Der Wald im Treppenhaus - Shmuel Kedi - E-Book

Der Wald im Treppenhaus E-Book

Shmuel Kedi

0,0

Beschreibung

Tel Aviv 2007 Wenige Wochen vor ihrem fünfzigsten Geburtstag befindet sich Rachel Gur auf dem Heimweg, beladen mit ihren Sabbat-Einkäufen. Im verwaisten Treppenhaus beginnt sie eine schonungslose Abrechnung mit ihrer Heimat und der eigenen Vergangenheit. Ihre Selbstgespräche am Rande des Wahnsinns, drehen sich um ihren Fluchtversuch aus der lähmenden Solidarität mit dem Leid ihrer Eltern, Überlebenden des Holocaust. Die Flucht führt sie ausgerechnet nach Deutschland. Hier erlebt sie mit dem deutschen Arzt Wolfgang ihren schönsten Frühling im Taunus. Rachels Schicksal ist eng verknüpft, mit der Tragik der nie erwiderten Liebe der Juden zu Westeuropa.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Marc O. Smie für die wunderbare Gestaltung dieses Buches und für die langjährige Unterstützung in allen kniffligen digitalen Belangen.

Inhaltsverzeichnis

Tel Aviv. August 2007: Der Heimweg

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Frankfurt am Main - Mitte der Achtziger: Ein makelloser Frühling

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Tel Aviv. August 2007: Freitag. Drei Minuten vor fünf

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Epilog

Kapitel 36

Tel Aviv. August 2007. Der Heimweg

Kapitel 1

Sie trug vier bunte Plastiktüten, prall gefüllt mit Lebensmitteln, in jeder Hand zwei. Ihren Einkauf hatte sie wegen des langen Heimwegs nach bestem Wissen aufgeteilt, bestrebt dasselbe Gewicht in jeder der vier Tüten zu tragen. Sonst wäre sie dazu gezwungen gewesen, die Tüten von der linken zur rechten Hand wieder und wieder zu tauschen. Kurz nach dem Verlassen des klimatisierten Supermarktes überkamen sie zum ersten Mal Zweifel. War ihr Bestreben, die gekaufte Ware in vier gleiche Gewichtseinheiten aufzuteilen, eventuell misslungen? Wenige verschwitzte Schritte später war sie sich ihres Versagens sicher.

Welchen Sinn überhaupt hatte ihr gedanklicher Slalom um die Last ihrer Einkäufe? In der großen Augusthitze glich doch in Tel Aviv jedes körperliche Unterfangen einer Tortur.

Die kurze Strecke, die sie durch die Allenby-Straße führte, lief sie mit tief gesenktem Kopf. Viele der Gebäude in der ehemals prachtvollen Meile waren inzwischen heruntergekommen und einige wurden mit ungeübter Hand fahrlässig bis zur Unkenntlichkeit restauriert. Nachts geisterten dort verarmte Migranten aus vielen Ländern herum. Deren unwürdigen Anblick versuchte sie schon seit zehn Jahren erfolglos zu vermeiden.

Sie bog in die Shenkinstraße ein und entschloss sich, kurzfristig eines der dortigen Cafés zu besuchen. Eine Handlung von Seltenheitswert bei ihren sonst so straff organisierten Finanzen. Sie beabsichtigte nicht, lange im lauten Café zu verweilen, vielleicht nur, bis der Schmerz in ihrem linken Handgelenk nachgelassen hatte.

Die jungen Männer und Frauen am Nachbartisch sahen noch wie Kinder aus!

Wohin bloß verschwanden all die vertrauten Gesichter dieser Stadt?

Waren es namenlose Soldaten, die nie aus den Kriegen zurückkehrten, oder die verzweifelten Männer und Frauen, die das Land verlassen hatten?

Nur vor wenigen Tagen, auf dem Heimweg nach dem Besuch eines Konzerts des israelischen Philharmonieorchesters, hatte sie sich geschworen, Gedanken, die einem Irrgarten ohne einen real existierenden Ausgang glichen, zu vermeiden. Ja, endgültig zu vermeiden, weil sie ihr allmählich das unbehagliche Gefühl bescherten, bald endgültig verrückt zu werden. Trotzdem überfiel sie das lästige Grübeln nach einer kurzen Atempause erneut.

Gehört zum Altwerden eine ständige Konfrontation mit der negativen Grundeinstellung, die jemanden dazu verleitet, alles Neue als Permanente Häufung von belanglosen Wiederholungen zu betrachten?

„Wenn Frauen die Schallmauer ihres vierzigsten Geburtstages endlich durchbrochen haben, spätestens dann, Mädchen, sollten sie sich lieber mehr auf ihre geistigen Qualitäten als auf ihre Weiblichkeit besinnen“, antwortete ihr Vater geduldig, als sie ihn vor vielen Jahren anlässlich des Geburtstages ihrer Mutter fragte, ob Mama nun eine alte Frau sei. Oder gab es doch noch eine Alterszone zwischen vierzig und sechzig als Schonfrist vor dem endgültigen Eintritt des unliebsamen Altwerdens?

Im Alter von kaum einundzwanzig Jahren, nach dem ersten Jahr in ihrer winzigen Studentenwohnung in Tel Aviv, glaubte sie genug Reife zu besitzen um erahnen zu können, wie sich eine Frau kurz vor ihrem vierzigsten und sogar ihrem fünfzigsten Geburtstag fühlt.

Im kommenden Monat wird sie ihren eigenen fünfzigsten Geburtstag, als getreue Wiederholung der gleichen Inszenierung vom letzten Jahr, erneut alleine feiern.

Auch dieser Geburtstagsabend wird mit der Zubereitung von Spaghetti mit Tomaten und Hackfleischsoße beginnen. Während die Nudeln kochen, zündet sie sich zwei lange gelbe Kerzen an und schenkt ihr Glas randvoll mit teurem spanischem Rotwein ein. Nach dem Mahl und dem folgenden kurzen Telefongespräch mit Anat versucht sie sich erfolglos wie jedes Jahr, in ein neues Buch zu vertiefen, aber nach wenigen Seiten nimmt sie den literarischen Inhalt des Romans nur noch am Rande wahr. Leider hat sie seit einer Ewigkeit kein Buch mehr in ihren Händen gehalten, das mit dem Zauber des Unbekannten versehen war. Grundsätzlich aber pflegt sie, genau wie ihre Mutter, jeden Roman stur bis zum allerletzten Buchstaben zu lesen. Ihr Geburtstag endet wie gewohnt mit der melancholischen Betrachtung ihrer alten Fotoalben, unter dem passenden Segen der Balladen des Sängers Shalom hanoch. Um zwei Uhr nachts fällt sie leicht betrunken auf dem grünen Sofa im Wohnzimmer in den Schlaf.

„Hey, mein Name ist Irit, was darf ich dir servieren?“

Sie bestellte sich einen Milchkaffee, ohne die junge Bedienung eines einzigen Blickes zu würdigen.

Nach wenigen Minuten kehrte die Kellnerin zurück und stellte den Milchkaffee schweigend auf ihren Tisch.

Sie spürte plötzlich den dringenden Wunsch, das Café sofort zu verlassen.

Warum blieb sie dennoch in der gleichen trotzigen Haltung auf ihrem Platz sitzen?

Nur um festzustellen, dass ihr Milchkaffee scheußlich schmeckte? Den jungen Männern und Frauen vom Nachbartisch, die weiterhin ohne Punkt und Komma redeten, mal zu ihrem Gesprächspartner und mal zu einem unsichtbaren Wesen im Handy, schien diese Tatsache verborgen zu bleiben.

Mitte der Siebziger, kurz nach ihrem Militärdienst, mietete sie sich eine Einzimmerwohnung nicht fern von der großen Synagoge in der Allenbystraße. An dem Tag, an dem sie die elterliche Wohnung verließ, zog ihre Mutter in das ehemalige Kinderzimmer ihrer Tochter. Mit dem einzigen Fenster und Blick in den Hof einer Brotbäckerei, die seit Jahren leer stand. Damit wurde ihr der Weg zurück zu ihrer Jugend für immer verwehrt und zum ersten Mal war ihr bewusst geworden, dass ihre Eltern seit der Geburt ihrer einzigen Tochter keinen Sex mehr hatten.

Sie muss sich bei der jungen Kellnerin sofort beschweren. Sie wird ihr ohne Umschweife sagen, dass der Milchkaffee ungenießbar ist!

Das wird sie nicht tun.

Vielleicht doch.

Ja oder nein?

Wenn sie es nur wagen würde, ihre harmlose, aber berechtigte Kritik laut zu äußern, könnte das zu einem unerfreulichen verbalen Gefecht mit der Kellnerin, die wie eine ausgeflippte Kunststudentin aussah, führen. Ein Streit zwischen zwei fremden Personen verursacht immer die gleiche unerträglich negative Intimität. Insbesondere in einem Land im Belagerungszustand, das seine Bewohner dazu zwingt, inzestartig miteinander und noch leidenschaftlicher gegeneinander zu kommunizieren.

Schweigend und wieder ohne der Bedienung in die Augen zu schauen, bezahlte sie die Rechnung. Aus kindischem Trotz sich selbst gegenüber blieb sie noch eine überflüssige Weile sitzen, bevor sie endlich ihre Tüten nahm und das Café verließ.

Bei der Fortsetzung ihres Heimwegs wurde es ihr zur Gewissheit: Die zwei Tüten in der rechten Hand waren wesentlich schwerer als die in ihrer linken. Nach wenigen Schritten unterbrach sie ihren fluchtartigen Marsch und verlagerte die Zuckertüte und die Milchpackung in die linke Plastikfraktion. Ein Gegenstand pro Tüte. Jetzt dürfte die Gewichtsverteilung endlich gelungen sein.

Waren es zwei oder waren es doch drei Jahre? Gleich wird sie sich an den genauen Tag, an dem sie ihr Auto verkauft hatte, erinnern. Bis vor wenigen Jahren besaß sie einen kleinen PKW. Es war ein roter Suzuki, mit dem sie unzählige Reisen bis in die verschollensten Winkel des Landes unternahm. Aber zweifelsohne mochte sie am liebsten die allwöchentlichen Fahrten am Freitagvormittag zum großen Markt im Viertel „Schchunat Hatykva“, das nur eine zehnminütige Autofahrt von ihrer Wohnung in der Mazehstraße entfernt war und tief im ärmsten Süden Tel Avivs lag.

Sie parkte ihren kleinen Wagen stets in der gleichen ärmlichen Gasse, im gleichen absoluten Halteverbot und bekam niemals einen Strafzettel.

Für zehn Schekel schob der junge Mann mit den schwarzen, traurigen Augen, der aus Georgien stammte, ihren Einkaufswagen durch das Großmarktgewühl, das tief eingebettet in die Welt der orientalischen Juden war. Eine kurzweilige Stunde flanierte sie vergnügt durch die Gassen des Marktes. Es duftete dort nach Jasmin, Minze, Koriander, Gewürzen, frischem Fladenbrot und gebratenen Falafel. In manchen Gassen stank es penetrant nach verdorbenen Geflügelinnereien, und der Asphalt glich einer klebrigen Masse. Jeder pries seine Ware herrlich lauthals, vulgär und herzlich an. Der Markt lebte aus all seinen Poren. Bunt und lebendig, aller Armut des Orients zum Trotz. Ein Leben im Takt einer morgenländisch pulsierenden Gegenwart, die es in der blitzblanken, stillen Wohnung ihrer Eltern in der Rothschildallee nie geben konnte. Dort lebten drei Seelen in einem selbst auferlegten deutschen Kulturghetto, in der denkbar unpassendsten Region auf Erden.

In ihrer Abwesenheit sprachen Mutter und Vater mit- einander überwiegend Hochdeutsch. Öfter hielt sie „Biene“ ganz fest gedrückt an ihren Brustkorb und lauschte im Korridor stehend der Unterhaltung ihrer Eltern. Sobald sie aber im Wohnzimmer erschien, brachen sie ihr Gespräch verschämt ab und setzten es in Hebräisch fort.

Erst kurz nach ihrer Einschulung begannen sie, sich auch in ihrer Anwesenheit zunehmend auf Deutsch zu verständigen. So wurde die Muttersprache ihrer Eltern zu ihrer zweiten Sprache.

„Nur noch eine einzige Ampel, Ruchale!“

Wie schrecklich!

Das darf doch nicht wahr sein. Sie hatte wieder mal einen Gedanken laut geäußert. Außerdem war es eine völlig idiotische Entscheidung gewesen, die Milchpackung und die Zuckertüte von rechts nach links zu verlagern.

Wenn sie jetzt zügiger laufen würde, könnte sie die Ampel noch rechtzeitig zur grünen Phase erreichen, um die Rothschildallee ohne Verzögerung zu überqueren. Nur wenige Schritte würden sie dann noch von ihrer Wohnung im verkehrsarmen Abschnitt der Mazehstraße trennen.

Sie erhöhte unkontrolliert das Tempo ihrer Schritte, aber die immer dichter heranrückenden Wolkenkratzer bescherten ihr den entmutigenden Eindruck, auf der Stelle zu laufen.

„Der planlose Bauboom in Tel Aviv wird unsere Stadt bald endgültig ihrer architektonischen Authentizität berauben. Ihr Herz hat sie schon vor Jahren an den schnöden Mammon verloren“, flüsterte ihr Vater mürrisch, eher zu sich selbst als zu ihr, bei einem ihrer letzten gemeinsamen Spaziergänge in der Rothschildallee, nicht fern von der Mazehstraße.

Wann war das gewesen?

An dem Mittwoch genau fünf Wochen vor seinem Tod.

Beim Eintreten in das dunkle und verhältnismäßig kühle Treppenhaus blieb sie kurzatmig stehen, drehte sich um und betrachtete mit weit geöffneten Augen wartend die Straße.

Wartete sie auf jemanden?

Fühlte sie sich verfolgt?

Weder noch.

Es war nur ein flüchtiger Anflug von Fernweh, der sich für einen unbedeutenden Moment in ihrer Seele eingenistet hatte.

Nur 49 Stufen trennten sie noch von ihrer Wohnung. Die Stille, die dort herrschte, schenkte ihr einen befristeten Schutz vor dem urbanen Wahn, der einem Tag für Tag den Atem raubte und in ihrer Seele immer die gleiche rätselhafte Unruhe entflammen ließ.

Kapitel 2

Der leichte Verwesungsgeruch einer toten Ratte im Hof oder womöglich hinter den zwei großen rostigen Propangasflaschen unter dem Balkon des ersten Stocks verriet ihr, dass die Kammerjäger vor Kurzem hier gewesen sein mussten. Im Sommer erscheinen sie manchmal jede Woche im Haus. Eine absurde, unnachgiebige und selten gesichtete Todesschwadron.

Der Schmerz in ihrem linken Handgelenk brannte sich seinen Weg durch die Schulter bis zu ihrem Herzen, und sie stand tatsächlich noch immer im Treppenhaus. Bewaffnet mit vier Plastiktüten, die bis zum Rand überhäuft waren mit Produkten, die tagtäglich millionenfach produziert wurden und für jeden und überall käuflich waren.

Am Gestank des toten Tieres im Hof schien sie allmählich Gefallen zu finden. Er verbarg in sich den rätselhaften Hauch eines altbiblischen Zaubers, der ihr nicht zum ersten Mal eine unzerreißbare Verbindung zum besseren Leben versprach. Die Opfergabe lag endlich im Hof. Die Götter dürften ihr gegenüber wieder milder gestimmt sein. Diese und ähnliche magischen Gedankencollagen brodelten nicht selten in ihrem Kopf, wenn sie im Sommer das Treppenhaus betrat.

„Und trotzdem müssen wir jetzt weiter.“

Den letzten Gedanken hatte sie zweifelsohne geflüstert.

Anat erzählte, dass sie abends öfter Selbstgespräche über unharmonische Tagesereignisse führe, am häufigsten beim Kochen von scharfen, indischen Gerichten oder beim stupiden Bügeln. Dieses Geständnis aus dem Munde ihrer Arbeitskollegin und langjährigen Freundin zu hören, schien ihr Sympathie erweckend und humorvoll zugleich zu sein.

Die leisen Schritte einer sich nähernden Person versetzten sie für einen kurzen Moment in einen Angstzustand.

Ein schneller Blick auf die Uhr an ihrem Handgelenk verriet ihr, dass ganze neun Minuten verstrichen waren, seit sie die Tüten sanft auf den Boden des Treppenhauses hatte fallen lassen.

„Hi Rachel“, rief ihr Nachbar freundlich und stürmte leichtfüßig an ihr vorbei die Treppen hinauf.

Ob Moti ahnte, dass sie hier schon zehn Minuten ziellos steht?

Ach was! Wie jeder Bewohner dieser Stadt wünschte sich Moti endlich Zuflucht vor der Hitze in seiner kühlen Wohnung zu finden.

Ihr ungewöhnliches Gedächtnis für Daten von Ereignissen aus der Vergangenheit und die Leidenschaft für statistische Zahlen verrieten ihr nach einem blitzschnellen Rechnen, dass sie Moti 15-mal im Jahr im Treppenhaus begegnete. Also insgesamt 255-mal in den vergangenen siebzehn Jahren, in denen sie im gleichen gelbgrauen vierstöckigen Wohnhaus gegenüber der ehemaligen Zentrale der Kommunistischen Partei „Matzpen“ wohnte.

Als Moti hierherzog, spielte sie oft mit dem Gedanken, den attraktiven, leisen Mann mit der Gelehrtenstirn zum Abendessen einzuladen. Doch die Tage gesellten sich zu Wochen und diese wiederum wurden zu Monaten, die sich sang- und klanglos der Vergangenheit unterwarfen. Sie ertappte sich häufig um Mitternacht beim gedanklichen Versuch, einen Makel an dem mittlerweile nicht mehr so neuen Nachbarn zu finden. Seine Nase gefiel ihr überhaupt nicht, entschied sie in einer lauen Sommernacht. Sie war zu groß und wiederum nicht groß genug, um seinen weichen Gesichtszügen einen männlichen Ausdruck zu verleihen. In einer ungewöhnlich kalten Winternacht war sie sogar ziemlich sicher, dass Moti schwul sei. Irgendwann gab sie dann gänzlich den Wunsch auf, ihn näher kennenzulernen. Der Ausdruck „näher kennenlernen“ widerte sie zutiefst an, weil er alltagsuntauglich, akademisch und platonisch zugleich klang. Die Summe dieser Eigenschaften brachte sie immer wieder zum trüben Sinnieren über die von Einsamkeit umzäunte Ehe ihrer Eltern.

Beim gemeinsamen Mittagessen in der Kantine erklärte ihr Anat, dass eine Gott ähnliche Instanz irgendwo im Universum für jede Begegnung von Bedeutung eine streng bestimmte Frist im Leben gesetzt hat und sie, Rachel Gur, hatte diesen festgelegten Zeitpunkt um mehrere Jahre total verschlafen. Dann nahm Anat einen lauten Schluck aus ihrem Kaffeebecher und fügte verspielt lüstern hinzu: „Eins sage ich dir, meine Liebe, ich hätte an deiner Stelle den hübschen Nachbarn schon am ersten Tag zu einem romantischen Abendessen mit einer Option für ein barfüßiges Frühstück in meine Wohnung eingeladen!“ Ihre Freundin hatte Recht. Anat hatte immer Recht und ihre Umgebung gönnte es ihr ohne Neid. Beim Nachtisch eines leckeren, heißen Apfelstrudels mit Vanilleeis bestand ihre Freundin auf einer detaillierten Schilderung der Person Moti Levi. Anschließend flüsterte sie lächelnd „Du bist mir eine! Der Mann ist hoch attraktiv und obendrein ein waschechter Hetero!“ Am Ende der Mittagspause wollte Rachel wohlwollend die Kosten des gemeinsamen Mahles entrichten, aber Anat rief mütterlich bestimmend „Lass’ dein Portmonee in deiner Tasche ruhen, dieses Mal bin ich dran!“

Seit fünfzehn Minuten stand ihr Leben im verdunkelten Treppenhaus still und nur die Molkereiprodukte in ihren Tüten befanden sich in einem unaufhaltsamen biochemischen Prozess, an dessen Ende sie für alle Ewigkeit verdorben sein würden.

1984 zog es sie nach Deutschland. Warum hatte sie diesen ungewöhnlichen Schritt gewagt? Diese Frage geisterte bereits zwei quälende Jahrzehnte in ihren Nächten umher, um jetzt am Freitagmittag im schattigen Treppenhaus schonungslos den Hauch des Rätsels abzulegen. Dutzende von Antworten standen ihr nun zur Verfügung. Hoch spekulative, glaubhafte und völlig verrückte Antworten.

Anfang der Achtziger, wenige Jahre vor der Vollendung ihres dritten Jahrzehnts auf Erden, ragte ihr Fragenberg dem Himmel entgegen, beängstigend mächtig gegenüber ihrem winzigen Antwortenhügel. Eine Tatsache schien schon damals fest gemeißelt in ihrer Zukunft zu sein: Sie, Rachel Gur, würde nie in Israel ein Kind gebären. Deswegen verließ sie das Land für vier Jahre, die sich endlos hinzogen von einem düsteren kalten Winter zum anderem. Glaubte sie damals tatsächlich, dass es ihr gelingen würde, des großen Krieges zum Trotz den Fluss des Lebens gegen den Strom bis zu seiner Quelle zu schwimmen, um ausgerechnet in dem Land, wo ihre Eltern geboren und verfolgt wurden, selbst ein Kind zu gebären? Wenn es ihr damals gelungen wäre, hätte sie die heilige jüdische Überlebenspflicht ihren Eltern gegenüber erfüllt und somit endlich das erlösende Recht erlangt, sich eines hellen Tages friedlich von dieser Welt zu verabschieden.

Rachel hob behutsam die Tüten an ihrer rechten Seite für wenige Sekunden hoch und ließ sie aus geringer Höhe sanft zu Boden fallen. Dann wiederholte sie das Prozedere mit den Tüten auf ihrer linken Seite. Wie erstaunlich. Ihrer neuen Erkenntnis folgend wogen die linken Einkaufstaschen vorläufig genau so viel wie die rechten.

Kapitel 3

15 Minuten nach zwölf Uhr mittags.

Ganze zwanzig Minuten sind vergangen, seit sie schweißtriefend in das Treppenhaus trat.

Rachel roch die Duftnote einer toten Ratte, die einst im Verborgenen ein lebhaftes Mitglied der Hausgemeinschaft in der Mazehstraße war, und seufzte leise. Ja, ein leiser Seufzer und kein gesprochener Gedanke. Seufzer aller Couleur waren hier und anderswo nur ein harmloses akustisches Ereignis.

Es war nur äußerst fragwürdig, ob eine reife Frau mitten im Leben zwanzig Minuten ohne vernünftigen Grund in einem Treppenhaus ausharren durfte.

Mitten im Leben? Was für ein pompöser Begriff. Um welches Leben handelte es sich überhaupt? Auf keinen Fall um das Ihrige.

Sie darf hier so lange bleiben, wie sie es als notwendig erachtet. Jeder ihrer Atemzüge in der verdunkelten Stille des Treppenhauses kann ihr letzter sein.

Der Hausmeister des Altbaus in der ruhigen Seitenstraße im Frankfurter Nordend pflegte ihr fast jeden Freitag im Treppenhaus zu begegnen, wenn sie von ihrer Arbeit heimkehrte. Diese allwöchentlichen Begegnungen am Tor zum Sabbat gehörten für sie zum Reich des Schreckens. Immer wieder tauchte der Mann blitzschnell am Eingang seiner Wohnung im Erdgeschoss auf, um sie mit seinem regungslosen Gruß „Guten Tag, Frau Gur“ zu überraschen. Der graue Kittel, der seinen hageren Körper umhüllte wie eine zweite, etwas hängende Haut, war stets sauber und glattgebügelt. Seine blauen Augen stachen sie wie zwei Eisdolche und seine Sprache verriet keine Spur von einem Dialekt, der Aufschluss darüber brachte, aus welchem Teil der Bundesrepublik er stammte.

Öfter versuchte sie ihre Heimkehr freitags zu verzögern oder vorzuverlegen. Aber den Hausmeister, dessen Alter sie stets vergeblich versucht hatte zu schätzen, konnte sie nicht überlisten. Manchmal öffnete er die Tür seiner Wohnung, sobald sie den Schlüssel im Schloss drehte, oder auch erst, wenn sie ins Treppenhaus eintrat. Die fünf Meter von der Eingangstür bis zu seiner Wohnungstür bargen erstaunlicherweise unzählige Inszenierungsvarianten in sich. Diese sollten dem Ziel dienen, sie wieder und wieder zu überraschen. Hin und wieder ließ er sie ahnen, dass er eine Eigenschaft besaß, der Humor nicht ganz unähnlich war. Er ließ sie auf Zehenspitzen ins Treppenhaus eintreten und sogar unbemerkt an seiner Wohnung vorbei schleichen, um dann seine Tür leiser zu öffnen und sie mit seinem leblosen „Guten Tag, Frau Gur“, just in dem Moment zu Tode zu erschrecken, an dem sie glaubte, ihm entwischt zu sein.

An ihrem vollendeten ersten Jahr in der Keplerstraße, es muss im Sommer gewesen sein, begegnete er ihr einmal beinahe freundlich mit seinem „Guten Tag, Frau Gur“. Als sie seinen Gruß erwidern wollte, sagte er: „Bitte, Frau Gur, stellen Sie Ihr Fahrrad nicht ins Treppenhaus! Das hier ist ein anständiges Wohnhaus und kein Lager.“ Das Wort Lager raubte ihr für eine quälende Minute den Atem und bescherte ihr eine tiefe Depression, die das ganze Wochenende andauerte.

Beinahe drei lange Jahre spielte sie jeden Freitag, bevor sie ins Treppenhaus eintrat, mit dem Gedanken, ihn zu seinem Tun im Zweiten Weltkrieg zu befragen. Sie würde ihm gegenüber stehen, tief in seine eisblauen Augen schauen und ihn in perfektem Hochdeutsch höflich fragen: „Und Sie, Herr Müller, was haben Sie so alles getrieben im Zweiten Weltkrieg?“

Wie hätte er reagiert?

Der Januar, ihr vierter und letzter in Deutschland, war zugleich auch der kälteste von allen. Der zweite Freitag an jenem Januar glich keinem anderen Freitag ihres Lebens. Zum ersten Mal trat sie betont laut ins Treppenhaus. Er sollte bloß versuchen, sie mit seinem fiesen Gruß zu erschrecken. Sie würde ihm furchtlos entgegnen: „Guten Tag, Herr Müller! Hiermit kündige ich die Wohnung für Ende September. Ich verlasse Ihr Land, Gott sei Dank.“ Würde er sie regungslos anstarren, um sie anschließend mit seinem knappen „Jawohl, Frau Gur!“ abzuservieren? Oder würde er möglicherweise zum ersten Mal nach treffenden Worten ringen?

Je penetranter der Linoleumgeruch im Treppenhaus geworden war, umso mehr gedieh in ihr die Vorahnung, dass er sie um ihren einzigen Triumph berauben könnte. Als sie mit betont langsamen und lauten Schritten an seiner Tür vorbeilief, drehte sie sich um und betrachtete seine Wohnungstür. Die Tür blieb geschlossen! Verriegelt bis zum Ende des Tages, des Monats und für immer. In schnellen Schritten stieg sie die restlichen Treppenstufen hinauf. Sie blieb verstört vor ihrer Wohnung im zweiten Stock stehen und versuchte vergeblich, sich einen klärenden Blick in ihre verwirrte Seele zu verschaffen. Ihre Lage glich erschreckend der desorientierten Hilflosigkeit, die sie überkommen hatte, als ihr Vater nach seinem zweiten Herzinfarkt von Sanitätern aus der Wohnung in der Rothschildallee in Tel Aviv getragen wurde.

Eine halbe Stunde seifte sie ihren Körper unter der Dusche wieder und wieder ab. Warum tat sie das? Versuchte sie die Aura des Hausmeisters aus ihrer Seele zu waschen und mit ihm auch endlich den Großen Krieg aus ihrem Leben zu entfernen?

Um acht Uhr abends verließ sie ihre Wohnung, beseelt von einer sonderbaren Euphorie, die an Überheblichkeit grenzte. Im Erdgeschoß stand sie zum ersten Mal furchtlos vor seiner Wohnungstür.

Es hatte keinen Zweck, sie musste immer öfter zu ihrer Lesebrille greifen. Der weiße Fleck am Türschloss verwandelte sich wie von Zauberhand in einen Plastikstreifen, der den Stempel der Hessischen Polizei trug.

Herr Müller hatte sich leise und unbemerkt von der weiten unsichtbaren Welt jenseits des Treppenhauses in der Keplerstraße das Leben genommen. Frau Schmidt, die Hausbesitzerin, äußerte ihre lakonische Betroffenheit in einem Rundbrief an alle Bewohner des Hauses: „Herr Müller ist in tragischer Weise von uns gegangen. Von nun an wird Herr Watschek die Verwaltung des Hauses übernehmen. Er ist zu erreichen unter der Nummer...“.

Überflüssigerweise kennt sie noch heute die Nummer von Herrn Watschek auswendig.

Am Montag erschien in der Frankfurter Rundschau ein winziger Bericht in der Lokalspalte: „Hausmeister tot in seiner Wohnung gefunden.“ Dem Polizeibericht nach handelte es sich dabei um einen Selbstmord. Der Tote hinterließ keine Angehörigen.

Dienstags um Mitternacht schneite es erneut pausenlos. Sie lag vier Stunden reglos nackt im Bett, mit weit geöffneten blauen Augen. Genau um vier Uhr morgens öffnete sie die Balkontür, ging hinaus und betrachtete das Schneetreiben mit den staunenden Augen eines Kindes.

Die Endgültigkeit ihres Entschlusses, nach Israel zurückzukehren, bescherte der Gegenwart die längst verloren geglaubte Magie der Ferne. Die Trauer des nahen Abschieds von der Stadt am Main schenkte ihr für die verbliebene Stunde vor dem Sonnenaufgang ein hauchdünnes Zugehörigkeitsgefühl, das ihr von ihren Freitagabend-Besuchen bei ihren Eltern jahrelang vertraut war. So sehr wünschte sie sich noch eine Weile die verschneite Stadt zu bewundern, aber die Kälte schien die fremde nackte Frau auf dem Balkon nicht lange dulden zu wollen, weil sie sich entschieden hatte, das Land zu verlassen. Sie verriegelte die Balkontür, zog sich in die Mitte des spärlich möblierten Wohnzimmers zurück und legte sich auf das Sofa. Dort beweinte sie leise ihre von Grübeln und Belanglosigkeiten gezeichneten geistigen Wanderungen auf der Suche nach den noch nicht gesichteten Spuren von familiärer Geborgenheit in ihrer Kindheit und das Dahinscheiden des armen deutschen Hausmeisters.

Um sechs Uhr früh, als die morgendliche Andächtigkeit endlich die Tränen verdrängte, schallte unerwartet Herrn Müllers Stimme laut aus dem Treppenhaus:

„Guten Morgen, Frau Gur!“

Rasch bahnte sich die Stimme ihren Weg in die verschneiten Straßen, von dort in die fernen Wälder und dem Himmel entgegen. Der Klang seiner Stimme glich bis auf den kleinsten Ton dem Guten-Morgen-Gruß ihres Vaters. Die Stimme des Hausmeisters löste sich in unzählige kleine und gleichmäßige Wellen auf. Dann kehrte die Stille zurück. Danach flossen aus ihren Augen erneut die Tränen.

Seit fünfundzwanzig Minuten steht sie im Treppenhaus des Wohnhauses in der Mazehstraße, am Rande des im Bauhausstil gebauten alten Stadtkerns von Tel Aviv. Warum?

Weil es ihr gefällt. Was ist daran so schlimm?

„Überhaupt nichts, Ruchale! Aber wie lange willst du noch hierbleiben?“

Sie hat schon wieder laut gedacht.

Wäre ihr Leben ganz anders gelaufen, wenn sie eine Schwester oder einen Bruder gehabt hätte? Seit fünf Jahrzehnten hatte sie diese Tatsache nicht sonderlich beschäftigt.

„Na und!“

Wünschte sie sich lieber einen Bruder oder eine Schwester?

Weder noch!

„In anderen Worten.“

Der bescheidene Hauch des Lebens in ihrem Elternhaus reichte kaum für seine drei Bewohner.

„Ich bitte dich. Das geht zu weit!“

Wenn sie ausgerechnet heute und jetzt die Schuldigen an dem unglücklichen Verlauf ihres Lebens anklagen möchte, sollte sie sich gefälligst an Goebbels, Hitler, die Holländer, Franzosen, Kroaten, Österreicher oder besser direkt an Gott persönlich wenden.

„Dann bete doch endlich nur dieses einzige Mal aus tiefstem Glauben zu unserem Gott.“

Ich kann es nicht!

„Versuch es mal.“

Wie soll das gehen?

Tue es, wie die anderen es tun.

Nein!

Das kann sie nicht. Mutter, Vater und sogar Tante Selda glaubten nicht an Gott. Sie besuchten nicht mal an Jom Kippur die Synagoge.

Tante Selda war eine schwergliedrige Frau. Es schien, als ob sie schon als 45-jährige Frau geboren wurde, um fortan im Schnellverfahren zu altern. Jeden Samstag genau um drei Uhr erschien sie umhüllt von einer hypnotisierenden Eau-de-Cologne-Wolke zum ausgiebigen Kartenspiel in der Rothschildallee bei den Gurs.

Nach genau neunzig Minuten verließ ihr Vater die Damen, um seinen halbstündigen Spaziergang bis zum Springbrunnen in Kikar Dizengoff und zurück zu absolvieren. Erst dann durfte sie auf Tante Seldas bequemem Schoß Platz nehmen. Präzise elf Minuten vor der Rückkehr ihres Vaters brachen die Frauen ihr Spiel abrupt ab und Tante Selda begann wie gewohnt, Rachels Haare liebevoll zu kämmen.

„Ach du, Ruchale ktantonet sheli. Wenn ich so schöne Haare wie du gehabt hätte, Gott weiß, vielleicht wäre mein Leben ganz anders verlaufen“, pflegte sie immer klagend in Deutsch zu flüstern, bevor sie von ihrem Platz mit jugendlicher Leichtigkeit aufstand, um sich eine Minute vor Fünf zu verabschieden.

Öfter rief sie betroffen ihrer Tante hinterher: „Aber wieso, Tante Selda, wieso? Warum bist du so schrecklich unglücklich?“

Eine Antwort bekam sie von ihrer Tante nie, aber sie war es längst gewohnt. Fragen kreuzten ihr Leben tagtäglich zu Tausenden, Antworten waren dagegen beschämend selten vorhanden.