Der weiße Rabe - R. S. Volant - E-Book

Der weiße Rabe E-Book

R. S. Volant

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Beschreibung

Erneut hat das Schicksal Henry und Amanoue getrennt und so wartet Amanoue seit seiner Flucht zunächst vergeblich auf eine Nachricht von Henry, da sein einstiger Geliebter nur noch ein Ziel vor Augen zu haben scheint: Rache zu nehmen, an den Verrätern und vor allem an seinem Schwager Rudolf, der sich selbst zum Gegenkönig ernannt hat. Um seine Rachepläne zu verwirklichen, muss Henry sich allerdings endgültig von Amanoue lossagen und so bleibt ihm nur eine Möglichkeit. Er sucht Amanoue doch noch einmal auf und sagt ihm offen ins Gesicht, dass es kein Platz mehr in Henrys Leben für ihn gäbe und es das Beste wäre, wenn Amanoue zurück nach Asconien kehre. Auch wenn er damit Amanoue das Herz bricht, für Henry gibt es von nun an keine Alternative mehr, da er damit auch das Leben seines Geliebten schützen möchte und so kehrt `Das Licht von Asconien´ notgedrungen zurück in seine Heimat. Während Henry einen aussichtslosen Krieg führt, heiratet Amanoue wie vorgesehen die Erbin des Sultans und besteigt selbst den asconischen Thron. Nach außen hin für jeden scheinbar glücklich, führt er ein unbeschwertes Leben an der Seite seiner Gemahlin. Seine große Liebe kann Amanoue dennoch nicht vergessen und so verschwindet er eines Tages spurlos. Aber das ist noch nicht alles. Ein seltsamer Rabe tritt plötzlich in Amanoues Leben und stellt sich als sein wahrer `Vater´ bei ihm vor um ihm fortan beizustehen. Doch kann man einem Dämon wirklich vertrauen? Hin und hergerissen von seinen Gefühlen und in seiner Einsamkeit, fällt Amanoue eine schwerwiegende Entscheidung, die sich später auf alle seine Freunde und auch auf Henrys Leben auswirken soll…

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Seitenzahl: 1065

Veröffentlichungsjahr: 2022

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R. S. Volant

Der weiße Rabe

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Verlorene Träume

2. Wilhelms Plan

3. Vater und Sohn

4. Das Wiedersehen

5. Aufbruch ins Ungewisse

6. Die Reise nach Asconien

7. Das Licht kehrt heim

8. Der Fürst von Cartagena

9. Die Hochzeit

10. Der Krieg

11. Der Engel der Armen

12. Der einsame Kaiser

13. Ein Wink des Schicksals

14. Für immer und ewig…

15. …vereint

16. Epilog

Impressum neobooks

1. Verlorene Träume

„Wo steckt diese Straniera schon wieder?! Manu!“, hallte es über den Hof hinweg und Amanoue schlenderte lustlos auf die energische Frau zu.

„Ja, Herrin?“, fragte er in demselben Dialekt und mit demütig gesenktem Blick.

„Wo hast du gesteckt? Ich suche schon seit heute Morgen, nach dir!“, schnauzte die Herrin des Hofes ihn an.

„Isch war im Stall“, antwortete Amanoue achselzuckend.

„So lange?! Du brauchst für alles eine Ewigkeit, Mädchen!“, warf die Bäuerin ihm mal wieder vor und zupfte sofort an seinem Kopftuch herum. „Da sieht man zu viel von deinem Haaransatz! Hast es schon wieder falsch gebunden! Was sollen da die Leute denken, hm?!“

„Welsche Leute?“, kam es zynisch von Amanoue zurück und er wagte es kurz, Falcos Mutter anzusehen. „Hier sind doch immer nur die gleischen!“

„Ach Papperlapapp, widersprich mir nicht, du freches Stück! Los, hilf mir, mit den Gänsen!“, blaffte sie barsch zurück.

Amanoue nahm verständnislos den Kopf zurück. „Und wobei? Isch habe sie schon gefüttert und hinausgetrieben“, antwortete er fast ein wenig schnippisch.

„Ich habe dir gestern Abend gesagt, dass du das eben nicht tun sollst! Aber wie immer, hast du nicht zugehört! Was soll nur aus dir werden?! Eine gute Bäuerin, bestimmt nicht! Na da, hat sich mein Sohn ja was eingehandelt, mit dir“, setzte sie tadelnd nach, drehte sich um und marschierte forsch los. „Na komm schon!“, rief sie auffordernd und Amanoue dackelte ihr hinterher.

Sie gingen zur nahen Wiese, auf der die Gänseschar munter schnatternd graste und die Bäuerin deutete auf die andere Seite. „Na los, treib sie zurück in den Stall!“, rief sie befehlend und breitete selbst die Arme aus. „Husch, husch! Macht, dass ihr reinkommt!“, trieb sie die Tiere energisch vor sich her und Amanoue beeilte sich, einigen Ausbrechern den Weg abzuschneiden.

Auch er wedelte mit beiden Armen dabei und so scheuchten sie die empört schimpfenden Gänse zurück in die Geflügelscheune. „Schließ die Tür, rasch!“, sagte Falcos Mutter, als auch die letzten Nachzügler, die immer wieder versucht hatten zu entkommen, endlich durch das Tor gewatschelt kamen.

„Ist ja gut, warum seid ihr denn heute so aufgeregt?“, sprach Amanoue beruhigend auf die verstört wirkenden Tiere ein, die sich nun eng in einer Ecke zusammendrängten.

„Weil sie wohl schon merken, was ihnen gleich blüht“, meinte eine der Mägde, die bereits im Stall gewartet hatte, mit einem hinterlistigen Grinsen. „Wie viele?“, wandte sie sich an die Hofherrin.

„Fünfzehn! Wir brauchen schon fünf für uns selbst und die anderen kommen auf den Markt“, entschied diese und beide Frauen bewegten sich auf das aufgeregte Federvieh zu. „Was stehst du da, wie angewurzelt, na los hilf uns! Stell dich da drüben hin und pass auf, dass sie nicht entwischen“, forderte sie Amanoue erneut auf.

„Äh, wieso? Was wird das `ier?“, stammelte der nichts Gutes ahnend zurück und die Frauen sahen ihn beinahe verblüfft an.

„Na was wohl? Die werden heute geschlachtet! Deshalb sollten sie ja im Stall bleiben“, erwiderte Sophia, die Magd.

„Wir werden ihnen jetzt die Hälse umdrehen“, meinte nun auch die Herrin wie selbstverständlich und Amanoue starrte sie entsetzt an.

„Wie bitte? Nein, das kann isch nischd, sowas `abe isch noch nie gemacht“, wehrte er mit beiden Händen wedelnd und zurückweichend ab.

„Dann wirst du es eben lernen! Schau zu“, sagte die Bäuerin kalt, packte blitzschnell eine der Gänse hinter dem Kopf, hob sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum, bis das Genick des in Todesangst schreienden Tieres knackend brach.

Wäre Amanoues Haut nicht von Natur aus eher von einem dunkleren Ton gewesen, wäre er mit Sicherheit kalkweiß im Gesicht geworden. Mit einem erschrockenen Aufschrei, den er sofort mit einer vor dem Mund geklatschten Hand erstickte, riss er die leuchtend grünen Augen auf und als die Magd bereits eine zweite Gans auf diese Weise tötete, kippte er einfach um und fiel in Ohnmacht.

„Das auch noch! Ist dieses dumme Weibsbild denn zu nichts zu gebrauchen?“, murmelte die Bäuerin genervt und sah zu ihrer kichernden Magd. „Ruf den jungen Herrn, soll der sich um seine zarte Maid kümmern“, sagte sie ohne jedes Verständnis und Sophia befolgte umgehend ihrem Befehl.

Sie holte also Falco und der kam wenig später in den Geflügelstall gehetzt. „Was ist geschehen?“, rief er seiner Mutter zu, die derweil unbewegt zwei weiteren Gänsen den Hals umgedreht hatte.

„Dein Blümchen ist einfach umgefallen, sie taugt einfach zu gar nichts“, antwortete seine Mutter ungerührt, während Falco neben Amanoue in die Hocke ging.

„Und du hast nicht mal nach ihr gesehen?“, blaffte er zurück und tätschelte sanft Amanoues merklich blassere Wangen. „Manu? Liebling? So wach doch auf“, redete er besorgt auf ihn ein und Amanoue öffnete stöhnend die Augen.

Im selben Moment vernahm der jedoch wieder das schrecklich knackende Geräusch aus der anderen Ecke, drehte gerade noch sein Gesicht von Falco fort und erbrach sich in einem heftigen Schwall. „Oh“, war alles, was der `junge Herr´ dazu meinte und ruckte sicherheitshalber ein wenig von ihm weg. „Geht’s wieder?“, fragte er, nachdem sich Amanoue ächzend und gequält schluckend halbwegs aufrichtete.

„Bitte, bring mich hier fort“, flehte er leise schluchzend und Falco nickte seufzend.

„Komm“, versuchte er ihm aufzuhelfen, als es wieder knackte und Amanoue mit einem leisen Aufschrei zusammenfuhr. „Mutter! Kannst du bitte für einen Moment damit aufhören?! Du siehst doch, dass e, äh, sie, das nicht erträgt!“

Die Bäuerin hielt bereits den nächsten Todeskandidaten fest im Griff und sah zu ihnen rüber. „Dann schaff sie hier raus! Mit ihr ist eh nichts anzufangen! Nichts, macht sie richtig und wenn, dann braucht sie dafür eine Ewigkeit!“, schimpfte sie lediglich herüber und es machte `Knack´.

Wieder schluchzte Amanoue, dieses Mal sehr laut, auf und hielt sich mit zusammengepressten Augen die Ohren zu. „Isch `alte das `ier nischd mehr aus!“, rief er nun auf austrisch, Falco hob ihn hoch und trug ihn rasch ins Freie.

„Ist ja gut“, versuchte er ihn zu beruhigen, Amanoue nahm die Hände herunter und sah ihn wütend an.

„Nischds, ist hier gut!“, schrie er Falco beinahe an. „Es ist schrecklisch, hier! Und alle sind nur gemein su mir! Dein Vater sprischt nischd eine Mal mit mir und deine Mutter hat keine freundlische Wort, für misch übrig! Nur Spott und Tadel, kommen von ihr und isch kann ihr nischds rescht machen! Und nun auch noch dies“, beschwerte er sich unter Tränen.

Falco setzte ihn vor dem Haus auf einer Bank ab, setzte sich neben ihn und räusperte sich betreten. „Naja, es ist bald Sankt Martini Tag und da werden ihm zu Ehren eben die ersten Gänse geschlachtet…“

„Aber doch nischd so! Die Tiere haben mir vertraut! Isch habe sie jeden Morgen gefüttert, hinausgetrieben und am Abend sind sie mir gans von selbst wieder in den Stall gefolgt!“, erwiderte Amanoue fassungslos schluchzend.

„Wir sind hier halt auf einem Bauernhof, die Tiere sind zum Essen da“, versuchte Falco ihm erneut klar zu machen.

„Das verstehe ich ja“, antwortete Amanoue schon merklich ruhiger und schluckte nochmals bittere Galle hinunter. „Darum geht es doch auch gar nischd. Sie hätte misch einfach nur vorwarnen können, dann wäre isch nie mit in diese Stall gegangen, verstehst du? Aber sie sieht immer nur über meine Gefühle hinweg, obwohl isch alles versuche, um mit ihr aussukommen! Sogar eure Sprache habe isch gelernt, weil deine Eltern es ja nischd für nötig hielten, mit mir austrisch su reden, was deinem Vater allerdings eh nischd su interessieren scheint! Er behandelt misch wie Luft und ich muss sogar in der Küche am Gesindetisch sidsen, weil er nischd mit mir an eine Tisch speisen möschte“, beklagte er sich weiter.

Falco sah auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen und kaute auf seiner Wange herum. „Wir sind hier Fremden gegenüber halt ein wenig distanziert und mein Vater ist eben ein alter, sturer Mann. Aber das wird schon werden…“

„Nein“, schüttelte Amanoue überzeugt den Kopf. „Das wird niemals, was werden, swischen ihnen und mir! Für sie werde isch immer nur `die Ausländerin´, bleiben! So nennen sie misch nämlisch, hinter deine Rücken, wenn sie sisch die Maul über uns serreißen! Falco“, er ergriff dessen Hände, „isch halte es hier nischd mehr aus, bitte, lass uns fortgehen! Und auch die Nächte ohne disch, isch bin so einsam! Jede Nacht, liege isch in diese kalte Kammer und friere! Nischd nur äußerlich, auch hier drin“, beschwor er ihn, sich an die Brust fassend. „Ich habe doch alles getan, was du wolltest! Ich trage Frauenkleider und…“

Falco packte ihn plötzlich an den Oberarmen, schüttelte ihn kurz aber heftig durch und sah sich regelrecht gehetzt um. „Wirst du wohl still sein! Kein Wort mehr! Bist du verrückt? Wenn dich jemand hört“, zischte er ihn leise an.

Amanoue drehte sein schönes Gesicht zur Seite und schloss verbittert die Augen. „Es ist mir egal! Hörst du?“, erwiderte er nun ebenfalls gedämpft und sah ihn wieder an. „Bitte Falco, lass uns von hier fortgehen! Ich halte das nischd länger aus! Immer nur diese Heimlichtuerei, nur schnelle, heimlische Küsse, wenn niemand uns susieht, jede kleine Suwendung von dir, muss isch mir regelrescht stehlen“, flehte er ihn verzweifelt an und Falco nickte leicht.

„Nicht mehr lange, das verspreche ich dir“, erwiderte er beteuernd und nahm nun Amanoues Hände fest in seine. „Wir sind doch erst seit ein paar Wochen hier, bitte, habe noch ein wenig Geduld, hm? Sieh mal, wo sollen wir denn den Winter über hin? Bald wird der erste Schnee fallen und dann?“, fragte er fast ein wenig vorwurfsvoll und Amanoue senkte den Blick. „Wir müssen einfach bis zum Frühling durchhalten und dann bauen wir uns ein eigenes Haus“, fuhr Falco geradezu schwärmerisch fort, was Amanoue allerdings nur wieder langsam und verbittert den Kopf schütteln ließ.

„Eine Haus“, wiederholte er zynisch und nickte. „Weißt du, wie lange das dauern wird? Oder denkst du, nur weil du es dir wünschst, entsteht es über Nacht? Wie soll das gehen, mit eine Fingerschnippen?“

„Dann bauen wir uns eben erst einmal eine kleine Hütte, die steht in wenigen Tagen und wohnen dort, bis das Haus steht! Über den Sommer wird dies schon genügen und im nächsten Herbst ziehen wir in unser eigenes Bauernhaus! Es muss ja erstmal nicht groß sein, nur ein großer Raum und später vergrößern wir es nach und nach“, träumte Falco dennoch weiter vor sich hin und Amanoue hätte am liebsten laut losgeschrien vor lauter Frust.

Allerdings nickte er nur wieder höhnisch. „Im nächsten Herbst! Das bedeutet, in eine Jahr! Und mindestens eine halbe, bis wir in deine kleine Hütte wohnen können“, spottete er geknickt.

„Ja“, bestätigte Falco ihm unbeeindruckt dessen und nickte bekräftigend. „Aber unsere Liebe wird es möglich machen! Wir werden das schaffen, du wirst das schaffen! Ich weiß, dass es hier schwer für dich ist aber du hast doch schon so viel Schlimmeres überstanden! Du schaffst das, bitte, für mich, für uns, halte dieses Mal durch“, flehte er jetzt fordernd, auf Amanoues Versagen in der Vergangenheit anspielend und wieder schlossen sich dessen Augen.

Was sollte er, konnte er, darauf noch erwidern? Schon einmal hatte Falco ihn gebeten durchzuhalten, für ihre Liebe zu kämpfen und er hatte versagt…

***

Am Abend saßen Falco und seine Eltern zusammen in der Wohnstube und er versuchte wie schon so oft zwischen ihnen und Amanoue zu vermitteln. „Bitte, versucht es doch wenigstens! Was ist denn schon dabei, wenn sie mit uns zusammen isst? Und warum könnt ihr nicht ein wenig netter zu Manu sein?“, bat er eindringlich.

Während sein Vater wie immer nicht darauf einging, atmete seine Mutter tief durch. „Ich bemühe mich doch, aber sie macht es mir nicht gerade leicht! Alles muss ich ihr hundertmal erklären und sie hört nie richtig zu! Genau wie gestern, da habe ich ihr höchstpersönlich gesagt, dass die Gänse heute im Stall bleiben sollen und was war? Erst war deine Manu unauffindbar, genau wie die Gänse! Und dann fällt sie auch noch um! Ich denke mir manchmal, dass sie das alles aus Trotz macht um mich zu ärgern oder sie ist einfach nur dumm“, schnappte sie zurück.

„Das ist doch Unsinn! Sie bemüht sich ebenso, dir gerecht zu werden“, wies Falco entschieden ab.

„Wenn deine Mutter es so sieht, wird sie schon recht haben oder bezichtigst du sie der Lüge?“, warf sein Vater zornig ein und Falco stand auf.

„Es hat überhaupt keinen Sinn, noch weiter mit euch darüber zu streiten! Manu ist nicht dumm, immerhin hat sie in nur wenigen Wochen unsere Sprache erlernt, weil ihr ja kein austrisch mit ihr sprechen wolltet! Aber das interessiert euch ja nicht, genau, wie es euch nicht interessiert, wie es mir dabei geht! Ihr wollt sie einfach nicht akzeptieren, genau wie es bei Marianna war, aber eines sage ich euch, damit vertreibt ihr mich nur ein weiteres Mal und ich werde Manu nicht aufgeben! Dieses Mal gewinnt ihr nicht und der Herrgott möge euch vergeben, dass ihr euren einzigen Sohn nur aus lauter Eigensinn ein zweites Mal aus dem Hause treibt, denn ich werde es nicht“, sagte er ebenso aufgebracht.

„Versündige dich nicht gegenüber dem Herrn!“, brummte sein Vater und seine Gemahlin bekreuzigte sich rasch. „Und außerdem, niemand lernt eine fremde Sprache in vier Wochen! Die hat dich und uns doch nur angelogen und so getan, als würde sie kein Wort verstehen! Begreifst du denn nicht, dass dieses Weib es nur auf dein Erbe abgesehen hat?“

Falco winkte nur genervt ab, drehte sich um und wandte sich zum Gang, der zur Treppe führte. „Und was ist mit uns? Denkst du einmal daran, wie es uns dabei geht? Wenn wir unseren einzigen Sohn an eine mittellose und noch dazu liederliche Ausländerin verlieren? Was für eine Schande dies für uns ist? Wir können nur hoffen, dass du diesem Weibsbild noch kein Balg gemacht hast!“, rief seine Mutter ihm nach und so drehte er sich ruckartig wieder um.

„Sie ist nicht liederlich! Und ich verbiete euch, so über sie zu reden!“, raunte er zornig zurück.

„Du verbietest uns gar nichts!“, schrie sein Vater nun energisch und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Dies ist immer noch mein Haus und wenn es dir hier nicht passt, kannst du ja gehen und uns ein zweites Mal im Stich lassen! So, wie du uns schon damals im Stich gelassen hast, nur weil du deinen Kopf nicht durchsetzen konntest! Dieses Weibsbild kommt mir nicht an meinen Tisch, aus, basta!“

Falco nickte nur grimmig und setzte seinen Weg nach oben fort. Nachdem er kurz in seiner Kammer gewesen war, ging er zu dem ehemaligen Zimmer seiner Schwestern und klopfte an.

„Ja?“, kam es gedämpft und schon öffnete Amanoue die Tür. Ein zartes Lächeln umspielte seine süßen Lippen und so konnte Falco wie immer nicht widerstehen.

Mit einem langen Kuss drängte er Amanoue zurück in die Kammer und stieß mit seinem Fuß die Türe wieder zu. Da er ein großes Bündel in seinen Händen hielt, konnte er Amanoue nicht umarmen und so wich der zwei Schritte zurück. „Nischd“, hauchte er leise und blickte fast ängstlich zur Tür. „Du weißt, dass du nischd hier sein darfst, wenn deine Mutter disch hier findet, ist die Teufel los“, meinte er besorgt, doch Falco lächelte nur.

„Ich bin ja auch gleich wieder weg! Ich wollte dir nur etwas geben, damit du heute Nacht nicht wieder frieren musst“, antwortete er und reichte ihm das Bündel entgegen.

„Was ist das? Eine Decke?“, fragte Amanoue unnötigerweise, da es unschwer zu erkennen war.

Falco nickte sacht und trat zu ihm. „Und zwar eine ganz besondere! Kai hat sie mir mitgegeben, für dich“, sagte er mit einem Schmunzeln und breitete die Fuchsfelldecke vor ihm aus.

Unwillkürlich entkam Amanoue ein ersticktes Schluchzen und er hielt sich beide Hände vor Mund und Nase. Und das nicht nur vor Rührung. So viele Erinnerungen bargen sich darin, gute wie auch schlechte und diese Decke plötzlich wiederzusehen, war fast zu viel, für ihn. „Freust du dich gar nicht?“, fragte Falco deshalb, als von Amanoue nichts weiter dazu kam. „Ich hätte sie dir ja schon eher gegeben, aber naja, irgendwie habe ich es wohl einfach vergessen“, setzte er etwas betreten hinzu und legte den Kopf schräg. „Amanoue? So sag doch was! Soll ich sie wieder mitnehmen?“

Amanoue wich noch weiter zurück, bis er gegen die Bettkante stieß und plumpste auf die derbe Matratze. „Ich, ich, ich weiß nischd, was ich dasu sagen soll“, stammelte er herum und schluckte hart.

„Ähm, es ist nur eine warme Decke, was gibt’s da zu sagen? Außer vielleicht, danke“, begriff Falco nicht.

Amanoue schüttelte zaghaft den Kopf. „Diese Decke ist so viel mehr für misch und die einsige, was mir also noch bleibt, von ihm geblieben ist“, nuschelte er leise vor sich hin.

„Was? Ich verstehe dich nicht, könntest du mal die Hände runternehmen?“, verlangte Falco verwirrt und Amanoues Hände sanken in seinen Schoß. „Gut, also, was sagtest du?“

„Nischds“, schüttelte Amanoue erneut mit dem Kopf. „Gar nischds, danke“, sagte er mit einem bitteren Lächeln, während eine dicke Träne über seine Wange rollte.

„Weshalb weinst du dann?“, fragte Falco ratlos. „Also ganz ehrlich, manchmal begreife ich dich nicht, ich wollte dir eine Freude damit machen“, brummte er eingeschnappt und schnaufte durch. „Manchmal benimmst du dich echt, wie eine Frau…“

„Wie eine Mädschen“, sinnierte Amanoue mit einem bittersüßen Lächeln vor sich hin und holte tief Luft.

„Hm?“

„Nischds, isch musste nur gerade an etwas denken, bitte, verseih. Danke, ich freue mich sehr darüber und werde heute Nacht sischer nicht frieren“, meinte Amanoue, sich die Tränen fortwischend und stand auf. Er ging zu Falco, nahm ihm die Decke ab und küsste ihn zärtlich auf die Wange.

„Ist das alles?“, kam es von dem scherzhaft empört und schon schlang er den Arm um Amanoues schlanke Taille um ihn für einen `richtigen´ Kuss an sich zu ziehen. „Das war schon besser“, murmelte er noch an Amanoues Lippen und beide küssten sich erneut voller Verlangen. Längst hatte Falco Amanoues einfaches Leinengewand nach oben gerafft und eine seiner Hände glitt über Amanoues zarte Schenkel, bis hoch zu den kleinen, festen Pobacken. „Du fühlst dich so gut an“, gurrte er zwischen zwei heißen Küssen, als die Türe aufflog.

„Geh augenblicklich von ihm fort, du liederliches Weib! Wie kannst du es wagen!“, keifte Falcos Mutter wie eine Furie, ihren Sohn bereits grob zurückzerrend und ehe der reagieren konnte, schlug sie auch schon zu. Sie verpasste Amanoue eine ordentliche Backpfeife und der taumelte einige Schritte zur Seite.

Allerdings fing er sich gleich wieder und zum ersten Male seit langem, straffte er sich wieder und richtete seinen Oberkörper angriffslustig auf. „Er, hat misch geküsst und ist freiwillig in diese Kammer gekommen und nischd umgekehrt!“, giftete er die erboste Frau an.

„Du verdrehst ihm doch unentwegt den Kopf, du Luder! Denkst du, ich bemerke es nicht? Wie du ihm in den Stall folgst und ihn zu verführen versuchst, jedes Mal, wenn du denkst, euch würde niemand sehen! Aber da täuschst du dich, ich habe stets ein Auge auf dich Miststück!“, schrie diese zurück und Falco räusperte sich verlegen.

„Mutter!“, versuchte er sie zu beruhigen.

„Mutter? Ist das alles, was du dasu su sagen hast?!“, fauchte Amanoue nun ihn an. „Sie hat misch geschlagen und du tust nischds und siehst nur dabei su? Warum sagst du ihr nischd, wie es wirklisch war?“

Falco holte völlig überfordert Luft und blies die Backen auf. „Naja, also, ähm…“

Amanoue starrte ihn fassungslos an. „Sag es! Sag ihr endlisch, dass sie misch nischd so behandeln soll! Sie beleidigt misch unentwegt und jedsd darf sie misch also auch noch schlagen?!“

„Was soll ich denn sagen? Sie ist doch meine Mutter“, war alles, was Falco recht hilflos darauf zu entgegnen hatte und Amanoue verschränkte nickend die Arme vor der Brust.

„Na dann, gut! Raus hier! Sofort! Geh, mit deiner heißgeliebten, sehr verehrten Frau Mutter und wehe, du fasst mir noch eine Mal an meine Arsch!“, brüllte er zurück.

„Das lässt du dir bieten?“, empörte sich Falcos Mutter außer sich und rempelte ihn auffordernd an. „Was bist du nur für ein Mann geworden, dass du dich von einem Weib beschimpfen lässt! Dein Vater würde dieses Benehmen nie tolerieren und auch jeder andere richtige Mann, würde sein Weib dafür züchtigen!“, stachelte sie ihren Sohn weiter auf.

Falco kniff die Augen zusammen und schluckte erst einmal hart an dem Brocken. „Sie hat recht, sprich nie wieder so respektlos zu mir“, sagte er energisch zu Amanoue, drehte sich um und ging.

Seine Mutter schien dies nicht zu genügen, denn sie wirkte keineswegs durch die kleine Rüge befriedigt, doch dann warf sie Amanoue noch einen gehässig-triumphierenden Blick zu und stolzierte ihrem Sohn hinterher.

Amanoue war einfach nur baff, er starrte geradezu ungläubig beiden nach, schritt dann aber zur Tür und warf diese lautstark zu.

„Wie kannst du dir das nur bieten lassen?“, bedrängte die Hofherrin Falco auf dem Weg zu dessen Kammer erneut.

Falco blieb vor seiner Türe stehen und sah sie an. „Du musst schon mir überlassen, wie ich mit ihr umgehe und nur damit du`s weißt, ich habe sie schon gezüchtigt, mehrmals, sogar“, schnappte er tief in seiner Ehre als Mann verletzt zurück und ließ sie stehen.

Wie jeden Morgen frühstückte er mit seinen Eltern gleich nach Sonnenaufgang in der großen Wohnstube und wie so oft ohne ein Wort mit ihnen zu sprechen. Gerade als er sich erheben wollte, erklang ein aufforderndes Räuspern und so sah er seinen Vater fragend an. „Deine Mutter hat mir von dem Vorfall gestern Abend erzählt, so geht das nicht weiter“, brummte der und Falco schnaubte nickend.

„Oh ja! So geht das wirklich nicht“, bestätigte auch er. „Ich halte mich an eure Regeln und der Rest geht euch nichts an! Besonders, wie ich mich Manu gegenüber verhalte“, antwortete er barsch.

„Wie kannst du es wagen, so mit deinen Eltern zu sprechen? Es geht uns sehr wohl etwas an! Die Schande fällt schließlich auf uns zurück!“, empörte sich Francesco, sein Vater.

„Welche Schande denn?!“, fuhr Falco auf, wobei seine Mutter pikiert den Blick senkte.

„Ist sie schwanger?“, fragte sie plötzlich frei heraus und Falco entkam unwillkürlich ein zynisches Lachen, das er allerdings rasch mit dem Kopf schüttelnd wieder herunterschluckte.

„Nein! Ganz gewiss, nicht“, raunte er noch dazu.

„Und wie kannst du dir da so sicher sein? Ich frage ja nur, also“, druckste sie herum, „hast du ihr schon beigelegen? So wie ich sie einschätze, bestimmt“, meinte sie weiter und ihr Gatte hob die Augenbrauen.

„Maria, das geht zu weit!“, rügte er sein Eheweib und Falco lachte erneut zynisch auf.

„Selbst wenn, ich bin kein junger Bursche mehr und ich bin mir sicher, sehr sicher“, sagte er schnippisch.

„Und warum bekommt sie dann keine Blutungen? Ihr seid schon über einen Monat hier und sie hat noch nicht geblutet!“, platzte es aus seiner Mutter heraus.

„Maria!“, rief Francesco entsetzt aus.

Falco atmete tief ein und schluckte dazu merklich. „Was weiß ich, wieso bist du dir da so sicher“, stammelte er herum.

„Oh bitte“, kam es von seiner Mutter. „Ist ja wohl unschwer zu übersehen! Nicht ein einziger Fleck in ihrer Bettwäsche und ich habe nichts dergleichen an ihr bemerkt. Wenn sie ihre Blutungen gehabt hätte, hätte ich es bemerkt, glaube mir, mein Sohn und weshalb ist sie gestern ohnmächtig geworden? Und sie hat sich danach auch noch übergeben! Wenn du mich fragst, ist das schon sehr verdächtig und sieht mir doch sehr nach einer Schwangerschaft aus“, frohlockte sie hämisch weiter, während ihr Mann neben ihr erblasste.

„Heilige Mutter Gottes!“, entfuhr es ihm vor Entsetzen und er starrte seinen Sohn dementsprechend an.

„Das war doch nur wegen den Gänsen! Sie hat eben noch nie dabei zugesehen, wie ein Tier auf diese Weise getötet wird!“, widersprach Falco aufgebracht.

„Ach ja? Ich frage mich, wo sie dann herkommt? Wo hast du sie eigentlich kennengelernt und was machte sie früher wohl, wenn sie so zart besaitet ist! Was willst du nur mit so einer anfangen, hm? Den ganzen Tag hat sie danach in ihrer Kammer verbracht und hat nicht mal beim Schlachten und rupfen geholfen! Und ich frage mich weiter, weshalb sie letzte Woche nicht mit den Mägden zusammen baden wollte, drüben im Waschhaus“, warf Maria herausfordernd ein.

Falco schnaufte wieder einmal zunächst ratlos durch. „Naja, ja, sie ist halt ein wenig zu zart, dafür und sie wollte nicht mit ihnen baden, weil sie sich schämte. Sie ist halt sehr keusch“, redete er sich heraus und dieses Mal lachte seine Mutter.

„Keusch? Die? Das ich nicht lache! Die ist alles andere als keusch, oder weshalb durftest du ihr sonst gestern unter den Rock greifen?! Da kam sie mir alles andere, als keusch vor!“, spottete sie zurück.

„Maria!“, entkam es Francesco erneut fassungslos.

„Es war aber so! Dein Sohn hat ihr unter den Rock gefasst und ihr nacktes Hinterteil gestreichelt und sie schien es mehr als willkommen zu heißen! Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn ich nicht dazugekommen wäre! Dann hätte sie ihn“, sie zeigte auf ihren Sohn, „ganz sicher zur Unzucht verführt und dies unter unserem Dach!“

„Unter unserem Dach“, murmelte Francesco fassungslos.

Falco griff sich an die Stirn. „Na und? Ich bin ein erwachsener Mann und wir lieben uns! Und Mutter, sie hätte mich ganz sicher nicht verführen müssen, glaube mir, es ging auch von mir aus“, schnappte er hämisch zurück.

„So sprichst du nicht mit deiner Mutter! Das verbiete ich dir! Du bist hier nicht mehr unter deinen Soldatenfreunden! Dies ist ein ehrbares Haus und du wirst dich weiter von diesem Flittchen fernhalten, sonst werfe ich sie eigenhändig hinaus! Ganz gleich, ob sie nun ein Balg in sich trägt oder nicht“, fuhr sein Vater ihn empört an und Falco stand auf.

„Wie du meinst, Vater! Aber dann gehe ich mit ihr, das verspreche ich euch und sie erwartet kein Kind! Und selbst wenn, dann wäre es dennoch euer Enkel, den ihr dann mit ihr hinauswerft“, sagte er wütend und stampfte hinaus.

Den ganzen Vormittag über ging er seinen Eltern aus dem Weg und damit einem weiteren Streit. Erst der Hunger ließ ihn schließlich zurück ins Haus kehren und zu seiner Überraschung fand er seine Mutter allein und noch dazu weinend in der Stube vor. „Mutter?“, fragte er erstaunt, als er die sonst so taffe Frau wie ein Häufchen Elend am Tisch sitzen sah und sie blickte auf. Ihr altes abgearbeitetes Gesicht wirkte noch zerfurchter als am Morgen und dunkle Schatten lagen vor lauter Sorge unter ihren Augen, was Falco nun doch einen Stich ins Herz bescherte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie früher einmal ausgesehen hatte. So stolz und stark und wunderschön, war sie gewesen, bevor das Schicksal zugeschlagen hatte und ihr gleich zwei Kinder nahm. Ja, und dann auch noch ihn, irgendwie…

„Was ist denn?“, hakte er nach und setzte sich ihr gegenüber.

„Was soll schon sein?“, fragte sie geknickt zurück und wandte ihr Gesicht ab.

„Mutter, bitte, wenn es wegen mir ist“, raunte Falco betreten und sie sah ihn wieder an.

„Was willst du hören? Dass es mir egal ist, was aus dir wird? Meinem einzigen mir verbliebenen Sohn? Es ist mir nicht egal! Und ja, ich weine wegen dir! Über zwölf Jahre warst du fort, ohne ein Wort, ohne dich auch nur ein einziges Mal zu melden! Wenn Marianna nicht gewesen wäre, hätten wir nicht einmal gewusst, wo du steckst oder ob du überhaupt noch lebst! Und glaube mir, es ist seither kein Tag vergangen, an dem ich es nicht bereute, dich vertrieben zu haben, genau wie dein Vater auch! Wir haben täglich gebetet, dass du wohlbehalten zu uns zurückkehrst, selbst als wir erfuhren, dass du mit diesem Nichtsnutz Mati zusammen in die Garde eingetreten bist. Wir haben längst unsere Meinung Marianna gegenüber geändert und sie wäre uns als Schwiegertochter mehr als recht gewesen, nach dem Tod ihres Mannes. Wir waren vielleicht verbohrt und zu überheblich damals, aber du hast uns alles bedeutet! Da wollten wir halt die beste Frau für dich finden, verstehst du das denn nicht?“, flehte sie ihn regelrecht an.

Falco senkte kurz seine Augen, dann ergriff er die runzligen Hände seiner Mutter. „Ach Mutter, natürlich kann ich euch verstehen, aber seht ihr denn nicht, dass ihr den gleichen Fehler gerade erneut begeht? Ich liebe Ama, Manu, meine ich und es ist doch ganz gleich, woher sie kommt oder wer sie eigentlich ist, oder? Kannst du das nicht verstehen?“, bat er leise.

„Liebe“, begann sie schon wieder zynisch zu werden. „Deinen Vater und mich hat auch niemand gefragt, ob wir uns lieben! Es hieß einfach, ihr beiden heiratet und basta! Die Liebe kommt mit den Jahren, glaube mir mein Sohn und unsere Eltern haben da schon richtig entschieden! Geld gehört zu Geld und wir haben nicht umsonst den größten freien Hof des ganzen Tales!“, sagte sie stolz.

„Geht es also nur ums Geld?“, lachte Falco fassungslos auf und schüttelte gleich darauf den Kopf. „Oh Mutter, glaube mir, sie hat mehr davon, als du dir vorstellen kannst! Da, wo sie herkommt, hat Manou wahrscheinlich einen ganzen Keller voller Gold und Juwelen“, brummte er voller Sarkasmus.

Tatsächlich wurde sie sofort hellhörig. „Was willst du damit sagen? Woher kommt sie denn wirklich?“, hakte sie augenblicklich nach und Falco nickte erkennend.

„Es ging euch immer nur darum, nicht wahr? Immer mehr! Mehr Geld, mehr Land und wofür? Wir bleiben doch nur einfache Bauern! Freie, zwar, ja, aber in den Augen der vornehmen Städter werden wir immer nur dies sein! Sie werden uns dennoch immer nur von oben herab ansehen und verspotten! Das habe ich am eigenen Leib erfahren, glaube mir! Selbst als mich der König persönlich zum Hauptmann und dann sogar zum Kommandanten der Garde ernannte, begegnete man mir doch nur mit Spott und Hochmut“, erwiderte er voller Abscheu und Verbitterung. „Du willst wissen, wer Manu ist? Was, wenn sie in Wirklichkeit von hohem Adel ist? Und sie das gleiche Los trägt, wie ich? Nämlich, dass sie nicht den lieben durfte, den ihr Herz ausgesucht hat? Nur, dass ich eben nicht gut genug für sie war! Oh ja, Mutter, stell dir vor, dein geliebter Sohn, war nicht gut genug für sie und dennoch ist sie hier, bei mir! Du willst es wissen?! Wir sind geflohen“, warf er ihr an den Kopf und sie starrte ihn voller Unglauben an. „Alles, was ihr blieb, ist eine Fuchsfelldecke des Königs und ein Beutel voller Gold, den ich unterschlagen habe“, bekannte er plötzlich viel leiser und den Tränen nahe. „Ich dachte, wir könnten uns damit eine Zukunft aufbauen, ein Zuhause, hier, bei euch und nun sehe ich langsam ein, dass ich wohl falsch damit lag und wir hier nicht länger willkommen sind, wenn wir es denn je waren…“

„Falco! Nein“, schüttelte seine Mutter schnell den Kopf. „Natürlich seid ihr hier willkommen! Warum hast du denn nichts gesagt? Du hättest doch nur die Wahrheit sagen müssen! Eine Adelige, das hättest du uns doch sagen müssen! Jetzt verstehe ich natürlich, weshalb sie sich so angestellt hat und ich werde in Zukunft viel mehr Rücksicht auf sie nehmen! Aber da siehst du, ich habe es doch schon von Anfang an erkannt, gleich, als ich sie zum ersten Male sah, so ein zartes Wesen und an ihren Händen habe ich es gleich erkannt, dass sie noch nie arbeiten musste. Ja, das ändert doch wirklich alles! Ist es viel Gold? Das muss ich gleich deinem Vater berichten“, rief sie euphorisch aus und ehe Falco sich versah und sie bremsen konnte, rumpelte seine Mutter hoch und lief hinaus.

„Na hervorragend gemacht, bravissimo, Vollidiot, gut gemacht“, murmelte Falco sich selbst rügend und stand ebenfalls auf.

Seufzend erklomm er die Treppe und klopfte an Amanoues Zimmertür. Doch vergeblich und als er sie öffnete, stellte er fest, dass die Kammer leer war.

Ohne zu zögern eilte er wieder nach unten und als er das Haus verließ, fand er seine Mutter umgeben von sämtlichen Knechten und Mägden im Hof vor. Auch sein Vater stand dabei und alle lauschten staunend ihrer Worte. „Also, habt ihr alle verstanden?! Der junge Herr, mein Sohn, wird wohl alsbald heiraten! Und von nun an, wird Manu von euch behandelt wie die neue Herrin! Schließlich ist sie eine Dame von hohem Stand und als Braut des jungen Herrn steht sie fortan über euch allen“, hörte Falco sie noch abschließend verkünden, bevor er eingreifen und weiteres Unheil unterbinden konnte.

„Mutter!“, unterbrach er ihren Enthusiasmus und drängte sich neben sie.

„Ah, da ist ja unser Bräutigam!“, rief Maria voller Freude und umarmte ihn vor aller Augen.

„Mutter! Was redest du da?“, blaffte Falco lediglich und entwand sich energisch.

„Aber wieso? Was hast du denn? Ich habe doch nur allen Bescheid gegeben, über deine baldige Hochzeit!“, ereiferte sich seine Mutter überrascht.

„Wie kannst du nur! Sie ist nicht meine Braut!“, widersprach Falco erzürnt und sein Vater trat vor.

„Hast du sie noch nicht gefragt? Dann wird es aber Zeit! Also wirklich, mein Sohn“, rügte er kopfschüttelnd und Falco krampfte sich der Magen zusammen.

„Ganz ehrlich? Nein! Ich habe sie nicht gefragt, soweit waren wir noch…“, weiter kam er nicht, denn nun zeigte sich auch sein Vater ungewohnt herzlich.

Francesco klopfte ihm aufmunternd die Schulter und gab ihm dazu noch einen kameradschaftlichen Rempler. „Sohn! Auf was wartest du noch? Und warum hast du uns nicht eingeweiht? Dann wäre es doch nie zu diesem Missverständnis gekommen!“, meinte er nachsichtig tadelnd und Falco konnte erst einmal nur tief Luft holen.

„Er meint, er wäre nicht gut genug, für sie“, erklärte Maria voller Mitleid. „Was natürlich völliger Unsinn ist! Man sieht doch, wie sehr Manu dich liebt, sonst wäre sie ja nicht mit dir gegangen, oder?“

Francesco nickte und schüttelte gleich darauf das graue Haupt. „Natürlich, bist du gut genug für sie! Mit dem Erbe, könntest du sogar eine Grafentochter freien“, sagte er stolz und Falco hob abwehrend die Hände.

„Es ist genug! Es wird keine Hochzeit geben, jedenfalls vorerst nicht!“, lehnte er erneut entschieden ab.

„Aber weshalb denn nicht?“, fragte seine Mutter ungläubig und schlug sich sogleich beide Hände an die Wangen. „Oh Herr im Himmel, heilige Mutter Gottes! Sie ist doch nicht etwa bereits vermählt? Oder noch schlimmer, ist sie etwa aus einem Kloster geflohen? Oh heilige Maria, steh uns bei, deshalb die kurzen Haare!“, rief sie entsetzt aus und Falco stand kurz vor einem Kollaps.

„Falco! Rede endlich!“, fuhr sein Vater ihn nun wieder gewohnt barsch an.

„Sie ist nicht verheiratet und kommt auch nicht aus einem Kloster! Hört endlich auf damit und bedrängt mich nicht weiter, ich muss selbst erst mal mit einigem klarkommen, auch was Manus und meine Zukunft anbelangt! Mutter, Vater, bitte, es ist schwierig zu erklären, ich bitte euch nur, es erstmal dabei zu belassen“, beschwor Falco sie plötzlich fast panisch und alle starrten ihn mit skeptisch zusammengekniffenen Augen an.

Vor allem seine Eltern. „Dann verstehe ich nicht dein Problem! Wenn sie nichts zu verbergen hat, könnt ihr doch heiraten“, drängte seine Mutter erneut und ihr Gatte nickte dazu.

„Eben! Wir könnten gleich Morgen nach der Messe mit dem Priester sprechen und einen Termin festlegen“, meinte er.

Falco schloss kurz die Augen und schnaufte laut aus. „Da hat sie wohl auch noch ein Wörtchen mit zu reden! Wo ist sie eigentlich?“, bemerkte er nun und sah sich stirnrunzelnd um. „Weiß einer von euch, wo Manu ist? In ihrer Kammer war sie nicht…“

„Ich habe sie heute noch nicht gesehen, du?“, wandte Maria sich an ihren Mann und der zuckte die Achseln. „Hm, und von euch?“, fragte sie ihre Hofangestellten, doch die schienen ebenfalls ratlos.

„Sie war heute Morgen nicht beim Frühstück bei uns, mehr weiß ich nicht“, antwortete Sophia und blickte sich um. „Vielleicht ist sie noch im Ziegenstall?“

„Nein, die Ziegen sind draußen! Sie hat auch beim Melken gefehlt“, brummte der alte Knecht Maurizio.

„Dann sucht sie!“, befahl Falco drängend, da ihn mehr und mehr eine seltsame Unruhe erfasste.

„Sicher! Also, ihr habt den jungen Herrn gehört! Auf was wartet ihr noch? Sucht sie!“, forderte Maria die Umstehenden auf und alle stoben wie aufgescheuchte Hühner auseinander. „Wir werden sie schon finden, irgendwo wird sie schon stecken“, versuchte sie ihren Sohn zu beruhigen, doch der schien alles andere als davon überzeugt zu sein.

„Was, wenn sie fort ist?“, murmelte er plötzlich voller Sorge.

„Unsinn! Wo sollte sie denn hin?“, erwiderte Francesco und fasste ihn am Ellenbogen. „Komm, lass uns im Pferdestall nachsehen, da habe ich sie schon oft gesehen. Sie scheint Pferde zu mögen, besonders die braune Stute, die du mitgebracht hast. Sie ist immer bei ihr und spricht sogar mit dem Gaul“, bemerkte er nicht gerade verständnisvoll.

Falco schnaubte leise. „Mit wem sollte sie sonst reden? Hier begegnen ihr doch alle nur mit Abneigung“, sagte er vorwurfsvoll und seine Eltern senkten kurz ertappt ihre Augen.

„Von nun an, nicht mehr“, versprach Maria reumütig, was Falco allerdings nur mit einem ungläubigen Seufzer quittierte.

***

Amanoue saß am Ufer des Flusses und blickte gedankenverloren vor sich hin. Schon eine ganze Weile war er hier, nachdem er zuerst ziellos umhergewandert war. Mittlerweile musste es schon Mittag sein, was ihm nicht nur der Stand der Sonne anzeigte, sondern auch sein knurrender Magen.

Und trotzdem wollte er nicht zurück in dieses verhasste Haus. Allein der Gedanke an Falcos zänkische Mutter, wie sie ihm sicher wieder mal Faulheit oder sonst was vorwerfen würde, wegen seiner Abwesenheit und unverrichteten Arbeiten, ließ ihn unwillkürlich schwer seufzen. Aber was blieb ihm schon anderes übrig, irgendwann würde er zurückgehen müssen…

„Schwachkopf!“, hörte er plötzlich eine seltsam heisere Stimme und so fuhr er erschrocken zusammen.

Suchend sah er sich nach dem Rufer um, doch da war niemand. „Hier oben“, krächzte es wieder.

Etwa zwei Meter von ihm entfernt stand eine alte Kopfweide und in deren wirren Zweigen erblickte er einen großen, zerfledderten Vogel. „Nanu?! Kennen wir uns nicht? Wie kommst du denn hier her?“, fragte er ungläubig und der Rabe äugte mit einem trüben Auge zu ihm hinunter.

„Natürlich, kennen wir uns! Dummkopf!“, krächzte es.

„He!“, empörte sich Amanoue, obwohl ihm gleichzeitig ein mulmiger Schauder über den Rücken rann. „Bist du es wirklich? A-aber, das ist doch unmöglich, wie kommst du hier her und wieso sprichst du mit mir?“, entfuhr es ihm erneut, während er den Vogel fassungslos anstarrte.

„Selbstverständlich, spreche ich mit dir! Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, um dich Schwachkopf zu finden? Und wie mühsam es für mich war? Mit diesen zerrupften Flügeln?“, warf ihm der Rabe vor und flatterte mit seinen löchrigen Schwingen.

„D-du, hast nach mir gesucht? Warum?“, stammelte Amanoue noch immer ungläubig erstaunt. Wieder bekam er eine Gänsehaut und rieb sich die Arme. „Was mache ich da nur? Bin ich schon so verzweifelt, dass ich mir einbilde, ein Vogel spricht mit mir?“, nuschelte er dabei zu sich selbst und der Rabe landete ungeschickt neben ihm. „Huch!“, entkam es Amanoue erneut erschrocken und er wich zurück.

„Natürlich habe ich nach dir Hohlkopf gesucht! Schließlich bin ich dein Vater! Sieh dir nur an, was du mir angetan hast!“, krächzte der schwarze Vogel empört und schielte ihn an.

„Ich dir angetan? Was denn? Oje, ich glaube, mir wird schlecht…“, japste Amanoue keuchend und schluckte vor Entsetzen.

„Hoffentlich! Was denkst du, wie es mir erging! Nachdem mir dieser dumme Quacksalber meine Hülle nahm, hm?“, krächzte der Rabe wütend und hüpfte näher heran.

Amanoue rutschte allerdings sofort weiter zurück. „Geh weg! Ich verstehe nicht, was du meinst und ich bilde mir das alles sicher nur ein! Verschwinde!“, schrie er in seinem Grauen und kniff die Augen zu.

„Du verhältst dich wie ein dummes Kind! Denkst du ernsthaft, ich würde verschwinden, nur weil du die Augen vor mir verschließt? Ha! Sieh mich ruhig an! Sieh, was aus mir geworden ist! Und daran trägst nur du die Schuld! Und dieser Trottel, der dich aufschnitt! Meine neue Hülle war noch nicht fertig!“, keifte der Rabe empört und zwickte Amanoue ins Bein.

„Aua!“, rief dieser und riss die Augen wieder auf. „Nein, nein, das kann nicht sein, du bist nicht echt“, brabbelte er, nervös den Kopf schüttelnd.

„Und ob! Und wenn es nach mir gegangen wäre, würde es dich längst nicht mehr geben, du Idiot! Dein Körper hätte mir gehört und hätte mir als neue Hülle dienen sollen und nun? Stecke ich in diesem Vieh fest!“, fuhr der Vogel ihn an.

Amanoues Kopf bewegte sich wieder ungläubig hin und her. „Er sagte, es war nur ein Geschwür…“

Der Rabe lachte krächzend. „Er hat mir die Kehle durchgeschnitten und mich in den Abort geworfen! Tagelang habe ich gebraucht um mich aus dieser stinkenden Grube menschlicher Exkremente zu befreien und ich war so geschwächt, dass ich mir lediglich diesen alten, sterbenden Vogel einverleiben konnte! Und dies wahrscheinlich nur, weil der schon kurz vor dem krepieren stand! Wenn es wenigstens ein sterbendes Kind gewesen wäre, deines zum Beispiel, dann hätte ich da hineinfahren können!“, beschwerte er sich weiter und Amanoue schüttelte wieder nur voller Unglauben und vom Grauen gebeutelt langsam den Kopf.

„Geh doch weg, ich, das, kann doch…“

„Ach halt die Klappe! Akzeptiere es endlich, mich wirst du nicht mehr los und du kannst froh darüber sein! Ich kann dir nämlich helfen, so, wie ich dir immer nur helfen wollte“, krächzte der Rabe mit den milchig-starren Augen.

„Helfen? Du mir? Ach ja? Und weshalb hast du mir dann nicht geholfen, als sie mich folterten?“, blaffte Amanoue ihn plötzlich an.

„Wie denn? Hätte ich denen vielleicht in die Köpfe hacken sollen? Die hätten mir höchstens den Hals umgedreht“, krächzte es wütend zurück.

„Ich bin verrückt geworden“, wisperte Amanoue erneut und blinzelte mehrmals. „Ich spreche mit einem toten Raben, der sagt, dass er mein Vater wäre. Noch dazu in meiner Muttersprache“, murmelte er, da sie tatsächlich die ganze Zeit über asconisch gesprochen hatten.

„Volltrottel“, brummte der Rabe und zupfte an seinem zerrupften Gefieder herum. Seine Brust wies schon einige Kahle stellen auf und Amanoue beobachtete voller Ekel, wie der Vogel eine fette Made aus seinem faulig wirkenden Fleisch zog und verspeiste.

„Mahlzeit“, murmelte er nur noch und war kurz davor sich zu übergeben. Was er sicher auch getan hätte, wenn sein Magen nicht leer gewesen wäre.

„Was? Denkst du, mir gefällt dieser Zustand? Du könntest mir wenigstens ein wenig von deiner Magie geben, damit dieser Körper nicht ganz auseinanderfällt! Du siehst doch, dass bereits die Fliegen über mich herfallen. Na los, worauf wartest du, gib mir was von deiner Heilkraft, die du einzig und allein mir zu verdanken hast! Das ist doch wohl das Mindeste, nach all den Mühen die ich für dich aufgenommen habe“, meckerte der Vogel ihn an und zupfte eine weitere Made aus sich heraus. „Das ist so eklig!“, spuckte er noch gleichzeitig mit der sich kringelnden Made aus.

„Du, bist so eklig“, raunte Amanoue angewidert und würgte heftig. Nachdem er einige Male mit abgewandtem Gesicht tief durchgeatmet hatte, lehnte er sich noch ein Stück weiter zurück. „Und du stinkst“, sagte er und hielt sich gleich noch die Hand vor Mund und Nase. „Und was heißt hier eigentlich, nach all den Mühen? Was hast du denn je für mich getan? Und weshalb sollte ich dir dankbar sein, letztendlich hast du mich doch nur gezeugt, um für dich einen frischen, lebendigen Leib zu bekommen“, näselte er an der Kreatur vorbei.

„Ich stinke nicht! Ich stinke nie! Das ist dieser verfaulende Körper, damit du`s weißt“, keifte sein `Vater´ beleidigt und drehte sich ebenfalls halb von ihm weg. „Wochenlang habe ich mich in einem Loch verkriechen müssen, um wenigstens einigermaßen wieder zu Kräften zu kommen, nur damit ich mir dann einen neuen Körper suchen durfte. Überall stieß ich nur auf tote Eichhörnchen oder tote Kaninchen, entweder verhungert oder erfroren! Dann entdeckte ich diesen halbkrepierten Gesellen und ergriff von ihm Besitz! Naja, wenigstens kann dieses Ding fliegen, das war immer noch besser als dir hinterher hoppeln zu müssen oder von Baum zu Baum zu springen“, maulte er und Amanoue riskierte einen weiteren Blick auf ihn.

„Und weshalb hast du nach mir gesucht? Um mich endlich umbringen zu können?“, fragte er mit einer zynischen Grimasse.

„Ich sag doch, Hohlkopf! Wie denn, hm? Ich könnte dir höchstens die Augen auspicken, mehr nicht und danach habe ich sicher kein Verlangen, genau, wie dich umzubringen! Außerdem würdest du dich wehren…“

„Darauf kannst du dich verlassen! Versuche es und ich drehe dir den Hals um“, zischte Amanoue ihn an.

„Klappe!“, krächzte der Rabe wütend und schlug mit den Flügeln. „Hör mir wenigstens einmal zu! Ich habe dich gesucht, aber du warst wie vom Erdboden verschluckt und als ich dich endlich gefunden hatte, warst du plötzlich wieder fort! Ich wollte dich am See warnen, doch mein Herr Sohn wollte ja wieder einmal nicht hören! Sogar die Schlange habe ich auf dich gehetzt, damit ich, naja, gut, für einen kurzen Moment war ich versucht, also mir kam der Gedanke, wenn sie dich wenigstens soweit vergiftet und schwächt, damit ich in dich, Rarara!“, stob der Vogel erschrocken in die Luft, um Amanoues Schlag auszuweichen.

„Du mieses, dreckiges Ungeheuer!“, schrie er zum Baum hinauf, auf den sich der Dämon geflüchtet hatte. „Du wolltest mich umbringen!“

„Nein“, antwortete der Vogel gedehnt. „Nicht umbringen, nur schwächen! Aber dann hat dieser riesige Trottel dir das Gift ausgesaugt und wieder war alles umsonst! Ich wollte doch nur verhindern, dass du in diese Falle rennst“, brummte er eingeschnappt.

„Klar“, nickte Amanoue hämisch. „Ich glaube dir kein Wort! Du lügst doch, wenn du den Mund aufmachst!“, sagte er und wandte sich mit verschränkten Armen erneut halb ab.

„Habe ich dich nicht stets gewarnt? Auch vor diesen falschen Liebhabern, die du ja reihenweise anzuziehen scheinst? Was denkst du denn, wer dir deine Visionen schickte, hm?! Sag jetzt ja nicht, der da oben! Für den existierst du nämlich gar nicht. Du, dürftest eigentlich gar nicht existieren, da es uns Engeln verboten ist, uns mit Menschenweibern zu paaren! Engel werden erschaffen, einzig und allein vom großen `Schöpfer´ und deshalb warst du auch nie in Gottes Plan oder Fügung oder wie auch immer, vorgesehen! Gott“, spie er aus, „schert sich einen Scheißdreck um dich, genau wie um den Rest der Welt!“

„Meine Visionen? Die kamen ganz sicher nicht von dir! Die hatte ich schon als Kind und gewarnt hast du mich auch nie! Es war Ravio und …“ Weiter kam er nicht, da der Rabe in schallendes Gelächter ausbrach.

„Was denkst du denn, wer ihn zu dir schickte, hm?“, fragte er höhnisch und landete erneut neben ihm. „Es war meine Chance, endlich mit dir in Kontakt zu treten, nachdem du ja nicht auf deinen `Onkel´“, krächzte er hochnäsig, „hören wolltest!“

„Lügen! Lauter Lügen! Ich glaube dir kein Wort! Und ich weiß sehr wohl, dass du den Fürsten nur dazu benutzt hast, um mich zu manipulieren! Oder was war das damals am Fluss, hm? Dein scheinheiliges Gesäusel, von wegen, komm zu mir, mein geliebter Neffe, was willst du noch in dieser Welt, die sooo grausam zu dir war“, spottete Amanoue zurück und schnaubte voller Abscheu. „Du wolltest mich ins Wasser locken, damit ich jämmerlich ersaufe, mehr nicht! Und lass ja Ravio aus dem Spiel! Er hat mich geliebt und erschien mir deswegen! Außerdem ist auch mir längst klargeworden, dass Gott mich hasst, was ich ja auch nur dir zu verdanken habe, dafür brauche ich dein hämisches daher Gerede nicht“, schnappte er trotzig.

„Dieser verhurte Soldat wollte nichts weiter, als deinen Arsch und du bist so dumm wie Stroh, wenn du denkst, dass er alles nur aus lauter Liebe zu dir tat! Ah, Strohkopf! Wieder ein neuer Name für dich“, kicherte der Dämon kurz.

Amanoue schüttelte nur den Kopf. „Du bist wirklich widerlich und kläglich in deinen Versuchen, mich erneut zu manipulieren! Ravio hat mich geliebt“, widersprach er überzeugt.

Der Vogel legte den Kopf schräg und starrte ihn aus seinem toten Auge an. Dann nickte er tatsächlich, was fast ein wenig mitleidig wirkte. „Du dummer, kleiner Junge. Ich werde es dir also erzählen, alles und dann entscheide selbst, ob es Lügen sind. Wirst du mir dieses Mal zuhören?“

Amanoue zuckte schnippisch mit einer Schulter. „Ich weiß schon jetzt, dass es wieder nur Lügen sind, aber bitte, nur zu! Ich habe eh nichts anderes vor“, meinte er gelangweilt.

Der Rabe plusterte sich ärgerlich auf und schüttelte sich. „Wie konnte ich nur so einen Hohlkopf zeugen! Wenn ich könnte, würde ich dir jetzt am liebsten in den Arsch treten, für deine Blödheit“, zischte er.

„Und ich drehe dir gleich deinen hässlichen Hals um, wenn du mich noch einmal beleidigst!“, blaffte Amanoue zurück.

„Halt einfach die Klappe!“, rief der Rabe genervt und flatterte mit den Flügeln. „Wirst du mir jetzt endlich zuhören?“, zischte er und Amanoue zuckte nur wieder lässig mit den Achseln, als würde es ihn nichts angehen. „Gut, dann lass mich also beginnen. Ähm, wo fange ich am besten an?“, schien er sich selbst zu fragen und überlegte kurz. „Fangen wir am besten ganz von vorne an! Wie du ja inzwischen weißt, war auch ich einst ein hoher Engel und wurde ungerechter Weise, nur weil ich anderer Meinung wegen dieser nackten Halbaffen war, aus dem Himmel vertrieben. Das ist schon eine Ewigkeit her und irgendwann war ich es eben leid, niedere Kreaturen in der Hölle herum zu scheuchen. Ich überlegte mir also einen Ausweg aus meiner Misere und da kam mir eine Idee! Was, wenn ich einfach mal eine Zeitlang unter diesen Halbaffen wandle und ein wenig Unruhe stifte? Wäre doch eine schöne Abwechslung gewesen, bei all dieser Langeweile da unten. Ich wusste nur noch nicht wie! Also begab ich mich erstmal inkognito in die menschliche Welt, nahm hie und da mal von einem dieser missratenen Geschöpfe Besitz und das war auch recht lustig. Oh diese Menschen sind so leicht zu lenken, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schnell man aus einem gerade noch redlichen Mann einen Totschläger oder aus einer ungewollt trächtig gewordenen Schlampe eine Kindsmörderin machen kann! Ganze Kriege habe ich angezettelt, weil sie so leicht zu beeinflussen sind! Aber irgendwann machte mir das auch keinen Spaß mehr und so zog ich mich für eine Weile zurück. Ich verbarg mich in einer Höhle und wer läuft mir da über den Weg? Deine mehr als willige Mutter! Ihr blöder Gemahl hatte sie dort zurückgelassen, um Hilfe zu holen, dabei hatte sich die kleine Schlampe nur den Knöchel verstaucht! Tja, ich sah sie und war wirklich beeindruckt! So ein hübsches Exemplar war mir zuvor noch nie begegnet und naja, es macht echt Spaß ihnen beizuliegen, das hast du ja selbst schon reichlich erfahren und so nahm ich sie und was kam dabei raus? Du!“

„Du elender Mistkerl, hast sie also vergewaltigt“, schrie Amanoue ihn fassungslos an, doch der Rabe winkte herablassend mit einem Flügel ab.

„Das hatte ich gar nicht nötig, glaube mir! Sie schlief und ich stahl mich einfach in ihre Träume. Menschen träumen sehr oft von, wie nennen sie es, Unzucht? Tja, ihr Traum war sehr unzüchtig, das versichere ich dir und ich begegnete ihr darin einfach als das oder derjenige, den sie sich insgeheim ersehnte und siehe da, es war doch tatsächlich nicht ihr Gatte! Es war ein ganz anderer Kerl“, erheiterte sich der Dämon wieder.

„Du hast dich in ihre Träume geschlichen, um sie zu verführen! Das ist mindestens genauso verächtlich und schändlich“, empörte Amanoue sich dennoch erneut.

„Ach! Und was hast du gemacht? Hast du die kleinen Schwächen der Menschen nicht auch ausgenutzt? Hast du dich nicht schonmal selbst gefragt, weshalb du jeden um den Finger wickeln kannst und sie dir nicht widerstehen können? Das liegt gewiss nicht nur an deinen Talenten im Bett! Sie sehen in dir einfach nur das, was sie sich insgeheim ersehnen! Und dies ist bei jedem verschieden, die einen, zum Beispiel dein Henrylein sah in dir das Ideal seiner Vorstellungen eines perfekten Geliebten, gerade an der Schwelle zum Mann, noch so zart und süß, eben genau wie er es sich ersehnte. Gut, vielleicht ist er sogar der Einzige, der dich so sieht, wie du wirklich bist, schließlich ist er ein Sodomit und damit sieht er dich wohl mit ganz anderen Augen, sozusagen fast wie es eine Frau tun würde“, kicherte der hässliche Vogel kurz auf. „Und die anderen, wie dein ach so geliebter Ravio, sah in seiner Geilheit lediglich ein Loch, mit dem er seine Triebe befriedigen konnte! Unterbrich mich jetzt nicht, es ist so! Deinen Schwanz, hat er dabei einfach ausgeblendet, er sah, was er sehen wollte, genau wie alle anderen! Du verwandelst dich je nach dem, was sie in dir sehen wollen, in ihre Traumvorstellung von einem Bettgefährten! Egal, ob bei einem Mann oder einer Frau, du nimmst immer genau diese Gestalt an, die sie sich ausmalen! Weshalb sehen dich denn sonst, völlig an Jungen oder Männern desinteressierte, so verführerisch mädchenhaft, während du auf Frauen genauso anziehend wirkst, hm? Für eine Frau siehst du nämlich alles andere als ein Mädchen aus, sie sehen lediglich einen verdammt hübschen Jüngling vor sich, aber dennoch einen `ganzen Kerl´, der es ihnen endlich nicht nur in ihren unkeuschen Träumen besorgt! Warum sonst, denkst du, konntest du die Königin becircen! Bestimmt nicht, weil du aussiehst wie eine kleine Hure, was alle anderen nur in dir sahen und sehen! Du brauchtest ihnen nur tief in ihre Augen zu sehen und auch wenn es unbewusst geschah, du blicktest dabei jedes Mal bis in die tiefsten Abgründe ihrer Seelen und schon erlagen sie dir! Weil du die Erfüllung all ihrer geheimsten Wünsche verkörperst, verstehst du? Und das hat nichts mit deiner, von mir vererbten Schönheit zu tun“, höhnte sein Vater.

Amanoue atmete tief durch, was einem schweren Seufzen gleichkam. „Dann liebt mich Henry also tatsächlich, obwohl ich doch nichts weiter bin als ein Incubus und ein Succubus dazu“, murmelte er geknickt.

Der Rabe schnaubte herablassend. „Na gut, wenn du dich unbedingt als diesen, von den Menschen erdachten Schwachsinn, bezeichnen möchtest“, zuckte er mit den Flügeln, „bitte schön. Ich bezeichne es eher als ein Erbe, das ich dir ungewollt mitgegeben habe. Du bist wohl doch mehr Engel, als alle dachten und genau dies brachte mich auch auf eine Idee! Allerdings war das schon gleich nach deiner Geburt! Nachdem deine Mutter also das Zeitliche gesegnet hatte, was eigentlich du hättest tun sollen, da, wie gesagt, du nicht erwünscht warst von denen da oben, kam ihnen etwas Entscheidendes dazwischen, denn als sie ihr Leben aushauchte, hauchte sie dir ihre Seele ein und damit warst du plötzlich ein Mensch, wenn auch nur ein halber. Damit hast du einen ganz schönen Trubel verursacht und einige von meinen ehemaligen `Brüdern´ waren der Meinung, dass es nun nicht mehr einfach so aus der Welt zu schaffen sei, also du! Mir wollten sie dich aber auch nicht überlassen, wegen besagter Seele und nun? Wohin mit dir, nach oben oder nach unten und das brachte mich auf besagte Idee. Ich schloss einen Pakt mit ihnen, du musst wissen, wir wetten ganz gerne mal um eine Seele, nur so zum Spaß und sehen dabei zu, wie sich das ganze entwickelt! Zum Guten oder zum Bösen, sozusagen!“, lachte der Dämon sich schief, während Amanoue ihm wie betäubt zuhörte.

„Ich glaube dir nicht“, kam es leise aus seinem Mund, wobei er nur noch mühsam ein Schluchzen unterdrückte.

„Is aber so“, frohlockte der Rabe, „oder was denkst du, was diese Zeichen auf deinem Rücken bedeuten? Es sind Unterschriften, nichts weiter! Wie bei einem Vertrag, denn nichts anderes war es! Dabei überließen wir dich einfach deinem Schicksal, mit all seinen kleinen miesen Tücken! Prüfungen, nannten sie es“, kicherte er hämisch und Amanoue schloss die verbitterten Augen. „Na, na, nun heul nicht, hast dich doch bisher ganz gut geschlagen, hast so tapfer alles ertragen, naja, bis auf die paar Kerle, die du geröstet und in die Hölle geschickt hast“, kriegte der Dämon sich vor Lachen nicht mehr ein. „Ach ja, und davor hast du ja schon zwei gegrillt, den Medicus und dessen Helferlein und von da an ging es wohl mit dir bergab! Haha, sprichwörtlich bergab sogar, denn damit erschien zum ersten Male sichtbar für alle, auch meine Unterschrift! Je fleckiger, also beschmutzter deine Seele wird, umso deutlicher wird mein Zeichen und umso blasser wird das andere werden. Tja, und irgendwann wird es wohl ganz verschwunden sein, es sei denn, du machst so weiter und flennst lieber rum, anstatt dein Schicksal endlich selbst in die Hand zu nehmen und dich zu wehren! Die werden dir nämlich noch etliche Steine in den Weg legen, um dich auch ja anständig zu prüfen. Dabei bist du nicht der Einzige, das haben die auch schon bei anderen ausprobiert! Sagt dir Hiob was? Der arme Kerl, nein? Vielleicht solltest du mal die Bibel lesen, ist echt interessant aber jetzt sollten wir wieder zum eigentlichen Punkt zurückkehren, bevor du mir noch zusammenbrichst, vor lauter Selbstmitleid, oder sagt man zerfließt?“, juxte er wieder. „Also, wieder zurück und machen wir bei deinem Onkelchen weiter! Gut, ich gebe zu, dass ich mich seiner Gestalt bediente, um endlich an dich heranzukommen!“

„Ach!“, zischte Amanoue nun doch wieder gefasster, was auch seiner mehr und mehr aufkeimenden Wut gegenüber dem Dämon zu verdanken war.

„Jetzt unterbrich mich nicht immer! Also, wie ich schon sagte, kann ich jede Gestalt annehmen, also auch von Verstorbenen. Nachdem du aus diesem Hurenhaus heraus warst, brauchte ich nur auf eine passende Gelegenheit zu warten, um mit dir in Kontakt treten zu können. Vorher warst du mir ehrlich gesagt noch zu unreif. Was sollte ich auch mit dem Körper eines Kindes anfangen, das dazu noch als Hurenknabe in Gefangenschaft lebte? Diese idiotischen Barbaren haben mir einen schönen Strich durch die Rechnung gemacht, als sie dich versklavten, das sage ich dir! Ach, ich hatte mir alles so schön ausgedacht“, seufzte der Rabe enttäuscht und Amanoue nickte zynisch.

„Kann ich mir denken!“, höhnte er und wieder hackte der Vogel nach ihm. „Aua!“

„Unterbrich mich nicht! Ja, ich hatte mir deine und natürlich meine, Zukunft anders vorgestellt und alles so schön zurechtgelegt. Ich musste nur abwarten, bis du zum Manne geworden und der Nachfolger des Sultans von Asconien geworden wärst. Was hätte ich für Kriege führen können! Ganze Ländereien hätte ich mit meiner Armee treudoofer Soldaten überrannt und unterjocht! Aber Pustekuchen! Wie hätte ich denn auch ahnen können, dass dieses unterentwickelte Barbarenvolk meine Pläne durchkreuzt, hm? Na egal, zu meinem Glück kam ja dann dieser schwule Trottel von einem König und holte dich zu sich!“

„He!“, empörte sich Amanoue sofort, doch der Rabe ging nicht darauf ein.

„Damit taten sich mir wieder ganz neue Chancen auf! Du warst fast erwachsen und an der Seite eines Königs hätte ich ganz andere Möglichkeiten gehabt! Den verliebten Blödmann hätte ich schon nach meinen Plänen gelenkt, alles was ich dafür brauchte, war allerdings dein Körper! Ich wartete also eine passende Gelegenheit ab und siehe da? Die ergab sich schneller, als gedacht. Du warst so traurig und verzweifelt und sooo allein, da brauchte es nur noch einen kleinen Schubser! Und den gab ich dir als dein von dir so geliebten Onkel. Ich nahm seine Gestalt an und versuchte dich zu `mir´ zu locken. Aber das mit dem Dolch hast du ja nicht hinbekommen, du Niete! Wenn man sich einen Dolch ins Herz stoßen möchte, muss man schon fester zustechen und dann kam mir auch noch dieser Idiot von König in die Quere! Genau wie später dieser blöde Hauptmann“, brummte der Dämon ärgerlich. „Ich war sowas von begeistert, als du im Fluss ertrankst! Und sogar ohne mein Zutun“, jubelte er für einen Augenblick, bevor er gleich wieder den Kopf sinken ließ. „Ich konnte es gar nicht glauben, endlich war dein Körper frei für mich und was macht der Idiot? Hämmert auf dir herum und bläst dir seine Luft in die Lungen! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie überrascht ich war! Normalerweise geben die nämlich ziemlich rasch auf, wenn einer von ihnen krepiert, nur der nicht und ich dachte für einen Moment mich trifft der Schlag, als du deine Augen wieder öffnetest und mich mit dem Wasser wieder ausspiest!“, blaffte er und Amanoue entkam nun doch ein schadenfrohes Lachen.

„Tja, mit Falco hast du nicht gerechnet“, verspottete er den Vogel noch dazu.