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Ein heiterer Badestrand, der vom Verbrechen, dessen Bühne er bald wird, nichts vermuten lässt, bis sich dunkle Ahnungen breitmachen und es zu spät ist. Eine Schwangere, die einen unstillbaren Neid auslöst, und ein Champagnerkorken, der damit Schluss macht: Liebe, Neid, Hass sind die Gefühle, die von Dörte Lyssewski in diesem souveränen, abgründigen Prosadebüt ausgelotet werden. Ihre von sicherer, weicher und präziser Sprache getragenen Erzählungen sind voller Empfindungsreichtum und Tiefenschärfe, mit denen sie die Conditio humana auslotet. In den vier dunkel schillernden Erzählungen ist der Tod als Bedingung des schönen Scheins allgegenwärtig. Ängste, wie die vor dem Sterben, aber auch die Sehnsucht danach – beide von untergründiger und doch quälender Intensität – sind Begleiter allen Handelns. So scheinen die in ihren Zwängen geschilderten Menschen wie Vulkane: gleichsam erloschen, malerisch und still. Doch irgendwann, genau dann, wenn man sich ganz sicher fühlt, geschieht das Ungeheure.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Dörte Lyssewski
Erzählungen
»Ein fremdes, chaotisches, albtraumhaftes Leben, gleich einem grauenhaften Traum, war dabei, sie zu verschlingen …« Leonid Andrejew
Noch vor zwanzig Jahren hatte es hier Schildkröten und Mantas, die gepanzerten und geflügelten Wächter der Bucht, gegeben. Der Motorenlärm der Boote hatte sie mit der Zeit vertrieben. Nun kamen nur noch von Zeit zu Zeit ein paar wenige, durch einfache Blutblasen angelockte Haie in die Kraterbucht, die von ein paar Freizeitfischern unter feigem Triumphgeheul sogleich getötet wurden. Eine Zeit lang vertrieben noch Schwärme riesenhafter Quallen die Menschen, indem sie ihnen, sobald sie ins Wasser drangen, die Leiber verätzten. Ansonsten war es unter Wasser ruhig geworden.
Der letzte Ausbruch des Vulkans lag ein halbes Jahrhundert zurück. Zuvor war er der Allesbestimmende gewesen, Jahrtausende hindurch eine Macht, Wucht und Dunkelheit verbreitend, dass selbst die fernen Gletscher im Norden ein Trauerflor überzog und die Eichen im irischen Hochmoor ihr Leben angesichts dieses vulkanischen Winters einstellten und aufhörten zu wachsen. Jahrhundertelang blieb die Insel verlassen.
Das Einzige, was jetzt noch zuweilen für ein wenig Unruhe auf dem mehrere hundert Meter tiefen, steil herabfallenden Meeresgrund sorgte, waren gelegentlich untergehende Schiffe, die ein paar Menschen mit sich in die Tiefe rissen, oder ein bei Sturm an den Felsen zerschellendes Fischerboot. Einmal gesellte sich sogar ein großes Passagierschiff dazu, das, wieder und wieder vom Kapitän mit Schwung auf die Felsen gerammt, hinabsank zu den dort bereits Versunkenen und den auf Felsvorsprüngen verborgenen, ausgedienten Bergwerken, die die langsam aus der Fähre schwebend herabsinkenden Passagiere noch mit einem erstaunten Blick streiften, bevor sie die Augen für immer schlossen. Seitdem waren ein Sommer und ein weiterer Winter vergangen und es schien schon wieder vergessen.
Hier konnten keine Menschen leben. Nicht mehr. Es gab nicht einmal ausreichend Trinkwasser. Einige wenige verfügten noch über Hausbrunnen. Der Bauch der Insel, dort, wo sie bewohnt wurde, war von riesigen Zisternen unterhöhlt. Für die eingeschleppte Tausendschaft von noch die Kargheit der Insel plündernden Reisenden wurde jeder Becher Wasser zum Waschen und Trinken mit Schiffen herangeschafft oder mühsam in kleinen Mengen entsalzt. Nicht nur das Wasser musste umständlich herantransportiert werden. Alles Überlebensnotwendige wurde am Hafen ausgeladen: Jeder Apfel, jede Kartoffel, sogar der Marmor, zum Bestatten der Toten und als Weggrund für die Füße der einfallenden Touristen. Jeder Stein, jeder Sack Zement zum Bauen eines Hauses, jeder Topf frischer Farbe. Die Insel war so verwüstet, dass es auf ihr kein Überleben gegeben hätte, würden nicht die Ebenen zersiedelt, Straßen gebaut, damit ein paar Tausend zahlende Reisende für wenige Stunden oder Tage herangefrachtet werden konnten, eine Normalität behauptend, die es so auf der Insel nicht mehr gab. Man baute sogar eigens eine Straße für ein Staatsoberhaupt aus einem fernen Land, das die Insel nur einmal befuhr und zufrieden wieder abreiste. Jetzt erinnerte nur noch ein verblichenes Schild, das vom ersten Stock des ausgedienten Hotels im Wind schwang, an das legendäre Defilee.
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