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Konstantinopel, im Jahr 1007. Ein blauer Stern steht drohend über der Stadt, und seit sieben Jahre herrscht eine eisige Kälte in ganz Europa. Von Norden bis Süden ist die Zivilisation zusammengebrochen, und es wüten mörderische Banden. Als eine Hochzeitsgesellschaft von ihnen heimgesucht und gemeuchelt wird, kann nur ein kleines Mädchen, Halla, mit seiner Mutter entkommen, gewarnt von einem Fremden. Zusammen mit Orpheus, einem Taugenichts und Lautenspieler, begeben sie sich auf eine gefährliche Reise voller Schrecken und Gefahren. Denn es gilt unbedingt das Kind vor den Mördern zu schützen. Nur Halla verfügt über die mystischen Kräfte, die den ewigen Winter beenden können ...
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Seitenzahl: 527
Veröffentlichungsjahr: 2025
Konstantinopel, im Jahr 1007. Ein blauer Stern steht drohend über der Stadt, und seit sieben Jahre herrscht eine eisige Kälte in ganz Europa. Von Norden bis Süden ist die Zivilisation zusammengebrochen, und es wüten mörderische Banden. Als eine Hochzeitsgesellschaft von ihnen heimgesucht und gemeuchelt wird, kann nur ein kleines Mädchen, Halla, mit seiner Mutter entkommen, gewarnt von einem Fremden. Zusammen mit Orpheus, einem Taugenichts und Lautenspieler, begeben sie sich auf eine gefährliche Reise voller Schrecken und Gefahren. Denn es gilt unbedingt das Kind vor den Mördern zu schützen. Nur Halla verfügt über die mystischen Kräfte, die den ewigen Winter beenden können …
Niilo Sevänen (*1979) ist Sänger, Bassist, Komponist und Texter von der weltweit erfolgreichen Melodic-Death-Metal-Band INSOMNIUM. Er hat Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Turku studiert. Sein Romandebüt DER WEG DES EWIGEN WINTERS war einer der am meisten erwarteten Fantasy-Romane des Jahres 2024 in Finnland. Zuvor hatte Sevänen eine preisgekrönte Fantasy-Kurzgeschichte, »WINTER’S GATE« veröffentlicht.
NIILO SEVÄNEN
DER WEG DES EWIGEN WINTERS
ROMAN
Übersetzung aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der finnischen Originalausgabe:»Ikitalven polku«
Für die Originalausgabe:Copyright © 2024 by Niilo Sevänen ja Gummerus Kustannus OyPublished by arrangement with Helsinki Literary Agency
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Joern Rauser, Meldorf
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München, www.guter-punkt.de unter Verwendung einer Umschlaggestaltung von Jenni Noponen
Einband-/Umschlagmotiv: © shutterstock: SmoneN | ivan_kislitsin | Schatz_Mar | OlgaKorneeva;
© AdobeStock: dorothe; © gettyimages: jim8080
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-8433-7
luebbe.de
lesejury.de
Für Mutter und Vater
KONSTANTINOPEL
Viel wissen wir nicht darüber, was wirklich geschah und weshalb die Welt kalt wurde. Ich erinnere mich, wie wir im Frühling Anno Domini 1000 einen blauen Stern am Himmel erscheinen sahen. In Konstantinopel erhielten wir die Nachricht, dass der Antichrist, die Weiße Hexe, die Könige des Westens angegriffen hatte. Mit den Ungeheuern der Apokalypse zog er wie ein eisiger Sturm durch die Länder, riss Mauern, Türme und Kirchen nieder, tötete die Herrscher und räumte die Kriegstruppen der Christen aus dem Weg. Zuletzt hörten wir dann, dass sich die Hure Babylon mit ihren Horden Rom bereits näherte.
Ende August, an einem schwülen Nachmittag, spürte ich, wie die Treppen des Blachernen Palasts unter meinen Füßen bebten. Die Erde klagte und erzitterte. Die Marmorsäulen barsten. Ein gewaltiger Donner zerriss den Himmel. Dunkle Wolken jagten sturmschnell über die Bucht des Goldenen Horns, und plötzlich begrub ein entsetzlicher Schneesturm alles unter sich. An jenem Tag endete die alte Welt.
HANDSCHRIFTDESNESTORIOSMALEÏNOS, DESCHRONISTENDESKAISERS, INKONSTANTINOPELANNODOMINI 1007.
Der hochgewachsene Mönch führte die Mutter und das Kind durch den halbdunklen Saal der Pantokrator-Kirche, in der die Flammen unzähliger Kerzen flackerten. Schatten flogen über die Ikonen und Mosaiken an den Wänden. Die mit Strahlenkränzen gekrönten Heiligenbilder blickten in leidenschaftlicher Frömmigkeit auf sie herab. Der Duft von Harz und Myrrhe schwebte aus den hängenden Weihrauchgefäßen, deren Rauch an die zum Himmel aufragende Decke stieg.
Das Geräusch harter Schläge echote unter den hohen Rundbögen, als die Beutemacher versuchten, die verriegelten Türen aufzubrechen. Bruder Gregorios warf einen Blick über die Schulter und bekreuzigte sich hastig.
Vorsehung, lass die Bestien nicht durch die Tür, betete er lautlos.
Das goldgeschmückte Schulterband flatterte auf der Brust seiner schwarzen Mönchskutte. In seinen blauen Augen schimmerte Angst, und unter dem braunen Bart hoben sich von Fasten und Heimsuchungen ausgezehrte Wangen ab. Quer über die Stirn verlief die Narbe eines Schwertstreichs.
Am Hals tummelte sich ein dunkelgrünes Gewirr von Schlangen, das vor langer Zeit in Hedeby in seine Haut gestochen worden war. Als er noch die nordischen Götter seiner Vorväter angebetet hatte.
Als die Welt noch heil gewesen war.
Neben Gregorios hastete die Frau, deren dunkle Haare an der schweißnassen Stirn klebten. Xenias verweinte Augen blitzten unter der Kapuze ihres roten Umhangs hervor. Sie suchten Zuflucht bei dem Mönch, baten um Rettung und Schutz. Die Frau umklammerte die Hand ihrer kleinen Tochter Halla, die sich Mühe gab, mit den Erwachsenen Schritt zu halten.
Mönche in schwarzen Kutten und Phelonien stürmten ihnen schreiend und lärmend entgegen. Die heiligen Männer eilten herbei, um das Tor geschlossen zu halten, jederzeit bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Das höchste Opfer zu bringen.
Mitten unter den Mönchen schritt eine Gestalt, unter deren weißem Bart ein goldenes Kreuz zu sehen war. Der Hegumen Kosmas blieb keuchend vor Gregorios stehen. Der alte Mann verzog das Gesicht und legte sich eine Hand auf die Brust, als hätte er Schmerzen.
»Bei den Leichentüchern Christi, was ist das?«, fragte der Hegumen mit heiserer Stimme und schwenkte seinen kurzen silbernen Stab.
Gregorios fasste Kosmas mit beiden Händen an den Schultern.
»Dies ist der Tag, dessen Ankunft ich befürchtet hatte«, antwortete er. »Sie sind hier.«
»Weh uns … die Bestien des Seelenverderbers«, murmelte der Hegumen mit bebender Stimme. »Was wollen sie?«
»Sie wollen das Kind!«
Der Hegumen betrachtete das kleine Mädchen im braunen Reiseumhang, das hinter Gregorius stand. Die Kapuze war auf die Schultern gerutscht, goldene Haare lagen darüber. Die frappierend blauen Augen musterten die Männer furchtsam. Das Mädchen schien vor all den Schatten zurückzuschrecken, die über die Wände und Säulen der Kirche huschten.
Es war das Kind, das zu beschützen Gregorios geschworen hatte. Dessen Schritte auf den Gassen und Märkten von Konstantinopel er unablässig bewacht hatte.
Die wundersame Halla.
Der alte Mann nickte ernst.
»Du kennst doch den Geheimgang an der Seite des Altars. Rette die beiden. Die Vorsehung möge euch schützen.«
Hinter ihnen krachten die Türen. Voller Entsetzen schrien und wehklagten die Mönche.
»Wehe uns! Strahlend ist der Pfad der Märtyrer!«, stöhnte der weißbärtige Hegumen und schwenkte seinen Stab. »Nun geht schon! Flieht!«
Gregorios zog Xenia und Halla mit sich. Sie eilten über die Marmorplatten, die von der Kälte rissig geworden waren. Vorbei an den silbernen Reliquienschreinen, den Elfenbeinstatuen und den Grabstätten der Kaiser. Beinahe wären sie über den tauben Bruder Pyrrhos gestolpert, der sich zum Gebet über eine bunte Felsplatte gebeugt hatte. Es hieß, darauf sei Christus niedergelegt worden, als man ihn vom Kreuz genommen hatte. Auf der Platte waren immer noch die Spuren der Tränen der Gottesgebärerin zu sehen.
Gregorios blickte zur Kuppel der Pantokrator-Kirche auf, von wo aus der Erlöser sie auf einem vergoldeten Gemälde ansah, im Schoß des Himmels von Heiligen umgeben. In ewiger Helligkeit und Seligkeit, wo Cherubim und Seraphim ihr Loblied sangen.
Herr, warum hast du uns in diese kalte Welt verstoßen? Warum?
Sie gingen um die dreifüßige Eschara herum, in der rot glühende Kohlen schwelten, und erreichten die Altarschranke. Links von den Ikonen, hinter der purpurroten Porphyrsäule, fand der Mönch die Geheimtür, die wie eine glänzende Bronzetafel aussah. Im Halbdunkel tastete er über das Mosaik an der Wand, bis er die im Auge des Apostels verborgene Aushöhlung fand.
Nach kurzer Suche stieß sein Zeigefinger auf den Hebel. Das Schloss schnappte auf. Gregorius drückte mit aller Kraft gegen die schwere Tür. Die Bronzetafel knirschte, während sie über den Boden fuhr, doch das Geräusch ging im Lärm der grauenvollen Schreie aus dem Kirchsaal unter.
Todesschreie.
Gregorios drückte sich hinter eine Säule und blickte vorsichtig zum Haupteingang. Er sah, wie eine hochgewachsene Gestalt einen unglücklichen Mönch erbarmungslos zu Boden schlug.
Gregorios nahm eine Kerze von der Seite des Altars und winkte Mutter und Kind in den dunklen Gang. Hinter ihm waren Laufschritte zu hören, die sich unaufhaltsam näherten. Ohne auch nur einen Augenblick zu verlieren, schlüpfte er selbst durch die Türöffnung und drückte die Bronzeplatte mit der Schulter zu. Die Verriegelung schnappte ein.
Im selben Augenblick schlug etwas gegen die Geheimtür.
Der Mönch hielt den Atem an, während harte Faustschläge gegen die Bronzeplatte hämmerten. Die Kerzenflamme zuckte im Takt der Schläge, und in Gedanken wiederholte er sein Gebet:
Vorsehung, lass die Bestien nicht durch diese Tür.
»Gehen wir weiter?«, flüsterte Xenia in der Dunkelheit hinter ihm verzweifelt. »Wir bleiben doch nicht hier?«
»Folgt mir«, sagte der Mönch und eilte mit seiner Kerze an Mutter und Kind vorbei.
Sie hasteten den abschüssigen, engen und staubigen Gang entlang. Die Decke war so niedrig, dass Gregorios gebückt gehen musste. Ratten und Käfer wieselten vor ihnen davon, die Luft war abgestanden und modrig. Gregorios bildete sich ein, im Granit der Wände Gestalten zu sehen. Gesichter und ausgestreckte Arme. Zum Schrei aufgerissene Münder.
Sein Blick irrte über die Furchen in der Wand, und dabei merkte er gar nicht, dass sich der Gang zu einer Kammer erweiterte. Plötzlich verschwand der Boden vor ihnen. Gregorios wäre beinahe ins Leere getreten und stand bereits schwankend am Rand der runden Öffnung, die an einen großen Brunnen erinnerte.
»Vorsicht!«, rief Xenia und zog den Mönch am Arm zurück. Mit der anderen Hand hielt sie Halla hinter sich.
Schnaufend starrten sie in den Schacht hinein. Steinerne Stufen führten am Rand entlang in die Tiefe.
Halla zupfte verängstigt an der Kutte des Mönchs.
»Sie kommen«, wisperte sie. »Sie haben die Tür aufgebrochen.«
Gregorios sah das Mädchen verwundert an und spitzte die Ohren, hörte aber keinen Laut aus dem Gang.
Xenias blasse Wangen und ihre Lippen waren vor Aufregung angespannt. Sie legte ihre Hand schützend auf die Schulter ihrer Tochter.
»Halla hört alles. Das weißt du doch«, sagte sie zu dem Mönch.
Gregorios nickte.
»Weiter!«
Es gab nur einen Weg. Sie hatten keine andere Wahl, als hinabzusteigen, unter die Stadt Konstantinopel. In den verbotenen Teil, den es hier schon lange vor der Kirche und den Christen gegeben hatte. Und vor den Römern.
Sie stiegen die steilen Stufen hinab, die aus der Wand ragten. Es gab kein Geländer, und linkerhand war nichts als Leere. Freier Fall. Als würde bei einer Wendeltreppe der dicke Mittelpfeiler fehlen.
Die Kerzenflamme enthüllte die in die Wand geritzten Bilder, an denen sie vorbeieilten. Teufel, Kobolde und alle grausigen Bestien der Tiefen. Wölfe, Füchse, Bären und Löwen. Blutschlangen, Hornvipern, Salamander und Zahntyrannen. Harpyien, Mantikore, Faune und Satyrn. Basilisken, Krokodile, Kreuzottern, Muränen, Leukroten, Greife, Paviane, Kynokephale, Sphinxe und Drachen. All die abscheulichen Lakaien Luzifers, die bereitstanden, Sünder in die ewige Verdammnis zu ziehen.
Von oben kamen Geräusche, und Gregorios legte den Kopf schräg, um besser zu hören. Kleine Steinchen prasselten an ihnen vorbei in die Tiefe. Sie eilten weiter, so schnell es die trügerischen, abgenutzten Stufen erlaubten, die für größere Füße gedacht zu sein schienen. Halla hüpfte in ihren roten Lederpuschen zwischen dem Mönch und ihrer Mutter hin und her. Xenia kam ins Schwanken und heulte auf, konnte sich an der Wand aber abstützen.
Endlich erreichten sie atemlos und mit müden Beinen den Grund des Schachts. Der Boden war schwarz und eben; in den Gravierungen an den Wänden wanden sich verflochtene Giftschlangen wie in Nastradens Sälen der ewigen Pein. An der Eisentür war ein pyramidenartiges Podest abgebildet, auf dessen Spitze eine gekrönte Gestalt auf einem Thron wartete. Als der Mönch gegen den Knauf drückte, knirschten die Türangeln laut.
Hinter der Tür lag ein großer Raum; das schwache Licht der Kerze reichte nicht aus, ihn zu erhellen. Ein kalter Luftzug strich über Gregorios’ verschwitztes Gesicht und ließ sein Schulterband flattern. Er atmete den Geruch des kalten Metalls ein und ließ Mutter und Kind an sich vorbei. Da sich an der Innenseite der Tür weder Riegel noch Schloss fanden, zog er fluchend sein Messer aus dem Gürtelband und steckte es zwischen die Tür und den Rand der Steinplatte. Vielleicht konnte es die Verfolger wenigstens für kurze Zeit aufhalten.
Die Mitte des runden Gewölbes umgab ein Kranz von dunklen Säulen, zwischen denen sie hindurchgingen. Ein langgezogener Seufzer stieg aus der Tiefe auf und hallte um sie herum. Ein Windstoß hätte die Kerze beinahe erlöschen lassen, der Mönch versuchte sie mit dem Körper zu schützen. Ein blauer Schein leuchtete auf und schimmerte zwischen den Säulen, als tröpfelte das Licht direkt aus der Steinwand. Gregorios legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die gewölbte Decke hoch über sich, an der kleine Funken glimmerten.
Bei den neuen und den alten Göttern, was ist das?, überlegte er.
Der Hegumen Kosmas hatte ihn einmal hierhergeführt und ihm den Geheimweg gezeigt, doch damals war nichts Derartiges geschehen. Außerhalb des Säulenkranzes waren sieben Türen zu erkennen, die man in verschiedenen Richtungen angebracht hatte. Sieben gleichartige Bogentüren, von denen nur eine zurück nach oben und in Sicherheit führte, auf die Straßen von Konstantinopel. Die anderen öffneten sich in geheime Tiefen, die den Menschen verboten waren.
Unter ihnen befand sich eine runde Platte. In das schwarze Metall war mit goldenen Linien eine Frauengestalt eingraviert. Sie trug eine stachlige Tiara auf dem Kopf und hielt ein Schlüsselbund in der Hand. An ihrem Gürtel hing eine Schere, und zu beiden Seiten der Frau wachten Wölfe.
Hekate. Die Göttin der Tore und der Kreuzungen. Die Oberhexe der Heiden des Südens.
Xenia blickte sich keuchend um.
»Welcher ist der richtige Weg?«, fragte sie verzweifelt. »Wohin sollen wir gehen?«
An der Tür krachte es, und Gregorios fuhr zusammen. Irgendjemand versuchte gerade die Tür aufzustoßen, aber noch hielt sie das Messer geschlossen.
Der Mönch reichte Xenia die Kerze und rannte zur Tür.
»Untersucht alle Ausgänge! Sucht über den Rahmen nach Ouroboros!«
»Nach was?«, kreischte die Frau.
»Nach dem Zeichen des Ouroboros! Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt! Das ist der richtige Weg!«
Gregorios stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Die brutalen Schläge auf der anderen Seite ließen das Metall erbeben, und das Poltern hallte im Gewölbe wider. Ganz kurz schloss er die Augen.
Vorsehung, lass die Bestien nicht durch diese Tür.
Xenias roter Umhang flatterte, als sie, gefolgt von Halla, an der Wand entlanglief, von einer Tür zur anderen. Xenia hob die Kerze hoch, um zu sehen, was über den Türen eingraviert war.
Gregorios drückte mit aller Kraft gegen die Eisentür, seine Schuhsohlen fanden auf dem Steinboden kaum Halt. Jeder Schlag drang ihm bis in die Knochen. Von der anderen Seite hörte er raue Worte. In einer Sprache, die er nicht verstand.
»Hier ist sie!«, rief Xenia an der gegenüberliegenden Seite des Gewölbes. »Über der Tür … das ist eine Schlange!«
Der Mönch spürte, dass alle seine Muskeln vor Erschöpfung schmerzten. Schweiß lief ihm in die Augen und über den Rücken. Seine Füße rutschten immer öfter ab.
»Geht doch! Flieht!«, ächzte er. »Da führt eine Treppe nach oben. Nehmt die siebte Tür, an die ihr kommt.«
Xenia zog mit aller Kraft am Knauf, und die Tür öffnete sich knarrend. Das Mädchen trat vor ihr auf den Gang. Xenia drehte sich zu dem Mönch um.
»Kommst du?«, fragte sie flehend.
Gregorios schwankte unter der Kraft des Rüttelns und stieß dabei versehentlich das Messer weg. Die Tür wurde Zoll um Zoll aufgeschoben, obwohl er versuchte, wieder Fuß zu fassen.
»Rette Halla!«, brüllte er. »Geht jetzt! Los, flieht!«
Er sah noch, wie das Mädchen einen letzten Blick in seine Richtung warf. Ein wundersames blaues Licht strahlte aus Hallas Augen. Dann verschwanden Mutter und Kind in der schwarzen Öffnung, und hinter ihnen schloss sich die Tür.
Flieht, bat der Mönch stumm weiter. Flieht weit weg von hier. Möge sowohl Christus als auch Odin euch beschützen.
Xenia hatte die Kerze mitgenommen. Auch der blaue Schein im Gewölbe erlosch und verschwand. Gregorios blieb allein in der Finsternis. Er stemmte die rechte Seite gegen die kalte Eisentür, die sich unablässig weiter öffnete, so sehr er auch kämpfte und dagegenhielt. Auf der anderen Seite waren Atemzüge und ein leises Röcheln zu hören.
Tränen drangen aus seinen Augen. Er dachte an seine Kindheit im fernen Norden. An die hellen Sterne und den Gürtel der Polarlichter. An die schroffen grünen Berge, die so plötzlich aus den kalten Wellen aufragten. An den weißen Sand am heimatlichen Ufer. Und an den Rauch, der aus den Rauchfängen des Langhauses aufstieg. Er dachte auch an die Geschichten seines Vaters und das Lächeln seiner Mutter, an das Lachen und Lärmen seiner Brüder.
Er erinnerte sich an die Maid, die er an einem Frühlingsabend am Ufer des Dnjepr geküsst hatte, als Maiglöckchen und Lilien dufteten und er noch jung und stark gewesen war.
Er erinnerte sich an den Augenblick, als ein kleiner Engel aus dem Himmel zu ihm in den Kräutergarten des Klosters hinabgestiegen war.
Die Weltretterin. Halla.
Die Tür schlug Gregorios gegen das Gesicht, er fiel rücklings auf die kalten Steine und prallte mit dem Hinterkopf auf. Irgendetwas stürzte sich auf ihn, und er versuchte sich zu schützen.
Ein Knurren wie aus den Klüften von Nifelhein drang an seine Ohren.
In der Dunkelheit blitzten gelbe Augen auf.
»Bei den Zitzen des Hades, heute scheint mein Glückstag zu sein«, sagte Orpheus und betrachtete die Kupfermünzen auf dem Tisch. Endlich einmal gewann er beim Würfelspiel, denn seine beiden Gegner waren viel zu betrunken, um zu merken, dass er schummelte.
Stimmengewirr, Gelächter, Debatten und Getöse füllten die dämmerige Taverne. Der Durstige Archon war Orpheus’ Stammlokal und entschieden ehrbarer, sauberer und sicherer als viele andere Kneipen am Julianus-Hafen. Einem Gerücht zufolge verdankte es seinen stattlich klingenden Namen einem leichtfertigen Amtsträger des kaiserlichen Hofes, in den sich die Wirtin der Taverne in jungen Jahren verliebt hatte.
Laternen und Kerzen beleuchteten den niedrigen, holzfarbenen Raum mit seinen Tragbalken und Dachsparren aus Fichtenholz und den Paneelen aus Ulmenholz. In der Luft schwebte der stechende Geruch von Bratfett, Schweiß, Rauch, Urin und übergeschwapptem Bier. Es war bereits Abend geworden, und der Tonfall an den Tischen wurde allmählich heftiger. Hunde liefen über den strohbedeckten Fußboden und bettelten bei den Kneipbrüdern um einen Bissen. Das Kaminfeuer wärmte die draußen klamm gewordenen Zehen und Finger, und das Malzgetränk half, die Sorgen und die harte Schufterei für eine Weile zu vergessen.
»Gebt ihr schon auf?«, fragte Orpheus scheinbar harmlos und ließ seine Finger auf dem Tisch tanzen. Seine zotteligen dunklen Haare klebten hinter den Ohren, und er kniff die braunen Augen zusammen, als er seine beiden Mitspieler musterte. Seine schmalen Schultern bedeckte ein ockerfarbener Umhang aus Hanfleinen, der an der rechten Schulter mit einer runden Zinnspange befestigt war. Darunter schaute eine bunte Tunika hervor, auf deren schmutzig gelbem Grund rote Elefanten glänzten.
Der Rattenfänger Sophokles, der rechts von Orpheus saß, schwankte auf seinem Stuhl. Sophokles war ein erbärmlich magerer Mann mit pockennarbigem Gesicht und kläglich schütterem Haar. Die Trunkenheit ließ ihn noch elender aussehen.
»Scheiße«, murmelte er und kramte in seinem Gürtelbeutel. »Kein einziges Münzlein mehr.«
»Noch eine Runde«, sagte der Gerber Fritjof Pölkky in gebrochenem Griechisch. Der schwarzbärtige Mann stierte vor sich hin und hielt sein hölzernes Trinkgefäß mit beiden Händen fest. »Das Glück wendet sich noch.«
»In Ordnung. Wenn ihr etwas habt, was ihr entbehren könnt«, erwiderte Orpheus, trank einen Schluck Bier und verzog das Gesicht. Das Getränk schmeckte bitter, offenbar war es zu lange gegoren, stieg aber gut zu Kopf. »Ich habe ja Zeit, euch zu rupfen.«
»Leiht mir Geld, damit ich weiterspielen kann«, quengelte Sophokles und sah die anderen unruhig an. »Morgen zahle ich alles zurück. Es gibt viele Ratten, und sie sind verdammt groß. Mir geht die Arbeit nicht aus. Ich zahle alles zurück. Bestimmt. Glaubt ihr mir?«
»Natürlich glaube ich dir«, antwortete Orpheus und verdrehte die Augen. »Aber wenn du keine Münzen mehr hast, dann …«
»Ich gebe dir Arbeit, wenn du mir Geld leihst«, greinte der Rattenfänger und schwenkte seinen schwieligen Zeigefinger. »Hör mal, du unseliger Barde, werd’ doch mein Helfer. Dann verdienst du mal ordentlich. Vom Lautenspiel wirst du nie reich.«
Da Orpheus diese Geringschätzung nicht zum ersten Mal hörte, brummte er nur und trank noch einen Schluck Bier. Was bleibt wohl von deiner großen Klappe, wenn ich dir deine letzten Münzen abknöpfe, dachte er.
»Die Kloaken der Stadt sind voll von Ratten. Große, weiße Raubtiere sind das. Viele sind so groß wie eine Katze! Oder wie ein Hund!«, erklärte Sophokles und zeigte mit den Händen, wie lang die Tiere waren. »Und ständig kommen mehr. Ich werde reich!«
Der Gerber Fritjof schlürfte sein Bier, rülpste und wischte mit dem Handrücken den Schaum vom Bart.
»Bei den uralten Hoden Ymirs, was wird bloß aus der Welt?«, sagte der Mann aus dem Norden. »Die Frauen tragen Hosen. Der Winter kommt schon im September. Und Raubtiere und Monster kriechen aus jedem Loch. Die kommen aus Jotunheim, das sage ich euch.«
»Die Plagen der Apokalypse sind auf der Erde«, murmelte Sophokles halblaut. »Wir leben in der Endzeit. Die Tore der Hölle stehen weit offen und alles erfriert.«
»Aber wer hat die Tür aufgemacht?«, fragte Fritjof. Er blickte sich stirnrunzelnd um. »Wer hat den Frost eingelassen? Wem kann man die Schuld geben?«
»Wenn der Luftzug stört, muss man eben Wollsocken anziehen«, mischte sich der Mundschenk Alexios ein, der an den Tisch getreten war. Er war ein Freund von Orpheus, ein korpulenter Mann mit friedlichem Gesicht und säuberlich gestutztem Bart. Auf seinem Kopf saß eine zerknautschte Mütze, unter der er Orpheus einen bedeutsamen Blick zuwarf. »Die Sonne ist untergegangen. Wenn ich mich richtig erinnere, müsstest du jetzt woanders sein.«
Fritjof Pölkky lachte ungläubig auf und stupste den Barden an die Schulter.
»Was zum Teufel? Hält dich Iola so fest an der Leine? Ich hab dir doch gesagt, du solltest dir für den Winter ein anderes Nachtquartier suchen. Mit der Frau hast du nur Ärger.«
Orpheus stöhnte und warf einen Blick auf die Laute, die zu seinen Füßen lag.
»Darum geht es nicht. Ich muss aufspielen …«
Als sich schmutzige Pfoten auf den Tischrand legten und ein räudiger Köter versuchte, die angebissene Blutwurst von Sophokles’ Teller zu schnappen, verstummte er.
»Weg da!«, fauchte der magere Rattenfänger. Er riss dem Hund den Leckerbissen aus dem Maul, murmelte eine Weile vor sich hin und warf die Wurst dann auf den Tisch. »Das ist mein Einsatz. Spielen wir!«
»Spielen wir!«, stimmte Fritjof Pölkky zu und legte eine Münze vor sich hin.
Orpheus seufzte. Er betrachtete die angenagte Wurst auf den Kupfermünzen und den Hund, der mit eingekniffenem Schwanz zwischen den Tischen verschwand, um neue Beute zu suchen.
Beim gemarterten Arsch Christi, ich müsste wirklich gehen, fluchte er innerlich.
Alexios trat ihm verstohlen gegen das Schienbein, aber Orpheus schüttelte den Kopf.
»Ganz wie du willst, mein Freund«, sagte der Mundschenk und ging davon.
Die beinernen Würfel klickerten wieder auf dem Tisch. Orpheus sah, dass der Rattenfänger und der Gerber vor betrunkener Siegesgewissheit strotzten: In dieser Runde würde sich ihr Glück ganz bestimmt wenden.
»Der Papst. Der verfluchte Papst von Rom«, knurrte Sophokles und schwenkte den Zeigefinger. »Er ist es.«
»Wovon zum Teufel redest du?«, fragte Orpheus, während er würfelte.
»Er hat die Tür geöffnet und den Frost und den mörderischen Wind in die Welt gelassen. Er ist an allem schuld«, erklärte der Rattenfänger selbstsicher.
»Du hast dir bloß wieder das Gerede von Bruder Andronikos angehört«, sagte Orpheus und verdrehte die Augen. »Der heilige Mann ist ein schlimmerer Säufer als ihr beide zusammen. Natürlich sieht man Prophezeiungen und Erscheinungen, wenn man ständig blau ist.«
»Aber es ist wahr!«, johlte Sophokles. »Der ketzerische Papst war ein Schwarzkünstler. Ein Manichäer und Monophe… Monosyph…«
»Monophysit«, half ihm der Barde weiter. »Du weißt nicht mal, was das bedeutet, obwohl Andronikos jeden Abend darüber schwafelt. Wie viele Naturen hat Christus deiner Meinung nach?«
Verärgert rümpfte der Rattenfänger die Nase und zeigte mit dem Finger auf Orpheus.
»Bring mich nicht durcheinander! Alle wissen, dass sich der lateinische Papst vor falschen Propheten verneigt und sich mit dem Teufel verschworen hat. Er hat in seinem Lateranpalast dunkle Riten zelebriert und Huren in den Tempel des Herrn gebracht. Was kann auf diese Blasphemie anderes folgen als Gottes Zorn und Strafe. Die sieben Siegel sind gebrochen, und der Antichrist wurde in die Welt eingelassen! Die Tochter Satans! Die weiße Hexe!«
Sophokles sprach so laut, dass die anderen Gäste der Trinkstube einen Augenblick lang verstummten und verwundert die Köpfe den drei Männern zuwandten. Peinlich berührt trank Orpheus einen Schluck aus seinem Bierkrug.
»Du redest noch mehr Mist als Loki«, sagte der Gerber Fritjof stirnrunzelnd. »Jeder weiß doch, dass die eisige Hure vom Rand der Welt gekommen ist, aus Irland. Der König von Dublin hat sie aus den Tiefen des kalten Meeres heraufbeschworen, um sich an seinen Feinden zu rächen.«
»Nein. Es war der Papst. Seine Schuld ist es.«
»Du irrst dich. Der König von Dublin ist der Schuldige.«
»Nein.«
»Doch.«
»Du bist ein Heide und ein Schafskopf.«
»Möge Fenris auf dich scheißen!«, knurrte Fritjof und drohte Sophokles mit der Faust. »Einigen wir uns also darauf, dass die Kreuzanbeter die Welt verdorben haben. So ist es doch. Euretwegen musste ich aus dem Land meiner Väter fliehen.«
»Fängst du schon wieder an, über den König von Norwegen zu nörgeln, der sein Volk im christlichen Glauben getauft hat?«
»Du darfst deine Zähne behalten, wenn du jetzt das Maul hältst.«
Das betrunkene Gezänk setzte sich immer weiter fort, aber Orpheus achtete nicht mehr darauf. Die beiden Streithähne merkten gar nicht, dass er einige täuschende Handbewegungen machte und die Würfel verstohlen so drehte, wie es für ihn günstig war … ein ums andere Mal.
»Drei Äxte! Schon wieder!«, kreischte Sophokles mit weit aufgerissenen Augen und raufte sich die spärlichen Haare. »Wie kann das sein?«
»Ich habe doch gesagt, heute ist das Glück …«
»Dieser kastrierte Barde ist ein Betrüger!«, knurrte ein großer Mann und schlug mit der Faust auf den Tisch.
In seiner ganzen kahlen Pracht war Fett-Barak in der Schenke aufgetaucht. Eine Lederweste bedeckte seine breiten Schultern, und sein betrunkenes Lächeln enthüllte, dass ihm die Hälfte der Zähne fehlte. Orpheus hatte nie herausgefunden, ob das Großmaul einen anständigen Beruf ausübte.
»Orpheus Sklavensohn«, wetterte Barak. »Was für eine verdammte Narrentracht hast du heute an?«
Die Hand des Musikanten zupfte an dem Stoff mit dem Elefantenmuster, doch er wagte nicht zu antworten.
»Du hast immer noch Schulden bei mir«, fuhr der Hüne fort und schaufelte das Wurststück und die Münzen vom Tisch in seine riesige Pranke. »Wenn das restliche Geld nicht bald auftaucht, brech ich dir die Finger.«
»Wir sind mitten im Spiel!«, fuhr der Rattenfänger auf, dessen betrunkene Wut überkochte. »Du fette Schweineblase!«
Barak riss die Augen auf. Er stopfte sich die Wurst in den Mund, trat einen Schritt vor und packte den mageren Sophokles beim Kragen. Orpheus erkannte seine Chance – er schnappte sich seine Laute und rutschte vom Stuhl.
»Danke und auf Wiedersehen«, rief er über die Schulter.
»Zurück! Hast du gehört, Elender?«, brüllte ihm Barak nach.
Aber Orpheus rannte hinaus, ohne sich noch einmal umzublicken.
Durch die dunklen Gassen von Konstantinopel streiften schattige Gestalten. Der kalte Nordwind blies Orpheus ins Gesicht, als er, die Laute in der Hand, die steilen Straßen des Zweiten Hügels hinaufeilte und aufpasste, nicht auf die Pferdeäpfel zu treten, die auf dem Pflaster lauerten. Es war schon weit im September, und der Barde vermutete, dass die Pfützen während der Nacht vereisen könnten. Auf dem Rückweg würde er sich vorsehen müssen, um nicht auszurutschen.
Quer über den sternenklaren Himmel zog sich ein flammend grüner Gürtel, der in den letzten sieben Jahren zu einem vertrauten Anblick geworden war. Einige wussten zu erzählen, dass man das Lodern in der heidnischen Zeit als Eos-Lichter bezeichnet hatte. Aber neuerdings hatten die Leute begonnen, es Luzifers Widerschein zu nennen.
Erst auf dem Konstantinsforum blieb Orpheus kurz stehen, holte Luft und warf einen Blick zurück. Niemand schien ihn zu verfolgen. Das Bier war ihm zu Kopf gestiegen, die Galle brannte ihm im Hals. Er legte den Gurt der Laute über die Schulter und schwang sich das Instrument auf den Rücken.
Vor den protzigen Säulen des Senats brannten Feuer in flachen Eisenbecken, den Escharas. Um sie herum spazierten einige in dicke Pelzumhänge gehüllte Soldaten mit ihren Speeren. Der riesige Kaiser Konstantinus, dem man die Gestalt des Apoll gegeben hatte, stand hoch oben auf einer Porphyrsäule und zielte mit seinem Bogen nach Osten. Ein einsamer Ochsenwagen fuhr im Licht seiner Laterne quer über den Platz, beladen mit Zweigen, Reisig und Brennholz. Irgendwo in weiter Entfernung kläfften streunende Hunde.
Vom Gipfel des Zweiten Hügels fiel der Blick auf die vom Herbstabend eingehüllte Stadt, die der grüne Glanz von Luzifers Widerschein beleuchtete. Kuppeln, Türme und Basiliken hoben sich schwarz davor ab. Überall stiegen Rauchringe in die Luft, denn die Leute versuchten, ihre Behausungen warm zu halten. Im Hafen leuchteten einige Feuer. Die schwarzen Wellen in der Bucht des Goldenen Horns glitzerten unter dem Sternenhimmel. Ganz langsam glitt ein einzelnes Schiff in die Nacht.
Bei den heiligen Barthaaren des Patriarchen, bin ich wirklich so spät dran?, fluchte Orpheus bei sich.
Er ging weiter nach Nordosten, durch das Tor in der Severischen Mauer und die steile Straße hinunter bis zur Urbicius-Kapelle. Seine billigen Ziegenlederschuhe rutschten auf dem Pflaster. Die Schreie und Flügelschläge eines tausendköpfigen Dohlenschwarms über ihm ließen den Barden kurz innehalten. Die Schatten der Vögel durchschnitten den grünen Glanz des Himmels. Aus einer Nebengasse drangen laute Männerstimmen und der Lärm einer Schlägerei, doch Orpheus nahm sich nicht die Zeit, ihnen nachzugehen. In dieser Gegend überlebte man länger, wenn man sich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.
Hinter der Kapelle bog er nach rechts ab und schrak auf, als eine Krähe auf ihn zugeflogen kam und unmittelbar an seinem Ohr laut krächzte. Schnaufend eilte er aus dem Gewölbe durch die alte Stadtmauer in das Gebiet des Ersten Hügels. In das Viertel der besseren Leute.
Hier waren die Straßen breiter und besser gepflastert. An den Kreuzungen standen Laternen, deren Feuer von Nachtwächtern gehütet wurden. Bettelnde Kinder, Aussätzige und Krüppel hatte man aus den Hintergassen und Nischen vertrieben. Zwischen Klöstern, Kirchen, kaiserlichen Amtsgebäuden und überdachten Säulengängen standen prächtige Häuser, deren Wände hoch aufragten. Die Aristokraten lebten im Schutz ihrer Marmorpaläste, während sich auf den Straßen der Stadt Verzweiflung, Mangel und Unruhen ausbreiteten. Orpheus hatte das Gefühl, in den letzten sieben Jahren müsse jeder Winter schwieriger gewesen sein als der vorhergehende. Kälter als der vorige.
Nachdem er eine Zeitlang gegangen war, glaubte er, endlich vor dem richtigen Gebäude angelangt zu sein. Laternenreihen umrandeten den Hofplatz, und über dem prunkvollen Haupteingang wachten sieben boshaft dreinblickende Harpyien aus Bronze. Die Münder in den verzerrten Frauengesichtern waren zum Schrei aufgerissen. Spitze Zähne ragten hervor, und die Flügel waren seitlich ausgebreitet.
Bei den Fackeln am Tor stand ein Wächter, der den Ankömmling von Kopf bis Fuß musterte. Sein Blick machte bei dem bunten Hemd Halt. Orpheus strich sich instinktiv über die Brust und zwang sich, gleichmäßig zu atmen.
»Ist das der Palast des Doukas?«, fragte er.
»Was willst du?«, entgegnete der Soldat barsch.
»Ich bin da, um aufzuspielen«, antwortete Orpheus und zeigte auf seine Laute. »Wird hier nicht eine Hochzeit gefeiert?«
Der Wächter beugte sich misstrauisch vor, zog die Stirn in Falten und rümpfte die Nase.
»Du bist spät dran und stinkst nach Bier. Nimm den Sklaveneingang an der linken Ecke.«
»Danke, edler Herr«, antwortete Orpheus, verbeugte sich kurz und eilte über den Hof.
Durch die Seitentür schlüpfte er in einen halbdunklen, warmen Gang, in dem geschäftiges Treiben herrschte. Im Schein der Wandlaternen eilten Küchensklaven mit Tabletts in beide Richtungen. Niemand schien Orpheus zu beachten. Aus der Küche an der rechten Seite drang der köstliche Duft nach gebratenem Fleisch. Gerade erteilte jemand mit lauter Stimme Befehle. Der Hunger knurrte traurig im Magen des Barden, doch er schlug die entgegengesetzte Richtung ein, hielt sich dicht an der Wand und folgte den anderen.
Am Ende des Korridors führte eine Tür in einen langen Raum, der von vielarmigen Kerzenständern beleuchtet wurde. Die Wände waren voll von Mosaiken mit Jagdmotiven, und auf dem Tisch standen unzählige Weinkaraffen und Kelche. Durch die breite Türöffnung an der Rückwand fiel der Blick auf eine Menschenmenge, man hörte Stimmengewirr und Lautenklänge. Das Fest war schon im Gang.
Orpheus blickte sich um und füllte hastig einen Kelch. Er trank einen großen Schluck von dem süßen, dunklen Wein, dessen vollmundiger Geschmack verriet, dass er aus richtigen Trauben gekeltert war, die neuerdings ein Vermögen kosteten. Man musste sie, so wie viele andere Delikatessen auch, über das Meer herbeischaffen, aus dem Land der Sarazenen. Im ganzen Reich Byzanz fand sich wohl kein Winkel mehr, in dem Weinreben gediehen. Die Sommer waren zu kurz und regnerisch, und spätestens im Oktober ließen der schneidende Wind und der Frost alles erstarren. Obstgärten und Obsthaine gefroren, und so wurden auch die Seelen zu Eis.
»Hör mal, du Klappergestell, der Wein ist für die hohen Gäste.«
Orpheus zuckte zusammen, Wein platschte aus dem Glas. Ein aufgeblasener Wachsoldat war neben ihm aufgetaucht, packte ihn am Arm und drohte mit seinem Speer, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Orpheus setzte ein unschuldiges Lächeln auf.
»Oh, verzeiht, mein Herr, aber dieser Kelch ist für eine vornehme junge Dame bestimmt, die dort im Saal durstig wartet«, antwortete er. »Es ist meine Aufgabe, die Hochzeitsgäste zu unterhalten.«
Der Wächter lächelte höhnisch.
»Soll ich dir diesen Mist etwa abkaufen? Für die Bedienung sind die Sklaven zuständig. Deine Aufgabe ist es, Laute zu spielen. Dafür bezahlt dich Doukas.«
»Dann kehre ich also auf meinen Posten zurück«, erwiderte Orpheus grinsend und wand sich aus dem Griff des Wächters.
»Verfluchter Schluckspecht«, knurrte der Wächter hinter seinem Rücken. »Du solltest dir einen anständigen Beruf zulegen.«
Beim Hintern des Poseidon, was für ein großkotziger Idiot, schimpfte Orpheus im Stillen.
Er betrat den großen Saal, in dem die Aristokraten und Reichen von Konstantinopel im Glanz der Laternen und Kronleuchter einherwandelten. An beiden Seiten der Türöffnung standen aus Elfenbein und Alabaster gemeißelte, flötenspielende Satyrn. Schatten huschten über die mit goldenen Fäden bestickten Wandbehänge, auf denen Tiere des Waldes sowie Helden und Götter der heidnischen Zeit abgebildet waren. Der berauschende Geruch von Wein und teuren Duftwassern mit Nuancen von Nelke, Zimt und Muskat schwebte durch den Saal. In dem riesigen Kamin prasselte das Feuer.
Senatoren, Großgrundbesitzer, hohe Offiziere, reiche Kaufleute, Würdenträger und verschleierte Adelsfrauen wandelten betont ruhig und würdevoll durch den Saal. Gleich neben Orpheus schien eine Schar von Archonten, Logothetai und anderen hohen Beamten in eine heftige Diskussion verstrickt. Weiter seitlich saßen Gäste auf Seidenkissen und kosteten von den Speisen, während die Sklaven, denen der Schweiß auf der Stirn stand, sich beeilten, die Kelche aufzufüllen. Die abendliche Dunkelheit und die Kälte blieben hinter den hohen, von schweren goldenen Vorhängen eingerahmten Fenstern zurück.
Orpheus blickte sich um und ging an der Wand entlang auf die Ecke zu, in der ein großer Bronzeadler auf einem Marmorsockel saß und mit ausgebreiteten Flügeln den Saal bewachte. Auf einem Tisch vor der Statue lagen dicke Käsescheiben, mit Anis verzierte Brote, eigenartig gefärbte Eier, ein gefiederter Pfau, Igel in Salzsoße, gefüllte Siebenschläfer, Stachellangusten, Taubenpasteten, Muscheln, Backwerk, Obstpyramiden und noch unzählige andere Leckerbissen. Orpheus steckte sich ein paar Datteln in den Mund, brach ein Stück Brot ab und stopfte es zusammen mit einem Honigkuchen in seinen Gürtelbeutel. Dabei warf er einen Blick nach rechts auf die Wolfsstatue aus schwarzem Basalt. Das Tier sah aus, als wolle es sich gleich brüllend auf den Adler stürzen.
Von irgendwoher tauchte eine magere schwarze Katze auf und rieb sich an Orpheus’ Bein. Sie hatte ein schmuddeliges Fell und eine weiße Schwanzspitze und maunzte scheu. Orpheus nahm ein Stück Pfauenkeule, bückte sich und hielt es dem Tier hin. Er streichelte den Kopf der Katze, die zufrieden schnurrte.
»Ja, mein Freund. Wir streichen beide um die besseren Tische herum«, flüsterte er.
Als ihn jemand an der Schulter berührte, zuckte er zusammen.
»Hör mal, Junge«, sagte ein zerbrechlich wirkender alter Mann mit zittriger Stimme. »Weißt du, wo der Abort ist?«
»Seht Ihr diesen Dickwanst mit dem Speer?«, antwortete Orpheus. »Das ist der Abortwächter. Er kann Euch sicher hinführen.«
»Der Herr segne dich«, krächzte der Aristokrat.
Orpheus blickte ihm nach. Die Tunika des Alten mit ihren silbernen Rändern kostete garantiert mehr, als er in seinem ganzen Musikantenleben verdienen würde. Für einen Sklavensohn ist eine gröbere Jacke gut genug. Das hatte man ihm immer wieder gesagt.
Der Barde nahm ein Stück Käse mit, zog seinen hanfleinenen Umhang gerade und schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch. Er biss in den Käse und musterte die geheimnisvollen Frauen und ihren Kopfschmuck. Die Seidenhemden, die mit Perlen und Edelsteinen verzierten Umhänge, die milchweißen Hände, denen jede Arbeit erspart blieb.
In dem Gedränge lief ihm eine junge Frau in den Weg, und beinahe hätte er seinen Wein auf sie verschüttet. Der Käse blieb ihm im Hals stecken, er schluckte ihn schnell herunter, bevor er sich verbeugte.
»Entschuldigt mein Ungeschick«, bat er.
Die Frau holte so tief Luft, dass sich die goldenen Rosetten auf ihrer Brust hoben. Ihre Augen leuchteten über dem Schleier. Die lange blaue Stola reichte fast bis zum Boden. Über den Saum und die Ärmelränder liefen silberne Akanthusornamente.
»Ich war wohl selbst unaufmerksam«, antwortete die Frau leichthin und hob die Augenbrauen.
»Keineswegs. Ich habe mich allzu sehr beeilt, um für das Brautpaar aufzuspielen.«
Die Frau warf einen Blick auf das Podest, wo die anderen Musikanten Orpheus bereits ungeduldig herbeiwinkten. Die Hochzeitsfeier der Tochter des reichsten Kaufmanns von Konstantinopel stand vor ihrem Höhepunkt. In diesem September war sie das Stadtgespräch. Der ehrwürdige Leo Doukas hatte früher mehrere Seidenwebereien besessen, aber nachdem die Maulbeerbäume abgestorben waren, hatte er sich auf Damast, Sklavenhandel und Pelze verlegt.
Selbst wenn die Welt auf dem Kopf stünde, würden die Reichen reicher und die Armen ärmer, dachte Orpheus. Diese Hochzeit war das beste Engagement, das er seit Langem bekommen hatte. Das einzige Engagement.
»Ein Spielmann also? Dann möchte ich dich nicht aufhalten«, sagte die Adlige mit weicher Stimme. Ein zartes Lächeln war an ihren Augen abzulesen. »Ich dachte, du wärst ein Narr, weil du so auffallend gekleidet bist. Und diese Eselsbilder …«
Orpheus lachte verlegen auf, blickte auf seine gelben Beinlinge und strich über die Brust seiner bunten Bühnentunika.
»Das sind Elefanten … Persischer Stil, wisst Ihr«, sagte er. »Mein Name ist Orpheus, und Ihr haltet mich keineswegs auf. Es ist mir eine Freude und eine Ehre.«
»Orpheus, aha«, erwiderte die Frau beinahe flüsternd und beugte sich näher. Sie strich leicht über den Handrücken des Barden. »Ist dein Name ein Omen? Zupfen deine Finger so kunstvoll an den Saiten, dass die Flüsse im Hades stillstehen und die Götter sich neigen, um dir zu lauschen?«
Orpheus spürte, dass er errötete und sein Hals trocken wurde. Er räusperte sich.
»Ich beherrsche auch die Querflöte, die Lyra, die Kithara und den Aulos«, brachte er heraus. »Hauptsächlich spiele ich in den Palästen und bei den Feiern der hohen Stände.«
»Tatsächlich?«, fragte die Frau und legte den Kopf schräg. »Aber wie ist es dem göttlichen Spielmann denn letzten Endes ergangen? Die rasenden Frauen rissen ihn in Stücke und schnitten ihm den schönen Kopf ab …«
Orpheus trat von einem Bein aufs andere und wusste nicht, was er erwidern sollte.
Die Adelsfrau senkte die Augenlider so weit, dass ihre Wimpern Schatten auf ihre Wangen warfen.
»Aber warum hast du keinen anständigen Bart, guter Mann? Gefällt dir der Stil der lateinischen Händler?«
Orpheus strich sich über das glatte Kinn und lächelte gezwungen. Seine Barthaare wuchsen so spärlich, dass er es vorzog, sie zu scheren.
»Ich lebe so, wie ich es mag«, sagte er. »Ich schließe mich nicht den anderen an, sondern gehe meinen eigenen Weg. Mir gefällt mein eigener Stil.«
Die Frau lächelte spöttisch, sagte aber nichts. Der Barde bemerkte einen Anhänger mit einem Kreuz und einem Flammenmuster an ihrem Hals. Offenbar gehörte sie der Sekte der Prometheer an, deren Lehrsätze den christlichen Glauben und die alten Göttersagen miteinander vereinten. In diesen Zeiten war es am besten, in mehreren Richtungen um Beistand zu beten.
»Orpheus! Jetzt!«, schallte eine Stimme über das Gedränge hinweg. Auf dem Podest gestikulierte der Lautenmeister Fanes verärgert. Die anderen Musikanten stimmten ihre Instrumente.
»Wer ist das?«, schnurrte die Adlige und betrachtete den hochgewachsenen, gutaussehenden Fanes. Ihre Augen glühten. »Vielleicht kannst du mich ihm nach dem Auftritt vorstellen?«
Die Schlange des Neids nagte an Orpheus. Die Locken des Lautenmeisters schwangen hin und her, als er sich auf dem Podest bewegte, und seine Dalmatik war mit prunkvollen silbernen Borten besetzt. Für Orpheus war Fanes nichts weiter als ein hochmütiger Antreiber, den er allein darum hofieren musste, weil er Schulden bei ihm hatte.
Die Frau warf einen Blick auf ihren leeren Kelch.
»Ich muss gehen, bevor mein Vater etwas merkt. Er achtet streng darauf, dass ich mich nicht mit dem Pöbel unterhalte. Dann würde er dich von seinen Dienern auspeitschen lassen.«
Orpheus starrte ihr nach, als sie kühl an ihm vorbeiglitt und in der Menge verschwand.
Sollte ich mich als Eunuch ausgeben und mich in einem reichen Haus verdingen, wenn die Arbeit als Barde nichts einbringt?
Da stieß jemand gegen ihn, der Kelch fiel ihm aus der Hand und schepperte auf den Boden. Der rote Wein schwappte auf die Marmorplatten.
Eine Gestalt klammerte sich an ihn. Unter der Kapuze ihres blutroten Umhangs sah er ihr angstverzerrtes Gesicht und vertraute braune Augen.
»Orpheus! Hilf uns!«, flüsterte Orpheus’ jüngere Schwester Xenia ängstlich. »Die Mordgesellen sind hinter uns her!«
»Bei Kronos, was ist los?«, stieß Orpheus hervor. Er merkte, dass die Hochzeitsgäste sie finster ansahen. »Was tust du überhaupt hier?«
»Sie haben Mikael getötet!«, sagte Xenia, und ihre Stimme brach. Tränen liefen ihr über die Wangen. Mikael war ihr Ehemann.
Die Festgäste traten einige Schritte zurück.
»Du musst uns helfen!«, jammerte Xenia wieder und fasste ihren Bruder fester an der Schulter. Sie waren beinahe gleichgroß. Orpheus spürte Xenias heißen Atem auf seinem Gesicht. »Wohin soll ich mit Halla gehen?«
Nun bemerkte Orpheus das kleine Mädchen, das seine Kapuze über den Kopf gezogen hatte und verängstigt hinter seiner Mutter stand. Es war wohl sechs oder sieben Jahre alt, und in seinen eisblauen Augen lag ein ungewöhnlich heller Glanz. Es war Jahre her, seit Orpheus das Kind zuletzt gesehen hatte. Damals hatte es pausenlos mit Vögeln und Mäusen geplappert, eine Saite an Orpheus’ Laute zerrissen und seine Lederschuhe versteckt.
»Xenia, ich kann nicht …«
»Verstehst du nicht, was ich sage?«, fuhr Xenia ihn an. »Bist du betrunken?«
»Nein. Na ja, ein bisschen«, murmelte Orpheus reumütig und zeigte auf die Kelche der Gäste. »Solchen Wein bekommt man nicht mehr …«
»Hör mir zu! Was sollen wir bloß tun?«
Orpheus war zu keinem klaren Gedanken fähig, der Wein wogte in seinem leeren Magen. Er merkte, dass die Festgäste sie misstrauisch beäugten. Seine Stirn glühte, während ihm der Schweiß über den Rücken lief. Bald würde man sie aus dem Palast werfen, dann würde er seine ohnehin winzige Gage verlieren. Er nahm die Laute vom Rücken und wandte sich wieder seiner Schwester zu.
»Ich muss jetzt spielen«, sagte er und nickte zur Wand hin. »Wartet da drüben. Ich kläre die Sache bald.«
»Wir können nicht warten, begreifst du das nicht? Wir sterben!« Xenias Schrei ging in kraftloses Schluchzen über, sie schlug die Hände vor das Gesicht.
»Xenia, ich …«, sagte Orpheus und legte eine Hand auf die Schulter seiner Schwester. »Ich muss gehen. Sucht euch irgendwo abseits einen Platz und setzt euch.«
»Hörst du mir nicht zu?«, jammerte Xenia und packte Orpheus so fest, dass ihm die Laute aus der Hand fiel und auf den Boden knallte. »Ist dir egal, was aus uns wird? Wir sind gerade durch die ganze Stadt geflohen!«
Orpheus merkte, dass der Wächter, der ihm schon einmal zugesetzt hatte, der eingebildete Schafskopf mit seinem langen Speer, verärgert näherkam. Die Gäste rückten langsam von ihnen ab. Orpheus spürte die strafenden Blicke der tuschelnden Aristokraten. Der intensive Geschmack des Weins stieg ihm in die Kehle und vermischte sich mit der bitteren Gallenflüssigkeit. Ihm wurde schwindlig. Seine wertvolle Laute lag mit zerbrochenem Hals auf dem Boden.
Alles geht daneben … wie der Flug des Ikaros.
»Orpheus, mein teurer Bruder, hör mich an!«, sagte Xenia. Offensichtlich versuchte sie, sich zur Ruhe zu zwingen, indem sie die Augen schloss und tief Luft holte. »Ich weiß, dass unser Verhältnis nicht das beste ist. Aber erinnerst du dich, wie wir früher füreinander gesorgt haben? Erinnerst du dich, wie du im Waisenhaus immer darauf geachtet hast, dass ich Essen und Kleider bekam?«
»Natürlich erinnere ich mich«, antwortete Orpheus. »Aber was …«
»Beim Andenken an unsere Mutter, hilfst du uns nicht? Hast du kein Verantwortungsgefühl?«, fragte Xenia mit geröteten Wangen. Sie schniefte und zog so heftig am Hemd ihres Bruders, dass es riss. »Du bist doch siebenundzwanzig Jahre alt! Kein kleines Kind mehr! Wann ist bloß so ein selbstsüchtiger Armleuchter aus dir geworden?«
»Warte, warte!«, rief Orpheus und packte Xenias Arme. »Ich habe meine ganzen Ersparnisse für diese neue Tracht ausgegeben. Sie ist im persischen …«
»Still, du Esel! Was hat ein Hemd zu bedeuten? Wohin sollen wir gehen? Die Männer sind uns in das Pankreator-Kloster gefolgt, und die Mönche haben uns unter Einsatz ihres Lebens zur Flucht verholfen. Dann habe ich bei deinem Weib nach dir gefragt, und sie hat uns hierhergeschickt.«
Die Kälte kroch immer tiefer in Orpheus’ Bauch.
»Ihr seid bei Iola gewesen? Ist sie wohlauf?«
»Ich weiß nicht, Orpheus, ich weiß nicht …«, sagte Xenia und brach wieder in Tränen aus. Das kleine Mädchen spähte unter dem Umhang seiner Mutter hervor und umklammerte den roten Wollstoff.
Der Wachsoldat trat zu ihnen und packte Orpheus am Arm.
»Was soll das?«, fauchte er. »Hatte ich dir nicht befohlen, dich zu benehmen? Verschwindet hier und streitet euch woanders!«
»Entschuldigung, Entschuldigung«, stammelte der Barde und hob versöhnlich die Hand. »Meine Schwester und ihre Tochter warten ganz ruhig, während ich musiziere.«
»Mutter, sie kommen!«, schrie Halla. Sie klammerte sich noch fester an Xenias Umhang.
Als Orpheus sich umdrehte, sah er drei hochgewachsene Männer den Saal betreten. Ihre Kleider und Umhänge waren rabenschwarz. Sie trugen Schwerter am Gurt. Der vorderste Mann hatte wehende schneeweiße Haare, ein glattrasiertes Kinn und ein stolzes Gesicht. Seine Augen hefteten sich auf Orpheus und seine Begleitung, und die drei Männer kamen durch das Gedränge geradewegs auf sie zu. Die Gäste wichen vor den schwarzen Umhängen zurück.
Die Raubtiere haben ihre Beute gefunden, hämmerte ein Gedanke in Orpheus’ Kopf.
»Wer seid ihr …«, begann der Wachsoldat, aber der Weißhaarige räumte ihn mit einem einzigen Schlag aus dem Weg. Der stämmige Wächter flog wie eine Stoffpuppe durch die Luft und blieb mit grotesk verdrehtem Nacken auf dem Marmorboden liegen. Rundherum ertönten entsetzte Schreie und Flüche. Die Leute drängten fort, hinaus aus dem Saal. Orpheus trat ängstlich zurück und versuchte seine Schwester mit sich zu ziehen.
Doch Xenia machte einige forsche Schritte nach vorn und stellte sich schützend vor Halla. Sie zog die Kapuze ihres roten Umhangs herunter und breitete die Arme aus.
»Fahrt in den Schlund der Hölle!«, zischte sie.
»Rück das Mädchen raus, dann darfst du weiterleben«, sagte der Weißhaarige kühl. Er sprach mit einem fremden Akzent, den Orpheus nicht erkannte.
»Mein Kind bekommt ihr nicht!«, schrie Xenia. Ihre Stimme schallte durch den Saal, und ihre braunen Haare schwangen im Takt ihrer aufgeregten Bewegungen. »Macht mit mir, was ihr wollt, aber lasst Halla in Frieden!«
»Geh aus dem Weg. Die letzte Warnung.«
Xenia schüttelte den Kopf und blickte über die Schulter zu Halla und Orpheus. Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr Gesicht war vor Wut und Angst verzerrt. Sie wandte sich wieder den Schwertträgern zu.
»Ich tue alles für mein Kind!«
Sie zog ein kleines Messer unter dem Umhang hervor. Die Klinge blitzte im Kerzenlicht, aber der Beutemacher war schneller. Mit bloßen Händen, mit einem einzigen Hieb, riss er Xenias Hals auf.
Das Blut spritzte auf den hellen Marmor, und einige Tropfen flogen Orpheus ins Gesicht.
Nein. Nein. Das ist nicht wahr, dröhnte es in seinem Kopf. Es muss ein Albtraum sein. Gleich wache ich auf.
Xenia sackte zu Boden, und der rote Umhang breitete sich über sie. Blut floss auf die Platten, die Lache wurde immer größer. Halla stieß einen entsetzten Schrei aus und warf sich über ihre Mutter. Lärmend und schreiend drängten die Hochzeitsgäste davon, aber Orpheus’ Beine waren wie gelähmt.
Der weißhaarige Mann leckte sich das Blut von den Fingern, während er das Mädchen anstarrte. Seine Handlanger umkreisten Halla langsam wie Wölfe und musterten sie finster. Zögernd. Abwägend.
»Du kommst mit uns«, sagte der Anführer mit eisiger Stimme. »Du kommst freiwillig mit, dann braucht niemand mehr zu sterben.«
»Mutter … Mutter …«, wimmerte Halla trostlos und schnappte nach Luft. Ihre kleinen Hände streichelten Xenias leblose Wange.
Der Weißhaarige beugte sich zu dem Kind herunter.
»Hast du mich gehört?«, fauchte er.
Halla krümmte sich zusammen, als wollte sie versuchen, in ihrem braunen Umhang zu verschwinden.
Orpheus’ Herz hämmerte vor Entsetzen. Etwas Kaltes lief ihm über die Wange; er wusste nicht, ob es eine Träne war oder das Blut seiner Schwester.
Die Beutemacher sahen sich an, nickten und packten das Mädchen gleichzeitig von drei Seiten.
Da schrie Halla.
Es klang, als würden tausend Raubvögel aufkreischen.
Orpheus beugte sich vor, schlug die Hände auf die Ohren, kniff die Augen zu und fiel auf die Knie. Ein blendender Blitz drang durch seine Lider. Ein kalter Windstoß warf ihn um. Sein Hinterkopf schlug auf den Steinfußboden, und alles wurde schwarz.
Als Orpheus langsam die Augen aufschlug, glühte ein blaues Licht an der Decke des halbdunklen Saals. Schneeflocken schwebten durch die Luft, und am Kronleuchter hingen Eiszapfen. Die Wandbehänge und Tischtücher waren mit Reif bedeckt. Alle Fenster waren zerbrochen, die Feuer erloschen und die Tische umgestürzt. Orpheus’ Ohren waren wie verstopft, die Welt schwankte. Die Schatten des Bronzeadlers und der Wolfsstatue huschten riesengroß über die Wand. Von irgendwo kam ein Geräusch, wie das ferne Dröhnen von brechendem Packeis.
Orpheus drehte sich auf die Seite und setzte sich langsam auf. Die glitschigen Marmorplatten waren voller Glassplitter, Eisbrocken und Kerzenstücken. Sein Atem dampfte. In der Nähe der Wand erkannte er die Überreste seiner Laute. Gäste und Liebediener der mächtigen Familie Doukas lagen bewusstlos im Hintergrund. Es roch nach Metall.
Mitten auf dem bereiften Boden stand die kleine Halla. Die Kapuze war ihr vom Kopf geflogen. Reif wirbelte um sie herum, heftete sich an ihre goldenen Haare und die Ränder ihres Umhangs.
Die hochgewachsenen Männer waren nirgendwo zu sehen. Auch Xenias Leiche war verschwunden.
Halla zitterte am ganzen Leib und sah Orpheus aus ihren wunderlichen Augen an. Über ihre blassen Wangen liefen Tränen.
»Hilf mir.«
Sie erwachte mit dem Gefühl, dass sich in der Dunkelheit etwas bewegte.
Theophanu richtete sich in ihrem Bett ein wenig auf und blickte sich um. In der kaiserlichen Schlafkammer im Palast von Pavia herrschte Stille, die Glut im Kamin war schwarz geworden. Der Morgen schien noch fern. Durch die hohen Fenster fiel das fahle Licht der Nacht, doch der größte Teil des Zimmers lag im Schatten. An der Wand zeichnete sich ein Triptychon aus drei Ikonen ab. Die schleierartigen Vorhänge flatterten wie in einem Luftzug und streichelten das Gesicht der Statue des Erzengels Michael, die neben dem Fenster stand. Die Härchen auf der Haut richteten sich in der Kälte auf, und die Kaiserin rieb sich die Arme. War die Balkontür nicht richtig geschlossen?
Die Erinnerung an den Traum geisterte ihr durch den Kopf. Ein großer Vogel war mit ausgebreiteten Flügeln auf sie zugeschossen, und seine Federn hatten bläulich geschimmert, als wären sie aus Metall. Die scharfen Klauen waren angriffsbereit gespreizt. Dann hatte Dunkelheit sie überrollt.
Sucht der Eisenvogel nach mir?, überlegte sie. Muss ich den Traumdeuter aufsuchen?
Theophanu strich sich die Haare aus dem Gesicht und drehte sich zu ihrem Liebhaber um. Gottfried, der Kommandant der Leibgarde, lag tief schlafend neben ihr unter den Seidenlaken. Sein Atem rasselte gleichmäßig. Im Halbdunkel waren sein massiges, stoppelbärtiges Kinn, seine kräftige Schulter und seine dunklen Haare zu sehen. Einen Augenblick lang spielte Theophanu mit dem Gedanken, ihn zu wecken. Aber sie wollte nicht schreckhaft erscheinen.
Die Kaiserin zog den Dolch unter ihrem Kissen hervor und setzte sich auf. Regungslos lauschte sie und starrte in die schattigen Winkel der Kammer. Sie war schon beinahe fünfzig, aber immer noch zierlich und schlank. Ihre dunkelbraunen Haare fielen über die Schultern bis auf die Arme und den Rücken. Viele munkelten, das Geheimnis ihrer ewigen Schönheit müsse auf Hexenkunst beruhen. Auf orientalischen Zaubermitteln.
Die giftige Blume aus dem Garten Konstantinopels. So wurde sie von ihren Gegnern genannt.
Nachdem sie eine Weile gewartet hatte, kam sich Theophanu dumm vor. Irgendein Traum hatte sie geweckt. Sie fürchtete sich schon so lange vor den Meuchelmördern, die ihre Gegner ausschickten, dass sie allmählich offenbar anfing zu fantasieren. Die Laken raschelten, als sie die Füße auf den Boden setzte, wobei sie das Messer immer noch in der Hand hielt. Die Marmorplatten fühlten sich unter den bloßen Füßen kalt an, aber sie mochte nicht nach ihren Leinenstrümpfen suchen, die Gottfried in seiner Erregung irgendwo hingeworfen hatte. Unter dem dünnen Seidenkleid liefen Kälteschauer über ihre Haut.
Sie schlich auf den Zehenspitzen zum Balkon und befühlte die Klinke, doch die Tür war fest geschlossen. Durch die hohen Fenster sah man den sternklaren Nachthimmel und den fast vollen Mond. Viele Stockwerke tiefer, im Innenhof des Palastes, loderten Feuer in flachen Kohlebecken. Neben ihnen wanderten Soldaten in Pelzumhängen, Speere in den Händen, auf und ab, in dem Versuch, sich warm zu halten. Ein Mann mit einer Fackel marschierte durch die überdachten Säulengänge.
Auf den Wimpeln, die auf der Zinne flatterten, schrie ein schwarzer Adler auf goldenem Grund. Er war das Symbol des Kaiserhauses der Ottos. Das Wappen der Kaiser des Westens. Zuerst war er das Abzeichen von Theophanus Schwiegervater gewesen, dann das ihres Mannes und schließlich das ihres Sohnes. Drei Ottos, die nacheinander auf dem Thron gesessen hatten.
Innerlich fühlte sich Theophanu leer und drückte eine Hand gegen das kalte Glas. Sie erinnerte sich an ihren verstorbenen Mann. Sehnte sich nach ihrem Sohn, den man ihr genommen hatte.
Ein junger Jagdhund stürmte eifrig bellend über den Hof und riss die Kaiserin aus ihren Gedanken. Sie nahm die Hand vom Fenster und lächelte vor sich hin. Der Hund war fast noch ein Welpe. Auf dem Hof rannte er oft zu ihr, um an ihrem Rock zu schnuppern, und dann schimpften die Männer unnötig streng mit ihm.
Theophanu trat einen Schritt zurück und fuhr mit den Zehen über die Risse in den Marmorplatten, die sich mit jedem Winter weiter ausgebreitet hatten. Als der Palast von Pavia vor langer Zeit errichtet worden war, hatte man in der Lombardei keinen Grund gehabt, sich vor klirrendem Frost zu fürchten. Obwohl man das Gebäude in den letzten sieben Jahren renoviert und die Fenster abgedichtet hatte, drang immer noch irgendwo Kälte herein.
Die schleierartigen Vorhänge neben ihr bewegten sich sacht. Verwundert überprüfte Theophanu die Fensterrahmen und die Tür, spürte aber immer noch keinen Luftzug. Vielleicht tat sie besser daran, sich wieder ins Bett zu legen und das Zimmer am Morgen von irgendjemandem untersuchen zu lassen. Man könnte einen Glasmeister aus Mailand holen.
Sie zog die Vorhänge vor die Balkontür und nahm einen seltsamen, harzigen Geruch wahr. Als wäre ein Waldhauch in das Zimmer gedrungen. Sie drehte sich um.
Neben dem Bett stand eine schattenhafte Gestalt.
»Bei Christus, wer bist du?«, fauchte Theophanu und zeigte mit dem Dolch auf das Wesen.
Ein klagender, rauer Seufzer ertönte, der aus allen Richtungen zu hallen schien. Die langen Haare der fremden Gestalt flatterten, als hätte ein namenloser Wind sie erfasst. Theophanu schluckte ihre Angst herunter.
»Ich kenne deinen Christus nicht«, sagte die Gestalt. Die Stimme klang wie die einer alten Frau. »Lass deine Klinge sinken, Mädchen. Sie ist nutzlos.«
Theophanu zitterte so heftig, dass sie den Dolch mit beiden Händen festhalten musste.
»Was soll das?«, fragte sie. »Bist du gekommen, um mich zu töten?«
Ein meckerndes Lachen drang durch die Dunkelheit.
»Ich bin nur hier, um dir Fragen zu stellen, Theophanu, Kaiserinwitwe und Gebieterin der Kreuzanbeter. Herrscherin über das westliche Kaiserreich. Die gefälschte Blume, in Wahrheit eine stählerne Rose … Stärker als jeder Kaiser …«
»Gottfried, wach auf!«, rief Theophanu ihrem Liebhaber zu. »Gottfried, nimm dein Schwert! Hörst du?«
Doch der Mann regte sich nicht.
Die Schattengestalt schnaubte.
»Er wacht nicht auf. Spar dir die Mühe.«
In Theophanus Innerem breitete sich Kälte aus, und ihre Beine zitterten, aber sie riss sich zusammen. Vor der Schlafkammer standen immer zwei Soldaten Wache, die bald auf die Geräusche aufmerksam werden mussten. Sie machte einen Schritt zur Tür hin.
»Was hast du getan? Hast du ihn getötet?«
»Er schläft tief und fest bis zum Morgen«, antwortete die alte Frau. »Und die Wächter brauchst du auch nicht zu rufen, denn niemand hört uns. Keiner wird kommen, und wenn du noch so laut schreist. Wir sind vollkommen ungestört.«
»Wer bist du? Und … was willst du?«, rief die Kaiserin, die immer noch ihren Dolch umklammerte. »Bist du ein Gespenst oder ein Traumbild? Ein Bote Satans?«
»Ihr Christen seid seltsam«, antwortete der Schatten und seufzte. »Leg deine Klinge weg, dann plaudern wir.«
»Sag mir, wer du bist! Oder ich steche dich nieder!«
Die Frau hob eine Hand und murmelte etwas Unverständliches. Ein Zischen ertönte, und Theophanu sah sich misstrauisch um.
Sie spürte, wie ihr Dolch sich verwandelte, das harte Metall bog sich und bekam Schuppen. Ihr Schrei durchschnitt die Dunkelheit und aus ihrer Hand fiel etwas Weiches auf den Boden. Auf den Platten erschien eine Schlange mit Sägezahnmuster, die sich schnell in die Schatten an der Wand schlängelte.
Bei allen Heiligen und Aposteln, was für eine Hexerei ist das?, dachte Theophanu entsetzt. Ihr Herz hämmerte, kalter Schweiß stieg ihr auf die Stirn.
Allmählich verstummte das Zischen, und die Schattenfrau kam näher heran.
»Ich bin wohl nicht dein Lieblingsgast. Aber wie wäre es, wenn wir über deinen Sohn sprechen? Bist du bereit, dich so zu benehmen, wie es sich für eine Kaiserin ziemt?«
Theophanu lehnte sich mit dem Rücken an das kalte Fenster und starrte die Fremde an. Ihr Herz schlug immer noch heftig, sie bemühte sich, gleichmäßig zu atmen. Schutz suchend legte sie eine Hand auf den Bronzeflügel der Erzengelstatue.
»Was … weißt du über meinen Sohn?«, flüsterte sie.
»Im Norden hat man dies und jenes gehört«, antwortete der Schatten. »Otto der Dritte ist verschwunden. Das westliche Kaiserreich hat seit sieben Jahren keinen Kaiser mehr. Und … deshalb regierst nun du im Namen deines Sohnes.«
»Mein Sohn …«, sagte Theophanu und schluckte. »Mein Sohn ist der Armee der Weißen Hexe entgegengeritten, als die Bestien sich Rom genähert hatten. Es war die letzte, verzweifelte Schlacht. Das Christentum stand am Rande des Untergangs. Man hat mir berichtet, dass er gefangengenommen wurde … Man hat mir auch berichtet, ich könnte ihn freikaufen …«
»Aber dann geschah etwas«, sprach die Gestalt und schwenkte den Arm in einem weiten Bogen. »Es wankte der Erdboden. Es stürzte ab die Sonne. Weit offen des Winters Tor. Laut brüllten die Teufel der Kälte.«
Ein Windstoß fuhr in die Haare der Kaiserin. Sie zitterte in ihrem Seidenkleid, ihre Zähne klapperten.
»Der Hexenwinter brach an«, wisperte der Schatten. »Der Fimbulwinter.«
Der ewige Winter, dachte Theophanu.
»Ich … ich bin mir sicher, dass in Rom etwas geschehen ist«, sagte sie leise und legte sich eine Hand auf die Brust. »Aber ein Schneesturm fuhr über alles hinweg und verdeckte die Spuren, und ich habe Otto oder den, der ihn gefangen hielt, nicht mehr gefunden.«
»Viele sind verschwunden, seit der Winter kam«, sagte die alte Frau mit knarrender Stimme. »Schneestürme toben auf den Meeren, und die Reiche der Menschen gehen zugrunde. Namenlose Raubtiere streifen durch die Nacht, und ganze Stämme mussten in fremde Länder fliehen … Aber du suchst immer noch deinen Sohn-Kaiser. Immer noch suchst du nach Hinweisen, die dich auf seine Spur bringen könnten.«
