Der Weg zurück - Jutta Friedrich - E-Book

Der Weg zurück E-Book

Jutta Friedrich

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Beschreibung

Um Ihren vielfältigen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen, begann sie 1976, Lyrik zu schreiben. Später kamen kleinere Erzählungen hinzu. Mehr und mehr gewann die Autorin Freude am Schreiben. Ein Erzählband, und im Moment liegt ihr zweites Buch, der Roman Der Weg zurück, dem Leser, der Leserin vor. Dieser Roman hat zum Inhalt: Das Dritte Reich, die Judenverfolgung und den Holocaust.

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Seitenzahl: 709

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Draußen schien die Sonne durch die geschlossenen Vorhänge. „Wo bin ich bloß“, dachte Hilde, und ihr Blick irrte verwirrt durch das Zimmer. In der Stillen fürchtete sie sich: „Der Raum kommt mir unbekannt vor! Bin ich im Krankenhaus?“ Ach ja, ich bin zu Hause, in meiner winzigen Wohnung, unter der Dusche ausgerutscht.“ Und ihre Augen weiteten sich vor Schreck: „Offenbar bin ich gestürzt!“ Ihr Zeitgefühl verriet es ihr nicht. Sie war gefallen und mit dem Kopf an die Tischkante geschlagen. Und was sie alles geträumt hatte! Der Schmerz verzerrte ihr Gesicht: „Wo bin ich, fragte sie sich noch einmal verwirrt?“ Ihre Augen blieben an den geschlossenen Vorhängen haften. Ihr Blick wanderte zu ihrem Arm, dort schaute sie auf einem Wirrwarr von Schläuchen. Hilde war entsetzt, jetzt wusste sie definitiv, sie lag im Krankenhaus. Endlich öffnete sich die Tür und junge, hübsche Schwester beugte sich über sie. Mit ihrer freundlichen, warmen Stimme fragte sie: „Na, Frau Jeschke, sind sie erwacht und Thea tupfte ihr den Schweiß von der Stirn. Die fremde, junge Schwester, in ihrem Kleid und einer weißen Schürze, um ihre zarte Figur gebunden, schaute auf sie und lächelte. Hilde fühlte einen Schmerz. Sie fühlte sich zu elende, um zu antworten. Misstrauen beschlich sie beim Anblick dieser ihr fremden Person: „Was ist geschehen“, das Reden machte ihr Mühe. Ihre Stimme kam selbst ihr komisch vor. Die junge Schwester stellte eine Tasse mit Suppe auf den Nachttisch der neben dem Bett stand: „Na, Frau Jeschke“, sprach die hübsche Krankenschwester freundlich zu der Dame: „Sie müssen wieder gesundwerden!“ Mühsam versuchte sich die Patientin aufzusetzen und fiel zurück in das Kissen: „Ich werde ihnen behilflich sein!“, sprach die fremde Person.“ Mit einem gütigen Lächeln. Frau Jeschke drehte ihren Kopf und fragte: „Wie heißen sie?“ „Ach so, Verzeihung, mein Name ist Schwester Thea.“ Und sie nahm eine Tasse, um dieser der Patientin zu reichen. Beide Frauen lächelten: „Bitte sprechen sie mich mit meinem Namen an“, gebot Hilde,“ Ihre ganze Gestalt, ihr Körper war erschöpft, und schweißnass fiel sie in die Kissen. Thea verließ leise den Raum mit den Worten, sie würde gleich wiederkommen, um sie umzubetten. Verwirrt sah sie der Krankenschwester nach. Sie mühte sich ihren Kopf zu drehen, dies gelang ihr unter großer Mühe. Es beschlich sie ein komisches Gefühl, als wäre ihr diese junge Schwester schon einmal begegnet. Allmählich sah sie soweit, es ihr möglich war, an ihrem Körper entlang. Tränen traten ihr in die Augen. Es wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie ihren rechten Arm nicht mehr bewegen konnte. Kraftlos lag Dieser auf der Decke. Hilde ergriff die Panik. Was war denn passiert? Sie wurde siebenundsiebzig Jahre alt und sie hatte noch einiges, in ihrem Leben vor! Eine finstere Ahnung beschlich sie. Mühsam erinnerte sie sich, was geschehen war. Der lange Spaziergang durch den Schnee, ermüdete sie. In ihrer kleinen Wohnung, schlug ihr eine wohlige Wärme entgegen. Betrübt hatte sie, im Hausflur zuvor, in ihrem Postkasten geschaut. Die Werbeprospekten hielt sie in ihren Händen. Ärgerlich warf sie diese in die Papierbehälter. Bald war Weihnachten, sie, eine Mutter erhielt keinen lieben Gruß. Dann stieg sie langsam die Stufen hoch und drehte den Schlüssel, im Türschluss. Erschöpft lehnte sie sich, wie betäubt für wenige Sekunden gegen an die Wand. Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihr war. In der winzigen Wohnung sprang ihr die Stille förmlich ins Gesicht. Früher warteten ihre zwei Kinder, bis sie von der Arbeit heimkam. Dann konnten sie ihrer Mutter von ihren kleinen und großen Sorgen berichten. Was war bloß geschehen? Als sie ans Fenster trat, lächelte sie: „Oh“, dachte sie, weiße Weihnachten!“ Wieder ein Fest, an dem sie völlig alleine sein würde. Abrupt erhob sie sich von ihrem Stuhl. Stolz sagte sie zu sich selbst: „Dann habe ich eben keine Kinder!“ Und heimlich wischte sich die jung wirkende Frau ihre Tränen fort. Jäh wurde die einsame Frau aus ihren Gedanken gerissen, als es an der Tür schellte. Flüchtig betrachtete sie sich in dem kleinen Spiegel, neben der Flurgarderobe. Dann setzte sie ein Lächeln auf und öffnete die Tür: „Grüß Gott, Frau Jeschke, kann ich Ihnen etwas einkaufen“, fragte der junge Mann?“ Rasch hatte sie sich gefasst und bat ihren Nachbarn, einen jungen Mann, in die Wohnung. Sie bot dem ihm einen Kaffee und ihren Selbstgebackenen Kuchen an. Galant bedanke der junge Nachbar sich. Aus ihrem Schlafraum holte sie ein kleines Päckchen und übergab es dem jungen Mann, mit den Worten: „Es ist nicht viel, aber ich möchte Ihnen gerne zum Fest eine kleine Freude bereiten.“ Dankbar nahm der Bernd das Geschenk, seiner lieben Nachbarin entgegen. Sehr freundlich bedankte er sich. Rasch stellte sie noch eine große Schale mit Selbstgebackenem auf den Tisch: „Bitte, greifen sie zu“, ermunterte sie ihren jugendlichen Freund! Für wenige Minuten vergaß sie ihre so schmerzliche Einsamkeit. Ungezwungen plauderte beide, bis es Zeit wurde zu gehen. Der junge Student schloss die Tür hinter sich. Gern hätte sie Bernd ins Vertrauen gezogen, doch ihr Stolz verbot es ihr. Hilde schwieg und niemand ahnte ihren Schmerz.

xxx

Ihre schöne Erinnerung verblasste, als sie sich in dem kargen Zimmer umschaute. Beinahe bewegungsunfähig lag sie hilflos da.

Immer wieder übermannte sie der Schlaf. Die Frau, die jetzt so hilflos, in dem Bett lag schrak auf. Was für ein Traum? Ein hübsches Gesicht, war ihr im Traum erschienen Ein Gesicht, aus einer längst vergangenen Zeit! Hilde zuckte leicht zusammen, aber sie konnte sich nicht erinnern woher sie dieses hübsche Gesicht kannte! Der Schlaf übermannte sie: „Weihnachten“, dachte diese Leidgeprüfte Frau.

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Im Halbschlaf und in Gedanken kehrte sie zurück in die winzige Wohnung, Das Telefon schellte: „Ja bitte, hörte sie sich fragen?“ „Hilde, sag“, fragte Grete, können wir den Heiligabend nicht gemeinsam mit einem guten Abendessen verbringen? Wenn du Zeit hast? Aber bitte ich möchte nicht stören, wenn es dir nicht passt …“ Ihre freute war groß, also würde sie nicht alleine sein. Und sie sagte der ebenfalls alleinlebenden Kollegin zu. Der extra starke Kaffee war fertig. Sie setzte sich an den kleinen Tisch und trank Schluck für Schluck. Noch einmal läutete das Telefon, eine nette Stimme lud sie ein, zu Weihnachten einen langen Spaziergang, durch den winterlichen Wald zu unternehmen: „Was soll´s, dachte sie“, und legte den Telefonhörer rasch auf. Das Schneetreiben draußen hatte sich verdichtet und allmählich legte sich eine weiße Decke über die Stadt. In den Einkaufsstraßen herrschte ein weihnachtliches Einkaufstreiben. Hektisch drängten sich die Menschen durch die Stadt. In Ihrer Wohnung war klein, und die Mieten viel zu hoch. Ihr war kalt und sie ließ das warme Wasser, der Dusche über ihren Körper rinnen. Es wurde ihr schwindlig und sie lehnte sich an die Wand. Das Unwohlsein ließ ein Wenig nach: „Komisch“, dachte sie besorgt, „warum ist mir nicht wohl? Sie warf sich ihren Morgenrock über und erreichte gerade noch das Wohnzimmer. Stolperte, und schlug mit dem Kopf auf die Kante des Tisches. Dann verlor sie das Bewusstsein. Es war ihr, als ob sie auf der Straße im Schneegestöber stünde. Irgendwer schien ihr die Hand zu reichen, um sie an einen anderen Ort zu führen. Hilde zog ihre Jacke aus, es war warm und es war sonnig. Fröhlich ging sie weiter, bis sie an einem langen Zaun innehalten musste. Auf einen Bahnsteig standen viele fröhliche Menschen. Übervoll war der Bahnsteig. Wärme, Menschen, die lachend, wartendeten. Die Bahn kam niemand drängelte oder schubste. Frau Jeschke fühlte sich jung wie nie zuvor. Bald fand sie einen Platz. Ein junger Mann bot ihr den Seinigen an: „Er müsse leider wieder aussteigen, es sei noch nicht seine Zeit. Verzweifelt griff sie nach der Hand des noch jungen Mannes. Sie erinnerte sich an das warmherzige Lächeln des jugendlich wirkenden Mannes. Dann war dieser ihren Augen entschwunden. Es schien ihr, als habe sich dieser junge Mann aufgelöst. Verwundert richtete sie ihren Blick auf den Bahnsteig, um vielleicht noch einen flüchtigen Blick des Mannes zu erhaschen. Doch der Bahnsteig war völlig leer. Dann erwachten sie und lag in diesem Bett. Schade, dachte Hilde, dieser Traum war so wundervoll. Doch dann bemerkte sie, wie regungslos sie verharren musste. Endlich, es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, öffnete sich tatsächlich die Tür zu dem fremden Zimmer, in dem sie lag: „Na, Frau Jeschke“, fragte der junge diensthabende Arzt? Wie geht es ihnen?“ „Ich weiß nicht so recht, was ist mir denn passiert?“, fragte sie forsch, jedoch auch voller Angst: „Sie könne sich nicht erinnern, dass sie in ihrem Wohnzimmer ausgerutscht ist und mit dem Hinterkopf auf die Tischkante geschlagen ist: „Nun gut“, und der Doktor räusperte sich verlegen. Sie lagen einige Stunden bewusstlos dort. Ein Nachbar fand sie, ich muss Ihnen mitteilen, dass sie einen schweren Schlaganfall erlitten haben … Ihr Blick hing verwirrt an dem jungen Arzt: „Nein, daran erinnere ich mich nicht! Und was ist dann passiert? Ich kann meine rechte Seite kaum fühlen …“ „Wie gesagt, gnädige Frau, sie haben einen Schlaganfall erlitten! Da müssen wir abwarten!“ Es durchfuhr sie ein heftiger Schreck und es entschlüpfte ihr ein Entsetztes: „Oh!“, der junge Arzt schüttelte den Kopf. „Nicht erschrecken, liebe Frau Jeschke, sie sind bereits einige Tage bei uns. Wir legten sie einige Zeit ins Koma. Wir mussten sie im künstlichen Koma versetzen, um alle unnötigen Belastungen von Ihnen fernhalten zu können. Wie gesagt wir müssen abwarten … Aber keine Bange, sie sind nicht die Erste, die auch wieder etwas laufen lernt.“ Dann reichte der Arzt ihr seine Hand, dann verließ der junge Arzt das Krankenzimmer. Bereits in der Tür stehend, drehte er sich noch einmal zu dem Bett um, in dem seine Patientin lag: „Frau Jeschke, haben sie Kinder oder Angehörige, die sie vermissen oder nach Ihnen suchen?“ Hilde bemerkte die Unsicherheit, mit der, der junge Arzt ihr diese Frage stellte: „Es ist verwunderlich, dass außer Kollegen sie offenbar niemand vermisst!“ „Nein, ich habe niemanden“, log sie beschämt, was ja irgendwie auch stimmte. Ihre zwei Kinder waren eines Tages völlig und ohne jeden ersichtlichen Grund aus ihrem Leben verschwunden. Nie hatte sie diesen so tiefen Schmerz vergessen. Dieses Nichtwissen nagte an ihrer Mutterseele. Irgendwann hatte sie versucht, diesen Schmerz trotzig ganz tief zu begraben.

Diesen Rat gab ihr eine Therapeutin. Aber es schien kein guter Rat zu sein. Oft genug kamen ihr große Zweifel, ob dieses Rats. Wie sollte eine Mutter ihre Kinder vergessen! Niemand kann einen so tiefe, Verzweiflung so einfach vergessen: „Herr Doktor, welchen Monat oder Tag haben wir denn heute? „Frau Jeschke“, der Arzt kehrte noch einmal zurück an ihr Bett.

„Wir haben Dezember und heute ist Freitag, in einige Tagen ist Weihnachten.“ „So, so“, dachte sie. Zuckte jedoch erschrocken zusammen: „Dann liege ich hier schon einige Tage“, wiederholte sie für sich selbst. Draußen wurde es finster und der Arzt schaltete das fahle Licht im Krankenzimmen an. Die junge Schwester sah noch einmal nach der Infusion im Arm Patientin. Dann verließen beide das Krankenzimmer. Die Tür, so schien es ihr, fiel viel zu laut ins Schloss. Der Arzt drehte sich zu ihr und bat um Entschuldigung: „Er werde am späten Abend noch einmal nach ihr sehen!“ Er schien weitere Fragen seiner Patientin zu fürchten. Hilde griff sich an den Kopf, dieser steckte tatsächlich in einem dicken Verband. Dann übermannte sie der Schlaf und träume suchten sie heim. Die starken Medikamente begannen zu wirken und ließen sie wirre Träume durchleben. Sie wunderte sich, dass sie keine Gesichter erkennen konnte. Doch sie wusste, dass dies ihre Kinder waren. Auf eine seltsame Art, wie es nur eine Mutter wissen konnte, wusste sie diese zwei Kinder zu ihr gehörten. Doch warum besaßen beide kein Gesicht? Im Traum streckte beide liebevoll ihre Arme nach ihnen aus. Als sie ihre Kinder berühren wollte, entschwanden diese, wie in einem Nebel. Ein Onkel, der schon verstorben war, ergriff Ihre Hand: „Ach Hildchen“, hörte sie ihm sagen…“ Sie zeigte sich verwirrt und zog ihre Hand rasch fort: „Warum“, so fragte sie sich, ist der Onkel hier? Wo sind meine Kinder? Warum sind sie bloß weggegangen?“ Erschöpft erwachte sie abermals, immer zwischen Schlaf und dem Erwachen! Die kahlen Wände in dem kleinen Zimmer schienen sie zu erdrücken. Über ihrem Bett brannte ein bläuliches Licht dies erinnerte sie an ein Totenlicht. Draußen war es Dezember. Beinahe schon Weihnachten: „Weihnachten“, dachte sie voller Sehnsucht! Sie entsann sich, dass sie während ihrer langen Bewusstlosigkeit immer wieder schöne Bilder sah, immer wieder einen tiefen Frieden spürte. Hilde hatte schon vor langer Zeit ihren Glauben an Gott, den Ihr ihre Großmutter immer wieder nahe zu bringen versuchte, abgelegt: „Was“, so fragte sie sich, sollte das für ein Gott sein, der mir so früh beide Eltern genommen hatte? Was für ein Gott, der dies alles zuließ?“ Ein Gott, der ihr, so schien es ihr, beinahe nachstellte? Ein Gott, der ihr zwei gesunde, intelligente Kinder schenkte, Diese hatten sie so ganz unbarmherzig, als Mutter verstoßen.

Sie begann, lautlos zu weinen: „Was“, so fragte sie sich halblaut: „Was habe ich falsch gemacht? So oft sie sich diese Frage auch stellte, es gab keine Antwort. Sie wischte sich mit der gesunden Hand übers Gesicht.

Hilde fühlte nichts mehr, nur ihr Verstand war hellwach, und sie schwor sich, in wenigen Wochen würde sie auf ihren eigenen Beinen aus diesem Krankenhaus spazieren. Die Tür öffnete sich einen Spalt und das gelbliche Licht des Flures vermischte sich mit dem bläulichen Licht aus ihrem Zimmer. Die Junge Schwester Thea brachte neue Bettwäsche:

„Frau Jeschke, ich würde mich freuen, wenn sie ein Wenig, so gut es ihnen möglich ist mithelfen, um ihr Bett neu zu überziehen: Hilde mochte diese junge, hübsche Schwester: „Schwester“, sagte sie werde mein Bestes tun! Doch ich bin nicht hier um ihnen eine Freude zu machen!“ Sie fand diese Aufforderung der noch jungen Schwester beinahe unverschämt. Schwester Thea blieb beharrlich und freundlich, setzte sich für ein paar Minuten zu ihr, um ihr gut zuzureden. Sie sprach davon, dass sie erst vor wenigen Wochen erfahren hatte, dass ihre Pflegemutter schwer erkrankt war, und dass sie, sie wohl auch bald zu Grabe tragen müsse. Der Krebs würde ihre Mutter buchstäblich aufgefressen und ihre Schmerzen war so unglaublich, dass sie, ihre Tochter inniglich bat, sie zu erlösen. Sie musste still zusehen, wie ihre Mutter sich ins Jenseits kämpfte. Sie, war doch ihre Tochter und hätte ihrer Ziehmutter so gern geholfen! Unwillkürlich strich Hilde der jungen Frau ergriffen, für einen kurzen Moment, über ihren Handrücken: „Danke, Frau Jeschke“, Schwester Thea war ergriffen von dieser Berührung. Beide fühlten sich zueinander hingezogen. Es war eine besondere und ungewöhnliche Situation. Beide empfanden so etwas wie große Nähe und FREUDE sprechen konnte sie nicht. Misstrauisch schaute sie zu dem Infusionsständer neben ihrem Bett.

Die Tür schloss sich hinter der Schwester und Hilde blieb allein zurück. Das bläuliche Licht über ihrem Bett. Dieses Licht machte den Raum so unwirklich. Ein zweites Bett, eingehüllt von einem weißen Tuch, stand an der Wand. Für eine kurze Weile schloss sie ihre Augen und ihre Gedanken überschlugen sich. Wie konnte ihr dieser Unfall passieren? Warum lag sie hier so hilflos? Diese Tatsache erschien ihr unfassbar.

Ihr war den ganzen Tag nicht wohl, dass war ihr nicht fremd. Nichts Besonderes, ein leichter Schwindel. Dieses Gefühl war ihr wohlbekannt, halt ihr Blutdruck. Sie fühlte sich einsam! Warum? Diese Frage bereitete ihr unsägliche Qualen! Doch, wie so oft, zog sie den Selbstbetrug vor. Doch ihre Seele war eine Wissende und ließ sich nicht betrügen. Langsam drehte Hilde sich, soweit es ihr möglich erschien, zum Fenster, in der Finsternis sah sie den Schnee, der an die Scheibe vorbeiflog. In ihr kam eine große Sehnsucht, dem Treiben des Schnees zuzusehen. War das, dass Ende? Es kippelte zwar, in der ganzen Seite, aber so sehr sie sich auch mühte, es gelang ihr nicht, ihren Fuß zu bewegen.

Die Tür wurde geöffnet, Frau Jeschke hob ihren Kopf und schaute in dem Lichtkegel. Doch sie war zu erschöpft und sank in die Kissen. Die nette Schwester betrat den Raum und Frau Jeschke schaute sie flehentlich an. Diese zucke mit den Schultern: „Ich bin nicht befugt ihnen Auskunft zu geben“, sprach sie leise und traurig…! Ihre Qualen waren zu groß, sie musste es wissen: „Frau Jeschke, ich darf Ihnen keine medizinische Auskunft erteilen, in einer Stunde wird der Arzt kommen, Dieser wird Ihnen gern einige Fragen beantworten …“ Schon schloss sich die Tür hinter der Schwester. Die Finsternis hüllte, trotz des bläulichen Lichtes, den Raum in einen mystischen Nebel. Enttäuscht krallte sie sich in ihre Bettdecke. Ihre Enttäuschung war groß! Gewaltsam drängte sich die finsteren Erinnerungen zurück. Niemand vermochte ihr zu sagen, ob sie diese willkommen heißen sollte, oder ob sie diese Erinnerungen besser in die Finsternis verweisen sollte! Doch mehr und mehr füllte sich ihre Seele wieder, mit den ungeliebten Erinnerungen.

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Sie sah sich wieder in ihrer kleinen Wohnung am Fenster stehen. Sah wie der Schnee den Park einhüllte.

Bitternis überfiel sie: „Ihre Kinder“, dachte sie immer wieder und sie ahnte ihren nahen Tod. Ob ihre Kinder überhaupt für ihre Mutter einen Gedanken übrighatten, fragte sie sich? Die Tür zu dem Krankenzimmer öffnete sich und die Schwester brachte eine sehr vornehme, große schlanke Frau zu ihr ins Zimmer. Beide Frauen lächelten sich an. Die große schlanke Dame mit den roten langen Locken begrüßte Hilde sehr freundlich. Schwester Thea schaute sich dieser Szene erfreut an. Sehr freundlich, mit einem englischen Akzent, begrüßte die elegante Dame Hilde: „Mein Name ist Traude James, nennen sie mich ruhig Traude, bitte keine Umstände …“ Sie reichte ihrer Zimmernachbarin ihre schmale Hand. Kurz angebunden, doch sehr höflich, stellte sich die Patientin ebenfalls vor. Ihre lähmende Müdigkeit war verschwunden. Erstaunt schaute sie die elegante Dame an. Sie begann, in ihren Erinnerungen zu kramen. Diese Dame kam ihr sehr bekannt vor, auch wenn viele Jahre vergangen waren: „Ach ja“, fiel es ihr ein, die junge Schwester von vorhin sieht der Dame sehr ähnlich. Freundlich verwies sie auf diese ungewöhnliche Ähnlichkeit. Thea war verwirrt: „Sie möge klingeln sollten beide etwas benötigen!“ Dann verließ die Schwester mit einem freundlichen Nicken den Raum: „So, liebe Frau Jeschke“, und eine andere Schwester betrat das Krankenzimmer. Vorsichtig griff sie nach dem Handgelenk der Patientin, beunruhigt schüttelte die Nachtschwester den Kopf: „Ich werde den Arzt zu Rate ziehen!“, dann verließ sie eilig den Raum und erschien wenige Minuten später mit dem Arzt im Schlepptau. Leise flüsterte sie dem diensthabenden Arzt zu: „Er möge der Patientin den Puls fühlen…“ Der Arzt setzte sich zu ihr auf die Bettkante, zog sich dann jedoch leise einen Stuhl ans Bett. Danach sah ihm die Patientin fest an: „Herr Doktor“, begann sie zögerlich und sehr ängstlich! Was habe ich zu erwarten?“ „Frau Jeschke“, behutsam griff der Arzt, wie zum Trost, nach ihrer Hand. Diese, wenn auch tröstliche Vertrautheit, schreckte die ältere Patientin so sehr, dass sie ihre Hand wegzog. Der Arzt bat um Verzeihung und richtete sich auf. Dieses sich Aufrichten zeigte ihr eine gewisse Distanz. Unumwunden und gerade heraus fragte die sterbende Patientin eindringlicher: „Doktor, was ich zu erwarten?“ Verlegen räusperte sich der Arzt, es war ungewohnt, dass eine Patientin ihn so klar fragte. Er fühlte sich etwas in die Enge getrieben, suchte nach Worten, um die Wahrheit zu beschönigen. Aber diese Worte gab es nicht, die einen aussichtslosen Zustand beschönigen konnten? Diese Frau im Bett vor ihm hielt seinen Blick fest und es wurde dem Arzt klar, diese Frau, die vor ihm lag wollte die Wahrheit wissen. Aber was ist die Wahrheit? Da war eine Frau, die dem Leben einiges abgerungen hatte. Also sprach er: „Frau Jeschke, wenn sie diesen schweren Schlaganfall überleben, werden sie kaum noch selbstständig leben können. Das ist die Wahrheit! Beinahe Schuldbewusst senkte er seinen Blick: „Wen sollten wir für sie benachrichtigen? Haben sie Kinder oder andere Verwandte?“ Abrupt wandte sich die Patientin ab, und hörte dennoch aufmerksam zu. Sie war wie in Trance, fühlte bei den Worten des Arztes, eine große Angst in sich aufsteigen. Nein, sie fühlte sich dem Tode nahe. Als der Arzt ihr dann den üblichen Mut zusprechen wollte, winkte sie beruhigend ab: „Schon gut, Herr Doktor! Ich wollte die Wahrheit wissen und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Nein, ich habe niemanden“, log sie abermals: „Nun gut, wenn sie Fragen haben, rufen sie bitte nach mir “ und die Tür schloss sich! Die Haltung seiner Patientin beeindruckte dem Arzt sehr.

Erst allmählich begriff Hilde die ganze Tragweite der Worte des Arztes:

„Nein“, dachte sie, nie und nimmer würde sie in ein Altenpflegeheim gehen. Sie vernahm ein leises Klopfen.

Unter Schock rief sie: “Herein!“ In der Tür stand ihr junger Nachbar. Der große junge Mann fragte schüchtern: „Darf ich näherkommen?“ Es war spät und er versicherte nicht lange zu bleiben. Sie bedankte sich für sein Kommen, bat ihm, er möge Platz nehmen: „Wie geht es Ihnen?“, fragte Bernd leise und vorsichtig. Hilde wich seiner Frage aus, wiegelte ab, es würde schon nicht so schlimm sein. Sie wünschte sich weit weg, um seinen besorgten Blick nicht mehr ertragen zu müssen. Sie wollte dem aufkommenden Gefühl von Schwäche und Schwermut keinen Raum geben: „Er solle sich keine Sorgen machen…“ Da war sie wieder, ihre Angst, enttäuscht zu werden. Bernd konnte sich die Reaktion seiner mütterlichen Freundin nicht erklären: „Frau Jeschke“, bat er fast flehentlich, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten …“ „Nein, nein Bernd, ist schon gut“, winkte sie ab! „Es ist nur …“ und sie unterdrückte das Beben in der Stimme. Ich weiß nicht einmal, welcher Tag heute ist?“ Mit einer Ernsthaftigkeit und Empathie die Bernd zu eigen war, strich er wie zufällig über ihren Handrücken: „In fünf Tagen ist Weihnachten“, antwortete er. Ich fand sie in ihrer Wohnung liegend und rief den Notarzt.“ „Das ist gut so, junger Mann, aber ich wünschte sie hätten mich sterben lassen…“ Entsetzt sah er seine mütterliche Freundin an, und schwieg. Als habe sie eine Ahnung, es war eine Stimme, die täglich zu ihr sprach? Langsam wurde es dem jungen Mann unwohl, Hilde schwieg beharrlich: „Habe ich etwas falsch gemacht, Frau Jeschke?“, fragte ihr junge Nachbar. Doch sie beruhigte ihn: „Aber nein, ich dachte nur“, sie biss sich gerade noch rechtzeitig auf die Lippen, ich höre ihnen zu, sagte sie ziemlich verlegen.“ Dieser junge Mann war ihr sehr vertraut, und gegen dieses Gefühl von liebevoller Wärme wehrte sie sich mit aller Macht: „So, so Weihnachten“, flüsterte sie. Schneit es denn?“

„Ja, etwas“, antwortete Bernd und setzte sich wieder auf den Stuhl der neben ihrem Bett stand: „Ich hoffe, dass es ihnen recht ist, wenn ich noch ein wenig bei Ihnen bleibe? Der Zug fährt erst in zwei Stunden. Ich bin wenige Tage bei meinen Eltern.“ Meine Freundin“, sagte er, und sein Lächeln wurde verlegen: „Ja, Frau Jeschke, wie das Schicksal so spielt, sprach er mit einem Lächeln. In diesem Moment öffnete sich die Tür und die junge Schwester Thea betrat nochmalig das Krankenzimmer, als sie Bernd am Bett der Patientin sitzen sah schloss die Tür: „Wie, eine Freundin fragte sie!“ „Ja, diese habe ich hier in der Klinik kennengelernt. Dann erhob er sich, um sich zu verabschieden. Liebevoll nannte Bernd ihren Namen. „Es ist eine Schwester hier im Spitaltal, ihr Name ist Thea!“ Der junge Mann sprach ihren Namen so liebevoll aus, dass die elegante Dame im Nebenbett lächelte. Hilde spürte einen heftigen Schmerz. Die Damen im Nebenbett griff nach der Klingel. Thea betrat, mit einem Arzt das Krankenzimmer. Eilig hatte der junge Mann das Zimmer verlassen. Geheimnisvoll nicken und lächelte er Schwester Thea zu. Verlegen verneinte die Patientin: „Es ist nicht so schlimm. Der Aufwand um ihre Person sei ihr peinlich!“ Schwester Thea entschuldigte sich und verließ den Raum. Hilde konnte nicht ahnen, dass sie den morgendlichen Sonnenaufgang nicht mehr erleben würde. Ein letzter Blick, der Schwester streifte die Patientin. Trotzig wandte diese ihren Kopf, soweit es ging, auf die Seite, als fürchte sie, bei ihrer Lüge ertappt zu werden. Bernd beschloss, ohne ein Wort zu verlieren, nachzuforschen, ob es nicht irgendwo auf dieser Welt jemanden gab, der seine mütterliche Freundin vermissen würde. Die Stadt erstrahlte in Tausenden von Lichtern. Klein und zerbrechlich lag die Sterbende Frau in dem Bett. Sie war eingeschlafen. Bernd beeilte sich, er wollte die junge hübsche, rotgelockte Schwester, unbedingt treffen.

War es ein wirrer Traum, der sie narrte, oder stand eine Schwester neben ihrem Bett? Beinahe lautlos änderte die Nachtschwester die Einstellung an der Infusion: „Habe ich sie gestört“, fragte die pummlige Schwester mit einem Lächeln?“ Hilde verneinte und fragte nach der Uhrzeit: „Es ist …“ so antwortete die Schwester, etwas nach achtzehn Uhr!“ Für wenige Momente setzte sie sich, um die Hand von Frau Jeschke zu halten. Diese wünschte sich immer mehr, in ihrem Bett, in der kleinen Wohnung, in Frieden einzuschlafen. Jetzt lag sie hier und musste auf ihrem wahrscheinlich letzten Weg, alles leiden über sich ergehen lassen. Flehentlich sah die Schwester an, als die Patientin ihr, ihre Bitte vortrug. Schwester Anja waren diese Bitten nicht neu, auch konnte sie solche Bitten nachvollziehen. Doch ihr Mitgefühl, ihre Vernunft widersprachen dem Gesetz. Obwohl es auch wenn es keine Chance mehr auf ein lebenswertes Leben gab. Hilde Jeschke würde dahinsiechen, in Einsamkeit. Der Schwester wischte unbemerkt eine Träne vom Gesicht. Ständig diese Gratwanderung, dachte sie! Bedauert schüttelte sie ihren Kopf und drückte die Hand der Patientin noch etwas fester. Ihr kurzes blondes Haar bewegten sich im Rhythmus der Kopfbewegung. Die elegante Dame saß auf ihrem Bett und beobachtet die Szene. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

„Damals“, dachte Traude James, kämpfte jeder um sein Leben. Aber dennoch verstand sie. Abrupt ließ Hilde Jeschke die Hand der Schwester los. Diese Hand wollte ihr Trost geben, an die sie selbst nicht glaubte: „Frau Jeschke“, und die Stimme der Schwester hatte einen weichen Klang. Sie wissen, dass ich dieser Bitte unmöglich nachkommen kann!“ Seufzend erhob sich Schwester Anja die Nachtschwester. Sie sprach wie zu sich selbst: „Frau Jeschke, diese Bitte richten hier, auf in der Klinik viele Totkranke an mich! Das darf ich unter keinen Umständen …“ Leise schloss sie die Tür. Wieder blieb Hilde der Atmen weg und alles hüllte sich in einem dichten Nebel, der sich in einem wundervollen Lichtkegel wandelte, der ihr den Weg zeigte: „Dieses Licht“, immer wenn die Tür aufging, oder sich schloss erfüllte Hilde mit Furch, oder Glückseligkeit. Nie zuvor hatte sie dies in solch einer Intensität wahrgenommen: „Warum weckte man sie?“ „Na, Frau Jeschke, alles wieder in Ordnung?“ „Was ist denn passiert?“, unsicher wagte die Schwester zu Fragen: „Sie wären uns beinahe abhandengekommen, meine Beste!“ „Wieso abhandengekommen?“, fragte sie verblüfft, ich schlief. Dann schwieg die Sterbende, aber um ihren Mund zeigte sich ein winziges Lächeln.

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Die Besatzer patrouillierten mit ihren Gewehren im Anschlag durch die Trümmer der Stadt. Aus vielen der Kellerlöcher drang der Verwesungsgestank. Der Tod lag über der ganzen Stadt.

Hier und da kroch jemand völlig verwirrt hervor, rief wirres Zeug noch ganz unter dem Eindruck von fallenden Bomben und den lodernden Flammen. Vielleicht irrten die Menschen schon tagelang umher. Bis sie völlig erschöpft zusammenbrachen, oder vom Roten Kreuz aufgelesen wurden. In den Zentralen hingen lange Listen mit Namen von Vermissten und Suchenden. In diesen wirren Zeiten, ohne Hoffnung, wuchs eine junge Frau heran. Ganz allmählich „normalisierte“ sich die Lage, jedenfalls, was man in jener Zeit, als „normal“ ansehen konnte. Der tägliche Kampf um etwas Fett und Brot nahm den Tag in Anspruch. Hilde wurde von der Großmutter aufs Land zu den Bauern geschickt, um etwas Mehl oder Milch und Eier zu erbetteln. Alles, was von Wert war, wurde in Nahrung getauscht. Sie selbst, ein junges Mädchen, war gerade erst zweiundzwanzig Jahre alt. Flüchtlinge kamen in landen Trecks durch die Stadt. Zerlumpt und hungrig schleppten sie sich durch die Straßen. Als der erste Nachkriegswinter näher rückte, kam für alle, die in den Ruinen und in den Kellern Unterschlupf gefunden hatten, eine harte Zeit. Besonders für die noch kleinen Kinder und Neugeborenen begann eine Zeit des Überlebens. Viele der Flüchtlinge brachen einfach am Straßenrand zusammen und standen nicht mehr auf. Die Kinder, und ganz besonders die ausgemergelten Säuglinge, erlebten nicht einmal ihr erstes Lebensjahr. Züge, die mit Kohle oder Holz entlang der Stadt fuhren, wurden von den älteren Kindern voller Hoffnung erwartet. Sie hofften, dass Holz oder Kohlen runterfiele, dann konnten sie auf ein Wenig Wärme hoffen. Hunger und Kälte waren ständige Begleiter in den Städten. Selbst die Besatzer beäugten sich misstrauisch, niemand traute den Anderen. Die Russen patrouillierten mit ihren Gewehren, standen den Amerikanern gegenüber. Vier Besatzungsmächte teilen sich die Stadt. Auch wenn zwischen ihnen der Alkohol und die begehrten Zigaretten getauscht wurden, blieb das Misstrauen. Für die Kinder gab es hier und da Schokolade oder einen Kaugummi. Der Schmuggel mit Nahrung und Medikamenten begann zu blühen. Niemand erhob ein Verbot, die Not machte erfinderisch.

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Mit weit geöffneten Augen durchlebte Hilde diese Zeit noch einmal bevor sie starb. Eines Tages, kurz vor der Weihnachtszeit, klopfte es leise an der Tür. Eine noch sehr junge Frau, eigentlich noch ein Kind, stand davor und bat um Hilfe. Flehentlich sah sie die Großmutter an und hielt ihren Bauch. Die Großmutter rief: „Oh Gott, oh Gott!“ und schickte sofort nach der Hebamme Ella. Wenige Stunden später erblickte ein winziges Kind das traurige Licht dieser Welt. Kinder galten in jenen Zeiten kaum etwas. In der eiskalten Vorweihnachtlichen Zeit, erblickte ein winziges Kind das Licht der Welt. Kinder waren eine zusätzliche Last, oder auch Hoffnung? Viele dieser Kinder waren verhasste Besatzungskinder. Rasch war die Hebamme Ella da, gerade noch rechtzeitig, um den kleinen Säugling in Empfang zu nehmen. Mitleidig schaute sie auf das Kind und die ausgehungerte, noch so junge Mutter. Diese lag kraftlos auf dem Diwan, in spärlich Lumpen gehüllt. Die Hebamme reichte der Großmutter das Kind, das leise wimmerte. Das sehr winzige Mädchen, es schien schwach, doch dann wurde der kleine Säugling lauter, und schrie kräftiger. Es fordert sein Recht. Lieblos wandte sich die junge Frau von dem hilflosen Säugling ab. Sie weigerte sich, dieses Kind in ihren Arm zu nehmen oder gar an ihre Brust zu legen: „Na, na junge Frau, es ist ihr Kind!“, sagte die Hebamme und wusch sich ihre Hände. „Die Kleine braucht, sie, sie muss unbedingt gestillt werden …“ „Es ist ein Russ!“, sagte die sehr junge und ausgemergelte Frau leise und hasserfüllt. Dieses unschuldige Wesen lag und lutschte an ihren Fäusten. Verständnislos sahen sich die Großmutter und die Hebamme an: „Was“, fragten beide ungläubig: „Ja, ein Russenkind“, und das magere Mädchen wandte ihren Blick angeekelt ab. Die Erinnerung an die Tage und Nächte, in denen viele Frauen des Trecks, lange Vergewaltigungen über sich ergehen lassen mussten, waren wieder lebendig. Dieses Kind, war das Ergebnis. Etwas entfernt lag, nahe am alten Ofen lag das es. So hilflos, so unschuldig und so winzig klein: „Eine Vergewaltigung auf der Flucht!“, sagte das Mädchen und hielt sich scharmhaft ihre Hände vors Gesicht. Hilde war einige Jahre älter und stand hilflos hinter dem Vorhang. Die sehr junge Mutter wollte fliehen, doch fiel erschöpft zurück. Die Omama brühte einen heißen Brennesseltee. Und reichte diesen dem jungen Mädchen. Die Großmutter schüttelte den Kopf, sah zu ihrer Enkeltochter, die in der Ecke des Zimmers, hinter dem Vorhang stand: „Hilde, geh ins Bett“, befahl die gebeugte Frau. Ohne Widerspruch gehorchte sie und ging in den Nebenraum, ließ die Tür etwas offen, blickte in das fahle Kerzenlicht und lauschte dem Gespräch: „Ich werde dieses Kind …“ Sie nannte ihr Kind, dass sie gerade zur Welt gebracht hatte und dass in einer Ecke des Raumes um sein Leben kämpfte, abfällig „dieses Kind.“ Das rötlich gewellte Haar der Kleinen legte sich nass auf ihren Kopf: „Ich werde diesem Kind keinen Namen geben, und es morgen in ein Waisenhaus bringen, wenn es überhaupt überlebt! Ich kann es nicht einmal anschauen!“ „Gut, junge Frau, überlegen Sie es sich! Es ist ihr Kind, sie haben der Kleinen gerade das Leben geschenkt, ich muss diese Geburt melden. Sie müssen dem Kind einen Namen geben! Auch solche Kinder haben ein Recht auf einen Namen …“

Hilde horchte auf, wieso denn „solche Kinder“ fragte sie sich? „Sie müssen dem Kind einen Namen geben“, wiederholte die Hebamme, ohne einen Namen kann ich den Säugling“, und ihr Blick richtete sich auf das winzige Kind, nicht anmelden“. „Sagen sie doch, dass der Vater im Krieg gefallen ist.“ Die junge Frau war sehr schwach und sprach sehr leise: „Ich bin gerade erst siebzehn Jahre alt und auf der Flucht hier in meiner Heimatstadt angekommen! Ich bin auf der Suche nach Verwandten, oder Bekannte! Wie sollte ich verheiratet sein? Ich will vergessen… das kann ich nicht, wenn ich mir „dieses Kind“ täglich anschauen muss …“ Im Nebenraum, der durch eine Decke getrennt war, horchte die andere junge Frau, auf jedes Wort. Immer wieder fiel der Begriff „dieses Kind.“ Was war denn mit dem kleinen Kind, fragte sie sich: „Dieses Kind“, sprach die junge Frau weiter“, wenn es mich ansieht oder was noch schlimmer ist, mich ständig an das Grauen der Flucht erinnert…“, wieder schwieg das junge Ding, dann werde ich es töten!“ Die Hebamme war entsetzt: „Junge Frau, denken sie einmal nach! Dieses kleine, unschuldige Wesen!“ „Nehmen sie es mit, bitte, nehmen sie dieses Kind!“ Die Stimme der jungen Frau war so kraftlos und sie schob das winzige Bündel Mensch weit von sich, ohne einen Blick zu wagen. Sichtlich besorgt nahm die Hebamme das kleine Bündel an sich. Der kleine Kopf fiel auf die Seite, das Kind schlief tief und fest. Hungrig lutschte es an seiner kleinen Faust. Die junge Frau erhob sich, um die Wohnung rasch zu verlassen: „Hoho“, die Großmutter hielt sie am Arm fest. Wo wollen sie denn, bei diesem Schneetreiben hin?“ Couragiert hielt die Omama sie fest. Das junge Ding war zu schwach, um einen Widerstand zu leisten und ließ sich bereitwillig wieder zum Sofa führen. Die Hebamme untersuchte sie nochmals und blickte zufrieden zu der gebeugten, alten Frau. Einige Stunden vergingen und die Hebamme war mit dem Kind auf ihrem Arm in die Nacht hinausgegangen. Auch das junge Mädchen war gegangen, niemand wusste wohin! Später, im Frühling, die Sonne sandte ihre ersten wärmenden Strahlen, sah Hilde dieses junge Mädchen zwischen den Trümmern auf der Straße.

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Dann war sie fort! Die Leute munkelten, sie wäre mit einem amerikanischen Soldaten in die USA ausgewandert: „Komisch“, dachte die sterbende Frau, warum fällt mir diese Geschichte nach so langer Zeit gerade heute wieder ein?“ Dennoch, was mochte aus dieser noch so jungen Frau geworden sein? Was aus dem winzigen Kind? Egal, es waren die Zeiten! Nein, sie wollte diesen Gedanken nicht weiterverfolgen. Kraftlos griff sie sich an ihre schweißnasse Stirn: „Ich sollte endlich schlafen“, dachte sie und schloss ihre Augen. Aber die Gnade des Schlafes holte sie nicht ein. Hilde konnte nicht ahnen, was vor Geburt geschehen war.

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Mit jedem Tag der verging spürte Traude das Kind in sich. Es war der erste Frühling und Sonne Neunzehnhunderfünfundvierzig. Die ersten wärmten Strahlen der Sonne. Im nahen Fluss wusch und badete die Frauen und Kinder. Seit langer Zeit die sich wieder waschen war ein Luxus. Eine kleine, runde Wölbung zeigte sich an Traudes Bauch. Eine ältere Frau trat zu ihr, drückte ihr einen knittrigen Zettel in die Hand: „Lass es weg machen…“ Wie eine Mutter sah sie Traude mitleidig an. Verwirrt sah sie die ältere Frau nach und steckte den Zettel achtlos in ihre zerschlissene Rocktasche. Der Herbst wehte das dürre Laub, neunzehnhundertfünfundvierzig über die Trümmer. Das junge Mädchen schlich, durch die frühe Finsternis, zu einem kleinen geduckten Haus. Leise klopfte sie an die Tür. Ein magerer Junge öffnete. Die Mutter erschien und fragte: „Junges Fräulein, um was geht es? Ach, ich sehe schon, kommen sie rein…“ Eilig schloss sie die Tür, schaute sich noch einmal um: „Hat sie jemand gesehen“, fragte sie?“ Das eingeschüchterte junge Mädchen schüttelt ihren Kopf. Fünf hungrige Kinder standen im Raum. Es roch nach einer dünnen Kohlsuppe. Launig, jedoch leise führte die schmutzige Frau Traude in einen Nebenraum. Dort standen ein wackliger Tisch, ein Stuhl, ein Eimer und etwas Wasser. Die Frau entschuldigte sich; sie werde gleich eine saubere Schürze umbinden, obwohl es kaum einen Sinn machen würde. Voller Angst und Widerwillen sah Traude sich um! Also hier würde ihr diese Frau das Kind aus dem Leib reißen! Als sie, dass junge Mädchen aufforderte sich auf den Tisch zu legen und ihre langen Beine auf den Stuhl zu stellen, zögerte sie: „Nun los Fräulein, es ist spät und die Sperrstunde beginnt gleich! Oh, das Kindchen ist zwar klein, aber sehr munter!“ Dann suchte sie nach ihren rostigen Zangen. Stellte den Eimer mit eiskaltem Wasser neben dem Tisch: „Es wird wohl Leben“, sagte die Engelmacherin, dann wird es gleich in den Eimer sterben, kein Problem! Keine Angst Fräulein, auch wenn es sehr weh tut, dann beißen sie einfach auf diesen Stock…“ Zögerlich zog das junge Mädchen ihren Rock aus, sah das verrostete Besteck, legte drei Eier auf den klapprigen Tisch und rannte so schnell sie konnte aus dem Haus, in die finstere, kalte Nacht. In der Deckung des zerbombten Mauerwerkes suchte sie Schutz. In einiger Entfernung hörte sie noch die Stimmer der Engelsmacherin: „Dummes Ding, komm zurück, sonst bereust du es…“ Erst in dem heimischen Keller kam sie zu sich, schaute auf ihren Bauch und schlug mit der flachen Hand darauf. Jetzt musste sie „dieses Russen Kind“, wie sie es nannte, musste sie zur Welt bringen.

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Es waren die Jahre des Aufschwungs, Jahre, in denen man den Krieg, mit all seinen Gräueltaten vergessen wollte. Das Land erholte sich zusehends von den Folgen des Krieges. Der Wiederaufbau, dieser Wunderschönen Stadt, war Dank der Trümmerfrauen, mit ihren Kopftüchern um ihr Haar zu schützen, in vollem Gange. Die Stadt wuchs, die goldenen Zeiten waren angebrochen. Ausgemergelte Männer wurden aus der russischen Gefangenschaft entlassen. Doch deren Qualen Demütigungen konnten viele nicht vergessen. Ohne ein Ziel streiften sie durch die Straßen der Stadt oder brachen erschöpft zusammen. Viele suchten nach ihren Familien. Ihre Augen suchten an den Wänden des Roten Kreuzes. Viele der Spätheimkehrer fanden niemanden mehr, vegetierten und erwachten in eines der wenigen Krankenhäuser. Niemand wusste, ob sie sich je wieder erholen würden? Sie brachten Lungenerkrankungen mit, waren völlig unterernährt oder litten einfach an zerbrochenen Seelen. Viele betranken sich, um zu vergessen, wenn es ein Vergessen gab? Nicht selten fand man einen Erhängten im Morgengrauen.

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Hilde konnte jene Nacht, im ersten Nachkriegswinter nicht vergessen. Dann schlich sie den langen Flur entlang, zu den Säuglingsräumen. Half beim Füttern und windeln und fand den Säugling jenes jungen Mädchens. Die Hebamme Ella erkannte sie und sprach sie an. Gab der selbst noch jungen Frau Auskunft. Traurig strich die Hebamme Ella, der kleinen Thea über die Locken. Eine Ordensschwester trat hinter sie: „Na Hildchen, willst du uns etwas helfen? Na ja, es sind so viele Säuglinge, wir können deine Hilfe gut brauchen…“ Dann schob die Schwester den Wagen, mit den vielen Fläschchen wo sich her. Freundlich plauderte beide, bis sie den Saal mit den vielen kleinen Bettchen erreicht hatten. Jedes der Säuglinge erhielt ein Fläschchen. Ungeduldig wartete die junge Hilde, bis sie vor einem ganz bestimmten kleinen Körbchen stand. Dort lag ein kleines Mädchen mit roten Locken. Solange es ihr möglich war, betreute und half sie den Säuglingen. Dann war es ihr nicht mehr möglich. Für Hilde kam eine kurze glückliche Zeit! Heirat, eine eigene Firma und zwei Kinder. Doch sie war nicht glücklich! Die Großmutter starb, sie wuchs, bis zu ihrer Heirat bei einer Tante auf. Ihr „Glück“ war ein trügerisches. Den Mann den sie zu lieben glaubte betrog sie, trank und war kaum ein Vater seiner Kinder.

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Als die Schwester leise die Tür öffnete, schloss Hilde ihre Augen. In dieser Nacht lief das Leben, wie ein Film vor ihr ab. Die elegante Dame saß auf der Bettkante und beobachtete sie im Nebenbett unauffällig. Es beschlich Sie ein komisches, wissendes Gefühl! Beunruhigt rutschte sie hin und her. Traude zögerte, ihre Bettnachbarin anzusprechen. Diese schloss zwanghaft ihre Augen, blinzelte. Es durchfuhr sie wie ein Blitz. Jetzt erkannte Hilde die zierliche Person, die auf der Bettkante saß und es traf sie wie ein Blitz. Das war die junge Frau, die damals, in der Wohnung der Großmama ihr Baby geboren hatte. Dieses junge, magere Ding. Ihr Herz klopfte, als habe sie eine Ahnung. Irgendwie war die sterbende Frau eine Wissende. Sie hatte noch eine letzte Mission zu erfüllen: „Quatsch“, sagte sie zu sich selbst, woher sollte ich diese elegante Dame kennen?“ Hilde war erschöpft, die heftigen Schmerzen begleiteten die Sterbende. Ein anderer Schmerz quälte ihre Seele. Eine Schwester trat leise zu ihr ans Bett, um ihre Schmerzen zu lindern. Doch diese nette Schwester hatte nicht mit dem Protest der Patientin gerechnet: „Bitte Schwester, ich möchte, solange es geht, bei klarem Verstand sein!

Ich habe noch einiges zu erledigen.“ Geheimnisvoll lächelte sie. Immer wieder sah sie zu ihrer Bettnachbarin ihr Gegenüber. Verdächtig pochte ihr Herz. Ihre Seele sagte ihr: „Hilde, du kennst diese Frau!“ Ihr Kopf wollte es nicht glauben. Das konnte nicht sein, schließlich waren mehr als vierzig Jahre vergangen. Der junge Arzt sah nach beiden Frauen. Der Abend und die Nacht schienen endlos lang zu sein. Draußen tanzten die Schneeflocken gegen die Scheiben. Mühsam versuchte beide Frauen ins Gespräch zu kommen. Als habe sie eine Ahnung, dass sie den frühen Morgen, den neuen Tag nicht mehr erleben würde. Die fremde Frau lächelte sie an und stützte sich mit ihrem heilen Arm. Unaufdringlich hielt ihre zarte Hand den Arm und den Rücken, der ihr, wie es schien, fremden Frau. Dankbar lächelte Hilde sie an und wandte ihren Kopf zum Fenster. Unauffällig sah sie die elegante Frau von der Seite an. Wie erstaunt war sie in ein so zartes, blasses Gesicht zu schauen. Diese Frau hatte grüne Augen, und rote Locken umrahmten ihr Haupt. Diese wunderschöne, zierliche Frau, wirkte auf Hilde, wie ein junges Mädchen. Wohl eine vornehme Frau, dachte Hilde. Diese hatte ihren Arm in einem Gipsverband. Und doch hielt sie, sie ganz fest um sie in ihrem schwachen Zustand, einen Blick aus dem Fenster werfen zu lassen. Blitzartig fiel es der Sterbenden ein und sie erschrak! Es schien ihr, als könne sie auf einmal in die Vergangenheit sehen: „Das ist doch, das ist doch …! Die Zweifel schwanden, die Sprache blieb ihr weg. Ihr Herz pochte so laut, dass sie befürchtete, diese ihr noch unbekannte Frau das Pochen hören konnte. In jener noch so jugendlich aussehenden Dame erkannte, die so schwache Frau das junge Mädchen wieder, das damals vor sehr langer Zeit bei der Großmutter ihr Kind geboren hatte. Der Sterbende Körper bäumte sich gegen den inneren Druck gewaltig auf. Der Schmerz zerriss ihre Seele, als der Arzt die Infusion neu einstellte, spürte sie noch einen dumpfen, jedoch erträglichen Schmerz. Sie hasste es, nicht die völlige Kontrolle über ihren Körper zu haben.

Dies waren ihre letzten Gedanken, ehe die Patientin, Frau Jeschke, in einer tiefen, gnadenvollen Bewusstlosigkeit fiel. Im Zimmer war es so still, dass man das Krabbeln einer Fliege an der Wand hätte hören können. Jedenfalls kam es Traude so vor. Ein leises Klappern vom Flur drang durch die Tür. Diese zarte Frau blieb ganz still, ein Weilchen am Bett von Hilde sitzen. Diese schlief, und doch waren all ihre Sinne extrem geschärft. Es war ihr, als stünde sie am Fenster und sähe den tanzenden Flocken zu, ihre freute war groß und sie lächelte im Schlaf. Sie spürte keine Kälte wie damals nach dem schweren Kriegsende.

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Oft gab es keinen Strom, oder Gas. Die Großmutter hatte ein sorgenvolles Gesicht, wenn sie am Herd die karge Suppe kochte. Viele der Nachbarn waren ausgebombt. Die Omama gewehrte, soweit es die Räume der Wohnung zuließ, Unterschlupf. Streitigkeiten waren an der Tagesordnung. Die Großmutter wohnte mit Hilde und der Tante in zwei kleinen Zimmern. Alles war knapp, doch es herrschte Zuversicht, es konnte nur besser werden. Bald waren die Straßen vom Schutt der bombardierten Häuser geräumt. Ohne Angst spielten die Kinder wieder auf den Straßen. Auch fuhren die ersten Bahnen wieder, zumindest, solange es Strom gab. Hilde sah alles so genau vor sich, ja, sie konnte sogar den Geruch der Stadt wahrnehmen. Es roch noch Suppe, nach Staub, aber auch nach Abfall. Noch war der Tod allgegenwärtig. Es wurden immer noch verkohlte Leichen unter den Trümmern gefunden. Tage später fanden kriegsversehrte Männer, neben einer toten Frau noch ein lebendiges Neugeborenes. Lebend geboren schrie es vor Hunger. Sofort nahm das Rote Kreuz sich dieses Kindes an. Es war eines mehr von den vielen namenlosen und heimatlosen Kindern, die dann verängstigt, klein und stumm durch die Trümmer der Stadt irrten. Die größeren Kinder mussten sich durchschlagen, bauten sich aus den Trümmern einen Unterschlupf oder verkrochen sich in leeren Kellerräumen. Hilde lag schlafend in ihrem Krankenbett, und dennoch spürte sie diese schrecklichen Bilder, sie ließen sie nicht los. Komisch, dachte sie, da ist immer wieder dieses Licht! Über die Jahre hatte sie kaum noch einen Gedanken an diese Schreckenszeit verschwendet. Sie war viel zu sehr mit sich dem Geschäft und ihren Kindern beschäftigt. Viele dieser namenlosen Säuglinge wurde adoptiert. Voller schreckten erwachte Hilde, und sah hinüber zum Nachbarbett, dort lag jene Frau mit dem lockigen Haupthaar. Vorsichtig stellte sie die entscheidende Frage: „Darf ich sie bitten, mir eine Antwort zu geben: „Kennen wir uns von früher?“ Längst wurde es auch Traude unheimlich, in der Nähe von dieser ihr scheinbar unbekannten Frau. Sie tat, als würde sie schlafen und die Sterbende wandte sich wieder ihren eigenen Gedanken und Schmerzen zu. Abermals wiederholte sie ihre Frage: „Entschuldigung, ich möchte sie nicht stören, aber ist es möglich das wir uns, von früher kennen?“ Atemlos verharrte die Sterbende, in Erwartung einer Antwort. Traude wagte kaum ihre Augen zu öffnen. Dann setze sie sich auf: „Ja, wir kennen uns, wenn auch nur flüchtig…“ Beide Frauen zeigten sich erfreut und waren beinahe euphorisch. Sie umarmten sich, dass Schicksal hatte sie wieder zusammengeführt. Vorsichtig hob die Bettnachbarin ihren Kopf. Freundlich lächelte sie Hilde Jeschke an. Mit ihrem charmanten Akzent antwortete Sie: „Es sind viele Jahre vergangen und es war eine schwere Zeit: „Wie ist dein Name“, fragte sie Traude?“ Dabei schlug ihr Herz gegen ihre Brust und beide begannen sich gegenseitig ihre Geschichten zu erzählen. Wie das junge Mädchen sich hinter dem Vorhang in der alten Wohnung versteckte und jedes der Worte lauschte. Traude saß erstarr und fassungslos auf ihrem Bett. So rasch holt mich meine Vergangenheit ein, dachte sie. Verlegen und voller Scharmgefühl nickte die hübsche Frau. Hemmungslos begann sie lautlos zu weinen: „Ich möchte meine Tochter suchen! Gott gib mir die Gnade…!“ Sie trat an das Bett der Sterbenden, um sie zu fragte: „Meine Liebe, unbekannte Freundin wissen Sie wohin mein Kind gegangen ist?“ Diese zwei Worte, „mein Kind“ klangen, aus ihrem Mund jetzt so liebevoll und besorgt. Leise gestand Hilde dieser Frau, dass sie, als sie heiratete, dass Kind, ihr Kind, aus den Augen verloren hatte. Sie könne ihr sagen, wo die Kleine bis zu ihrem dritten Lebensjahr sich aufgehalten hatte. Leise betrat abermals eine Schwester das Zimmer, fragte; ob sie etwas für die Damen tun könne? Dann stellte sie den Tropf nach und schlich auf leisen Sohlen wieder davon. Das Zeitgefühl ging beiden Frauen verloren und Tag und Nacht schienen sich nicht mehr zu unterscheiden. Der Schneesturm ließ zwei fremde Frauen zurück, die sich doch so nahe waren. Beide Frauen hielten sich an den Händen: „Das wagte ich nicht zu hoffen“, weinte Traude! Heute schäme ich mich, meine Schuldgefühle wüten in meiner Seele. Ich habe drei wundervolle Söhne, aber kein Tag verging, ohne dass ich mich nicht an mein zurückgelassenes kleines Mädchen erinnerte…!“ Dann erzählte die Sterbenden Frau ihre ganze Geschichte. Doch eines behielt sie für sich. Sie biss ihre Zähne zusammen und kein Wort über ihre Kinder kam über ihre Lippen. Eine Schwester betrat das Krankenzimmer. Aus weiter Ferne vernahm sie die Stimme: „Was wünschen sie?“ Die Sterbende Frau Jeschke war in ihren Wahrnehmungen vor Schmerz völlig betäubt. Alles erschien ihr so völlig ohne Bedeutung, so leicht, alle Probleme tauchten in ein Nichts. Sie sah, dass es finster war, die Nacht erfüllte den Raum. Der Alam hatte angeschlagen, noch schien ihre Zeit nicht gekommen zu sein. Jetzt betrat ein großer, schlanker, älterer Herr das Zimmer und drückte liebevoll ihre Hand: „Sie wollten uns schon wieder verlassen!“ „Es ist noch nicht Ihre Zeit“, hörte sie den Professor sagen.“ Hilde war erstaunt, erst jetzt schien sie zu begreifen. So war es also, wenn man starb! Alle Angst löste sich in ein Nichts auf. Erleichtert atmete sie durch. Ihre Hand bewegte sich ein winziges Stückchen auf der Bettdecke. Allmählich kehrte wieder Ruhe ein in dem eben noch so hektischen Raum. Der Professor fragte sie abermals, ob man ihre Kinder benachrichtigen sollte. Beharrlich schwieg sie und wandte sich von dem Mediziner ab. Dieser verließ kopfschüttelnd das Krankenzimmer. Traude hatte dieses merkwürdige Gespräch heimlich belauscht und ihr Gesicht war voller Mitgefühl. Das Gesicht ihrer Bettnachbarin wies in diesem Moment harte Züge auf und erschrocken trat sie zu ihr ans Bett und strich ihrer noch unbekannten Freundin leicht über ihren Handrücken.

Freundlich reichten beide Frauen sich die Hand. Traude wagte ebenfalls die Frage nach ihren Kindern, diese Episode hatte Hilde in ihrer Erzählung aus ihren Leben verschweigen. Sie bat um Verzeihung, aber zu diesen Fragen wollte sie keine Antwort geben: „Dies sei ihre Privatangelegenheit und sie würde es nicht dulden, dass sich jemand einmische.“ Diese Worte drangen der hübschen Frau tief ins Herz: „Nun gut“, Traude lächelte sie freundlich an. Beide Hände ruhten ineinander, und beide spürte die Wärme einer Berührung: „Darf ich mich setzen“, fragte Traude? Ich werde auch ganz still sein, vielleicht können sie noch etwas schlafen! Diese Nächte sind grauenhaft lang und finster …“ „Schon gut“, sagte Hilde beschwichtigend und schloss ihre Augen. Hilde fiel in einen unruhigen Kurzschlaf. Als sie erwachte, saß Traude neben ihrem Bett und achtete auf ihren Atem. Schließlich erhob sie sich, um den Raum zu verlassen. Sie wollte sich ein wenig ihre Beine vertreten. Frau James schloss, so leise sie konnte, die Tür und Hilde murmelte etwas; dass alles gut werde. Sie hatte eine unendliche Traurigkeit in ihren Augen. Doch sie war zu schwach, um weitere Fragen an Traude zu richten. Draußen schneite es, der Weihnachtsbaum vor dem großen Krankenhaus erstrahlte in einem festlichen Licht. Versonnen schaute die hübsche Frau aus dem großen Fenster in den fallenden Schnee. Doch sie spürte kaum den festlichen Frohsinn. Als sie wieder ins Krankenzimmer zurückkehrte, vernahm sie die Unruhe ihrer Zimmernachbarin. Das bläuliche Licht erhellte den Raum spärlich und fiel wie ein fahler Schatten auf das Gesicht der Sterbenden. Ihr Atem wurde immer schwacher. Erschrocken zuckte sie zusammen, schlug beide Hände vors Gesicht. Sie dachte: „Wie ist das möglich?“, und sie sah Hilde genauer an. Ihre Haut sah tödlich blass aus. Aber sie atmete noch, wenn auch flach. Ängstlich harrte sie aus, sollte sie Läuten, oder diese ihre fremde Freundin in Frieden hinübergehen lassen? Wie wundervoll dachte sie. Und wie finster und kalt war jene Nacht, als sie ihr erstes Kind geboren hatte! Sie hielt ihren schmerzenden Arm in einer Armbinde. Die hübsche Frau stand da und schaute aus dem Fenster hinunter auf die Stadt. Sah ab und zu nach der noch schlafenden die im Sterben lag. Was für eine Zeit, dachte Traude James und zog ihre Schultern hoch, sie fror bei den Gedanken an das Kriegsende. Wie finster war es überall in den Straßen. Hier und da konnte man eine Kerze in den zerbombten Fenstern der Stadt sehen. Der erste Nachkriegsfrühling, es regnete und der Aprilwind wehte den letzten Schnee von den Trümmern. Sie, ein junges Mädchen stolperte, mit „diesem Kind“ im Bauch, suchend durch die Stadt. Sie schüttelte sich und wandte sich vom Fenster ab, es war ihr kalt bei diesen aufkommenden Gedanken. Aus dem Nebenbett vernahm sie den flachen, schnaufenden Atem. Unruhig schlief die Sterbende. Traude, einst Waltraud Brandstätten, machte ihr kleines Licht über ihrem Bett an. Nur jetzt nicht nachdenken! Wie oft hatte sie an das winzige Kind denken müssen, das in jener eiskalten Nacht bei völlig fremden Leuten das Licht oder besser gesagt die Finsternis der Welt erblicken musste. Sie hätte dem Kind nichts geben können. Sie hatte sich geweigert, dem kleinen Wesen einen Namen zu geben. Es in ihren Armen zu halten, es an ihre Brust zu legen. Wieviel Hass hatte sie damals für dieses Kind empfunden. Nie würde sie dieses Kind, ihr Kind finden! Schließlich hatte die herbeigerufene Hebamme die Kleine warm eingewickelt und hinaus in die kalte Nacht getragen. Hilde stöhnte, der Schweiß rann von ihrer Stirn. Erleichtert atmete Traude durch, froh von ihren bedrohlichen Gedanken abgelenkt zu werden: „Soll ich nach einer Schwester läuten“, fragte sie sehr leise und voller Mitgefühl, mit ihrem englischen Akzent. Ihre Hilflosigkeit war Hilde sehr unangenehm. Zeit ihres Lebens war sie eine sehr selbstständige Frau, und darauf war sie zu Recht sehr stolz: „Sie haben einen so netten Sohn“, stellte Traude fest! Ihre Bettnachbarin beeilte sich, klarzustellen, dass Bernd, der junge Mann, nicht ihr Sohn sei, sondern ein Nachbar. Es war ihr sichtlich peinlich, auf keinen Fall wollte sie hier und jetzt über ihre Kinder sprechen. Zu tief war sie beschämt und wandte ihren Kopf auf die andere Seite. Einsilbig zum wiederholten Male antwortete Frau Jeschke: „Ich habe keine Kinder!“ „Oh wie traurig“, bemerkte Traude abermals!“ „Ist schon in Ordnung“, antwortete Hilde. Ihre Stimme wurde immer leiser. Rasch, um dieses Thema zu beenden wechselte die hübsche Frau das Thema und sagte versonnen: „Wie schön diese Stadt ist und wie finster sie war, bevor ich nach Amerika ausgewandert bin.“ Dann wandte sie sich wieder dem Fenster zu. Gedankenverloren, ohne ihre Bettnachbarin aus den Augen zu verlieren.

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Wie traurig und verlassen sie sich damals gefühlt hatte. Wie konnte sie dieser netten Frau erklären, dass sie aus einer jüdischen Familie stammend in ein Lager deportiert wurde? Ausschwitz die Hölle. Auch wenn sie ihre Geschichte bereits in groben Zügen erzählt hatte, hatte sie Hilde doch etliches verschwiegen. Sie hatte ihre ganze Familie, in der Hölle verloren. Mehr als vierzig Personen. Ihre Eltern, ihre jüngeren Geschwister, die Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde sah sie nie wieder. Ein älteres Paar hatte sie, nach der Befreiung des Lagers mit auf die Flucht mitgenommen. Ausgemergelt und völlig entkräftet, ging ihre Flucht immer vor der Front her. Von Polen durch die Tschechei, ein großes Stück durch Prag. In diese so finstere Zeit rückte der Geschützdonner immer näher. Bis sie in der Heimat angekommen war. Viele sahen ihre Heimat nie wieder, vor Erschöpfung blieben sie an irgendeinem Straßenrand liegen und starben in jenem eiskalten Winter. Auf der Flucht wurde ihr Treck von den Russen, den Siegermächten, durchsucht. Ihnen wurden auch noch die letzten Habseligkeiten genommen. Etliche junge, jedoch auch ältere Frauen fielen der Gewalt zum Opfer. Sie wurden oft mehrmals grausamst vergewaltigt. Ihr Blut tropfte auf dem weißen Schnee, ehe sie bewusstlos zusammensanken und starben. Als Traude in der Heimat ihrer Schwangerschaft bemerkte, war es bereit Spätsommer. Niemand wollte ihr helfen!

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Jetzt war sie zurück in der Heimat, um eventuell etwas über ihr namenloses Kind in Erfahrung zu bringen. Hilde, die im Sterben lag, war die Letzte die etwas über ihr Kind wusste. Nicht viel, aber es war ein Anfang. Das so winzige Kind, dass wenige Tage vor Weihnachten, geboren wurde! Wie oft erwachte sie in der Nacht und sah in Gedanken, wie die erfahrene Hebamme mit dem winzigen, hilflosen Kind durch die niedrige Tür verschwand. Schüchtern hatte sich das junge Mädchen bei der alten, Gebeugten Frau bedankt und ebenfalls nach wenigen Stunden, mitten in der Nacht die Wohnung in dieser eiskalten Nacht verlassen. In ihren wohl letzten Stunden ahnen Frau Jeschke, dass sie jener jungen Frau, irgendwann wieder begegnet würde. Die Großmutter hatte ihr noch von dem Wenigen, was sie besaßen, eingepackt. Einige Male sahen sich beide Frauen auf den Trümmern. Es wagte niemand die Andere anzusprechen. Dann war diese hübsche Frau verschwunden. Das winzig kleine Kind trug die Hebamme Ella aus der warmen Wohnung. Traude hatte sich nochmalig, in der Tür stehend umgewandt, blieb unschlüssig im eisigen Hausflur stehen. Auch bemerkte sie den Blick eines jungen Mädchens hinter der Tür. Gut erinnern sie sich, dass sie wütend war und dachte; dummes, neugieriges Ding. Gleichzeitig löste sich ihr Zorn in Scharm. Dieses junge Mädchen war Zeugin ihrer Lieblosigkeit. Eilig schloss sie die Tür, die halb in den Türangeln hing. Wie betäubt schnitt ihr die Kälte ins Gesicht. Sie stolperte über die Trümmer der Stadt und erreichte endlich ihr zerstörtes Elternhaus.

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Völlig erschöpft sank sie im Keller, auf der alten, dreckigen Matratze zusammen. Dann wusste sie nichts mehr. Erst nach Tagen erwachte sie in einem Weibezogenen Bett. Dies schien ihr das Paradies. Als sie hochschwanger mit ihrem Mann, einem US-Militärarzt, in die USA einwanderte, fragte niemand, ob sie jüdisch war. Dies verschwieg sie, die KZ Nummer hatte sie, mit einer scharfen Scherbe entfernt. Und niemand stellte Fragen. Die Einwanderungsbehörde sahen sie freundlich an u fragten nicht und drückten den Stempel in ihren neuen Pass. Erst als ihr Mann vor zwei Jahren plötzlich verstarb, war es ihr klar, es drängte sie zurück in die Heimat. Ihr Mann hinterließ der Familie ein ansehnliches Vermögen. So war Traude James in der Lage sich in ihrem Elternhaus die größte Wohnung zu kaufen: „Später“, dachte sie, werde ich das Haus meiner Eltern zurückverlangen.“ Nichts erinnerte sie mehr an die zerfallenden Mauern, eines stolzen erhabenen Hauses. Viele der ehemaligen jüdischen Bürgerhäuser zierten das Viertel. Sie erinnerte sich an das rege Geschäftstreiben, bis zu Reichskristallnacht. Vorerst mietete sie die größte Wohnung in dem Haus, dem Haus das einst ihren Eltern gehörte und richtete es nach ihren Bedürfnissen her. In den Ersten Nächten weinte sie vor Kummer und den schlimmen Erinnerungen. Dann siegte ihr Stolz. Doch zuvor stand die hübsche Frau staunend und völlig aufgelöst, bei der Landung des Überseefluges auf dem riesigen modernen Flughafen der achtziger Jahre, wieder in ihrer Heimatstadt. Nichts erinnerte mehr an jene zerbombte Stadt der Nachkriegsjahre. Mühsam verbag sie ihrer Tränen, sie stand fremd und voller Aufregung in ihre Heimatstadt. Dabei hatte sie sich geschworen, nie mehr an diesen Ort zurückzukehren. Zu tief saßen ihre Wunden. Sie war glücklich und dankbar ihrem Mann begegnet zu sein. Jeder fand sie bewusstlos in jenem Kellerloch und trug sie auf seinen Armen ins Lazarett. Die Tatsache ihm drei Söhne geboren zu haben, hielt Traude lange Jahre von trüben Gedanken ab. Ein Mädchen hätte in ihr wohl die schmerzlichsten Erinnerungen hervorgerufen. Erst als die Söhne aus dem Haus waren, ihr Mann begraben, fasste sie den Mut, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Es zog sie zurück in die Heimat. Der Flug über den Atlantik machte sie nervös. Mit jedem Kilometer näherte sie sich der Heimat, ohne zu wissen was sie erwarten würde? Sie kam in eines der wundervollsten Städte Europas. Ihrer Heimat! Das Haus ihrer Eltern stand in einem der nobelsten Stadtteile. Beinahe wäre sie in Tränen ausgebrochen. Nach so vielen Jahren, wieder in die geliebte, gehasste Heimat zurückgekehrt zu sein. Eine sehr junge Frau blickte sie voller Mitgefühl an, fragte; ob sie behilflich sein könne? Beinahe schämte sie sich ihrer Tränen. Beeilte sich ein Lächeln aufzusetzen: „Nein, danke ich war sehr lange nicht mehr hier!“ Das alte, sehr noble Bürgerhaus, erstrahlte im neuen Glanz. Damals hauste sie zwei lange Jahre in dem völlig zerstörten Haus, in einem Kellerloch. Jahre zuvor verbrachte Traude mit ihren Eltern Geschwister, vielen Verwandten und Freunde eine unbeschwerte Kindheit. Bis die Bomben alles zerstörten. Und die Hetzjagd begann. Fassungslos stand sie vor dem Haus in dem sie geboren wurde und eine schöne Kindheit verbringen durfte. Dieses erstrahlte, als wäre es nie von einer Bombe zerstört worden.

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Damals, als sie von dem langen Treck geschwächt und halb verhungert im Keller ihres Elternhauses Schutz suchte und feststellte, dass sie ein Kind erwartete. Fühlte das junge Mädchen sich so unglaublich schwach, gezeichnet vom Lager Auschwitz, der langen Flucht und der Schwangerschaft. Von den vielen Vergewaltigungen ganz zu Schweige. Es war Sommer 1945 und die Sonne gab neue Kraft und Hoffnung. Traude schwieg, sie schwieg all die Jahre hindurch. Sie wollte ihr Glück in den USA finden, mit Mann und Kinder genießen, doch die Vergangenheit lässt sich nicht begraben, oder betrügen. Sie blieb allgegenwärtig. Die Suche nach Nahrung hatte in dieser schweren Zeit Vorrang. Wen kümmerte es, ob eine junge Frau ein Kind erwartete und von wem?!

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