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Ein Brief - zwei junge Frauen - und die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen. 2018 - Im Nachlass ihres Großvaters findet Jette das Foto einer ihr fremden Frau und einen ungeöffneten Feldpostbrief. Wieso Opa Erich über siebzig Jahre lang einen Brief aufbewahrt hat, kann die junge Journalistin sich nicht erklären. Doch sie versteht die Notiz auf dem Nachlass als Auftrag ihres Großvaters und macht sich auf die Suche nach der Adressatin des Briefs. 1942 - Die junge Sekretärin Agnes kann ihr Glück kaum fassen, als ihr langjähriger Freund Otto sie bittet, ihn zu heiraten. Mit ihm will sie ihr Leben teilen und eine Familie gründen. Da erhält Otto seinen Einberufungsbefehl und wird an die Ostfront geschickt. Der Roman kann als Adventskalender in 24 Kapiteln gelesen werden!
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Seitenzahl: 154
Veröffentlichungsjahr: 2025
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2018 - Im Nachlass ihres Großvaters findet Jette das Foto einer ihr fremden Frau und einen ungeöffneten Feldpostbrief. Wieso Opa Erich über siebzig Jahre lang einen Brief aufbewahrt hat, kann die junge Journalistin sich nicht erklären. Doch sie versteht die Notiz auf dem Nachlass als Auftrag ihres Großvaters und macht sich auf die Suche nach der Adressatin des Briefs.
1942 – Die junge Sekretärin Agnes kann ihr Glück kaum fassen, als ihr langjähriger Freund Otto sie bittet, ihn zu heiraten. Mit ihm will sie ihr Leben teilen und eine Familie gründen. Da erhält Otto seinen Einberufungsbefehl und wird an die Ostfront geschickt.
Hanne Benden studierte Skandinavistik und Buchwissenschaft in Erlangen, Greifswald und Lund und arbeitet heute hauptberuflich als Schwedisch- und Dänischdozentin. Nebenbei schreibt sie Bücher mit Hyggefaktor.
Nach Stationen in verschiedenen Ecken Deutschlands lebt sie nun wieder im heimatlichen Ruhrgebiet. Sie liebt Skandinavien, Bücher und Musik und wünscht sich, so schnell schreiben zu können, wie ihr Ideen für neue Geschichten zufliegen.
Für alle, die suchen
und für alle,
die schon lange auf Antwort warten
November 2018
Advent 1942
Advent 1949
November 2018
Juli 1942
Advent 2018
Advent 2018
Advent 2018
Advent 1942
Advent 2018
Weihnachten 1943
Advent 2018
Weihnachten 1942
Advent 1955
Weihnachten 1942
Advent 2018
November 1945
Advent 2018
Advent 2018
Advent 2018
Weihnachten 1954
August 1970
Advent 2018
Weihnachten 2018
Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht. Immer wieder ließ Jette den Kugelschreiber auf ihren Notizblock sinken und malte mit flüchtigen Bewegungen nicht ganz symmetrische Gesichter, während sie Mertens Stimme lauschte, die weit weg schien. Mittlerweile bildeten die Mondgesichter einen Zierrahmen am Rand des Blocks entlang. Als ihr das aufging, legte Jette den Stift ab und versuchte, sich auf die Rede ihres Chefs zu konzentrieren. Aber sie hatte den Einstieg verpasst und keine Ahnung, worum es ging. So, wie Merten herumschwadronierte, wusste er es vielleicht selbst nicht so genau.
Jette schmunzelte hinter vorgehaltener Hand. Merten war ein ausgezeichneter Journalist. Er recherchierte sorgfältig und schrieb auf den Punkt. Warum ihm das beim Reden nicht gelang, war Jette ein Rätsel.
Sie griff nach der Gebäckschale in der Tischmitte und zog einen Spekulatius heraus. Oh Mann, wie lang lagen die Kekse hier schon offen herum? Das Gebäck löste sich zwischen ihren Lippen in Wohlgefallen auf. Kein noch so sanftes Knacken oder Knuspern. Nur breiige Süße, die sich viel zu schnell in ihrem Mund ausbreitete. Zu Hause im Wohnzimmer hätte Jette den Keks vermutlich ausgespuckt, aber hier vor ihren Kolleginnen und Kollegen konnte sie das nicht bringen. Also spülte sie nur rasch mit einem Schluck Kaffee nach. Die andere Spekulatiushälfte ließ sie auf ihrem Notizblock liegen, wo sie einen Fettfleck ins Papier fraß. Den Keksrest würde sie nach der Redaktionssitzung entsorgen.
Sofort nagte das schlechte Gewissen an ihr. Essen wurde nicht weggeworfen! Das hatten nicht erst die Foodsaver ihr mitgegeben, die sie vor Kurzem für einen Artikel interviewt hatte. Diese Regel hatte ihr Großvater ihr seit frühester Kindheit eingebläut. Als Fünfjährige hatte sie es nicht verstanden, warum Opa Erich es nicht hatte leiden können, wenn sie ein Gericht verschmähte. Inzwischen kannte sie seine Gründe und wusste, dass die Regel nicht in Stein gemeißelt war. Dennoch hatte Jette stets Hemmungen, Essbares wegzuschmeißen. Besonders Spekulatius – sie waren Opa Erichs Lieblingskekse. Gewesen.
Jette schluckte und noch einmal verteilte sich das Aroma von Zucker, Zimt und Nelken auf ihrer Zunge. Zwei Wochen lag Opa Erichs Tod schon zurück. Es hatte sich abgezeichnet, hatte ihre Mutter gesagt. Jette selbst hatte es ebenfalls geahnt. Opa Erich war schon weit über 90 Jahre alt gewesen. Er hatte ein erfülltes Leben gehabt und war ganz friedlich eingeschlafen. All das wusste Jette. Aber es änderte nichts an der Tatsache, dass ihr Großvater ihr fehlte. Nicht einmal die geliebten Spekulatius hatte er vor seinem Tod noch essen können. Vor Totensonntag, der nun eine Woche zurücklag, kam ihm kein Weihnachtsgebäck auf den Tisch. Auch in dieser Hinsicht war er eisern gewesen.
Vielleicht schmeckte der Spekulatius auch deshalb nicht, weil Opa Erich nicht mehr da war. In den letzten Jahren hatten sie immer gemeinsam am Vorabend des ersten Advent eine Tüte Spekulatius geöffnet und bei einer Tasse Kaffee den Vorgeschmack auf Weihnachten genossen. Ohne ihn war es nicht dasselbe.
Jette sah von dem angebissenen Keks zu den gekritzelten Gesichtern, die, so kam es ihr vor, grimmig vom Papier zu ihr heraufstarrten. Wie lange sollte die Redaktionssitzung denn noch dauern?
„Ich weiß, das klingt alles ziemlich ambitioniert, aber wenn wir uns alle bemühen, dann schaffen wir das “, sagte Merten.
Formten seine Hände bei diesen Worten gerade eine Raute? Jette sah genauer hin, aber da griff ihr Chef schon zu einem Filzstift und kritzelte in seiner Sauklaue etwas an das Flipchart.
„Jette, würdest du die Kolumne übernehmen?“
Was für eine Kolumne? So ein Mist, hätte sie doch besser zugehört! Sie konnte jetzt schlecht fragen, was Merten genau von ihr wollte. Wahrscheinlich hatte es irgendetwas mit dem neuen Konzept zu tun, das Merten sich für die Weihnachtszeit überlegt hatte. Aber wie sollte das aussehen? Ehrlicherweise hätte Jette Nein sagen müssen. Andererseits kam es selten genug vor, dass man eine Zeitungskolumne schreiben durfte. Danach leckten sich praktisch alle die Finger. Aus dem Augenwinkel sah Jette eine Kollegin enttäuscht das Gesicht verziehen. Carola wusste mit Sicherheit, worum es ging. Aber Merten hatte Jette gefragt. Sie konnte einfach nicht ablehnen. So schwer würde es schon nicht werden.
„Ja, ist okay“, sagte Jette. Sie nahm ihren Kugelschreiber wieder auf und wischte die Kekskrümel vom Block.
Merten strahlte. „Super, ich wusste, dass ich auf dich zählen kann! Überleg dir etwas Schönes. Es darf unsere Leserinnen und Leser ruhig anrühren. Aber mach es nicht zu kitschig.“
Rührend, keinen Kitsch, notierte Jette flüchtig. Na bravo, das war ja konkret! Wie sollte sie daraus eine Kolumne machen?
„Okay“, sagte sie dennoch erneut. „Wann willst du’s haben?“
„Ende der Woche. Sagen wir, Freitag früh?“
Jette nickte. In einer guten Woche würde sie wohl etwas zustande bringen.
Zum Glück läutete die Verteilung der Aufgaben das Ende der Redaktionssitzung ein. Jette warf einen Blick auf ihr Smartphone. Schon elf Uhr! Wenn sie rechtzeitig zu ihrem Interviewtermin in der Volkshochschule kommen wollte, musste sie sich sputen. Kaum hatte Merten hinter jede Aufgabe am Flipchart einen Namen geschrieben, schnappte Jette sich ihren Kugelschreiber und Block und verließ den Raum. Den Spekulatiusrest ließ sie im Vorbeigehen in den Papierkorb fallen. Tut mir leid, Opa Erich! Sie sah noch, dass Merten ihr hinterherwinkte, offenbar wollte er noch mit ihr sprechen. Aber das musste warten.
Nach dem Termin in der Volkshochschule stand noch der Besuch einer Initiative für Geflüchtete auf ihrer Agenda. Einige Bürgerinnen und Bürger engagierten sich schon seit Jahren für die Menschen, die ihre Heimat wegen der andauernden Kriege verlassen hatten. Nun konnte die Initiative ein kleines Jubiläum begehen: Hundert Geflüchtete hatten sie erfolgreich dabei unterstützt, Deutsch zu lernen, eine Arbeit zu finden und wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen.
„Bei all den Vorurteilen, die man hört, muss man darüber sprechen“, sagte der Vorsteher der Initiative gleich zu Beginn des Gesprächs. Er war mittleren Alters und beantwortete souverän Jettes Fragen, ganz so, als sei er es gewohnt, mit Pressevertretern zu sprechen. Der dunkelhaarige Mann und die alte Frau an seiner Seite machten im Vergleich zu ihm einen eher schüchternen Eindruck.
„Wie lange sind Sie schon in Deutschland?“, fragte Jette den jungen Mann, der sich als Firas vorgestellt hatte.
„Seit drei Jahren“, antwortete er. „In Syrien habe ich Wirtschaftsingenieurswesen studiert. Aber hier wurde mein Studium nicht anerkannt.“
Sein arabischer Akzent war nicht zu überhören, aber seine Grammatik war einwandfrei. Ob er deshalb ausgewählt worden war, an dem Interview teilzunehmen?
„Was haben Sie nun vor?“
„Ich habe mir einen Job in einer Werkstatt gesucht. Im nächsten Jahr bewerbe ich mich um einen Studienplatz. Ich muss halt noch einmal anfangen, aber das macht mir nichts aus“, sagte Firas und lächelte.
Jette machte sich Notizen zu ihren Eindrücken, während die Diktierapp das Gespräch aufzeichnete. Ambitioniert, entschlossen – das waren die ersten Worte, die Jette spontan zu Firas einfielen. Er hätte Opa Erich gefallen. Der hätte ihn ermutigt, seine Pläne zu verfolgen.
Jette umklammerte ihren Stift. Dass selbst ein syrischer Geflüchteter sie auf Gedanken an ihren Großvater bringen musste! Opa Erich hätte damals auch gern studiert, so hatte er ihr einmal erzählt. Auch ihm war der Krieg dazwischengekommen. Jette zwang sich, wieder konzentriert ihrer Arbeit nachzugehen, und wandte sich der alten Frau zu, die bislang außer einer freundlichen Begrüßung noch nichts gesagt hatte.
„Warum engagieren Sie sich hier in der Initiative?“
„Weil ich nachfühlen kann, wie es ist, seine Heimat verlassen zu müssen und ganz von vorne anzufangen“, antwortete sie und Jette erkannte sofort den ostpreußischen Akzent. Es entlockte ihr ein Schmunzeln, irgendwie hatte sie diese etwas harte Sprachfärbung immer gemocht. Doch noch nie hatte sie sich darüber Gedanken gemacht, wie sehr dieser Dialekt mit Fluchterfahrung zu tun hatte. Die alte Frau berichtete in knappen Worten von ihrem harten Weg aus Ostpreußen als junges Mädchen, und von den Erfahrungen, die sie und ihre Familie damals gemacht hatten.
Jette hätte ihr und Firas stundenlang zuhören können, aber sie musste sich auf ihren journalistischen Auftrag konzentrieren. Hier ging es um den Erfolg der Initiative, und allein vom Zuhören schrieb sich noch kein Artikel. Zumal sie ja nicht nur diesen einen Artikel zu schreiben hatte.
Jette bedankte sich bei ihren Interviewpartnern und machte sich auf den Weg zurück zur Redaktion.
Merten fing sie direkt an der Tür ab. „Jette, gut, dass du wieder da bist! Hast du dir schon Gedanken über die Kolumne gemacht? Weißt du, worüber du schreiben wirst?“
Jette sah ihren Chef entgeistert an. „Merten, ich war bis eben mit Interviews beschäftigt. Wann hätte ich denn über die Kolumne nachdenken sollen?“
„Ich dachte, weil du heute Morgen so spontan ja gesagt hast. Ehrlich gesagt, hast du nicht so ausgesehen, als wüsstest du, worauf du dich einlässt.“
Jette schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was eine Kolumne ist, Merten, und ich weiß auch, wann du den Text haben möchtest. Du kannst auf mich zählen!“
Merten hob die Hände und wandte sich um. „Ich verlass mich drauf!“
Jette seufzte. Na prima!
Agnes nahm die alte Zigarrenkiste aus der Schublade und stellte sie neben die Krippe auf der Fensterbank. Maria, Josef und die Hirten mit ihren Schafen standen alle schon auf ihren Plätzen. Jetzt fehlten nur noch die Sterne, die sie an der Gardinenstange über der Krippe aufhängen wollte. Agnes schob den Deckel der Kiste zurück und holte den ersten Stern heraus. Er war aus weißem, hauchdünnem Papier gefaltet. Agnes konnte sich gut daran erinnern, wie ihre Großtante früher diese Sterne gebastelt hatte. Jedes Mal hatte sie fasziniert neben ihr gestanden und gestaunt, wie man eine so filigrane Arbeit leisten konnte. Ihr selbst war es trotz häufiger Erklärungen ihrer Großtante nie geglückt. Umso mehr hüteten Agnes und ihre Mutter nun die Sterne, die ihre Großtante ihnen vererbt hatte.
Der erste Stern bekam seinen Platz direkt über den Hirten. Agnes griff nach dem zweiten. Als sie ihn anhob, fiel etwas auf den Boden. Agnes legte den Stern zurück in die Kiste und bückte sich. Auf den Dielen neben dem alten Sessel lag ein gepresstes Rosenblatt. Wie war das nur zwischen die Weihnachtssterne geraten?
Agnes nahm das Blatt auf und strich mit den Fingern über die etwas raue Oberfläche. Im April war es noch samtig weich gewesen. Damals, als Otto ihr die Rose überreicht hatte. Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem Tag. Es kam ihr vor, als sei es erst gestern gewesen.
Sie sog die Frühlingsluft tief in ihre Lungen ein. Nach einer Woche Dauerregen zeigte der April sich heute endlich einmal von seiner schönen Seite und verwöhnte die Stadt mit blauem Himmel und warmen Sonnenstrahlen. Trotzdem hütete Agnes sich davor, ihren Mantel zu weit zu öffnen oder gar ihr Tuch zu lockern. Ehe man sich’s versah, konnte man sich bei diesem Wetter etwas wegholen, und das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Ihr Chef hatte ihr erst heute wieder gesagt, wie froh er war, dass sie ihn so tatkräftig unterstützte. Jetzt, da die eine Kollegin zum Arbeitsdienst abkommandiert war und die andere wegen Schwangerschaftsbeschwerden ausfiel.
Eine Taube gurrte über ihr im Baum und Agnes schob die Gedanken an ihre Arbeit weit von sich. Für heute hatte sie Feierabend, und den würde sie mit Otto verbringen.
Wie immer waren sie vor dem Parktor verabredet. Agnes bog um die letzte Straßenecke und sah Otto von der gegenüberliegenden Seite auf das Tor zulaufen. Sie lächelte. Bislang waren sie immer gleichzeitig am Treffpunkt angelangt.
Agnes flog Otto um den Hals. Er wirbelte sie einmal im Kreis herum und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Wie schön, dich zu sehen!“
Er nahm ihre Hand und gemeinsam schlenderten sie durch das Tor. Otto fragte sie nach ihren vergangenen Arbeitstagen und wie es ihren Eltern und ihrer Schwester gehe.
„Und wie sieht es bei dir aus?“, erkundigte sie sich, nachdem sie erzählt hatte.
Otto strahlte. „Erstaunlich gut. Trotz des Krieges kommen die Leute immer noch und bestellen Anzüge und Mäntel. Es gibt genug zu tun.“
„Euer Haus hat schließlich einen ausgezeichneten Ruf!“
Schon bevor sie Otto kennengelernt hatte, war Agnes der Name des Herrenschneiders August ein Begriff gewesen. Praktisch jeder Mann, der in der Stadt etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, gab dort Anzüge in Auftrag. Otto hatte das große Glück gehabt, seine Ausbildung bei dem Schneidermeister machen zu dürfen und war nun als Geselle bei ihm angestellt.
„Ich gebe mein Bestes, um diesem Ruf auch gerecht zu werden“, sagte Otto. „Immerhin habe ich große Pläne.“
Agnes sah ihn neugierig an. „Was hast du vor?“
„Ich möchte bald meinen Meister machen. Der Chef hat mir während meiner Ausbildung schon gesagt, dass ich der letzte Lehrling bin, den er ausbildet. Jetzt will er langsam kürzertreten. Wenn ich den Meistertitel habe, könnte ich langfristig das Geschäft übernehmen.“
Otto schien einige Zentimeter zu wachsen und seine Augen leuchteten, während er berichtete. Agnes konnte es ihm nachempfinden. Sie wusste, wie sehr er seinen Beruf liebte und wie ambitioniert er war. Für Otto gab es kein Mauscheln – jeder Schnitt musste perfekt sitzen, jede Naht korrekt sein.
„Das sind wunderbare Neuigkeiten! Ich freue mich so für dich.“ Agnes küsste ihn auf die Wange, aber Otto wurde mit einem Mal ernst.
Vor dem Rosenbeet blieb er stehen und sah Agnes tief in die Augen. „Das hat aber auch für uns Konsequenzen“, sagte er. „Die Meisterprüfung wird nicht leicht und ich werde mich sehr gut vorbereiten müssen. So lange werden wir mit der Hochzeit noch warten müssen.“
Agnes lachte und versetzte ihm einen sanften Stoß in die Rippen. „Du hast mir noch nicht einmal einen Antrag gemacht.“
Otto schwieg für einen Augenblick. „Das stimmt“, gestand er schmunzelnd. „Nun gut, eigentlich hatte ich das anders geplant. Aber ich könnte ja schon einmal üben.“
Er knipste eine Rose von einem der Sträucher ab, trat nah an Agnes heran, so nah, dass sie in seine dunkelbraunen Augen sehen konnte. Sein Blick wanderte zwischen ihren Augen und dem Mund hin und her.
„Liebste Agnes, würdest du meine Frau werden wollen?“
Agnes hielt das Rosenblatt so fest an ihre Brust gedrückt wie damals die Rose. Sie spürte Ottos Lippen auf ihren. Ohne zu zögern hatte sie im April Ja gesagt. Schließlich stand es für sie schon lang fest, dass sie Otto heiraten würde. Ihn und keinen anderen. Tagelang war sie wie auf Wolken geschwebt. Ihre Eltern hatten sich mit ihr gefreut, auch sie hatten Otto insgeheim schon als Schwiegersohn auserkoren. Die Zeit, die Otto für seinen Meister brauchen würde, war Agnes gern bereit gewesen, zu warten.
Doch nur zwei Wochen später war Otto anders. Nicht ausgelassen wie sonst. Langsam und mit gesenktem Kopf trottete er auf sie zu, als sie ihn am Parktor erwartete. Mit ernster Miene zeigte er ihr den Brief. Agnes brauchte ihn gar nicht erst zu lesen. Der Stempel mit dem Reichsadler und das schwarze Kreuz der Wehrmacht auf dem Umschlag sagten genug.
Otto senkte den Kopf und wich ihrem Blick aus. „Ich muss an die Front.“
Wenige Tage später hatte er sich bereits zu melden. Dass Otto der einzige Ernährer seiner erwerbsunfähigen Mutter war, spielte keine Rolle mehr. Seine bisherige Zurückstellung war aufgehoben. Agnes hätte ihn am liebsten festgehalten und war drauf und dran, mit Otto zu fliehen. Aber wohin hätten sie gehen können? Der Krieg hatte vor keiner Region, keinem Land Halt gemacht. Und wenn man sie erwischt hätte, wären sie beide standrechtlich erschossen worden.
„Hätten wir es doch bloß versucht“, murmelte Agnes, das Rosenblatt noch immer an sich gepresst. Vielleicht wären sie ja doch irgendwo untergekommen. Und wenn nicht, wären sie wenigstens zusammen gestorben. Im Juli hatte sie einen Brief von Otto aus Russland erhalten und sie hatte direkt geantwortet. Doch seit jenem Brief war keine Nachricht mehr gekommen. Ob Otto ihren Brief überhaupt erhalten hatte? Wusste er, welche Folgen ihr letzter gemeinsamer Tag gehabt hatte?
„Zu Weihnachten bin ich wieder bei dir“, hatte er ihr beim Abschied gesagt. Auch in seinem Brief war dieser Satz gefallen. Als ob er wahr werden würde, wenn man ihn nur oft genug wiederholte.
Agnes schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. Wenn es so wäre, hätte Otto schon längst wieder hier bei ihr sein müssen. Aber Weihnachten stand kurz bevor und nichts deutete darauf hin, dass mit dem Christkind auch ihr Otto Einzug halten würde. Natürlich kannte Agnes die Nachrichten des englischen Senders. Es lief in Russland längst nicht mehr so, wie man ihnen glauben machen wollte.
Behutsam legte Agnes das Rosenblatt zurück in die Schachtel und nahm den nächsten Papierstern auf. Als schließlich alle Sterne über der Krippe hingen, sah es so aus wie jedes Jahr. Aber der Schein trog und konnte sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass nichts so war, wie es sein sollte.
Agnes zündete eine Kerze an und stellte sie zwischen die Hirten. Vielleicht würde das Licht ja nicht nur ihnen den Weg zur Krippe zeigen.
D
