Der Wassergeist von Bruce Manor - C. A. Parker - E-Book

Der Wassergeist von Bruce Manor E-Book

C. A. Parker

0,0

Beschreibung

Der schottische Clan der Bruces feiert alle zehn Jahre das Clantreffen auf dem Familienstammsitz in Glenmanon. Zum ersten Mal ist dieses Jahr Tom Bruce aus den Vereinigten Staaten dabei. Er ist ein Nachkommen des Teils des Clans, der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert ist. Jenny Menzie nimmt ebenfalls teil. Sie ist Reporterin und will über das Familientreffen berichten. Während der Feierlichkeiten kommen sich Jenny und Tom näher, doch das Clantreffen wird von unheimliche Todesfällen überschattet. Schnell stellen die beiden junge Leute fest, dass Toms Verwandte ihnen etwas verheimlichen. Um das Morden zu beenden, müssen sie sich nicht nur ihre Liebe eingestehen, sondern auch gegen einen Wassergeist bestehen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 110

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Wassergeist von Bruce Manor

von

C. A. Parker

Es war ein regnerischer Herbsttag. Goldenes Laub lag auf der einzigen asphaltierten Straße, die durch das schottische Dörfchen Glenmanon führte. Tom Bruce trat auf die Bremse, nachdem er den Fußgänger vor sich sah. Neugierig blieb der Passant stehen, als der Wagen neben ihm hielt. Das Fahrerfenster glitt hinunter und erlaubte den Blick auf den dunkelhaarigen jungen Fahrer.

»Können sie mir sagen, wie ich nach Bruce Manor komme?«, fragte Tom den Einheimischen, dabei blickte er in das verwitterte Gesicht eines alten Mannes. Misstrauisch erwiderte dieser seinen Blick. Tom dachte schon, er würde ihm nie antworten, da öffnete der Mann den Mund ein Stück, und mit fast unverständlichem Highlanddialekt beschrieb er Tom den Weg. Dann wandte er sich ab und schlurfte die Hauptstraße weiter entlang.

Tom schloss das Wagenfenster. »Ein seltsamer Kauz«, murmelte er. »Und das ist immerhin die Heimat meiner Vorväter. Mal sehen, ob ich ihn richtig verstanden habe.«

Tom gab Gas und fuhr weiter die Hauptstraße lang. An der ersten Abbiegung hinter dem Dorf nahm er die Schotterstrecke, die den Berg hinaufführte.

Er dachte darüber nach, was ihn hierher verschlagen hatte. Vor vier Wochen war ein Brief aus Schottland gekommen, der ihn zum großen Familientreffen des Clans der Bruce eingeladen hatte. Er wusste, dass seine Vorfahren aus Schottland stammten, hatte jedoch nie einen Gedanken daran verschwendet. Auch seine Eltern hatten eine Einladung erhalten worden. Da sein Vater aber gerade eine Herzoperation hinter sich hatte, und seine Mutter ihn pflegen musste, war nur er gekommen.

Er arbeitete als erfolgreicher Versicherungsmakler und konnte sich so problemlos die zwei Wochen freinehmen.

In dem Brief hatte ein gewisser Kenneth Bruce ihn eingeladen, an dem Familienfest des Clans hier in Glenmanon teilzunehmen. Kenneth Bruce war das gegenwärtige Oberhaupt des Clans und hatte – nach eigner Aussage - erst vor Kurzem von den Verwandten in Amerika erfahren.

Diese großen Familientreffen fanden nur alle zehn Jahre statt. Tom hatte es sehr gereizt seine entfernten europäischen Verwandten zu besuchen. Er war zuvor noch nie auf dem alten Kontinent gewesen.

Der Wagen quälte sich die kleine Straße, die aus losem Bruchgestein bestand, hoch. Es war so eng, dass Tom hoffte, ihm würde kein anderes Fahrzeug entgegenkommen.

Der Weg führe um ein Wäldchen herum. Dann sah er endlich den Stammsitz seines Clans. Majestätisch erhob sich das Anwesen, auf einem sanften Hügel gelegen, über dem schottischen Hochland. Tom machte der Anblick sprachlos. Für Amerikaner war ein Gebäude, das älter als hundert Jahre war, schon eine Besonderheit. Was mochten sie bei einem jahrhundertealten Gemäuer empfinden?

Tom fühlte sich sofort an alte Gruselfilme erinnert. In einer stürmischen, dunklen Nacht, müsste sich die Burg hervorragend als Drehort für solche Filme eignen.

Er hielt den Wagen an. Rechts unter ihnen, keine zweihundert Meter entfernt, floß träge der Fluss Spey.

Unwillkürlich kam ihm der Gedanke, dass so ein Herrenhaus auch Gespenster haben müsse. Er musste lächeln. »Vermutlich sogar ein eigens Familiengespenst der Bruce«, dachte er.

Er wusste nicht, wie nah er damit an der Wahrheit war.

*

Jenny Menzie stand oben auf der Balustrade im ersten Stock. Von hier aus hatte sie eine vorzüglichen Übersicht hinab in die Halle des ehrwürdigen Bruce Manor. Ihr Blick schweifte über die überwiegend aus Rosenholz bestehenden vertäfelten Wände, Treppen und Geländer, über die in vergoldeten Rahmen eingefassten gemalten Porträts der Ahnen, derer vom Clan der Bruce und die alten handgeknüpften Teppiche. Dies alles vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit.

Sie hatte in ihrem Beruf schon eine Menge von Adelshäusern besucht. Doch nur hier in Bruce Manor hatte sie sich auf Anhieb wohlgefühlt. Viele Adlige des britischen Königreiches konnten ihre Stammsitze nicht mehr entsprechend unterhalten und deshalb verfielen sie.

Auf Bruce Manor, im tiefsten schottischen Hochland war es anders. Hier schien irgendwie die Zeit angehalten worden zu sein oder sich zumindest langsamer zu bewegen, als im Rest der Welt. Jedenfalls war es noch so, wie zu Zeiten des glorreichem Empires.

Genau dieses Gefühl hatte Jenny, als sie hier oben stand. Sie war Journalistin und arbeitete freiberuflich. Sie hatte sich als Adelsreporterin einen Namen gemacht und verkaufte ihre Artikel mittlerweile an viele renommierte Zeitungen im ganzen Land.

Das Familientreffen der Bruce, das schließlich nur alle zehn Jahre stattfand, hatte sie interessiert. Sie war sich sicher, einen guten Artikel daraus machen zu können.

Deshalb hatte sie das Oberhaupt des Clans, Kenneth Bruce, kontaktiert. Dieser hatte sie sofort eingeladen. Er hatte sich darüber gefreut, dass jemand über das Familientreffen berichten wollte.

Also war Jenny gestern aus London angereist und heute Nachmittag in Glenmanon angekommen. Mehr als ihr Zimmer hatte sie bisher allerdings noch nicht gesehen. Nach der Begrüßung durch Kenneth Bruce hatte sie ihre Sachen ausgepackt. Nun stand sie hier im ersten Stock, blickte in die Haupthalle hinab und freute da zu sein. Sie hatte richtig Lust auf diesen Artikel bekommen und ging schon im Geiste durch, wie er aufgebaut werden sollte.

Sie bemerkte, wie Kenneth Bruce gerade in der Halle eintraf und einen neuen Gast begrüßte. Es war ein Mann, Ende zwanzig und er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Familienoberhaupt. So, wie sich die beiden verhielten, war sofort klar, dass sie sich nie zuvor gesehen hatten.

Jenny tippte auf einen entfernten Verwandten, der sich hier zum ersten Mal einfand. Die Kleidung und das ganze Auftreten ließ auf einen Amerikaner schließen, was Jennys These noch unterstützte.

Während Kenneth Bruce etwas untersetzt war und einen kleinen Bauch vor sich hertrug, war der Neuankömmling groß gewachsen, schlank und machte einen athletischen Eindruck. Er hatte ein offenes, ehrliches Gesicht, das von einer Kurzhaarfrisur eingerahmt wurde. Insgesamt fand Jenny das Aussehen des Mannes durchaus anziehend.

Kenneth Bruce deutete in den ersten Stock und damit dem neuen Gast an, ihm zu folgen.

Jenny überlegte kurz, in ihr Zimmer zu verschwinden. Aber schließlich war sie hier um einen Artikel zu schreiben, da konnte sie nicht vor den Anwesenden fliehen. Sie wartete, bis die Männer den Treppenabsatz erreicht hatten.

Kenneth Bruce bemerkte sie und sagte: »Tom, darf ich dir Jenny Menzie vorstellen. Sie ist Journalistin und will von unserem Familientreffen berichten. Das ist Tom Bruce, ein Abkömmling unserer nach Amerika ausgewanderten Vorfahren.«

Der Amerikaner streckte ihr die Hand entgegen. »Das ist mein erster Besuch in Europa. Ich hoffe, Sie finden ausreichend Material für ihren Artikel hier.«

Jenny drückte seine Hand. Tom Bruce kam ihr sofort sympathisch vor. Seine offene Art gefiel ihr.

»Vielen Dank«, erwiderte sie. »Es ist für einen Amerikaner bestimmt interessant in das Land seine Väter zurückzukehren. Ich würde Sie gerne interviewen, wenn Sie es erlauben.«

»Natürlich.«

»Ich denke«, sagte Kenneth Bruce, »ich zeige Tom zunächst sein Zimmer. Es bleibt ja noch genug Zeit für ein Interview. Die übrigen Gäste treffen ja erst im Laufe des restlichen Tages ein.«

Jenny nickte und Tom verabschiede sich kurz von ihr. Während sie den Männern nachblickte, stieg ihre ohnehin gute Stimmung noch um einiges. Es war wirklich eine ausgezeichnete Entscheidung gewesen, hierher zu kommen.

*

Die nächsten zwei Stunden verbrachte Jenny auf ihrem Zimmer. Sie versuchte die Dinge, die sie bisher erfahren hatte zu ordnen. Dabei zog sie auch einige Bücher über den Bruce-Clan zurate. Sie machte sich Notizen und überlegte sich den Aufbau des Artikels, den sie schreiben wollte.

Sie war nicht sehr erfolgreich bei dem Versuch. Immer wieder geisterte dieser Amerikaner durch ihren Kopf. Sie schaffte es einfach nicht, sich auf den Artikel zu konzentrieren.

Unzufrieden ließ sie ihre Arbeit liegen und versuchte sich mit Lesen abzulenken. Damit hörte sie nach zehn Minuten ebenfalls auf. Der Krimi fesselte sie nicht wirklich und dieser Tom Bruce wurde dadurch auch nicht aus ihren Gedanken vertrieben.

Jenny sprang auf. Ein Spaziergang im Garten des Anwesens würde ihr sicherlich guttun und sie hoffentlich wirklich ablenken.

Sie blickte aus dem Fenster. Der Himmel war immer noch mit dichten Wolken verhangen, allerdings regnete es im Moment nicht. Jenny ließ also die Regenjacke auf ihrem Zimmer und ging nur mit einer leichten Jacke bekleidet hinaus. Es war bereits Oktober, trotzdem war es ungewöhnlich warm hier im Hochland. Aber nicht lange mehr, und der erste Herbststurm würde die nordatlantische Kälte mit sich bringen. Also war dies eine gute Gelegenheit, die letzten Strahlen der Sonne zu genießen.

Jenny schaute auf ihre Armbanduhr. Es war achtzehn Uhr. Kenneth Bruce hatte sie zum Dinner um neunzehn Uhr im Speisesaal eingeladen. Da wollte er ihr alle Familienangehörigen vorstellen. Sie hatte folglich noch eine gute Stunde Zeit Luft zu schnappen.

Hinter Bruce Manor befand sich ein kleiner Englischer Garten, den irgendein Bruce im 18. Jahrhundert hatte anlegen lassen. Kieswege wurden von Blumenrabatten, Holunder-, und Weißdornhecken eingerahmt.

Jenny spazierte langsam über diese Wege und genoss die frische, feuchte Hochlandluft. In der Ferne sah sie einige Feldhasen über die Hochlandwiesen hoppeln.

Die gewünschte Ablenkung bot der Spaziergang allerdings nicht. Sie musste immer noch an diesen Tom Bruce denken. Ja, sie schwärmte für ihn. Sie war ziemlich verwirrt. Schließlich hatte sie nur ein paar Worte mit ihm gewechselt und ihn gerade mal fünf Minuten gesehen.

Vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie schon seit über einem Jahr alleine war. Da war es ja nicht ungewöhnlich, wenn man einen gut aussehenden jungen Mann näher unter die Lupe nahm. Mehr war es nicht, sagte sie sich. Sie war hier um zu arbeiten, nicht um sich romantischen Gefühlen hinzugeben.

Jenny schaute auf ihre Uhr. Es war nach halb Sieben. Zeit sich auf ihr Zimmer zu begeben und sich für das Dinner umzuziehen. Jedenfalls hatte ihr der Spaziergang gutgetan.

Der Weg ins Haupthaus führte über einen Hintereingang. Jenny öffnete die Tür und klopfte ihre Schuhe ab. Sie musste eine Treppe hochsteigen, die in einen Gang endete. Dieser führte dann direkt in die Haupthalle, von wo sie in den ersten Stock gelangen konnte. Dort lag ihr Zimmer.

Sie hatte gerade den Gang erreicht, als sie gedämpfte Stimmen vor sich hörte. Es war deutlich zu erkennen, dass es verschiedene Personen waren, die sich stritten. Da die Stimmen nur leise zu hören waren, waren die Sprecher vermutlich in einem der Zimmer, die von diesem Gang abgingen.

Jennys Neugier erwachte. Schließlich war sie Journalistin. Wieso stritten sich im Vorfeld des Familientreffens Menschen? Waren es nur Bedienstete, die wegen einer Nichtigkeit sich in die Haare gekommen waren? Oder gab es heftigen Streit innerhalb des Bruce-Clans?

Jenny würde es nicht herausfinden, wenn sie hier stehenblieb. Also huschte sie den Gang entlang und versuchte die Tür zu finden, hinter der die Meinungsverschiedenheit stattfand. Das gestaltete sich nicht als besonders schwierig. Je näher sie der Tür kam, desto lauter wurden die Stimmen.

Jetzt stand Jenny direkt vor der Tür, die in das Zimmer führte, wo die Meinungsverschiedenheit stattfand. Die Stimmen klangen immer noch gedämpft, sie konnte keine Einzelheiten verstehen, doch es war offensichtlich ein Streit im Gange. Jennys Neugierde war vollends geweckt. Sie musste alles über diese Familie und das Treffen wissen, wenn sie einen guten Artikel abliefern wollte. Da sie eine Vollblutjournalistin war, schreckte sie auch nicht vor so einer Unhöflichkeit, wie das Belauschen von ihren Gastgebern, zurück.

Um doch etwas verstehen zu können, beugte sie sich Jenny vor und drückte ihr rechtes Ohr an die Tür. Sie glaubte Kenneth Bruce Stimme herauszuhören. Allerdings verstand sie nur einzelne Wörter und diese auch nur undeutlich. Die Tür bestand aus massivem Eichenholz. Zu dem Zeitpunkt, als man dieses Herrenhaus erbaut hatte, waren die Wände noch armdick gemauert worden. Die Türen waren nicht wesentlich dünner.

Jenny hörte überhaupt nur etwas, weil dort drinnen im Raum ein besonders lauter Streit stattfand. Bei normaler Lautstärke, hätte man im Flur gar nichts mitbekommen.

Kurz überlegte sie, ob sie einfach die Klinke herunterdrücken sollte, um die Tür einen Spaltbreit zu öffnen. Doch die Gefahr war zu groß, entdecket zu werden. Vielleicht quietschte die Tür in den Angeln oder direkt hinter der Tür stand einer der Streitenden.

So wie es aussah, konnte Jenny einfach nicht in Erfahrung bringen, wer sich in dem Raum stritt.

»Kann ich helfen?«

Jennys Herz rutschte ihr regelrecht in die Hose, als sie die Stimme hinter sich hörte.

Erschrocken blickte sie sich um. Wer mochte sie beim Belauschen erwischt haben?

Überrascht erkannte sie Tom Bruce, der sie anlächelte. Sie war nicht fähig zu antworten

»Haben Sie ein schlechtes Gewissen?«, fragte er mit einem schmunzelnden Gesichtsausdruck.

Jenny atmete durch. Sie war froh, dass es Tom war, der sie erwischt hatte und nicht irgendjemand anderes. In Gedanken nannte sie ihn schon mit Vornamen, wie sie überrascht feststellte.

»Wieso sollte ich ein schlechtes Gewissen haben«, fragte sie keck zurück, um ihre Unsicherheit zu verschleiern.

»Na, das sah aus, als würden Sie da drin jemanden belauschen.« Tom Bruce deutete mit einer Handbewegung auf die Tür.

»Was heißt belauschen. Ich recherchiere.«

»Ach so, recherchieren heißt das heute«, grinste er zurück.

Jetzt wurde es Jenny zu bunt. Sie brauchte sich von diesem Amerikaner wirklich nicht alles gefallen zu lassen. Mit in den Hüften gestemmten Fäusten, fragte sie: »Möchten Sie mir etwa vorwerfen, ich würde hier etwas Unredliches tun?«

Tom Bruce hob sofort abwehrend die Hände. »Nein, auf keinen Fall. Ich bin ja selber durch die Stimmen angelockt wurde. Ich frage mich, wer da so heftig streitet?«

Jenny beruhigte sich wieder. Schließlich war er aus demselben Grund hier wie sie. »Ich habe bisher nur die Stimme von Kenneth Bruce heraushören können«, sagte sie.