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Horn lebt mit seiner Familie auf einer norddeutschen Insel. An einem Wintertag steht plötzlich die Journalistin Helke Sander vor der Tür und erklärt, sie wolle über das mysteriöse Verschwinden eines Inselbewohners berichten. In den darauffolgenden Monaten fühlt Horn sich immer stärker zu der Besucherin hingezogen, doch bleibt sie solange er ihr Gehen erwartet, um zu Gehen als er ihr Bleiben erhofft. Jahre später begegnen sie einander wieder. Doch wohlahnend, dass sie sich selbst nicht haben, scheitern sie auf der Suche nach einem Ort in der Welt an ihrer Geschichte, so dass Helke schließlich spurlos verschwindet und ihre Tochter Rene' bei Horn zurücklässt. Rene' ist inzwischen erwachsen als Horn eine Reise nach Rom unternimmt. Dort begegnet er einer Frau, die Helke zum Verwechseln ähnlich sieht, sich jedoch für jemand anderen ausgibt. Schritt für Schritt kommt man sich näher, so dass ein gemeinsames Leben möglich erscheint, wäre da nicht eine Frage, die unablässig in den Vordergrund drängt.
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Hans-Jürgen Uekötter
Der Vorbehalt
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Die Besucherin
Konturen
Ratten
Der Vorbehalt
Epilog
Impressum neobooks
Irgendwie verstört habe sie gewirkt, fahrig in Mimik und Gestik, nervös umherstreunend, um sich alsbald zu setzen, eine Zigarette zu entzünden, die offensichtlich nicht schmeckte. Daher erneut auf die Beine und im Zimmer umher, zum Fenster und zurück zu dem kleinen hölzernen Tisch, der mit einem weißen Deckchen aus Spitze verziert wohl kaum zu mehr diente, als einfach nur dazustehen. Dabei irgendwie haltlos, ohne ein Band für das Gegenwärtige. Stattdessen übervoll mit wirren, allem Anschein nach beängstigenden Gedanken, Bildern, die aus ihren Augen quollen und den knabenhaften Hotelpagen, der nicht recht wusste, wohin mit der schäbigen Reisetasche, daher in seiner grauen Uniform ein wenig verlegen einfach nur dastehend, merklich daran hinderten das Wort an sie zu richten.
”Ja, ja, dorthin, einfach abstellen, bitte.”
Ein dolles Trinkgeld habe Sie gegeben, wohl als Entschuldigung für ihren Zustand und um die ungewollte Gesellschaft endlich loszuwerden. Der Page habe es angenommen, warum auch nicht, ein wenig verunsichert zwar, ob nicht alsbald der Rückruf erfolge, was nicht geschah.
”Sander, Helke Sander, ein Einzelzimmer bitte.”
”Reservierung?”
”Nein, keine Reservierung!”
Ein dunkelgrüner Trench über dem linken Arm, dazu eine braune Lederreisetasche, schäbig, offenbar Begleiter seit Jahren, dabei unablässig rauchend, ohne auf die Asche zu achten, hastig, was den Portier irgendwie nervös machte.
So habe sie plötzlich in der Hotelhalle gestanden, gewissermaßen aus heiterem Himmel, was in Hotels keineswegs ungewöhnlich sei, wenn nicht dieser Ausdruck, dieses merkwürdig Verlorene in den algengrünen Augen, das irgendwie an Flucht erinnerte, Fliehen ohne zu wissen wohin oder vor wem.
Dabei gefiel sie durchaus, wenn da nur nicht immer wieder diese Asche gewesen wäre, die einfach nicht in den dafür vorgesehenen Becher wollte.
”Wirklich eine attraktive Erscheinung, diese Helke Sander. Etwas zu mager zwar, aber nicht ohne Weiblichkeit an den entsprechenden Stellen”, so der Portier, der im übrigen Rodenwaldt heißt, Horst Rodenwaldt mit “dt”.
”Ein hübsches Kind, durchaus, bei genauerem Hinsehen”, fügt er noch hinzu, obwohl selbst kaum älter, wie sich herausstellt, "was die nur hatte.”
Ob er helfen könne, habe er gefragt, woraufhin sie ihn nur entgeistert anblickte, sodann heftig den Kopf schüttelte und alsbald ungeduldig wiederholte, ”nein, danke, ein Zimmer, bitte, nur ein Zimmer.”
”Selbstverständlich gnädige Frau”, warum auch nicht.
Zwar hatte Rodenwaldt mit Hilfe etwas Anderes gemeint, aber wer nicht will...
“Ein Zimmer, jawohl gnädige Frau, dritter Stock, die dreizweiunddreißig.”
Nachdem die Formalitäten erledigt waren - schließlich müsse alles seine Ordnung haben - ein kurzes Nicken, kaum merklich, bevor sie den Schlüssel an sich nahm, um geradewegs in Richtung Fahrstuhl zu marschieren, wo der Page sie bereits mit einem maskenhaften Grinsen erwartete.
”Attraktiv, wirklich, alles in allem, hochgewachsen aber nicht groß”, was immer das heißen mag; „dazu mittellanges braunes Haar; eine Frau, die mit jedem Blick gewinnt, wenn Sie verstehen, was ich meine, ungeschminkt, die großen grünen Augen mit einem Stich ins Graue; eine kleine Narbe oberhalb der Nasenwurzel und ein sanft geschwungener Mund mit ein wenig zu schmalen Lippen; die Stirn nicht ohne ein paar Fältchen als Beweis erfahrenen Lebens - die Hände, schlank, mit langen kraftvollen Fingern, die zupacken können, zweifellos, Ring los.“
„Mitte vierzig“, wenn man schon unbedingt schätzen müsse, „plus minus zwei vielleicht drei Jahre. Eine Frau mit Geschichte, eine mit der man nicht umspringen kann”, meint Rodenwaldt noch, ”nicht so ein Frauchen, was manch ein Gast im Schlepptau führt, sie verstehen, eine Frau mit Tiefe, mit Narben auf der Seele.”
Rodenwaldt findet sein Bild offenbar überaus gelungen, lächelt daher selbstgefällig, was unpassend erscheint und will schließlich wissen,wer denn nun das Zimmer bezahle, immerhin seien Kosten entstanden.
Am nächsten Morgen sei sie verschwunden, spurlos, einfach so, auf und davon. Nicht einmal ihr Gepäck habe sie mitgenommen, geschweige denn gefrühstückt, was in Ordnung gehe, wegen der Kosten versteht sich, das Bett gänzlich unbenutzt. Lediglich das Bad habe ziemlich wüst ausgesehen, mit säuerlichem Geruch.
“Womöglich ein Mensch im Angesicht des Todes, sterbenskrank, soeben erfahren, hineingeschleudert in eine Wirklichkeit voller Entsetzten und Angst, von einem Augenblick zum anderen, wer weiß.”
Rodenwaldt wirkt irgendwie ratlos, wie er so dahockt, auf seinem Stuhl, die Beine fein säuberlich nebeneinandergestellt, die Hände stumm auf den Knien ruhend. Jedenfalls sei sie kein Gast wie jeder andere gewesen, soviel ist gewiss.
”Ein Jammer ist das, wirklich ein Jammer.”
”Wieso”, will der Kriminalbeamte wissen, der eiligst herbeigerufen, keine rechte Vorstellung hat, was er eigentlich hier soll, ”was meinen Sie damit, was ist ein Jammer?”
”Bestimmt ist sie..., ich meine..., sie verstehen oder zumindest so gut wie...“, bemerkt Rodenwaldt mit eindeutiger Geste. „Sie werden sehen!”
”Wie kommen sie bloß darauf, man?”
Als Portier bekomme man mit der Zeit einen Blick dafür, jahrzehntelange Erfahrung. Immerhin seien Menschen sein Beruf, fügt Rodenwaldt ein wenig aufschneiderisch hinzu.
Der Kriminalbeamte, der in über fünfundzwanzig Dienstjahren wirklich schon einiges erlebt hat, versteht kein Wort, schüttelt daher nur den Kopf, fährt sodann mit der Rechten durch das übernächtigte Gesicht und schiebt zu guter Letzt die Hände in die Hosentaschen, bevor er seinen Blick aus dem Fenster treibt, hinaus auf die Straße.
Es regnet, um nicht zu sagen, es schüttet wie aus Eimern. Die wenigen Menschen auf der Straße verschwinden unter ihren Schirmen oder suchen Zuflucht in den Hauseingängen. Die Tropfen prasseln in einer Art gegen die Scheibe, dass man sie auf der Haut spüren kann und unwillkürlich einen halben Schritt zurücktritt.
”Danke, Sie können gehen.”
Rodenwaldt ist angesichts dieser ebenso beiläufigen wie kurz angebundenen Aufforderung sichtlich irritiert, ja richtiggehend gekränkt, zumal man sich hier schließlich in seinem Hotel befindet, für das er immerhin die Verantwortung trägt.
Dennoch widerspricht er nicht, hält lediglich einen Augenblick inne, auch für den Fall, dass vielleicht doch noch eine Frage, eine weitere, eine letzte.
Schließlich erhebt er sich lautlos von seinem Stuhl, den er sorgsam zurechtrückt, bevor er mit den Worten, ”ein Jammer ist das, so eine hübsche Frau,” in Richtung Tür marschiert.
Während der Beamte keinerlei Anstalten macht, doch noch eine allerletzte Frage zu stellen, sich nicht einmal umdreht, sondern unablässig aus dem Fenster starrt, als gäbe es da draußen irgendetwas zu entdecken, hält Rodenwaldt auf halbem Weg noch einmal inne und erkundigt sich, wer denn nun die Kosten übernehme.
“Sie hören von uns!”
Der schroffe Tonfall, der kein weiteres Nachfragen duldet und den er (wie er findet) ganz und gar nicht verdient hat, hallt durch den Raum.
Rodenwaldt zieht die Stirn in Falten. Es ist offensichtlich, dass er noch etwas erwidern will.
Doch stattdessen nickt er lediglich stumm und zieht kurz darauf die Tür mit einem metallischen Knirschen hinter sich ins Schloss.
1
Helke kam an einem Sonntagabend auf die Insel. Unversehens stand sie auf der hölzernen Veranda unseres Hauses und soweit es Dog betraf, war es Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls tänzelte er um sie herum, fiepte und rollte mit den Augen, wie wir es sonst nur in seinen wildesten Zeiten von ihm kannten, wenn er sämtlichen Hündinnen der Gegend mit einer Ausdauer nachstellte, dass er abends vor Erschöpfung oftmals einfach vor unserer Tür umfiel und einschlief. Vater marschierte dann meistens nach einiger Zeit kopfschüttelnd hinaus und trug ihn zu seiner Hütte.
Es schneite seit Tagen ununterbrochen und wenn es einmal aufhörte, wurde es so eisig kalt, dass an den Fensterscheiben die Eisblumen wucherten, die Autos reihenweise streikten und der Wind ums Haus heulte, um in unsere Gesichter zu beißen, sobald wir auch nur einen Fuß vor die Tür setzten. Somit war jedermann auf der Insel froh, wenn er sich hinter einer Heizung oder einem wärmenden Ofen verkriechen konnte.
Allein Vater hielt kein noch so scharfer Wind im Haus. Ganz im Gegenteil trieb es ihn offenbar umso unnachgiebiger vor die Tür, je unbändiger sich die Natur da draußen austobte. Fast konnte man meinen, dass er nur inmitten dieser Gewalten, wo selbst Dog ihm mit eingekniffenem Schwanz die Gefolgschaft versagte und sich schnurstracks in seine mit Lumpen und Stroh ausgekleidete Behausung verzog, für eine Weile mit sich selbst ins Reine kam.
Heute machte er hingegen keinerlei Anstalten und versank vielmehr mitsamt Zeitung in seinem Ohrensessel, den er für nichts in der Welt preisgab und nicht einmal für kurze Zeit einem Polsterer überließ, damit dieser die stählernen Federn daran hindern konnte, unaufhaltsam durch das verschlissene Grün zu stoßen.
Die Frau war trotz des Wetters offenbar zu Fuß. Jedenfalls hatten wir weder ein Motorengeräusch gehört, noch war weit und breit ein Wagen zu sehen.
Mutter wusste, dass wer draußen war, noch bevor es klopfte. Kurzerhand öffnete sie die Tür und bat die Besucherin mit einer Selbstverständlichkeit herein, als habe man sie erwartet, noch ehe sie erklären konnte, wer sie war und was sie zu uns führte.
”Sie müssen den Mantel ausziehen, bitte.”
Mit diesen Worten half sie ihr aus dem über und über mit Schnee bedeckten Wollmantel, klopfte diesen sodann sorgfältig aus und hängte ihn an die Garderobe. Gleichzeitig deutete sie der Fremden mit den Worten, ”jetzt wärmen sie sich erst einmal auf, bevor sie sich noch eine Lungenentzündung holen”, es sich bequem zu machen und verschwand in der Küche, um kurz darauf mit einem Tablett samt duftendem Tee und Gebäck zurück zu kehren.
Vater blickte lediglich kurz auf, brachte jedoch wie so oft kein vernünftiges Wort heraus. Stattdessen murmelte er etwas in sich hinein, was niemand und vermutlich auch er selbst nicht verstand, schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen, kramte in seinen Taschen nach Feuer und vertiefte sich alsbald wieder in die Zeitung.
Ich hingegen konnte es kaum erwarten, zu erfahren, wer die Unbekannte war, die lediglich verhalten nickte und sich dabei in ihrer Haut nicht recht wohl zu fühlen schien.
”Es hat nicht viel gefehlt und es wäre der Baum gewesen“, durchbrach sie nach einer Weile das süßlich duftende Schweigen, und fügte hinzu, “stattdessen bin ich im Graben gelandet”. Dazu ein verunglücktes Lächeln, derweilen der Schreck in ihren Augen blitzte.
”Aber sie sind nicht verletzt”, erkundigte sich Mutter, wobei aus ihrer Stimme die Gewissheit klang, dass dies nicht der Fall war.
Die junge Frau nippte nachdenklich an ihrem Tee, bevor sie kaum merklich den Kopf schüttelte und kurz darauf erwiderte, ”nein, ich denke, mir ist nichts passiert.”
”Wo liegt denn der Wagen?”
Der mürrische Unterton in Vaters Frage, der nur zu offensichtlich machte, dass ihm die unerwartete Störung lästig war, ließ sich nicht überhören. Dennoch legte er die Zeitung zur Seite und musterte die Besucherin in einer Weise, dass man unweigerlich das Bedürfnis hatte, sie zu beschützen.
”Dreihundert vielleicht vierhundert Meter von hier entfernt Richtung Fährhafen.”
Während sich die Worte nur zögernd formten, beobachtete ich ein paar Nasenflügel, die vor Anspannung bebten. Dazu eine Rechte, die unentwegt den Tee rührte, indessen die Linke wieder und wieder über das hochgesteckte, feuchtglänzende Haar strich.
”Was um alles in der Welt treibt sie bloß um diese Jahreszeit in diese gottverlassene Gegend?”
Angesichts dieser unverhohlenen und in ihrer Eindeutigkeit kaum mehr zu überbietenden Frage, durchkämmten nunmehr ein paar hilflose Blicke auf der Suche nach den richtigen Worten das Zimmer, streunten entlang an den weiß gekalkten Wänden, die jedoch keinerlei Halt boten, bis sie unversehens auf Mutter trafen, wo sie für einen Moment verweilten und kurz zu verschnaufen schienen, bevor sie sich alsbald wieder aufmachten und erst dort innehielten, wo eine ebenso misstrauisch wie überlegen grinsende Miene nach wie vor eine Antwort erwartete.
”Ich bin Journalistin”, hallte es kurz darauf mit vertrockneter Stimme durch den Raum, gefolgt von einem zaghaften, “es heißt, hier in der Gegend sei jemand spurlos verschwunden, ein gewisser Eric Mattowski.”
”Tatsächlich”, warf Vater ein und allein dieses eine Wort stellte unmissverständlich klar, dass für ihn alle Fragen damit ausreichend beantwortet waren, was immer das auch heißen mochte.
Also verschanzte er sich wieder hinter seiner gewohnten Allerweltsmiene, die zu durchdringen nur selten jemandem gelang.
Ich hingegen beobachtete wie die fremde Frau ihre halbvolle Tasse mit einer ungelenken Bewegung vor sich auf dem hölzernen Tisch abstellte, dass der Tee ein wenig über den Rand schwappte.
”Vielleicht sollte ich jetzt besser gehen und mich um meinen Wagen kümmern.”
Mit dieser Bemerkung erhob sie sich und ließ keinen Zweifel daran, dass sie beabsichtigte, in der nächsten Minute ihren Mantel von der Garderobe zu nehmen, um alsbald wieder in der Dunkelheit zu verschwinden.
Doch Mutter hielt sie mit einem, ”ich denke es ist am besten, wir benachrichtigen erst einmal den Abschleppdienst” zurück. Zugleich warf sie Vater einen durchdringenden Blick zu, woraufhin dieser sich nach einem merklichen Zögern mit mürrischer Miene aus dem Sessel stemmte und humpelnd das Zimmer verließ.
Kurze Zeit später hörten wir, wie er dem Abschleppdienst in seiner wortkargen Art, die einen regelmäßig zur Verzweiflung bringen konnte, den Grund seines Anrufs erläuterte.
Dog hatte es sich inzwischen auf den Füßen unseres Gastes bequem gemacht, gerade so, als wolle er diese wärmen. Also gab Mutter ihm einen Klaps aufs Hinterteil, woraufhin er sich beleidigt in eine Ecke verzog.
”Sie wollen also über Eric schreiben.”
”Wenn sie erlauben, aber bitte glauben sie mir...”
”Gewiss“, unterbrach Mutter die junge Frau und sah sie dabei in einer Art an, als sei man sich seit Jahren vertraut, wohingegen alle Welt gezwungen war, sich mühsam von außen heranzutasten.
”Ich heiße übrigens Sander, Helke Sander.”
Mit dem Abschleppdienst war vor morgen nicht zu rechnen, so dass Mutter kurzerhand die freie Mansarde unterm Dach, die Erics’ Zimmer direkt gegenüberlag, zur Übernachtung anbot.
”Wenn sie über Eric berichten wollen, sollten sie vielleicht eine Zeit lang bei uns wohnen”, meinte sie
noch und war sich offenbar sicher, dass ihr Angebot nicht zurückgewiesen würde.
Im Gegensatz zu ihr und Dog wusste ich zunächst nicht so recht, was ich davon halten sollte. Die Vorstellung, dass die Fremde sich bei uns einmietete, erfüllte mich zwar mit einer gewissen Neugierde, doch überkam mich zugleich ein gewisses Unbehagen, zumal ich fürchtete, mich fortan in unserem Haus nicht mehr so frei bewegen zu können, wie ich es von jeher gewohnt war. Letztlich barg die unerwartete Abwechslung jedoch durchaus ihren Reiz, ebenso wie die zusätzlichen Einnahmen, die wir nur zu gut gebrauchen konnten.
Da sich das Gepäck noch im Wagen befand, erhielt ich von Mutter den Auftrag, es zu holen. Angesichts des Wetters war die junge Frau damit ganz und gar nicht einverstanden.
Nach einigem Hin und Her einigten wir uns schließlich darauf, gemeinsam zu gehen, streiften
also unsere Mäntel über und marschierten wenig später in die Dunkelheit hinaus, wo man vor lauter Schnee kaum die Hand vor Augen erkennen konnte, so dass wir trotz Taschenlampe nur sehr langsam vorankamen.
Als wir nach einer Ewigkeit unser Ziel schließlich erreichten, glich der Wagen, der vornüber in einen Graben gerutscht war (der glücklicherweise kein Wasser führte), bereits einem mittelgroßen Schneehügel. Kurzerhand nahmen wir zwei Taschen aus dem Kofferraum, stellten zur Sicherheit ein Warndreieck auf - auch wenn das bei dem Wetter wohl nicht allzu viel nützen würde - und machten uns auf den Rückweg.
Die Fremde bestand darauf, eines der beiden Gepäckstücke zu tragen. Ich hingegen konzentrierte mich auf unsere Spur oder das, was davon übrig war. Zugleich durchsuchte ich mich nach einem geeigneten Gesprächseinstieg, der jedoch beim besten Willen nicht einfallen wollte.
”Sie kommen aus Hamburg?”
Diese Frage war zugegebenermaßen nicht gerade einfallsreich, zumal ich bereits das Hamburger Kennzeichen an ihrem Wagen gesehen hatte, aber irgendwo musste man ja beginnen.
”Ja, aus Hamburg”, lautete denn auch erwartungsgemäß die Antwort.
”Und sie arbeiten bei einer Zeitung?”
”Ja.”
Diese Helke Sander machte es einem nicht gerade leicht, so dass ich beschloss, den Rest des Weges zu schweigen. Nachdem wir gut hundert Metern gelaufen waren, rutschte sie plötzlich aus. Im letzten Moment bekam ich sie am Arm zu fassen und konnte so den Sturz abfangen.
Zu Hause angekommen wurde erst einmal tüchtig
abgeklopft. Zum Dank reichte Helke mir die Hand, die ich wortlos ergriff. Dann gab es wiederum Tee, bevor Mutter die beiden Taschen nahm und mit unserer neuen Mieterin im Schlepptau geradewegs die Treppe hinauf marschierte.
2
Regungslos hatte er dagesessen, am Rand unserer Straße, die hinaufführte zum Deich und eigentlich mehr einem Holperweg glich, weil zwar bereits vor Jahrzehnten befestigt, geglättet und asphaltiert, aber nicht ausgebessert, daher voller Risse und Löcher, aus denen das Leben drang um zurückzuerobern, was ihm einst genommen wurde. Die nackten Füße in den kleinen Bach getaucht, der neben der Straße vor sich hin gurgelte und sich redlich darum bemühte, mit einem leisen Plätschern den Dreck aus seiner Haut zu waschen, was nicht so recht gelingen wollte. So hockte Eric, den wir der Einfachheit halber „Ec“ nannten, im Gras, ein hellblaues Handtuch um die Linke gewickelt, was mehr und mehr die Farbe wechselte, ansonsten lediglich mit einer Unterhose bekleidet. Ganz still und versunken saß er da, dieser braungebrannte Riese, bei dessen Anblick die Menschen nicht selten erschrocken oder verschämt den Blick senkten, und betrachtete die drei wachsfarbenen Finger, die in der Innenfläche seiner Rechten ruhten, wo sie nun mal einfach nicht hingehörten.
”Ec” flüsterte ich mehr als ich es sprach, grad so als störte ich ein Gebet, ”Ec”, doch Eric rührte sich nicht. Mein von Salz und Feuchtigkeit zerfressenes Fahrrad an der Hand, musterte ich ihn als hätte ich eine Erscheinung, daher wohl ungläubig und mit einem ziemlich blöden Ausdruck im Gesicht, halboffenem Mund. Nicht, dass mir übermäßig Angst machte was ich sah, zumal Eric offenbar ohne Schmerz eher unbeteiligt da saß, grad so, als ging ihn das was er sah nicht wirklich etwas an. Aber das Handtuch, das mittlerweile aus dreckigem Rot zu tropfen begann, beunruhigte mich doch sehr.
”Ec”, krächzte ich erneut mit vertrockneter Stimme,derweilen mein Fahrrad scheppernd zu Boden fiel, doch Eric reagierte noch immer nicht.
Einen Augenblick lang dachte ich daran, Hilfe zu holen, doch das Blut tropfte bereits unter ihn. Also nahm ich mir ohne lange zu überlegen, geschweige denn mit einer Vorstellung davon, was zu tun war, ein Herz und war ich auch schon hinüber über das Bächlein, das sich von alledem nicht im mindesten beeindrucken ließ.
Nun sah ich sie deutlich, die drei abgehackten Finger, vom mittleren bis zum Kleinen, der beinahe so groß war wie mein allergrößter, wie gesagt blasser als gewöhnlich und oberhalb schwarz behaart, leblos halt und keineswegs blutend, dafür einseitig mit sauberem Schnitt, dunkelrot.
”Ec!?”
Aber Eric starrte nur vor sich hin und das Rinnsal plätscherte friedlich wohl gewiss, dass kein noch so widerspenstiger Dreck ihm ewig standzuhalten und kein Blut seine frische Farbe dauerhaft zu verfärben vermochte.
In einiger Entfernung sonnte sich unser Haus auf einer Anhöhe umgeben von einem Dutzend Eichen, die uns im Winter bewachten und im Sommer ihre kühlenden Schatten auf unser Leben warfen, stumme Geister, die uns wohl nur allzu oft belächelten, wenn wir - gefangen in uns selbst - nicht ein noch aus wussten. Während die Fenster wie Augen dreinschauten, strahlte es zuversichtlich der Morgensonne entgegen.
Unser Mischling, den wir ”Dog” nannten, weil auch ein Hund nun mal einen Namen braucht, drehte sich auf der Jagd nach seinem Schwanz vermutlich mal wieder wie wahnsinnig im Kreis. Oder er reckte gerade sein schier endlos-schwarzes Fell, dass jedem Fremden angesichts der gewaltigen
Ausmaße Angst und Bange werden musste, was sich alsbald in regelrechte Panik verstieg, wenn Dog sein riesiges Maul aufriss und dabei die Augen in einer Art verdrehte, als stecke er gerade wieder mal in einer der zahllosen ihm treu ergebenen Hündinnen, mit denen er regelmäßig die Insel unsicher machte.
”Ec, verdammt, nun sag doch was,” brach es aus mir heraus, wohlwissend, dass Mutter es nicht duldete, wenn ich fluchte, wobei sie sicher nicht an derlei Situationen gedacht hatte. In meiner Not nahm ich schließlich all meinen Mut zusammen, packte ihn an seinen gewaltigen Schultern und schüttelte ihn mit aller Kraft. Und siehe da, unversehens riss er die Augen auf und sah mich an, als habe er den Leibhaftigen persönlich erblickt, dass sie hervorquollen und wie ich fürchtete, herausfallen würden, was glücklicherweise nicht geschah.
Und dann, während ich unter seinem Blick buchstäblich erstarrte, stieß er plötzlich einen Schrei aus, der durch Mark und Bein ging, dass selbst der Bach sich zu verschlucken schien.
Keine Ahnung, ob er wegen der abgetrennten Finger schrie oder weil ich irgendeinen Schmerz seiner Seele erweckt hatte, den er mir jetzt mit all der Gewalt, zu der sein mächtiger Körper fähig war, entgegen schleuderte. Zugleich sah ich, wie Tränen über sein stoppeliges Gesicht rannen, entlang an seiner großen und ziemlich verbogenen Nase, die wohl nicht immer davongekommen war, hinab zu dem mächtigen Kinn, wo sie wie Tautropfen hingen, um sich alsbald ins Wasser hinab zu stürzen. Und wie er schrie, dass die Welt für einen Moment den Atem anhielt. Doch wie sehr dieser durch und durch unansehnliche Kerl mit der vernarbten Haut und den verschobenen Proportionen, dass man meinen konnte, er sei aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt, die eigentlich nicht wirklich zueinander gehörten, auch brüllte, außer seinem Mund und seinem mächtigen Brustkorb bewegte sich nichts an ihm.
Mit einem Satz, der nicht ganz ausreichte, hechtete ich über den Bach zurück zur Straße, und jagte ohne mich noch einmal umzusehen auf meinem Fahrrad in Richtung Haus. Auf halber Strecke empfing mich Dog mit aufgeregtem Kläffen, gefolgt von meiner Schwester Katerine, die darauf bestand, dass wir sie Kate nannten. Sie hatte sich offenbar einen Stachel in den nackten Fuß getreten, hüpfte daher auf einem Bein und fluchte, was das Zeug hielt.
”Wo ist er”, schnaubte sie,” wo ist Eric?”
”Dort hinten am Bach” erwiderte ich keuchend und wies in die Richtung, aus der ich soeben gekommen war. Dabei spürte ich, wie sich mein Herz überschlug und starrte zugleich auf die zerrissene Bluse und den beachtlichen Brustansatz, der gleichmäßig mit ihrem Hüpfen auf und niederging und mich einmal mehr wissen ließ, dass meine Schwester längst kein Kind mehr war.
”Was starrst du mich so an,” giftete sie, dass ich verschämt den Blick senkte und meinte das Meer hinter den Dünen zu hören, doch war das wohl nur das Rauschen meines eigenen Blutes.
”Seine Finger”, stammelte ich, ”seine Finger...”
”Wieso, was ist mit den gottverdammten Fingern”, fuhr Kate dazwischen,” sag schon, was ist damit?”
Noch bevor ich etwas erwidern konnte, zischte sie ”scheiße, es blutet”, spuckte sich in die Hand und rieb ihren verdreckten Fuß.
Als sie kurz darauf wieder zu mir aufsah, schien es mir, dass ihr Blick etwas Flehendes barg. Doch schon ließ sie mich mit einem kopfschüttelnden ”Idiot” einfach stehen und humpelte gefolgt von Dog in die Richtung, aus der ich soeben gekommen war.
3
”Tonnerwetter ein Riese!”
Mutter lachte jedes Mal schallend, wenn sie davon berichtete, wie Eric Mattowski eines Morgens mit schüchterner Miene auf unserer Veranda stand. Es schien, dass er sich trotz seiner angsteinflößenden Erscheinung nicht zu fragen traute, ob eines der beiden Gästezimmer, die wir auf dem von Vater angefertigten Holzbrett an der Straße zur Miete anboten, noch zu haben sei. Stattdessen hielt er Mutter das Schild wortlos entgegen, legte gleichzeitig die Stirn in tiefe Falten und formte sein Gesicht zu einer einzigen verlegen grinsenden Frage. Ich mit meinen kaum acht Jahren erschrak, nachdem die Worte einmal ausgesprochen waren, derart über mich selbst, dass ich mich sogleich im Rock meiner Mutter versteckte, weil meine Wangen glühten und mein Herz vor Schreck stolperte.
Von diesem Tag an wohnte Eric unter unserem Dach und gehörte in den Jahren, die er bei uns lebte, schon bald zur Familie. Es war seltsam, doch kam niemand von uns auf den Gedanken, er könnte in irgendeiner Weise eine Bedrohung darstellen. Selbst Dog, der Fremden meistens eher skeptisch begegnete und seine körperlichen Maße nur zu gern nutzte, um dies eindrucksvoll zu unterstreichen, war in seiner Gegenwart fromm wie ein Lamm. Mag sein, dass die offenkundige Scheu dieses Menschen, der trotz seiner beachtlichen Ausmaße immer gleich verlegen wurde, unlautere Motive geradezu absurd erscheinen ließ, so dass wir Eric alsbald unser Vertrauen schenkten. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass er die meiste Zeit stumm wie ein Stuhl war. Wie auch immer, er kam und gehörte ins Bild, gerade so, als habe das Bild nie ohne ihn existiert.
Auch Kate zeigte bei Erics’ Anblick keinerlei Scheu. Ganz im Gegenteil marschierte sie geradewegs auf ihn zu, stemmte ihre Fäuste in die Seiten und musterte ihn unverhohlen. Anschließend streunte sie durchs Haus und wiederholte ungefähr ein Dutzend Mal seinen Namen, dass man denken konnte, sie wiege ihn auf der Zunge. Schließlich trat sie ihm erneut gegenüber und lächelte dabei in einer Art, dass der Riese nicht ahnend, dass das Kind soeben beschlossen hatte, ihn zu einem festen Bestandteil seines Lebens zu machen, unweigerlich grinsen musste.
Fortan wurde Eric in einer Weise belagert, dass er einem mitunter richtiggehend leidtun konnte. Anfangs nötigte meine Schwester ihn zu allerlei Spielen und ließ nicht eher locker, bis er mit ihr auf dem Rücken im Haus umherkroch oder sie auf seinen gewaltigen Schultern über die Insel trug, dass sie vor Vergnügen kreischte. Später durfte nur er ihr bei den Schularbeiten helfen, eine Herausforderung, die Eric mit bemerkenswerter Geduld auf sich nahm. Und auch kam es allein ihm zu, ihr beizubringen, wie man sich aus eigener Kraft auf einem Fahrrad fortbewegte oder einen Fisch fing und ausnahm.
Als sie älter wurde begann meine Schwester sich über seine Vergangenheit herzumachen. Wie oft er ihren neugierigen Fragen auch auszuweichen suchte, war doch offensichtlich, dass Kate nicht im mindesten daran dachte, zurück zu weichen. Somit blieb ihm nichts Anderes übrig, als sie mit stummer Miene samt verstohlenem Blick auszuhalten, um nach und nach das eine oder andere von sich preiszugeben.
“Ein echter Seefahrer”, entfuhr es meiner Schwester eines Abends beim Essen und ihre Augen leuchteten vor Faszination. Es war unschwer zu erraten, wen sie damit meinte. Dabei wohnte eine Sinnlichkeit in ihrem Blick, als spüre sie die eisige Gischt und den beißenden Salzwind auf der Haut.
Stundenlang hockte sie bei Eric und bestaunte noch zahllose Fotographien von seinen Reisen, wenn der Rest der Familie bereits innerlich überquoll. Dabei fiel auf, dass er jedes einzelne Bild wie einen kleinen Schatz behandelte und peinlich darauf achtete, dass wir sie ausschließlich am Rand hielten. Manchmal marschierte Kate gar mit ihm hinauf in sein Zimmer, das im ersten Stock unseres Hauses unterm Dach lag. Vater war das ganz und gar nicht recht und Mutter hatte alle Mühe, ihn davon abzuhalten, die Treppe hinauf zu poltern, um zwischen das zu gehen, was sich wohl nur allein in seinem Kopf abspielte. Irgendwann kam meine Schwester dann wieder herunter und wirkte ziemlich nachdenklich und besonnener als gewöhnlich, auch wenn das meistens nicht lange anhielt.
Und doch, trotz all der Fotografien aus den entlegensten Winkeln der Erde, erfuhren wir so gut wie nichts über Eric selbst, nichts über sein Leben und seine Geschichte jenseits der Meere, nichts über seine Familie oder Menschen, die ihm nahestanden, im Grunde nicht einmal etwas über seine Beziehung zu all den Männern, mit denen er mitunter monatelang an Bord eines Containerschiffes, Tankers oder Seglers die Meere überquert hatte. Umso mehr ahnten wir, dass ihn ein rauer Wind vor sich hergetriebenen hatte und vermieden es daher, ihn allzu sehr zu bedrängen.
Wie auch immer wickelte Kate den Riesen buchstäblich um den Finger und bekam so ziemlich alles von ihm, was sie sich in ihren mitunter ziemlich verdrehten Kopf setzte. Egal ob es die Speichen ihres Fahrrades waren, die wegen der lieblosen Behandlung aus der Form gerieten, oder das Suchen, Pressen und Beschreiben allerlei Farne, Gräser und Moose für die Schule einfach über ihre Kräfte ging, regelmäßig war Eric tatkräftig zur Stelle, richtete und spannte, glättete, trocknete und presste.
Und auch als Kate nicht eher Ruhe gab, bis Vater ihr den Umgang mit einem Schweißgerät erklärte und sie in den darauffolgenden Wochen unermüdlich allerlei Schrotteile, die sie Gott weiß wo zusammengesammelt hatte, nach einem Schema verband, das niemand von uns auch nur ansatzweise durchschaute, stemmte Eric mit einer Engelsgeduld so lange zahllose Metallteile, bis diese endlich an dem nach Kates Auffassung einzig möglichen Platz verschweißt waren. Dabei führten die künstlerischen Versuche meiner Schwester regelmäßig doch zu nichts Anderem als lediglich wieder zu Schrott, der schließlich in irgendeiner Ecke hinterm Haus landete.
Der Herbst breitete schon seit Wochen seine Farben aus und insbesondere nachts wurde es draußen bitterkalt. Das hinderte meine Schwester jedoch nicht daran, eines Morgens die Verängstigte zu mimen, weil angeblich irgendjemand versucht hatte, in ihr Zimmer einzusteigen, während sie schlief. Als sie Eric davon erzählte, hockte der sich entgegen Mutters Rat kurzerhand mit einer Decke um die Schultern draußen auf die Veranda. Drei Nächte lang hielt er Wache, mit der Folge, dass er zuletzt völlig übermüdet und mit fast vierzig Fieber ins Bett musste. Wenig später stellte sich heraus, dass ein Vogel gegen Kates Fenster geflogen und in der Dachrinne verendet war. Als wir Eric davon berichteten, zuckte er lediglich mit den Achseln und grinste einmal mehr verlegen.
Zweifellos hatte meine Schwester in ihm einen Freund und zuverlässigen Beschützer gefunden, was sich schnell auf unserer Insel herumsprach, die ganze vier Kilometer in der Länge und drei in der Breite ausmachte und nicht viel mehr als ein paar hundert Menschen beherbergte. Angesichts ihrer recht offenherzigen Art im Umgang mit dem anderen Geschlecht war dies mitunter durchaus vorteilhaft. Wann immer einer der Jungs, mit denen sich Kate regelmäßig abgab und die mit den Jahren keinen Hehl daraus machten, dass sie durchaus mehr wollten, als sich lediglich mit ihr auf der Insel herumzutreiben oder gemeinsam im Meer zu tollen, meinte, es sei an der Zeit, eine lang gehegte Absicht in die Tat umzusetzen, brauchte sie bloß beiläufig Erics’ Namen zu erwähnen und schon ließ der Junge von seinem Vorhaben ab.
Überhaupt lebte Kate vom ersten Augenblick ihrer Existenz mit einer Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit aus sich heraus, die uns alle ebenso sprachlos wie allzu oft auch wütend machte. Von Geburt an hatte sie das an sich, stürzte buchstäblich aus dem mütterlichen Schoß, dass die Hebamme Mühe hatte, sie zu halten und lebte fortan drauf los, als gäbe es keinen Augenblick zu vergeuden. In der Schule tat sie nur das Nötigste, ließ ihre Lehrer dabei über die ihr gegebenen Möglichkeiten bis zur Verzweiflung im Unklaren, streunte lieber mit den einheimischen Jungs über die Insel und vergaß dabei nicht selten, dass mit zunehmendem Alter die Unterschiede größer statt kleiner wurden. Daran änderte auch nichts, dass sie kaum auf ihr Äußeres achtete, nicht auf ihre blonden Haare, die wuchsen wie sie wollten, bis sie mit einer großen Schere einfach abgeschnitten wurden, nicht auf ihre Kleidung, die zumeist nur aus einer ausgeblichenen Jeans und verwaschenen T-Shirts bestand, nicht auf ihre Sprache, die ein beachtliches Repertoire an Flüchen aufwies, womit sie die Jungs durchaus beeindruckte und unserer Mutter immer wieder die Sorgenfalten auf die Stirn trieb. Kate hakte Holz, bis der Schweiß auf ihrer stets gebräunten Haut glänzte und den Stoff durchtränkte, rauchte ohne Hustenanfall und was die Jungs am meisten beeindruckte, sie schwamm und tollte nackt mit ihnen im Meer herum, ohne Rücksicht darauf, dass sich deren Eltern anschließend regelmäßig über das merkwürdige Leuchten in den Augen ihrer Sprösslinge beklagten. Doch wie sehr sich unsere Mutter auch bemühte, ihre Tochter zu bändigen, verstand Kate nicht recht, was man eigentlich von ihr wollte. Zwar bemühte sie sich ein paar Tage redlich, ergab sich jedoch alsbald wieder ihrem unverfälschten Wesen, das sich im Grunde wohl gegen nichts und niemanden richtete und frei von Vorsatz einfach danach verlangte, zu sein wie es nun mal war. Wie oft ich auch den sorgenvollen Ausdruck in Mutters Augen entdeckte, war ihrem Blick doch stets zu entnehmen, dass es ihr nicht darum ging, ihre Tochter zu maßregeln.
Aus Vater brach es hingegen von Zeit zu Zeit richtiggehend heraus und dann hagelte es Vorwürfe, die Kate ohne eine Träne über sich ergehen ließ. In den nächsten Tagen würdigte sie ihn allerdings keines Blickes und fast konnte man meinen, dass Vater in ihrem Leben einfach nicht mehr vorkam. Das zog sich dann jedes Mal so lange hin, bis dieser sich gleich einem Schatten seiner selbst in der Gegend herumdrückte und dabei offensichtlich litt wie ein Hund, dass es nicht mit anzusehen war. Irgendwann ging meine Schwester dann hinunter zu ihm in den Keller, wo er mal wieder endlose Stunden an einer seiner Erfindungen bastelte, die meistens mehr kosteten als sie einbrachten und von denen er doch Zeit seines Lebens nicht lassen konnte. Keine Ahnung, was die beiden da unten trieben, bis sie schließlich nach einer kleinen Ewigkeit in die Welt zurückkehrten und Kate ein Bier aus dem Kühlschrank holte, sich neben Vater auf die Veranda setzte und einen ordentlichen Schluck nahm, bevor sie ihm die Flasche reichte. Anschließend saß man einfach nur da und besiegelte wortlos den Waffenstillstand.
4
Nur mit Drohungen ließ sich Eric zum Überleben überreden. Mit Krankenhaus war zwar beim besten Willen nichts zu machen, jedoch gestattete er nach langem hin und her zumindest eine notdürftige Versorgung durch Sieghardt Börns, einen etwas trotteligen Endfünfziger, der - obwohl der einzige Arzt auf der Insel - eine nicht gerade gutgehende Praxis unterhielt. Regelmäßig trug Börns den gleichen Kittel, an dem es kaum eine weiße Stelle zu entdecken gab, stattdessen hellgrau mit zeitweiligem Hang ins Beige, Grünliche oder Rötlichbraune, was wenig geeignet war, die ohnehin bestehende Skepsis hinsichtlich seiner medizinischen Kenntnisse zu verringern. Kein Wunder also, dass die meisten Inselbewohner es bevorzugten, aufs Festland überzusetzen, um sich behandeln zu lassen.
Börns kam auf seinem schäbigen Fahrrad angeradelt, das mindestens genauso alt war wie er selbst, seinen Arztkoffer mit zwei Gummibändern hinter sich aufgeschnallt.
”Sauberer Schnitt, alles was Recht ist”, murmelte er, gab Eric, der keinerlei Anstalten machte sich zu wehren, vielmehr apathisch auf seinem Bett lag und Löcher in die Decke stierte, eine Spritze und begann anschließend recht ungelenk, die verdreckten Wunden zu reinigen und zu vernähen, ohne auch nur eine einzige Frage nach der Ursache der Verletzungen zu stellen. Kate wich derweilen nicht von seiner Seite, was Börns nach und nach zu ausgiebigen Schilderungen hinsichtlich seiner Erfahrungen mit derlei Wunden veranlasste und meine Schwester nur noch misstrauischer machte. Zuletzt verband er zunächst jeden Finger einzeln, dann die ganze Hand, legte ein paar Medikamente sowie eine Armbinde auf den Tisch und verordnete strikte Bettruhe.
”Ich werde in ein paar Tagen wieder vorbeikommen und nach ihm sehen”, meinte er noch, kippte in unserer Küche ein halbes Dutzend Schnäpse in sich hinein, verstaute anschließend den Koffer auf dem Gepäckträger und radelte wieder davon.
Drei Tage später war Eric verschwunden, so dass Börns keine Gelegenheit mehr erhielt, nach den Stümpfen zu sehen, somit auf dem Absatz kehrtmachte und unverrichteter Dinge, daher kopfschüttelnd auf seinem Fahrrad wieder davonfuhr.
Die Tage vergingen und da Eric nicht wieder auftauchte, lugte ich das eine um andere Mal heimlich durch das Schlüsselloch in sein Zimmer, das wir ansonsten nicht anrührten, zumal die Miete für ein halbes Jahr im Voraus bezahlt war.
Über unsere Insel schlichen schon bald allerlei Gerüchte, eines verrückter als das andere und mitunter gruselig, dass es einem kalt über den Rücken lief, doch niemand sah oder hörte wirklich etwas.
Als unsere Eichen begannen, sich unter den gierigen Händen des Herbstes zu verfärben, gelangte man zu der Überzeugung, dass es vermutlich keine längere Schiffsreise war, die das Verschwinden erklärte, so dass Hermann Bark, unser sichtlich aufgeregter Inselpolizist, dessen Autorität einzig in seiner Uniform bestand, schließlich an einem Dienstag die unverschlossene Tür öffnete. Doch wie erwartet war kein Eric zu finden, nicht unterm Bett noch im Schrank und auch nicht in der mit Schnitzereien verzierten Eichentruhe, die mich von jeher faszinierte. Stattdessen entdeckten wir einen Haufen Bücher und Bildbände, eine feinsäuberlich zusammengelegte Schiffsuniform, ein kunstvoll bemaltes Blasrohr mit Pfeilen, eine kleine Holzstatue aus Mahagoni, die ein mir unbekanntes Tier darstellte, ein Amulett mit einer Sonne darauf und vieles mehr. Alles war zwar ein wenig eingestaubt aber ansonsten ohne Makel.
”Wahrscheinlich ist er ersoffen”, bemerkte Jens Bremer, der keinen Kilometer von uns entfernt wohnte und solange ich denken konnte für die Instandhaltung der Deiche verantwortlich war. Es war nur zu offensichtlich, dass man ihn vorgeschickt hatte, um die Lage zu erkunden, ein Auftrag, den er nur allzu bereitwillig angenommen hatte, zumal er auf diese Weise vor allem seine eigene Neugierde befriedigen konnte.
”Na also!”
Mit diesen Worten blätterte Hermann Bark mit angestrengter Miene und Schweißperlen auf der Stirn in einem der Fotoalben, dass nur ein Motiv zu kennen schien, Katerine. Katerine beim Ballspiel, Katerine auf dem Fahrrad, Katerine auf der Veranda beim Träumen, Katerine im Baum, Katerine beim Schweißen und schließlich Katerine beim Baden. Es bedurfte keiner Worte um zu erklären, was hier zum Ausdruck kam und einmal mehr fragte ich mich, wo Eric wohl geblieben sein mochte. Vielleicht kletterte er gerade mal wieder auf einen Seelenverkäufer, aber vermutlich war er wirklich tot, hatte sich besoffen und war mit fiebriger Stirn durch die Gegend gestolpert, um zu guter Letzt in ein Wasser zu fallen, kopfüber geradewegs auf einen Stein.
Während Bark sich ziemlich ratlos am Kopf kratzte und Bremer die Genugtuung in den Augen leuchtete, bemerkte ich, wie Mutter auf jene Art in sich hinein lächelte, mit der sie uns regelmäßig wissen ließ, wie nah sie uns war und wie inwendig sie uns erkannte, ehe wir uns noch selbst durchschauten. Diese Bilder waren für sie offenbar alles andere als eine Überraschung, dabei jedoch gänzlich frei von jener Zweideutigkeit, welche die Eindringlinge so offensichtlich beseelte. Somit warf sie Bremer einen unmissverständlichen Blick zu, dass dieser verlegen zu Boden schaute, nahm Bark ohne ein Wort das Album aus der Hand, legte es an seinen Platz zurück und verabschiedete die kleine Versammlung mit den Worten ”ich denke, wir haben genug gesehen”.
Niemand wagte zu widersprechen.
Da es keinerlei Hinweise auf einen Unfall oder gar ein Verbrechen gab, erklärte man Eric wenig später einfach für verschollen. Die Gerüchte hielten sich noch eine Weile auf der Insel, doch irgendwann verebbten sie, weil ohne neue Nahrung.
Lediglich Kates Ruf hatte einmal mehr gelitten, da man hinter den Fotographien einen ordentlichen Skandal witterte, doch derlei Gerede beeindruckte meine Schwester nicht im Mindesten.
Dabei ging die Sache mit Eric keineswegs spurlos an ihr vorüber, so dass sie fortan nur noch selten umherstreunte und ungewöhnlich viel Zeit in ihrem Zimmer verbrachte, ohne dass wir eine Vorstellung davon hatten, was sie eigentlich dort trieb. Wann immer ich in ihre verdunkelte Miene blickte, ahnte ich, dass mehr dahintersteckte als die Trauer um den Verlust eines Freundes und Beschützers, doch machte sie keinerlei Anstalten, sich zu offenbaren.
5
Seit drei Wochen wohnte Helke nun schon unter unserem Dach und arbeitete an dem Bericht über Eric. Wann immer ich ihr begegnete, vor ihrer Zimmertür, auf der Treppe oder auf der Veranda, wusste ich außer einem ”guten Tag”, ”wie geht’s” oder ”was machen die Recherchen” so recht nichts Brauchbares zu sagen. Dass ich mir dabei ziemlich lächerlich vorkam, änderte auch nichts daran. Richtete sie beim morgendlichen Frühstück das Wort an mich, wusste ich umso weniger etwas Gescheites zu erwidern, je mehr ich darauf sann. Somit kam nur Nichtssagendes oder gar Übertriebenes heraus.
Zunehmend brachte es mich in Rage, dass ich in ihrer Gegenwart einfach nicht ich selbst zu sein vermochte und dass Mutter neuerdings ständig grinste wenn sie mich ansah, machte alles nur noch schlimmer. War Helke hingegen wie vom Erdboden verschluckt und konnte ich auch den dunkelblauen Ford nirgends entdecken, der im Übrigen bei dem Unfall abgesehen von ein paar Kratzern und einer Beule an der vorderen Stoßstange kaum etwas abbekommen hatte, beschlich mich alsbald der Gedanke, sie könnte ihr Vorhaben womöglich aufgegeben haben und abgereist sein, eine Vorstellung, die mir ebenfalls nicht recht war, so dass ich mich bei der nächstbesten Gelegenheit beiläufig nach ihr erkundigte.
Ich war damals gerade achtzehn geworden, hatte das Abitur inzwischen in der Tasche und keine rechte Vorstellung, wie es mit meinem Leben weitergehen sollte.
”Entweder du studierst oder du lernst einen Beruf, das eine oder das andere, aber glaube ja nicht, du kannst hier herumlungern und deiner Mutter auf der Tasche liegen”, polterte mein Vater los und wieder einmal war unverkennbar, dass sich seit seinem Unfall zwar sein Körper keineswegs aber sein
Wesen verändert hatte. Also suchte ich mir kurzerhand einen Job und ließ mich weder durch Vaters ungläubige Miene noch durch Mutters verdächtige Blicke davon abhalten, fürs erste aushilfsweise in der Werkstatt von Frieda Storm, einem befreundeten Bootsbauer, anzuheuern, dort, wo auch Eric bis zu seinem Verschwinden gearbeitet hatte.
”Und dafür hast du nun deinen Schulabschluss gemacht.”
Auf derlei Kommentare meines Vaters stieg ich gar nicht erst ein. Stattdessen zeigte ich ihm stolz meine schwieligen Hände, was ihn regelmäßig vor die Tür trieb.
”Nun lass doch den Jungen in Ruhe!”
Für diesen Ausspruch meiner Mutter war ich ihr aufrichtig dankbar, zumal ich wusste, dass sie stets auch meinte, was sie sagte. Überhaupt liebte Mutter meine Schwester und mich so wie wir waren, zwar nicht ohne ihre eigene Meinung und eine ordentliche Auseinandersetzung, wenn es nötig war, aber letztlich doch ohne Vorbehalte und Bedingungen. Sie liebte uns, weil wir ihre Kinder waren, liebte uns mal beglückt dann auch wieder bestürzt, jedenfalls hörte sie nie damit auf, auch dann nicht, wenn ich mich dazu entschlossen hätte, ein Leben lang Hilfsarbeiter zu bleiben.
