Der weiße Kasuar - Paul Hendrik Trilling - E-Book

Der weiße Kasuar E-Book

Paul Hendrik Trilling

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Beschreibung

"Du solltest Zögerlichkeit und Langsamkeit nicht verwechseln. Das eine dehnt den Moment, das andere verpasst ihn." Lange hat sich Tajo dieser Reise versperrt, doch nun könnte es seine letzte sein. Also steigt er auf sein Rad und macht sich auf die Suche nach seinem Sohn, quer über den südamerikanischen Kontinent. Immer wieder muss er sich dabei seinen hartnäckigen Verfolgern stellen, die ihn vor langer Zeit in den tiefen Süden vertrieben hatten. Ein Buch über das Suchen und Finden, den Abenteuern der Straße und der Hoffnung auf eine rettende Begegnung am Ende des Asphalts.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Kapitel EINS

Kapitel ZWEI

Kapitel DREI

Kapitel VIER

Kapitel FÜNF

Kapitel SECHS

Kapitel SIEBEN

Kapitel ACHT

Kapitel NEUN

Kapitel ZEHN

Kapitel ELF

Kapitel ZWÖLF

Kapitel DREIZEHN

Kapitel VIERZEHN

Kapitel FÜNFZEHN

Kapitel SECHZEHN

EPILOG I

EPILOG II

PROLOG

Benommen öffnete Tajo das marode Fenster, gleißend helles Licht fiel in seine Augen. Zittrig hob er seine Hände in Richtung Sonne, die Finger gekrümmt, als hielten sie die Fäden einer gequälten Marionette. Dort draußen spielte sich Merkwürdiges ab: Ein Feuerball durchzog sein noch unscharfes Blickfeld, in Kutten gekleidete Männer bildeten eine menschliche Pyramide, die im nächsten Moment lautlos in sich zusammenfiel. Seine Schläfe pochte. Noch immer trug er das von Erde und Moos gescheckte T-Shirt, das vor kaltem Schweiß an seinem Oberkörper klebte. Müde blickte er sich um: Der Raum war karg, klein und enthielt kaum Mobiliar. Erhellt durch die schräg einfallende, schnurgerade Lichtflut mutete die staubgetränkte Luft dort wie die Geburtsstunde einer neuen Welt an. Partikel flimmerten, blitzten auf, schwebten zu Boden. Über ihm durchzog ein bedrohlicher Riss die gewölbte Decke im Scheitelpunkt; die daran angrenzenden Steine begannen zu bröckeln. Ein modriger, feuchter Geruch lag in der Luft, als würde ihn das Gemäuer mit seinem strengen und uralten Atem anhauchen. Ein Satz wiederholte sich ständig in seinem Kopf, ein Gesprächsfetzen, der sich verzweifelt an einem Vorsprung seines Gedächtnisses festklammerte:

Dies ist der Anfang, nicht das Ende.

Er versuchte zu rekonstruieren, was passiert war, und wo er sich befand. Behutsam setzte er sich auf die mit Stroh gefüllte Matratze des Betts, das hinter ihm an der Wand auf vier morschen Kanthölzern ruhte. Dann zog er eine Dose mit Pillen aus seiner Tasche, von denen er eine Handvoll mit hastiger Bewegung in seinen Mund beförderte. Er wandte seinen Blick erneut zum Fenster: Der Rahmen war etwas schief, wie er nun bemerkte, automatisch neigte er zum Ausgleich seinen Kopf.

Die Welt vor seinen Augen, dort hinter dem schrägen Rahmen, drehte sich schneller als gewohnt. Besser, sie wieder zu schließen, entschied er und legte sich hin. Nach Sekunden war er bereits eingeschlafen.

EINS

Oruro, Bolivien, Juli 2015

Als ich Tajo das erste Mal traf, saß ich von Insektenstichen übersät auf einer Bank vor einem kleinen Bahnhof in Bolivien.

Die Stiche, die mich wie einen dieser invertierten Marienkäfer aussehen ließen, kamen mir nun vor wie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Damals, als ich noch mit meinem Kumpan unterwegs war, um Abenteuer zu erleben, die Luft der Ferne zu atmen und andere Welten zu entdecken. Welten, die mir seit jeher so unwahrscheinlich fern schienen, dass ich sie bis dahin nur als Schauplätze abenteuerlicher Geschichten im Sinn hatte. Urwald, Steppe, Wüste, Inka, Che Guevara – das alles hatte ich bislang irgendwo in Sichtweite des Nimmerlands verortet.

Und doch – nun war ich hier, an einem dieser unwirklich fernen Orte, und ich musste mir eingestehen: in manchen meiner kühnsten Träume erhoffte ich mir, selbst Teil einer solchen Geschichte zu werden.

Die vergangenen zwei Monate in Peru und Bolivien hatten Spuren an mir hinterlassen, wie es sonst nur Jahre vermögen. Es stimmt, was man sagt: Es ist jeder einzelnen erlebte Tag, der einen Menschen zeichnet. Doch dieses kurze Dasein setzte sich für mich aus mehr zusammen als nur aus Tagen: Es war, als durchströmte mich eine Flut ungeahnter Horizonte.

Für unsere Reise hatten wir das uns am würdigsten erscheinende Fortbewegungsmittel gewählt – den Meister an Energieeffizienz und Entschleunigung, den perfekten Kompromiss aus Geschwindigkeit und eigenem Tempo: zwei bis an die Zähne bepackte Reise-Fahrräder – Garanten für körperliche Tortur.

Als unseren Ausgangspunkt wählten wir Lima in Peru, wohin wir uns und unsere Fahrräder einfliegen ließen. Von dort ausgehend hatten wir uns eine grobe Route zurechtgelegt: hinaus aus der Stadt auf die Panamericana, entlang der peruanischen Küste in Richtung Süden, an geeigneter Stelle links, in Richtung Machu Picchu und Cuzco, dann hier scharf rechts, Richtung Süden zum Titicacasee und schließlich zu dem Flughafen von La Paz in Bolivien, von wo aus es wieder in Richtung Heimat gehen sollte.

Wir hatten geplant, die komplette Strecke zusammen zurückzulegen und auch gemeinsam wieder in den Flieger zu steigen. Doch wie so oft kam es etwas anders: Auf der peruanischen Seite des Titicacasees trennten sich unsere Wege. Ich hatte nun doch etwas mehr Zeit im Gepäck, und somit verblieben mir noch ein paar Wochen, in denen ich das Altiplano und andere Landstriche Boliviens auf eigene Faust erkunden konnte. Hin und wieder traf ich Gleichgesinnte, mit denen ich vereinzelte Etappen bestritt, die meisten Meilen fuhr ich jedoch alleine über den staubigen Asphalt. Jede Begegnung auf dieser Reise wäre eine Geschichte wert gewesen, doch die wahrscheinlich interessanteste, und somit Beweggrund für diesen Bericht, fand am Bahnhof der Stadt Oruro statt. Dort tauchte Tajo wie eine Erscheinung neben mir auf.

Nach Wochen des Radfahrens hatte ich mich entschlossen, ein Stück bis zur großen Salzwüste Salar de Uyuni mit dem Zug abzukürzen. Es war früher Nachmittag und mir verblieben noch einige Stunden, bis mein Zug in den Bahnhof einfahren sollte. Indessen manövrierte ich mein beladenes Rad auf den Vorplatz des Bahnhofsgebäudes und nahm dort auf einer der Holzbänke Platz, nachdem ich einige Tauben vertrieben hatte, die sich auf den morschen Planken um eine zerfetzte Brottüte stritten.

Der Bahnhofsplatz war durch einen blauen metallenen Zaun umrahmt, sodass sich das Treiben der Stadt auf die Straße dahinter begrenzte. Ich schlug die Zeit tot, indem ich den Trubel dort beobachtete, ein paar Zeilen in mein Tagebuch kritzelte und mein Rad auf Vordermann brachte.

Irgendwann schloss ich für einen Moment meine Augen, um mein Gesicht der Sonne zuzuwenden. Dann, als ich sie wieder öffnete und etwas benommen zur Seite blickte, grinste er mich an. Kurz zuckte ich zusammen: Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, ob ich eingeschlafen war oder einfach nur nicht gehört hatte, wie er sich neben mich setzte. Nun war er jedenfalls da und offenbar sichtlich erfreut und amüsiert, einen Gringo wie mich hier an diesem Ort vorzufinden. Ein paar Momente musterten wir uns nur. Seine Augen waren leuchtend und voller Glanz. Und dennoch: seinen Blick dominierte das Schwarz in seinen Augen, als ob sie ihrer Aufgaben langsam müde würden oder Trauer trugen. Seine Haut schien mir ledern, doch dabei zerbrechlich wie gealterter Papyrus. Sie war wie ein Filter des Lichts, an dem Unwillkommenes zerschellte und sie dadurch welken ließ. An seiner linken Schläfe bemerkte ich eine wenige Zentimeter lange, grob verheilte Narbe. Man sah sie nicht auf den ersten Blick, erst wenn er sein Gesicht im richtigen Winkel ins Sonnenlicht hielt, schimmerte sie etwas, wie eine feine Perlmuttschicht.

Sein Alter schätzte ich auf vielleicht Fünfzig, er wirkte lebenserfahren und auf eine unerklärliche Art altersmilde, aber dennoch neugierig wie ein kleines Kind. Er hatte graumeliertes, kurzes Haar und trug radlertypische, eher funktionelle Kleidung; von seinen abgelaufenen, löchrigen Turnschuhen lösten sich die hellblauen Sohlen bereits langsam ab. Auch er war mit dem Fahrrad unterwegs: Es war wie eines der vielen Räder, die ich bei einheimischen Radreisenden bestaunen durfte, ein altes, umgebautes und geschundenes Mountainbike, dem man die zurückgelegten zehntausende Kilometer deutlich ansah.

Die Metallkonstruktion des Rads war übersät von einer Patina aus nachlackierten und unbehandelten Roststellen sowie grob geschweißten Nähten. Die Streben waren mit Flaggenstickern und bunten Bändern verziert. Jeweils links und rechts der Räder hingen improvisierte, aber fest verwachsene Radtaschen aus robustem gräulichen Kunststoff. Mein Vehikel war dagegen der reinste Luxus auf zwei Rädern.

Es kam häufiger vor, dass man Radreisende auf den Straßen traf. Man teilte die gleichen Strapazen, die gleichen Handicaps der Fahrräder, die gleichen unbeschreiblichen Erlebnisse auf dem Weg. Ein kurzer Erfahrungsaustausch am Straßenrand, oder ein ausgedehnter wie hier vor dem Bahnhof, half einem dabei, sein Reisemodell auf Dauer nicht als vollkommenen Wahnsinn zu betrachten. Tajo und ich waren somit ebenfalls bereits nach wenigen Worten auf einer Wellenlänge. Wir waren beide unterwegs über die Weite des Altiplano, der Hochebene Boliviens, und auch er wollte seinen Weg etwas abkürzen, indem er eine der wenigen Eisenbahnstrecken des Landes nutzte. Sein Weg führte jedoch in Richtung Norden, meiner gen Süden. Wie er mir berichtete, war er am Morgen dieses Tages in der Stadt Villazón, an der südlichen Grenze Boliviens eingestiegen und dann, kurz vor unserem Treffen, hier in Oruro angekommen. Eilig weiterzureisen hatte er es offenbar nicht, oder wie er es ausdrückte: „Mit geschickt verteilter Langsamkeit erreicht man sein Ziel um einiges schneller.”

Darauf musterte er mich kurz und drückte ohne Vorwarnung auf ein besonders großes Exemplar meiner zahlreichen Mückenstiche am Arm. Er lachte laut auf und sagte: „Du siehst ja aus wie ein Marienkäfer – nur andersherum!”

Ich erzählte ihm, wie ich meinen Fahrradreifen an einer Flusssenke zu flicken versucht hatte. Für die omnipräsenten kleinen Blutsauger stellte ich in den paar Minuten wohl so etwas wie ein Schlaraffenland neben zwei Rädern dar. Tajo unterdrückte nicht ganz erfolgreich ein hämisches Grinsen und nickte dann mitfühlend. Ich kratzte mich am Hals. Dann begann er zu erzählen. Es verblieben noch einige Stunden, bis mein Zug in Richtung Süden eintreffen würde – er hatte einen dankbaren Zuhörer gefunden.

ZWEI

Puebla Cubierto, Argentinien April 2015

Seit einigen Monaten war Tajo bereits unterwegs auf seiner Tour quer über den Kontinent. Wenn er nicht gerade auf seinem Rad saß, lebte er in einem kleinen Dorf an der südöstlichen Küste Argentiniens namens Puebla Cubierto, wo auch diese Reise seinen Anfang genommen hatte.

Sein Leben abseits der Straßen gestaltete er dort ebenfalls so frei wie möglich: Ohne große Ansprüche hangelte er sich mit Gelegenheitsjobs durch die Tage und Monate und meisterte es ziemlich erfolgreich, sich keinerlei Verpflichtungen zu unterwerfen. Dafür eignete sich dieses kleine verschlafene Nest hervorragend, denn Ehrgeiz oder Streben nach Wohlstand zeichneten die Bewohner von Puebla Cubierto nicht gerade aus.

Unverkennbar schlug sich dies im Stadtbild nieder: An den mit grobem Splitt bedeckten Straßen des Ortes standen verfallene Steinhäuser neben rostigen Straßenschildern, die ab und zu vom Küstenwind angeregt hin und her schwangen. Nur selten fuhr ein in die Jahre gekommener, knatternder Pickup über den Schotter, sodass eine Unzahl an Straßenhunden es sich dort die meiste Zeit bequem machen konnte, um das zerzauste Fell zu wärmen.

Der Ort befand sich küstennah auf einer Landzunge, die von oben betrachtet aussah wie ein Wassertropfen, der sich zielstrebig von der Landmasse lösen wollte. Auf der Grenze zwischen der Pampa und Patagonien gelegen, war die Landschaft hier bereits kahl und trist, und nur wenige Besucher verirrten sich freiwillig in die quadratisch angeordneten Straßenzüge. Doch wenn man die Wunder der Natur suchte, war man hier genau richtig: Selbst mit dem Fahrrad waren es nur wenige Tagesreisen zu den Seelandschaften der Anden oder den Gletschern Feuerlands.

Doch so sehr Tajo die wackeren Menschen und das langsame Leben in Puebla Cubierto schätzte, eine längere Zeit hielt er es hier nie aus, denn trotz allem waren hier zu wenige Straßen und zu viele Wände, die ihn einengten. Im Grunde war es somit nur eine Art Basiscamp für seine Reisen.

Auch vor dem Aufbruch zu dieser Tour hatte er nur wenige Wochen in seiner kleinen Behausung verbracht, um die nötigsten Vorbereitungen zu treffen und die dringendsten Reparaturen an seinem Rad vorzunehmen: Der Rahmen war an der hinteren Gabel angerissen, was er bei einer kleinen Autowerkstatt im Tausch gegen etwas Mithilfe im Lager schweißen ließ. Die Kette, Bremsen und Ritzel konnte er gegen wenig gebrauchte ersetzen; seine Radtaschen flickte er mit verschiedenfarbigen Stoffen zu einem bunten Patchwork – wohl wissend, dass sie bereits nach wenigen Kilometern auf der Straße erneut unter einer braunen Staubschicht verhüllt sein würden.

Nachdem er schließlich noch das nötigste Proviant für die ersten Tage, saubere Wäsche und sein altes Militärzelt am Rad verstaut hatte, war er guter Dinge, endlich wieder die geraden Straßenzüge gegen gewundene Andenpässe tauschen zu können. Als erstes Etappenziel hatte er sich das kleine Dorf Patay im Norden Argentiniens gesetzt, in dem einer seiner ältesten guten Freunde, Miguel, lebte. Für diese Strecke würde er etwa zwei Wochen unterwegs sein, schätzte er.

Doch es sollte anders kommen. Während der letzten Monate hatte Tajo nebenbei in einem kleinen Restaurant am Hafen Puebla Cubiertos namens La Covacha ausgeholfen, indem er Fische entschuppte und Teller spülte. Die Arbeit war eintönig und anstrengend, aber für ein paar Stunden mochte er solche Tätigkeiten, für die man seinen Kopf nicht so richtig brauchte und die Gedanken schweifen lassen konnte.

An diesem Tag, kurz vor seiner geplanten Abreise, hatten ungewöhnlich viele Gäste den Weg in das Restaurant gefunden. Wie sich herausstellte, hatte einer der großen Reiseveranstalter das Dorf in seine Route aufgenommen, und nun machte einmal pro Woche ein Reisebus voller Touristen an der Promenade halt. Eigentlich hatte der unmittelbar am Meer gelegene, kurze befestigte Straßenabschnitt nicht gerade viel Sehenswertes zu bieten, wenn man von den fast idyllischen Reihen bunter Fischerboote an den Bootsstegen absah. Die meiste Zeit verbrachten die Touristen deshalb auf weißen Plastikstühlen an weißen Plastiktischen der Restaurants, verkapselt in Fischerhüten und Sonnenbrillen, und tranken Inca Cola und lauwarmes Bier zu frisch gefangenem, durchfrittierten Fisch.

Für gewöhnlich plätscherten die Tage dort hinten in der Küche so dahin, nur selten wurde es hektisch. Doch heute musste er sich tatsächlich anstrengen, um dem Koch zügig genug zuzuarbeiten. Er schnappte Kommandos auf, die zum großen Teil vom Rauschen der Bratorgien in den wagenrad-großen Pfannen geschluckt wurden. Der schweißtreibende Dunst konnte nur durch ein winziges Fenster entweichen, das, vom Fett vergilbt und von Insektenschutzgittern verhangen, seine Funktion so gut wie eingebüßt hatte. Der rostrote Ventilator in der Ecke lief auf Hochtouren, auf seine alten Tage jedoch unrund, sodass er am Ende mehr Lärm als Luft in den Raum wälzte. Man hatte das Gefühl, der sich stetig drehende Rotor-Kopf suche verzweifelt einen Ausweg aus diesem Konglomerat aus Schweiß, Fett und beharrlicher Tristesse.

Tajo zerlegte in diesem Moment einen stattlichen Seehecht, der Plastikgriff seines Messers klebte mittlerweile förmlich an seinen Händen. Das orange-weiße Schweißband wippte an seinen pochenden Schläfen auf und ab. Mit dem bisschen Luft, die er entbehren konnte, pfiff er durch die Zähne eine alte Melodie, die ihm durch den Kopf ging. Als er gerade die Arbeitsfläche für einen Berg weiterer Meerestiere vorbereitete, bis die Unterlage nur noch schwach rosa vom Fischblut schimmerte, durchfuhr ihn ohne Vorwarnung ein kalter dolchstoßartiger Stich im unteren Rippenbogen, der ihn in sich zusammensacken ließ. Er war nicht zimperlich, dennoch erwischte es ihn mit solcher Härte, dass er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Tischplatte festhalten musste. Es war wie der Sog in einen Abgrund, in dessen Schlund er panisch schaute und der keine anderen Gedanken duldete. Mit letzter Kraft klammerte er sich an einen Vorsprung, um nicht hineinzugeraten, und begann zu zählen, um die Kontrolle über sich zurückzuerlangen. Wer zählt, bestimmt, wann es vorbei ist, versuchte er sich krampfhaft einzureden. Einundzwanzig, Zweiundzwanzig, Dreiundzwanzig …

Schon seit einigen Tagen zwickte es ihn ab und zu in der linken Bauchhälfte, bisher hatte er dies jedoch gekonnt ignoriert. Vierundzwanzig, Fünfundzwanzig. Er riss sich zusammen, um nicht laut aufzuschreien, alles spielte sich in seinem Inneren ab. Nur zischendes, tiefes Ein- und Ausatmen zeugte von außen betrachtet von seinem Zustand. Der Koch, der mit dem Rücken zu ihm stand, bekam nichts davon mit – das Fett in der Pfanne vor ihm knisterte weiterhin ohrenbetäubend laut. Sechsundzwanzig, Siebenundzwanzig. Langsam, viel zu langsam flachte der Schmerz ab, und Tajo blinzelte schwer atmend in das neonweiße Licht unter der Decke. Achtundzwanzig, Neunundzwanzig. Seine Gedanken nahmen wieder gewohnte Strukturen an. Dreißig. Noch einmal atmete er weit aus, der Schmerz war verflogen.

Nach seiner Art versuchte er den Vorfall schnell abzutun und redete sich ein, es läge an der monotonen Arbeit in der stickigen Küche; alles würde sich legen, sobald er wieder unter freiem Himmel auf den Straßen unterwegs sein würde. Doch der kleine, panische und verängstigte Teil seines Verstands verschaffte sich etwas Gehör, wenn auch nur aus einer hinteren, weit entfernten Ecke seines Bewusstseins. Vielleicht war doch der Punkt gekommen, einmal auf seinen Körper zu hören? Doch wieder schob er den Gedanken beiseite und machte sich daran, den Fischberg zu dezimieren, und irgendwie brachte er seine Schicht wenige Stunden später zu Ende.

Später am Abend dann, als alle Gäste verschwunden waren, ließen Tajo und Pablo, der Besitzer von La Covacha, den Tag mit einem letzten Bier auf der Terrasse ausklingen, wie sie es sich seit langem zur Gewohnheit gemacht hatten. Über die Jahre waren sie gute Freunde geworden, Pablo hatte ihn stets unterstützt und sah während seiner Abwesenheit in der kleinen Hütte nach dem Rechten.

Die argentinische Folkloremusik, die sonst ganztägig aus den kleinen Lautsprechern unter der Terrassenüberdachung quäkte, war abgestellt. Sie genossen die Ruhe; seit einigen Minuten lauschten sie nun schon der Brandung und bestaunten den klaren Sternenhimmel. Zwei Straßenköter schlichen geduckt über die vom Mond in silbrig weißes Licht gehüllten Bootsstege und tauchten hinter einem zerfaserten Busch wieder ins Dunkel.

„Morgen also?”, fragte Pablo irgendwann in die Stille.

„Ja”, antwortete Tajo.

„Was meinst du, wie lange diesmal?”

Tajo ließ den Kronkorken seiner Flasche über seine Finger gleiten, hielt ihn dann zwischen Daumen und Zeigefinger gegen den Himmel und sagte: „Zunächst will ich nur hoch, zu Miguel – es ist eine Weile her, seit wir uns gesehen haben. Und dann”, er flippte den Kronkorken in ein kleines Glas vor ihm, „dann schaue ich, was die Straße mir anbietet.”

Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Mal sehen, wie weit ich es noch schaffe.”

Pablo hob die Augenbrauen.

„Wie weit du es noch schaffst? Was soll das heißen? Dieser Satz steht dir nicht gerade.”

„Ach nichts.”

Der Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Pickups erhellte den Strand. Tajo nippte an seinem Bier und sagte: „Momentan fühle ich mich nicht ganz auf der Höhe.”

Nun wurde Pablo wirklich hellhörig. Tajo war der letzte Mensch weit und breit, den er jemals hatte klagen hören.

„Ok Tajo. Sag’s mir, was ist los?”

Tajo seufzte kurz, druckste etwas herum, berichtete ihm dann aber von den Schmerzen, die er seit Tagen hatte, und von dem Vorfall heute in der Küche. Dabei untertrieb er noch maßlos und spielte alles so gut es ging zu einer Lappalie herunter. Doch Pablo kannte ihn nur zu gut. Er wusste, dass es ernst sein musste, wenn Tajo mit so einer Geschichte herausrückte.

„Wir fahren zusammen morgen, Tajo.”

„Du willst mich begleiten? Du hasst Radfahren, ich weiß noch, das letzte Mal …”

„Nein, Tajo”, unterbrach ihn Pablo.

„Ins Krankenhaus, du Dummkopf. Wir fahren morgen ins Krankenhaus.”

Am nächsten Morgen stand Pablo mit seinem Lieferwagen vor Tajos Tür. Pablo hatte eine Art, eine Autorität auszustrahlen, der man sich nicht entziehen konnte. Den Weg in die nächstgrößere Stadt mit einem adäquaten Krankenhaus verbrachten sie größtenteils schweigend. Leere Landschaften zogen vorbei, die Verkaufsstände an den Straßenrändern lagen von Staub überzogen und verlassen da. Etwa eine Stunde später setzte Pablo ihn dann vor dem großen, blassgelben Krankenhaus ab.

„Ich muss noch einige Dinge erledigen. Ich komme dich später abholen, ok? Wir treffen uns hier. Dort an der Bank.”

Er zeigte mit ausgestreckter Hand auf eine abgenutzte Sitzbank hinter Tajo, auf der gerade eine ältere Dame in hellblauem Krankenhaushemd und mit einem dunstigen dünnen Schlauch unter der Nase eine Zigarette rauchte.

Mit einem kurzen Nicken gab Tajo sich einverstanden und trat mit einem kleinen Zettel, den Pablo ihm in die Hand gedrückt hatte, durch die knarzenden Glastüren. Auf dem vergilbten Papier stand der Name des Arztes, den er aufsuchen sollte. Pablo hatte ihn noch vor ihrer Abfahrt angerufen.

Er wusste nicht, wohin mit seinen Gedanken. War er nur hier, um Pablo einen Gefallen zu tun? Machte er sich selbst Sorgen? Eigentlich traf nichts davon zu, stellte er fest. Er musste diese Sache nur noch schnell erledigen, bevor er seine Reise antreten konnte. Kurz hier zum Doktor zur Untersuchung, dann noch zur Bank, das bisschen Geld abheben, das er besaß, dann – nicht vergessen – Reis und Brot besorgen. Eine weitere lästige Vorbereitung.

Er erfuhr es in einem stickigen Raum, in der oberen Etage des in die Jahre gekommenen Baus. Die Atmosphäre hier hatte sich durch die allgegenwärtigen Ventilatoren, gepaart mit der notorischen Hitze und Hektik auf den angrenzenden Fluren, zu einem Kopfschmerz bereitenden Cocktail der Unruhe verdichtet. Tajo saß, vielmehr klebte auf einem mintgrün bezogenen Stuhl, der seine Pflicht bereits vor Jahrzehnten erfüllt hatte. Der Lichteinfall durch die halb zugezogenen Gardinen wurde von einer Unzahl an Staubpartikeln gestört, die sich, wie angesteckt von der herrschenden Unruhe, in einem Zustand ständigen Chaos‘ zu befinden schienen. Ungeduldig und mit den Gedanken schon wieder auf seinem Fahrrad sitzend, erwartete Tajo die Diagnose des Doktors. Der ließ sich Zeit und versuchte durch eine unverfängliche Gesprächsführung eine entspannte Atmosphäre zwischen den ganzen Störfaktoren herzustellen. Langsam schlich sich ein ungutes Gefühl bei Tajo ein – wenn sich ein Arzt hier so viel Zeit für einen Patienten nahm, konnte es sich nicht um einen leichten Schnupfen handeln –, und so war es: Der Schatten hatte sein Wurzelwerk bei Tajo bereits weit verästelt. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, zu tief und zu weit hatte sich der Fremdkörper eingenistet; zu spät hatte Tajo den Symptomen Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schmerzen könne man für die verbleibende Zeit gut in den Griff bekommen, versicherte ihm der Arzt, auch für das wenige Geld, das Tajo zur Verfügung stand.

Tajo blieb still.

Während der Arzt auf mögliche Erschwernisse, Behandlungen und Szenarien einging, vermischten sich in Tajos Wahrnehmung das Stimmenwirrwarr, das Flattern der Ventilatoren, die drückende Hitze und die monotone Stimme des Arztes zu einem weißen Rauschen, dessen Frequenz nach und nach abflachte, wie bei einer Schallplatte, der man den Antrieb abschaltet. Sein Fokus wanderte von den überall auf den Tischen verstreuten unnützen Utensilien, weg von der Hornbrille, die auf der schwitzenden Nase des Arztes immer wieder abrutschte, hin durch das Fenster, zu einem Strommasten auf der anderen Seite der Straße, auf dem eine Reihe Zugvögel ihren Platz gefunden hatte. Im Hintergrund flogen einige weiße Cirruswolken dahin, scheinbar wie im Zeitraffer. In seinem Kopf: Leere.

An die nächsten Stunden erinnerte er sich nur schemenhaft. Es war, als ob er sich selbst aus dem Krähennest eines Schiffes beobachtete. Ein kleiner Tajo, der über das Deck irrt, während die flatternden Segel da unten ihm immer wieder die Sicht rauben.

Er sah sich dabei zu, wie er das Krankenhaus über den grünen, welligen Linoleumboden verließ, die Türe nach draußen aufstieß und die schwüle, schwere Luft einatmete. Er hörte sich selbst zu Pablo sagen: „Es ist alles gut, hat der Arzt gesagt. Ich muss mich nur etwas ausruhen.”

Wie durch einen Tunnel glitt er bis zu seiner Hütte. Pablo glaubte ihm kein Wort, doch er wusste, dass er nichts aus ihm herausbekommen würde, wenn er es erzwingen wollte. Also setzte er ihn zu Hause ab und verabschiedete sich mit besorgter Miene: „Ruh dich etwas aus, ich komme später wieder vorbei, ok?”

Wieder gab Tajo sich mit einem Nicken einverstanden und antwortete: „Geht klar, danke dir Pablo.”

Doch er dachte nicht an Ruhe. Nachdem er seine Hütte betreten hatte, holte er sein gepacktes Rad, das hier auf ihn wartete, und schob es zur Eingangstür. In seiner Jackentasche fühlte er eine Plastikdose voller Medikamente, die der Arzt ihm noch in die Hand gedrückt hatte. Instinktiv war sein einziger Gedanke: Los. Los! Nur fort von hier.

Vorsichtig lugte er aus der Tür, um zu prüfen, ob Pablo noch zu sehen war. Die Luft war rein, und er fuhr beinahe panisch los, über die holprige Staubstraße zur nächsten Abzweigung auf die große Hauptstraße Richtung Panamericana. Erst nach dem fünften hupenden Auto, mitsamt schimpfendem Fahrer, besann er sich auf das, was hier eigentlich gerade passierte. Verdutzt blickte er sich um, doch es ging weiter wie im Zeitraffer, er hatte bereits die viel befahrene dreispurige Hauptstraße erreicht. Die gelben Markierungsstreifen auf dem Boden flogen vorbei, die kratergroßen Schlaglöcher unter ihm zwangen ihn zu einem Zickzack-Kurs. Neben der Straße türmten sich Müllberge, auf denen sich Möwen und Straßenköter um Fleisch- und Fischabfälle stritten. Gerüche von Abgasen, Essensresten, verwesenden Tierkadavern, Müll und erhitztem Asphalt vermischten sich zu einer unangenehmen, stechend süßlichen Note. Die vorbeiziehenden Trucks präsentierten ihr gesamtes Portfolio an Hupfanfaren, im Irrglauben, ihn dadurch anzufeuern.

Er spürte das Blut an seinen Schläfen pulsieren, hatte schließlich nur noch Augen für das Kaleidoskop in Grau am Boden, auf das er sich bei seiner Slalomfahrt konzentrierte. Er schnappte nach Luft, alles ging zu schnell. Von jetzt auf gleich hörte er auf zu trampeln und ließ sein Rad langsam ausrollen. Den Blick leer geradeaus gerichtet, ruckelte er noch durch ein paar kleinere Unebenheiten im Asphalt, bevor sein Rad zum Stillstand kam, er es an die Leitplanke lehnte, seine Trinkflasche aus der Halterung zog und sie mit geschlossenen Augen in einem Zug leerte – nichts konnte in diesem Moment wohltuender sein, als dieses Element. Er fand zurück zu klaren Gedanken.

Besonders eine Sache schoss ihm nun durch den Kopf: Obwohl er jegliche Bindungen und Schranken aus seinem Leben verbannt hatte, gab es doch etwas, das seit Jahren unerreichbar für ihn gewesen war. Die Endgültigkeit, die sich ihm so plötzlich und ungefragt aufgedrängt hatte, rückte ihm diese Fremdbestimmtheit jetzt auf das Schmerzlichste ins Bewusstsein. So lange wurden ihm Grenzen aufgezwungen, so lange hatte er seinen Sohn Nathaniel nicht aufsuchen können, so viel von ihm hatte er verpasst.

Beinahe kam es ihm vor wie ein vergangenes Leben: Damals, als er zur Flucht aus seinem Heimatland Kolumbien gezwungen worden war. Er hatte es sich mit der sogenannten Bewegung verscherzt, die dort mit ihren Guerilla-Kämpfern die Ländereien in Schach hielt. Das alles war mittlerweile schon fast zehn Jahre her, doch noch immer hatte er sich nicht zurück gewagt.

Dabei war ihm klar, dass die Furcht vor der Bewegung mittlerweile nicht mehr begründet war. Er konnte davon ausgehen, dass durch Generations-, Orts- und Machtwechsel seine damalige Flucht inzwischen in Vergessenheit geraten war. In diesem klaren Moment musste er sich eingestehen, dass es vielmehr seine eigenen Ängste und verpasste Gelegenheiten waren, die ihn davon abhielten, seinen Sohn aufzusuchen. Hinzu kam, dass er eigentlich nichts Genaues über dessen derzeitigen Aufenthaltsort wusste. Aus Vorsicht und Angst vor der Bewegung hatte er den Kontakt abgebrochen.

All das ging ihm nun bewusster denn je durch den Kopf, und langsam setzte er sich wieder in Bewegung. Als er die nächste Abfahrt erreichte, entfernte er sich von der mehrspurigen Schnellstraße, der rußigen Luft und dem Lärm und folgte einem Ortsschild in Richtung Punto Hermosa, einem an der Küste gelegenen Ort – ein guter Platz zum Verschnaufen. Tajo kannte sich hier aus, der Strand war rau, schön und meist menschenleer.

Einige Minuten später passierte er das Ortseingangsschild und fuhr über die ebene, von Sand und Staub bedeckte Hauptstraße des Ortes in Richtung Atlantik. Sie war gesäumt von zerbrechlich wirkenden, filigranen Straßenlaternen, die wie Insektenfühler über den Schotter ragten. Der Mittelstreifen war mit ein paar kargen, halb verdorrten Sträuchern bepflanzt, als würden sie die Lebenden von den Toten trennen.

Nachdem er den Strand ein paar Minuten später erreicht hatte, fuhr er gerade noch so weit, dass seine Reifen bis zu den Speichen im Sand stecken blieben. Er legte sein Gefährt samt Gepäck behutsam ab und setzte sich auf den kühlen Boden.

Die Hände auf dem Schoß gefaltet beobachtete er die Wolken, die sich von den flirrenden Cirrus-Gebilden zu behäbigen Schäfchenwolken entwickelt hatten. Konzentriert überlegte er, wie er mit den neu gemischten Karten umgehen sollte, und nachdem er einige Zeit den körnigen Sand durch seine Finger hatte rieseln lassen, entschied er sich gegen die offensichtliche Lösung, gegen eine Lösung, die sein Zustand nahelegen würde. Er entschied sich für die Flucht nach vorn, auch wenn er nicht wusste, wie weit er kommen würde und wie lange er durchhalten könnte. Er würde seine geplante Tour fahren und sie zudem noch ausdehnen. Denn dies war, wer er war und wer er sein wollte – wie ein Zugvogel in ständiger Bewegung. Ein letztes Mal wollte er diesen seinen Kontinent bereisen. Doch dieses Mal wollte er seine Ängste vergessen – zu verlieren hatte er ohnehin nichts mehr.

Sein Ziel war klar: Kolumbien, seine verbotene Frucht, das Land, in dem er seinen Sohn zurückgelassen hatte – der Ort, an dem alles begann. Er wusste, dass ihm das einiges abverlangen würde, doch gleichzeitig spürte er, dass es nicht unmöglich war.

Mittlerweile hatte sich das Meer langsam auf ihn zugearbeitet. Er ließ sich vom nasskalten Sand die Zehen kühlen und spürte durch den salzgetränkten Wind jede Pore seines Körpers. Auf den sanften Wellen flimmerten Sonnenstrahlen, von denen sich einige Möwen abhoben. Tajo beobachtete sie, wie sie im ständigen Konkurrenzkampf ihre Einflugschneisen zu den begehrten Fischbeständen verteidigten und wie angeschossen in die See tauchten, um dann lebendiger als zuvor mit einem Fisch im Schnabel wieder aufzutauchen. Das Meer funkelte, als ob tausende Sonnen geboren würden, um dann sogleich wieder zu verglühen. Er konnte wieder frei atmen.

So begann er seine Reise, die wohl seine letzte sein würde. Für eine Zeit blieb er einfach hier sitzen, ließ sich von den letzten Strahlen der Abendsonne sein Gesicht wärmen und entwarf dabei in seinem Kopf eine grobe Route in Richtung seiner Heimat.

Irgendwann wurde es Abend, und die Sonne verging als verstohlene blass-orangefarbene Scheibe hinter dem Horizont. Tajo lauschte noch eine Weile dem König der Geräusche: dem an- und abschwellenden Rauschen des Meeres. Die Nacht war mild, Tajo verbrachte sie dort im Freien und schlief so gut wie seit langem nicht mehr.

DREI

In den nächsten Tagen fand Tajo schnell wieder in seinen gewohnten Trott. Dennoch spürte er, dass er nicht mehr die gleiche Ausdauer wie noch vor wenigen Wochen hatte – er brauchte mehr Pausen, und seine Wasserreserven gingen spürbar schneller zur Neige. Das Gleiche galt für seine Essensvorräte, von denen lediglich noch ein paar Notfallrationen der in Plastik eingeschweißten Fertigprodukte übrig waren. Höchste Zeit also, die Vorräte wieder aufzufüllen. Die letzten Kilometer war er lediglich an kleinen Häuser-Ansammlungen vorbeigekommen, an denen er sich bestenfalls mit Wasser und anderen Kleinigkeiten versorgen konnte. Eine größere Auswahl an Lebensmitteln war meist nur in den größeren Ortschaften mit organisierten Märkten zu finden.