Eine fast hörbare Stille machte sich breit. Niemand hatte eine brauchbare Idee. Seine Ehefrau schlug schließlich vor, den Schrotthandel zu verkleinern und Jobs für die anderen Familienmitglieder zu suchen. Ihr waren die dubiosen Gestalten, die bei ihrem Mann und dem Rest der Familie ein- und ausgingen, suspekt und sie wusste, dass die Geschäfte sich immer am Rande der Legalität und auch deutlich außerhalb bewegten.

„Und als was sollen die bitte arbeiten?“, er merkte, dass er sich schon wieder mehr aufregte als gut für sein angeschlagenes Herz war. Aber wie sollte man bei solch idiotischen Ideen auch ruhig bleiben. „Die haben doch alle nichts Anständiges gelernt – zumindest nichts, womit sich Geld verdienen lässt.“

Vorsichtig meldete sich sein Sohn zu Wort. „Ich kann doch wieder anfangen zu boxen und dann verdienen wir mit getürkten Wetten Geld dazu“, sein Gesichtsausdruck verriet, dass er gerade fest davon überzeugt war, den Stein der Weisen gefunden zu haben.

„So ein Blödsinn, die paar Kröten bringen uns doch auch nicht weiter.“ ‚Was habe ich mir da bloß für Versager herangezogen?‘, ging es dem Alten durch den Kopf.

„Was wäre denn, wenn wir zusätzlich zum Schrotthandel einen An- und Verkauf betreiben?“, kam der vorsichtige Vorschlag des Schwiegersohnes. Bevor der Alte ihm in seiner aufbrausenden Art dazwischenfahren konnte, ergänzte er: „Wir können dafür in den Lokalzeitungen inserieren und ich kenne einen, der uns Plakate entwerfen würde.“

„Damit lässt sich auch nichts verdienen, das kostet nur Geld für die ganze Werbung und dann nehmen wir das Zeug in Zahlung, auf dem wir hinterher sitzenbleiben“, der Alte raufte sich die in den letzten Jahren schütter gewordenen Haare. Womit hatte er es nur verdient, von solchen Idioten umgeben zu sein. Die Diskussion ging noch eine Weile weiter, doch einen brauchbaren Vorschlag hatte keiner zu bieten.

Irgendwann hatte er die Nase voll, warf sie alle raus und blieb alleine in seinem Sessel zurück. Er kippte die Lehne nach hinten, legte die Füße hoch und dachte nach, womit sich ohne viel Aufwand leicht und schnell Geld verdienen ließ. Irgendwann schlief er über seinen Gedanken ein. Erst spätabends ging er zu Bett, wo seine Frau schon tief schlafend auf ihrer Seite lag. Lange lag er noch wach und grübelte, doch auch ihm wollte keine zündende Idee kommen.

Am nächsten Morgen fuhr er mit seiner Frau wie jeden Tag ins Stehcafé zum Frühstück. Das machten sie schon seit Jahren so, denn es waren immer die gleichen Weggefährten, mit denen sie sich dort trafen und austauschten. An diesem Morgen musste Willi immer wieder herzhaft gähnen, denn viel hatte er in der Nacht zuvor nicht geschlafen.

„Was ist los, Willi? Musstest du heute Nacht so ran?“, die zotigen Bemerkungen blieben nicht aus und die Wangen seiner Frau brannten vor Scham. Er überhörte die Bemerkungen und stellte die Frage in die Runde, die ihn die ganze Nacht bewegt hatte.

„Hat von euch einer vielleicht eine Idee, wie man ohne viel Arbeit und Risiko einfach an Geld kommen kann? Ich will nach meinem Herzinfarkt einen ruhigen Lebensabend genießen und, wenn es geht, nicht mehr arbeiten müssen. Also darf ich dann mal um geniale Vorschläge bitten?“ Schweigen in der Runde – seine Kumpane sahen aus wie Kühe, wenn es donnert. Hans, einer seiner ältesten Weggefährten, brach schließlich das Schweigen, als er laut losprustete.

„Und wenn einer von uns eine solche Idee hätte, glaubst du ernsthaft, dann würden wir hier noch jeden Morgen im Stehcafé frühstücken? Wenn ich so viel Kohle irgendwo abgreifen könnte, dann würde ich mit meiner Ella längst jeden Winter auf Malle verbringen und mir die Sonne auf den Bauch scheinen lassen.“

Damit war das Thema dann auch weitestgehend erledigt, die Runde ging zum Tagesgeschäft über. Es wurde gegessen und getrunken und nach dem Frühstück kam auch das eine oder andere Gezapfte auf den Tisch. Gegen Mittag gingen alle nach Hause. Willi legte sich in seinen wuchtigen Ohrensessel, kippte die Lehne nach hinten und machte seinen obligatorischen Mittagsschlaf vor dem Fernseher. Als er wieder aufwachte, lief bei RTL eine der Talkshows, die den ganzen Nachmittag über die Mattscheibe flimmerten. Ein junger Mann berichtete von einem tragischen Arbeitsunfall, bei dem er eine Hand verloren hatte, und erzählte den mehr oder weniger interessierten Zuschauern von seinen Erfahrungen mit der Krankenversicherung und den Rehamaßnahmen. ‚Versicherung‘, das Wort hallte in Willis Kopf nach und während er wach wurde, setzte sich ein Gedanke in ihm fest. ‚Versicherung!!! Unfallversicherung!!! – Versicherungsbetrug!!!‘, der Gedanke begann, konkrete Formen anzunehmen. Der junge Mann im Fernsehen hatte immerhin seine linke Hand verloren. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wen in seiner Familie könnte er in einen solchen Plan einweihen und wer wäre überhaupt bereit, eine solch schwere Verletzung hinzunehmen. Zunächst müsste er eine hohe Unfallversicherung abschließen und dann müsste der Begünstigte einen Unfall erleiden, bei dem er oder sie so schwere Schäden davontrug, dass die Versicherung zahlen musste. Er dachte zunächst an seinen Schwiegersohn, schließlich war der sonst zu nichts nütze, schüttelte dann aber energisch den Kopf. Dieser Waschlappen würde seine eigene Mutter verkaufen, bevor er Schmerzen in Kauf nähme. Sein eigener Sohn? Der war zwar durch das jahrelange Boxtraining etwas härter als sein Schwiegersohn, aber die Konsequenz, so etwas tatsächlich durchzuziehen, die traute er ihm auch nicht zu. Außerdem war sein Stammhalter nun einmal leider nicht besonders intelligent und er zweifelte, dass Karl das alles verstehen würde. Blieb also nur seine Tochter Christa, schließlich hatte die immer direkt Dollarzeichen in den Augen und zimperlich war sie auch nicht. Ja, er würde morgen mit ihr darüber sprechen und dann entscheiden. Den ganzen Nachmittag ließ dieser Gedanke ihn nicht mehr los, aber er ermahnte sich zu Ruhe und Besonnenheit. Dieser Plan wollte ordentlich durchdacht sein und über solche Vorhaben schlief er grundsätzlich eine Nacht.

Am nächsten Morgen war er bereits früh wach, der Plan hatte sich in seinem Kopf verfestigt. Jetzt galt es, mit seiner Tochter zu sprechen und sie davon zu überzeugen. Das würde eine nicht ganz einfache Aufgabe werden und in seinem Hinterkopf regte sich auch ein wenig das schlechte Gewissen. Seine Recherche am Vortag hatte ergeben, dass das Geschäft nur dann lukrativ war, wenn der Betroffene wenigstens ein Körperglied oder das Augenlicht verlor. Konnte er das wirklich von seiner Tochter verlangen? Sein eigenes Kind für Geld zu verstümmeln – er fühlte sich nicht gut dabei, aber es half ja nichts. Solange es keine bessere Idee gab, mit der sich an Geld kommen ließ, musste es wohl so sein. Nachdem seine Frau und er wieder in ihrem Stehcafé gefrühstückt hatten und er mehrfach darauf angesprochen worden war, warum er so geistesabwesend in die Luft gestarrt hatte, saß er wieder in seinem großen Ohrensessel im Wohnzimmer. Seine Frau war in die Küche gegangen und bügelte dort die Wäsche, er wartete auf seine Tochter, die zugesagt hatte, gegen zwölf Uhr bei ihm vorbeizukommen. Er hatte ihr gestern gesagt, dass er dringend mit ihr unter vier Augen sprechen musste. Er hing seinen Gedanken nach und bemerkte nicht, dass Christa inzwischen das Wohnzimmer betreten hatte.

„Da bin ich, Vater“, begrüßte sie ihn und er schreckte aus seinen Gedanken auf, „du wolltest mich sprechen.“ Sie ließ sich auf der wuchtigen Zweisitzercouch nieder und blickte ihren Vater erwartungsvoll an.

„Du erinnerst dich doch an unser Gespräch vor ein paar Tagen“, begann er zögerlich. Auf einmal drohte ihn der Mut zu verlassen, doch dann dachte er wieder an den zu erwartenden Geldsegen und fuhr fort. „Wir haben ja darüber gesprochen, dass wir dringend Geld benötigen.“

„Ja, das haben wir. Hast du denn inzwischen eine Idee gehabt?“, wollte Christa wissen.

„Ja, das habe ich. Aber dafür brauche ich deine Hilfe.“

„Und was kann ich tun?“, Christa wirkte arglos.

Er erklärte ihr, was er in der Talkshow gesehen hatte und auf welche Idee ihn der Fernsehbeitrag gebracht hatte. Christa schaute ihn fragend an. Offensichtlich hatte sie keine Ahnung, worauf er hinauswollte.

„Ich würde für dich eine hohe Unfallversicherung abschließen, die monatlichen Raten bezahle ich natürlich und nach deinem Unfall kassieren wir die Versicherungssumme und machen halbe-halbe.“

„Und was für ein Unfall müsste das sein?“ erkundigte Christa sich vorsichtig.

„Das sehen wir dann noch“, wich ihr Vater ihr aus. Sie sprachen noch eine Weile über das Für und Wider und entschieden anschließend, für den nächsten Tag den Versicherungsvertreter zu bestellen. Sie würden bei ihm die Unfallversicherung über eine Million Mark abschließen und die Karenzzeit abwarten. Danach würden sie sehen, wie es weiterging.

Am nächsten Tag um halb zwölf kam der Vertreter der Versicherungsgesellschaft, bei der sie alle Versicherungen abgeschlossen hatten und der Senior erklärte ihm, worum es ging. Er wolle die Mitglieder seiner Familie für den Fall eines Unfalls finanziell abgesichert wissen und besonders der Schrotthandel berge ja eine Menge versteckter Gefahren. In den Augen des Versicherungsvertreters begannen bei der Erwähnung der Versicherungssumme von einer Million Mark augenblicklich die Dollarzeichen zu leuchten. Er zückte seinen Taschenrechner und rechnete blitzschnell seine Provision hoch, die er für diesen Abschluss bekommen würde. Damit könnte er mit seiner Frau in diesem Jahr endlich den ersehnten Sommerurlaub in Spanien machen. Schnell wurden sie sich einig, der Versicherungsvertreter ließ eine Menge Informationsbroschüren da, versprach, den Vertrag für den nächsten Tag vorzubereiten, und zog mit einem breiten Grinsen von dannen.

„Was hast du?“, wollte der Senior von Christa wissen, die nachdenklich am Tisch saß.

„Immerhin soll ich einen Fuß oder eine Hand oder so etwas für das Geld opfern“, gab sie heftiger zurück, als sie eigentlich wollte. „Das ist ja nicht mit einem Schnitt in den Finger zu vergleichen.“

„Ich würde es ja selbst tun, aber das geht einfach nicht, weil ich die Versicherung abschließe. Da würde sofort der Verdacht aufkommen, dass ich die Versicherung nur abgeschlossen habe, um die Versicherungssumme zu kassieren. Wenn wir morgen den Vertrag unterzeichnen, dann dauert es doch erstmal einige Monate, bis die Versicherung überhaupt zu wirken beginnt. Vielleicht hat sich bis dahin ja auch alles wieder geändert.“

Sie stand auf und verabschiedete sich von ihrem Vater – im Gegensatz zu sonst verließ sie den Raum, ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen. Den restlichen Tag musste sie immer an die Worte in der Versicherungsbroschüre denken: „… beim Verlust eines Körperteils oder des Augenlichts aufgrund eines Unfalls …“ Die Formulierung ließ sie nicht mehr los, aber irgendwann verdrängte sie den Gedanken und widmete sich wieder dem Tagesgeschäft. Am Nachmittag musste sie sich endlich einmal um all die Rechnungen und die Buchhaltung kümmern, die unbearbeitet auf ihrem Schreibtisch lagen. Sie arbeitete konzentriert und so lenkte sie sich von den düsteren Gedanken an den geplanten Unfall und den Versicherungsbetrug ab. Doch mitten in der Nacht wachte sie plötzlich schweißgebadet auf und ihr Herz klopfte bis in den Hals. Sie drehte sich zu ihrem Mann um, doch der schlief tief und fest und hatte ihr den Rücken zugedreht.

Die folgenden Nächte nach dem Gespräch mit ihrem Vater verliefen für Christa immer nach demselben Schema. Sie ging erst ins Bett, lange nachdem ihr Mann sich hingelegt hatte, weil sie Angst vor den Bildern hatte, die sie jede Nacht aufs Neue einholten. Sie fiel todmüde ins Bett, schlief auch meistens sofort ein, aber kaum waren zwei Stunden vergangen, schreckte sie schweißgebadet und mit rasendem Puls aus furchtbaren Albträumen hoch. Bilder von zersplitterten Knochen, spritzendem Blut und zerfetztem Fleisch zogen vor ihrem inneren Auge vorbei und ließen sich nicht vertreiben, so beharrlich sie auch versuchte, sie durch andere, schönere Gedanken zu verdrängen. Egal, woran sie auch dachte, unerbittlich schoben sich die Bilder wieder vor ihr inneres Auge und sie musste an die Schmerzen denken, als sie sich im Grundschulalter beim Klettern das Handgelenk gebrochen hatte oder als sie ein Jahr später mit einer Glasflasche in der Hand die Kellertreppe hochgefallen war. Zahlreiche Schnittwunden, die stark bluteten, hatten im Krankenhaus genäht werden müssen. Der Arzt hatte damals gesagt, sie habe großes Glück gehabt, weil keine Sehnen verletzt worden waren. Doch tagelang hatten die Schnittwunden gepocht und sie hatte nachts nicht richtig schlafen können. Das war bestimmt kein Vergleich zu einem Schnitt, bei dem ein Arm oder ein Bein abgenommen wurde. Sie war doch noch nicht einmal dreißig Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben noch vor sich – und das sollte sie dann mit einer Behinderung verbringen? Zwischendurch machten sich neben der überwältigenden Angst auch immer wieder Hassgefühle gegen ihren Vater in ihrem Herzen breit. Wie konnte er denn so etwas von ihr, von seinem eigen Fleisch und Blut verlangen? Hatte er ihr nicht selber sein ganzes Leben lang gepredigt, dass Blut dicker sei als Wasser und dass die Familie über alles ginge? Und jetzt erwartete er allen Ernstes von ihr, dass sie sich verstümmelte, nur damit wieder Kohle in die Kasse kam?

In unbeobachteten Momenten sah sie sich tagsüber auf der Straße unauffällig nach Menschen um, denen ein Arm, ein Bein oder auch ein Finger fehlte und die auf einmal überall zu sein schienen. Würde es für die Auszahlung der Versicherung auch reichen, wenn sie einen Finger oder notfalls zwei verlöre? Wahrscheinlich nicht, für eine Million Mark musste es wohl mindestens die ganze Hand sein. Berichte aus dem Fernsehen über Phantomschmerzen in nicht mehr vorhandenen Körperteilen kamen ihr in den Sinn. Und so drehte sie sich tagelang im Kreis; sie war völlig übermüdet und hatte tiefe Ringe unter den Augen. Ihre Mutter wollte sie schon zum Arzt schicken, doch Willi wiegelte ab. Christa sei doch jung und gesund, das werde sich in den nächsten Tagen schon wieder legen. Am Nachmittag drückte er ihr eine Packung Schlaftabletten in die Hand, als sie alleine im Wohnzimmer waren. Sein Ansinnen erwähnte er mit keinem weiteren Wort mehr, doch er konnte ihr auch nicht in die Augen sehen.

Auch Familienoberhaupt Willi wurde nach dem Gespräch mit seiner Tochter in den darauffolgenden Tagen immer wieder von düsteren Gedanken heimgesucht. War er nicht als Vater und Familienoberhaupt dafür verantwortlich, die Seinen zu beschützen und für sie zu sorgen? Was war er für ein Vater, der von seiner Tochter ein solches Opfer verlangte? Andererseits sah er keine Alternative und schließlich ging es ja auch um Christas wirtschaftliche Absicherung; und er würde dafür sorgen, dass sie entsprechend entschädigt würde. Und abgesehen davon war die Umsetzung des Plans ja noch Monate hin. Mit diesem Gedanken schob er die unbequemen Schuldgefühle zunächst einmal beiseite.

Ein tragischer Unfall

Neun Monate waren seit dem Gespräch zwischen Christa und ihrem Vater vergangen. Sie hatte den Gedanken an den bevorstehenden Unfall die ganze Zeit mit Gewalt aus ihrem Kopf verdrängt, doch die Zeit schritt unerbittlich fort. Die Sperrfrist für den Versicherungsvertrag war seit knapp drei Monaten vorbei und gestern hatte ihr Vater sie erneut zu einem Gespräch unter vier Augen gebeten. Sie ahnte, worum es ging und ihr schwante, dass die Stunde der Wahrheit jetzt gekommen war.

Sie betrat das Wohnzimmer, wo ihr Vater in seinem großen Ohrensessel saß, die Papiere vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. Christa ließ sich gegenüber auf der Couch nieder. Sie mochte die Papiere nicht anschauen, geschweige denn lesen. Doch ihr Vater wollte die Police noch einmal in allen Einzelheiten mit ihr durchgehen. Widerwillig ließ sie sich auf das Gespräch ein, aber als sie an die Passage kamen „Der Verlust des Augenlichtes oder eines Körpergliedes …“, konnte sie nicht mehr hinsehen. Der Alte betrachtete ihren Gesichtsausdruck aus dem linken Augenwinkel. Das schlechte Gewissen machte ihm zu schaffen, durfte ein Vater so etwas von seiner Tochter verlangen? Er verlangte von seinem eigenen Fleisch und Blut, dass es sich verstümmelte für Geld. Einen kurzen Moment ekelte er sich vor sich selber, aber dann kehrten seine Gedanken zu der Versicherungssumme zurück – eine Million Mark. Sie wären ihre Sorgen ein für alle Mal los, auf einen Schlag. Seine Tochter blickte auf und sah ihm in die Augen.

„Und was für eine Art Unfall soll ich jetzt haben?“ Er wich ihrem Blick aus, er konnte ihn nicht ertragen.

„Christa“, begann er zögernd und wagte kaum auszusprechen, was er dachte, „meinst du, du könntest dir mit der Kettensäge ins Bein sägen?“ Noch bevor seine Tochter reagieren konnte, sprach er weiter. „Ich würde es ja für uns tun, aber seit meinem Herzinfarkt darf ich nicht mehr arbeiten, die Versicherung würde nicht bezahlen.“

In Christa rührte sich das schlechte Gewissen. Ihr Vater hatte seit jeher alles für die Familie getan, war es dann nicht jetzt auch ihre Pflicht, ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen?

Ihr Vater legte ihr die Hand auf den Arm. „Schlaf einfach noch eine Nacht darüber, morgen früh fahren wir beide zusammen frühstücken und dann sprechen wir noch einmal darüber.“

Abends lag Christa in ihrem Bett und vor ihrem inneren Auge sah sie Bilder von einer Säge in ihrem Bein, sie sah Blut ihr Bein herunterlaufen und sie stellte sich vor, welche Schmerzen die Säge in ihrem Bein verursachen würde. Mit Bildern von blutigem, zerfetztem Fleisch fiel sie spät in der Nacht in einen unruhigen Schlaf.

Völlig übermüdet saß sie am nächsten Morgen neben ihrem Vater im Auto. Sie fuhren ins Stehcafé, um zu frühstücken. Ihre Mutter hatte einen Termin in der Stadt und so waren sie alleine. Während der Fahrt herrschte ein beklemmendes Schweigen zwischen ihnen. Ihr Vater bestellte Kaffee und Rührei für sie beide. Während sie auf das Frühstück warteten, brach Christa das Schweigen.

„Und wie soll der Unfall aussehen?“

Ihr Vater überlegte kurz. „Es muss wie ein tragisches Missgeschick aussehen – vielleicht während du Holz aus Entrümpelungen klein sägst. Ich besorge dir Schmerzmittel aus der Apotheke und vielleicht solltest du auch einen oder zwei Schnäpse trinken, nur es darf nicht zu viel Alkohol sein wegen der Versicherung.“

Christa war nach wie vor nicht sicher, aber sie wusste auch nicht, wie sie ablehnen sollte. Seufzend nickte sie, die Kellnerin brachte das Essen und schweigend frühstückten sie.

Einige Tage später war es dann soweit. Willi und Christa waren allein zu Hause. Der Schwiegersohn war auf Tour, Willis Frau hatte einen Arzttermin in der Stadt und Karlchen war irgendwo unterwegs. Willi hatte in der Apotheke eine Großpackung Doppel-Spalt N gegen die Schmerzen besorgt; vier davon hatte Christa vorher mit zwei Cognac heruntergespült.

„Ich bin auf jeden Fall auch im Garten, wenn du die Kettensäge anmachst, und komme dir sofort zu Hilfe“, versicherte Willi seiner Tochter. „Und denk daran, dir in die Wade zu sägen, da tut es am wenigsten weh.“

Entschlossen nahm Christa einen letzten Schluck Cognac und entfernte sich in Richtung der Garage. Willi saß auf dem Gartenstuhl und wartete. Er hörte, wie die Kettensäge angeworfen wurde und sich in die ersten Holzstücke fraß. Das Geräusch verursachte ihm Unbehagen und vor seinem Auge erschien das Bild einer Kettensäge, die sich in zartes, junges Fleisch fraß. Verzweifelt schloss er die Augen. Plötzlich drang ein gellender, ohrenbetäubender Schrei an seine Ohren – die Stimme seiner Christa – und sie ging ihm durch Mark und Bein. Offensichtlich schienen die Tabletten und der Alkohol keine große Wirkung gezeigt zu haben. Er sprang auf und packte den Gürtel, der neben ihm auf dem kleinen Tischchen lag und mit dem er das Bein abbinden wollte. Die Schreie wurden leiser, bis nur noch ein jammervolles Wimmern und das Schleifen der Kettensäge auf Stein zu hören war. Er betrat die halb geöffnete Garage und musste sich fast übergeben. Inmitten des gesägten Holzes lag seine Tochter, aus einer klaffenden Wunde in ihrem rechten Unterschenkel war das Blut bis an die Wand gespritzt. Und es hörte nicht auf zu bluten. Christa wimmerte nur noch leise, es schien, als wäre sie kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Er näherte sich ihr vorsichtig, aber als er sich zu ihr herunterbeugte, um das Bein mit dem Gürtel abzubinden und das immer noch herausspritzende Blut zu stillen, schienen in ihr ungeahnte Kräfte zu erwachen – sie schlug nach ihm und wehrte sich mit Bärenkräften. Willi gelang es nicht, das Bein sauber abzubinden, und das Blut schien immer weiter zu laufen. Auf dem Boden unter ihr bildete sich eine riesige Lache. Wie viel Blut war in einem Menschen und wie viel davon konnte man verlieren, ohne zu verbluten?

Willi wurde panisch. Er zog sein Handy hervor und wählte den Notruf. „Kommen Sie schnell, meine Tochter, sie verblutet“, er hatte alles vergessen, was er jemals über das Absetzen von Notrufen gelernt hatte. Nach endlosen Minuten hatte die Leitstelle ihm die Informationen entlockt und der Rettungswagen war auf dem Weg. Christa hatte inzwischen das Bewusstsein verloren, wenigstens schrie sie nicht mehr und schlug um sich. War das Blut zu Beginn noch im Rhythmus des Pulsschlages bis an die Wand gespritzt, so pulsierte es jetzt nur noch schwach aus der Wunde. Willi hockte neben seiner Tochter auf dem Boden, hatte ihren Kopf in seinen Schoß gebettet und hoffte, dass die Sanitäter und der Notarzt bald eintreffen würden. Als die Besatzung des Rettungswagens Minuten später endlich ankam, warfen die Sanitäter einen Blick auf das Blutbad und die Kettensäge, dann schoben sie Willi zur Seite und machten sich umgehend an die Arbeit. Christa wurde schutzintubiert, zwei große Zugänge wurden gelegt, um die Verletzte mit Medikamenten und Volumen zu versorgen, die Sanitäter deckten die klaffende, durch Späne und Öl verunreinigte Wunde ab und versuchten verzweifelt, die Blutung zu stillen.

„Verdammt, ich kriege die Blutung nicht gestoppt.“ Einer der Sanitäter blickte den wie ein Häufchen Elend an der Wand hockenden Willi an und sprach ihn an. „Hat Ihre Tochter eine Gerinnungsstörung oder nimmt sie blutverdünnende Medikamente? Sie blutet einfach immer weiter.“

Willi schüttelte kraftlos den Kopf.

„Nimmt sie regelmäßig Schmerzmittel oder andere Medikamente?“

Willi schwieg. Was sollte er jetzt sagen?

„Mann, jetzt reden Sie schon“, der Sanitäter wurde ungeduldig. „Es geht um das Leben Ihrer Tochter.“

„Sie hat – glaube ich – Schmerztabletten genommen, wegen ihrer Kopfschmerzen. Aber ich weiß nicht, wie viele Tabletten und von welchem Hersteller.“ Der inzwischen eingetroffene Notarzt hatte es mit Hilfe einer Druckmanschette und eines Verbandes geschafft, die Blutung einzudämmen.

„Ich brauche mehr Volumen.“ Er drehte sich zu Willi um. „Welche Blutgruppe hat Ihre Tochter?“ Willi schüttelte den Kopf.

Der Notarzt wandte sich an einen der Sanitäter. „Melden Sie uns im Stift an. Die sollen den OP klarmachen, zehn Konserven Null negativ bereitstellen und wir brauchen Kreuzblut für eine Blutgruppenbestimmung.“

Christa wurde transportfähig gemacht und in den Rettungswagen verbracht.

„Wir fahren Ihre Tochter ins Evangelische Stift“, wurde Willi informiert, „dort arbeiten die besten Spezialisten und wir hoffen, dass sie das Bein Ihrer Tochter erhalten können.“

Zurück blieb ein völlig verstörter Willi, der zunächst einmal einen großen Cognac trinken musste, bevor er seine Familie verständigte. Nur eine Stunde später hatte sich die ganze Familie Kreisel im Krankenhaus versammelt. Außer Warten konnten sie jedoch nichts tun, denn Christa war noch im OP. Nach über zwei Stunden kam endlich einer der Ärzte aus dem Operationssaal.

„Was ist mit meiner Tochter? Wird sie wieder gesund?“, wollte Willi sofort wissen.

Der Arzt blickte ihn ernst an. „Ihre Tochter wird überleben, wir haben die Blutung stillen können und ihren Kreislauf stabilisiert. Allerdings hat Ihre Tochter eine schwerste Schnittverletzung im rechten Unterschenkel, Gewebe und Knochen sind massiv beschädigt. Dazu kommt, dass die Wunde durch die Späne und das Öl von der Kettensäge stark verunreinigt ist. Ob wir das Bein erhalten können, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.“

„Können wir zu ihr?“

Der Arzt ließ seinen Blick skeptisch über die versammelte Familie schweifen. „Nur die engsten Verwandten – Ehepartner und Eltern. Sonst wird das zu viel für die junge Frau. Schließlich ist sie frisch operiert und es wird auch noch ein wenig dauern, bis sie wieder wach wird.“

Willi bedankte sich bei dem Operateur und dann nahmen seine Frau und er wieder Platz, bis sie von der Schwester gerufen wurden. Seinen Sohn und seinen Schwiegersohn hatte er nach Hause geschickt.

Leise betraten seine Frau und er das Krankenzimmer, in dem die frischoperierte Christa untergebracht war. Blass lag sie in den Kissen – so blass, dass sich die Farbe ihrer sonst so rosigen Haut kaum vom Weiß des Lakens unterschied. Neben ihr piepsten die Monitore und zeigten ihre Vitalfunktionen an. Eine Blutkonserve und weitere Infusionen liefen über einen Diffusor in die Venen in ihrem Arm.

Langsam schlug sie die Augen auf. „Wo bin ich?“, fragte sie mit matter, schwerer Stimme.

„Im Krankenhaus, du wurdest operiert und jetzt musst du erst einmal gesund werden.“

„Mein Bein, was ist mit meinem Bein?“ Christa versuchte, sich aufzurichten, um einen Blick auf die untere Hälfte ihres Bettes zu werfen, doch ihr Vater drückte sie sanft zurück in die Kissen.

„Du darfst dich noch nicht bewegen, bleib liegen und erhol dich. Dein Bein ist operiert und nun müssen wir abwarten. Du schläfst jetzt noch ein wenig und morgen kommen wir dich wieder besuchen.“ Noch während sie ihrem Vater zuhörte, fielen Christas Augen wieder zu.

Willi Kreisel und seine Frau verließen das Krankenzimmer und fuhren nach Hause. Willi fühlte sich grauenvoll.

Am nächsten Morgen machten sie sich erneut auf den Weg in die Klinik. Christa lag nach wie vor auf der Intensivstation, und während seine Frau schon einmal zu Christa ging, suchte Willi den Arzt auf, um sich zu erkundigen. Gestern Abend noch hatte er den Versicherungsvertreter angerufen und ihm den tragischen Unfall gemeldet. Der Mann wollte heute im Laufe des Tages vorbeikommen und die Formulare mit ihm zusammen ausfüllen. Außerdem würde er Willi auch noch einige Formulare für die Klinik mitgeben, die dort ausgefüllt werden mussten.

„Wie geht es meiner Tochter?“, wollte er von dem jungen Stationsarzt wissen. Der Mann wägte seine Worte sorgfältig ab.

„Sie wird wieder gesund werden, Ihre Tochter ist jung und kräftig.“ Willi hörte das unausgesprochene „Aber“ in seinem Satz. Er schaute den Mann aus zusammengekniffenen Augen an. „Die Wunde im Bein ist sehr tief und durch das Öl und die Späne der Kettensäge ist das Gewebe stark verunreinigt. Zudem hat die Kette das Wadenbein beschädigt.“

„Und das heißt? Mann, jetzt reden Sie mal Klartext“, unterbrach Willi den Arzt ungeduldig.

„Wir wissen noch nicht, ob wir das Bein Ihrer Tochter retten können“, kam der Arzt auf den Punkt. „Wenn wir die Entzündung nicht in den Griff bekommen, werden wir das Bein amputieren müssen. Sonst gefährden wir das Leben Ihrer Tochter.“

„Wenn es denn sein muss …“, sagte Willi gedehnt, bemüht, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. Der Plan hatte tatsächlich funktioniert.

Zwei Tage später wurde Christa Kreisel erneut operiert. Das Gewebe und der Knochen waren so stark beschädigt, dass der Unterschenkel nicht zu retten war. Unterhalb des Knies musste das Bein abgenommen werden. Nach mehreren Wochen im Krankenhaus war die Wunde so gut verheilt, dass Christa die Klinik auf Krücken verlassen konnte. Eine Woche später ging sie zur stationären Reha in eine Kur, wo ihr eine Prothese angepasst wurde und sie unter professioneller Anleitung wieder laufen lernte. Sechs Wochen später kam sie zurück nach Hause, wo ihre Familie sie mit einer Willkommensfeier begrüßte.

Im Laufe des Nachmittags nahm ihr Vater sie beiseite, um unter vier Augen mit ihr zu sprechen. „Die Versicherung hat letzte Woche gezahlt.“ Er übergab ihr einen dicken braunen Umschlag. „Das sind 300.000 Mark, wie vereinbart. Aber gib nicht so viel Geld auf einmal aus. Es muss ja nicht jeder sofort mitkriegen, dass wir jetzt Geld haben.“

Christa nahm den Umschlag und steckte ihn in ihre Umhängetasche. Noch brauchte sie eine Krücke zum Gehen, weil sie das Gleichgewicht nicht so gut halten konnte.

Willi sprach weiter. „Ich bin bereits auf der Suche nach einem schönen großen Haus für uns. Einige Objekte kann ich mir in der nächsten Woche schon ansehen.“

Christa blickte ihren Vater an. „Hätte ich mich noch einmal darauf einzulassen, ich schwöre, ich würde es nicht wieder tun.“

Willi legte seiner Tochter beruhigend die Hand auf den Arm. „Ich weiß, welches Opfer du für die Familie gebracht hast und das werde ich dir auch nie vergessen. Es ist ja letztlich alles gut gegangen. Aber jetzt lass uns zurück zu den anderen gehen, bevor noch dumme Fragen aufkommen.“

Sie gesellten sich wieder zu den anderen, aßen und tranken und feierten Christas Rückkehr bis in den späten Abend. Einen Monat später zog die ganze Familie in ein geräumiges Haus, das Willi gekauft hatte. Niemand wunderte sich über den Hauskauf und sie lebten auch nicht in Saus und Braus, allerdings wurde nur noch bestes Essen eingekauft und Willis Frau erhielt zu besonderen Anlässen teuren Schmuck. Christa kehrte wieder in den Alltag zurück, sie kümmerte sich um die Buchhaltung des Schrotthandels und besuchte einmal wöchentlich eine Physiotherapiepraxis in der Stadt. Sie und ihr Mann machten eine kleine Kreuzfahrt und richteten sich die Einliegerwohnung im neuen Haus der Familie schön her.

Ein grausamer Fund

Hans Küster parkte seinen Wagen nahe der Mosel vor dem Ort Brodenbach. Sein erstes freies Wochenende seit Monaten; immer wenn er sonst angeln gehen wollte, hatte seine Frau dazwischengefunkt. Erst kamen ihre Freundinnen zu Besuch und er sollte helfen, dann musste die Hecke geschnitten werden oder es war etwas mit ihrem Auto. Aber heute hatte er sich endlich einmal davonmachen können. Er öffnete den Kofferraum, nahm seinen Angelkoffer, den Korb mit der Verpflegung und den Hocker heraus, bevor er sich auf die Suche nach einem schönen, ruhigen Plätzchen am Ufer begab. Während er vergnügt seinen Blick umherschweifen ließ und durch die Böschung ging, stieß sein Fuß auf einmal gegen etwas Weiches.

„Verdammt“, fluchte er leise, als ihm der Campingstuhl aus der Hand rutschte. Er hängte sich den Korb an den Arm und wollte gerade den Stuhl aufheben, als er sah, worüber er beinahe gestolpert wäre. Entsetzt wich er zurück, seine Sachen glitten ihm aus der Hand und er konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken. Dort lag ein Mann. Ob er tot war? Ganz vorsichtig stupste er ihn erneut mit der Fußspitze an, doch der Mann rührte sich nicht.

„Ich muss die Polizei rufen“, schoss es ihm durch den Kopf.

Er ließ seine Sachen an Ort und Stelle liegen und rannte zurück zur Straße. Am Rand des Parkplatzes stand eine Telefonzelle. Hans Küster fingerte seine Telefonkarte, die er immer bei sich trug, aus seinem Portemonnaie und bemerkte dann, dass er sie ja gar nicht brauchte, denn Notrufe waren schließlich kostenlos. Mit zitternden Fingern wählte er die 110 und wartete, bis abgenommen wurde.

Kaum hatte sich die Leitstelle mit „Polizeinotruf Koblenz, was kann ich für Sie tun?“ gemeldet, sprudelte es aus Hans Küster heraus.

„Hallo, mein Name ist Hans Küster, ich stehe am Ortseingang von Brodenbach und hier liegt eine verletzte Person. Ein Mann. Er rührt sich nicht mehr und überall ist Blut.“

Die Stimme am anderen Ende sprach beruhigend auf ihn ein. „Bleiben Sie bitte vor Ort, wir schicken Ihnen umgehend einen Rettungswagen und eine Streife.“

Hans Küster wollte sowieso nicht weiter, schließlich hatte er einfach nur in Ruhe angeln wollen. Doch jetzt musste er sich zunächst einmal um den Verletzten kümmern. Sein letzter Erste-Hilfe-Kurs lag weit über zwanzig Jahre zurück und er versuchte krampfhaft, sich an das zu erinnern, was der Seminarleiter ihnen damals erklärt hatte. Er hatte den Bewusstlosen erreicht und beugte sich vorsichtig zu ihm hinunter. Seine Kleidung war schmutzig, abgetragen und verwahrlost und – Hans Küster rümpfte die Nase – von ihm ging ein seltsamer Geruch aus, er stank.