Verlag: Ideenbrücke Verlag Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Der Werwolf - W. Alexis

Eine historische Grusel- und Kriminalgeschichte um jenes dunkle Wesen, das seit uralten Zeiten des Menschen fasziniert. Klassiker des Genres. Neu heraugegebene vollständige Fassung.

Meinungen über das E-Book Der Werwolf - W. Alexis

E-Book-Leseprobe Der Werwolf - W. Alexis

W. Alexis

Der Werwolf

Historischer Roman

idb

ISBN 9783961501076

Erster Band

Hake von Stülpe

Erstes Kapitel

Die Spinnstube

»Daß Gott erbarm!« rief Frau von Bredow, und wollte wieder ihre Hände falten, aber der Kopf war noch nicht recht im Gleichgewicht; auch die runde Brille war unter die Augen gerutscht, und das abgegriffene Buch, das ihr auf den Schoß gesunken, dieweil der Schlaf mit seinen Sammetfingern über ihre Wimpern strich, war jetzt zur Erde gefallen.

Davon war sie vielleicht erwacht.

»Du meine Zeit, was war das?«

Die Mägde hätten nicht nötig gehabt zu antworten; der Wind antwortete schon selbst, und wenn er vorübersauste und in den Wäldern nachheulte, surrte und summte es unheimlich draußen, als kratze es mit tausend weichen Katzenpfoten an die Eichenläden der Fenster.

»Der weiße Mann ist draußen«, sagte der Knecht Ruprecht, der das Feuer auf dem Herde schürte.

Aber dem weißen Manne draußen, der so ungestüm den Bewohnern ansagte, daß er in der Burg Einlagerung getan, antwortete drinnen ein anderes Schnurren und Surren; gleich wie seinen Schneeflocken zum Trotz drehten sich und schwirrten die Spinnrocken, und die Holzschuhe klappten dazu lustig auf dem Estrich.

Der weiße Mann, wenn er durch die Läden in die warme Halle hätte schauen können, hätte sich wohl gewundert, wie Menschenwitz es mit seinem Grimm aufnimmt. Es hatte sich mancherlei seit den zehn oder fünfzehn Jahren geändert, seit unser Aug' nicht in die Burghalle von Hohenziatz blickte. Die Läden von Eichenholz waren fest gezimmert und beschlagen, und die Ritzen zwischen Stil und Stein mit Moos und Lehm verklebt und mit Mörtel verstrichen. Das Wetter mußte draußen bleiben, und auch der Wind, wenn er noch so sehr aus seinen Pausbacken blies, wehte doch nur ein weniges die flackernden Kienspäne, die an die Pfeiler gesteckt, das Gemach hell machten.

Das Alter ist auch ein weißer Mann, aber er lebt nicht in guter Freundschaft mit seinem Bruder, der die Bäume entlaubt und Glasdecken über die Teiche breitet, und das weiße Sterbekleid über die Felder. Er führt nicht offenen Krieg mit ihm, denn der Bruder draußen hat ihm eine zu starke Lunge, aber er hat's vom Dachs gelernt, wie er sich gegen ihn verschanzt.

»Den Tieren tut's der liebe Gott«, hatte die Burgfrau gesagt, »der gibt ihnen Haare und Federn aufs Fell; der Mensch muß das Fell sich selber suchen.« – »Darum hat auch Gott die Jagd erlaubt«, hatte der Knecht Ruprecht erwidert, wenn die Gnädige bisweilen meinte, Jagen sei doch ein gottlos Vergnügen. – »Ruprecht«, sagte sie dann, »ist's auch so?« und legte die Hand aufs Buch. »Hat doch der liebe Gott jedweder Kreatur ihr eigen Fell gegeben, dem Fuchs und dem Bär und dem Hirsch, als wie er's braucht, und der Fuchs möchte nicht des Bären und der Bär nicht des Hirschen Haut umhaben, noch begehrt er ihrer. Wie kommt's nun, daß der Mensch soll das Recht haben, da Gott ihm doch selber eine Haut gab, wie er sie braucht, daß er dem Hirsche und dem Fuchs ihren Balg abzieht und sich daraus ein Kleid macht?« – Der kluge Knecht machte dann wohl ein pfiffig Gesicht: »Wie kommt's denn, Gestrenge, daß Ihr die Gänse schlachten lasset zu Martini, und um Advent die Schweine stechen?« – »Du Lieber«, sagte sie, »das hat Gott so gefügt, weil wir sonst im Winter verhungerten«, und der Knecht sagte darauf: »Und wenn wir in unserer eigenen Haut gingen, und keine Pelze drüber, dann erfrören wir, insonderheit wer's nicht gewohnt ist und alt wird. Und mit der Zeit werden wir alle alt«, setzte er hinzu.

Da pflegte denn Frau von Bredow sich an die Lederbacken des alten Stuhls zurückzulehnen und ernst vor sich hinzuschauen. Wer sie lange nicht gesehen, so lange als wir, der hätte sich gewundert, woher der rührigen Frau die Ruhe kam. »Das sind doch gar kuriose Dinge«, pflegte sie zu sagen, »und wenn man nur wüßte, wer unsereins darüber Rat gäbe! Das war auch so mit meinem Götz. Ach, was wollte er nicht alles wissen! Ja, und wer gab ihm Antwort!«

Die gute Frau von Bredow, wie sie in ihrem Pelzkäppchen saß, aus dem die weißen Haare so rein und schön vorguckten! Das Brustlatz noch immer stramm und nett, die Hände nur ein weniges magerer, aber wie sie auf die Armlehnen drückten, wo sie lebhaft ward, man war gewiß, wenn's galt, schnellte sie auf, rasch wie damals die rüstige Fünfzigerin. Nun gab es aber wohl nichts zu tun, oder es war alles getan, und gut getan; sie konnte von der Arbeit ausruhen. Der Stuhl war weich, ihre Füße, nicht mehr in scharfem Leder mit dicken Sohlen, ruhten in weichen Filzschuhen auf dem Teppich, der über den Estrich gelegt war. Aber ihr Auge, das war noch immer das alte Auge.

Man sah's der Ordnung in der Halle an, daß eins hier waltete, was noch scharf war. Wenn das Blut noch frisch springt, denkt der Mensch, die Schärfe müsse allüberall hinausgekehrt sein; wenn's langsamer durch die Adern pulst, meint er, daß weichen Teig auch ein stumpf Messer schneidet. Es ging stiller her in Ziatz. Der Flur war noch gestampfter Lehm, aber glatt und rein. Da schwamm kein Bier und Wein mehr, die Schemelbeine und Sporen hatten keine Ritzen und Löcher gerissen. Die Kürasse und Pickelhauben hingen dicht und still an der Wand, und die Spieße waren an den Pfeilern festgeschnallt. Das Holzwerk war nicht neu gestrichen, aber sauber geputzt; es hatte jedwed Ding seinen Platz, und die Mägde mit ihren Spinnrädern auch. Was ist lustiger in langen Winterabenden, wenn es draußen heult und schneit, und drinnen pustet der Ofen, oder vom prasselnden Herde weht es warm dich an, und wie der Faden aus dem Flocken spinnt ein Gespräch, ein Märchen nach dem andern sich aus, und der Faden möchte nie enden, bis die Glock schlägt, so die Dirnen auseinandertreibt, in die Schrecken der Nacht hinaus, der sie eben ein Schnippchen schlugen.

Die Gestrenge meinte es gut, wer wollte daran zweifeln, wenn sie aus dem Legendenbuche vorlas; aber waren nun die Legenden daran schuld, oder war's, daß die gute Frau von Bredow keine gute Vorleserin war, die Mägde sahen sich immer gar schlau an, wenn sie anfing, sich zu versprechen, und dann gähnte, und dann sanken ihr die Augen zu, und wenn sie sie wieder aufschlug, hatte sie die Stelle vergessen. Wenn dann der Kopf immer mehr nickte und endlich das Buch auf den Schoß sank, war's als wäre ein Zauber gelöst. Der Alp, der den Dirnen auf der Brust gelegen, flog durch den Schlot; vorsichtig drehten sich die Köpfe um, ob sie auch gewiß schlief und waren sie des gewiß, wie rasch fuhren die Köpfe zu einander und die Schemel rückten sich von selbst. – Was geht über ein Schauermärchen, da einem die Haare zu Berge stehen! Die Spindeln selber mochten zuhören und standen still.

Heute war es etwas anderes, warum sie die Köpfe zusammengesteckt, als die Roggenmuhme, um die sie die Ursel immer neckten, oder was die Wenceslawa am Andreasabend gesehen, oder wo sie nächste Ostern das Osterwasser schöpfen wollten? Der alte Meier war aus dem Kloster gekommen und mußte gar Wichtiges erzählt haben; selbst der Knecht Ruprecht hatte zugehorcht. Was achtete er sonst auf der Dirnen Klatschereien.

Da war es, wo die gute Frau von Bredow erwacht war, sie hatte die Worte des Knechtes wiederholt: «Ach, der weiße Mann ist draußen!«

Sie hatte vom Frühling geträumt und eine grüne Wiese gesehen mit Blumen, und ihr Gottfried ging drauf lustwandeln und pflückte von den Blumen. Der Knecht, der sehr in der Gunst seiner Herrin gestiegen sein mußte, schüttelte den Kopf und sagte: Dem guten Herrn sei zu gönnen, daß er auf grünen Wiesen in Gottes Himmelreich spazieren gehe, denn hier unten würden sie bald auf Dornen und Blut wandeln.

»Mußt denn immer ein Unglücksvogel sein?« sprach Frau Brigitte, und sah ihn wohlwollend an. »Ruprecht, ich meine, das ist nicht rechte Gottesfurcht.«

»Daß Gott uns Zeichen gibt, was kommen wird, dadurch er uns warnt!« entgegnete der Knecht und schüttelte den Kopf. Dann fragte er, ob die Krähen und Dohlen umsonst wieder Krieg geführt in den Lüften, daß die Federn umhergestäubt? Ob's für nichts blutige Kreuze geregnet, die auf den Hemden saßen, und sie gingen nicht aus, wie man auch wusch. Da auf dem Weißzeug in verschlossenen Kisten fand man sie drüben in Jerichow. Und im Weißbrot, das sie aus dem Backofen trugen, standen sie blutig frisch, wenn man's aufbrach. »In Kölln an der Spree ist's geschehen. Hunderte haben's gesehen, und liefen zu den Priestern, ob sie von dem Brot essen sollten, und der Rektor vom grauen Kloster hat gesagt, er wird's in die Chronik eintragen zu ewigem Gedächtnis.«

Wenn der Knecht Ruprecht von den Zeichen des Himmels anfing, ward es schwer, daß er ein Ende fand. Wer Wunder, Zeichen und Elend sehen will, findet nimmer ein Ende.

Da hielt ihm die Burgfrau das Legendenbuch hin: »Ruprecht, lies Du weiter, mir flimmert's vor den Augen.«

Dem Ruprecht, der lesen gelernt, mußt es wohl auch flimmern. Es war eine gräßliche Legende von frommen Christbekennern, die sie einmal in einem greulichen Heidenlande auf einem hohen hölzernen Turm, der eigens dazu erbaut worden, angeschmiedet, und dann kläglich und langsam verbrennen lassen. Es war totenstill als er's las. Die Edelfrau winkte ihm, daß er aufhöre. –

Und doch hatten die Spinnerinnen alle Aug' und Ohr auf. Es stand ja im Buche nur, was alle selbst erlebt, es waren nicht viele Jahre um, in Berlin, wo sie achtunddreißig Juden hatten so verbrennen lassen, weil sie eine Hostie mit Pfriemen und Messern durchstachen.

Die Edelfrau schauerte zusammen: »Meine Eva ward dabei unmächtig«, sagte sie und faltete die Hände. Da blieb es lange still. –

»Wann wird das einmal aufhören«, seufzte sie leis, »daß die Menschen einander schlachten und braten und hetzen, wie das Tier des Waldes!«

»Das hört nimmer auf«, sagte Ruprecht auch leis.

»Geschrieben steht doch, Frieden soll auf Erden sein und dem Herrn ein Wohlgefallen.«

»Und wird Krieg bleiben, bis die Welt zu Ende geht.«

»Das ist schrecklich, Ruprecht.«

»Wovon lebt der Reiher und der Habicht, und der Wolf und der Iltis?«

»Das sind auch Raubtiere, die müßte man ausrotten.«

»Müßte man alle Kreatur ausrotten! Der Sperling, die Meise, der Ameisenbär fressen Würmer, und die Würmer fressen anderes. Und wo's Getier kein anderes Getier frißt, das führt mit ihm Krieg. Wer wird den Büffeln die Hörner abbrechen, daß sie sich nicht stoßen? Ist ihre Art; wurden so gemacht.«

»Ruprecht, wir sind andere Kreatur. Erlöst durch unsern Herrn und Seligmacher.«

»Das ist schon recht, aber das ist so im Blut, und wo der Mensch auch untereinander Frieden machte, als wie's im tausendjährigen Reich kommen soll, da müßte er doch mit den Tieren Krieg führen, daß er nur lebt. Und wo er von Hirse und Korn leben wollte, und das Vieh in Frieden ließe, da ließe das Vieh ihn nicht in Frieden. Was wär's für 'ne Zucht, wenn's gegen Gottes Gebot wäre, daß wir die Flöhe nicht mehr fangen sollten! Und wo keine Wolfsjagd mehr ist, und keine Bärenhetze, wüchse das Getier an, daß die Wölfe auf uns Jagd machen täten. Darum wird es schon so bleiben wie es ist. Das ist der Fluch der Kreatur.«

Der Wind, der eine Weile geschwiegen, fing wieder von fern zu heulen an.

»Ich dachte's mir anders«, fagte die Edelfrau, »es sollte alles immer besser werden; bei uns wenigstens dacht ich's mir so. 's ist ja kein Krieg im Land so viele Jahre schon. Die bösen Nachbarn sitzen endlich still; denn unser gnädiger Herr hat sein Schwert weidlich schneiden lassen und ihnen auf die Hände geklopft und den hohen Bäumen die Gipfel verhauen. 's tut heut noch manchem weh; aber zum Guten ist's doch umgeschlagen, 's ist besser geworden; ja, ja, 's ist besser worden. Das sagte mein seliger Gottfried auch. Friede, sagte er, und Ruhe, das waren seine letzten Worte. Nun hat er Ruhe. Gott schenke sie uns allen.«

Da fielen ihre Blicke, die sie nach oben sandte, zum ersten Mal auf den Meier, der war still im Winkel stehen geblieben, als er die Frau im Einnicken sah: auch meinte er, als sie mit dem Knecht Ruprecht in ihrer Weise sprach, seine Botschaft sei nicht so, daß sie nicht das Warten vertrüge.

Nun aber hatte er gesprochen. »Die in Kloster Lehnin haben leine Zeit, an die Toten zu denken«, schloß er.

»Und der Kasten?«

»Steht noch unausgepackt, wie ihn der Steinhauer aus Magdeburg geschickt. Nur den Deckel haben sie abgeschlagen, da sah ich unsern Herrn Götz, wie er leibte und lebte, die Hände so zusammen vorm Gesicht, ach, das liebe Gesicht, ganz weiß von Stein. Und die Kniee sah ich auch, die lagen raus, ganz wie er leibte und lebte.«

Die saubere weiße Schürze hielt Frau von Bredow über die Augen: »Ich will ihn morgen sehen.«

»Ihr möchtet doch ja noch warten, bat der Pater Guardian, bis er aufgestellt sei; das war noch der einzige, der ein bißchen Vernunft im Kopfe hatte. An der Ecke, dem großen Fenster gegenüber, wird er knieen. Mit den andern ist aber gar nichts anzufangen. Das steht und läuft und disputiert in den Kreuzgängen, im Refektorium, in der Küche sogar. Sie stoßen einen um und sehen uns nicht.«

»Und wann soll mein Herr zu Ehren kommen?«

»Eher gewiß nicht, als bis der Herr Abt aus Wittenberg zurück ist.«

»Und wann kommt er zurück?«

»Wann ihn der Herr Bischof von Brandenburg abgeholt hat.«

»Der hochwürdige Herr Bischof –«

»Ist ihm selber nachgereist. Das ist's ja eben. Schickt einen vornehmen Abt hin, um einen bloßen Mönch –«

»Ein Barfüßler!« riefen die Mägde.

»Und da der geschrieben, daß er mit ihm nicht fertig würde, ist der hochwürdige Herr in eigener Person hingeritten. Ist schon beinahe eine Woche fort, und noch weiß man nichts. Aber sie sagen, der Bischof wär nicht hingereist, wenn's nicht der gnädigste Markgraf, unser Kurfürst, ihm selbst befohlen. Nun sagen aber die einen, das wäre zu arg, solchem Mönch – er ist ein Augustiner – brauchte man's ja nur zu befehlen, daß er das Maul hielte; die anderen aber sagen: Nein, er hat recht, und sie haben eine Abschrift von 95 Artikeln oder Thesen, wie sie es nennen, die er an die Schloßkirche in Wittenberg angeschlagen hat, darüber nun disputieren sie, daß sie bei Tisch bis zu den Messern greifen, wenn der Wein ihnen in den Kopf steigt.«

»Wie heißt doch der andere Mönch«, fragte die Burgfrau, »der, um den der Lärmen ist, und der schon so lang im Lande umzieht?«

»Tezel!« riefen mehrere Stimmen; die Dirnen schien von der Sache wohl unterrichtet.

»Johannes Tezel, Dominikanerordens«, setzte der Meier hinzu. »Itzo fährt er mit seinem Ablaßlasten nach der Oder gen Frankfurt, wo ihm große Ehren geschehen sollen, wie man wissen will. Der Tezel hat guten Absatz und nimmt schmähliches Geld ein, dem Wittenberger zum Trotz. Kann man sich für jede große Sünde loskaufen, der Brief kostet Gulden und Taler, je nach dem; ist aber auch für alle kleine Sünden gesorgt, und die Briefe sind gar nicht teuer und das bringt das meiste ein, denn die Leute stürzen nur so, daß sie ihre Groschen und Pfennige in den Kasten werfen, an dem geschrieben steht –«

Zwei oder drei von den Spinnerinnen fielen dem Meier in die Rede:

»Sobald der Pfennig im Kasten klingt. Die Seele aus dem Fegfeuer springt.«

»Und darüber ist's, daß die Pfarrer so erbost sind. Gestrenge, denn die Knechte und Mägde zumal und was geringeres Volk, wollen gar nicht mehr bei ihrem Priester beichten; mit ein paar Pfennigen können sie beim Dominikaner alles abtun und der zieht dann weiter, und die Beichtstühle stehen weit und breit leer.«

»Und darum«, sagte die Burgfrau, »ist der Augustinermönch auch in Feuer und Flamm'! 's gönnt leiner dem andern, und keiner ist um ein Haar besser als der andere.«

»Doch meinen sie in Lehnin, nämlich die gegen ihn sind, dem Augustiner könnte die Suppe versalzen werden, denn er hat, was sie sagen, über die Schnur gehauen, und der Tezel verkauft den Ablaß für den Papst; nämlich eigentlich für den Erzbischof Albrecht von Mainz, unseres allergnädigsten Kurfürsten Bruder, von dem er die Einnahme gepachtet hat, der aber teilt den Erlös mit dem Papst zu Rom, und dafür wird die neue große Kirche in Rom gebaut. Also hat der Augustinermönch sich unterstanden, gegen den allerheiligsten Papst selbst zu reden, da das Geld in dessen Säckel fließt; aber sagen, sie von der andern Seite, weil das Geld so aus dem Land geht, werden die großen Herren und Fürsten, die's im Grund nicht gern sehen, wohl ein Aug' zudrücken, und der Wittenberger wird wohl noch mit 'nem blauen Aug' davonkommen, daß er das Maul so weit aufgerissen. Daher erklären sie's auch, daß der allergnädigste Kurfürst den hochwürdigsten Bischof zu ihm geschickt. Der soll ihm zureden, daß er widerruft, und dann bleibt alles beim alten.«

»Beim alten!« sagte nachdenklich die Edelfrau. »Was wird denn aus dem Tezel?«

»Wird auch schon zu uns kommen.«

»Zu uns!« rief die Burgfrau und ihr Auge blickte wieder so scharf und hell, als man's nur sah in ihren kräftigen Jahren. »Wer den Dominikaner sieht, tut ihm wohl den Dienst und sagt ihm, hierher möcht er nicht kommen. Die alte Bredow rät's ihm. Mein Haus steht jedem guten Mann offen, aber mit seinem Kasten soll er nicht über meine Schwelle: mir graute davor. Er hat zu viel Sünde ausgekauft, die stinkt schmutzig, und will's rein bei mir haben, rein bis zu meinem seligen End'. Und will's rein halten, das merkt Euch, unter Euch allen, grad' wie's not tut für Hohenziatz, und dazu brauch ich Wasser, Seife, Besen, und was sonst, aber keine Ablaßbriefe, und wären sie noch weiter her als Rom.«

Die Spinnstube war aufgehoben.

Da stand der Meier mit der großen Hauslaterne vor der Frau, und wie sie das Schlüsselbund aus Ruprechts Hand nahm, schien, es wieder die Frau von Bredow, die auch dem Alter kein Recht gönnen wollte, wenn es in ihre Rechte eingriff.

»Gnädige Frau, heute?« – sagte der Meier mit fragender Miene.

»Es stürmt und heult«, setzte Knecht Ruprecht hinzu. »Laßt mich den Umgang tun und den Meier; wir sehen schon scharf zu, daß keine Tür aufsteht, und kein Funken glimmt.«

»Die Anne Liese hat Euer Stüblein oben tüchtig geheizt, auch warme Becken zu Füßen ins Bett gelegt und einen Wolfspelz auf die Dielen, daß Ihr Euch nicht verkühlt beim Einsteigen.«

Die Edelfrau antwortete nicht, was den Knechten Mut machte, fortzufahren.

»Der Ritter hat's uns aufs Gewissen gebunden letzthin, und die junge gnädige Frau noch mehr. Wie sehen sie's ungern, daß Ihr noch immer hier in dem öden Haus wirtschaftet, als wär's wie sonst. In ihrem warmen Hause in der Brüderstraße zu Kölln möchten sie's Euch so gut machen, zumal in der bösen Winterzeit.«

»Als wär's wie sonst!« wiederholte Frau von Bredow mit einem leisen Seufzer. »Ja, ja, es ist wohl anders. Was hilft da all unser Arbeiten, daß wir voraus wissen, wir werden einmal schwach.«

Aber der Umgang unterblieb nicht, und wer sie so treppauf, treppab steigen sah und wie ihr Aug' durchs Dunkel schaute, hätte nicht gemeint, daß sie schwach geworden.

Nun saß sie wieder in ihrer warmen Stube, wo der große Ofen dampfte, und der Wolfspelz lag vorm Bett, und sie trank die Schale gewürzter Biersuppe, welche Anne Liese zum Schlaftrunk gebracht.

Die Anne Liese wäre, dünkt uns, ziemlicher zur Gesellschaft gewesen bei der Burgfrau, als der Knecht Ruprecht um diese Stunde. Aber er ging nicht und sie hieß ihn nicht gehen. Die Anne Liese war eine treue Magd, aber plaudern konnte die Frau von Bredow nicht mit ihr, wie sie es liebte, und wenn sich manches in ihr und um sie geändert, das war nicht anders geworden, daß sie gern plauderte, und am liebsten mit solchen, die mit ihr zu plaudern verstanden.

Aus dem Dampf der würzigen Suppe tauchten alte Bilder vor ihr auf.

Zweites Kapitel

Die späten Gäste

Das Gespräch mußte lebhaft gewesen sein, denn der Zeiger zeigte schon auf die elfte Stunde, und noch lag Frau Brigitte nicht im Bette, und noch saß der Knecht Ruprecht auf der Ofenbank.

»Und darum bist Du nicht im rechten«, sagte sie jetzt. »Denn als Gott den Menschen schuf, schuf er ihn nach seinem Ebenbilde, so steht's geschrieben, nicht nach den Tieren. Und wie soll's nun kommen, daß man des Menschen Zukunft und was ihn angeht, lesen soll in dem Geschnatter oder Geflatter von wilden Gänsen! Der Vogel weiß nicht mehr, als was er wußte, da der Herr ihn geschaffen hat; noch hat der Fisch was zu gelernt, seit die Welt steht. Sie tun, die Kreaturen, wie ihre Art ist. Aber mit der Menschenkreatur ist's ein ander Wesen, Ruprecht; das ist nicht Abrichtung, als wie's ein guter Reiter mit 'nem guten Pferde macht. Der Reiter sitzt in der Kreatur, da sproßt's und treibt's, denk ich, und schlägt aus, und gar nicht dahin, wohin man denkt. Darum kann niemand voraussagen, wohin er kommt.«

»In die Grube«, erwiderte der Knecht. »Sechs Bretter sind unser aller letztes Haus.«

»Aus dem Haus geht man aber in ein anderes.«

»Ich meine so, wenn der Sargdeckel fällt und die Erde darauf geschaufelt wird, ist's mit uns aus, nämlich hier auf der Erde. Was nachher kommt, ist Gottes Gnade, aber wenn durch Gottes Ungnade einer wiederkehrt, nämlich als Geist, der kann nun spuken, wie es ist, aber er hat kein Recht und Fug hier, und schafft und treibt so wenig was, als das Wasser von Silberschaum in den Krippeln die Mühlen treibt.«

»Wenn einer ein schön groß Auge hatte«, erwiderte nach einer Weile freundlich die Burgfrau, »und er sah Dir recht in Dein Auge, ich denke, Du siehst das noch immer, auch wenn er fort, auch wenn er längst Staub ist. Denk an den gottseligen Markgrafen. Wer den Johann Cicero einmal so recht anschaute, der vergißt's nicht. Ich meine, solch ein Auge kann auch gar nicht untergehen. Ein Reh hat auch schöne Augen, auch ein Roß kann furchtbar schön blicken, doch wenn sie gefallen sind, bleibt nichts zurück. Aber eines Menschen Blick, Ruprecht, kann wie der Zunder zünden, und die Flamme brennt noch lange fort, wenn der Funke verglommen ist. Und ist auch die Flamme verlöscht, so bleibt wohl wieder ein Funke, der wieder ein Feuer anzündet. So, denk ich mir manches Mal, ist's mit dem Geiste des Menschen, daß, wenn sein Körper längst Moder ist und seine Seele im Himmelreich, der noch fortschafft auf dieser Erde. Sieh, des Schreiners Arbeit und gar des Maurers, wie lange lebt's nach ihm fort. Und der Orgelbauer, dessen Stimme schallt noch nach hundert Jahren zu den Menschenkindern, die nichts von ihm wissen.«

»Und erst der Glockengießer, Gestrenge!«

»Und wer zuerst die schönen Kirchenlieder sang, davon das Herz sich hebt. Ruprecht 's ist nicht mit uns aus, wenn der Sargdeckel fällt. Wer rechtschaffen gelebt und gearbeitet hat, der arbeitet noch fort in Kind und Kindeskind; man merkt's nur nicht.«

»Ich meine«, entgegnete Ruprecht, »der Mensch will's wie die Bäume tun, die möchten auch immer höher hinauf, aber in der Schrift steht geschrieben: es ist dafür gesorgt, daß sie nicht in den Himmel wachsen. Ich meine nun, der Mensch hat nur das voraus, vor dem grünen Gewächs und vor dem Vieh, daß er denkt, er könnt's anders und besser machen, als es ist. Und das, mein ich, geradwegs vom Bösen. Das ist der Hochmut, daß wir bauen, denn die höchsten Türme stürzen am ersten ein, wie der von Babylon. Und wenn alle Menschen zusammenblasen mit ihren Lungen, können sie noch nicht fliegen, wie der kleinste Maikäfer. Wir könnten viel lernen noch, sagen sie, wo lernt denn aber einer mir das, was ihm gut ist, und frißt doch kein Hase Kraut, was ihm nicht gut ist. Ja, lernen ist schon gut, aber es sollte eine Kreatur von der anderen lernen, dazu hat sie unser Herrgott so untereinander gewürfelt, die Pflanze von den Steinen, die wollen gar nicht wachsen, die Tiere von den Pflanzen und die Menschen von den Tieren.«

»Von den Tieren, Ruprecht, Gottes Ebenbild?«

»Die Vögel haben Nester gebaut, eh' der Mensch sich Wohnungen machte, der Bär kriegte seinen Winterpelz, eh' der Mensch sich Kleider webte. Die Schwalbe hat gewiß eher den Frühling gewittert, ehe denn Adam merkte, daß der Winter vorüber wäre, und er wieder raus muhte zum Graben. Darum ist das mein Sinn, dieweil die Tiere sind bei der alten Satzung blieben, so Gott für sie gemacht, ist auch bei ihnen blieben, dieweil wir vom Weib Geborne nicht bei geblieben sind. Wir schlugen aus der Art, der Teufel steht immer uns zur Linken oder zur Rechten, bei allem, was wir tun und denken, weil er weiß, er braucht uns nur was Goldenes oder Rotes hinzuhalten, so laufen wir nach.«

Ein Lächeln schwebte um die Lippen der guten Frau und sie hob etwas den Finger: »Als wie die Drosseln nach den roten Ebereschen. Siehst Du, Deine klugen Vögel gehen auch an die Schlingen!«

Die Burgfrau horchte wie auf ein Geräusch aus der Ferne.

»War nur ein Pferdewiehern, ein Wolf ist dahinter. Von unsern sind keine draußen. Es ist nicht gut auf derlei um Mitternacht achten.«

»Ruprecht, entsinnst Du Dich nach? Christ Jesus, mein Herr und Heiland, steht mir's doch vor Augen wie gestern, als der Lindenberger bei uns einritt. Das stürmte auch, und was kam darauf!«

»Nichts, was nicht kommen mußte.«

»Nein, nein«, sprach Frau Brigitte, wie einen Gedanken abwehrend. »Nichts muß kommen, was nicht der Herr schickt, und was er schickt, ist gut. Wär nicht der Lindenberger bei uns eingeritten, dann hätten sie nicht meinen Gottfried nach Berlin geschleppt in Ketten, der Kurfürst wäre nicht bei uns eingekehrt, er hätte nicht Hans Jürgen gesehen und liebgewonnen, er hätte ihn nicht mit sich genommen an seinen Hof, noch wär er jetzt sein Marschall, und Eva, ja und meine Eva –«

Ein wohlgefällig Lächeln überzog das Antlitz der Alten.

»Und den Junker Hans Jochem hätte nicht der Teufel geholt!« fiel der Knecht ein. Es schickte sich wohl nicht für einen Knecht, so zu sprechen.

»Der Teufel! wie Du sprichst, Ruprecht! Er ist ja auf dem Wege, ein Heiliger zu werden. Es ist noch kein Bredow ein Heiliger geworden!« Die gute Frau sprach es nicht zürnend aus. Etwas von Schalkheit mochte doch in der trüben Miene liegen.

»Es sind viel Heilige gewesen, das ist so meine Meinung«, sprach der Knecht Ruprecht, »und haben viel getan: die Menschenkinder sind aber darum nicht heilig geworden, noch werden sie's werden. Also war's wohl eine besondere Gattung, wie die Schwäne andere Tiere sind als die Enten. Und als wie eine Bachstelze nicht sollte fliegen wollen und singen wie die Lerche, so ist das zum Exempel gesetzt, daß wir's den Heiligen nicht nachtun sollen. Tun's ihnen etwa die nach, an denen es doch wäre, die Mönche und die Domherren und die Prälaten? Wird sich der Abt von Lehnin rösten lassen, wie der heilige Laurentius, oder hat die Aebtissin von Spandow Lust, daß sie sie räderten wie die heilige Katharina? Vom untersten Barfüßler bis zum obersten Erzbischof, da läßt sich keiner auch nur einen kleinen Finger abhauen, und der Papst zum wenigsten. Warum wär's denn da an uns«

»Ruprecht, warum wären wir denn auf der Welt?«

»Hab's auch manchmal so gedacht. Warum muß der Bauer schwitzen im Sonnenstrahl bei der Ernte, daß er umfällt, warum muß der Soldat die Glieder sich zerhacken lassen im Kriege, warum muß man frieren, hungern, dursten, hinten, am Zipperlein sich schleppen, und der Vogel friert nicht, schwitzt nicht und arbeitet nicht«

»Das ist Adams Fluch.«

»Schon gut. Es ist ein Pack auf uns geladen, das müssen wir hier mit schleppen, und jeder trägt seines, der Fürst wie der Bauer, das weiß ich recht gut, und wer seines abschmeißen will, dem wird wohl noch eins, das schwerer ist, aufgepackt. Das weiß ich auch. Und murren hilft so wenig als besser machen wollen. Darum müssen wir's geduldig tragen und im Himmelreich wird es uns abgenommen.«

»Ich denke, es wird uns schon eher ein bißchen leichter gemacht.«

»Je älter man wird, so schwerer trägt man.«

»Nicht alle!« die Edelfrau schüttelte den Kopf. »Nur wer Böses hinter sich hat, meine ich. Wer auf guten Wegen ging, dem wird die Last immer leichter, ob der Fuß auch schwerer wird und die Kniee wanken. Nicht wahr, Ruprecht?« – und sie faßte ihn am Arm und sah ihn so herzensgut an – »gutes Tun ist schon gut, wenn einer auch keines Lohnes wird. Der Lohn sitzt in ihm, wie ein Funke, der heraus will, der allimmer noch, wenn's Lämpchen erlöschen möchte, knistert und aufflackt. Trägst Du denn so schwer, Ruprecht; sieh mich an, tragen wir beide so schwer? Und wie wir, so wird's viele geben. Die können getrost der Grube zugehen, der Sargdeckel wird nicht so schwer auf sie niederfallen. Nein, nein, es bleibt schon eine Luftspalt, draus weht es und flüstert's, und sie sehen auch wohl, als selige Geister, wie das fortblüht und wächst was sie säeten. Der hochselige Markgraf, der ruht gewißlich sanft, und wenn der Herrgott ihm erlaubt, die Augen aufzuschlagen, lächelt er wohl bisweilen, wenn er die sichern Straßen sieht und die Räuber verschwunden, und der Friede und die Sicherheit, sind das nicht seine Werke? 's ist der Funke, den er zurückließ und sein Sohn hat's nur ausgeführt. Das sind die guten Werke guter Leute, die haben's besser gemacht als es war, und wenn die Leute gut bleiben, geht das so weiter, und walte Gott, daß, wenn unser Herr sich niederlegt, früh oder spat, daß er aus seinem Sargdeckel auch so hinausschauen kann und sieht, daß alles noch besser ist, als er's gekannt.«

»Wer's nur wüßte, wer einem sagte, wie's ist«, sprach der Knecht Ruprecht, den Kopf im Arm. »Als sie die Universität gemacht haben, dazu glaubte ich doch, wäre das: »Was die Pfaffen nicht wissen, müßten die Professoren wissen.«

»O ja, da sind berühmte Gelehrte, die griechisch wissen, wie unser Herrgott denkt, und was weiß ich, aber für unsereins, klopft da einer an, sie rufen lateinisch herein und setzen uns hebräisch einen Stuhl an die Schwelle, und sonst bleibt's schmutzig und stückig und hoffärtig. Das müßte doch sein, daß mal ein Mönch oder ein Pfaff, oder ein Prälat recht fromm wäre und alles wüßte, und ein christlich Leben führte, an den unsereiner sich halten könnte, und was man ihn fragte über die Seligkeit und das gottgefällige Leben, darauf gäbe er Antwort, und den Armen umsonst. So ein Mann, ja, Ruprecht, der fehlt uns, der wäre besser als alle Deine Vögel und Deine Witterung, und als die Sterne auch, in die der Kurfürst guckt. Gott steh mir bei. Nein, der Mann müßte nur in die Schrift sehen und in Gottes Wort, und wenn zwei sich zankten oder uneins wären, wie Du und ich heute, wir gingen zu ihm hin, und dann thäte er's entscheiden, und was er sagte, das wäre recht. Und der Mann müßte Papst werden.«

»Und dann?«

»Was dann, Ruprecht?«

»Ist's die alte Geschichte. Er wäre Papst, und dann –«

Sie wurden durch ein heftiges, lang anhaltendes Pochen am äußern Tor unterbrochen. Während des Pochens riefen mehrere Männerstimmen heftig, gebieterisch und ängstlich nach Öffnung.

Knecht Ruprecht ward nicht leicht blaß, jetzt war er es.

»Das sind nicht Räuber!« sprach die Burgfrau und war aufgestanden.

»Aber 's ist Mittwoch vor Invokavit!«

»Sie schreien um Hilfe.«

Der Knecht Ruprecht stand noch im warmen Zimmer, als die Burgfrau schon, die Kerze in der Hand, hinaus war und draußen an der Glocke riß, die das Gesinde zusammenrief.

Als das Gitter aufgezogen war und die Torflügel aufsprangen, was gewiß nur geschehen, nachdem die drinnen sich versichert, wer die draußen waren, sprengten vier Reiter von verschiedenem Ansehen, alle sichtlich verwildert, in den Hof. Ihre Rosse waren voll Schweiß und zitterten. Die Reiter schienen noch der Sprache kaum mächtig; dem einen saß die Kappe zur Seite, dem andern war der Hut entfallen. Die Harnisch und Panzerhemd umhatten, schnauften darunter nach Luft, bis der eine von diesen an den ältesten und vornehmsten heranritt, der in seinen weiten Mantel fest verwickelt war und mit gläsernem Aug' umherschaute.

»Hochwürdigster!« sprach der Ritter. »Das ist Burg Hohenziatz, wir sind unter guten Leuten und in Sicherheit.«

Der, an den es gerichtet, schaute sich aber noch immer wie der Sprache unmächtig und ungewiß um. Erst als das Gitter wieder hinter ihm fiel, und der Ritter, der ihn angeredet, selbst vom Sattel gesprungen war und sein Pferd hielt, stieg er mit Hilfe desselben vom Steigbügel.

Wir sahen schon ehedem den Burghof von Hohenziatz, auch nächtlich bei Fackelschein, und Reiter ein- und ausreiten, aber es hatte sich manches geändert. Flüchtlinge kamen nicht mehr, und Abenteurer ritten nicht mehr aus; es war in der Zauche sicher geworden. Seit langen Jahren hatte keine Fehde gewütet. Der Kurfürst war nicht mehr von der Jagd abgetreten, und wenn Ritter Hans Jürgen und sein Eheweib aus Berlin die Mutter besuchten, kamen sie bei gutem Tage und schieden, wie es ehrbar ist, ehe denn die Sonne zur Rüste ging. Drum war es selten, daß das Burgtor zu später Stunde sich öffnete; aber darin hatten die Jahre nichts verändert, daß Frau von Bredow nicht gewußt, was einer guten Hausfrau ziemte, auch wenn sie um Mitternacht überfallen ward.

Was brauche ich's zu schildern, als die gute Frau ihre vornehmen Gäste erkannte, wie sie mit dem nächsten Knix, die Hände ehrerbietig auf der Brust, sich vor dem Bischof und seinem Begleiter verneigte, was sie sprach von der außerordentlichen Ehre, solche Gäste in ihren Mauern zu sehen, von ihrem Bedauern, nicht darauf vorbereitet zu sein, von dem schlechten Wetter, wo man keinen Hund ausjagen möchte, und Diener der Kirche müßten wie Räuber und Spitzbuben durch Wind und Wald reiten; wie sie dem Bischof, als er abgestiegen, den Rock küssen wollte, er aber freundlich ihr die Hand drückte und sie mit etwas heiserer Stimme bat, ihn in ein warmes Zimmer zu führen, da er sich wohl etwas verkühlt habe; wie sie ihn darauf bis zur Halle führte, aber dann fortstürzte, Jahre, Schlaf und Kälte vergessend, um – ganz wieder Frau von Bredow zu sein!

Es war der Bischof Hieronymus von Brandenburg selbst, und Valentin, der Abt von Lehnin, nebst zwei Rittern, die, von Wittenberg zurückgekehrt, in der Heide sich versprengt hatten. Wie dies zugegangen und was ihnen zugestoßen, wußte jeder früher als Frau Brigitte, denn wenn sie auch nicht alle Hände und noch mehr ihre Gedanken voll gehabt, so hätte ihr Gefühl für altes Gastrecht ihr doch nicht erlaubt, nach dem Grunde zu fragen, wo die Ehre ihr genügen mußte. Noch schienen die verdrießlichen und verstörten Gesichter der Herren selbst geneigt, es einem jeden zu sagen, was sie zu so ungewohnter Stunde in dieses abgelegene Haus geführt. Aber das Gesinde wußte, noch ehe die Pferde im Stalle an der Krippe standen, daß eine Rotte hungriger Wölfe den Reitern auf den Fersen, daß es ein schreckliches Jagen und Treiben gewesen, daß die Herren endlich im Schneegestöber den Weg verloren, und statt auf Kloster Lehnin, waren sie auf Burg Hohenziatz zugeritten.

Nun aber, da sie am prasselnden Kamin einen guten Trunk getan, der nach guter Sitte für Reisende dem Abendimbiß vorangeht, schien die Verstarrung ihrer Glieder sich zu lösen, und der Bischof, den Humpen wegsetzend, sagte, wenn er's nicht eben erlebt, hätte er es für 'nen Traum gehalten. Und der Abt von Lehnin setzte hinzu, es sei ihm noch nicht fürkommen, daß sie in Rudeln durch die Zauche streiften; noch könne es der Winter sein, der sie aus Polen rübertrieb, da er erst so spät anfange rauh zu werden.

Der eine Ritter, ein hagerer Mann, dem das an Länge zu gut kam, was die Prälaten an Breite über Not hatten, und mit einem Gesicht, das fast wie ein Totenkopf aussah, wenn das des Bischofs wie ein Vollmond glänzte, der schüttelte den Kopf:

»Halten die Herren Prälaten zu Gnaden, bei uns am hohen Flemming wissen wir's anders. In den Schluchten, die von den dicken Buchenwäldern überhangen sind, haben sie ihre Nester, oder ihre Zucht; das wimmelt und kribbelt da zu Zeiten von Dingen wie Ratten.«

»Was haltet Ihr nicht Wolfsjagden, was reutet Ihr sie nicht aus?« sagte der Bischof, »'s ist mir kein Getier so in der Seele zuwider.«

»Heilige Jungfrau, das grausliche Geheul summt mir noch in den Ohren«, sagte der Abt.

»Hochwürdigster, darüber denkt man bei uns besonders«, fuhr der lange Ritter fort. »Als ich noch ein Knab' war, ritt ich mit Dero Permiß in einer kalten Winternacht nach Haus. Die Sterne funkelten und die Luft knisterte, da wir durch einen Hohlweg kamen; aber mitten drinnen hörten wir's von den Bergen heulen, und das war Geheul, über das sich keiner täuschen mochte. Und bald stürzt es uns entgegen, schwarz über den Schnee, es mochten ihrer mehr als ein Dutzend sein, und gerad auf den Hohlweg zu, so wir passierten. Mir ward, wie Ihr denken könnt, nicht gut zu Mut, und ich sprach zum Knecht: »Laßt uns kehrt machen, Christian!« Er schüttelte: »Junker, das hilf' uns nichts, die sind schneller als der Wind.« Nun sah ich nach den Höhen rechts und links; aber wie sollten wir mit unsern schweren Gäulen rauf, sie waren steil und glatt vom Frost. In solchen Fällen, meine hochwürdigen Herren, schlägt die Gottesfurcht auch bei uns durch; denn wir armen Laien haben nicht immer Zeit, wie die geistlichen Herren an unser Seelenheil zu denken. Also, wie ich die Arme vor mir Kreuzschlagen will, und ein Paternoster stammle, stößt mich der Christian an: »Junker tut's bei Leibe nicht, sonst denken sie, wir sind Pfaffen. Seid ganz ruhig, uns tun sie nichts, wenn sie wittern, daß Ihr der Junker aus Stülpe seid.« – »Wie das?« fragte ich, aber nun war nicht mehr Zeit zum antworten; er flüsterte: »Macht's wie ich«, und da waren sie schon heran. Ich saß wie angefroren und mein Roß unter mir wie Stein. Da sprang der vorderste, ein entsetzlich Tier, mit einem Satz, daß er mich beim Schopf hätte langen können, aber der alte Knecht hatte schon seine Mütze abgezogen und sprach: »Glück auf die Reise!« Ich also in meiner Todesangst, zieh' auch den Hut tief und sage: »Glück auf die Reise!« Da guckt mich das Untier mit ein Paar Feueraugen an, ich hab's nicht wieder gesehen, als heute, und tut den Rachen auf, daß mir das Blut erstarrte. Nun weiß ich nicht, hatte ich was im Kopfe, oder war's ein Fieber, mir war's, als grinste es mich freundlich an und sprach: »Guten Abend, Junker von Stülpe!« und hob die Vorderpfote, wie man grüßen tut, und dann vorbei, und hinter ihm die andern, und alle nickten: »Guten Abend, Junker von Stülpe!« Ihr Herren, wenn Ihr die funkelnden Augen gesehen, unter Euch wimmelnd und himmelnd, wie zehntausend Irrlichter; oben die Sterne blinkten nur schwach. Und als alle vorbei waren, das Geheul! Es war wie Landsknechte, wenn ihr Obrist vorüberfliegt, ihm nachjubeln. Es dauerte eine Weile, ehe das Blut mir wieder in den Adern floß. »Nun mögt Ihr schon beten«, sagte der Knecht, »sie haben nicht mehr unsere Witterung.« – »Wie das?« fragte ich, und da hat er mir's vertraut. Die Wölfe haben mehr Verstand, als mancher Mensch denkt, und wissen, wo Bartel Most holt. Wo Schmalhans Küchenmeister ist, brechen sie nimmer ein, sondern wo's die fetteste Zinshühner hat. Darum, hat mir der Knecht gesagt, der ist nun freilich tot, und er mag's verantworten, wenn's nicht wahr ist, darum haben die Ritterhöfe bei uns nichts zu fürchten, denn was ist da noch zu suchen, wo's kahl ist!«

»Es geht itzo alles, was gut ist, zu den geistlichen Herren.«

»Unterm Krummstab ist gut wohnen«, sagt der dumme Bauer. »Das weiß ich nun nicht«, sagte der Knecht, »aber das weiß ich: wo poltert's lustiger, wo legen die Hennen mehr Eier, wo kommen die Kälber gemästet zur Welt, und wo wimmelt's von Gänsen, Enten, Truthühnern, Kapaunen, als in den Pfarrhöfen, in den Abteien und Stiften. Das wissen nun die Füchse und die Wölfe. Das Vieh ist schlau; wissen tun sie, wo nichts zu holen ist; da wird kein Huhn gestohlen, keinem Kinde ein Finger gekrümmt, und warum soll man sie fortjagen, wo sie uns nichts tun.« Das ist nun der Grund, hab' ich gehört, daß sie bei uns am Flemming keine Wolfsjagden anstellen; denn nur wen's juckt, der kraut sich.«

»Ihr wart wohl dazumal noch sehr jung, Herr von Hake?« sagte der Abt.

»Zum Scherzen war's doch nicht angetan?« sprach aber der Bischof, und zog die Brauen zusammen.

»Ich scherzen!« rief der Ritter, und wer ihn jetzt sah, konnte wirklich nicht an Scherzen denken. Lang und hager wie er war, richtete er sich am Tische auf um drei Köpfe über die andern, und nahm die Kappe vom Haupt, das kahl war. Das Gesicht glich nicht mehr, vielmehr war's ein leibhaftiger Totenkopf, nur um so schreckhafter, da ein Paar stiere Augen groß und geisterhaft aus den tiefen Höhlungen schauten. Und zu dem blassen Gesicht paßte das vertragene Lederkoller, das sich an den magern Oberleib wie ein Gerippe schmiegte.

»Ich scherzen! meine hochwürdigen Herren. Scherze mit dem Satan, wer Lust hat zu brennen, aber mit Priestern verscherz ich nicht meine Seligkeit. Es war ja in dem Winter 97, die Elbe und Oder standen wie Mauern; die Wölfe aus Polen kamen bis nach Erfurt. Entsinnen meine Herren sich nicht des Priors drüben von den Benediktinern, der von einem Kindtaufen aus Magdeburg zurückkehrte, er lenkte selbst den Schlitten. In der Nacht ist's gewesen, und die Wölfe waren's, die im Hohlweg an mir vorübersausten. Ein Schäfer hat's mehrmals in Magdeburg erzählt; der Schäfer stand am Wege und sah's, wie der Prior seine Rosse peitschte, aber einer hing schon mit den Zähnen hinten am Schlitten, ein zweiter sprang dem Pferde rechts nach dem Genick. Dann verschwanden sie im Wald. Der Schäfer hat nur noch den grauslichen Schrei des Priesters gehört. Das eine Pferd kam mit dem Schlitten andern Tags abgetrieben und wie sinnlos nach Möckern, vom andern und vom Prior fand man nicht mal mehr die Knochen. Nur einen Stiefel fanden sie bei uns im Frühjahr oben auf einer höchsten Kiefer im Krähennest. Wie er dahin kam, darüber stritten noch die gelehrtesten Männer. Die Tiere sind noch schlauer als wild; wir können's an ihren Fährten jedesmal sehen, ob sie ins Bistum nach Meißen oder nach Magdeburg ziehen.«

Es war still geworden; der Bischof wischte mit dem Schweißtuch über seine Stirn.

»Ist Euer Rappe wund, Herr von Jagow?«

»Meiner, Hochwürdigster?« fragte der zweite Ritter, ein Mann von mittleren Jahren und Statur, ein Gesicht, das auch ernst schaute, aber man sah ihm lieber in die Augen als dem Junker von Stülpe.

»Das Tier quer aus dem Dickicht schoß ja auch auf Euch, ich glaubte, Ihr wart verloren.«

»Ich, hochwürdigster Herr! hinter Euch war's ja.«

»Hinter mir?«

»Euer Falbe zitterte und schnaubt« wie rasend; hörte ich Euch nicht um Hilfe schreien?«

»Der Junker von Stülpe rief für Euch da an den alten Weiden, wenn mir recht ist, oder war's für Euch, Herr Bruder von Lehnin?«

»Ich sah, menschliche Hilfe tat nichts«, sprach der Abt; »ich betete mein Ave, und befahl meine Seele Gott.«

»Ihr rittet mich beinahe um«, fiel der von Hake ein, »so wühltet Ihr kopfüber mit beiden Sporen in den Weichen.«

»Euch?«

»Ihr schriet so furchtbar, Herr von Hake« – sagte der Ritter Jagow.

»Weil ich Euch schreien hörte.«

»Und ließt Euer Roß bäumen dicht vor mir: Euer Degenknopf stieß gegen meinen Küraß: ich meinte, es springe schon auf Euch.«

»Dann hat mich der Angstruf des hochwürdigen Herrn wirr gemacht. Ich schrie, wie wir alle, aus Leibeskräften; Getös allein erschreckt die Bestien. Nachher schlug ich um mich, weiß nicht, wo's traf. Als wir mit heiler Haut das Freie gewannen –«

»Solch ein Ritt!« atmete der Abt. »Ich sah wahrhaftig nicht, wer vor, wer neben mir war.«

»Und das Geheul hinter uns! Wie viel waren ihrer?«

»Wer sah da hinter sich!«

»Ihr, Hake, bliebt zurück.«

»Blieb ich zurück? – Weiß es wahrhaftig nicht. Hatte nur einen Gedanken. Als Lehnsmann meines gnädigsten Herrn von Sachsen, hatte ich meinen Herrn Bischof heil und gesund bis Ziesar zu geleiten. Zwar nur vor Räubern und Gesindel, wär' aber auf mein Lebtag eine Schmach für mich blieben, so ich ihn nicht vor Wölfen hüten können.«

Der Bischof machte ein Zeichen, daß ihm das Gespräch nicht behagte, der Abt setzte den geleerten Humpen vor sich nieder.

»Wär's länger gedauert, nicht die Wölfe, der Ritt hätt's uns angetan.«

»Wer's anders gewohnt ist, kann ein Wind umwerfen«, entgegnete der von Stülpe. »Meine jedennoch, daß wir dem Schnee und Wind unsere Salvierung allein verdanken: wär's klarer Sternenhimmel gewesen, weiß Sankt Johannes, in welchem Nest man morgen unsere Gebeine aufgelesen hätte.«

»Ihr Herren«, unterbrach sie der Bischof, »das war eine Sache, die besser wäre, daß wir sie vergäßen, und ginge es, daß wir sie auch bei andern vergessen machten. Des unnützen Geredes ist schon genug über unseren Ritt nach Wittenberg.«

»'s ist schier unglaublich, daß um eines Mönches willen ein Bischof ausgeschickt wird«, sagte Hake von Stülpe. »Und im Winter! Denkt der Kurfürst von Brandenburg, man friert nicht.«

»Wir gehorchten nui dem Wunsche unseres Durchlauchtigsten Herrn, und damit es sonder großes Aufsehen geschehe, machten wir uns ohne standesmäßiges Gefolge auf den Weg nach Sachsen. Aber es scheint, daß das Volk mit den Augen des fabelhaften Argus auf alles acht hat. Dies ist sehr übel, meine Herren, aber man muß Übel nicht ärger machen.«

»Was mußten wir nicht in Wittenberg hören!« fiel der Abt ein. –

»Um deswillen, Ihr Herren, wiederhole ich, muß dies tolle Nachtabenteuer nicht ins Gerede kommen; sie sagten am Ende, wir hätten uns von Gespenstern erschrecken lassen.«

Hake von Stülpe legte seine große dürre Hand auf den Tisch, und wie er den Mund groß öffnete, sah er selbst wie eines aus: »Das will ich beschwören, daß das keine Gespenster waren.«

»Gespenster, lieber Ritter, gibt es unterschiedlicher Art«, fiel der Bischof ein. »Das Volk legt die Dinge aus, wie es Lust hat; und wie sie in Sachsen anfangen in dem dreisten Mönch einen großen Mann zu sehen, möchten sie in dem kleinen Nachtspuk ein gewaltiges Omen finden. Sie möchten fagen: Wir hätten Furcht gehabt, uns von dem Augustiner ins Bockshorn jagen lassen, wir wären unverrichteter Sache heimgekehrt, und aus Ärger darüber sähen wir überall Spuk und Unholde; ich kenne das. Oder, die es besser meinen, fabeln von bösen Geistern, einer wilden Jagd, auf uns losgelassen, daß sie uns in unserem löblichen Bemühen störe. Beides muß uns gleich ungelegen sein, weil es einer unbedeutenden Sache einen großen Anstrich gibt. Man hätte den Mönch sollen zanken und auf einer kleinen Kanzel sich wundreden lassen; man achtete darauf, man tat ihm die Ehre an, ihn zu verketzern. Bei seiner verstockten Bauernnatur ward er nur dreister, weil große Herren sich dreinmischten, was darauf kam, davon spricht man nun schon über Deutschland hinaus, und zum Überfluß des Übels mußten wir hin, um mit ihm zu disputieren. Das ist nun geschehen, und damit, Ihr Herren, laßt es geschehen sein, was uns anlangt. Nächste Woche spreche ich mit unserem gnädigen Herrn in Berlin, und hoffe ihn zu überzeugen, daß er dem Manne und der Sache zu viel Ehre erwies. Aber bei allen heiligen Fürbittern laßt die heulenden Wölfe in Nacht und Vergessen verschwunden sein, sonst werden die Dutzend Rachen zehntausend Schock Lästermäuler, die schlimmer sind als alle Tiere des Waldes. Nun, meine Herren, kein Wort mehr davon, unsere Wirtin kommt, unsere zerschlagenen Leiber mit besserer Kost als Schreck und Wind zu laben.«

Die späte Nachtmahlzeit ging eher vorüber als man bei hungrigen Gästen und beim guten Willen der Wirtin hätte vermuten sollen. Selbst der Malvasir und der feurige ungarische Wein, mit dem ihr Sohn, der Marschall, den Keller der Mutter für ihren schwachen Magen oder festliche Ereignisse aus Berlin versorgt, hatte die Zungen nicht belebt. War es der Schreck, der nachwirkte, daß jedes Gespräch, das munter anfing, ins Stocken geriet, gleichwie als stoße man an eine Erinnerung, die man nicht berühren wollte?

Da der Bischof den Becher ausbrachte auf den trefflichen Ritter, in dessen Burg sie nächteten, hielt Frau Brigitte die Schürze ans Aug' '– ihr Gottfried war ja tot. Der Prälat hatte an ihren Schwiegersohn gedacht, aber nicht bedacht, daß zur Erbschaft der Weg noch über eine Gruft ging. Der Bischof war ein gewandter Redner, ob er von Wein oder ohne Wein, wir hörten es schon, also wußte er das ungelegene Wort in ein gelegenes zu verwandeln. Aber heute schien es, als ob ein neckisch böser Geist seine Worte verdrehe, daß sie anders herauskamen, als er wollte. Auch der feinste Mann, der mit den Worten spielt, mag damit straucheln, wenn die Gedanken von anderen Dingen erfüllt sind, da fragte er, wie es der Matrone zweiter Tochter erginge, und ob ihre Kinder der Mutter glichen? und hatte es im Augenblick vergessen, daß die Agnes Bredow im Kloster zu Spandow war, und viel Redens doch davon war, wenn die Aebtissin stürbe, sie zu wählen. Und kaum, daß er über die Stirne streichend, sich ausgeredet, wie gut es eben ging, daß er an seines Freundes Redern Agnes gedacht, die ihr so ähnlich schaue, mußte er's auch da wieder ersehen, als er nun nicht Rühmens genug wußte über des Ritter Hans Jürgen Glück und Ansehen bei Hofe, und wie Seine Gnaden, der Kurfürst, nimmer einen treueren Rat gehabt, auch es vor männiglich laut bekenne. Darum könne sie noch auf viel mehr hoffen, und sei ihr Haus das glücklichste in den Marken zu preisen.

»Glück und Glas bricht leicht«, sagte die Burgfrau mit halblauter Stimme und nachdenklicher Miene, »und ist nicht alles Gold, was gleißt. In jedem Haus, wie schön 's auch ausschaut, ist immer was, was nicht gut ist, als wie in der festesten Mauer ein Loch, wo der Feind durchschlüpfen kann. Drum soll man Wache stehen und den Tag nicht vor dem Abend loben; und Gottes Gnade tut uns allen not.«

Da ward der Bischof still; der Abt von Lehnin sprach gar wenig; der von Jagow redete manches gute Wort, aber wie ein ernster Mann, auf dem schwere Gedanken lasten, und den Speisen sprach nur der von Stülpe zu.

So kam nichts recht heraus, alle waren verstimmt und froh, als der Bischof sich erhob.

Noch einmal war die Burgfrau, das Schlüsselbund in der Hand, durch die Gänge der stillen Burg gegangen; sie und Ruprecht die letzten wachen Augen. alles war, wie es sein sollte, aber sie wollte noch nicht die Treppe zu ihrer Kammer hinauf, wo der Knecht vorleuchtete, sie winkte nach der Kapelle.

»Gott erst danken, lieber Ruprecht«, antwortete sie dem Knecht, der mit mißbilligender Miene den Kopf schüttelte, – »daß er die schreckliche Gefahr abwandte.«

»Die Prälaten haben nicht gebetet.«

»So tun sie's in ihrem Kämmerlein.«

»Sie schnarchen wie die Ratten.«

Aber Frau Brigitte blieb an der Schwelle stehen und wies, den Finger am Munde, in die kleine dunkle Zelle, wo eine Gestalt – es war der Ritter Jagow – vor dem Kruzifix auf den Knieen lag. Dann wandte sie sich um und schlich auf ihren Zehen fort, daß sie ihn nicht störe.

»Siehst Du, einer betet doch. Der liebe Gott wird's wohl für sie alle hören.«

Auf den Lippen des Knechtes schwebte noch etwas, als er ihre Tür öffnete. Die Burgfrau kannte ihn: »Nur heraus damit, sonst kannst Du nicht ruhig schlafen.«

»Es waren gar keine Wölfe.«

»Was denn? Was sahen sie?«

»Einen Werwolf.«

»Ruprecht! es sind Herren, die mehr gesehen haben als Du.«

»Der Lindenberger war auch ein kluger Herr.«

Der Name des Lindenbergers erweckte in Frau von Bredow jedesmal ein Entsetzen, das die Jahre nicht mildern wollten. Sie zitterte.

»Rann ihm nicht auch der Todesschweiß von der Stirn, als er ans Tor klopfte, und hatte nur einen Spuck gesehen.«

»Es war nur ein toter Schneider.«

»Das hatte da was zu bedeuten.«

»Ruprecht, was bedeutet's jetzt?«

»Weiß nicht alles. Gestrenge. Aber es ist was vor, als wie dazumal. Es schlägt was um, nicht im kleinen, im großen. Das Große gibt sich kund durch kleine Zeichen; aber die Menschen wollen nicht drauf achten. Dazumal galt's dem Adel, wem's heute gilt –«

»Weiß Gott, und tut wie's ihm gefällt«, fiel Frau von Bredow ein, und stieg in ihre Kammer.

Drittes Kapitel

Das Zwiegespräch im Bette

In den hochgetürmten Himmelbetten des Gastgemaches streckten der Bischof von Brandenburg und der Abt von Lehnin ihre müden Glieder. Die Nachtlampe am Balken beleuchtete nur spärlich das Zimmer, welches von den beiden Betten so eingenommen ward, daß zwischen ihnen nur ein geringer Raum blieb; doch mochte man bei dem flackernden Schein wohl erkennen, daß auch hier Veränderungen vorgegangen waren. Die waltende Hand der unbeschränkten Hausfrau war sichtbar in der zierlichen Ordnung des Gerätes an den Wänden, in den Teppichen, die über die Tische und Dielen ausgebreitet lagen, und die würzigen Kräuter, welche aus den jetzt verglimmenden Kohlen des großen Ofens dufteten, hatten den dumpfen Geruch ziemlich überwältigt, der in lange leer stehenden Zimmern unangenehm die Sinne berührt.

Von dieser Wohnlichkeit mochten indes die Prälaten so wenig, als von dem ihnen zu Ehren in die Kohlen gestreuten Thymian und Bernstein etwas wahrnehmen, obwohl der Schlaf noch seine erquickenden Fittiche nicht über sie ausbreiten wollte. Wir zweifeln, daß es beim Bischof der Gedanke an die ganz andere Behaglichkeit in seiner warmen Winter-Residenz zu Brandenburg oder in seinem Schlosse Ziesar war, die ihn wach erhielt, auch waren es, wie ihr Gespräch lehrt, diesmal nicht die Wölfe im Walde, welche ihre Nerven noch immer aufregten, daß sie oft ihre Lage wechselten, was das Knistern des Strohes unter den gewaltigen Federbetten verriet.

»Lieber Bruder in Christo, Ihr macht Euch unnötige Sorgen«, sprach der Bischof, indem er für seinen Kopf eine neue Lage suchte, »Das Unangenehme von der Sache liegt hinter uns. Es wird noch etliches Geschwätz, Gezänk und Geschreibe geben und dann ist es vergessen und abgetan.«

»Ich fürchte, Hochwürdigster, der Betteltanz fängt erst an«, entgegnete der Abt.

»Ein Betteltanz kümmert uns beide nicht, da weder Ihr noch ich, Gott sei Dank, Bettelmönche sind. Der ist ein Dominikaner, und dieser ein Augustiner, da steckt der Hase.«

»Vergessen wir nicht, daß in den Bettelmönchen seit Anbeginn ein rebellischer Geist war.«

»Die Ursach' ist nicht schwer zu finden, mein Bruder, wer nichts hat, ist immer zum Rebellieren gegen die aufgelegt, welche etwas haben. Ihr Cistercienser sitzt, wo Ihr seid, im Fetten –«

»Daß wir uns durch den sauren Schweiß unserer Arme, mit Schwielen in der Haut, unter Gottes sichtlichem Beistand –«

»Ihr!« unterbrach ihn der Bischof lachend. – »Eitele Sorge, Herr Bruder, was haben die Franziskaner ausgerichtet, als sie in corpore gegen den Papst aufstanden?«

»Das waren theologische Streitigkeiten, in welche die Welt sich wenig oder gar nicht mischte. Hier ist es anders. Der Ablaßhandel geht an den Beutel –«

»Freilich, es geht ein schmähliches Geld aus dem Lande«, sagte Hieronymus, sich hinterm Ohr reibend. »Glaubt Ihr etwa, daß es dem Kurfürsten angenehm ist? Aber was hilft's! Es wär' unbrüderlich, seines Bruders Albrecht Einkünfte schmälern wollen.«

»Er ist ja Generalpächter, kriegt die volle Hälfte, und glaubt mir; er braucht das Ganze zu seinem Hofhalt in Mainz.«

»Ja, wäre der Wittenberger Mönch ein wenig pfiffiger, daß er nur gegen die Hälfte, die nach Rom geht, wetterte, so wollten wir uns ja die Ohren gegen die Klagen noch lange zuhalten.«

»Die Sache dringt ins Volk, die Laien bemächtigen sich ihrer, das wird gefährlich –«

»Die Gelehrten zanken sich, weiter nichts. Federkiele gegen Federkiele. Wittenberg gegen Frankfurt, und Frankfurt gegen Wittenberg; die Fehden der Universitäten haben die Welt noch nie in Brand gesteckt. Es muß zuweilen etwas Pulver aufblitzen, damit die Luft rein wird. Ich darf's Euch vertrauen, daß sie in Frankfürt ein solches Feuerwerk präparieren. Der Wimpina sitzt im Laboratorium bis Mitternacht, um die Raketen zu füllen.«

»Ich hörte davon. Tezel wird dort disputieren. Der Kerl hat eine Rabenstimme, gut zum Ausschreier bei einem Aufschlag, aber mit seiner Logik steht es so schlecht als mit seinem Wandel.«

»Laßt Euch das nicht kümmern. Wimpina ist ein Mann, um solchen Aktus einzurichten. Wenn er mit der Faust auf den Katheder paukt und das Maul aufreißt, daß seine Stentorstimme den Saal füllt, ist alles mäuschenstill. Und wenn er's laut haben will, zwinkert er nur, und dreihundert Kehlen donnern jeden Opponenten nieder.«

»Aber was soll's? Worauf läuft's hinaus? Wenn sie ihm den Doktorhut aufdrücken, wird darum der Wittenberger schweigen? Ist er nicht auch Doktor!«

»Lieber Bruder, man muß dem Volke auch ein Spektakel gönnen. Wenn die Menschen nicht zu rechter Zeit durch Schauspiele unterhalten würden, so ihre Sinne beschäftigten, ihre Parteileidenschaften in Anspruch nähmen, stände es schlimmer um unsere Ruhe. Mens agitat, der Geist der Unruhe ist in den Adamssöhnen. Wer weiß, wohin dieser Geist hinausliefe, wenn man ihm nicht dann und wann eine Atzung zuwürfe, auf die sie wie die hungrigen Wölfe sich stürzen. Wenn der Säfte zu viel sind, müssen die Aerzte nach einer goldenen Ader suchen, die sie abführt, damit der Körper gesund bleibe. So fanden die Päpste ihrer Zeit die Kreuzzüge. Das ist nun vorbei; wir sehen es an den Türkenkriegen. Wie lange muß man trommeln lassen, wie viel Handgeld versprechen, damit nur ein geflicktes Herr zusammenkommt. Die Köpfe sind anderswo hingerichtet, die gedruckten Bücher sind in allen Städten verbreitet; die wir sonst allein lasen, wenigstens auslegten, in die stecken schon die Bürger die Nase, ja sogar Edelleute.«

»Das ist eigentlich sehr schlimm«, fuhr der Abt auf.

»Aber nicht mehr zu ändern. Ein kluger Mann muß auch aus schlimmen Dingen Vorteil zu ziehen wissen. Wer Lust zum Hader hat, laßt den hadern und streiten, am End ist's doch nur um des Kaisers Bart. Uns geht es nichts an, am wenigsten darf es uns heute unsere Ruhe stören.«

Aber das Stroh raschelte bald wieder; draußen heulte der Wind und die Ampel am Balken schaukelte sich hin und her, während ein leiser Luftzug die schweren Gehänge bewegte. Als der Bischof sich aufrichtete, um das Tuch, das ihm zur Nachtmütze dienen mußte, fester um die Ohren zu binden, sah er schon den Abt halb aufgerichtet sitzen, den Kopf im Arme.

»Ihr lägt auch lieber in Eurem warmen Kämmenat in Lehnin; und wenn ich denke, um welche Lumperei – wir uns auf diesem Stroh wälzen müssen –«

»Es ist eben das, was Ihr Lumperei nennt, Hochwürdigster, was mir nicht aus dem Sinn will. Erlaubt, daß ich Euch morgen am Tage meine Gedanken darüber mitteile.«

»Kleinigkeiten muß man schnell abtun. Wälzt ab, was Euch auf dem Herzen liegt.«

»Ihr kamt nach mir, verweiltet auch kürzere Zeit in Wittenberg, überdies als Kirchenfürst, dem man mit allen Rücksichten, die Eurer hohen Würde gebührten, entgegenkam. Aber, verzeiht, ich habe mehr gesehen und erfuhr mehr. Es ist nicht das Volk allein, nicht die Bürger, Studenten, Professoren; der Anhang dieses Mönches geht weiter in Sachsen, als wir denken. Doch Ihr wißt es besser als ich, wie er aus der kurfürstlichen Kanzlei Vorschub erhält, wie der Kurfürst selbst ihm die Stange hält. Das dürfte uns freilich in Brandenburg nicht kümmern. Aber Ihr hättet die gedrängt volle Kirche sehen sollen, wenn er predigt, wie aller Augen auf seinen Lippen hangen, wie, wenn er sie öffnet, es wie ein Zauber ist. So hörte ich noch keinen Menschen predigen in deutscher Sprache.«

»Man sagt, er predigt nicht in Niederdeutsch. Wie verstehen sie ihn denn?«

»Das vergißt sich alles. Es ist ein Deutsch, was man noch nicht hörte, eine kräftige, körnige, ja sogar ist's eine wohlklingende Sprache.«

»Dann ist's ein Hexenmeister, Abt. Wer Deutsch wohl reden kann, tut's nimmer mit rechten Dingen.«