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In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkinder" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Ihre Lebensschicksale gehen zu Herzen, ihre erstaunliche Jugend, ihre erste Liebe – ein Leben in Reichtum, in Saus und Braus, aber oft auch in großer, verletzender Einsamkeit. Große Gefühle, zauberhafte Prinzessinnen, edle Prinzen begeistern die Leserinnen dieser einzigartigen Romane und ziehen sie in ihren Bann.
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Stefanie, Frank, endlich finde ich euch! Marsch ins Bett! Für heute ist genug gespielt worden!«
»Och, schon?« wandte die fünfjährige Stefanie schüchtern ein. Ernst sahen die großen blauen Kinderaugen Miß Blackwood an.
Das hagere, spitze Gesicht der englischen Gouvernante wurde noch strenger.
»Du wagst zu widersprechen? Das sind ja völlig neue Methoden!«
»Frank ist auch noch nicht müde. Ich dachte nur, weil es noch so früh ist.«
»Was macht ihr übrigens hier?« fragte Miß Blackwood und sah sich dann etwas mißbilligend im Treibhaus um.
»Spielen«, antwortete der dreijährige Frank unschuldig und strahlend.
Seine Schwester Stefanie, wohl wissend, daß Miß Blackwood es nicht gern sah, wenn sie sich im Treibhaus aufhielten, senkte den Blick kurz zu Boden.
»Es ist schön hier«, flüsterte sie dann und hob den Kopf. »Dürfen wir noch ein wenig hierbleiben? Es ist ja noch so früh.«
»Ausgeschlossen, Kinder!« erklärte Miß Blackwood, und diesmal erlaubte ihre Stimme keinen Widerspruch. »Eure liebe Großtante erwartet heute abend Gäste. Bis zu deren Eintreffen müßt ihr im Bett sein.«
»Mami kann uns ja später zu Bett bringen«, schlug Stefanie mit aufleuchtendem Blick vor.
»Eure Mami muß beim Empfang der Gäste helfen, das weißt du doch!« rügte Miß Blackwood.
»Können Sie das nicht? Und Mami bringt uns zu Bett?« fragte Stefanie hoffnungsvoll.
»Ich gehöre nicht zur Familie, und das ist nicht meine Aufgabe«, entgegnete die Engländerin. »Außerdem hat Gräfin Anita es so angeordnet. Eure Großtante will ja nur euer Bestes. Wie sie es einteilt ist es gut. Und so wird es gemacht.«
»Ich weiß.« Stefanie nickte ergeben. »Komm, Frank!«
Sie nahm ihren kleinen Bruder bei der Hand und führte ihn zu dem alten Gärtner Hermannsen, der zähneknirschend im Hintergrund des Treibhauses stand und überlegte, ob er nicht sein Hausrecht geltend machen und diese giftige Erzieherin einfach hinausweisen solle.
Aber er wußte, daß er den Kindern damit einen schlechten Dienst erweisen würde; denn möglicherweise durften sie danach überhaupt nicht mehr hierherkommen.
»Gute Nacht, Onkel Hermannsen!« sagte Stefanie und gab dem alten Mann die Hand.
Sie machte ihren schönsten Knicks und schob danach den kleinen Frank vor.
»Gute Nacht«, plapperte der Dreijährige gehorsam nach. Er beeilte sich mit seinem Diener und drängte sich an Stefanie vorbei aus der Tür.
Frank begriff noch nicht ganz, was sich hier abgespielt hatte und daß sie für heute wieder einmal aus ihrem Paradies vertrieben worden waren.
Er hatte etwas von seiner Mami gehört und wollte zu ihr, um ihr die neuesten Tagesereignisse zu erzählen.
»Ihr sollt mit dem Personal nicht so vertraut sein!« rügte Miß Blackwood streng, als sie an Stefanies Seite eiligen Schrittes hinter Frank herstrebte. »Es ist ungehörig, dem Gärtner die Hand zu geben.«
»Warum?« erkundigte Stefanie sich. »Nur weil seine Hand schmutzig ist? Meine Hände müssen auch gewaschen werden.«
Zum Beweis dafür hielt sie Miß Blackwood ihre ebenfalls nicht mehr sauberen kleinen Hände hin.
»Es schickt sich nicht, sich mit dem Personal auf eine Stufe zu stellen! Ihr seid die Herrschaftskinder, und euch wird dies alles einmal gehören.«
»Onkel Hermannsen ist kein Personal«, entgegnete Stefanie mit ernstem Gesicht. »Er kennt die schönsten Geschichten der Welt, und in seiner Gärtnerei ist es wunderschön.«
»Seine Gärtnerei, wie du es nennst, ist die Schloßgärtnerei, und sie gehört ebenfalls deiner Großtante, wie alles hier. Du würdest gut daran tun, dir das endlich einzuprägen und dich ihren Wünschen zu fügen.«
»Tante Anita meint sicher, daß ich mich genug füge. Sie ist zufrieden mit mir.«
»Schluß jetzt ! Beeil dich mit dem Waschen, und komm dann ins Spielzimmer zum Abendbrot! Wo ist denn nur dein Bruder? Frank!« rief sie.
»Frank ist sicher zu Mami gelaufen«, sagte Stefanie hastig.
Wenig später öffnete sie die Tür zum Zimmer ihrer Mutter auf der gegenüberliegenden Seite des Flures und blieb aufatmend stehen.
Inmitten des Zimmers, in das die Strahlen der Abendsonne fielen, stand Gisela Spellberg, die Mutter der beiden hübschen Kinder.
Sie war mit Peter Spellberg verheiratet, dem einzigen Neffen der Gräfin Anita von Waßberg zu Wassenau, einer ungemein adelsstolzen Frau, die es ihrem Neffen nicht verzeihen konnte, nur bürgerlich zu sein und darüber hinaus ein bürgerliches Mädchen geheiratet zu haben.
Gisela war mittelgroß und sehr schlank. Sie hatte goldblondes Haar und leuchtendblaue Augen.
Die glatte Haut der schönen jungen Frau war von der Sommersonne leicht gebräunt.
Ihre Augen strahlten vor Mutterglück, als sie ihren kleinen Sohn Frank im Arm hielt und nun auch noch Stefanie auf sich zukommen sah.
Gisela Spellberg war schön wie immer. Trotzdem aber sah sie heute noch anders aus. Stefanie erkannte es auf den ersten Blick.
Wie gebannt blieb sie vor ihrer Mutter stehen und starrte sie bewundernd an.
»Schön siehst du aus, Mami!« erklärte sie im Brustton tiefster Überzeugung.
»Findest du?« meinte Gisela erfreut.
Frank strich unterdessen tastend über die weiche Seide ihres neuen Kleides. Er fühlte die Glätte und Schmiegsamkeit des Stoffes und fand offenbar Gefallen daran. Er achtete nicht auf seine nicht sehr sauberen Hände, sondern genoß es, den weichen Seidenstoff zu fühlen. Jetzt horchte er auf.
»Ja!« Er nickte ernsthaft. »Du bist wunderschön!«
»Danke!« lächelte Gisela beglückt. »Es ist hübsch, wenn eine Mutter ihren Kindern gefällt.«
»Sonst sagen wir es nur nicht«, entgegnete Stefanie. »Aber du bist immer schön!«
»Aber heute ganz besonders«, äußerte Frank wichtig, und er nickte nachdrücklich.
»Das macht das neue Kleid, das ich anhabe«, bemerkte Gisela.
»So schön blau«, lobte Stefanie. »Und so lang, bis auf den Boden. Dein Kleid ist ja noch länger als die von Tante Anita, Mami. Du bist doch so viel jünger als die Großtante. Warum trägst du heute so ein langes Kleid?«
»Es ist ein Abendkleid, Liebling«, erwiderte Gisela. »Solche Kleider trägt man nur zu besonderen Anlässen.«
»Und ist heute ein besonderer Anlaß?«
»Tante Anita hat Gäste eingeladen. Sie wünscht, daß wir uns festlich kleiden.«
»Und warum?« wollte Stefanie wissen. »Sie hat doch nicht Geburtstag?«
»Sie hat einen Orden bekommen, eine Auszeichnung für eine beachtliche Spende.«
»Was ist eine Spende?«
»Eine mildtätige Gabe für einen guten Zweck«, erklärte Gisela ihrer wißbegierigen kleinen Tochter. »Tante Anita hat eine bedeutende Summe für ein Krankenhaus gestiftet.«
»Ist sie denn so reich?«
»Sehr reich.«
»Und warum muß Papi dann so schrecklich viel arbeiten?«
»Er möchte sein Buch vollenden, deshalb arbeitet er so viel.«
Stefanies Stimme wurde zu einem Flüstern: »Wenn Tante Anita so reich ist, kann sie uns dann nicht Geld geben, damit wir uns selbst ein Haus kaufen können? Dann kann sie allein sein und braucht sich nicht mehr zu beklagen, daß wir zu laut sind und sie stören.«
»Deshalb arbeitet Vati ja so fleißig an seinem Buch«, erwiderte Gisela.
Stefanies roter Kindermund blieb vor Staunen weit offenstehen. »Deshalb?« fragte sie.
»Deshalb und auch aus anderen Gründen. Schau, wir möchten der Großtante nicht mehr so zur Last fallen. Wir möchten selbst etwas erreichen. Verstehst du das?«
»Ja!« Die Fünfjährige nickte ernst. »Dann können wir tun, was wir möchten, und Tante Anita braucht nicht mehr alles zu bestimmen, nicht wahr?«
»So ungefähr.«
»Darf die Tante das wissen?«
»Sie weiß es ja.«
»Auch, daß sie dann nicht mehr über uns bestimmen kann?«
»Sie ahnt es wohl.«
»Dann ist es gut!« sagte Stefanie erlöst. »Ach, Mutti, das wäre fein!«
»Aber Steffi«, entgegnete Gisela erschrocken, »du hast es doch so gut hier! Die Großtante erfüllt dir alle deine Wünsche, und sie ist sehr lieb zu dir.«
»Sehr lieb nicht, aber es geht einigermaßen. Nur Miß Blackwood ist so streng.«
»Das muß nun einmal sein.«
»Aber wir nehmen sie nicht mit?« vergewisserte Stefanie sich vorsichtshalber.
»Miß Blackwoods Gehalt könnten wir nie bezahlen«, antwortete die Mutter.
»Dann könnten wir ja später in eine richtige Schule gehen, Frank und ich.«
»Natürlich, Liebes!« stimmte Gisela lächelnd zu.
Es klopfte energisch an die Zimmertür. An dem harten Pochen konnte man erkennen, daß es die Gouvernante war. Beide Kinder zuckten zusammen.
»Verzeihen Sie, Frau Spellberg, die Kinder müssen zu Bett!«
»Natürlich. Sie kommen gleich.«
»Sofort bitte!«
»Sie kommen, wenn ich es für angebracht halte!« erklärte Gisela in ungewohnt scharfem Ton. Die anmaßende Art der Gouvernante ging ihr allmählich auf die Nerven. »Geht jetzt, Kinder!« sagte sie sanft. »Miß Blackwood wird schon ungeduldig, und ich muß nun auch hinuntergehen, die Großtante erwartet mich.«
»Schade!« bemerkte Stefanie. Dann sagte sie ihrer Mutter gute Nacht und gab ihr einen zärtlichen Kuß.
Frank aber schlang seine Ärmchen um Giselas Hals. Er drückte seine Mami mit aller Kraft und gab ihr viele kleine feuchte Küsse auf das Gesicht.
»Schlaf gut, mein Liebling!« flüsterte Gisela innig. »Und auch du, meine süße Steffi, schlaf gut!«
Sie sah den Kindern nach, bis sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. Dann warf sie noch einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie war nicht ganz mit sich zufrieden. Es fehlte etwas, und sie wußte auch genau, was es war.
Das hellblaue Kleid aus feiner Atlasseide war tief ausgeschnitten. Ihr makelloses Dekolleté verlangte geradezu nach kostbarem Schmuck. Den aber besaß die mittellose junge Frau nicht. Nur eine Kamee mit einem fein geschnittenen Frauenbildnis besaß sie, sie stammte noch von ihrer Mutter, und ein Medaillon am goldenen Kettchen.
Das Kettchen aber sah gar zu kindlich aus. Daher griff Gisela lieber nach der Gemme, die sie an einem schmalen Samtband um den Hals tragen konnte. Damit sah sie noch zarter, noch mädchenhafter aus.
Gisela ging zu Peter hinüber, der immer noch in seinem Arbeitszimmer, das gleichzeitig das Wohnzimmer der jungen Familie war, am Schreibtisch saß und arbeitete. Immerhin hatte er sich schon umgezogen. Er trug nach langer Zeit wieder einmal einen Smoking.
»Peter«, mahnte sie sanft, »bist du fertig? Wir müssen hinuntergehen. Die Gäste können jeden Moment eintreffen!«
»Gleich«, antwortete er ungeduldig. »Es läuft gerade so schön, weißt du.«
»Du kriegst das Buch heute doch nicht mehr fertig. Mach doch Schluß, bitte!«
»Nur noch ein paar Minuten!« sagte er, um eine Spur ungeduldiger. »Bitte, störe mich jetzt nicht!«
»Schon gut«, erwiderte sie nachgiebig und zog sich leise zurück.
Gisela war nicht traurig, daß Peter keinen Blick für ihre Erscheinung gehabt hatte. Sie kannte ihn und wußte, wie verbissen er war, wenn es um die selbstgestellte Aufgabe ging. Dann vergaß er alles um sich herum. Und wenn er ihrer Schönheit keinen Beifall zollte, so geschah das nicht aus Lieblosigkeit. Später würde er sie wie erwachend ansehen, sie bewundern und ihr sagen, daß sie für ihn die Allerschönste sei und immer bleiben würde.
Gisela lächelte versonnen. Sie sah dabei sehr glücklich aus, und das war sie auch an der Seite ihres Mannes im Kreis ihrer hübschen und gesunden Kinder.
Sie war glücklich und fand sich beneidenswert – trotz Tante Anita.
Das war ein Kapitel für sich.
Gisela lächelte bitter vor sich hin.
Anita haßte sie, das war ganz offensichtlich. Sie wußte zwar nicht, was sie sich der Gräfin gegenüber hatte zuschulden kommen lassen, aber es war ihr klar, daß sie hier nicht erwünscht, sondern lediglich geduldet war und daß Miß Blackwood weit mehr Einfluß auf die Erziehung ihrer Kinder zugestanden wurde als ihr selbst.
Mit leichtem Schritt betrat sie das Zimmer ihres kleinen Sohnes.
Sie beugte sich über sein Bett-
chen und küßte ihn zärtlich auf die Stirn.
Dann ging sie ins Nebenzimmer zu Stefanie. Das Mädchen saß aufrecht in seinem blütenweißen Bett und sprach gerade sein Nachtgebet.
Gisela verharrte mit gefalteten Händen und betete leise mit. Dann beugte sie sich auch zu Stefanie und küßte sie zärtlich.
Als sie wieder auf den Flur heraustrat, hörte sie Schritte in der Halle.
Sie erblickte über das Treppengeländer hinweg den Diener, der auf die Haustür zuging, um sie zu öffnen. Allem Anschein nach waren die Gäste eingetroffen.
Gisela erschrak. Sie hatte zum Empfang der Gäste bereitstehen wollen, denn Gräfin Anita liebte es, ihre Freunde erst später im Salon zu begrüßen.
Nun hatte sie sich verspätet, und sie beeilte sich, in die Halle hinunterzukommen.
Das lange Kleid zwang sie zu erhabenem Schreiten. Gisela wußte nicht, wie schön und majestätisch sie aussah, als sie in dem kostbaren Kleid die breite teppichbelegte Treppe hinunterschritt und auf die Gäste zutrat. Nur deren bewundernde und wohlwollende Blicke bewiesen ihr, daß sie von den Freunden der Tante ihres Mannes nicht abgelehnt wurde, sondern bei ihnen durchaus Sympathien besaß. Zumindest bei den meisten Freunden der Gräfin, nicht bei allen.
*
Notar Niemann ging geflissentlich an der jungen Frau vorbei und verkündete lautstark: »Zuallererst muß ich meine liebe und hochverehrte Freundin begrüßen.«
Mit elastischen Schritten eilte er in den Salon, in dem Gräfin Anita, malerisch vor dem Kamin posiert, ihn erwartete.
»Guten Abend, Gräfin!« sagte er mit tiefer Verbeugung und devotem Handkuß.
»Lieber Freund!« flötete Gräfin Anita gerührt, der es unendliche Genugtuung bereitete, wieder einmal als Hauptperson zu glänzen und in dieser Eigenschaft selbst die Nichte auszustechen, deren Schönheit ihr ohnehin ein Dorn im Auge war.
Baron von Wertheim und seine Gattin hingegen sprachen ein paar Worte mit Gisela, bevor sie zu Gräfin Anita in den Salon traten.
Landrat von Haberstein traf mit seiner netten Frau kurz nach den Wertheims ein. Er begrüßte Gisela freundlich und offen und beeilte sich dann, den Arm seiner Frau zu nehmen und Gräfin Anita zu begrüßen.
Mit einem Wink beorderte Gisela den Diener Franz herbei. Dann ging auch sie, gefolgt von dem Diener, in den Salon zu den Gästen, die munter plauderten.
Franz bot in schweren geschliffenen Kristallkelchen Champagner an.
»Sekt?« meinte Baron von Wertheim anerkennend. »Vor dem Essen?«
»Aus besonderem Anlaß!« Gräfin Anita nickte verschmitzt.
Landrat von Haberstein verstand die Anspielung. Er hob sein Glas und verkündete: »Ich trinke auf unsere Gastgeberin und auf die hohe Auszeichnung, die ihr heute verliehen wurde. Und darauf, daß ihr edles Werk Früchte trägt.«
»Es ist nicht mein Werk«, schwächte die Gräfin bescheiden ab. »Oder doch nur zu einem Teil.«
»Hoch, hoch, hoch!« rief Landrat von Haberstein unbekümmert, und Notar Niemann stimmte übereifrig ein.
»Ich danke euch, meine lieben Freunde!« erwiderte die Gräfin gerührt.
Während die Anwesenden sich mit ihren Gläsern beschäftigten, trat sie unbemerkt zu Gisela.
»Da bist du ja endlich!« zischte sie ihr zu. »Ich fürchtete schon, du kämest überhaupt nicht mehr. Wo ist denn dein Mann? Er hat es wohl
gar nicht mehr nötig, hier zu erscheinen?«
»Peter kommt sofort. Er wollte nur ein Kapitel beenden, weil er gerade so schön im Zuge war.«
»Das ist natürlich wichtiger als ich!« versetzte die Gräfin ärgerlich. »Wir wollen bald essen.«
»Bis dahin ist Peter bestimmt da.«
»Hoffentlich!«
Danach wandte die Gräfin sich mit äußerster Liebenswürdigkeit wieder ihren Gästen zu. Sie plauderte charmant und zeigte sich von ihrer besten Seite.
Gisela vergewisserte sich inzwischen, daß im Speisezimmer alles für das festliche Essen vorbereitet war. Die Suppe konnte aufgetragen werden.
Leise raunte sie Hanni, dem Stubenmädchen, das heute im Speisezimmer helfen sollte und daher mit weißem Servierhäubchen und Schürzchen angetan war, zu: »Laufen Sie nach oben und bitten Sie meinen Mann herunter! Er soll sofort kommen, wir wollen zu Tisch gehen.«
Hanni verstand. Sie wußte, daß Herr Spellberg über seiner Arbeit alles vergaß.
Flink huschte sie nach oben und erledigte ihren Auftrag mit dem nötigen Nachdruck. Sie brachte es sogar fertig, daß Peter gleich nach ihr die Treppe herunterkam und im Salon die Gäste begrüßte.
»Du bist von verletzender Gleichgültigkeit, mein Lieber!« rügte seine Tante ihn vor den Gästen. »Du vergißt wohl ganz, was du mir schuldig bist?«
»Wie könnte ich das vergessen!« entgegnete Peter Spellberg und wollte hinzufügen: ›Wo du es mir doch täglich vor Augen führst.‹ Aber ein beschwörender Blick seiner Frau hinderte ihn daran.
