Der Wiedereintritt - Robin Krakowiak - E-Book

Der Wiedereintritt E-Book

Robin Krakowiak

0,0

Beschreibung

"Der Wiedereintritt" ist eine Geschichte über einen Träumer, ein Mann, der zu leben vergisst.

Das E-Book Der Wiedereintritt wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Traum, Hollywood, Depression, Bukowski, Selbstfindung

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Diese Geschichte ist meiner Geduld gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

PHASE EINS

9:31

11:23

16:32

22:17

4:44

PHASE ZWEI

8:25

11:23

13:24

16:48

17:09

PHASE DREI

9:00

10:33

13:10

13:43

09:12

VIER

10:01

19:06

PHASE EINS

Besonders an solchen Tagen, an denen ich, mehr oder weniger gewollt, dabei war alles Leben aus meinem weit tief unter der Erde vergrabenen Körper auszuschwitzen, konnte ich die Fäulnis der nicht ausgelebten Träume um mich herum förmlich riechen. Zweifelsohne wäre es das Beste für uns alle gewesen, hätten sich diese unzähligen betäubten Gesichter, die stets alles wollten, aber wenig zu sein schienen, bloß frühzeitig von ihren Träumen verabschiedet, denn dann wäre ihnen zumindest der feuchte Fleck erspart geblieben, den sie in Form eines Was-wäre-wenns zurückließen.

Na ja, was auch immer als bewusstseinserweiternde Begründung hinter ihrer Resignation stehen mochte, ich sah mich jedenfalls mit einem aufrichtigen etwas an übriggebliebener Empathie gezwungen in diese Gesichter hineinzublicken, ohne dabei jemals einen Blick erwidert zu bekommen, einer, der mir beweisen würde, dass ich vielleicht doch mit allem zuvor genannten falsch lag. Und außerdem, wenn man mal ehrlich ist, hätte ich sowieso nichts anderes tun können, denn mit einem Blick durch das U-Bahn-Fenster, hätte ich sonst noch viel weniger zu sehen bekommen. Nach ungefähr vierzig relativ sinnlos verlebten Minuten folgte ich dem müden Mob raus auf die Straße, wo ich wieder ungefilterte Stadtluft in meine Lungenflügel pumpen durfte. Der Ort, an dem das Casting stattfinden sollte, lag in einer etwas heruntergekommenen Seitenstraße, in einem Stadtteil, wo die Miete noch bezahlbar sein musste. Andere in meiner Position mochte so etwas beunruhigen, mir hingegen gefiel Besonnenheit. Vielleicht, weil mein, dem dramatischen verfallenes Herz unentwegt viel zu viel, aus viel zu wenig machte, oder zu wenig, aus dem vielen, das es hätte machen können. Was es auch war, es lag sowieso nicht mehr in meiner Hand, denn an jenem Tag musste jemand anderes über den weiteren Verlauf meines Lebens entscheiden.

Als ich dann schließlich, pünktlicher als gehofft, bei einem überaus gewöhnlichen Lagerhaus ankam und hineinging, sah es Drinnen so aus, als stecke das ganze Geld aus der gesparten Miete im Mobiliar. Wenige, aber dafür sicherlich sehr teure Möbel sorgten dafür, dass das Lager nicht wie eines aussah - und siehe da, weg war die zuvor hochgelobte Besonnenheit. Die erste menschliche Gestalt, die sich mir zeigte, hieß mich über einige Meter hinweg mit einem falschen Lächeln willkommen. Sollte es das gewesen sein, wofür diese Empfangs-Lady am Ende des Monats bezahlt wurde, musste man neidlos anerkennen, wie gut sie diesen Teil ihrer Beschäftigung draufhatte.

„Guten Tag, sind Sie wegen des Castings hier?“ fragte sie mich. Sie kam direkt zur Sache, das gefiel mir.

„Ja, genau. Mein Name ist Daniel Kosinski, Kosinski mit einem „i“, und nicht etwa, wie viele immer glauben, einem „y“ am Ende“ erklärte ich ihr, als sie dann auf der Suche nach mir mit ihren aufgeklebten Fingernägeln auf einer Liste herumtippte, die mit unzähligen Namen der anderen Talenten gefüllt war.

„Ah, wunderbar, da sind Sie ja. Es dauert wohl noch ungefähr 15 Minuten bis Sie vorsprechen dürfen. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee oder Tee vielleicht? Wenn Sie Wasser möchten, können Sie sich gerne an dem Wasserspender im Warteraum bedienen.“

„Ein Wasser genügt völlig, danke“ antwortete ich ihr.

„Okay, zum Warteraum geht’s durch diese Tür hier. Viel Erfolg!“ wünschte sie mir, und das auf eine Weise, als hätte sie es tatsächlich ernst gemeint. Der Warteraum, in den sie mich verwies, war nicht so voll, wie ich es erwartet hatte. Nur sechs oder acht, mehr waren es nicht. „Mit denen sollte ich schon irgendwie fertig werden“ dachte ich, als ich einen möglichst selbstsicheren Blick in die Runde warf. Für die nächsten 15 Minuten, so zumindest mein Plan, wollte ich aber möglichst in Ruhe gelassen werden. Mit einem gewissen Restrisiko schnappte ich mir deshalb den Sitzplatz neben dem hörbar Ruhigsten von ihnen. Er sah aus wie der eine Jung-Schauspieler, ich habe seinen Namen vergessen, der einen Golden Globe für das beste Baby-Face gewonnen hatte. Ungekämmtes Haar und die Statur eines unterentwickelten 13-jährigen. Sollte er vorgehabt haben süß auszusehen, war ihm zumindest das auf überzeugende Weise geglückt.

Ich für meinen Teil, sah keinen nachvollziehbaren Grund für einen Mann süß aussehen zu wollen, aber da man mich meistens eh nicht nach meiner Meinung fragte, ließ ich auch das kampflos geschehen. Ich wusste schließlich selbst, wie ungeeignet ich war, in dieser Romantik-Komödie mitzuspielen, und dennoch stellte ich mich vor, ganz einfach, weil man sich das Recht zu wählen erst einmal verdienen musste.

„Und, aufgeregt?“ fragte mich der gar nicht mehr so ruhige Bursche, der neben mir saß.

„Ne, nicht wirklich.“

„Ah, ein Naturtalent, also.“

„Nenn es wie du willst.“

„Du wirkst etwas genervt, kann das sein?“

„Genervt? Aber nicht doch, warum sollte ich denn jetzt genervt sein? Bei dem geschmeidigen Dialog, den sie uns gestern noch geschickt haben, kann es einem doch kaum besser gehen.“

„Welcher geschmeidige Dialog? Du meinst doch den hier, oder?“ fragte er mich und zeigte mir den ausgedruckten Dialog, den er aus der Tasche gezückt und mir aufgefaltet vor die Nase gedrückt hatte.

„Nein, nicht dieser Dialog, das ist der Alte. Ich meine den Neuen, den sie uns gestern noch zugeschickt haben. Du weißt schon.“

„Nein, weiß ich nicht. Die haben dir einen Neuen zugeschickt? fragte er mich mit einer zittrigen Stimme, die nur noch blanke Angst kannte.

„Komm schon, du wirst doch mitbekommen haben, dass die Hauptrolle neu besetzt werden soll und deshalb diejenigen, die eigentlich für die Nebenrollen vorsprechen wollten, nun mit dem neuen Dialog ihr Glück versuchen dürfen.“

„Aber wieso weiß ich von all dem nichts?“ Man konnte deutlich erkennen, wie ihm die unverdiente Selbstsicherheit aus dem bubenhaften Gesicht verschwand und er panisch, ohne einen Blick zurückzuwerfen auf die Toilette marschierte und die Tür hinter sich abschloß. „Die Arroganz musste ihm wohl auf den Magen geschlagen haben“ dachte ich. Nachdem etwas mehr als 20 Minuten auf wundersame Weise und meditativer Stille verstrichen waren, öffnete sich eine andere Tür, eine, auf der ein Zettel mit der herben Aufschrift Casting klebte. Eine attraktive Frau, sie musste in ihren goldenen Fünfzigern gewesen sein, kam aus dem vermeintlichen Vorsprechzimmer hervorgetreten.

„Herr Daniel Konsky, bitte!“ Man bat mich herein, wenn auch mit dem falschen Namen. Für mich dennoch Grund genug, um zu glauben, dass die Laune der Entscheider nicht allzu schlecht sein konnte. Schließlich bat man mich herein. „Beste Voraussetzung um zu enttäuschen“ dachte ich.

„Hi, freut mich Sie kennenzulernen.“

„Uns ebenso, komm herein“ antwortete sie, als sie neben ihren Kollegen Platz nahm, die bereits an einem Tisch am anderen Ende des Raumes saßen. Eine Kamera auf einem Stativ montiert stand vor dem Tisch und war auf mich gerichtet. „Macht es dir etwas aus, wenn wir uns die Formalitäten sparen und direkt loslegen?“ fragte mich die Casting-Alte, die mit genauerem Hinsehen garnicht mehr so heiß aussah.

„Nein, überhaupt nicht.“ Das sagte ich zwar, meinte aber sehr wohl das genau Gegenteil davon.

„Toll. Du hast den Text ja vorab bekommen. Fang an, wenn du soweit bist“ sagte sie. Ich hielt einen Moment inne. Atmete einmal tief durch und warf den Text vor mein geistiges Auge - also, das versuchte ich zumindest. Ich versuchte etwas zu sehen, doch finden konnte ich nichts. Von dem vorab geschickten Text fehlte plötzlich jede Spur. Ich richtete meinen Blick auf die sicherlich sehr gespannte Jury. Ihren, mehr als gespannten Gesichtsausdrücken war zu entnehmen, dass ich wohl etwas länger als gedacht nichts von mir gegeben hatte. Spätestens jetzt war der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mir den Totalausfall eingestehen musste. Es war passiert. Bei einem Casting vielleicht keine Seltenheit, aber mit Applaus konnte ich ebensowenig rechnen.

„Habt ihr den Text auch ausgedruckt hier?“ fragte ich in einer nicht mehr kaschierbaren Verzweiflung, als ich die Situation auf sehr unbeholfene Weise zu retten versuchte. Fragend und zugleich etwas belustigt schauten sich die Entscheider für einige Sekunden des Fremdschams gegenseitig in die arroganten Gesichter.

„Tut uns leid, aber das können wir nicht machen. Das wäre den anderen Vorsprechenden gegenüber unfair“

„Die anderen sind aber nicht hier und wissen von nichts“ entgegnete ich ihr ungewohnt kampflustig.

„Wie gesagt, das können wir nicht machen“ antwortete sie mir in einem immer ernster-werdenden Tonfall. Ich deutete daraus, dass ihr scheinbar die Freude an meiner Gesellschaft vergangen war, was ich natürlich sehr bedauerte.

„Gut, und was machen wir jetzt?“ fragte ich sie, mit der naiven Hoffnung gerettet zu werden.

„Wir werden das Vorsprechen jetzt abbrechen müssen. Tut uns leid. Beim nächsten Mal läuft es bestimmt besser.“ Justitias verhurte Schwester! „Das verdrehte Urteilsvermögen lag offensichtlich in der Familie“ dachte ich. Aber gut. Ich meine, was kümmerte es mich schon? Für mich war es sowieso an der Zeit zu gehen, denn meine Wäsche lag noch in der Waschmaschine und würde sehr bald anfangen muffig zu riechen. Beim Rausgehen schenkte ich dem Jüngling, der sich wieder aus der Toilette herausgewagt hatte, noch eins meiner untrainierten Siegerlächeln. Ich war davon überzeugt, dass man Erfolge stets mit anderen teilen musste, er hätte sicherlich dasselbe auch für mich getan.

Auch wenn das Spiel für mich gelaufen schien, so blieb mir noch ein vermeintlich letzter Schuss im Lauf stecken und ich war bereit, nein, entschloßen, ihn ohne Skrupel auf ein hoffentlich dankbares Ziel abzufeuern. Da die Empfangs-Lady gerade niemanden in den Arsch kroch, nutzte ich meine einzig verbliebene Chance des Tages, um nicht wie ein völliger Versager mit Nichts in den Händen in mein gewöhnliches Leben zurückzukehren.

„Hey, bevor ich verschwinde, wollte ich dich noch nach deiner Nummer fragen. Man könnte ja mal was trinken gehen. Was meinst du?“ fragte ich die Alte am Empfang.

„Ähm, tut mir leid, aber ich glaube meine Freund hätte etwas dagegen. Sorry“ entgegnete sie mir mit einem, besonders noch nach ihrem Maßstab gemessenen, falschen Lächeln. Was für ein gottverdammter Scheißtag!

9:31

Oh süße Morgen wie diese, für ein Lächeln zu früh, aber trotzdem ein Strahlen im Gesicht! Gleich am nächsten Morgen war das gestrige Debakel so gut wie vergessen. Man musste ja irgendwie weitermachen, nicht wahr? In meinem Fall hieß es arbeiten, arbeiten, um mir solche kostspieligen Eskapaden auch weiterhin leisten zu können. An jenem Tag hatte ich jedenfalls Glück, ich musste erst um 14:00 zur Arbeit, dafür allerdings bis der verdammte Laden seine Dauerschleifen-Musik ausgeschaltet, die Rollläden fallen ließ und mich mit einem undankbaren Tritt auf die Straße beförderte. Moment, ich korrigiere: Ich musste bereits eine Viertelstunde eher erscheinen. Fünfzehn Minuten, die, wenn man es genau nahm, niemals auf meiner Gehaltsabrechnung auftauchten.

Wie dem auch sei. Wie ich es schon aus anderen verzweifelten Momenten meines Lebens kannte, blieben mir erneut zwei Optionen, und eine schien lausiger zu sein, als die andere: Entweder ich blieb, oder sah zu, dass ich verschwand. Da ich auf das Geld angewiesen war, fühlte ich mich gezwungen zu bleiben und den Scheiß irgendwie über mich ergehen zu lassen. Auch wenn das bedeutete, dass mich das irgendwie zu einer Hure meiner eignen Existenz machte, ließ ich es passieren, und das obwohl ich mich nun wirklich nicht gerne ficken ließ. Vermutlich taten das aber auch die wenigsten von uns. Die wenigen, die es doch taten, hatten sicherlich nichts zu beklagen.

Bevor ich mich dem Laden unwiderruflich hingab und ficken ließ, nährte ich mich die letzten Meter stets mit Bedacht dem Schaufenster. Indem ich direkt durch sein hochglanzpoliertes Glas hindurchschaute, nutzte ich es zwar, wofür es gemacht wurde, jedoch tat ich dies nur, um die genaue Anzahl der Personen hinter ihm auszukundschaften. Das Ergebnis aus dieser Zählung entschied dann nicht unwesentlich über meine Laune an jenem Tag. Grundsätzlich konnte man aber wohl sagen, dass viele Menschen für viel Chaos sorgten, eins, das sich selbst mit ernstgemeinen Mühen nicht beseitigen ließ. Ich konnte nur versuchen es im Rahmen meiner limitierten Möglichkeiten konstant zu halten, und selbst das war an einem Wochenendtag schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Samstags war der schlimmste von allen Wochentagen, denn dann wurden die Kundinnen zu unkontrollierbaren Bestien, oder hatten, wie es sonst selten der Fall war, einmal die Möglichkeit Mensch zu sein.

Bereits mit dem Betreten der Ladenfläche konnte ich im Bereich der Kassen erkennen, wie entspannt die Grundstimmung sein musste. An einem Samstag, zur selben Zeit, wäre sicherlich kein Plausch untereinander möglich gewesen wäre. Doch es war noch immer Vorsicht geboten, denn wer die Frechheit aufbrachte zu sprechen, faltete nicht, und das galt in diesem ungnädigen Umfeld als unverzeihliche Todsünde. Kristen, unsere Managerin, hätte schließlich jederzeit hinter einer Kleiderstange hervorspringen und dich daran erinnern können, warum man an deiner Anwesenheit interessiert war. Eine Ermahnung war hierbei nicht das Schlimmste, das einem als Bestrafung blühte. Schlimmer war es zuzuhören, wie die eigene Vernunft dich auf