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Meine erste manische Episode habe ich pünktlich zum Corona-Lockdown im März 2020. Ich hatte die Absicht, alle aus dem Lockdown zu befreien, landet dann aber in der Psychiatrie. Dieser Weg sollte ich dann dreimal durchlaufen, bis ich in meiner Selbstliebe ankam. Das Buch schrieb ich für meine Kinder. www.tysmedias.ch
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2023
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«Mein Gesicht im Licht und Schatten meines Lebens,
einmal alt und dann jung, zwischen Genie und Wahnsinn,
alles scheint so weit voneinander zu sein,
doch es ist nur die Perspektive,
die anders ist,
wenn überhaupt
–
es könnte alles gleich sein.»
Erster Akt – Wie es davor war
Erster Akt – Wie meine Liebe kam
Erster Akt – Wie Corona alles beschleunigte
Erster Akt – Wie die Lage sich zuspitzte
Erster Akt – Wie ich alle heilen wollte
Erster Akt – Wie die Rehabilitation startete
Erster Akt – Wie der Tiefpunkt war
Zweiter Akt – Wie die zweite Episode begann
Zweiter Akt – Wie die grosse Meditation war
Zweiter Akt – Wie ich meinen Weg gehe
Zweiter Akt – Wie die Angst war
Zweiter Akt – Wie die zweite Klinik war
Zweiter Akt – Wie es zurück im Alltag war
Zweiter Akt – Wie es mit Freya weiterging
Dritter Akt – Wie das Kreative begann
Dritter Akt – Wie mein Götti starb
Dritter Akt – Wie die Krafttiere kamen
Dritter Akt – Wie der Wal zu mir kam
Dritter Akt – Wie es zur dritten Einlieferung kam
Dritter Akt – Wie ich das Leben akzeptierte
Dritter Akt – Wie ich mich lösen musste
Ich liege allein schlaflos und dennoch froh im großen Doppelbett. Es ist frühmorgens, noch bevor der Hahn kräht. Es ist der 21. Oktober 2022, nur noch wenige Tage bis zu meinem 44 Geburtstag. Ganz tief in mir drin spüre ich, wie ich mich sehne nach meiner Liebe.
Meine Geschichte entwickelte sich zuletzt so, dass ich allein im Viersternehotel verweile.
Ich durfte partout nicht nach Hause. Das Hotel war die Bedingung, als ich mich vor zwei Tagen selbst aus der Psychiatrie entließ. Dahin trieb es mich nochmals, nach meiner letzten, der dritten Psychose und der fürsorglichen Unterbringung.
Es ist morgens vor sechs Uhr, schreibe an meiner Geschichte und höre meinen Song in der Endlosschlaufe. Meine Geschichte ist eine Reise, ein Weg zu mir selbst und meiner eigenen Liebe.
Ich bin dankbar, dass ich noch hier bin und dankbar für alle Wegbegleiter. Alle, die dazu beitrugen, mich da hinzubringen, wo ich jetzt bin: in meiner Liebe, meiner Kraft, Lebens-Energie und -Freude, die das Leben bedeutet.
Ich darf derweil einfach leben, so wie ich es mir erträumte.
Die ereignisreichen vergangenen Tage waren intensiv und beraubten mich mancher Stunden Schlaf.
So versuche ich den Schlaf nachzuholen und die innere Ruhe und den geregelten Tagesablauf wiederzufinden. Eine Frage beschäftigt mich am meisten, warum erklärte mir das nie jemand.
Das mit meiner Lebens-Energie und dem schönen Gefühl innerlich eins zu sein.
Ich fühle mich vereint und als ein verbundenes Element in unserer Lebens-Gemeinschaft.
Ich schreibe dieses Buch für Kinder. Es ist mein Geschenk an sie. In dem Buch erzähle ich ihnen von meinen Erfahrungen und wie sich mein Leben veränderte. Niemand konnte mir sagen oder erklären, wie ich als Mensch funktioniere.
Es geht in meiner Geschichte darum, wie euer Vater zu sich fand. Die Geschichte beleuchtet die vergangenen Ereignisse meines Lebens bis nach meiner dritten Psychose.
In drei psychischen Krisen durfte ich mein Leben neu definieren. Dabei vertraute ich dem Leben, ließ mich leiten und treiben durch Höhen und Tiefen. Während dieser Reise kam ich in Berührung mit vielen Theorien und Glaubens-Konstrukten. Wahrhaftig, ich fand darin meinen eigenen Weg. Dies, ohne mich in eine der vielen Theorien zu verlieren.
Über meine Psychiatrie-Zeit sprach ich offen mit den Kindern.
Viele hielten mir den Rücken frei, mit viel Energie und Arbeit.
Ich will jetzt erzählen, wie es dazu kam, dass ich so wurde, wie ich jetzt bin.
Denn ich war nicht immer so, zu Beginn eures Lebens war ich ein anderer. Na ja, auch wenn gewisse Dinge noch sind wie früher, veränderte sich in der Zwischenzeit einiges bei mir. Zuvor lebte ich ein glückliches Leben.
Aus der damaligen Sicht besaß ich alles, was ich mir nur wünschen konnte.
Ebenso erfüllt mich eine spannende Arbeit, ich schrieb mir vor fünf Jahren meine Arbeits-Stelle auf den Leib, die der Transformation. Die passt so gut zu mir, da entfalte ich mein Potenzial voll. Nebenbei pflegte ich erfüllende Hobbys, so hätte es gerne weitergehen können.
Doch das Leben hat, mit mir mehr vorgehabt. Beginnen wir jedoch ganz vorn in meinen Leben.
Meine Kindheit verbrachte ich in den wunderschönen Bergen. Geboren 1978, wuchs ich im kleinen Bündner Bergdorf Filisur auf, mit gerade mal fünfhundert Bewohnern. Umrundet von malerisch hohen Bergen und umkreist von der Rätischen Bahn.
Ich erinnere mich weit zurück, wohl mehr als manche es für möglich halten. Viele Bilder sind es nicht, gut erinnerte ich mich an die erste Wohnung, sie war mitten im Dorf.
Die Passstraße zum Albula führe direkt davor vorbei. Besonders formten mich die Gerüche und Gefühle von damals. Ein kühler und feuchter Geruch lag im älteren Haus, im Schatten der Häuser.
Der damalige Hinterhof bedeutete für mich die ganze Welt. Sehr präsent war damals das Gefühl der Angst vor unserer Groß-Tante, welche im selben Haus wohnte.
Wobei für uns war es ein Bäsi, so nannten wir alle unsere Groß-Tanten und die Groß-Onkel waren Öhis. So ging ich davon aus, dass es die korrekte Bezeichnung wäre, erst bei eurer Geburt realisiert ich, als es darum ging, wie eure Tante und Onkel heißen soll. Denn eigentlich ist Bäsi die Tante und Öhi der Onkel, da verankerte sich eine falsche Annahme bei mir.
Ein Bäsi mochte ich besonders, auf die Besuche bei unserem Bäsi-Uschi freute ich mich jedes Mal. Sie wohnte in ihrem beeindruckenden Engadiner-Haus, ihr Mann starb leider früh.
Doch wie er mit seinem dreirädrigen Motor-Gefährt voll mit Holz durch die große Eingangspforte auf das Sulèr fuhr, welcher zum Heustall führt, daran erinnere ich mich noch gut.
Ein weiteres Bild verbinde ich mit meiner ein Jahr älteren Schwester, eure Tante,. Sie schlug ihr Kinn auf, es platze eine große Wunde auf mit viel Blut. Worauf ein Arztbesuch im Nachbardorf folgte, um es zu nähen.
Von Mama und Papa, euerem Grosi und eurem Filisurer-Neni habe ich kein klareres Bild. Von Fotos weiß ich heute, wie sie aussahen. Doch innerlich habe ich kein Bild präsent. Als ob sie nicht so prägend für mich waren in den ersten Jahren. Mit meiner Schwester fühlte ich mich damals am meisten verbunden.
Ich war noch keine drei Jahre alt, es war der Sommer 1981.
Unsere Familie zog ins Sonnen verwöhnte Schulhaus, wo mein Papa die Abwarts-Stelle übernahm, seine Tante ablöste. Das Schulhaus lag oberhalb des Dorfes, mit viel Abstand zu den Nachbars-Häuser.
In meinen Erinnerungen half ich beim Umzug tatkräftig mit, dirigierte wohl das Geschehen, wo was hinzubringen sei. Die Betten hievten die Helfer, darunter meine Tante aus Luzern, direkt vom Sportplatz, auf dem wir später viel Fußball spielten, bis es dunkel wurde, durchs Fenster im Obergeschoss.
Als dann ein Jahr später mein jüngerer Bruder, euer Onkel der Öhi zur Welt kam, war unsere Familie komplett. Ich erinnere mich gut an den dicken Bauch meiner Mama oder das Glücksgefühl, als ich realisierte, dass ich ein Bruder sei.
Als wir es erfuhren, übernachteten meine Schwester und ich bei meinem Noni und meinem Neni. Wir saßen in der rund gewölbten, rauchigen alten Küche im kleinen Engadiner Haus. Die Küche verbinde ich noch heute mit dem Geruch von Gerstensuppe und Tomaten-Spaghetti und dem Brennholz des Kachelofens, welcher die Küche und Stube und das Zimmer meiner Großeltern wärmte.
Die restlichen Zimmer heizten sie mit Elektroofen, wo mir im großen Doppelbett über der Küche schliefen. Mein Papa berichtet, alles er kein war, gab es in seinem Zimmer noch keine Heizung.
So war es üblich, an einem Wintermorgen mit von Eiskristallen überzogenen Fensterscheiben aufzuwachen.
Am Morgen hörten wir, wie Papa, euer Filisurer-Neni, hereinkam zur großen Haustüre und meine Schwester und ich stürmten in den Gang, um ihn zu begrüßen. Er verkündete mit Stolz, euer Öhi sei geboren.
Am nächsten Tag durften wir ihn dann im Spital besuchen. Er war mit vielen anderen Säuglingen in seinem eigenen Kasten zusammen in einem größeren Raum. Von dort brachte ihn die Krankenschwester zu unserer Mama, eurem Grosi. So war es zu jener Zeit üblich die Säuglinge, für die Nacht von den Müttern zu trennen, alle in einen Raum gesteckt, sodass sich die Mütter erholen von der Geburt.
Die folgenden Jahre vergingen, ich unternahm so viel wie möglich mit meinen Neni, eurem Ur-Neni. Oft fuhren wir, Neni und ich, mit seinem Lasttraktor, einen grünen Schilter, nicht bloß ein dreirädriger, nein, vier Räder mit einer grauen Blache als Dach. Vorn rechts saß ich stolz und wortlos neben dem laut dröhnenden Motor in der Mitte. Hielt mich an einer Stange fest, um nicht vom Gefährt zu stürzen, dies ohne Kindersitz oder Anschnallgurte. So tuckerten wird durch das Dorf, mit etwas mehr als Schritttempo, beim Camping vorbei und das Tal hoch. Hoch bis zur Paula, die in der Bellaluna allein wirtete, tätigten dort Entsorgungen für den Campingplatz auf der Dorfdeponie direkt vor dem Wirtshaus.
Mein Neni besaß einige Schafe, die sollten umsorgt werden von Herbst bis Frühling, den Sommer verbrachten sie auf der Alp zuhinterst im Tal. So versammelte sich oft die ganze Familie zum Heuen, dass das Futter für den ganzen Winter reichte. Der kleine Stall seiner Schafe, steht noch heute ganz hinten im Dorf, unterhalb der Straße.
Als Kind war ich das ganze Jahr über viel draußen, oft mit den Nachbars-Jungs. Die Beschäftigungen wechselten sich im Laufe der Jahreszeiten ab, ums Schulhaus herum, gab es viel zu erleben. Im Winter verbrachte ich Stunden auf dem Eis, manche Stunden allein oder mit anderen.
Die Sommerferien verbrachte ich im Unterland bei meinem Grosi und Großvater am See.
Im Unterland, dawo die Welt anders roch, nach See und Getreide, nach Most und süßen Rosen im großen Garten rund um das kleine Haus.
Mein Großvater, eigentlich nannten wir ihn Tädi, bedeutet Vater, wir übernahmen das Wort von meiner Mama und ihren Geschwistern.
Er arbeitete zu Beginn noch viel, war dauernd unterwegs mit seinem alten Opel. Morgens fuhr er ihn aus der Garage mit viel Schwung. Die Auffahrt der Garage war steil, schmal und unübersichtlich, denn sie führte direkt auf die kleine Straße. Sonntags ging er früh allein zur Kirche. Später, als er nicht mehr wegfuhr mit einem Opel, beobachten wir ihn beim Morgenturnen neben dem Haus und dem Gang zur morgendlichen Messe in der Kirche.
Er erwartete von uns Kinder mindestens einmal in der Woche, selbst zur Kirche zu gehen. Die Kirchenbesuche beeindruckten uns, die Abläufe einer Messe, denn wir besuchten immer die prächtig große katholische Kirche. Er las uns sporadisch noch aus der Bibel, in der schönen Stufe, die er verwendete für seine Zeit und immer mehr zum fernsehschlafen.
Der Opel blieb immer öfter in der Garage, nur zum Most einkaufen vorn an der Bahnlinie holte er ihn hervor. Zum See in die Badi, da fuhren wir oft mit meiner Tante, die Frau meines Götti.
An den lauen Sommerabenden faszinierte mich das Wetterleuchten aus den weit weg liegenden Bergen, es zuckte und erhellte so manchen Abend.
Nach den Wochen im Unterland, verbrachte ich zwei Wochen mit Noni und Neni und dann mit meiner Familie auf der Alp, in unserer Alphütte.
Auf der Alp wo mein Neni einmal als Senn war und mein Papa viel davon erzählt. Papa war mit seinen Brüdern mit auf der Alp, sogar die Spuren der Kuhfladen Wettwürfe überleben die Zeit.
Dies alles gehörte in meinen üblichen Jahresablauf. Ich kreierter viele Ideen und Wünsche und wie jedes Kind eigene Tagträume. Lebte einfach in den Tag hinein.
Einzig vor einem nächtlichen Fiebertraum hatte ich Angst: In diesem Traum kam der Wolf zu unserer Alphütte, um uns zu fangen. Um den Wolf zu vertreiben, musste ich die Zimmertüre einen Spalt weit öffnen, damit er sich nicht mehr zeigte.
Heute beschreibe ich mein damaliges „Ich“ als unscheinbar, denn andere nahmen mich wohl nicht wahr. Dies realisierte ich damals nicht und interessierte mich auch nicht weiter. In Alltagssituationen war ich schüchtern und unfähig, mit fremden Menschen zu reden.
Bei mir selbst stand die Leistung im Sport an erster Stelle, gewinnen war für mich alles. Doch die Hürde der Sprache zu nehmen, fiel mir schwer. So brauchte es einige Zeit und Nachhilfe, um wenigstens in der geschriebenen Sprache zurechtzukommen. Ich schaffte die Schulzeit im Dorf, sogar durch die höhere Schulstufe.
Bei uns gab es eine Sekundar- und Realschule, ich wollte unter keinen Umständen in die Realschule, ich war doch intelligent und wollte etwas aus mir machen. Die Real-Stufe galt für mich als minderwertig, nur für einfache Berufe geeignet, doch ich wollte mehr, was wusste ich nicht so genau.
Die Lehrer sahen mich wohl lieber in eine tiefe Schulstufe. Ich war nicht der Beliebteste in der Schule, nicht im Mittelpunkt. Dies störte mich nicht weiter, denn so war es halt in meinem kleinen Bergdorf: Mal waren die einen beliebt, mal die anderen. Ich konnte in Mathematik, Geografie und im Sport brillieren. Da zeigte ich, was ich draufhatte, und das war für mich ausreichend. Ich konnte auf dem Eis und auf dem Rasen Erfolge feiern, die für mich so wichtig waren als Bestätigung jemanden zu sein. Für mich war alles ein Wettkampf, so wollte ich die besten Pfeile für den Bogen schnitzen und sie am weitesten schießen.
Ein anderes Gesicht von mir zeigte ich, wenn ich austickte.
Nicht oft, aber es war da, und alle wussten, wie sie es zum Vorschein bringen konnten. Ich war sehr emotional, wenn mich jemand zu sehr reizte, dann konnte ich richtig aus der Haut fahren. Wurde jähzornig, kannte kein Halten mehr und drehte vor Wut durch.
Irgendwann nahm ich mir vor, die Ausbrüche abzustellen und nicht mehr aus mir herauszugehen. Der letzte unkontrollierte Wutanfall ereignete sich zwei Jahre vor dem Ende meiner Schulzeit. Ich raufte mich mit einem Jungen eine wilde Schlägerei, doch ich konnte nicht gezielt schlagen. Danach kontrollierte ich mich, hatte nie wieder eine Schlägerei in der Schule.
Die Rivalität im Dorf prägte meine Gedankenwelt der Kindheit, sogar im Eishockey rivalisierten sich die Dorfbewohner. Was es war, dass wir so schlechtredeten über anderer und nicht gemeinsam etwas gestaltetet, fand ich damals schon rätselhaft und heute überflüssig.
Da war noch eine andere Welt, Papa war am Abend, oft ebenfalls unter der Woche, draußen mit anderen, um sich zu amüsieren. Er lebte in der Dorf-Gemeinschaft und genoss die Gemütlichkeit und das Glas Bier.
Er wollte wohl im Dorf immer auf dem Laufenden sein und war so bei vielen Vereins-Neugründungen dabei. Leider verbrauchte er seine Zeit auf Erden viel zu früh auf. Er konnte sich beim Bier trinken nicht zurückhalten über all die Jahre. Sodass es für ihn immer schwieriger wurde, gemütliche Stunden mit anderen zu teilen.
Sein Körper sagte ihm den Kampf an und streikte, er starb einige Woche nach seinem 65. Geburtstag. Das Dorf war seine Welt und so zog er in seinem Leben nur drei Mal um, innerhalb des Dorfes. Er war ohne seinen Alkohol eher verschlossen und ruhig, doch nach ein paar Bier gesellig und redegewandt.
Nach meinem Schulabschluss ging ich zum ersten Mal fischen. Papa und ich lösten für uns einen Fischerausweis. Wir waren am ersten Mai, meinem ersten Fischer-Tag am Bach unweit der Bellaluna.
Der Mond stand wohlwollend am Horizont, so konnte ich nach kurzer Zeit meine erste Bachforelle fangen. Ich war so nervös, dass ich mich nicht entscheiden konnte sie zu töten, und war mir nicht sicher, ob der Fisch groß genug war. Daher rief ich nach Papa, der weiter oben am Fischen war, er solle herunterkommen.
Er war verblüfft, den Fisch noch lebend im Wasser anzutreffen, mit dem Haken im Mund, und er bestätigte mir, der Fisch sei groß genug. Erst da tötete ich ihn und stecke ihn in den Fischer-Kittel.
So fing wohl jeder mal etwas Neues an, ebenso unsicher wie ich, das Richtige zu tun.
An meinem ersten Tag konnte ich noch weiter Fische fangen und sie ohne Hilfe selbst messen.
Auch Papa konnte einige Forellen überlisten.
Nur bei den Mädchen kam ich nicht gut an, zu unscheinbar, so dachte ich damals.
Ich konnte ihnen damals nicht in die Augen schauen, schaute oft weg aus Scham und Verlegenheit, verpasste so die Magie ihrer Augen noch lange.
Doch wenn deine Augen leuchten, dann fliegen dir die Augen der Mädchen nur so zu, das darf ich jetzt erfahren. Aber damals sollten noch einige Jahre vergehen, bis es mal passte mit den Augen.
Der Übergang von der Schule ins Berufsleben war für mich schwierig, denn ich schnupperte in der Praxis einige Berufstätigkeiten, solche aus dem Holz-Handwerk. Die Maschinen waren mir nach reiflicher Überlegung doch zu gefährlich, was ein Arbeitsunfall, den ich beobachten konnte, mir warnend vor Augen führte.
Dann machte ich verschiedene Schnupperlehren, zum Beispiel als Vermessungszeichner, und ich besaß bereits einen unterschriftsbereiten Lehrvertrag. Der künftige Lehrmeister wollte ganz sichergehen und ich schaute mir noch zwei weitere Berufe an und landete zum Schluss in der Architektur als Zeichner, in der Hochbauzeichnerlehre.
Es war der Sommer 1994, ich noch kein 16 Jahre alt, als ich meine erste Lehre begann und ich mit dem Zug die nächsten Jahre von zu Hause aus nach Thusis pendelte.
Die erste Lehre schaffte ich mit Ach und Krach. Bei mir stand der Sport mehr im Fokus, so spielte ich mein erstes Eishockey-Spiel als Torhüter bei den Großen, pfiff mein erstes Spiel als Schiedsrichter. Ging zaghaft in den Ausgang, zuerst wenig und dann mehr und länger, insbesondere mit der Jungmannschaft im Dorf gab so manche Feste.
Im Sommer 1998 absolvierte ich das Militär, die Rekrutenschule in Herisau, bei den schweren Minenwerfer. Ich verstand das Militär nicht, die Strukturen und die Führungskultur, das autoritäre Führungsgehabe in der Armee passte nicht zu mir, die Umgangsform ist für mich wie aus einer anderen Zeit, überholt und ineffizient.
Ich fand einen Bereich, in dem ich einigermaßen zurechtkam. Lernte sogar ein Mädchen während dieser Zeit kennen, mehr als ein gemeinsamer Ausflug und Telefonate kamen nicht zustande.
Als die Führungsetage mich gegen Ende der Grundausbildung vorluden, um mir mitzuteilen, dass ich weiter machen müsste, weigerte ich mich, irgendetwas zu unterschreiben.
Sie appellierten barsch, ich solle es tun, sonst würden sie es machen. Doch meine Unterschrift erhielten sie nicht. Zurück in der Unterkunft, brach ich als Erstes in Tränen aus, konnte es nicht fassen, wie sie mit einem umsprangen, einem gegen seinen eigenen Willen etwas aufzwingen wollten.
Das war wohl mein erster emotionaler Zusammenbruch vor anderen Leuten. Dann, am selben Abend, war noch ein Nachtmarsch angesagt. Auf diesem war ich so demotiviert, dass ich immer am Ende lief, bis ich die innere Wut in Kraft umlegte und allen davonlief.
Das Einzige, was ich heute noch verwende aus dieser Zeit, sind die Gebirgsschuhe von damals zum Fischen, wenn es sehr kalt ist Anfang Mai in den Bergen. Das Sport-Schießen, welches ich zuvor ausübte, fand nach dem Militär ein jähes Ende, ich verlor die Freude am Schießen.
Unmittelbar nach dem Militär startete ich eine zweite Lehre auf dem Bau, als Maurer, also doch ein Berufsfeld mit großen gefährlichen Maschinen. Aber im Vergleich zur Zeit des Schulaustritts war ich reifer und körperlich kräftiger geworden, in der Größe wuchs ich nochmals beachtlich.
Mitten in der Lehre zum Maurer, kam das Aufgebot für die Unteroffizierschule, nach Thun sollte ich einrücken. Umgehend schrieb ich damals ein Brief, dass ich das nicht wolle und den Marschbefehl eingepackt. Der Marschbefehl kam postwendend zurück, bis sie einen Entscheid gefällt hätten, wäre er gültig.
Das Schreiben reichte zum Glück, das Militär ließen mich daraufhin in Ruhe.
Doch was nützte ein unbeschwertes Leben und Träume, wenn dir, sobald du in der Nähe eines hübschen Mädchens bist, einfach nichts einfällt und du verstummst?
Und wenn dir mal Worte in den Sinn kommen, durch ausreichende Alkoholzufuhr, deine Worte oft weniger passend und eher deplatziert sind?
Einmal sprach ich auf einer Jungmannschaftsreise ein Mädchen an, zu dem Zeitpunkt bereits über den Durst getrunken, halten konnte ich mich kaum noch auf den Beinen und verabschiedete mich von ihr, fand noch den Heimweg ins Hotelzimmer, sperrte dann meinen Zimmerkameraden Andi aus.
Nach solchen Erlebnissen war ich frustriert darüber, warum das Kennenlernen eines Mädchens bei mir einfach nicht funktionierte.
Im ersten Wiederholungskurs des Militärs, wir waren nach der Rekrutenschule eingeteilt in der Bündner Kompanie, landete ich mit einigen Jungs im Ausgang in Chur in einer Bar im Rotlichtviertel.
Wir bestellten uns ein Bier, bekamen hübsche Mädchen an den Tisch.
Da brachen bei mir die Hemmungen, wie es halt so geht, wenn die Hürde des Kennenlernens wegfällt.
Ich knutschte das erste Mal, wild, mir war klar, wo wir waren, doch störte mich in dem Augenblick nichts.
Ich bestellte noch ein Champagner für die Dame, dann gings ins Separé. Es kam damals nicht zu meinem ersten Mal, sie schob ihre Tage als Argument vor. Ich brauchte meine Zeit, mich gehen zu lassen, um wenigstens noch was für mich zu bekommen.
Die Kollegen machten sich vorher aus dem Staub, ich kam erst mit Verspätung zurück, dies interessierte niemand. Erst danach war es mir ein wenig peinlich, das Ereignis blieb für lange Zeit mein Geheimnis. Beim ersten Erzählen war es mir peinlich.
Einfach jemanden anzusprechen, davor scheute ich mich und hatte höllische Angst.
