Der Weg der Amsel - Sjamme Heibült - E-Book

Der Weg der Amsel E-Book

Sjamme Heibült

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Beschreibung

Was, wenn ein kauziger Ornithologe und eine gestrauchelte Wirtschaftsexpertin aufeinandertreffen? Was, wenn sie Schicksale verbindet, die sie verbittert und vom Leben enttäuscht werden ließen? Was, wenn sie eine starke Sympathie verbindet und sie sich zusammen auf eine Reise in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft begeben, die ihre Leben komplett verändern wird? Das schildern die beiden Autorinnen sehr anschaulich, mal bewegend, mal humorvoll in einer Art schriftlichem Roadmovie, in dem beide Protagonisten jeder für sich und beide zusammen ihren ganz besonderen Weg zurück ins Leben finden.

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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wer aufgibt,

hat schon verloren!

Das Buch

Was, wenn ein kauziger Ornithologe und eine durch einen Vertrauensbruch gestrauchelte Wirtschaftsexpertin aufeinandertreffen?

Was, wenn sie Schicksale verbinden, die sie verbittert und vom Leben enttäuscht werden ließen?

Was, wenn sie eine starke Sympathie verbindet und sie sich zusammen auf eine Reise in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft begeben, die ihre Leben komplett verändern wird?

Das schildern die beiden Autorinnen sehr anschaulich, mal bewegend, mal humorvoll in einer Art „schriftlichem Roadmovie“, in dem beide Protagonisten jeder für sich und beide zusammen ihren ganz besonderen Weg zurück ins Leben finden.

Die Autorinnen

Jule Stahlberg

Im Alter von acht Jahren hat Jule Stahlberg ihr erstes Tagebuch geschenkt bekommen, doch welches Mädchen hat in diesem Alter schon Tagebuchgeheimnisse? So hat sie es genutzt, um erste Geschichten und kleine Gedichte zu schreiben. Seit dieser Zeit ist sie vom Schreiben nicht mehr losgekommen. In der Überzeugung, dass „Bücher zu schreiben“ allerdings wohl eher eine brotlose Kunst sei, hat sie zunächst eine Ausbildung absolviert und später Pädagogik studiert. Das Schreiben hat sie allerdings nie losgelassen und so sind etliche Kindergeschichten für die zwei eigenen Kinder, als auch Geschichten für Erwachsene entstanden. Im Alter von 34 Jahren hat sie ihre erste Anthologie mit drei ebenfalls schreibbegeisterten Frauen fertiggestellt und weiter an Texten und Gedichten gearbeitet.

Einige Jahre schrieb sie als freie Mitarbeiterin für das „Jeversche Wochenblatt“. Im Rahmen dieser Tätigkeit war sie unter anderem für die Kolumne „Vor hundert Jahren“ verantwortlich und stöberte mit Begeisterung im Archiv des Schlosses Jever nach alten Geschichten.

Im März 2018 entstand in einer, wie sie heute noch immer findet, sehr interessanten und lehrreichen Zeit mit ihrer Freundin und Co-Autorin Sjamme Heibült nun der Roman „Der Weg der Amsel“

„Es ist immer spannend, mit jemandem ein Buch zusammen zu schreiben, es müssen ja zweierlei Emotionen, Ideen, Gedanken unter einen Hut gebracht werden,“ so Jule Stahlberg heute.

„Es war eine sehr bewegende, lehrreiche Zeit und mit Erstaunen haben wir festgestellt, wie gut wir uns ergänzen. Wo die eine aufhörte, knüpfte die andere an…Wir freuen uns schon auf unser nächstes Projekt.“

Man darf also gespannt sein….

Jule Stahlberg lebt heute mit ihrem Mann in Jever, der „Perle Frieslands“ und geht ihrer großen Leidenschaft, dem Schreiben, neben ihrem Beruf nach.

Ihre Kinder sind inzwischen erwachsen, ihr Sohn lebt mit seiner Frau in Bremen, ihre Tochter mit ihrem Mann in Dallas/ Texas.

Sjamme Heibült

Gesegnet mit Vater und Onkel, die jede langweilige Familienfeier mit Geschichten für die Kinder würzten, die, je länger die Feier, umso abenteuerlicher wurden, setzte Sjamme Heibült diese Tradition fort und begann ihrerseits Geschichten zu schreiben, die keiner lesen wollte, da es ausschließlich um Pferde ging. In der Folge eines Schicksalsschlags stellte sie fest, dass Schreiben auch hilfreich ist, wenn es nicht um

langweilige Familienfeiern geht und begann, ihrer verstorbenen Schwester Geschichten und Gedichte zu schreiben, damit sie weiter an einem gemeinsamen Leben teilnehmen konnten. Sie studierte Medizin und lernte Worte und ganze Geschichten im Beruf einzusetzen.

Gleichzeitig hörte die Geschichten ihrer Patienten und war immer wieder gefangen genommen von deren Klugheit, Stärke und Mut, sodass sie es nie bereute, ihrem ursprünglichen Berufswunsch untreu geworden zu sein, in der Nachfolge von Konrad Lorenz Verhaltensforscher mit dem Schwerpunkt auf Gänsen und Enten zu werden. Und sie stimmte der Idee ihrer Freundin zu, eine Geschichte zu schreiben. Diesmal gemeinsam. Und diesmal ging es nicht um Pferde, sondern um das, was ihr neben Pferden naheliegt: Menschen.

Sie lebt zusammen mit ihrem Mann an der Nordseeküste und hat einen Sohn und eine Schwiegertochter.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Hendrik

Mathilda

Begegnung

Abends

Im Namen des Volkes

Rührei geht manchmal

Mia

Ausgeträumt

Amsterdam

Hendrik und Meike

Wo Meike zu Hause ist

Ida

Harte Jahre

Reisezeit

Henri

Celeste

Fast finden

M.de Mulle

Thomas und die Farbe der Amsel

Internetcafé

Christophe

Erinnerungen

Arbeit bei Christophe

St. Malo

Cunninghams Bar

M. de Rinne und Gemahlin

Streithähne

St. Nazaire

Café Alternatif

In den Brières

Der Weg der Amsel

Ende einer Suche

Brief an eine kleine Amsel

Die alte Dame Bulli

Wieder Amsterdam

Immer manchmal

Met de maatschappelijk werkers

Heimkehr

Ida und Hendrik

Ein Anfang

Angekommen

Epilog

Prolog

Zwei in Gummistiefel und die typischen Allwetterjacken gekleidete Menschen, Menschen, die es gewohnt sind, sich in der freien Natur aufzuhalten, stapften den Strand entlang, stemmten sich dem Wind entgegen und gingen so zielstrebig, als wüssten sie ganz genau wohin sie wollten.

Die zierlichere von beiden, allem Anschein nach eine Frau, denn langes dunkles Haar flatterte um ihren Kopf, hielt inne und deutete nach hinten, Richtung Binnenland. Der andere, wohl ein Mann, breit und knorrig, wie eine alte Eiche, stoppte ebenfalls. Er nahm das Fernglas, das ihm um den Hals hing, vor die Augen und nickte. Dann hielt er es der Frau hin, die ebenfalls hindurchsah, angestrengt schien es, den Himmel absuchte. Dann nickte auch sie, hakte den alten Mann unter, und im Gleichschritt gingen die beiden Richtung Dünen, stapften diese hinauf und verschwanden dahinter.

Über den Strand wehte ein rotes Tuch, wirbelte auf und flog im Wind weiter, wie ein von einem Kind vergessener Drache.

Die Frau hatte es verloren und nicht einmal bemerkt. Die in großen Scharen ziehenden Gänse waren ihr wohl wichtiger gewesen.

Hendrik

Der Mann ging langsam und irgendwie sorgfältig.

Gar nicht schlecht für das Alter, dachte der Camper. In seinem Kopf spulten sich alle Rücken- und Hüftleiden ab, die zu diesem Alter passen könnten. Dieser Mann hier hatte definitiv nichts davon.

Der Mann stieg zum Strand herunter als gäbe es eine Treppe.

Der Camper hatte vorhin geschimpft und geflucht über den tiefgründigen Sand und sich dann erschöpft fallen lassen. Dünen sind super! Solange es einen schönen Weg hindurch gibt.

Der Mann war groß und ziemlich kräftig Gar keine schlechte Figur für das Alter, dachte der Camper und ärgerte sich sofort über sich selbst. Was ging ihn denn der alte Mann an?! Alt – jawohl! Ganz anders als er!

Ein wunderschöner Tag, dachte Hendrik, und suchte aufmerksam nach Spuren im Sand. Bei diesem bedeckten Wetter, wenn es grade noch nicht nieselte, schienen sie besser sichtbar zu sein als sonst. Er hatte schon Spuren vom Dachs gefunden. Das war selten. Und es lag ein wunderschöner Geruch in der Luft...nach Düne und Salzwasser, etwas Muschel und etwas Tang. Und bei diesem Wetter waren weniger Leute am Strand. Nur ein Mann schien ihn zu beobachten. Etwas jünger als er, schätzte er, Bauchansatz, schlechter Trainingszustand. War wahrscheinlich ächzend und schnaufend die Dünen hochgekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er bis zu den Gänsen laufen würde, war wohl gering. Zum Glück! Nichts war schöner, als die Gänse vollkommen ungestört zu sehen. Oder diese winzigen Küken der Säbelschnäbler, die wie Flaumbälle auf Stelzen über den Sand flitzen und entgegen aller Physik nicht vom Wind weggeweht wurden. Hendrik würde mal Olle danach fragen, was die Küken eigentlich bei Sturm taten. Es gab nicht viele Menschen, mit denen er sprach, aber Olle ging.

Der Camper beobachtete den alten Mann noch eine Weile, wie er zielstrebig den Strand entlangging, den Blick weiter aufmerksam nach unten gerichtet. Dabei gab es hier doch nichts. Frustriert wandte er sich um und ging zum Wohnmobil zurück.

Langsam wurde der Tag heller, und Hendrik hatte noch eine Weile die Gruppe der Gänse beobachten können, als die Strahlen der Abendsonne durchkamen. Er bewunderte die Geduld der brütenden Tiere und hatte sie sich immer als Beispiel vor Augen geführt, wenn es ihm mal wieder an Geduld fehlte. Zufrieden ging er nach Hause, ließ das Wasser um seine Zehen spülen und hielt das Gesicht in den aufkommenden Wind.

Jenseits der Dünen begann ein mit etwas Schotter befestigter Weg, führte durch den niedrigen Küstenwald an ein paar Strandhäuschen vorbei, die grade im Zustand der Frühjahrsrenovierung waren und lief über eine Wiese auf das Dorf zu. Das erste Haus war das älteste. Im Vorgarten breiteten sich grade zwischen den Osterglocken die ersten Blätter der Stockrosen aus. Die Rosenstöcke rechts und links der Tür hatten schon ein paar grüne Blätter, aber von der Eingangstreppe und dem Vordach blätterte die Farbe ab. Es war ein schönes Haus. Schon oft hatte Hendrik sich gefragt, was ein Haus eigentlich schönmachte. Sein Haus war definitiv nicht so schön.

Er lief bis zum Sportplatz und sofort fiel sein Blick auf sein breites, kompaktes Haus, das keinerlei Ausstrahlung hatte außer der, dass es bewohnbar und in gutem Zustand war. Auch in seinem Vorgarten tummelten sich Stockrosen an der Wand und Kletterrosen am Vordach. Sie waren schon immer da, und er hatte noch nie besondere Anstrengungen unternommen, um sie zu pflegen. Mit viel mehr Aufmerksamkeit hatte er die jedes Jahr an unterschiedlichen Orten wachsenden Königskerzen beobachtet und immer wieder versucht, Nachtkerzen und andere Schmetterlinge anziehende Pflanzen in seinem Vorgarten anzupflanzen. Sie hatten sich dem allesamt widersetzt, und so hatte er Wunsch und Willen seines Vorgartens respektiert und sich bis auf gelegentliches Gießen und Unkraut rupfen nicht mehr eingemischt. Glücklicherweise gab es schon ewig rechts und links des Hauses riesige Büsche von Schmetterlingsflieder, aus denen dicke Stränge Efeu zum Dach wuchsen, so dass er jeden Sommer einige Schmetterlinge sah. Bei seinem Haus blätterte immerhin keine Farbe ab. Er stellte sein Fernglas auf die Kommode im Flur, streichelte kurz die Kätzchen in ihrem Korb und stellte die Kaffeemaschine an. Ein riesiges Ding, ein begeistertes Geschenk seiner Tochter, konnte selbst die Kaffeebohnen mahlen, was sich in etwa anhörte wie mehrere Bagger hinter dem Haus und Kaffeevariationen herstellen, von denen er noch nie gehört hatte. Er bediente den immer selben, langsam etwas abgegriffenen Knopf und genoss den Duft, der die Küche füllte, setzte sich an den Tisch, schob die ausgedruckten Mails und das Laptop beiseite und überlegte, was er heute gesehen hatte. Mit Genuss füllte er nicht nur die Spalte „Sichtungen“ in seinem Vogelbuch aus, sondern auch die selbst hinzu gefügte „Vogelstimmen“ und „Verhalten“. Je länger er hier lebte, desto genauer konnte er die Vogelstimmen unterscheiden und desto deutlicher fiel ihm auf, wenn Tiere sich ungewöhnlich verhielten. Seine Tochter würde wahrscheinlich sagen, je weniger er mit Menschen sprach, umso mehr hörte er auf die Vögel. Naja...

Es wurde dunkel im Dorf. Die Wohnmobilisten am Ortsausgang schlossen ihre Türen ab, die Straßenlaternen gingen an, die Berufstätigen kamen von der Arbeit nach Hause und parkten knirschend ihre Autos vor dem Gartenzaun. Man legte viel Wert auf ein ordentliches Bild hier, und so waren die meisten Gartenwege und Einfahrten geharkt, die Straßen sauber und noch immer schloss keiner sein Fahrrad und kaum einer seine Haustür ab. Mit zusammen gebissenen Zähnen hütete man, was einem wichtig war.

In der Nacht regnete es furchtbar. Hendrik wachte kurz auf und dachte an die Säbelschnäblerküken. Am nächsten Morgen waren einige Zweige heruntergekommen. Er sammelte sie ein, hängte sich das Fernglas um und machte sich mit dem Fahrrad auf zum Supermarkt. Das Dorf war gar nicht so klein, wie man wegen der vielen putzigen alten Häuser denken konnte, und er brauchte eine ganze Weile für den Weg. Die riesigen alten Packtaschen aus seiner Zeit als Austräger der Sonntagszeitung schlugen gegen den Fahrradrahmen, und er hörte, dass er die Fahrradkette würde säubern müssen. Die Fahrten zum Strand waren kein Zuckerschlecken für das Fahrrad. Aber das störte ihn nicht. Er würde es sich gemütlich machen dabei mit einer Tasse Kaffee, am besten dem aus Amsterdam, die Katzen würden um ihn herum wuseln und ab und zu würde er schimpfen, weil wieder eine an die frisch geölte Fahrradkette gekommen war.

Und er würde aufpassen müssen, dass seine Nachbarin ihn nicht zu sehen bekam. Dann hatte er lange Gespräche in Aussicht – der arme alte einsame Mann... Er würde erst mal nachsehen, ob die Büsche schon genug Blätter bekommen hatten, um ihn zu verbergen.

Auf dem Weg traf er Ida. Sie fragte immer nach den Gänsen und hatte damit, das musste Hendrik zugeben, einen kleinen Passierschein in seine Welt. Aber er mochte die große schlanke Frau eigentlich sowieso. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, und er erinnerte sich gut an das Mädchen, das mit 12 schon größer war als die Lehrerin und sich von niemandem ein x für ein u vormachen ließ.

„Na Hendrik“, sagte sie: „wie sieht es aus bei den Gänsen?“

„Gut“, sagte er. „5 Brutpaare Nonnengänse, 3 Ringelgänse und mehr als zwei Dutzend graue. Soll ich dir etwas mitbringen aus dem Laden?“

„Ja“, sagte Ida, „nein“.

Gütiger Himmel! Was für eine Antwort.

Vielmehr, war es überhaupt eine?!

Hendrik sträubten sich die Nackenhaare und er beschloss abrupt, nie wieder zu fragen.

Was nun...sollte er nochmal fragen? Sollte oder durfte er einfach weiterfahren?

Er schob das Fahrrad ein kleines bisschen an und warf einen vorsichtigen Blick auf die Frau. Von dieser Seite kam keinerlei Hilfe.

Also nahm er Schwung, rief über die Schulter, „mach es gut, Ida“ und radelte los.

„Vielleicht ein Pfund Kartoffeln“, rief sie da.

Er fuhr schneller und überlegte angestrengt, ob er das jetzt gehört hatte oder nicht. Nur Leute, die auf Probleme aus waren, gerieten in solche Situationen.

Unter der Brücke stand Wasser. Das Dorf war eines der wenigen, die noch einen aktiven Bahnhof hatten, auch wenn die Züge auf der einspurigen Strecke ab und zu warten mussten, bis ein Zug aus der Gegenrichtung vorbeigefahren war. Auf der Böschung blühten schneeweiße Schlehen und bildeten große Gewölbe.

Er machte einen großen Bogen um die Pfütze und beschloss, ein Pfund Kartoffeln von der Sorte zu kaufen, die er auch nehmen würde und nie wieder zu fragen.

Mathilda

Mathilda drückte sich in die dichte Hecke, bis sie mit ihrem alten, verwaschenen Parka und der ehemals grünen Militärhose fast nicht mehr sichtbar war. Sie fror. Bibbernd und die Zähne zusammengepresst, um nur ja keinen Laut von sich zu geben, beobachtete sie den Eingang des alten Häuschens. Schmetterlingsflieder wuchs rechts und links der Hausecke und der alte Mann müsste jeden Augenblick aus der Tür treten, so wie er das jeden Morgen um diese frühe Zeit tat. „Gott weiss, wo der alte Trottel hingeht“, murmelte Mathilda und wartete weiter. Ihre Zähne klapperten jetzt deutlich und sie unterdrückte einen ärgerlichen Laut.

„Still Kind, still – du darfst nicht entdeckt werden. Wer entdeckt wird ist dran….“ Sie murmelte in den zerlöcherten Schal, den sie gegen die Morgenkälte um ihren schlanken Hals gewunden hatte. Sie musste warten……

Der Platz unter der schmalen Brücke im Ort war nass, ihr Zuhause seit ein paar Nächten. Den Nächten, seitdem sie in diesem Kuhdorf angekommen war. Nicht sehr komfortabel, aber wenigstens hatte sie diesen Platz für sich allein. Unter den Alsterbrücken in Hamburg war immer die Hölle los. Da prügelte man sich schon mal um ein trockenes Plätzchen…

Mathilda gab ein trockenes Lachen von sich, das in ein Husten überging und presste sich sogleich erschrocken die Hand auf den Mund.

Das ging so nicht weiter, wusste sie. Brücke hin, Brücke her – die letzten Tage waren zu feucht gewesen und die Brücke zu schmal, um den Regen abzuhalten.

Und so stand sie jetzt wieder vor dem Häuschen, das ihr bei den letzten nächtlichen Streifzügen durch das Dorf, auf der Suche nach Essbarem, aufgefallen war.

Aufgefallen, weil der Bewohner offensichtlich so gar nichts von Sicherheit hielt und das rechte Fenster im Obergeschoss immer einen Spalt weit geöffnet ließ.

Mathilda starrte weiter. Da! Jetzt endlich kam er. Er stapfte murmelnd aus dem Haus und zog die Tür hinter sich zu und schloss sorgfältig ab. Fast musste Mathilda grinsen, was für eine Blödheit. Unten abschließen – oben offen lassen….tz.

Dann stapfte er flotten Schrittes durch den verwilderten Vorgarten. Das musste man ihm lassen – er schien noch gut zu Fuß zu sein…

Gut zu Fuß…Mathilda starrte jetzt auf ihre Füße, die in alten Turnschuhen steckten, die schon deutlich besserte Tage gesehen hatten, auch ihre Füße waren kalt…eiskalt….

Ihre Hand fasste in den dicken Strang Efeu, der sich am Haus emporrankte. Sie zog daran, erst vorsichtig, dann fester und schließlich rupfte sie beherzt mit beiden Händen an den dicken Lianen. Das würde halten, schließlich wog sie ja nicht mehr viel….

Langsam zog sie sich ein Stück hoch, der Efeu hielt. Sie kletterte weiter. Die Füße an der Hauswand abstützend, hangelte sie sich immer höher. „Nicht runter gucken, altes Mädchen,“ murmelte sie,“ nicht runter gucken, das geht schief.“ Mathilda ächzte unter der Anstrengung. Sie hatte die Höhe unterschätzt und an piekendem Efeu hoch zu klettern war nun auch wirklich keine Freude.

Langsam arbeitete sie sich höher, bis ihre Fingerspitzen endlich die Fensterbank berührten und dann weiter rechts Halt in einem alten Rankgitter fanden.

Mit letzter Kraft zog sie sich hoch, den Bauch auf das Fensterbrett und dann vorsichtig das Fenster auf…eine letzte Anstrengung und sie plumpste unsanft auf einen Teppich.

Ihr Instinkt riet ihr, das Fenster schnell wieder anzulehnen, als sei nichts geschehen, niemand hier – keiner, nur sie und der Geruch nach altem Haus und alten Menschen und alten Büchern und…Trockenheit.

Mathilda lehnte sich schwer atmend gegen die Wand unter dem Fenster. Sie fühlte sich so schwach, dass sie gar nicht aufstehen konnte. Ihr Magen knurrte vernehmlich und sie sehnte sich nach etwas Heißem, Starken – und nach Schlaf. Langsam fielen ihr die Augen zu. Das nasse dunkle Haar rutsche ihr in die Stirn und verdeckte die müden, ehemals schönen dunkelblauen Augen. Sie bemühte sich sehr, die Augen offen zu halten, doch die Ruhe und die Wärme taten ihr Übriges. Mathilda rutschte zur Seite und schlief erschöpft ein.

Mit einem Ruck setzte sich Mathilda auf. Verwirrt blickte sie um sich und wusste einen Moment nicht, wo sie war. Wer sie war, was sie war. Das ging ihr in letzter Zeit oft so.

Ihre Gedanken flossen zäh wie Kaugummi durch ihren Kopf. Es dauerte eine Weile bis sie wieder ruhiger atmen konnte und den Faden, den man Gedächtnis nennt, gut genug sortiert hatte, um zu wissen, dass sie im Haus des Alten gelandet war.

Sie musste eingeschlafen sein, doch was hatte sie geweckt?

Mathilda blickte sich verwirrt um und musterte den Raum.

Ein altes Sofa, abgewetzt und mit einer Häkeldecke versehen, stand rechts von ihr unter der Dachschräge. Links dunkle Holzregale mit Büchern, vollgestopft bis an die Decke. „Na, hier hat aber jemand echt den letzten Winkel genutzt,“ schoss es ihr durch den Kopf. Das gefiel ihr. Früher, in einem anderen Leben, war sie selbst einmal sehr effizient gewesen.

Ein alter dunkler Teppich mit verblichenen Sonnenblumen bedeckte den Holzfußboden.

Da! Da war es wieder, DAS musste sie geweckt haben! Mathilda hörte ein Geräusch von unten. Es klang, als hole jemand einen Topf aus einem Schrank und knallte ihn auf einen Herd. Ein lautes, metallisches Geräusch. Dann lief Wasser. Mathilda erhob sich und schlich langsam zur Tür, hoffend, dass die alten Holzdielen nicht knarrten. Und prompt knarrte es…erschrocken blieb sie stehen und lauschte.

„Verdammte Kartoffeln,“ hörte sie von unten eine brummende Männerstimme. „Verdammte Ida,“ ging es weiter…. „Arme Kartoffeln,“ klang es dann wieder, „Ihr könnte ja nix für die Blödheit der Menschen.“

Mathilda musste grinsen…Wer auch immer da murmelte, der musste ganz schön fertig sein – sprach mit Kartoffeln…Ja, neee – alles klar….

Mathilda schlich langsam weiter und dann vernahm sie einen Duft…Gott, was für ein Duft! Sie konnte nicht anders und schlich zur Tür. Einen Spalt weit geöffnet, keiner zu sehen, schlich sie behutsam an die Wand gedrückt die Treppe hinunter, einen Fuß vor den Anderen gesetzt und….

Sie starrten einander erschrocken an - er wie sie. Gelähmt, kein Atmen zu hören, starrte Mathilda auf das wettergegerbte Gesicht, das zu ihr hochsah, in himmelblaue Augen, alte Augen, die starrten.

Der alte Mann musterte sie, sagte keinen Ton. Seine aufmerksamen Augen erfassten in Sekundenschnelle – ALLES.

Mathilda wollte sich umdrehen, fliehen, wollte schreien….

„Kaffee?,“ krächzte er da schon. Sie starrte ihn an „Hä?“, war alles, was ihr einfiel.

Er räusperte sich und fragte noch einmal: „Kaffee, möchten sie einen Kaffee?“

Begegnung

Er knallte den Topf auf den Herd. Verdammt! Verdammte Ida!!! Schreib zehnmal: ich soll keine Hilfe anbieten! Wie ein Dieb hatte er ihr die Kartoffeln vor die Tür gelegt. Wie ein Idiot hatte er dagestanden, als plötzlich die Tür aufging.

Da knarrte die Diele. Das dritte Brett neben seinem alten Zimmer. Er hatte sich geschnitten. Fluchend angelte er mit nassen Händen nach dem Handtuch. Es fiel runter. Er hätte es unter den Tisch treten können. Er hob es auf und drehte sich um.

Da stand am Fuß der Treppe eine schlanke dunkelhaarige Frau in einem scheußlichen, deutlich zu großen Parka und einer Bundeswehrhose und sah ihn zu Tode erschrocken an. Einen Moment dachte er, er hätte Erscheinungen, aber er konnte sie riechen. Sie roch irgendwie - traurig. Nun erschrak er selber und nahm mit einem Blick die ganze Gestalt wahr: die Augen, das bis in den letzten Winkel wachsame Gesicht, eine Körperhaltung in der Sekunde vor der Flucht und hinter der ganzen unglaublichen Verlorenheit - ertappt und sichtbar hungrig - im Haus eines Fremden zu stehen, eine eiserne Entschlossenheit und – na sowas – einen Hauch Humor.

Eine Sekunde hatte er den Gedanken, sie rauszuwerfen. Eine Einbrecherin, ganz klar, und, gut verborgen zwar, aber ziemlich verwahrlost. Ganz kurz! Dann wurde ihm klar, er könnte dieses dünne Ding jederzeit nehmen und vor die Tür setzen. Da entspannte er sich, und eine lange Zeit nicht mehr wahrgenommenes Gefühl machte sich in ihm breit. Er räusperte sich und krächzte: „Kaffee?“

Sie sah ihn nur an und schien noch unentschieden.

Er sammelte sich und sagte: „Möchten sie einen Kaffee?

...Und bitte legen sie das Buch aus der Hand. Das ist nämlich das Buch über das Verhalten arktischer Gänse im Frühjahr. Können sie es bitte (!) aus der Hand legen?“

Mathilda starrte den alten Mann fassungslos an. Der hatte doch echt ‘ne Vollmeise! Langsam legte sie das Buch auf die Treppenstufe und machte einen Schritt auf ihn zu.

Hendrik drehte sich um und ging zur Kaffeemaschine.

Mathilda folgte ihm und blieb wie vom Donner gerührt stehen: „Donnerschlag!“, entfuhr es ihr. „Erwarten sie bei dem Riesenteil heute noch eine Busladung Touristen?“

„Touristen?? In meinem Haus?“ Jetzt starrte Hendrik sie fassungslos an. „NIEMALS! Hören sie?? Nie! Wollen sie jetzt Kaffee oder nicht?“ maulte er sie an.

„Ja, ist ja schon gut“, maulte Mathilda zurück.

„So, dann nehmen sie mal Platz!“

Die beiden blickten sich wütend an.

Hendrik drehte sich zur Kaffeemaschine um, suchte angestrengt den abgegriffenen Knopf, knallte den Becher mit den Papageientauchern auf das Gitter....Ein Höllenlärm und Wasserdampf erfüllen die Küche.

„Verflucht!“ schrie er.

„Ganz ruhig“, sagte Mathilda. „Kein Mensch braucht so ein Teil.“

Hendriks Antwort war nicht vollständig zu verstehen, klang aber nach Zustimmung.

Er stellte den Becher vor sie hin und atmete tief durch, drehte sich zur Anrichte um, lächelte in sich hinein, nahm seinen eigenen Becher und füllte ihn mit Kaffee.

Als Höllenlärm und Wasserdampf verzogen waren, setzte Hendrik sich Mathilda gegenüber an den Tisch.

Schweigend nippte jeder an seinem Kaffee.

Plötzlich kratzte etwas an Mathildas Bein und sie blickte hinunter. Da saß eine winzige rote Katze mit großen blauen Augen und maunzte sie an.

„Gott, ist die süß“, Mathilda lächelte zum ersten Mal und nahm vorsichtig das kleine Kätzchen auf den Schoß.

Hendrik stand auf, öffnete die Kühlschranktür: „Milch?“

Mathilda kraulte inzwischen das weiche Fell des Kätzchens und fragte: “trinkt die denn gar nicht mehr bei der Mutter?“

Hendriks Stirn kräuselte sich ein wenig, ein paar Lachfalten wurden sichtbar, „Milch für ihren Kaffee!“

Mathilda sagte: „Oh, ach ja... klar... gerne.“

„Mögen sie Tiere eigentlich gerne?“ fragte Hendrik.

„Jedenfalls lieber als Menschen“, antwortete Mathilda.

Zufrieden nahm er einen Schluck Kaffee. Eine Zeit lang hörte man nur das Schnurren des Kätzchens.

„Alle Tiere?“ fragte Hendrik.

„Nee, Ratten nicht. Die beißen,“ sagte sie. Das konnte Hendrik verstehen.

„Und Vögel?“ er sah sie abwartend an.

„Vögel sind gut“, sagte sie. „Sie haben Flügel. Sie können fliegen.“

„Sie ziehen“, sagte er, „in die Arktis zum Beispiel.“

Mathilda sah ihn an:“ Von Arktis habe ich keine Ahnung. Aber welche Vögel sind denn bitte so verrückt und fliegen in die Kälte?“

„Streifengänse, Blässgänse, Nonnengänse, Saatgänse, Kurzschnabelgänse, aber nicht alle Blässgänse“ Hendrik holte Luft und Mathilda starrte ihn mit offenem Mund an.

„Sind die Fotos im Flur von ihnen?“ fragte sie. „Es sind schöne Fotos.“

„Vielleicht noch ‘ne Tasse Kaffee?“ fragte Hendrik schnell. Mathilda blickte in ihren halbvollen Becher. „Nee danke, ich hab’ noch.“

Hendrik fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.

„Ich glaube, die Kleine muss mal zurück ins Körbchen“, sachte nahm er den Winzling und brachte ihn in den Flur.

„Also, die Kurzschnabelgans, die hab ich fotografiert“, sagte er, als er in die Küche zurückkam.

„Aha“, antwortete Mathilda. „Es gibt offenbar auch noch andere!“

„Ja“, sagte Hendrik, „Branta bernicla, die Blässgans, die in der Arktis brütet, hat Olle fotografiert.“

„Toll “, sagte Mathilda.

„Aber“, sagte Hendrik, „das Foto von dem Singschwan, der startet, finde ich am Schönsten.“

„Wo ist das denn“, fragte Mathilda.

„Im Wohnzimmer“, sagte Hendrik und stand auf. In der Tür drehte er sich um: „Kommen sie jetzt?“ fragte er. Und Mathilda folgte ihm.

Als Hendrik die Tür öffnete, fiel Mathildas Blick sofort auf das große Bild über dem Sofa.

„Unglaublich“, entfuhr es ihr. „sind sie Tierfotograf?“

Hendrik wies auf das Spektiv und fragte, „möchten sie mal gucken? Da drüben brütet eine Mönchsgrasmücke im Weißdorn.“

Nicht ganz sicher, um was für ein Tier es sich jetzt handelte, blickte Mathilda angestrengt durch das Rohr. „Hm“, sagte sie, „ich seh´ nichts“.

„Oh“, sagte Hendrik,“ sie müssen das noch einstellen. Gucken sie mal. Obendrauf ist ein Rädchen zum Einstellen von nah und fern.“

„Ah“, sagte Mathilda, „ich seh’ es“.

„Füttern sie grade?“ fragte Hendrik

Mathildas Magen knurrte vernehmlich.

Hendrik kicherte. Dann erfüllte ein tosendes Lachen den Raum.

Mathilda blickte ihn ein wenig befremdlich an. „Na danke auch,“ sagte sie nur.

„Wollen sie vielleicht Hering und Kartoffeln essen?“

„Meinen sie ganz frisch?“

„Frisch geschält, sicher“, sagte er.

Mathilda schmunzelte und folgte ihm in die Küche.

Am besten, sie schlafen im Wohnzimmer, hatte er gesagt.

Erst Ida und jetzt diese Frau – er hatte vergessen, sie nach ihrem Namen zu fragen - was fiel ihm bloß ein?!

Jetzt stand er mit einer Handvoll Bettwäsche in der breiten Schiebetür und merkte, dass er keinen Platz hatte, sie irgendwo hinzulegen. Auf dem Tisch lagen die Ordner mit den Vogelsichtungen an der Küste, der Entwicklung auf den künstlichen Brutplattformen und Adebar, der riesige Brutvogelkatalog. Oh, und ein altes Unterhemd, das er dorthin gelegt hatte, als die Kätzchen gekommen waren. Es war ein schöner Tisch, die gedrechselten Beine kaum verkratzt, die Tischplatte glänzend in einem warmen Mahagonirot, passend zum Teppich, einer Investition, die er bei seinem Einzug, oder vielmehr Rückzug ins Elternhaus nach der Rente getätigt hatte, weil er das Zimmer, wenn die Sonne durch die beiden Fenster schien, zusammen mit den Möbeln in ein warmes Rot tauchte. Auch einen Schrank gab es aus demselben Holz, der wuchtig und beeindruckend gegenüber dem Kachelofen sein Lebensrecht neben all den Bücherregalen behauptete. Als Kind hatte er sich manchmal darin versteckt und den Gesprächen der Erwachsenen in der Küche gelauscht. Jetzt war er mit dem besten und unauffälligsten Schloss, das er im Netz hatte finden können, gesichert.

Auf den breiten Sesseln, in denen ein Kind hätte schlafen können, machten sich die getrockneten Regensachen breit und auf dem Sofa saßen – also wirklich - alle 6 Kätzchen. Er legte die Bettwäsche auf einen Küchenstuhl, nahm ein Kätzchen nach dem anderen in die Hand und setzte sie zurück in den Korb. „Ich bin stolz auf euch, dass ihr da heraufgekommen seid,“ sagte er, „aber jetzt müsst ihr runter und euch von meinen Füßen fernhalten, damit ich euch nicht trete.“ Kurz tauchte er seine Nase in das Fell eines Kätzchens - sie rochen immer so gut.

Er bezog die dicke Daunendecke, schüttelte das Kissen ordentlich auf, worauf sich eine kleine Staubwolke von seinem alten Fernseher erhob und er niesen musste. Er vergaß das Ding immer, auch beim Staubwischen. Er brauchte es auch nicht. Sein Traum war ein stationärer Bildschirm, auf den er die Kamera vom Seeadlerhorst schalten könnte. Dann könnte er bei jedem Wetter hier Kaffee trinken und die Brut der Seeadler beobachten. Die Kamera war ein Großprojekt von Olle und ihm gewesen, das sich über mehrere Monate hingezogen hatte, ihnen etliche Kratzer und blaue Flecken beim Anbringen und eine Menge technisches Wissen beim Einrichten gebracht hatte. Jetzt funktionierte sie zuverlässig. Die Adler waren schon da, aber Nachwuchs hatte er noch nicht gesehen.

Vielleicht war es auch ganz gut, dass der Bildschirm nicht im Wohnzimmer stand. Den Laptop konnte man zuklappen. Denn jedes Mal, wenn der Altvogel auf dem Nest begehrlich in Richtung brütender Gänse sah, zuckte es in ihm, was Olle nicht verborgen geblieben war. „Wir richten hier eine Kamera ein zum Beobachten des Seeadlers,“ hatte er gesagt, „nicht zum Schutz der Gänse VOR dem Adler.“ „Klar“, hatte Hendrik geantwortet, „die muss man auch nicht schützen. Das ist schlicht und einfach Ökologie, die Nahrungskette.“ „Klug gesagt“, hatte Olle gemeint, und man hatte tatsächlich nicht das kleinste Grinsen in seinem Gesicht finden können.

Er musterte das Wohnzimmer kurz. Alles in Ordnung? Sah so aus. Das Bild des startenden Singschwans war eindeutig der Mittelpunkt in dem für ihn gemütlichen Raum. Er hatte mehrere Sommer damit zugebracht, auf dieses Bild zu warten und freute sich immer noch daran. Er schob das Spektiv etwas zur Seite, damit sie im Dunklen nicht über die Beine stolperte, nahm die Regensachen mit in die Abstellkammer und hängte sie dort auf und warf schließlich vorsichtig das alte Unterhemd über den Katzenkorb, worauf sich ein wildes Fauchen und Balgen erhob und nach und nach ein Kopf nach dem anderen an der Oberfläche erschien, in den Kampf mit dem Stoff verstrickt, den sie erlegt hatten wie eine Maus.

Am nächsten Tag wachte Hendrik früh auf. Er wollte schon die Beine aus dem Bett schwingen und nach den Latschen angeln, da fiel ihm ein, dass heute etwas anders war. Es war noch ein anderer Mensch im Haus.

Es war nicht dasselbe Gefühl, als würde seine Tochter bei ihm übernachten. Er erinnerte sich an den vergangenen Tag und sah wieder diese für nicht sehr große, noch völlig unbekannte Person vor sich und stellte fest, dass sie ihn interessierte.

Er erinnerte sich kaum mehr an dieses Gefühl. Es war schon ewig her.

Am intensivsten war es gewesen, als dieser junge Mann in sein Büro gekommen war und nach einem Praktikumsplatz gefragt hatte. Er hatte sich mit einer Leichtigkeit bewegt, die Hendrik noch nie bei einem Menschen gesehen hatte, und die ihn angesichts seines eigenen eher erdverbundenen Körpers sprachlos gemacht hatte. Erst viel später war ihm klargeworden, dass es die Leichtigkeit war, die manchmal entstand, wenn jemand genug Platz hatte, wenn er gewohnt war, sich frei bewegen zu können, nicht an Ampeln zu stehen, sondern über Wiesen zu laufen.

Er hätte den jungen Mann barsch an die Sekretärin verweisen sollen, aber diese Art und die freundliche Unkompliziertheit, die er ausstrahlte, hatten in ihm schlicht den Wunsch ausgelöst, ihn kennenlernen zu wollen, oder etwas über ihn zu erfahren. Mit Kennenlernen im Sinne, selber etwas über sich preis zu geben, war Hendrik noch nie besonders flott gewesen. Also hatte er ihn gebeten, Platz zu nehmen und zu erzählen, was ihn hergeführt hatte. Der junge Mann hieß Otto Immernoch, studierte Biologie und trug ihm eine Liste seiner Projekte und Studienauszeichnungen vor (die sich sehen lassen konnte). Dann lachte er und gab unumwunden zu, dass er eigentlich fragen wollte, ob es irgendeine Möglichkeit gab, auf Hendriks Schiff mitzufahren, das an verschiedenen Küsten unterwegs war. Und dann sagte er, sich sichtbar selber einen Schubs gebend: „Spitzbergen, Herr Mielens.“

Spitzbergen?

Besonders die Brut der Kurzschnabelgänse, der kurze Brutzeitraum, hatten es ihm angetan. Die Geduld der brütenden Tiere angesichts der schwierigen Verhältnisse und des kurzen Zeitraums, der ihnen zur Verfügung stand, um die Jungen bis zur Flugfähigkeit großzuziehen. An dieser Stelle hatte Hendrik angefangen zu überlegen, wie er seiner Mannschaft einen Praktikanten schmackhaft machen könnte angesichts der engen Räume auf dem Schiff und des seit langem eingeschworenen Teams von Enthusiasten ohne jedes Sendungsbewusstsein oder Freude an der Lehre, die froh waren, auf einer Schiffsreise unter sich zu sein.

3 Stunden später hatte er mehrere Termine verpasst und sich von Otto in die Welt der arktischen Gänse mitnehmen lassen, in der dieser sich in einer merkwürdigen Mischung aus Gefühl und wissenschaftlicher Sachlichkeit zuhause zu fühlen schien.

Es war eine immer noch bestehende Freundschaft daraus geworden und mehrere von Ottos Büchern füllten inzwischen seine Regale.

Abends

Ein wenig unsicher setzte sich Mathilda auf das alte Sofa und wippte probeweise ein wenig auf und ab. Erstaunlicher Weise schien das alte Ding gut in Schuss zu sein, mindestens genauso gut, wie der alte Mann, von dem sie noch immer keinen Namen wusste.

Der Mann ohne Namen hatte ihr angeboten, heute Nacht bei ihm im Haus zu bleiben.

Es sei zu kalt und zu nass, hatte er gemeint und nun saß sie hier. Ihr Magen knurrte zum ersten Mal seit Tagen nicht mehr, und langsam machte sich eine behagliche Wärme in ihr breit. Noch etwas, das Mathilda lange schon nicht mehr kannte.

Eingehüllt in ein altes Männerhemd, das er ihr gegeben hatte, legte sie sich endlich hin, kuschelte sich unter die dicke Decke, schob einen Arm unter den Kopf und ließ ihren Blick durch den halbdunklen Raum schweifen. Etliche Bücher lagen auf dem alten Wohnzimmertisch. Sie nahm an, dass es sich wie fast überall um Literatur über Vögel handelte. Ihr Blick blieb an einem großen Schrank hängen, in dem locker zwei Kinder Platz gehabt hätten, Kinder wie sie und ihr Bruder, als sie klein waren und sich vor dem Unmut der Eltern dort versteckt hatten.

Weiter wanderte ihr Blick zum Kachelofen. Sicher herrlich, wenn der an ist und das Wetter richtig mies, dachte Mathilda. Ihre Großmutter hatte auch so einen gehabt, groß und behaglich und immer geschützt hatte sie sich dort gefühlt, vor dem Ofen, mit einem Teller Apfelstücken und einem Buch.

Mathilda nahm alles in sich auf, den Geruch nach frischer Wäsche, den nach Staub, der auf dem anscheinend unbenutzten Fernseher lag. Das machte ihr nichts aus, das mit dem Staub, sie hatte in den letzten zwei Jahren deutlich weniger komfortabel gewohnt.

Mathilda fühlte sich frei, endlich frei und endlich geborgen, geborgen. Ein Gefühl, das sie nicht mehr vorhanden geglaubt hatte. Geborgen in einem fremden Haus, bei einem fremden Menschen! Wie konnte das nur sein?

Da nahm Mathilda wieder ein leichtes Kratzen wahr und einen leichten Zug an der Bettdecke. Sie blickte seitlich runter zum dicken Teppich auf dem Boden und sah, wie sich sehr angestrengt das kleine rote Kätzchen vom Nachmittag versuchte, an der Bettdecke hinauf zu hangeln. Sie lächelte und streckte eine Hand hinunter. Sanft zog sie den kleinen Kerl zu sich hinauf. Das Kätzchen sah sie mit seinen wachen Augen einen Moment lang an, dann tastete es ein wenig auf der Bettdecke herum, um sich endlich leise schnurrend in ihren Arm zu kuscheln. Zufrieden schloss es die Augen.

Mathilda atmete tief durch…und schlief ein……

Mathilda warf sich unruhig hin und her. Wilde Träume plagten sie. Sie wurde wieder verfolgt und rannte durch dunkle Straßen. Die grauenhafte Angst, die sie nun schon kannte, fuhr ihr durch alle Glieder und schien ihre Schritte einzufrieren. Sie bewegte sich wie unter Wasser, quälend langsam und der Atem schien ihr auszugehen. Dazu noch dieses unerträglich laute, rasselnde Geräusch, als seien hundert Bagger hinter ihr her. Mit einem Ruck setzte sich Mathilda auf, die Augen schreckensweit, um sich blickend, nicht wissend, wo sie war…

Ein empörtes Miauen ließ sie nach unten blicken. Die kleine Katze war durch ihr Aufschrecken aus dem Schlaf vom Sofa auf den Fußboden gekollert. „Recht hast du,“ sagte Mathilda,“ wenn man mich so schäbig behandeln würde, würde ich auch meckern.“ Die Kleine stolzierte, ohne Mathilda eines weiteren Blicks zu würdigen, aus dem Raum.

Entschlossen lehnte sie sich an den Türrahmen, bemüht mit ihren Füßen irgendwie die Löcher in den alten Socken zu verbergen und räusperte sich. „Was,“ fragte der alte Mann und rührte weiter angestrengt in der großen Pfanne, in der etwas, das nach Rührei aussah, langsam Farbe annahm. „Kann ich vielleicht mal duschen?“ fragte Mathilda und, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen fragte sie gleich weiter, „haben sie vielleicht eine Waschmaschine?“ „Da,“ antwortete Hendrik „Duschbad und Handtücher sind im Schrank,“ und er wies mit dem Kochlöffel auf eine Tür rechts von der Küche. Etwas Rührei fiel auf den Boden. „Und die Waschmaschine, wo finde ich die,“ fragte Mathilda weiter, „meine Klamotten müssten,“…. „ich weiß,“ brummte Hendrik, „die stinken. Eine Waschmaschine ist da auch.“ Dann rührte er weiter in der Pfanne.

Mathilda ging und fand alles wie beschrieben. Nach einer langen und heißen Dusche stopfte sie ihre Sachen in die Waschmaschine und schämte sich plötzlich. Sie schämte sich ihrer Armseligkeit!

Im Namen des Volkes

„Bitte erheben sie sich von den Plätzen zur Urteilsverkündung.“ Die klare Stimme klang durch den alten Gerichtssaal des Hamburger Gerichtes.

„Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil. Frau Mathilda Uhlig, geboren am 21. Juni 1979, wohnhaft Alsterstrasse 102, Hamburg, ist schuldig des Wirtschaftsbetruges in drei Fällen. Sie wird mit sofortiger Wirkung ihre Haftstrafe in der Vollzugsanstalt Fuhlsbüttel antreten. Auf Grund der Schwere der Straftat wird keine Bewährung gewährt. Gegen dieses Urteil kann innerhalb einer Frist von vier Wochen Revision eingelegt werden!“

Mathilda klammerte sich mit den Händen an den Tisch vor sich, die Knöchel traten weiß hervor. Die Lippen fest zusammen gepresst nahm sie regungslos das Urteil entgegen.

Alexander, wo war er nur. Hatte er sich wirklich nach Malaysia abgesetzt? Hatte er sie wirklich dem Allen hier allein überlassen? Sie fühlte, wie die bittere Wahrheit sie überspülte, wie sich ihre Gedanken in Leere und Verzweiflung auflösten. Sie würde für seine Schuld aufkommen müssen. Wieder einmal und diesmal mit für sie ungeahnt schwerwiegenden Folgen!

Sie erinnerte sich auch wieder an diese Nacht, in der sie an die Decke starrte und dem tropfenden Wasserhahn zuhörte. Viel mehr gab es für sie ja auch nicht zu tun, an die Decke starren, das nervende Geräusch des tropfenden Hahnes zu ertragen und sich irgendwie bemühen, nicht den immer stärker werdenden Gefühlen von Verzweiflung und Wut nachzugeben. Mathilda war sicher, wenn sie jetzt anfangen würde zu weinen oder zu schreien, was sie noch viel lieber tun würde, könnte sie nie wieder aufhören. Also lieber an die Decke starren und versuchen, irgendwie mit der Situation klar zu kommen.

Ihre Mutter hatte Alexander von Anfang an geliebt. „Hätte sie ihn doch heiraten sollen,“ dachte Mathilda in einem Anflug von Sarkasmus. Die beiden hätten sicher ein schönes Paar abgegeben, elegant, verwegen und vor allem machthungrig, intrigant und skrupellos. Mathilda seufzte tief auf. Wie hatte sie sich nur so von Alexander blenden lassen können. Vielleicht bediente er einfach nur ein Muster, das sie von Kindheit an kannte und dass sich daher vertraut anfühlte. Vielleicht war es aber auch lediglich die Tatsache, dass sie nicht besonders beliebt in der Männerwelt gewesen war. Zu groß um als niedlich zu gelten zu gelten und eher schlaksig als damenhaft schlank. Nicht besonders schön mit den zu dicken dunklen Haaren und den stinknormal blauen Augen, die immer ein wenig nachdenklich blickten. „Du siehst wieder aus, wie ein Trauerkloß,“ hörte sie ihre Mutter, „kannst du deinem Gesicht nicht wenigstens ein Lächeln geben, wenn du schon nach nichts aussiehst? Vielleicht hilft DAS ja. Männer mögen keine klugen, depressiven Frauen.“ Dann hatte sie sich abgewandt und Mathilda wortlos stehen lassen. Im Zusammenhang mit ihrer Mutter fehlten Mathilda oft die Worte. Das war in ihrer Kindheit nicht anders als heute.