Der Vorfall - Urs Triviall - E-Book

Der Vorfall E-Book

Urs Triviall

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Beschreibung

Die Handlung beginnt "eines schönen Tages" geraume Zeit nach dem Abklingen der Corvid19-Pandemie mit einem Telefon-Anruf aus dem Jenseits, und zwar von meiner Ehefrau, die vor fünf Jahren verstorben ist. Da sich die Anrufe der Fremden hartnäckig wiederholen, beginnt eine Auseinandersetzung über die Wahrscheinlichkeit. Schließlich sind die Aussagen der Anruferin so eindeutig, dass es sich nicht um eine Betrügerin handeln kann. Ich lasse mich also auf den Kontakt ein und werde aufgefordert, auf der Erde für Abrüstung und Frieden tätig zu werden. Weil nämlich die Jenseitser die möglich gewordene telefonische Verbindung aus dem Jenseits zur Erde nutzen wollen, um die Menschheit endlich zur Vernunft zu bringen. Im Jenseits bemühen sich verstorbene Heilige, Philosophen, Politiker und Dichter um menschlichen Fortschritt auf der Erde. Meine Frau berichtet mir über die jenseitigen Debatten und lässt mir die Erklärungen der einstigen Weltgrößen per Fax zukommen. Auf der Erde werden die Anrufe zum Problem; denn nicht nur ich werde angerufen. Es wird ein neues Virus vermutet.. Im Jenseits sind auch Verstorbene anderer Planeten, insbesondere von der Maxima, der weltgrößten Erde, die unserer Erde um zweitausend Jahre voraus ist. Von der Maxima war Jesus einst mit einem Raumschiff gekommen. Jetzt entscheiden die Maximaner, der Erde wieder einen Besuch abzustatten, und zwar mit einem gigantischen Raumschiff. Geplant ist eine Erdumrundung und schließlich eine Wasserung vor Israel. Der Staatschef der Maxima möchte Jerusalem und Bethlehem besuchen, insbesondere aber soll eine friedenstiftende Konferenz stattfinden. Die Staatschefs von China, USA und Russland sowie Israel und Palästina versammeln sich bereits in Tel Aviv, doch das Raumschiff der Maxima kommt nicht an. Es wurde auf der letzten Etappe, auf dem Flug von Kapstadt zum Mittelmeer von einer unbekannten Macht beschossen und hat prompt die Heimreise angetreten. Jenseitser und Maximaner werden sich einig in der Auffassung, dass die Erde noch tausend Jahre braucht, um endlich zur Vernunft zu kommen… Ich, Urs Triviall, berichte und kommentiere mit möglichst gesundem Menschenverstand, was mir widerfahren ist. Eine zweite Perspektive ist die meiner Frau Petra aus dem Jenseits, die dort gut informiert ist, abgeklärter auf die Erde schaut, ihre einstige irdische Aktivität aber nicht verloren hat. Eine dritte Perspektive ist die unterschiedliche Sicht der verstorbenen Persönlichkeiten auf ihr einstiges Wirken auf der Erde und ihre aktuelle Einschätzung des Geschehens auf unserem Planeten.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Urs Triviall

Der Vorfall

oder Illusionen im Jenseits

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Anruf

Jenseitser

Abwegige Gedanken

Echte Wunder

Klipp und klar

Horch und Guck

Unvorstellbare Verhältnisse

Die Anruferin weiß zuviel

Kuhschnappel

Heiliger Bimbam

Wie im Fieber

Das Märchenbuch

Schon wieder ein Virus?

Demo in Leipzig

Die Besucherin

Influencer

Schaum auf der Welle

Brauchbare Erfindungen

Die neue Lage

Tumult im Jenseits

Die Flucht

Das Luder

Empfehlungen

Die Kinder

Bürgerinteressen

Raumschiff via Erde

Einmischung

Die soziale Inklusion

Prinzip Demokratie

Es wird ernst

Allgemeine Hysterie

Sightseeing

Mega-Einmischung

Schwätzen mit Petra

Die Golanhöhen

Politisches Erdbeben

Querschießer

Die Entscheider

Schlusswort

Impressum neobooks

Der Anruf

Eines schönen Tages hatte das Telefon geklingelt, etwas lauter als üblich, wie mir schien. Ich hatte mich gerade zu meinem Mittagsschlaf niedergelegt und war übel gelaunt, wie immer, wenn Anrufe zu ungünstiger Zeit stören. Aber natürlich hatte ich zum Telefon gegriffen und mich gemeldet. Und dann war ich zur zitternden Salzsäule erstarrt. Da hatte mir eine Frauen-Stimme gesagt:

„Hallo, Dad! Hier spricht Petra, deine Frau. Wie geht es dir?“

Ich war absolut sprachlos gewesen, hatte fast atemlos die Austaste gedrückt und das Telefon abgelegt. Was war das für eine bodenlose, für eine unverzeihliche Gemeinheit! Wer konnte so unverschämt sein und sich als meine Frau ausgeben? Sie war seit fünf Jahren tot. Sie konnte nicht am Telefon gewesen sein.

An Mittagsschlaf war an diesem Tag nicht mehr zu denken gewesen. Zwar hatte ich mich erneut niedergelegt, aber mich unruhig und aufgebracht immer wieder von der einen zur anderen Seite herumgewälzt. Schließlich hatten sich die Gedanken um eine bohrende Frage gedreht: Wer ist die Frau, die einem Neunzigjährigen dermaßen bösartig mitspielt?

Inzwischen ist einige Zeit verstrichen und es sind Dinge geschehen, die menschliches Fassungsvermögen überfordern und sich außerhalb jeglicher menschlicher Vorstellung bewegen. Vielleicht reicht meine Kraft noch, den Hergang des Übersinnlichen, aber letztlich wohl doch nur irdisch Bösartigen zu schildern. Mögen Leser wie Leserinnen mir verzeihen, wenn sie Unglaubliches zu lesen bekommen. Aber es hat sich zugetragen, so unfassbar es ist. Und wenn man für das Geschehen eine Erklärung zu finden sucht, dann gibt es aus meiner Sicht eigentlich keine. Nur Vermutungen, und zwar zwei, gefunden nach unruhigen Tagen und schlaflosen Nächten.

Nämlich: Bleibt man auf dem Boden dieser Erde, dann steht fest, dass sich jemand mit großer Ausdauer und sehr viel Phantasie einen bösartigen Scherz erlaubte. Begibt man sich jedoch willig in die Sphären des Überirdischen, von wo der Anruf ja gekommen sein müsste, dann beginnt man zu glauben, dass tatsächlich meine Frau aus dem Jenseits anrief.

Zu dieser freilich äußerst fragwürdigen Annahme kann man verblüffenderweise durchaus gelangen, wenn man der aktuellen Wissenschaft folgt. Nach deren Maßgaben ist das Weltall, in der sich unsere Erde bewegt, nicht nur unendlich groß, es fliegt obendrein mit unglaublicher Geschwindigkeit unentwegt auseinander. Es dehnt sich aus!

Also muss nebenan irgendwie noch allerhand Platz sein, leerer Raum also! Was zum Teufel ist dort? Just das Jenseits! Ohne Zweifel. Einschließlich der Möglichkeit, von dort aus mit moderner Technik hier anzurufen! Nichts ist unmöglich! Neuerdings.

Als damals der Anruf gekommen war, war meine Ruhe eines Rentners in gesegnetem Alter dahin. Die unfassbare Unsäglichkeit trieb mich zum Friedhof. Ich wusste, ich würde dort zwar keine Antwort finden, aber eben vielleicht so etwas wie seelischen Trost nach stillem Disput mit dem lieben Menschen, dessen sterbliche Überreste dort ruhen.

Ich trat an das mit einer braunen Marmorplatte abgedeckte Grab, empfand gequält meine absurde Situation und musste, noch ehe ich mit meiner Frau im Stillen hatte sprechen können, ungewollt an ein Ereignis denken, das der Gedenk-Zeremonie am Tage der Bestattung einen unerwartet irren Touch gegeben hatte. Dem extra engagierten Countertenor, der mit der Pianistin einige Zeit in der kalten Friedhofskapelle hatte warten müssen, misslangen nämlich so gut wie alle Töne. Der junge Mann, unglücklich über sein Missgeschick, krähte erbarmungswürdig. Und die Misstöne mischten sich gnadenlos in den tiefen Schmerz. Das Desaster schien mir damals gleichsam symbolisch für die absolute Widersprüchlichkeit unseres Daseins. Die innigste Einkehr war durch einen banalen Zufall tragikomisch gestört worden. Und ich wusste, meine Frau, eine Musikwissenschaftlerin, hätte sich höchstwahrscheinlich pietätlos amüsiert.

Die unerwartete Erinnerung an dies absurde Ereignis holte mich in meine wahnwitzige Gegenwart zurück. Ich stand still und kämpfte mit den Tränen. Dann sagte ich meiner Frau, was mir zur Zeit widerfuhr - dass sich eine Fremde anmaßte, sich als sie auszugeben. Stille umgab mich, Schweigen. Nicht einmal ein Vogel nahm mich wahr. Ich verließ den Friedhof.

Es begann eine trübe Zeit. Immer wieder verfiel ich in Grübeleien. Wenn ich an meine Vernunft appellierte und mich entschied, diesem elenden Anruf und der ebenso elenden Anruferin nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken, dann hatte ich Minuten, in denen der Alltag normal verlief. Zumal kein neuer Anruf gekommen war.

Also morgens möglichst lange schlafen, geruhsam frühstücken, Zeitung lesen, sich an den Computer setzen, zappen, scrollen, Nachrichten gucken, Fußball-Tabellen studieren, Tropico spielen, an den eigenen Homepages basteln. Mittags Spiegelei, Hefeklöße, Waldpilz-, Linsen- oder Spargelsuppe. Naja. Mittagsschlaf, danach Fische füttern und Teichfrosch gucken. Und so weiter. So eben dies und jenes bis in den späten Abend.

Doch der Appell an die Vernunft war offenbar nicht nachhaltig genug. Wohl auch, weil es geraume Zeit vor dem mysteriösen Anruf schon einmal einen seltsamen Anruf gegeben hatte, der sogar zum Besuch durch die Polizei geführt hatte.

Zu später Stunde hatte mich ein Herr mit sehr seriöser Stimme angerufen, sich als Polizeikommissar ausgegeben und mir mitgeteilt, dass sie soeben in meiner unmittelbaren Nachbarschaft ein Einbecher-Duo festgenommen hätten, bei dem sie einen beachtenswerten Zettel gefunden hätten. Auf dem Papier stünde, dass in meinem Haus einige Goldbarren und 200000 Euro in bar gelagert seien und die Bedingungen für einen Einbruch günstig wären. Etwas kopflos hatte ich damals dem Herrn Kommissar klar zu machen versucht, dass derlei Beute bei mir nicht zu holen sei, und er hatte mir versichert, dass sie mit genügend Kräften einsatzstark vor Ort seien und derzeit also keine Gefahr bestünde.

Nachdem ich damals aufgelegt hatte, schien mir der beunruhigende Vorgang sehr verdächtig und ich beschloss, die Polizei anzurufen. Von da wurde mir erst einmal mitgeteilt, dass die Polizei grundsätzlich keine Bürger anruft und mir zur Beruhigung würde man eine Streife vorbeischicken. Was denn auch geschah. Die Beamten nahmen meine Anzeige entgegen, amüsierten sich ein wenig über meine Unbedarftheit, klärten mich noch einmal auf und überließen mich meinem Schicksal. Dies befremdliche Ereignis war inzwischen in Vergessenheit geraten, mir jetzt aber wieder in den Sinn gekommen. Was dazu beitrug, dass ich immer wieder ins Grübeln kam.

Und dies andauernde Kopfzerbrechen führte einmal mehr zu ärgerlichen Ergebnissen. Ich warf mir vor, nicht so clever gewesen zu sein, auf dem Display des Telefons nach der Nummer der üblen Anruferin geschaut zu haben. Kopflos und überstürzt hatte ich aufgelegt. Nun muss ich gestehen, dass ich es mir nicht zur Gewohnheit gemacht habe, bei einem Anruf nach der Nummer zu schauen. So viel Anrufe bekomme ich ohnehin nicht mehr, dass das so unbedingt notwendig gewesen wäre. Zumal das ja auch nicht aussagekräftig sein soll. Irritierend ist es ohnehin. Einmal hatte ich einen Anruf abgelehnt, weil da stand „Nummer unterdrückt“. Solchen Leuten, die es nötig haben, ihre Nummer zu unterdrücken, gestatte ich keinen Anruf. Wenig später aber hatte sich herausgestellt, dass der Anrufer die Nachbarin gewesen war, die mir eine Belanglosigkeit hatte mitteilen wollen. Die Nachbarin?

Das war eine einsame Witwe in einem Alter, in dem man durchaus noch weibliche Ambitionen haben kann. Sie hatte wahrscheinlich zum Zeitvertreib oder warum auch immer die Neigung zu registrieren, wann ich morgens das Rollo hochziehe, wann ich einen Spaziergang mache, wann ich mit dem Auto losfahre oder wann ich mich im Garten aufhalte. Dann tauchte sie gern am Gartenzaun auf und suchte das Gespräch. Was insofern nützlich war, dass ich stets zwar meist belanglose Neuigkeiten aus der Nachbarschaft erfuhr, aber immerhin einigermaßen auf dem Laufenden war, was sich im Ort begab. Ein ergiebiges Thema waren die Wildschweine, die sich sehr gern gegebenüber im Wald aufhalten und dort hemmungslos wühlen. In merkliche Schwierigkeit war ich geraten, als ich mit ihr über meine Beschwerden beim Spaziergang durch den Wald gesprochen hatte. Mir fällt das nämlich zunehmend schwer und ich gehe deswegen auch nicht mehr gern allein. Ich habe zwar immer das Handy dabei, aber man kann nie wissen. Und prompt bot sie sich als hilfreiche Begleiterin an. Das war sehr nett und ich bedankte mich auch artig, aber in diese merkwürdigen Beziehungs-Abhängigkeiten, in die man durch solch einen Kontakt gerät, wollte ich mich keinesfalls begeben. In Betrachtung aller Umstände kam ich zu der Meinung, dass die Nachbarin nicht in Frage kam.

Schon war ich bei einem weiteren ärgerlichen Punkt. Ich konnte mich nicht mehr an die Stimme der Fremden erinnern! War es die Stimme meiner Frau gewesen? So kramte ich denn meine Video-Filme von unseren gemeinsamen Kreuzfahrten hervor, die in einer Ecke eines Schrankes ein kümmerliches Dasein fristeten, und legte eine DVD nach der anderen auf. Aber eine brauchbare Antwort fand ich nicht. Die Stimme meiner Frau hatte stets eine wohltuende Ruhe und Souveränität ausgestrahlt, war zart und klar, kam aus einem starken Lebenszentrum. Die Stimme der Anruferin hingegen schien zwar ähnlich gewesen, hatte aber auch etwas Raues, etwas Schnarrendes. Je mehr ich darüber grübelte, desto gewisser wurde ich, dass es nicht die Stimme meiner Frau gewesen sein konnte. Bis zu dem Tag, an dem ein zweiter Anruf geschah.

Geradezu verhängnisvoll war, dass ich mir trotz aller Grübelei keine Strategie festgelegt hatte für den Fall, dass wieder angerufen würde. Zumal ich das Ganze schließlich für einen einmaligen bösen Scherz hielt, der sich nicht wiederholen würde. Arglos also griff ich zum Telefon, meldete mich und hörte bestürzt:

„Hallo Dad, warum hast du denn aufgelegt? Wir müssen doch reden!“

Ich hatte keine andere Möglichkeit, als schnell auf die Austaste zu drücken. Dann setzte ich mich hin und starrte fassungslos zum Fenster hinaus. Was war da los? Das Unglaubliche, das Ungeheuerliche war, dass ich trotz aller Flüchtigkeit diesmal in den paar Sekunden die Stimme meiner Frau herausgehört zu haben glaubte. Das beunruhigte mich nun wirklich ernsthaft. Leider verfüge ich nicht über eine Technik, die es erlaubt, eingegangene Anrufe nach Belieben zu wiederholen. Weil mir das nicht möglich war, geriet ich wieder ins Kopfzerbrechen und war schließlich geneigt, meinem spontanen Empfinden zu mißtrauen.

Zumal ein anderer Punkt in meine Aufmerksamkeit gerückt war. Ich hatte nämlich diesmal immerhin in dem Moment des Einschaltens des Anrufes nach der Nummer auf dem Display geschaut. Wo gähnende Leere gewesen war! Wieso das denn? Wieviel Rafinesse war da unterwegs? Oder sollte ein Anruf aus dem Jenseits diese Besonderheit haben? Ich zwang mich zur Vernunft. Dieser hahnebüchene Irrsinn musste irdisch sein. Irgendein verrücktes Weib trieb da ein gemeines Spiel.

Ich musste an die Spam-Mails denken, die ich stets wegklickte, Woche für Woche. „Ich will heute Abend mit dir spielen!“ hieß es da verlockend, versehen meist mit dem Foto einer verführerisch aufgeputzten jungen Frau, die einen herausfordernd freundlich anschaute. Als ich einmal – neugierig wie ich nun einmal bin – solche Mail, auf der eine Daniella für sich warb, angeklickt hatte, landete ich auf einer Seite, auf der mich zwei locker gekleidete Mädchen anlachten, geheißen nun nicht mehr Daniella, sondern Jessica, 24, und Kath, 26. Diese beiden, wurde verkündet, wollten einfach nur Spaß haben, befänden sich ganz in meiner Nähe, nämlich kaum 10 km entfernt, und stünden alsbald für ein Spiel zu Verfügung. Ich brauchte nur auszuwählen. Also ein nächster Klick war fällig gewesen. Den ich mir freilich verkniffen habe. Wäre ich jünger, wer weiß, wie ich mich verhalten haben würde. An diese moderne Art von Annäherung musste ich jetzt denken.

Dann aber wurde mir urplötzlich heiß und kalt. Mir wurde bewusst, dass diese fremde Frau ja zweimal „Dad“ zu mir gesagt hatte. Das war nun wirklich echt beunruhigend. Denn mir fiel ein, dass mich meine Frau in unserer mit goldener Hochzeit gekrönten Ehe selten mit meinem Vornamen angeredet hatte, sondern manchmal Papa, meist aber Dad gesagt hatte. Woher wusste das diese fremde Frau? Es musste, es konnte nur eine Person sein, die uns einst oder längere Zeit sehr nahe gestanden hatte, die unseren sprachlichen Umgang miteinander kennen musste. Gab es solche Frau überhaupt. Je länger ich darüber nachdachte, desto gewisser wurde ich, dass es eine solche Frau nie gegeben hatte. Was aber hieß das? Die Anruferin könnte höchstwahrscheinlich tatsächlich meine Frau sein. Nein! Unmöglich! Alle - freilich bedenklich schwindende - Vernunft in mir bäumte sich auf.

Noch einmal ging ich die Liste der möglichen Kandidatinnen durch. Es konnte ja ohnehin eigentlich nur eine Person sein, die uns schon früher hin oder wieder als etwas egozentrisch, als etwas überkandidelt aufgefallen sein musste. Doch solche Person gab es nicht. Wie es überhaupt auch keine Liste gab. Mir wurde bewusst, dass wir unsere Ehe mit unseren zwei Kindern über all die Jahre ziemlich abgekapselt gelebt hatten. Nahe Bekannte in der Nachbarschaft, die meiner Frau in jungen Jahren geholfen hatten, in Berlin Fuß zu fassen, gab es nicht mehr. Sie waren verstorben. Auch ehemalige Kolleginnen meiner Frau gab es im Grunde nicht mehr. Wir hatten es kaum erfahren, wenn sie verstorben waren. Bei einer von ihnen, bei Vera, hatten wir immerhin unsere Anteilnahme bei der Beerdigung zeigen können. Vera wäre vielleicht eine Kandidatin gewesen. Obwohl, sie war im Grunde viel zu feinsinnig, um auf einen solch abwegigen Gedanken zu kommen, sich als meine tote Frau auszugeben.

Ich hatte alle Mühe, nicht den Kopf zu verlieren. Ich entschied zu versuchen, die makabre Angelegenheit möglichst aktiv anzugehen. Vor allem durfte nicht wieder passieren, dass ich den Anruf so schnell beendete, sollte er denn doch noch einmal geschehen. Im Gegenteil, ich musste versuchen, mit der dreisten Anruferin ins Gespräch zu kommen, vielleicht gar mit ein, zwei Fragen ein wenig zu erhellen, wer sich hinter dem Irrsinn verbergen könnte.

Jemanden ins Vertrauen zu ziehen, wäre zur Wahrung meines seelischen Gleichgewichts wahrscheinlich gut gewesen. Aber das versagte ich mir, und zwar grundsätzlich. Die Erfahrung mit den zwei freundlichen Polizisten genügte mir. Ich hatte damals sehr wohl gespürt, dass sie in mir den schon etwas dussligen alten Herrn gesehen hatten. Was wohl würden Polizisten von mir halten, wenn ich ihnen die aberwitzige Geschichte von der mysteriösen Anruferin auftischen würde? Ich dürfte ihnen nicht einmal verargen, wenn sie still und allsobald nach einem Irrenarzt rufen würden. Vielleicht ließe sich dies vermeiden, würde ich nur von der Hartnäckigkeit der Stalkerin sprechen, nicht aber davon, dass deren Anrufe möglicherweise aus dem Jenseits kamen. Mit dieser irren Annahme durfte ich niemandem kommen. Das verbot sich grundsätzlich; denn es konnte, es konnte nicht stimmen.

Jenseitser

Dann kam der dritte Anruf. Schriller als sonst schien mir die Klingel. Ich merkte auf. Für einen Moment zögerte ich. Einfach nicht rangehen, blitzte der Gedanke. Wer sollte sonst anrufen? Die Kinder konnten es nicht sein, sie pflegten es regelmäßg abends zu tun. Es konnte freilich auch solch ein Anruf sein, bei dem man am anderen Ende der Leitung ein Sprachgewirr vernimmt und dann eine Stimme in fremder, meist englischer Sprache auf einen einredet. Da pflege ich „thank you“ zu sagen und gleich wieder aufzulegen. Unterdessen tönte die Klingel. Ich griff zum Telefon.

„Ja?“ sagte ich.

„Ja, schön, du! Ich bin’s, Petra. Sei nicht zu überrascht.“

„Bin ich aber!“

„Musst du nicht! Das wird ganz normal! Wir können mit der Erde telefonieren.“

„Wer wir?“

„Wir Jenseitser.“

Mehr konnte ich nicht verkraften. Ich drückte die Austaste und legte das Telefon ab. Apathisch blieb ich sitzen, starrte ein Loch in die Gegend, spürte plötzlich, dass ich hemmungslos zitterte. Endlich fand ich meine Fassung ein wenig wieder, als ich zunehmend trotzig leise vor mich hin formulierte: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Immer wieder murmelte ich: „Das kann doch nicht wahr sein!“

Langsam wurde mir wohler, ich zitterte nicht mehr. Wie kann man derartige Unverschämheit unterbinden? Gibt es überhaupt ein Mittel? Vielleicht musste ich denn doch die Polizei einschalten. Und schon haderte ich wieder mit den Vorbehalten. Man würde mir nicht glauben. Man konnte es ja auch wirklich nicht glauben. Zaudernd erhob ich mich, versuchte wieder in Gang zu kommen. Ablenkung! Ja, ich brauchte jetzt irgendeine beruhigende Ablenkung. Irgendeine vulminante Aktivität, die mich voll in Anspruch nimmt, die alles Ungemach dieses Daseins vergessen macht.

Eine Idee erwachte, die schon vor geraumer Zeit aufgekeimt war, von mir aber schnell verworfen worden war. Ich war zu alt dazu. Jetzt jedoch schien mir das Alter unwichtig. Ich fand, dass mir eine Begegnung mit einer nackten Frau gut tun könnte, mich absolut ablenken würde, selbst wenn es bei mir nur dazu reichen würde, nach ihren bloßen Brüsten zu fassen. Oder vielleicht sogar tief in ihr sich öffnendes Heiligtum. Wer weiß, vielleicht würde mich das dann sogar zu mehr fähig machen.

Ich setzte mich an den Computer, wählte Google und verharrte. Welchen Begriff musste man eingeben, um zum Ziel zu kommen? Es musste so etwas wie ein Dienst sein, der Speisen ins Haus bringt. Ein Dienst, bei dem man sich eine dienstbare Frau bestellt, die nach geraumer Zeit vor der Tür steht, ohne irgendwelche moralischen Skrupel ins Haus tritt, sich ein wenig umschaut und willig mit zur Couch kommt. Man legt ihr das Geld hin, und sie zieht sich aus. Man macht artig darauf aufmerksam, dass man selbst nur eingeschränkt dienstbar sein kann und erntet ein verständnisvolles Lächeln. Und dann räkelt sich auch schon eine nackte und hoffentlich attraktive junge Frau auf der Couch. So in etwa.

Aber vorher muss man herausbekommen, wie man sich solch Erlebnis ins Haus holen kann. Also Google! Welcher Begriff? „Hausbesuch?“, „Willige Frau?“, „Erotischer Service?“ Jetzt rächte sich, dass ich ob meines Alters nie in diese Richtung recherchiert hatte. Schon bei dem Gedanken an solch ein Unternehmen, der mir immerhin hin und wieder gekommen war, hatte ich stets sofort das Empfinden, dass mir meine Frau im Wege stehen würde. Es würde mir einfach nicht möglich sein, ein erotisches Interesse für eine andere, für eine völlig fremde Frau zu erzeugen. Jetzt unterdrückte ich das Empfinden, jetzt stand es mir im Wege. Also los! Welcher Begriff? Ich verharrte neuerlich über der Tastatur.

Da schrillte das Telefon. Ich zuckte zusammen. War das schon wieder die irre Anruferin? Ich griff zum Telefon, schaute. Das Display leer, keine Information. Also tatsächlich! Die Irre!

„Ja!“ sagte ich böse und laut.

„Dad, ich versteh das doch. Es ist ungeheuerlich, ich weiß. Aber du musst dich daran gewöhnen…“ sagte die Stimme behutsam und geduldig.

Bebend vor Wut ließ ich meiner Empörung freien Lauf.

„Sie unverschämte Person!“ brüllte ich ins Mikrofon, „halten Sie die Fresse und lassen sie mich in Ruhe!

Ich drückte die Taste und rutschte in mich zusammen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich als Häufchen Unglück gesessen habe. Ich war zu keiner Bewegung fähig. Die Idee, die ich noch eben verfolgt hatte, war erloschen, war einfach weg. Eine Dirne wäre keine Antwort jetzt. Gab es überhaupt eine Antwort? Vermutlich nein. Ich war der Fremden absolut ausgeliefert. Nein, nicht absolut. Aber irgendwie eben doch.

Langsam, sehr langsam kehrte das Leben in mich zurück. Ich rang mich zu dem Entschluß durch, künftig den Anruf der Fremden zu ignorieren, sofort die Austaste zu drücken und zur jeweiligen Tagesordnung überzugehen. Das würde zwar Kraft kosten, müsste aber zu machen sein. Je mehr ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich.

Abwegige Gedanken

Die Fremde ließ mich in Ruhe. Seltsamerweise war das aber genau das, was mich unruhig machte. Hatte mein energisches Gebrüll wirklich dazu geführt, dass sie die Lust verloren hatte, mich zu behelligen? Ich will nicht sagen, dass mir plötzlich etwas fehlte. Aber irgendwie war eine Rechnung offen geblieben. Zumindest hätte ich gern gewusst, wieso eine fremde Frau auf die Idee gekommen war, sich als meine Frau auszugeben und mich auf so unverschämte Weise zu kontaktieren. Es hätte ihr ja klar sein müssen, dass sich mit dieser Art teuflischen Charmes keine Beziehung herstellen lässt. Man macht zwar absolut auf sich aufmerksam, erzeugt aber nur Ablehnung. So doof kann eigentlich keine Frau sein.

Doch was ist die Alternative? Schon wenn ich die Frage stellte, wurde mir mulmig. Denn es keimte da ein Gedanke, dessen Entstehen ich eigentlich hätte unterbinden müssen. Der Gedanke, dass sich da tatsächlich so etwas wie meine Frau am anderen Ende der außerirdischen Leitung befinden könnte. Ein grundsätzlich völlig abwegiger Gedanke! Zweifellos!

Jedoch ein Gedanke mit Entfaltungsvermögen. Weil nämlich zur Zeit auf dieser Erde mit Hilfe der modernen elektronischen Technik Dinge möglich werden, die früher einfach undenkbar waren. Neuerdings zum Beispiel plant man, eine elektronische Verbindung zum menschlichen  Gehirn zu schaffen. Noch wird an Schweinen experimentiert. Das Instrument, das - wie es heißt - Informationen zwischen menschlichen Neuronen und einem Smartphone übertragen können wird, hat einen Durchmesser von 23 Millimetern. Es muß in den Kopf implantiert und mittels feinster Drähte mit Nervenzellen verbunden werden. Wenn es funktioniert – und daran arbeitet die elektronische Forschung beharrlich -, kann es neurologische Signale lesen und auch senden. Ein Minicomputer mit sensationeller Perspektive also. Er wird für die Behandlung von Schmerzen, Sehstörungen und Hörverlust eingesetzt werden können, auch bei Schlaflosigkeit, Gehirnschäden oder bei Verletzungen des Rückenmarks. Mit Hilfe dieser Technologie wird es wahrscheinlich sogar möglich werden, verletztes Nervengewebe zu überbrücken und damit zu erreichen, dass behinderte Menschen wieder zu laufen vermögen. Und weil der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, träumen Wissenschaftler und Unternehmer bereits davon, mit Hilfe dieser Technologie ihre Gedanken auszutauschen, ohne sie aussprechen zu müssen. Auch hofft man, eines nicht allzu fernen Tages Gedanken unmittelbar auf Speicher zu übertragen oder auf Roboter, die man auf diese Weise steuert. Gruselig das alles.

Noch gruseliger ist die Vorstellung, dass künftig Autos autonom auf den Straßen verkehren. Auch hier sind Wissenschaft und Wirtschaft international im Wettbewerb. Damit alles seine Ordnung hat, wurde für das selbstfahrende Auto ein Levelsystem eingeführt. Beim ersten Level ist noch alles wie gehabt. Der Fahrer ist der Herr der Dinge und fährt sein Auto. Beim zweiten Level handelt es sich um sogenanntes teilautomatisiertes Fahren. Der Fahrer muss sein Fahrzeug zwar beherrschen, aber sein PKW kann manche Aufgaben zeitweilig selbst ausführen, zum Beispiel auf der Autobahn die Spur halten, bremsen und beschleunigen. Beim dritten Level, der Stufe der Hochautomatisierung, kann das Auto bestimmte Aufgaben für einen kurzen Zeitraum selbstständig und ohne Eingriff des Fahrers bewälti-gen. Der PKW überholt, ordnet sich wieder in die Spur ein, bremst, beschleunigt – je nachdem es die Verkehrssituation erfordert. Das wird wohl auf Autobahnen bald real werden. Der Fahrer kann dann zum Beispiel Zeitung lesen oder sich mit seinen Kindern auf dem Rücksitz beschäftigen. Das vierte Level, das vollautomatisierte Fahren, ist noch Zukunftsmusik. Der Fahrer wird die Führung seines Autos komplett abgeben können und zum Passagier werden. Das Fahrzeug bewältigt bestimmte Strecken, vornehmlich Autobahn und Parkhaus, völlig selbstständig. Das wohl Wichtigste bei diesem Level: Das System erkennt seine Grenzen, und zwar so rechtzeitig, dass es regelkonform einen sicheren Zustand erreichen kann. Beim fünften Level schließlich, beim autonomen Fahren, bewältigtdie Technik im Auto alle Verkehrssituationen selbstständig.Himmel hilf, was da so alles auf uns zukommt.

Warum zum Teufel soll es nicht auch im Jenseits Fortschritte in der Forschung geben? Der Gedanke ist abwegig, ich weiß. Aber denkbar. Und ich dachte ihn damals. Und nachdem ich ihn gedacht hatte, war ich geneigt, die Anrufe der Fremden anders zu bewerten. Aber sie kamen nicht mehr. Die Irre schwieg. Und ich war es zufrieden.

Was indessen nicht verhinderte, dass ich hin und wieder dennoch darüber nachdachte. Und irgendwann schien es mir selbstverständlich, die Anruferin, sollte sie sich denn doch noch einmal melden, erst einmal ausreden zu lassen. Mit meiner verständlichen Empörung hatte ich bisher verhindert, mehr von dieser seltsamen Person zu erfahren. Offenbar hatte sie ein merkliches Mitteilungsbedürfnis. Warum sollte ich mir nicht einfach einmal anhören, was sie alles mitzuteilen hatte. Es war dies gewiss in der Summe ein erbärmliches Schauermärchen. Aber anhören könnte ich es mir schon. Aus Neugier. Warum auch immer. Jedenfalls nicht mehr brüsk ablehnen.

So begab es sich denn, dass ich auf einen Anruf der Fremden regelrecht wartete. Ich kam mir blöd vor, aber ich wartete. Ich fand mich saublöd, aber ich wartete. Ich hielt mich für superblöd, aber ich wartete. Mein Leben hatte einen anderen Zuschnitt bekommen.

Echte Wunder

Ich suchte Erbauung und Erholung in der Natur. Was ich auf Grund meines Alters schon aufgegeben hatte, setzte ich noch einmal auf die Tagesordnung. Ich mühte mich, meinen schönen Naturgarten wenigstens notdürftig zu betreuen. Was ob meiner körperlichen Hinfälligkeit ganz und gar nicht leicht fiel, auch täglich nur für kurze Zeit möglich war, mich dennoch erfreulich ablenkte.

Vor allem an meinem kleinen Fischteich wurde ich aktiv. Viel zu viel Fadenalgen hatten sich breit gemacht, sich obendrein innig mit der Wasserpest vermengt, deren Stengel bis zu 3 m lang werden können. Dadurch war der Raum für meine Fische arg eingeschränkt, vor allem für meine beiden Kois, die beide immerhin schon eine beachtliche Größe von mindestens einem halben Meter erreicht haben. Ich zerrte das Pflanzengemenge aus dem Teich, startete eine mühevolle Geduldsprobe, nämlich die Fadenalgen von der Wasserpest zu trennen und Letztere wieder in den Teich zurück zu geben. Die Fische dankten es mir, indem sie die frei werdenden Räume sofort inspizierten.

Auch die Seerose hatte eine Pflege nötig. Als ich eingriff, bat ich die Pflanze in gewissem Sinne um Vergebung, denn sie hatte nur getan, was ihr eigen war, nämlich sich auszubreiten. Eine in die Jahre gekommene Seerose beansprucht sehr viel Platz, weit mehr als ihr in meinem Teich zu Verfügung steht. Also entfernte ich viele Blätter, die unterm Wasser an langen Stielen hängen und als ein dichtes Gewirr den Fischen Platz wegnehmen.

Schließlich musste das höchst expansive Schilf reduziert werden. Was gar nicht so einfach ist. Die einzelnen Triebe sind im Teich fest im Wurzelwerk verankert, und sie herauszuziehen gelingt eigentlich nur, wenn sie im Frühjahr noch relativ lose sind. Sobald sie ihre normale Größe erreicht haben, kann man sie nur mit Gewalt herauszerren. Und dann hat man in der Regel auch allerhand Wurzel mit am Stengel. Ich war jedenfalls sehr schnell erschöpft und vertagte die Aktion.

Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen für geruhsame Schläfchen auf einer Liege im Grünen mit erbaulichem Blick auf Tannen, Fichten, Walnußbaum und Linde. Was wir vor Jahrzehnten gepflanzt haben, ist mittlerweile stattlich herangewachsen und ergibt eine zauberhafte Naturkulisse. Ich hätte sie viel mehr genießen sollen. Aber abgesehen davon, dass ich aus gesundheitlichen Gründen die Sonne meiden muss, hatte ich dazu im Moment ohnehin wenig Neigung. Mir fehlte einfach die innere Ruhe, die man braucht, um auf Müßiggang zu schalten. Die meiste Zeit verbrachte ich damit, meine Homepage auf HTML5 umzubauen und bei Google auf einen Spitzenplatz zu bringen.

Als ich mich eines Tages bei angenehmem Wetter denn doch einmal auf eine Liege legte, um an der frischen Luft ein wenig zu ruhen, fand ich keinen Schlaf; denn ob nun gewollt oder nicht kreisten meine Gedanken im Nu erneut um diese mysteriöse Fremde. Es konnte einfach nicht sein, dass irgendwer aus solch gigantischer Entfernung, also zumindest vom Rande des Weltalls, ausgerechnet bei mir anrief. Alle Vernunft in mir sträubte sich gegen eine solche Wahrscheinlichkeit.

Schon stand ich auf und eilte zum Computer. Wie war das noch mit den Entfernungen im Weltall? Geht es da nicht um Lichtjahre? Also um die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt? Ich habe das wirklich nicht auf dem Schirm. Also Google gucken. Und siehe da: Es sind 9,46 Billionen Kilometer. Unvorstellbar! Solche Strecke ist einfach unmenschlich. Obzwar es der Mensch ist, der sie misst, mit welchen Mitteln auch immer.

Machte es angesichts solcher gigantischen Dimension überhaupt Sinn, der Sache noch weiter nachzugehen? Aber nun saß ich einmal am Computer. Wenn der Anruf, überlegte ich, im günstigsten Falle vom Rande des Weltalls käme, dannn würde das welche Entfernung bedeuten? Um eine befriedigende Anwort zu finden, müsste man wissen, wie groß das Weltall überhaupt ist. Also ging ich der Sache weiter nach. Bei Google antwortete ein Astrophysiker: "Wenn wir ein Maßband an das Universum legen könnten, dann würden wir heutzutage einen Radius von 46 Mrd. Lichtjahren messen." Das Universum ist mithin, laut Aussage dieses Wissenschaftlers, von einem Ende zum anderen über 90 Milliarden Lichtjahre groß. Und da es bekanntlich noch immer mit unglaublicher Geschwindkeit auseinanderfliegt, die Strecke also von Tag zu Tag größer wird, ist es im Grunde unerheblich, ob sich die Anruferin am Rande des Universums befindet oder irgendwo sonst im Jenseits.

Eines war mithin unumstößlich klar: Wo auch immer die Erde im Gemenge des Universums herumkurven mag, die Entfernungen für einen simplen Telefonanruf waren zweifelsfrei unüberwindbar. Die sonnenklare Schlußfolgerung verschaffte mir irgendwie Befriedigung.

Als ich schließlich wieder auf meiner Liege lag, konnte ich sehr entspannt dem amüsanten Gewimmel der Feldsperlinge zuschauen, die in einem kleinen Wasserbecken munter und fidel ein Bad nahmen. Achtungsvoll stellte ich fest, dass Vögel irgendwie auch Individien sind. Manche von ihnen bleiben am Rande des Beckens sitzen, nippen nur ein bisschen Wasser, andere stecken den Kopf hinein, wieder andere springen geradezu kopfüber hinein und planschen ausgiebig. Ein lustiges, ein munteres Völkchen. Ganz offensichtlich ganz und gar ohne jegliche Lebensprobleme.

Womit ich gedanklich denn auch schon wieder bei meinem Problem war. Mir fiel ein, dass heutzutage menschliche Geräte im Weltall unterwegs sind, die Daten über beträchtliche Entfernungen übertragen. Der Mensch ist einfach zur Tagesordnung übergegangen. Aber es ist im Grunde ein echtes Wunder, dass zum Beispiel mein Navi im Auto immer genau weiß, wo ich mich mit meinem PKW just aufhalte, welche Straße ich fahre, und dass es mir den unbekannten Weg weist, wenn ich ihm mitteile, wohin ich will. Dienstbare Satelliten, die um die Erde kreisen, machen es möglich. Dabei geht es hier freilich nur um Bruchteile der Entfernungen im Vergleich zu der Dimension, die mich umtreibt.

Anders ist das schon bei den Instrumenten, die ins Universum ge-schickt werden, um uns von fernen Himmelskörpern Daten zu übermitteln. Geradezu ein Demonstrationsbeispiel scheint mir die Sonde „Osiris Rex“, die den Asteroiden Bennu umkreist und sich für diesen Zweck rund 290 Millionen Kilometer von der Erde entfernt befindet, weshalb ihre Daten-Signale etwa 16 Minuten bis zur Erde brauchen. Was diese Sonde vermag, ist mehr als ein echtes Wunder. Sie nähert sich dem Asterioden bis auf wenige Meter, greift dann mit einem Arm nach dem Staub, der durch Druckluft aus der Sonde aufgewirbelt wird, geht dann in ihre Umlaufbahn zurück und beginnt, die ermittelten Daten der Erde mitzuteilen.

290 Millionen Kilometer ist schon eine gigantische Entfernung. 16 Minuten brauchen die Signale bis zur Erde. Wie lange würden Signale vom Rande des Weltalls bis zur Erde brauchen? Ich mochte nicht anfangen, dies auszurechnen. Die Recherche reichte mir, endgültig und unwiderruflich auszuschließen, dass die provokanten Anrufe aus dem Jenseits kommen. Bis zu dem Tag, an dem der nächste Anruf kam.

Klipp und klar

Als das Telefon eines Nachmittags schrillte, sondierte ich gerade am Computer die Tabelle der Bundesliga und griff nebenbei so einfach mal zum Hörer.

„Ja,“ sagte ich arglos.

„Dad, schön dich zu hören“, sagte die Stimme. Und ich war überrumpelt. Ich hatte geglaubt, für diesen Moment gerüstet zu sein, aber ich war es nicht. Ich war es nicht. Ich hatte keine Strategie, wie ich auf die neuerliche Ungeheuerlichkeit reagieren sollte. So ließ ich sie denn geschehen. Neugierig war ich ohnehin. Und warum nicht mit diesem verrückten Weib ein paar Worte wechseln. Immerhin fand ich zunächst zu einer brüsken Antwort.

„Sie sind nicht meine Frau!“ knurrte ich. „Sie können es nicht sein!“

„Das weiß ich nun wirklich besser.“

„Aha!“ sagte ich etwas verwirrt. „Und? Was soll das Ganze? Was wollen Sie von mir?“

„Wie geht es unseren Kindern?“ bekam ich zur Antwort.

„Ziehen Sie nicht auch noch meine Kinder in dieses absurde Theater“, rief ich empört.

„Dad, das ist bitter, dass Du mir misstraust. Ich verstehe es ja, es ist ungeheuerlich, aus irdischer Sicht wirklich ungeheuerlich. Aber erkennst Du nicht wenigstens meine Stimme?“

„Nein!“ sagte ich trotzig, obwohl ich unsicher war.

„Nein?“

„Nein!“ wiederholte ich.

„Ach, das wird an der Entfernung liegen“, reagierte die Stimme, „die Signale sind wohl so ein paar Tage unterwegs. Da verzerren sich wahr-scheinlich die Töne. Ich erkenne Deine Stimme gut. Du sprichst immer noch so ein bisschen sächsisch.“

Das traf mich ins Herz. Mein Leben lang war ich mein Sächsisch nicht ganz los geworden. Nun wurde es mir sogar aus dem Jenseits bescheinigt.

„Hören Sie auf mit dem Theater!“ brüllte ich, „geben Sie endlich zu, wer Sie sind! Bitte, wer auch immer Sie sind, ich lade Sie ein zu mir! Dann können wir Ihr Problem in Ruhe abklären.“ Ich hatte die Fassung verloren und ausgesprochen cholerisch etwas versprochen, was mir eigentlich nicht in den Sinn hätte kommen dürfen.

„Oh!“ reagierte die Stimme ungerührt. „Bei mir kommt gerade der Brecht vorbei. Er telefoniert auch. Hier ist die Telefonitis ausgebrochen. Entschuldige! Aber das geschieht nicht so oft, dass ein großer Dichter bei mir vorbeikommt. So viele gibt es ja nicht. Die sitzen meist zusammen und diskutieren. Die ganz Großen. Aischylos, Sophokles, Euripides, Shakespeare, Goethe, Schiller und die alle. Auch der Müller.“ Und unvermittelt: „Weißt Du, am besten Du beruhigst Dich erst einmal. Ich melde mich wieder.“

Stille! Absolute Stille. Nicht einmal ein Rauschen in der Leitung. Mir aber schwindelte. Was war da jetzt passiert? Hatte ich mir nicht in den letzten Tagen absolut klipp und klar gemacht, dass diese Anrufe nie und nimmer aus dem Jenseits kommen konnten? Und nun?

Ich legte mich auf die Couch und starrte an die Decke. All meine Sinne forderten mich auf, diese elende Story aus meinem Leben zu bannen, endlich bewusst und souverän darüber hinwegzugehen, mich nicht immer wieder beeindrucken zu lassen. Aber ich hatte soeben leibhaft und lebendig telefoniert! Oder? Hatte ich geträumt? Nein, ich hatte mit einer realen Stimme gesprochen, woher auch immer sie erklungen sein mochte. Ich hatte mein Telefon in der Hand gehabt und mich mit einer menschlichen Stimme unterhalten. Und dabei absurde Dinge erfahren. Brecht lief da also herum und telefonierte! Eine Telefonitis sei ausgebrochen! Hieß das, dass alle Jenseitser mit ihren Angehörigen hier auf der Erde telefonieren? Und dass hier nicht eine Zeitung davon erfährt? Nicht einmal die „Bild“-Zeitung?

Ich sprang auf. Ich fürchtete, verrückt geworden zu sein. Wie ein eingesperrtes wildes Tier tigerte ich in meinem Haus herum. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich fingerte im Flur wirr an den dort abgelegten Tageszeitungen herum, ich rannte in die Abstellkammer, um den Staubsauger zu holen und ließ davon ab, ich hantierte in der Küche kopflos mit dem für die Spülmaschine bereit gestellten Geschirr, ich landete vor meinen Büchern und kramte herum. „Die Pest in London“ von Daniel Defoe fiel mir in die Hand. Ich hatte das Buch zwar schon ewig im Regal stehen, aber noch nie gelesen. Ich hockte mich nieder und blätterte darin herum.

„Und nun,“ las ich, „war allerdings die Arbeit des Wegschaffens der Toten mit Wagen so widerlich und gefährlich geworden, daß darüber geklagt wurde, die Träger trügen keine Sorge, solche Häuser auszuräumen, deren Bewohner sämtlich tot waren, sondern manche Leichen lägen unbeerdigt, bis die Nachbarhäuser durch den Geruch belästigt und folglich angesteckt würden…“ Ich klappte das Buch zu. Der Satz traf zwar überraschend irgendwie meine Gemütslage, aber er hielt mich davon ab, nun wirklich zu lesen. Mein Elend reichte mir vollkommen.

Trostlos schaute ich mich um. Ich kam mir vor wie die Pflanzen, die am Fenster standen und in einem erbärmlichen Zustand waren. Ich hatte sie total vernachlässigt die letzte Zeit. Die Blätter hingen vertrocknet herab, die Blüten hatten sich nicht einmal geöffnet. Wenn ich mich mit diesen Gewächsen verglich, dann, schien mir, war eigentlich gar kein so großer Unterschied. Mein Zustand war ebenso erbarmungswürdig wie der dieser Geschöpfe. Doch wer erbarmte sich meiner? Ich musste selbst zurechtkommen, musste mich aufraffen und mich der widerlichen Situation stellen.

Da schrillte das Telefon. Die Irre schon wieder! Das kann doch nicht sein! Ich ging nicht hin, blieb hocken, griff erneut zu dem Buch, las die letzten Zeilen: „Ein furchtbar Pestjahr hat’s in London Anno fünfundsechzig gegeben; verschlang’s doch hunderttausend Seelen, ich aber, ich blieb am Leben.“ Ja, am Leben! Am Leben! Mochte es die Jenseitser nun geben oder nicht, sie alle, die großen Dichter wie die kleinen Leute, würden sie tatsächlich als Gespenster irgendwo in den ewigen Jagdgründen wandeln, waren nicht mehr am Leben! Welche Genugtuung. Ich erhob mich und beschloß, meine Pflanzen ordentlich zu gießen.

Ich hatte das Telefon vergessen, hatte gar nicht mehr wahrgenommen, wie lange es lärmte. Nicht allzu lange, wie mir jetzt schien. Mit verhalten aufkommendem Tatendrang füllte ich die kleine Gießkanne und begann, meine verkümmerten Pflanzen zu wässern. Und kam nicht weit; denn das Telefon meldete sich erneut. Ich hielt ein. Irgendwie war ich jetzt in einer Verfassung, die ich für stabil genug hielt, mich diesem irren Frauenzimmer noch einmal zu stellen. Irgendwann würde der Dame dann schon einmal die Lust vergehen, von mir immer wieder angeblafft zu werden.

Entschlossen trat ich zum Telefon. „Ja!!“ sagte ich.

„Hallo!“ rief da jemand fröhlich.

„Bitte!“ reagierte ich ungeduldig.

„Ich bin die Simone! Prima, dass es Dich noch gibt!“

Was war denn das nun wieder? Noch eine Frau? War mir je eine Simone begegnet? Ich konnte mich auf die Schnelle nicht erinnern. Sollte ich auflegen? Ich entschied, erst einmal nicht unhöflich zu sein. Schließlich musste das nicht schon wieder ein Anruf vom Endes des Universums sein.

„Was wünschen Sie?“ fragte ich ungnädig.

„Entschuldige!“ bekam ich zur Antwort. „Wir kennen uns von der Schauspielschule.“

„Ah, ja, jetzt erinnere ich mich! Simone , joi! Was verschafft mir die Ehre?“

Die Simone , das war eine ziemlich kapriziöse Frau, zwar nicht von umwerfendem Liebreiz, eher spröde und etwas arrogant, aber kommunikationsfreudig und mehr oder weniger offenkundig auf Männer fixiert. Auch mich hatte sie einmal im Visier gehabt, aber ich hatte tapfer widerstanden. Daran musste ich natürlich sofort denken. Steckte sie etwa hinter diesen absurden Anrufen? Versuchte sie es nun sozusagen mit offenem Visier? Nach so langer Zeit? Neue bohrende Fragen.

„Ich habe ein Anliegen,“ sagte sie. „Mag Dir komisch vorkommen, aber Du bist nun mal am ehesten Kronzeuge.“

Mir schwante neue Unannehmlichkeit. Ich brauchte Ruhe, nicht neue Aufregung. Aber vielleicht Abwechslung.

„Worum geht es denn?“ fragte ich.

„Eine alte Geschichte, nichts fürs Telefon. Ich recherchiere über den Direktor von damals, den Vickert. Und Du hast damals möglicherweise etwas erfahren.“

„Ich bin kein Freund von alten Geschichten!“

„Wer ist das schon!“

„Und es ist nichts fürs Telefon? Ein Staatsgeheimnis?“

„So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Ich bräuchte es für mein neues Buch. Da habe ich eine Episode, wo ich möglichst genau sein möchte.“

„Aha, nach schön. Was machen wir da?“

„Ich würde ganz gern mal bei Dir vorbeikommen. So eine Begegnung weckt Erinnerungen, die ich vielleicht auch gebrauchen könnte.“

Schon wieder keimte mein Verdacht auf. Ich rief mich alten Knochen zwar sofort zur Vernunft, doch der Verdacht blieb. Er war, bei Licht betrachtet, sogar sehr viel wahrscheinlicher als ein mit lebendigen Toten bevölkertes Jenseits.

„Ich kann Dir keinen besonderen Empfang bereiten, aber dann kommst Du eben mal vorbei. Bisschen Kaffee und Kuchen zum Nachmittag,“ sagte ich.

„Oh, der alte Süßholzraspler!“

„Ganz ohne Süßholz! Nur mit Zucker.“

„Kann ich ja bisschen Holz mitbringen.“

Damit war das Telefonat auf eine Spur gelangt, die mir ganz und gar nicht behagte und mein Misstrauen nährte. Aber ich wollte auch nicht mehr zurück, versprach ein Treffen ja doch mögliche Aufklärung der mysteriösen Anrufe. Würden sie nämlich danach nicht mehr stattfinden, würde das ziemlich zweifelsfrei bedeuten, dass diese Simone die Anruferin gewesen war und nun die Lust verloren hatte, mich zu behelligen.

„Ja, mach das!“ sagte ich herausfordernd. Weiß der Himmel, warum ich spontan auf einmal so entgegenkommend war.

Wir vereinbarten einen Termin.

Horch und Guck

Als der Termin heranrückte, war ich aufgeregter als mir lieb war. Vor allem, weil es seit Simones Anruf keinen mehr aus dem sogenannten Jenseits gegeben hatte. Da schien ein Zusammenhang zu bestehen. Jedenfalls drängte sich solch Gedanke auf. Denn das Argument, irgendetwas über den ehemaligen Direktor der Schauspielschule erfahren zu wollen, war äußerst befremdlich und schien mir sehr weit hergeholt.

Simone war nur kurze Zeit an der Schule beschäftigt gewesen. Wir vermuteten damals, dass sie von Horch und Guck eingesetzt wurde, weil die Schule den Oberen nicht genau genug auf der Parteilinie gewesen war. Das wiederum konnte mit dem Direktor zusammenhängen, dem man offenbar irgendwarum misstraute. Was wollte Simone erkunden? Hoffte sie, nach Jahrzehnten von mir gewissere Auskunft zu bekommen?

Am Tage des voraussichtlich schwierigen Treffens war ausgesprochen schönes Sommerwetter und ich deckte den Tisch auf der Terrasse. Beim Bäcker hatte ich Streusel- und Quarkkuchen geholt, auch zwei Stück Erdbeertorte. Den Kaffee hatte ich besonders stark gemacht. In Erwartung des Gastes setzte ich mich an den Tisch und genoss in Ruhe den Blick in meinen schönen Garten. Da schrillte das Telefon.

Das geschah nun wirklich absolut ungelegen. Ich eilte zum Apparat und sah das leere Display. Nein, just solchen Anruf konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Und um alle Überraschung in den kommenden Minuten auszuschließen, zog ich vorsorglich den Stecker des Telefons aus der Buchse. Das Jenseits musste warten, schließlich war es eine ewige Einrichtung und hatte viel Zeit. Überrascht stellte ich fest, dass ich mit der leidigen Sache doch recht souverän umgegangen war, so als sei es selbstverständlich, von jenseits des Universums angerufen zu werden. Aber ich hatte keine Muse, über meine spontane Reaktion zu meditieren. Schon wieder schrillte eine Glocke. Diesmal die vom Gartentor.

Davor stand eine stattliche Frau. Ins Auge fiel sofort ein stramm gebündelter Dutt, der eine energische und vor allem selbstbewusste Persönlichkeit ahnen ließ. Und die Kleidung, ein schnittiger dunkelblauer Jeans-Anzug, verlieh dieser Persönlichkeit obendrein etwas Forsches, fast Militantes. Ich muss gestehen, dass mich Simones Erscheinung sofort beeindruckte. Das hing gewiss auch damit zusammen, dass ich seit Jahren kaum noch Kontakt mit irgendeiner fremden Frau gehabt hatte.

„Hallo!“ rief ich gewollt fröhlich und öffnete die Gartentür.

„Schön guten Tag, mein Lieber“, sagte Simone demonstrativ gut gelaunt und trat ein.

Ich konnte mir nicht versagen, mit einem Kompliment zu reagieren.

„Welch geheimnisvolle Überraschung!“

Ich wies den Weg zur Terrasse und ließ der höchst ungewöhnlichen Besucherin den Vortritt.

„Nichts Geheimnisvolles, ganz und gar nicht!“ erwiderte sie und ging lockeren Schrittes voran. Simone betrat die Terrasse, drehte sich um und begutachtete die Aussicht.

„Schön! Schön hast du es hier!“ Sie breitete die Arme aus und dehnte sich genießerich, so als habe sie lange in einem engen Auto gesessen. Dann zeigte sie mit ringgeschmücktem Finger: „Ein Teich?“

„So ein bißchen!“

„Schau ich mir später an, ich mag Fische. Sind doch welche drin?“

„Fische, Frösche, Kröten und allerlei Wasser-Getier.“

„Aha! Schön!“ Als habe sie mit dieser Bemerkung das Thema Teich abgehakt, wandte sie sich dem Tisch zu. Sie stutzte merklich, zeigte wieder mit dem Finger: „Nur für zwei?“

„Wie du siehst.“

„Du bist allein?“

„Ja.“

„Deine Frau..?

„Seit einigen Jahren…“ Obwohl die dunkle Sonnenbrille ihre Augen verbarg, sah ich deutlich, dass meine Besucherin überrascht war. Damit hatte sie offenbar nicht gerechnet. Traf das zu, erwog ich hastig, war meine Vermutung hinfällig, sie könnte die irre Anruferin sein. Andererseits konnte sie auch raffiniert spielen und so tun, als wüsste sie nicht Bescheid. Warum versteckte sie sich hinter einer so bombastischen Sonnenbrille? Meine Verunsicherung nahm zu.

„Das tut mir aber leid, wirklich sehr leid,“ sagte sie und schien unschlüssig, wie sie nun mit mir umgehen sollte. Offenbar entschied sie, einfach zur Tagesordnung überzugehen; denn sie nahm resolut Platz. „Muss ich mich erst einmal setzen.“

Und ich war unschlüssig, wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich hatte mich auf den Besuch eingelassen, also musste ich das jetzt auch durchstehen. Auch ich nahm Platz.

„Es ist so entsetzlich unwiderruflich!“ sagte ich. Ich konnte nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

„Hat sie lange gelitten?“

„Überhaupt nicht. Sie hat sich schlafen gelegt und ist nicht wieder aufgewacht.“

„Ein schöner Tod! Sagt man!“

„Sagt man.“

Plötzlich streckte sie ihre Arme aus, fasste nach meinen Händen und flüsterte offenbar um Trost bemüht: „Irgendwann ist jeder an der Reihe.“

„Ja,“ sagte ich ziemlich tonlos und bereute, mich auf diesen Besuch eingelassen zu haben. Er riss alte Wunden auf. Gewiss auch bei dem Problem, weshalb sie angeblich gekommen war. Ich beschloss zu versuchen, die Sache möglichst bald und schnell zu Ende zu bringen. So reizvoll solch ungewöhnlicher Besuch auch war, ich hatte kein Interesse daran, die Vergangenheit heraufzubeschwören; ich hatte Mühe genug, mit der Gegenwart fertig zu werden.

„Nun sag schon, was treibt dich hierher?“ fragte ich unvermittelt und goß ihr Kaffee ein. „Milch haben wir auch.“ Ich schob ihr die Büchse hin, im selben Moment überrascht über mich, dass ich es nicht für nötig befunden hatte, ein Milchkännchen zu füllen. Meine Reaktion war ungewollt etwas brüsk geraten, und meine Besucherin beirrt. Sie schob ihre Brille auf die Stirn und schaute mich an, stechendes Blickes, sekundenlang mit ihren dunklen Augen. Ihre Zunge spielte hinter den Lippen. Aber sie sprach nicht.

Seltsam irritierende Sekunden. Sie empfand wahrscheinlich erst in eben diesem Moment, wie ungewöhnlich ihr Besuch war. Auch dass sie mich zur Begrüßung geduzt hatte, war nicht unbedingt gewöhnlich. Gewiss, wir waren damals Kollege und Kollegin, hatten uns selbstverständlich geduzt. Aber seither war viel Zeit vergangen. Und jeder hatte seinen Pfad finden müssen. Unsere Wege waren weit auseinander gegangen. Sie hatte sehr schnell ihren Frieden gemacht mit den neuen Oberen, ich hingegen haderte herum. Noch immer. Und wahrscheinlich auch künftig.

Nach den Sekunden des Verharrens hatte sie sich offenkundig entschlossen, unmittelbar zum Kern ihres Anliegens überzugehen. Sie schob ihre Brille wieder auf die Nase, legte sich ein Stück Torte auf ihren Teller, nahm einen ersten Biss und sagte mit noch ziemlich vollem Mund:

„Also Folgendes: Ich habe ein Kapitel in meinem neuen Roman, in dem der Direktor der Schauspielschule vorkommt. Ich möchte möglichst dicht an der Wahrheit sein.“

„Worum geht es?“

„Um die Firma.“

„Ah, verstehe!“ Das populistische Mainstream-Thema dachte ich, schwieg aber und machte eine interessierte Miene. Wenn sie denn doch die mysteriöse Anruferin war, dann gab sie sich wahrhaftig viel Mühe, von ihrem eigentlichen Ansinnen abzulenken. Obwohl natürlich noch viel rätselhafter war, warum sie – so es zutraf - gegen mich solch infame Intrige inszenierte.

Sie benutzte mein „Verstehe!“ für eine kleine Kunstpause, trank genießerisch Kaffee und fuhr fort:

„Schlagzeilen lassen sich nicht mehr damit machen, heutzutage muss man rechts blinken. Aber mich interessiert es. Da gibt es nämlich, sagen wir mal, einen dunklen Punkt in seinem Leben. Er ist, das ergeben jedenfalls meine bisherigen Recherchen, für die Firma kurze Zeit in Frankfurt am Main tätig gewesen.“

„Nein!“

„Doch! War er manchmal tagelang weg von der Schule?“

„Gott, das ist so lange her, kann mich nicht erinnern.“ Das war nun wirklich starker Tobak!

„Gibt es wirklich keinerlei Hinweis, nicht einmal eine Vermutung? Es müsste doch aufgefallen sein. Man hätte gerätselt, warum er so oft krank ist. Zum Beispiel.“

„Du warst seine Assistentin. Du müsstest dich doch am ehesten daran erinnern können.“

„Es geht um die Zeit nach mir.“

„Ach so!“

Just wurde mir heiß und kalt. Ich erinnerte mich plötzlich, dass mich Vickert eines Tages in seinem Zimmer beiseite genommen und in ein Vertrauen gezogen hatte, das ich seither nie gebrochen habe. Sollte ich jetzt offen darüber sprechen?

„Du überlegst?“ riss mich Simone aus meinen Erinnerungen.

„Ja, da fällt mir eine Sache ein.“ Ich zögerte, dann sagte ich: „ Eine Sache, die ich bis jetzt eisern für mich behalten habe; denn er hat mir etwas anvertraut, was man damals nicht jedermann erzählt hätte.“

„Und?“ sagte sie aufmerkend und goss sich noch einmal Kaffee ein.

Ich zögerte noch immer, erwog, ob meine Aussage irgendwem noch heute Ärgernisse bereiten könnte. Das schloss ich aus, denn die Angelegenheit war aus gegenwärtiger Sicht belanglos. Nicht nur verjährt, sondern eigentlich völlig belanglos.

„Hm!“ räusperte ich mich und sagte: „Das ist alles so weit weg. Wir hatten irgendeine Besprechung, wenn ich mich richtig erinnere, standen an seinem Schreibtisch und verharrten, denn die Angelegenheit, um die es ging, hatten wir geklärt. Plötzlich zog er seinen Schreibtischkasten auf, griff nach einem kleinen Fotoalbum und sagte, das sei von der Sicherheit. Ich muss ein sehr verdutztes Gesicht gemacht haben; denn er ergänzte, sie wollten ihn zu einem Einsatz im Westen überreden. Ich konnte das auf keine Reihe kriegen. Er blätterte in dem Album, zeigte mir Fotos. Zu sehen waren Straßen und Häuser einer mir fremden Stadt, insbesondere ein Geschäft mit Schaufenstern. Angeblich, sagte er, sei er genau der Typ, den er in diesem Geschäft spielen sollte. Mir schien, dass seine Hände zitterten. Mir war sofort klar, dass ich hier so zurückhaltend wie möglich sein musste. Zum Glück bat er mich damals nicht um Rat. Er klappte das Album zu, legte es ab und sagte, und das hat sich mir wörtlich eingeprägt: ‚Die wollen mich weg haben hier.‘ Ich weiß nicht, was diese Befürchtung bei ihm verursachte. Es gab zwar oft Kritik an der Schule, das weißt du ja auch, aber dass man ihn durch besondere Beförderung von seinem Posten verjagen wollte, das, hm, das schien mir unwahrscheinlich.“

„Und, wie stand er dazu?“ fragte Simone knapp und zielgerichtet.

„Er meinte, er habe sich entschieden, er werde so etwas nicht machen. Er sei zwar Schauspieler, aber für die Bühne, nicht für einen Geheimdienst.“

„Das hat er dir gesagt, aber gespielt hat er trotzdem.“

„Meinst du?“

„Du lieferst mir ein wichtiges Detail in meinem Puzzle. Für mich steht damit fest, dass er tatsächlich von Fall zu Fall tätig war. Ich muss nur noch herauskriegen, worin diese Tätigkeit bestand. Hat er damals noch irgendwelche Angaben gemacht?“

„Nein, kann mich nicht erinnern.“

„Naja, du hast mir jedenfalls sehr geholfen. Ich bin auf der richtigen Fährte. Ich weiß zwar noch gar nicht, ob ich das alles so genau brauche, aber ich behaupte nun mal nicht gern etwas, was nicht stimmt. Bei aller Freiheit in der Literatur.“

Ich beschloss, ihre literarischen Absichten nicht noch weiter zu hinterfragen. Das wäre ganz und gar unersprießlich gewesen, hätte mir nur Zeit gekostet. Zumal ich das Gefühl nicht los wurde, dass Simone hier etwas wichtig machte, was im Grunde eine Banalität gewesen war. Ich konnte mich auch absolut nicht erinnern, dass sich Vickert damals öfter für einige Tage frei genommen hätte. So sagte ich denn gedehnt und gewissermaßen als Schlußwort: „Ja, die Wahrheit, ein kostbares Gut!“

Sie begriff sofort meinen Untertext, sagte pathetisch „Wir werden sie hüten!“ und erhob sich.

„Noch zum Teich?“ fragte ich, um einen zu abrupten Abschied zu verhindern.

„Erst einmal Dank für Speise und Trank. Auch für die Information. Hilft mir wirklich sehr. Den Teich schenken wir uns, ja?“

„Kein Problem.“

Sie verharrte noch einmal auf der Terrasse, schaute sich um und sagte: „Hast dich hier in eine richtige Idylle zurückgezogen. Schön!“ Dann ging sie los. An der Gartentür blieb sie stehen, drehte sich noch einmal zu mir um und fragte mich überraschend: „Hätt` ich fast vergessen: Darf ich dich zitieren?“

„Mich zitieren? Wieso?“

„Wenn deine Anmerkungen ein wichtiger Drehpunkt werden sollten.“

„Gott, wenn es sein muss. In meinem Alter kann es mir eigentlich schnuppe sein.“

„Nun kotteriere mal nicht mit deinem Alter“, meinte sie so gut gelaunt, wie sie gekommen war. „Lass es dir gut gehen! Servus!“, fügte sie an und stieg in ihr schmuckes Auto.

Ich schaute mit zwiespältigen Gefühlen hinterher. War die Story um Horch und Guck wirklich so wichtig? Oder war sie nur vorgeschoben, um an mich heranzukommen? Andererseits: Nahm ich mich etwa viel zu wichtig? Ich tröstete mich damit, dass ich zu solchen Überlegungen gewiss nie geraten wäre, hätte es diese Stalkerin nicht gegeben. Mithin: in punkto Simone war ich ganz und gar nicht weiter gekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die mysteriöse Anruferin war, hatte sich zwar verringert, aber die Vermutung war nicht ausgeräumt.

Unvorstellbare Verhältnisse