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Eine Studie über den Albtraum, die Angst, über Dinge, die in unserem Kopf ihre Runden drehen und immer wiederkehren. Es sind nur Bilder, nur Schnappschüsse aus unserem Inneren. Und doch lassen sie unser Herz verkrampfen, wenn sie uns einmal mehr bewusst werden. Wir versuchen sie vielleicht sogar loszuwerden, sie zu verdrängen oder zu leugnen. Aber was, wenn wir uns ihnen ganz hingeben? Wenn wir sie mit allen Einzelheiten beschreiben, sie von einem flüchtigen Augenblick zu einer fassbaren Erzählung verarbeiten und am Ende genau dadurch die Angst verlieren und vielleicht sogar Bewunderung für sie finden. Der Protagonist Yksin wird von düsteren Wahrnehmungen heimgesucht, von ihnen verfolgt und von ihnen schließlich selbst hinab in absurde Abgründe seiner Existenz gezogen, um sich ihnen dort zu ergeben und mit ihnen zu verschmelzen. Eine kurze Lektüre, die aufmerksamen Lesern umso länger im Gedächtnis bleiben wird.
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Seitenzahl: 63
Veröffentlichungsjahr: 2020
Der Autor Marlin Gerken wurde im Jahr 2000 in
Deutschland geboren, lebte aber in seiner
Kindheit sieben Jahre lang in Portugal. Die Zeit
bis zur mittleren Reife verbrachte er wieder in
Deutschland, doch zog er schon im Alter von 17
Jahren von zu Hause aus, um seinen
Schulabschluss in Österreich zu erlangen. Dort
begann er anschließend sein Studium und
wechselte 2020 vom Studiengang Kunstgeschichte
zu Soziologie. Schon früh zeigte er Interesse und
viel Hingabe für Zeichnen und Malen und bald
auch für das Schreiben fantastischer Geschichten.
Mit Der weiße Poet wagt er seine erste
Veröffentlichung.
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Über einen einfachen Holztisch gebeugt, den Kopf in die Linke gestützt, mit der Rechten einen abgenutzten Bleistift haltend, las Yksin in einem gewaltigen Kompendium. Daneben lagen weitere Lexika, ein Block, vollgekritzelt mit bilderlosen Figuren und eine Tasse, deren Inhalt, weil schon lange nicht angerührt, bereits abgekühlt und abgestanden zwischen dem Porzellan dahinverweste. Doch er las nicht, nein, er starrte durch das bedruckte Papier hindurch in die unheimliche Finsternis seiner Gedankenwelten. Unkontrolliert schwenkte sein Sichtfeld von einem weiß-kalt beschienenen Fleckchen Elend zum anderen, da waren graue Körper, die tot gestapelt zwischen schwarzem Gestein lagen; ein Weg gesäumt von den Überresten in einem Sumpf verrotteter Baumstämme. Spitz ragten letzte verschlammte Holzstücke dem Wandernden entgegen; der junge Mann wandelte auf dem Pfad, wich vor drohenden Stacheln zurück, die aus dem Nebel stachen, von denen pechgleiche Flüssigkeit tropfte und sah bald dort vorne ein Licht. Zügellos war der Wille, mehr zu sehen, tiefer vorzudringen, in die unerforschten Welten, die da geradezu ungreifbar direkt vor ihm lagen. Es schüttelte ihn ruckartig, sodass er wohl endlich zu seinem Werke zurückkehren würde, welches es galt, bis zur vorgesetzten Frist zu vollenden. Aber dieses war so nichtig und unwichtig, er sah keinen großen Sinn darin, deshalb wollte er lieber hastig in die Ferne, wo es noch so einiges zu erforschen gab. Das war sein Sinn, das wollte er sehen, ohne weiter warten zu müssen, denn das Warten war es, was ihm seinen Wahnsinn bereitete.
Da musste er lächeln, gerne wäre er in lautes, haltloses Gelächter ausgebrochen, bei dem Anblick dieses Schauspiels, das ihm nun dargeboten wurde: Wie sie alle hinter einem Gespinst herliefen. Er sah sie die Arme danach ausstrecken, wie die Gesichter sich zu denen von Toten verzogen, röchelnd aber vergebens strebend nach dem Glück, und doch hielt keiner Inne.
Wie einen Tresor voller Schätze, die er nicht wollte, klappte er das fette ungelesene Buch zu. Er stapelte den Turm aus Papier neben sich auf, verstaute seine Materialien und blieb vor einer freien Fläche sitzen, die da lag, wie eine sandige, sonnige Bucht zwischen hohen, steilen, schwarzen Felsen. Sein Blick wanderte jetzt aus dem Fenster, als würde er dem Horizont entgegen spähen. Warmes Licht schickte ihm die einzige Straßenlaterne weit und breit entgegen, als er sie, wie er es bereits die vergangenen Tage gepflegt hatte, grüßte. Ringsherum war es dunkel, nur ein Spinner flatterte golden beschienen um das Licht, so göttlich in der Nacht. Ein Riss im Glas der scheinwerfenden Lichtquelle reflektierte seltsam das Glühen, dorthin zog es den kleinen Schmetterling, durch ein rundes Loch hindurch in den hell erstrahlten Raum. So viel Helligkeit, direkt dort vorn die Quelle allen Lebens. Er schwirrte darauf zu, freudig und unbehelligt auf, auf in das ewige Leben! Ein Zittern und Zucken, ein Blinzeln – und das Leben erlosch knisternd in der Nacht. Ein Funken flog in die Finsternis, da war nichts mehr, die Lampe war tot.
Der junge Mann schüttelte den Kopf, wandte seinen Blick vom Fenster ab, das jetzt als schwarze, stille Kerbe seine Wand zierte. Berührt von der Lächerlichkeit entwich ihm ein leiser, verächtlicher Atemstoß.
Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, dass es ihm so wie jetzt wieder in den Kopf kam: Er hatte an diesem Tag wieder allein den Weg, für den ein jeder 24 Stunden benötigte, angetreten und würde ihn auch allein beenden.
„Nicht weinen, mein Kleiner“, entwich es ihm, „ach verdammt!“, er hatte es wieder getan. Die Stimme zu erheben, wenn er allein war, berührte ihn ein jedes Mal aufs Neue mit Peinlichkeit. Wenn dabei seine Stimme immerhin eine gewisse Festigkeit gehabt hätte, aber im Gegenteil, sie musste sich so weich verformen, als wolle sie ihn dabei tröstend streicheln. Er umklammerte seinen Schädel. Dergleichen brauchte er nicht, er schüttelte seinen Kopf, als könnten aus demselben so die reizenden Gedanken herausfallen, wie Geldstücke aus einem prall gefüllten Sparschwein.
Schon seit geraumer Zeit folgte er jetzt einem anderen Rhythmus, doch er konnte sich nicht daran gewöhnen, in Stille zu frühstücken, keine Stimme zu hören, die das belangloseste Gerede vor sich hin schnatterte, wie eine Stockente auf ihrem Teich. Nie hatte ihn der Inhalt des Gesagten interessiert, die Stille jedoch war ihm noch weniger lieb als das Gefasel seiner Familie.
Es war bestimmt schon vor Ewigkeiten gewesen, als er die Eingangshalle des großen majestätischen Altbaus betreten hatte, mit dem Gedanken, dass er von nun an für die nächsten Jahre täglich durch diese Pforten treten würde. Es war vor Urzeiten ein Same in sein Bewusstsein gesetzt worden, der in ihm gewachsen war, sich tief verwurzelt hatte und ihm sagte, dies würde der richtige Weg sein. Doch die letzten Jahre hatten begonnen, die Wurzeln auszutrocknen, Skepsis zu sähen und andere Möglichkeiten abzuwägen. Ein freier Geist findet sich schwer in einem Gefängnis zurecht. Geleitet von einem System, reihten sich die jungen Menschen, die glaubten, so aus ihrem Leben etwas machen zu können, in die Reihen ein. Tief verankert war der Glaube, zu lange schon saßen die Menschen in ihrer Höhle und wehrten sich, die Schatten an der Wand zu hinterfragen. Ein Spiel, das sich bis in die Unendlichkeit fortführte.
„Ach, hör auf“, zischte er, griff sich an die Stirn, biss die Zähne zusammen, kniff die Augen zu, schüttelte den Kopf. Gedanken – welch ein riskantes Unterfangen.
Lichter aus, Vorhänge zu, Taten der Reinlichkeit vollbracht, unter die Bettdecke und an die Zimmerdecke starren. Je länger er starrte, desto scheinbar heller wurde es wieder im Raum – keine gute Voraussetzung für Schlaf. Er wusste, er würde innerhalb der nächsten Stunde nicht einschlafen, also suchte er sich etwas, worin er verschwinden konnte.
Er fiel aus dem Schwarzen direkt auf eine grüne Wiese, das Gras so frisch, die Blumen insektenanlockend. Er rappelte sich auf, lief durch die Wiese, fand einen ausgetretenen Trampelpfad, dem er folgen wollte. Vor ihm tauchte ein Wald auf, doch der Weg führte ihn nach links an eine Brücke aus alten, grauen Steinen, bewuchert von Flechten, die einen kleinen Bachlauf überspannte. Er hörte das freundliche Gluckern des Baches und bevor er seinen Weg fortsetzte, wollte er diese Gegebenheiten genießen. Er kletterte auf das breite Steingeländer und ließ die Beine herunterbaumeln. Unter ihm floss das Wasser klar und glänzend über Steine, Sand und Algen, wurde dunkler. Er zog den Kopf etwas zurück, er wollte nicht von der Brücke fallen, schaute nach links, wohin der Weg ihn wohl führen würde. Es war ein Weg zwischen zwei Wäldchen hindurch, Insekten schwirrten, Vögel zwitscherten, Laub säuselte. Zurück zum Wasser zog es seine Augen. So dunkel war es vorher nicht gewesen. Der Boden entfernte sich zuerst langsam, dann immer schneller. Wurde das Wasser tiefer? Er blinzelte, kniff die Augen zusammen. Da war es verschwunden das Bächlein, der Boden brach in die Tiefe, das Wasser stürzte hinweg in die Dunkelheit. Aus dem Bach war eine Schlucht geworden, tiefer als er sehen konnte. Das Gleichgewicht verließ ihn, auch er stürzte hinab in die Tiefe.
