Der Weg aus der Dunkelheit - Isabell Stich - E-Book

Der Weg aus der Dunkelheit E-Book

Isabell Stich

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Beschreibung

Nach den schrecklichen Erlebnissen des letzten Jahres will Sophie nur noch der Realität entkommen. Sie verliert sich in langen Clubnächten, vernachlässigt ihr Studium und rutscht immer tiefer in eine Kokainabhängigkeit ab. Die Veränderung fällt Gabe, einem guten Freund und FBI Agent auf der ihr fortan hilft, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Sie und Gabe kommen sich näher, dann begeht Sophie einen folgenschweren Fehler, der sie dazu zwingt über Nacht zu verschwinden, ohne jemandem ihren Aufenthaltsort preiszugeben. Drei Jahre später taucht sie wieder auf und bittet Gabe um eine zweite Chance. Doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Wird sie es schaffen, ihr Leben wieder unter Kontrolle zu bekommen und wird Gabe ihr eine zweite Chance geben?

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

TEIL 1

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

TEIL 2

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

PLAYLIST

TEIL 1

1. Kapitel

Ein Klingeln ertönte und Sophie fuhr erschrocken zusammen. Der Inhalt ihres Kaffeebechers ergoss sich über ihre Klamotten. Laut fluchend schnappte sie ihr Handy und nahm den Anruf entgegen.

„Na, wie ist es in Italien?“, meldete sie sich und ein Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht.

„Ehrlich, wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Lou und ich haben die leckerste Pizza verschlungen, die es auf dieser Welt gibt“, schwärmte David und Sophie hörte sein Grinsen deutlich heraus.

„Wir werden heute eine kleine Runde am Strand spazieren gehen.“

„Das freut mich zu hören. Schick auf jeden Fall Bilder“, forderte sie ihren Bruder auf.

„Zu Befehl“, versprach er ihr und im Hintergrund ertönte ein lautes Lachen.

Sophie klemmte ihr Handy zwischen Schulter und Ohr und wischte den restlichen Kaffee vom Boden auf.

„Ihr habt euch diesen Urlaub mehr als verdient, also genießt ihn zu hundert Prozent.“

„Das stimmt. Gönn dir auf jeden Fall ein bisschen Ruhe, setz die Uni aus und nimm eine kleine Auszeit“, versuchte David, sie zu überzeugen.

„Das Thema hatten wir schon, bevor du abgereist bist. Ich komme zurecht.“

„Ja, ich weiß, aber ich merke doch, dass etwas nicht stimmt. Sophie, ich meine es ernst, wenn ich dir sage, dass ich mir Sorgen um dich mache.“

„Hör zu, ich bin schon groß und weiß, was ich tue. Danke für deine Sorgen, aber die brauchst du dir echt nicht zu machen. Ich komme klar.“

Er seufzte laut auf, da er wusste, dass es zwecklos war, weiter auf dem Thema herumzureiten. Es war aussichtslos.

„Ist das deine Schwester? Ich werde ihr so bald wie möglich Bilder schicken“, schrie Lou ins Telefon und augenblicklich kehrte das Lächeln auf Sophies Lippen zurück.

Es war beruhigend, ihre gutgelaunte Stimme zu hören. „Dann halte ich euch nicht länger auf. Genießt den restlichen Tag“, meinte Sophie.

„Ja, werden wir. Durch die Zeitverschiebung ist schon Abend, daher wird der Spaziergang das Letzte für heute sein“, sagte er und sie verabschiedeten sich voneinander. David war ihr großer Bruder und sie hatten von klein auf ein gutes Verhältnis. Sophie sah ihn als Vertrauensperson und Vorbild.

Lou war seine Freundin und sie waren erst seit Kurzem zusammen. Gleich zu Anfang der Beziehung hatten sie eine schwere Zeit durchlebt.

Lou war jahrelang in den Fängen von Menschenhändler gewesen, bis ihr die Flucht gelungen war. David hatte sie gefunden und mit dem FBI Team an ihrem Fall gearbeitet. Dabei war er mit seinen Ermittlungen zu nah an den Kopf des Menschenhandelsring geraten und hatte Lou erneut in Gefahr gebracht. Da sie zu viel wusste, war Lou erneut entführt worden. Sophie war einfach am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen und ebenfalls entführt worden, obwohl sie damit nichts zu tun gehabt hatte.

Die beiden waren außer Landes geschafft worden und hatten sich in Polen wiedergefunden. Ohne Pass, ohne Handy, nichts hatten sie dabeigehabt. Die Entführer hatten sie in ein Bordell gesteckt.

Lou hatte sie so gut wie möglich beschützt und dafür würde sie ihr ewig dankbar sein. Sophie hatte gesehen, was sie im schlimmsten Fall erwartet hätte. Sie verdankte Lou so einiges. Drei Tage hatten sie in Gefangenschaft gelebt, doch es waren genug, dass Sophie die schrecklichen Geschehnisse nicht mehr aus dem Kopf bekam. Immer wieder tauchten die Szenen vor ihrem inneren Augen auf.

Zwei Monate waren seit der Entführung vergangen, doch das änderte rein gar nichts an den Alpträumen, die sie seitdem hatte. Sie verschlimmerten sich sogar mit der Zeit.

Erneut war es ihr Handy, das sie aus ihren Gedanken riss. Diesmal schaffte sie es, nicht zusammenzuzucken. Kim rief an. Sophie verdrehte die Augen, hob aber ab.

„Hey, was gibts?“, meldete sie sich und lief in ihr Schlafzimmer, wo sie alle restlichen Sachen für die Uni in ihre Tasche stopfte.

Sie stellte Kim auf Lautsprecher, schmiss ihr Handy aufs Bett und zog sich schnell saubere Klamotten an.

„Hey, kommst du heute zur Vorlesung?“, fragte Kim mit voller Vorfreude.

„Ja, klar. Ich bin schon auf dem Weg“

Sie öffnete ihre Nachttischschublade und holte ein kleines Päckchen hervor. Kurz musterte sie es, dann bildete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie steckte es ein.

„Klasse. Bist du heute Abend dabei?“

„Klar“, meinte sie, während sie sich im Spiegel betrachtete und eine lockere Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

„Okay, ich freu mich schon“, quietschte Kim aufgeregt.

„Ja, bis gleich“, beendete Sophie das Gespräch.

Sie steckte ihr Smartphone ein und widmete sich ihrem Spiegelbild eingehender. Ihre roten langen Haare hatte sie zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden und ihre blauen Augen dezent geschminkt, sodass man ihre Augenringe nicht mehr sehen konnte.

Sie entschied sich für eine enge blaue Skinny Jeans und einen großen, gemütlichen Kapuzenpullover.

Als ihr das Tütchen von vorhin einfiel, dass sie eingesteckt hatte überlegte sie nicht lange. Sie lief damit ins Wohnzimmer, setzte sich vor den Tisch auf den Boden und verteilte das Koks darauf. Dann hielt sie ihre Nase hin und schnupfte es. Für einen kurzen Moment genoss Sophie das Gefühl. Es fühlte sich an, als ob alle ihre Probleme verschwinden würden und sie glücklich wäre. Kurzerhand steckte sie sich ein zweites Päckchen in die Tasche, denn sie wusste, dass sie heute Nachmittag noch mal eine Dosis benötigen würde. Sie nahm ihren Becher mit Kaffee in die Hand und verließ ihre Wohnung.

Vor der Uni traf sie auf ihre Freundin Clara. Sophie musterte sie kurz. Ihre blond gelockten Haare waren ordentlich gekämmt und hingen ihr über die Brust. Wie immer trug Clara Markenklamotten, die sehr körperbetont waren. Sie konnte es tragen, da sie sehr schlank war.

„Hey, wie gehts?“

Als Sophie sie umarmte, stieg ihr Claras gewohntes Parfüm in die Nase, das billig roch, und Sophie musste ein Würgen unterdrücken.

„Alles bestens. Und dir? Ich freu mich schon auf heute Abend. Auf der Party lassen wir so richtig die Sau raus“, freute sich Clara.

„Auf jeden Fall. Es kann sein, dass ich ein bisschen später dazustoßen werde. Aber ich denke, ich werde es rechtzeitig schaffen.“

„Klar, ist ja kein Problem.“

Clara sah auf ihre Uhr.

„Echt schade, dass wir nicht das Gleiche studieren.“

„Sei froh darum, da kommt nichts Sinnvolles dabei raus.

Das Architekturstudium fordert unsere volle Energie und Aufmerksamkeit.“, widersprach Sophie. „Ich sehe es doch bei mir und Kim.“

„Stimmt, aber zum Glück haben wir immer ein bisschen Zeit vor der Vorlesung und in den Pausen.“

„Ja“, stimmte Sophie zu und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

Clara verzog die Nase und musterte sie für einen Moment. „Sag mal, ist da Alkohol drin?“, fragte sie mit aufgerissen Augen und Entsetzen in der Stimme.

„Pst, nicht so laut!“, zischte Sophie und hielt sich ihren Finger an die Lippen.

„Es ist erst zehn Uhr morgens“, ermahnte Clara sie und schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ja, chill. Es ist nur ein Schuss im Kaffee. So schmeckt er besser und die Vorlesungen sind erträglicher.“

„Ist alles okay mit dir?“

Clara wirkte besorgt. Sophie erkannte, dass sie sich ernsthafte Sorgen um sie machte.

„Klar, was soll sein?“, winkte sie trotzdem ab. „Ich muss los. Wir sehen uns heute Abend.“

Bevor Clara etwas erwidern konnte, war Sophie verschwunden.

Sie umging damit ein Verhör, das Clara schon vor ein paar Wochen mit Sophie geführt hatte. Sophie hatte keine Lust darauf und wusste, dass sie ihrer Freundin niemals die Wahrheit sagen würde, also ging sie, um Lügen zu vermeiden. Ihr war bewusst, dass sie sich verändert hatte und ihre Freundinnen meinten in letzter Zeit immer häufiger, dass sie sich um sie sorgten. Niemand an der Uni wusste von ihrer Entführung. Sophie wollte sich die mitleidigen Blicke ersparen. Sie hatte ihre Abwesenheit damit entschuldigt, dass sie unter einer schlimmen Magenverstimmung gelitten hatte. Es war zum Glück in den Semesterferien passiert, so war es nicht aufgefallen und sie musste nicht befürchten, dass ihre Lüge aufflog.

Die Entführung lag nun schon zwei Monate zurück, dennoch beschäftigte sie es. Sie konnte kaum schlafen, denn immer, wenn sie die Augen schloss tauchten die Bilder vor ihr auf. Sie nahm ihre Umgebung genauer wahr und bildete sich ein, beobachtet zu werden.

Sophie betrat den Hörsaal und setzte sich in die letzte Reihe, um möglichst unbemerkt zu bleiben.

Im ersten Semester hatte sie weit vorne gesessen, um alles mitzubekommen und sich mit den anderen Studenten auszutauschen, doch seit dem Vorfall bevorzugte sie es, alleine zu sitzen. Die Vorlesung war schneller vorüber, als sie erwartet hatte. Sophie packte ihre Sachen zusammen und wollte verschwinden.

„Miss Campbell, haben Sie kurz einen Moment?“, hielt Professor Evans sie in diesem Moment auf.

„Sicher“, meinte sie und lief langsam zu ihm nach unten.

Sie wartete, bis ihre Mitstudenten draußen waren, dann erst richtete sie ihren Blick auf den Dozenten. Er war etwas älter, wovon seine grauen Haaransätze an den Schläfen zeugten. Er trug ein Karohemd mit einer schwarzen Krawatte, was ein wenig spießig auf Sophie wirkte. Campbell war einer der beliebtesten Professoren hier an der Uni. Bisher war Sophie immer gut mit ihm zurechtgekommen und hatte nie Probleme gehabt.

„Ihre Leistungen lassen nach. Im ersten Semester waren Sie eine meiner Vorzeigestudentinnen und nun sind Sie eine der schlechtesten. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, erkundigte sich der Professor.

„Ja, ich hatte nur gesundheitlich zu kämpfen“, log sie und setzte ein Lächeln auf.

„Okay, doch wenn Sie etwas benötigen, lassen Sie es mich wissen“, bot er ihr an.

Sie sah ihn direkt an und erkannte Unsicherheit in seinem Blick. Ihre Lüge war nicht überzeugend genug gewesen.

Sophie bedankte sich, eilte aus dem Hörsaal und lief in die Mensa zu ihren Freundinnen. Sie wollte nicht noch mehr lügen, das machte ihr zu schaffen und sie hasste sich selbst dafür.

Nele, Pia, Clara und Kim saßen bereits an einem Tisch und winkten ihr zu.

„Hey, wo warst du den so lange?“, fragte Clara.

„Sorry, mein Dozent hat mich aufgehalten“, antwortete Sophie und setzte sich zu ihnen. Die anderen waren bereits beim Essen.

„Holst du dir nichts?“, erkundigte sich Pia.

„Mir reicht mein Obst“, antwortete sie und holte eine Banane aus ihrer Tasche.

„Okay.“ Nele bedachte sie mit einem skeptischen Blick.

„Die Party steigt um acht, oder?“, fragte Kim an alle gewandt.

„Ja, ich freue mich schon“, sagte Clara mit einem Lächeln im Gesicht.

Während ihres ersten Semesters war Sophie kaum auf Partys gewesen, weil sie lieber gelernt hatte, um mit dem Stoff zurechtzukommen. Sie hatte sich vorgenommen, die Beste zu sein. Das wollte sie immer noch, doch merkte, wie sie immer mehr versagte und das machte ihr zu schaffen. Sie versagte auf kompletter Linie.

„Arbeitest du heute Abend eigentlich?“, fragte Kim.

„Nein, ich habe meinen Job in der Bar nicht mehr. Es war mir zu anstrengend und jemand anderes brauchte ihn dringender als ich.“

Es stimmte, Sophie hatte in einer Bar gearbeitet, ganz in der Nähe ihrer Wohnung. Es hatte ihr Spaß gemacht, doch vor Kurzem hatte sie ihren Job an Lou abgegeben, die ihn dringender brauchte als sie.

„Du sagtest, du würdest heute später dazustoßen. Wenn bist du denn da?“

„So um zehn.“

Sophie sah in die Runde und war froh, dass niemand Fragen stellte, warum sie später kam. So blieben ihr weitere Lügen erspart.

„Okay, dann treffen wir uns doch bei dir um, vorzuglühen.“

„Ja klar, wenn ihr auf mich wartet, gerne“, freute sich Sophie und schmiss ihre Bananenschale weg.

„Ich muss leider wieder los. Bis heute Abend.“

Sie schnappte sich ihre Sachen und verschwand schon in der nächsten Vorlesung. Ihre Freundinnen sahen ihr besorgt hinterher, sagten aber nichts weiter.

Um zwei Uhr nachmittags endete ihr Tag und sie war erleichtert, die Uni für heute nicht länger ertragen zu müssen. Solche Tage waren selten. Normalerweise war sie erst abends daheim. Doch so hatte sie Zeit, eine Runde joggen zu gehen. Sie schlüpfte schnell in ihre Sportsachen und machte sich auf den Weg zum Park. Als sie sich umsah, erkannte sie Gabe schon von Weitem. Automatisch bildete sich ein Lächeln auf ihren Lippen.

„Hey“, kam sie ihm entgegen und umarmte ihn.

Er überragte sie um einen Kopf, aber das war keine große Kunst. Mit ihren ein Meter sechzig war sie nicht die Größte.

Er trug einen Dreitagebart, was perfekt zu ihm passte, wie Sophie fand. Dabei stachen seine grünen Augen hervor. Sein Haar war dunkelbraun und kurz.

„Hey, Kleine“, begrüßte Gabe sie.

Er trug ein FBI T-Shirt und eine Jogginghose mit weißen Turnschuhen. Sie war ähnlich gekleidet,ein schwarzes Top mit einer dunklen Leggins und dazu helle Sportschuhe. Ihre roten Haare kamen dabei gut zur Geltung, obwohl sie diese zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat.

Die Umarmung dauerte länger als normalerweise. Gabe war ein guter Freund, daran änderte auch der Altersunterschied nichts. Er war elf Jahre älter als sie und Davids Kumpel und Kollege. Mit der Zeit hatten sie sich immer besser verstanden und kurz war da etwas zwischen ihnen gelaufen. Sie hatten rumgemacht, als sie voll gewesen waren. Wie viel sie an diesem Abend getrunken hatten, wusste keiner von ihnen. Sophie hatte ihm klargemacht, dass es ein Fehler gewesen war, und er hatte ihr zugestimmt. Trotzdem schlich sich dieser Kuss immer wieder in ihre Gedanken und sie sehnte sich nach mehr. Sie Unterdrückte dieses Gefühl, da sie keine Zeit für eine romantische Beziehung hatte.

„Bereit für eine Runde Joggen?“, fragte er sie und ließ sie los.

„Klar, immer und was ist mit dir?“

Sie stupste Gabe leicht in die Seite, was ihm ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

„Was ist das denn für eine Frage. Ich bin in Topform“, grinste er.

„Heute keine Arbeit?“

Gabe schnaubte laut und das Grinsen verschwand. Er sah sie ernst an.

„Doch, leider, aber erst heute Nacht. Wir haben da etwas geplant. Was es ist, bleibt geheim“, antwortete er und dehnte sich.

„Ja, schon klar. Ändert nichts an meiner Neugierde, aber ich bin es von David gewöhnt, dass er kaum darüber sprechen darf.“

Sie stellte sich neben ihn und dehnte sich ebenfalls. Dabei behielt sie Gabe im Auge. Er wirkte so locker und entspannt, doch als sie jetzt in sein Gesicht sah, erkannte sie, dass er angespannt war.

„Ist alles okay? Du wirkst so bedrückt. Ist es, weil ich die Arbeit erwähnt habe?“

„Ja, es ist nur ein Hinweis, nichts Konkretes“, verriet er ihr.

„Was dann?“

Sie hörte auf mit dem Dehnen und hockte sich auf die Bank und sah ihn voller Sorge an.

„Du kannst mir vertrauen. Ich schweige wie ein Grab.“

„Das ist nicht das Problem“, gestand er und setzte sich neben sie. „Es ist nur so, dass ich noch immer die Spur von Oliver Grey verfolge. Ich habe einen Kontakt bei Interpol und der versorgt mich mit Informationen, doch die sind nicht vielversprechend.“

Er gab ein frustriertes Schnauben von sich und sah sie entschuldigend an.

Sophie schwieg nur und hatte keine Ahnung, was sie darauf erwidern sollte. Sie kannte Oliver Grey und hasste ihn aus vollem Herzen. Wenn er eines Tages vor ihr stehen würde, wüsste sie nicht, wie sie reagieren würde. Er hatte Lou und sie entführt und über die Grenze geschafft. Er war verantwortlich für ihren Schmerz und all das Leid. Sie wünschte sich, dass er dafür büßte, was er ihr und vor allem Lou angetan hatte. Lou hatte noch mehr Grund ihn zu hassen und leiden zu sehen. Er hatte ihr das halbe Leben genommen und sie über zehn Jahre gezwungen, ihren Körper zu verkaufen.

„Sorry, ich hätte besser nichts gesagt.“

Gabe erhob sich und reichte ihr die Hand.

„Nein, es ist okay. Ich habe Geduld und dann schlägt das Karma zurück.“

Er lächelte sie an und sah sie einen Moment nur an.

„Wie schaffst du das nur? Es wirkt bei dir so leicht. Du bist immer so stark, dafür bewundere ich dich.“

Sie war froh, dass er nicht merkte, wie es ihr kalt den Rücken herunterlief und ihre Hände anfingen zu zittern. Denn sie war nicht stark, sondern schwach. Weil sie das aber nicht zugeben wollte, versuchte Sophie, es so gut sie konnte zu verstecken.

„Komm, wir legen los“, war alles, was sie darauf erwiderte und rannte los.

Es entging ihm nicht, dass sie seiner Frage auswich.

„Gerne. Nächstes Mal unternehmen wir etwas Entspanntes“, beließ er es dabei.

Sie joggten los und konzentrierte sich dabei nur auf den Weg. Sie trafen sich ein Mal in der Woche zum Sport und unterhielten sich, daher brauchten sie nicht lange, bis sie ihr gemeinsames Tempo gefunden hatten. Sie waren ein eingespieltes Team.

„Schwebt dir was vor?“, fragte er und beschleunigte.

„Nicht so schnell heute“, bat sie und er drosselte das Tempo wieder. „Netflix mit Pizza?“

Er sah zu Seite und nickte und Sophie konnte Freunde in seinen Augen sehen.

Während der restliche Runde sprachen sie über Belangloses, doch sie genoss die Stunden mit ihm. Aktuell war das die einzige Freude, die ihr blieb.

Es war acht Uhr abends und Sophie stand in einer abgelegenen Seitengasse. Immer wieder warf sie einen Blick über ihre Schulter.

„Hey, na, zu einer Entscheidung gekommen, Prinzessin?“, fragte ein Kerl, der vor ihr auftauchte. Beide sahen sich sorgfältig um, dass niemand das Gespräch belauschte.

„Ich steige nicht komplett wieder ein“, sagte sie und steckte ihre Hände in die Hosentaschen.

Es behagte ihr zwar nicht, doch sie benötigte das Geld und Kokain dringend. Er sah sie fragend an.

„Ich fang klein an und halte mich eher zurück“, erklärte sie ihm und er nickte.

Sie hatte einen Eindruck davon bekommen, wozu diese Männer fähig waren. Dies blendete sie erst einmal aus, da sie nur das Kokain vor Augen hatte, das sie unbedingt brauchte.

„Okay, der Boss erfährt hiervon nichts. Ich habe gleich ein paar Kunden für dich.“

Mit diesen Worten drückte er ihr fünf Packen in die Hand. Sophie hielt den Atem an und musterte die Ware.

„Wo findet die Übergabe statt?“, erkundigte sie sich und steckte die Drogen ein.

Es war mehr als nur Kokain.

„Zwei Straßen weiter von hier. Du erkennst sie schon, sie waren früher deine Kunden“, sagte Jim.

„Gut, wie handhaben wir das mit dem Preis?“, fragte sie nach.

„Du kennst doch die Preise, oder?“

Fassungslos sah er sie an.

Er hielt sie am Arm fest. Sophie wusste, dass das ein Zeichen von Misstrauen war.

„Ich spreche hier von meiner Bezahlung“, zischte sie und riss sich los.

„Da hat sich nichts geändert“, meinte er verwundert.

„Okay, aber ich benötige Koks für den Eigenbedarf.“

Sie lächelte ihn an.

„Du nimmst das Zeug immer noch? Wenn du etwas brauchst, dann sag es mir. Ich kann es dir ein bisschen günstiger verkaufen. Ich schlage auf den Preis zehn Prozent Gewinn für mich drauf“, gestand er ehrlich.

„Okay, das ist nur fair.“

Sie war vor ihrer Entführung ausgestiegen, weil sie das Geld nicht mehr gebraucht hatte, doch dies hatte sich geändert. Davor hatte sie keine Drogen genommen, sondern nur gedealt, um über die Runden zu kommen.

„Schön, dass du wieder dabei bist“, meinte er und umarmte sie flüchtig.

Sie nickte ihm zu, bevor jeder in eine andere Richtung verschwand.

Sophie hatte sich das enge schwarze Kleid angezogen, als es an ihrer Tür klingelte. Sie sah sich im Zimmer um und lief los, um die Tür zu öffnen. In letzter Sekunde blieb ihr Blick an einem Tütchen hängen, das sie auf das Bett gelegt hatte.

Sie schnappte es sich und stopfte es unter die Matratze, erst dann öffnete sie ihren Freundinnen die Tür.

„Hey Süße“, sagte Clara und schon eine Sekunde später hatte sie einen Kuss auf die Wange.

Kim und die anderen winkten mit ihren Händen, in denen sie Alkohol hatten. Sophie sah ihnen mit einem Lächeln hinterher und schloss langsam die Tür.

„Ich habe Tequila, Wodka und irgendeinen billigen Schnaps geholt“, sagte Nele und hielt die Flaschen demonstrativ hoch. Auf ihrem Gesicht bildet sich ein großes Grinsen.

„Ich habe ein paar Sachen zum Mixen besorgt. Im Kühlschrank steht Cola, Ginger Ale und Red Bull. Außerdem habe ich Wein und Rum in der Küche“, sagte Sophie und deutete mit ihrem Finger in die entsprechende Richtung.

„Du kümmerst dich um die Musik und wir sorgen für leckere Cocktails“, ordnete Kim an und war schon verschwunden.

Sophie nahm ihr Handy, das aus dem Wohnzimmertisch lag, und verband es per Bluetooth mit ihren Lautsprechern.

„Habt ihr irgendwelche Wünsche?“, erkundigte sie sich.

„Ne, mach irgendwas an“, schrie Clara aus dem Bad.

Sophie suchte in ihrer Playlist nach Liedern, fand nichts Passendes und stöberte dann auf Youtube.

„Wie lange brauchst du denn, um die Musik anzumachen? Wir haben schon ein Getränk“, meinte auf einmal Nele neben ihr.

Im selben Moment tippte Sophie auf ein Video und es ertönte lauter Bass aus den Boxen.

„Kommst du mal in die Küche?“, brüllte Kim.

Sie legte ihr Handy zurück auf den Wohnzimmertisch und lief zu Kim. Die hatte gerade eine Wodkaflasche in der Hand und ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Sie drehte sich zu ihr um und hielt ihr ein Glas entgegen.

„Hier, für dich“, sagte Kim und Sophie nahm es dankend an.

Gemeinsam tranken sie einen Schluck.

„Sag mal, ist das nicht dein Ex? Du hast mir doch erzählt, dass du etwas mit einem Bullen hattest“, fragte Pia und hielt ein Foto hoch, dass mit einem Magneten am Kühlschrank befestigt war.

„Als ob sie sich ein Bild von ihrem Ex aufhängen wird“, zog Nele sie auf.

„Nein, das ist mein Bruder, David“, antworte Sophie und verdrehte nur die Augen.

„Der ist verdammt heiß, der kann mich auf jeden Fall verhaften. Ist der noch zu haben?“, fragte Pia hoffnungsvoll.

„Er hat eine Freundin.“

„Was ist eigentlich mit deinem Ex?“, lenkte Kim das Thema wieder auf sie.

„Das wüssten wir alle gerne. Du hast nie erzählt, dass du etwas mit einem Polizisten hattest“, mischte sich Nele ein.

Plötzlich standen ihre Mädels in der Küche und starrten sie gespannt an. Nur die Musik wummerte im Hintergrund.

„Er ist nicht mein Ex. Wir sind schon länger Freunde und haben nur einmal rumgemacht. Mehr ist zwischen uns nie gewesen.“, erklärte sie, mixte sich einen zweiten Drink und nahm einen großen Schluck.

Schnell erkannten die anderen, dass sie darüber nicht reden wollte.

„Wo steigt die Party heute Abend?“, wechselte Clara das Thema, sah Sophie aber weiterhin dabei an.

Sie zuckte aber nur mit den Schultern, da es ihr egal war.

„Vor ein paar Wochen hat ein neuer Club eröffnet. Der soll ganz cool sein und es wäre mal was anderes“, schlug Nele vor.

Sofort waren alle begeistert.

„Holen wir uns Koks?“, fragte Pia in die Runde.

„Können wir gerne machen, ich habe es noch nie probiert“, sagte Sophie.

„Das Zeug ist gefährlich. Wir haben gesagt, wir probieren es nur einmal aus. Sophie, du warst da nicht dabei, weil du krank warst.“

Clara schüttelte verächtlich den Kopf.

„Mach kein Drama draus, ist ja nur für die Party“, rechtfertigte sich Pia und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Also ich würde auch nichts nehmen. Einmal hat mir gereicht.“, meldete sich Kim zu Wort.

„Gut, dann halt nur ich und Sophie. Wir besorgen was und kommen danach zu euch.“

Sophie nickte und war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war, doch das Verlangen nach der Droge siegte. Sie schämte sich dafür, dass sie täglich Koks nahm. Die Drogen waren ihr Geheimnis und daran änderte sich nichts.

Ihre Freunde nickten und nahmen es schweigend hin, doch in ihren Gesichtern erkannte Sophie deutlich, was sie davon hielten.

„Sophie, pass bloß auf und lass dich von Pia nicht überreden. Man kann schnell in eine Sucht verfallen“, belehrte Clara sie.

„Ja, ich weiß, aber ich würde es gerne mal ausprobieren. Ist doch nichts dabei“, tat sie ab und Clara musterte sie skeptisch.

„Bist du echt so eine Spaßbremse geworden?“, zischte Pia und trat ihr mit zurückgestreckten Schultern entgegen.

„Nein, von mir aus macht, was ihr wollt.“

Vor dem neuen Club hatte sich eine lange Schlange gebildet. Die Musik dröhnte bis nach draußen. Sie überlegten, ob sie warten oder woanders hingehen sollten. Schließlich platzierten sich am Ende der Reihe und stellten fest, dass es zügig voranging.

Sie betraten die Disco und merkten schon, dass hier verdammt viele Leute waren. Aber das machte ihnen nichts aus. Nachdem sie sich kurz umgesehen hatten, standen sie an der Bar, um sich die ersten Shots zu gönnen.

„Ist echt voll hier“, bemerkte Pia und musste brüllen, damit die anderen sie verstanden.

„Ja, aber geile Musik“, verteidigte Nele den Club.

Sie nahm Sophie an die Hand und zog sie mit auf die Tanzfläche. Langsam merkte sie, wie der Alkohol wirkte, und sie liebte dieses Gefühl. Sie schloss ihre Augen, legte ihren Kopf in den Nacken und bewegte sich zum Rhythmus der Musik. Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum.

Der Song änderte sich und es entstand eine kurze Pause. Also hörte sie auf zu tanzen und suchte nach ihren Freundinnen, die in ihrer Nähe standen.

Sie lächelte Pia zu und entdeckte hinter ihr einen Mann, der abseits an der Wand lehnte. Als sie ihn erkannte, schwand ihr Lächeln. Pia drehte sich um und folgte Sophies Blick.

„Leute, bin dann mal kurz weg. Ich bring dir was mit, okay?“, schrie sie Pia ins Ohr.

Sie nickte nur und Sophie lief auf den Mann zu.

„Hey“, begrüßte sie den Kerl.

Er hatte schwarze kurze Haare und braune Augen. Seine Unterarme waren voll mit Tattoos.

„Brauchst du wieder Nachschub?“, fragte er sie und sie nickte.

Zwar hatte sie bei ihm noch nie Kokain gekauft, kannte ihn aber, da sie ihn öfters bei ihrem Dealer gesehen hatte. Er gehörte zur Gruppe und erkannte sie ebenfalls. Am Arm führte er sie in ein Hinterzimmer, das von einem Türsteher bewacht wurde.

Sie sah sich kurz um. Es waren drei weitere Männer im Raum. Der eine zog eine Line und die anderen beiden saßen auf einer Eckbank, tranken etwas und unterhielten sich.

„Gesell dich doch ein wenig zu uns“, bot er an und sie nickte nur.

Sie hockte sich an den Rand der Bank.

„Auch ein Zug?“, fragte er und deutete auf den Tisch, über den sich das Kokain verteilt hatte.

Sophie lächelte, dann setzte sie sich auf den Boden und zog Koks durch ihre Nase.

„Sie ist geübt“, stellte der eine fest und reichte ihr daraufhin die Wodkaflasche, die sie dankend entgegennahm.

Sie nahm einen großen Schluck. Noch bevor sie die Flasche wieder abstellte, hörte sie ein lautes Krachen an der Tür. Dann ging alles ganz schnell.

„Scheiße, die Bullen“, schrie einer der Männer.

Sofort sprangen alle auf und versuchten zu entkommen, doch schon im nächsten Moment trat die Polizei die Tür ein. Sophie hatte Panik, trotzdem konnte sie nicht widerstehen und schnappte sich das Päckchen, das vor ihr auf den Tisch lag. Sie steckte das Kokain in ihre Tasche.

„Polizei! Keiner macht eine Bewegung!“

Sophie kannte diese Stimme.

„Fuck“, murmelte sie.

Es war Liam, ein Kollege von ihrem Bruder und Gabe. Er gehörte auch zu ihren Freunden. Liam sah sie zum Glück nicht, da sie hinter einem Mann stand. Dieser drehte sich um und floh. Da sie keine Lust hatte, von Davids bestem Freund und seinen Kollegen verhaftet zu werden, folgte sie ihm. Einer der Polizisten stürmte los und stürzte sich auf den Kerl vor Sophie. Sie stieß ein leises Fluchen aus, denn somit versperrten sie ihr den Weg. Sie drehte sich um und rannte in die andere Richtung, dabei ließ sie die Wodkaflasche zu Boden fallen. Weit kam sie nicht, als sie einen festen Griff um ihre Hüften spürte, der sie zurückhielt.

„Dageblieben, du Schnapsdrossel“, drang die Stimme an ihr Ohr.

„FUCK“, schrie sie und versuchte, sich zu befreien, doch es gelang ihr nicht.

Ihr war bewusst, wer da seinen Arm um sie gelegt hatte und sie festhielt. Dass es jemals so weit kam, hatte sie vermeiden wollen.

Er drehte sie um, sah ihr ins Gesicht und hielt geschockt inne.

„Hi“, sagte sie und grinste ihn mit einem beklommenen Lächeln an.

„Sophie? Verdammt, was machst du hier?“, zischte Gabe sie an und sah sich im selben Augenblick um.

Er starrte Sophie mit großen Augen an und dann erkannte sie Wut in seinen Gesichtszügen.

Seine Kollegen waren alle damit beschäftigt, die anderen festzuhalten oder den Laden auseinanderzunehmen. Er packte sie am Arm und zog sie weg. Dabei ging er schnell und nicht sanft vor, war aber nicht grob.

„Was hast du vor?“, fragte sie leise.

„Verschwinde“, zischte er und gab ihr einen kleinen Schubs nach vorne, aus der Tür heraus.

Sophie zögerte nicht lange und rannte los. Gabe folgte ihr nicht.

2. Kapitel

Sie rannte und versuchte, so viel Abstand wie möglich zum Hinterzimmer zu bringen. Erst nachdem sie um die Ecke bog, erkannte sie die anderen Leute aus dem Club und suchte automatisch nach ihren Freundinnen.

„Sophie, da bist du ja. Wir hatten schon Angst, die Polizei hätte dich geschnappt.“

Pia umarmte sie. Sie war die Erste, die Sophie entdeckt hatte, und rannte auf sie zu.

„Es war knapp, aber ich habe leider kein Koks bekommen“, flüsterte Sophie Pia zu.

„Das ist egal. Hauptsache, du bist nicht erwischt worden.“

Erst jetzt traten die anderen zu ihnen und Sophie atmete erleichtert auf. Sie war unendlich dankbar, dass Gabe ihr die Flucht ermöglicht hatte, doch war sich bewusst, dass es ein Nachspiel haben würde. Spätestens in ein paar Tagen, wenn sie sich wiedersahen, schuldete sie ihm eine Erklärung.

„Feiern wir woanders weiter?“, fragte Pia und die Mädels nickten.

„Sorry, ich bin raus“, sagte Sophie und zwang sich zu einem Lächeln. Ihr war die Lust vergangen.

„Okay“, sagte Pia.

„Ciao und bis bald“, verabschiedete sie sich von ihnen.

Daheim angekommen versteckte sie das Koks unter ihrer Matratze, sodass Besuch es nicht finden würde, ohne zu schnüffeln. Ein Päckchen behielt sie aber und steckte es in ihre Hosentasche.

Sie zog ihre hohen Schuhe aus und ließ sich dann auf das Sofa fallen. Genau in dem Moment klingelte ihr Handy. Auf dem Display erschien Gabes Name. Sie gab ein genervtes Schnauben von sich und drückte ihn weg. Zwar war ihr bewusst, dass dieses Gespräch stattfinden musste, doch nicht jetzt. Sie wollte es so lange wie möglich aufschieben. Sophie setzte sich auf den Boden, holte ein kleineres Tütchen Koks hervor und schupfte es gleich weg. Dann schmiss sie schmiss ihren Kopf in den Nacken und wartete, bis die Wirkung einsetzte. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann fühlte sie sich erleichtert und unbesiegbar. Das Klingeln ihres Handys ignoriere sie dabei.

Irgendwann riss die Türklingel sie aus ihrer Trance. Sie starrte zur Tür und erhob sich langsam vom Sofa.

„Wer ist da?“, schrie sie und hatte keine Lust auf Besuch.

„Ich bin es, Gabe. Mach auf!“, brüllte er und sie fluchte leise vor sich hin.

Es war eine Sache, seine Anrufe wegzudrücken, doch ihn eiskalt vor der Wohnungstür stehenzulassen, brachte sie nicht über sich. Daher stand sie auf und öffnete ihm.

„Kann ich reinkommen?“

Dunkle Augenringe zeugten davon, wie müde und erschöpft er sein musste. Sie empfand Mitleid mit ihm und trat deswegen zur Seite, um ihn hereinzulassen.

„Danke“, murmelte er und lief ins Wohnzimmer, nachdem er sich die Schuhe ausgezogen hatte.

Er musste direkt nach der Razzia zu ihr gekommen sein, das verrieten ihr Marke, Waffe und die Jacke mit dem FBI-Emblem.

„Willst du etwas trinken?“, fragte sie höflich, doch er schüttelte den Kopf und ließ sich aufs Sofa fallen.

Für einen kurzen Moment schloss er die Augen.

Gabe war schon öfters in ihrer Wohnung gewesen. Es hatte etliche Nächte gegeben, in den die beiden nur geredet oder schweigend nebeneinandergesessen und einen Film angeschaut hatten.

Eigentlich war er einer von Davids besten Freunden. Sie hatten sich ein paar Mal im Club gesehen und sich miteinander unterhalten. So war es passiert, dass er sich immer öfter bei ihr gemeldet hatte und sie hatten die Treffen erweitert, um gemeinsam zu trainieren und zu chillen. Doch dann war jene Nacht gekommen, in der sie zu heftig gefeiert und Gabe getroffen hatte. Sie hatte einiges an Koks und Alkohol intus gehabt. So waren Sophie und Gabe wild knutschend in der Ecke des Clubs gelandet.

Sophie starrte Gabe an und ihr fehlten die Worte. Es war eine beschissene Situation. Sie überlegte krampfhaft, wie sie ihm das Ganze erklären sollte.

„Alles okay?“, riss Gabe sie aus ihren Gedanken.

„Ja, klar“, meinte sie und setzte sich zu ihm.

„Wir wissen beide, warum ich hier bin. Am liebsten würde ich jetzt daheim unter der Dusche stehen und danach ins Bett fallen und mir nicht den Kopf über dich zerbrechen. Ich habe dich heute laufen lassen, damit meinen Job und meine Karriere riskiert. Wenn das jemand mitbekommen hat, bin ich geliefert.“

Er hatte eine Ernste Miene aufgesetzt.

„Ja und dafür bin ich dir unendlich dankbar. Es bedeutet mir sehr viel“, bedankte sie sich bei ihm und meinte es ehrlich.

„Verdammt, Sophie, was hattest du da zu suchen?“, fragte Gabe.

Dabei lehnte er sich nach vorne, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und sah sie eindringlich an.

„Es war reiner Zufall. Meine Freundinnen und ich hörten von dem neuen Club, und dass da jemand Kokain verkauft. Wir haben uns gedacht, wir könnten es einmal ausprobieren. Da sich niemand getraut hat, habe ich es übernommen“, sagte sie und hoffte, dass er sich damit zufriedengeben würde.

Doch sie kannte ihn, diese Erklärung würde ihm nicht reichen. Gabe zog seine Augenbrauen hoch und sah sie eindringlich an. Ihr war bewusst, dass er sie durchschaut hatte. Sie stand auf und fuhr sich durch die Haare. Er war Polizist und hatte täglich mit Drogen zu tun. Zwar war sie bei ihren letzten Treffen immer so gut wie nüchtern gewesen, doch heute hatte er sie überrascht. Sie war high und wusste, dass er das auch erkannte.

„Sophie, lüg nicht! Sag mir dir Wahrheit“, forderte er sie auf und sie lief auf und ab.

„Hör zu, ich bin dir dankbar dafür, dass du mich laufen gelassen hast. Aber das Koks war nur für den Eigenbedarf. Deswegen komme ich nicht in den Knast“, sagte sie.

„Wie oft und wie lange nimmst du das Kokain schon?“

Nun erhob er sich ebenfalls.

„Nicht oft, nur auf Partys“, log sie.

„Weißt du was, Sophie? Mach, was du willst, doch wenn ich dich das nächste Mal erwische, kommst du damit nicht mehr davon. Ich gebe dir hier die Chance, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Für Lügen und billige Ausreden habe ich keine Zeit und auch Lust darauf. Mal sehen, was dein Bruder dazu sagen wird.“ Nach diesen Worten steuerte er auf die Haustür zu.

Sophie starrte ihm geschockt hinterher und brauchte einen Moment, um seine Worte zu verarbeiten. Sie fuhr sich nervös durch die Haare und fluchte innerlich, dann rannte ihm hinterher, um ihn aufzuhalten.

„Sag bitte David nichts von dem Vorfall. Er hat keine Ahnung davon“, bat sie und Gabe blieb stehen, drehte sich aber nicht zu ihr um.

„Dann sag mir jetzt die verdammte Wahrheit“, wiederholte er und drehte sich zu ihr um. „Wir waren doch immer ehrlich zueinander.“

Er blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen.

„Angefangen hat es vor ein paar Jahren. Da war es nur bei Partys. Doch seit Kurzen nehme ich das Koks regelmäßig, täglich“, gestand sie ihm und es fiel ihr nicht leicht. „Ich pack das Studium nicht und brauche es, um abzuschalten und dem Druck standzuhalten. Ich kann mir keine schlechten Noten erlauben. Alles muss perfekt sein. Ich schaffe es nicht, alles unter einen Hut zu bringen. Das Problem ist das Geld. Das Kokain ist verdammt teuer und auf Dauer nicht finanzierbar, darum habe ich gelegentlich gedealt.“

Gabe starrte sie für einen Moment geschockt an, als hätte er nicht damit gerechnet, dass Sophie so schnell nachgab. Die Wahrheit erschütterte ihn und er brauchte ein paar Sekunden, um sie zu verarbeiten. Rittlings ließ er sich auf das Sofa fallen.

„Warum? Es erwartet doch niemand von dir, dass du die Beste bist.“

„Ich habe immer in Davids Schatten gestanden. Daher der Druck, dass ich allen beweisen muss, dass er nicht besser ist als ich“, erklärte sie.

„Sophie, weißt du, wie gefährlich die Branche ist? Die größeren Dealer verstehen keinen Spaß. Koks ist eine Droge und sie ist illegal und das aus gutem Grund.“

„Ja, darum habe ich aufgehört. Ein Jahr lang hat es funktioniert. Aber meine Freundinnen feiern eben wieder öfters und da ist Koks mit dabei. Wer es nicht nimmt, ist uncool“, sagte sie und log ihn damit an. Um sich nichts anmerken zu lassen, blieb sie ruhig stehen und sah ihm direkt in die Augen.

„Gabe, sieh mich nicht so an. Es ist keine Sucht. Ich kann jederzeit wieder aufhören“, versicherte sie ihm erneut. Sie stemmte dabei ihre Hände in die Hüften, um glaubwürdiger zu wirken.

„Okay. Aber ich will dich nicht noch mal mit dem Zeug erwischen“, stellte er klar und ging einen Schritt auf sie zu.

„Verstanden“, sagte Sophie und lächelte ihn an. „Sag bitte David nichts davon. Ich meine, er hat schon genug Probleme mit Lou.“

„Solange das hier eine Ausnahme bleibt.“

„Okay, danke.“

„Wir sehen uns.“ Zum Abschied umarmte er sie und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sophie sah ihm kurz hinterher. Er glaubte ihr nicht wirklich, wollte es aber. Also ließ er es darauf ankommen.

Nachdem Gabe geduscht hatte, traf er sich mit seinen Kollegen in der Bar.

„Hey, da bist du ja. Du hast aber lange gebraucht“, begrüßte Liam ihn.

„Ja, entschuldigt, mir ist etwas dazwischengekommen“, sagte Gabe und schon im nächsten Moment war die Bedienung da.

„Ich nehme ein Bier, bitte“, bestellte Gabe.

Erst dann sah er sich um. Außer Liam und Valentin war keiner da.

„Wo sind die anderen?“, fragte Gabe.

„Die kommen nicht. Sie sind zu müde.“

„Ja, kann ich gut verstehen, nach diesem Einsatz“, stimmte Gabe zu und in diesem Moment kam schon sein Bier.

Sie stießen an und er nahm einen großen Schluck.

„Der Einsatz ist heute echt gut gelaufen“, erzählte Valentin.

„Komm schon, wir reden jetzt nicht über die Arbeit. Die Woche war hart und lang“, stellte Liam klar.

„Stimmt.“

„Was ist dir denn dazwischengekommen?“

„Ich war bei Sophie und hab nach ihr gesehen.“

„Wie geht es ihr?“, fragte Liam.

„Sie tut auf stark, aber ich habe so das Gefühl, dass sie ihre Entführung und die Geschehnisse dort noch nicht verarbeitet hat“, gestand Gabe.

„Hat sie dir was erzählt?“, wollte Valentin wissen.

„Nein, hat sie nicht. Sie meidet das Thema. Ich bedränge sie nicht. Weißt du, ob sie mit David oder Lou darüber geredet hat?“

„Ich habe gestern Abend mit David telefoniert. Er hat sich bei mir nach Sophie erkundigt, denn er macht sich Sorgen um sie. Sie antwortet nicht auf seine Nachrichten, außer mit Smileys, wenn er Bilder schickt. Lou hat schon versucht, mit ihr zu reden, aber sie hat abgeblockt“, erzählte Liam und tippte mit seinen Fingern immer wieder auf den Tisch.

„Lou wäre ihr eine Hilfe. Ich meine, sie hat das zusammen mit ihr durchgemacht“, sagte Valentin.

„Ja, allerdings war Lou über zehn Jahre lang eine Gefangene von Menschenhändlern. Sie hat wahrscheinlich Schlimmeres erlebt als Sophie in den paar Tagen“, erwiderte Gabe und leerte sein Glas mit einem großen Zug.

„Auch wieder wahr, aber darüber reden sollte sie trotzdem.“

„Da stimme ich dir zu, aber nicht mit Lou. Sie hat selbst genug Probleme und das Ganze noch nicht verarbeitet. David hilft ihr ja dabei.“

„Ich könnte Mary mal darauf ansetzen“, sagte Liam.

„Das ist eine gute Idee. Deine Frau und Sophie sind doch Freundinnen, vielleicht vertraut sie ihr“, stimmte Valentin zu und winkte der Bedienung, da mittlerweile alle Gläser leer waren.

Sie bestellten jeweils ein Bier und eine Kleinigkeit zum Essen.

„Ich werde ein Auge auf sie haben.“

„Das ist nett von dir. Was ist das genau zwischen euch?“, fragte Liam.

Gabe sah ihn an und wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es wäre besser, niemand hätte davon je erfahren. Doch als Sophie mit Lou entführt worden war, waren bei ihm die Sicherungen durchgebrannt und er hatte die Bombe platzen lassen.

„Komm schon, David ist nicht hier, der genießt seinen Urlaub in Italien. Das bleibt alles unter uns“, versprach Valentin.

Gabe sah zu Liam, der nickte und ebenso sehr darauf hoffte, Genaueres zu erfahren.

„Da ist nichts zwischen uns. Wir haben nur einmal rumgemacht und ein bisschen Zeit miteinander verbracht, mehr ist da nie gewesen“, gestand er ihnen. „Es war nur ein Kuss.“

„Der hat aber gereicht, um dich in sie zu verlieben“, ertönte es aus beiden Mündern gleichzeitig.

Gabe schwieg und leerte sein Glas, starrte in die Ferne. Es stimmte, er hatte Gefühle für Sophie. Und wusste, dass sie diese nicht erwiderte.

„Erzählt doch mal, was ihr so vorhabt an euren freien Tagen?“, wechselte Valentin das Thema und Liam sprang sofort darauf an.

Gabe hörte zu und mischte sich bald wieder ein. Ab dem vierten Bier hatten sie lustigere Themen drauf und bestellten sich Schnaps. Erst um zwei Uhr morgens verließen sie die Bar und Gabe torkelte nach Hause, wo er samt seinen Klamotten ins Bett fiel.

3. Kapitel

Für Sophie brach der Morgen früh an. Um fünf Uhr stand sie auf und joggte eine große Runde, da sie kein Auge mehr zubekam. Sie powerte sich komplett aus und stieg anschließend unter eine lange, warme Dusche. Mit nassen Haaren und nur mit einem Handtuch bekleidet, setzte sie sich auf den Boden und starrte hinauf zur Decke. Diese Nacht hatte sie wieder nicht einschlafen können, denn sobald sie die Augen schloss, tauchten die Bilder von ihrer Entführung auf. Daran wollte sie nicht denken, doch merkte, dass ihr der Schlaf fehlte und sie sich nach einer ruhigen Nacht sehnte. Sie schüttelte den Kopf und stand auf, zog sich an und holte sich eine Dosis Kokain. Das gehörte inzwischen zu ihrem Alltag.

Sie packte sich eine zweite Dosis in ihre Tasche und machte sich, mit einem großen Kaffee, der einen großzügigen Schuss Alkohol enthielt, auf in die Uni.

Vor dem Eingang sah sie schon Pia.

„Guten Morgen, Süße“, begrüßte sie Pia und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Wie gehts dir?“

„Gut“, antwortete Sophie und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Wart ihr gestern noch lange weg?“

„Nein, wir sind dann auch alle nach Hause gegangen.“

Sie nickte und sah auf die Uhr. „Ich muss los, meine Vorlesung fängt an“, sagte sie und winkte zum Abschied.

Endlich war der Vortrag vorbei. Sophie stand auf und stopfte ihre Sachen in die Tasche, die aus allen Nähtenplatzte. Dann eilte sie aus dem Raum und lief nach draußen zu ihren Freundinnen.

„Hey, wie war es heute bei euch?“, erkundigte sie sich und setzte sich neben Nele auf die Wiese.

„Langweilig, das ist mein dritter Kaffee. Ohne die überstehe ich den Tag nicht. Haben wir nicht gleich alle zusammen?“, fragte Pia.

„Ich glaube, ja. Kunstgeschichte, oder?“

Ein lautes Schnaufen war von allen zu hören. Sie hatten keine Lust auf diese Vorlesung. Sophie fragte sich, warum sie den Kurs überhaupt gewählt hatte.

„Wie war dein Abend noch?“, riss Kim sie aus ihren Gedanken.

„Nicht sonderlich aufregend. Ich bin dann ins Bett gegangen“, log sie.

„Wir holen uns was zum Essen, kommt ihr mit?“

Nele und Pia erhoben sich.

„Ja, ich komm mit“, sagte Clara und schloss sich ihnen an.

Kim und Sophie waren die Einzigen, die sitzen blieben.

„Sag mal, geht es dir wirklich gut?“, fragte Kim, sobald sie alleine waren.

„Ja, warum?“

„Du siehst müde aus und Clara hat gemeint, du hast gestern Alkohol getrunken, in der Uni. Ich habe es ehrlich gesagt auch gerochen. Ich sitze neben dir in den Vorlesungen.“

„Ja, ich habe einen winzigen Schuss Rum hinzugefügt. Das war nur ein Mal. Mir geht es gut! Macht euch keine Sorgen“, beruhigte sie Kim.

Diese sah sie eindringlich an. Sophie wusste, dass sie ihr nicht glaubte. Die anderen kamen mit Kaffee und etwas Kleinem zu essen zurück.

„Ich bin so froh, dass es wärmer ist und wir endlich wieder draußen sitzen“, schwärmte Nele und ließ sich ins Gras fallen.

„Die Kantine ist immer so voll und stickig.“

Seufzend lehnte sich Kim an einen Baum.

Sie unterhielten sich weiter über Belangloses, doch Sophie hörte kaum zu, starrte stattdessen in die Ferne und hing ihren Gedanken nach. Ihre Freundinnen bemerkten das, sprachen sie aber nicht darauf an.

„Wir müssen los“, meinte Kim dann auf einmal,packte ihre Sachen und sah ihre Freunde an.

Alle folgten ihr, nur Sophie blieb sitzen.

„Kommst du?“, fragte Kim und stupste sie leicht am Arm an.

„Ja“, gab sie genervt von sich. „Geht schon einmal vor, ich muss noch für kleine Mädchen.“

Noch bevor die anderen etwas darauf erwidern konnten, war sie verschwunden.

Auf der Toilette sah sich Sophie um, ging sicher, dass niemand außer ihr hier war. Sie holte eine Packung Koks raus und zog es sich durch die Nase. Dann legte sie ihren Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Sie liebte dieses Gefühl. Den Rest stopfte sie in ihre Tasche und lief zur Vorlesung. Zum Glück hatte diese noch nicht angefangen.

Kim hatte ihr, wie immer, einen Platz freigehalten. Sie setzte sich neben sie und kurz darauf begann der Dozent die Vorlesung.

Sophie wollte ihr Studium auf keinen Fall schleifen lassen, daher hatte sie einen Block und einen Stift herausgeholt, um fleißig mitzuschreiben.

„Zum Glück war das die Letzte für heute“, freute sich Pia.

„Sorry, Leute, aber ich muss los“, sagte Nele.

Verwundert sahen sie zu ihr.

„Normalerweise quatschen wir immer ein bisschen oder lernen? Was ist los?“, fragte Sophie.

„Ich habe ein Date. Bevor ihr mich jetzt mit Fragen bombardiert, das erzähle ich euch alles morgen.“ Nele winkte und eilte davon.

„Da sieh einer an.“

Pia schien sich für ihre Freundin zu freuen.

„Die hat es gut. Ich hatte seit einer halben Ewigkeit kein Date mehr“, jammerte Kim und ließ sich ins Gras fallen.

„Ehrlich gesagt fehlt mir der Sex“, sagte Clara.

„Denkst du, mir nicht? Wie ist es bei dir?“, fragte Kim.

„Ich hatte lange kein Date, geschweige denn Sex. Wie fühlt es sich noch mal an?“, scherzte Sophie.

„Okay, Mädels. Am Wochenende reißen wir ein paar Männer auf“, beschloss Kim.

„Da bin ich auf jeden Fall dabei.“

Clara war sofort Feuer und Flamme.

„Samstag kann ich“, sagte Sophie.

„Klar. Freitag ist bei mir schlecht, da passe ich auf meinen Neffen auf.“

„Okay. Zu mir, oder?“

„Dann kommen wir so um acht wieder zu dir?“, fragte Kim und sie nickte.

Die Nacht hatte sie mit Koks und Alkohol in einem Club verbracht. Noch in ihren Klamotten legte sie sich ins Bett und schlief augenblicklich ein. Es war schon vier Uhr morgens. In zwei Stunden würde ihr Wecker klingeln, da sie dann zur Uni musste.

Es kam ihr vor, als hätte sie nur fünf Minuten die Augen geschlossen, da riss das Handy sie bereits aus dem Schlaf.

„Fuck, bin ich müde“, murmelte Sophie und torkelte ins Bad.

Sie beschloss, sich unter die kalte Dusche zu stellen, um wach zu werden. Das eisige Wasser half, trotzdem nahm sie einen extra starken Kaffee mit.

Der Tag und die nächsten zwei Wochen vergingen zu schnell. Sophie schlief in dieser Zeit kaum. Unter dem Tag besuchte sie die Uni, vertickte Drogen und feierte.

Heute Abend kam ihr Bruder David mit Lou aus Italien zurück und sie waren gemeinsam mit ihren Freunden verabredet. Sophie freute sich darauf, zu hören, wie der Urlaub der beiden war, doch sie hatte auch Angst. Gabe würde da sein. Seit dem Vorfall hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen und sie hatte Schiss vor der Begegnung mit ihm.

Sie rannte zur Bar, denn sie war spät dran. Das war bereits zur Normalität für sie geworden.

Sophie betrat die Bar und atmete erst einmal tief durch.

Als sie ein Lachen hörte, das ihr bekannt vorkam, wandte sie sich lächelnd um. Dort saß ihr Bruder David. Bei ihm waren sein bester Freund Liam mit seiner Frau Mary, Valentin, sein Boss, zwei weitere Kollegen, die neu im Team waren, und Gabe.

Sie setzte sich in Bewegung und schlängelte sich durch die Tische hindurch.

„Sorry für die Verspätung. Ich habe total die Zeit vergessen“, entschuldigte sie sich und zog ihre Jacke aus.

„Hey“, sagte David und stand auf, um sie in den Arm zu nehmen. „Ist kein Problem. Gabe ist auch erst vor zwei Minuten gekommen.“

Sophie grinste und begrüßte die anderen. Dann wollte sie sich setzen und erkannte, dass der einzige freie Stuhl neben Gabe war. Obwohl sie sich nichts anmerken ließ, fluchte sie innerlich. Sie hatte vorgehabt, sich so weit wie möglich von ihm wegzusetzen.

„Das hast du davon, wenn du zu spät kommst“, murmelte sie so leise, dass nur sie es hören konnte.

Gabe stand auf und umarmte sie. Sie erwiderte die Umarmung und setzte sich dann hin.

„Wie war es in Italien?“, fragte Sophie und lächelte Lou an, die ihr gegenüber saß.

„Warm und wunderschön“, schwärmte sie. „Ich zeige dir später ein paar Bilder.“

„Ich habe dir sogar was mitgebracht“, mischte sich David ein.

„Oh, da bin ich aber gespannt.“

Aufgeregt klatschte sie in die Hände.

Die Kellnerin kam und nahm die Bestellungen auf.

„Ich nehme ein Bier.“

Liam, Gabe und Sophie schlossen sich David an.

Die Bedienung notierte alles und verschwand wieder.

„Was habe ich verpasst?“, fragte David und sah erst seine Schwester an, dann seine Kollegen.

„Nicht viel. Uni und Stress“, meinte sie locker und zuckte mit den Schultern.

„Oh ja. Wir haben dich die letzten Wochen nicht einmal mehr erreicht“, mischte sich Mary in das Gespräch ein. Sie war Liams Frau.

„Ich habe deine Anrufe gesehen und hätte gerne zurückgerufen, aber es ist immer etwas dazwischengekommen“, erklärte sie und Gabe sah sie nur schief von der Seite an.

Sie hoffte, dass er ihr Geheimnis nicht ausplauderte.

„Schon okay“, beschwichtigte Mary und lächelte sie an.

„David, sei froh, dass du im Urlaub warst. Wir haben durchgearbeitet, bis gestern Abend“, übernahm Liam das Wort.

„Das war nicht mehr schön.“

„Ich habe mir heute früh kurz die Akten angeschaut. Die Drogendealer …“

„Ernsthaft? Arbeit? Dafür interessieren wir uns nicht. Lass etwas vom Urlaub hören“, unterbrach Mary David und er sah sie nur mit einem Lächeln an. Dann warf er seinen Kollegen einen Blick zu, der besagte, dass sie sich später darüber unterhalten würden.

„Italien war atemberaubend. Wir hatten unser Hotel direkt am Strand und es gab unglaublich gutes Essen und Wein“, erzählte Lou.

„Habt ihr euch Rom angesehen?“, fragte Sophie.

„Ja, es war so schön. Am liebsten würde ich sofort wieder dahin.“

„Nächstes Mal nimmst du uns aber mit“, scherzte Mary.

In dem Moment kam die Bedienung und stellte die Getränke auf den Tisch. Lou nickte ihr zu.

„Prost“, stießen sie alle gemeinsam an und unterhielten sich weiter.

Sophie verschwand unbemerkt auf die Toiletten. Sie sah sich um und erkannte, dass sie alleine war, dann holte sie ein kleines Päckchen aus der Hosentasche und zog sich das Koks schnell rein. Sie legte den Kopf in den Nacken und wartete. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten.

Sie packte ihre Sachen ein und wollte zurück zu den anderen, als Lou ihr an der Tür entgegenkam.

„Hey, alles okay?“

Die Tür schloss sich hinter ihr und in Sophie regte sich ein ungutes Gefühl.

„Klar, ich war nur für kleine Mädchen“, log sie und griff nach der Türklinke.

Lou packte sie am Arm und sah sie eindringlich an. „Du nimmst Koks.“

Sophie lächelte verlegen.

„Was? Nein! Wie kommst du darauf?“

„Verkauf mich bitte nicht für blöd. Ich war zehn Jahre von Leuten umgeben, die damit gedealt und es konsumiert haben. Ich erkenne die Zeichen. Du hast Kokain zu dir genommen“, meinte sie und sah Sophie forschend an.

„Ja, okay! Ich nehme Koks, aber nur ab und zu“, gab sie zu, da Leugnen ihr gegenüber zwecklos war.

„Mein Gefühl sagt mir, dass es schon mehr als gelegentlich ist. Wie oft nimmst du es?“

Lou ließ ihren Arm los, behielt sie im Blick. Sophie wusste nicht, ob sie antworten sollte. Gabe hatte sie ohne Problem belogen und ihre Freunde ebenfalls, doch bei Lou war das eine andere Sache. Sie brachte es nicht über sich. Sie würde ihr die Wahrheit sagen, sollte sie weiterfragen.

In dem Moment wurde die Tür erneut aufgestoßen und Mary trat ein.

„Findet hier eine Party ohne mich statt“, scherzte sie.

„Nein“, meinte Sophie und Lou sah sie nur an.

Bevor sie etwas darauf erwiderte, verschwand Sophie und atmete erleichtert aus, der Situation entkommen zu sein. Sie wusste genau, dass das Gespräch nur aufgeschoben war. Trotzdem setzte sie ein Lächeln auf, als sie sich wieder zu den anderen gesellte.

„Alles okay?“, fragte Gabe besorgt.

„Klar! Warum denn nicht?“ Eine Weile starrten sie sich nur an, dann schüttelte Gabe den Kopf.

„Ich gehe kurz eine Rauchen, will jemand mit?“

Er sah Sophie eindringlich an.

„Du rauchst? Seit wann?“, fragte David erstaunt und zog die Augenbrauen in die Höhe.

„Ich …“, setzte Valentin an, doch als er Gabes Blick sah, wusste er, dass er mit Sophie reden wollte. „… bestell mir ein Bier“, beendete er daher den Satz.

„Nur gelegentlich“, winkte Gabe an David gewandt ab.

„Frische Luft schadet nicht. Ich gehe mit und leiste dir Gesellschaft“, meldete sich Sophie, da sich keiner der anderen bereit erklärt.

Draußen standen sie kurz schweigend nebeneinander.

„Denkst du, ich merke nicht, dass du Koks genommen hast? Sophie, du hast mir gesagt, dass du es unter Kontrolle hast!“

Gabe war richtig sauer auf sie.

„Was ist schon dabei, wenn man es ein paar Mal nimmt? Nichts. Reg dich nicht auf. Ich habe das im Griff.“

Sie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Das letzte Mal habe ich die Lügen geschluckt. Jetzt reicht es!“, brüllte er sie an und Unverständnis lag in seinem Blick. „Ich habe dein Handy überprüft und dich überwacht. Du nimmst es regelmäßig und dealst sogar. Das sieht mir nicht danach aus, dass du alles im Griff hast“, fuhr er leiser fort und entfernte ihre Hand von seiner Schulter.

Sophies Augen vergrößerten sich und sie starrte ihn geschockt an. Sie hatte niemals damit gerechnet, dass er so weit gehen würde.

„Sag mal, spinnst du? Du überwachst mein Handy? Das ist nicht einmal legal!“, sagte sie, doch wusste es nicht sicher.

„Ja, auch ich mache Fehler und bin nicht perfekt“, brüllte er erneut. „Das alles wäre nicht notwendig, wenn ich mir nicht so verdammt große Sorgen um dich machen würde.“

„Es ist mein Leben und meine Privatsphäre. Dich stört, was ich tue? Dann verhafte mich!“, forderte sie ihn auf und verschränkte die Arme vor der Brust, hielt aber seinem Blick stand.

„Vielleicht mach ich genau das!“, sagte er und trat einen Schritt auf sie zu, um sie einzuschüchtern.

Kurz entglitten Sophie vor Angst ihre Gesichtszüge, bevor sie schnell wieder ihr Pokerface aufsetzte.

„Dein Ernst? Das willst du tun?“

„Von Wollen ist hier nicht die Rede. Du gehst definitiv zu weit, Sophie.“

„Bald ist das Semester vorbei und somit auch der Stress und dann wird alles wieder, wie es mal war“, sagte sie und redet es sich damit selbst ein.

„Ach ja? Du warst letzte Woche gar nicht in der Uni.“

Ihre Augen weiten sich und sie schluckte schwer. Sie brauchte ein paar Sekunden, um diese Information zu verdauen. Er hatte sie wirklich komplett überprüft und überwacht.

„Lass mich in Ruhe.“

Sie drehte ihm den Rücken zu.

„Stopp! So einfach kommst du mir nicht davon“, sagte er und packte sie am Arm.

„Ach ja, dann leg mir Handschellen an“, brüllte Sophie und provozierte ihn mit Absicht.

Gabe fluchte und warf ihr einen bösen Blick zu, der ihr durch Mark und Bein ging.

„Nein, das wäre zu simpel. Ich sage es hier und jetzt David. In deinen Taschen steckt bestimmt noch Kokain, was als Beweis herhält. Wenn nicht, dann tut es auch ein Drogentest.“

„Das wagst du nicht“, zischte sie.

„Denkst du? Oh doch“, stellte er fest.

Sie sah ihm in die Augen und entdeckte Entschlossenheit Sophie gestand sich ein, dass sie den Kampf verlieren würde.

„Okay, was willst du?“, fragte sie versöhnlicher.

„Sophie, so geht es nicht weiter. Dein Verhalten wird immer auffälliger. Es zerstört dich.“

„Was willst du?“, wiederholte sie ihre Frage und zeigte ihm damit klar und deutlich, dass sie kein großes Interesse an der Unterhaltung hatte.

„Ich mache mir Sorgen um dich. Du bedeutest mir viel.“

„Ich bedeute dir viel?“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du drohst mir.“

„Ich will dir helfen, nicht schaden“, sagte er sanfter.

Er legte ihr die Hand auf die Schulter, streifte sie hastig ab.

„Denkst du, es würde mir Spaß machen, dich zu verhaften oder es deinem Bruder zu stecken wie eine kleine Petze? Nein, darum suche ich das Gespräch mit dir.“

Er hob ihr Kinn an, damit sie gezwungen war, ihn anzusehen. „Ich möchte dir helfen, du musst mich nur lassen.“

Sie hatte keine andere Wahl, als sein Angebot anzunehmen. Die Alternative wäre um einiges schlimmer und würde sie komplett zerstören, daher nickte sie.

„Okay“, willigte sie ein. „Komm morgen Abend zu mir und wir reden über alles. In Ruhe.“

Gemeinsam kehrten sie in das Restaurant zurück und setzen sich an den Tisch. Sophie zwang sich ein Lächeln auf, obwohl ihr gar nicht danach zumute war.

„Was war eigentlich los zwischen dir und Sophie?“, fragte David.

Nach einem unterhaltsamen Abend hatte sich das Wiedersehen der Freunde aufgelöst. Gabe hatte denselben Heimweg wie David und Lou.

„Nichts. Wir haben uns nur unterhalten“, antwortete Gabe und fuhr sich durch das Haar.

„Ihr habt euch angebrüllt und ich hatte Angst, dass sie dich erwürgt“, widersprach David. „Ihr hattet einen heftigen Streit. Worüber?“

„Ist nicht so wichtig“, winkte Gabe ab.

Er würde Wort halten und Sophies Geheimnis und ihr Problem bewahren, solange sie sich von ihm helfen ließ.

„Hör zu, meine Reaktion, als ich erfahren habe, dass du was mit ihr am Laufen hattest, war nicht die beste und dafür entschuldige ich mich. Es war den Umständen geschuldet.“

David war stehengeblieben. Gabe erinnerte sich gut daran, wie sie sich damals angebrüllt hatten. Es hatte nicht mehr viel gefehlt, dass David ihm eine verpasst hätte.

„Was, du und Sophie?“, fragte Lou geschockt.

Mit großen Augen starrte sie Gabe an.

„Nicht wirklich. Es war nur ein Kuss, mehr nicht. Und so bleibt es auch“, stellte er klar und mied Lous Blick. Er wusste, dass sie ihm ansehen würde, wie wenig ihm diese Tatsache gefiel.

„Sophie ist erwachsen und braucht nicht immer einen Beschützer. Ich misch mich zwischen euch nicht mehr ein. Das ist alleine eure Sache“, sagte David zu ihm.

Er meinte es ernst. Er liebte seine Schwester, doch akzeptierte, dass sie groß genug war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.

„Danke, das bedeutet mir viel.“ Gabe nickte und gemeinsam setzten sie ihren Weg fort.

„Wir sehen uns dann in zwei Tagen. Genieß die freie Zeit“, verabschiedete er sich von David.

„Werde ich.“

„Bis bald“, sagte Lou und umarmte Gabe kurz.

Er winkte den beiden und lief dann alleine weiter. Nach einigen Metern blieb er stehen und sah in den Nachthimmel. Nach Hause wollte er nicht, denn da wartet nichts auf ihn. Er war zwar erschöpft von der letzten Woche, doch wusste genau, dass er nicht schlafen konnte. Seine Gedanken kreisten immerzu um Sophie und Gabe fragte sich, warum sie so etwas tat. Sie konsumierte Kokain und dealte, damit brachte sie sich in Gefahr und schadete sich selbst.

Gabe war schon lange genug in der Taskforce beim FBI, die sich nur um schwere Entführungen und Drogenbesitz kümmerte, um zu wissen, dass es für Sophie schnell ungemütlich werden konnte.

Er drehte eine Runde durch den Park und achtete nicht auf seinen Weg. Tief atmete er die frische Luft ein und lief ziellos durch die Gegend. Erst als sie Sonne langsam aufging, kehrte er nach Hause zurück und legte sich ins Bett. Schlaf fand er dennoch nicht.

Sophie dachte ununterbrochen an das Gespräch mit Gabe und dies bescherte ihr eine schlaflose Nacht. Sie hatte versucht zu schlafen und nach zwei Stunden aufgegeben. Nun überlegte sie, ob sie eine Runde joggen sollte, doch verwarf den Gedanken schnell wieder. Ein Blick auf ihren Schreibtisch erinnert sie daran, dass sie lernen musste, wenn sie das Semester bestehen wollte. Es war anstrengend und zeitaufwendig, Architektur zu studieren. Trotzdem machte es ihr Spaß, zumindest