Der Wind von Irgendwo - Sasha Scott - E-Book

Der Wind von Irgendwo E-Book

Sasha Scott

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Beschreibung

Alles Unheil beginnt mit einem Streich während des Dorffestes, den die Freunde Mark und Tsam dessen gehasstem Bruder Maraim spielen. Der Streich gelingt, der betrunkene Maraim verschwindet - und kehrt nicht zurück. Hat er sich mit der Gestalt in der gefürchteten Corrin-Höhle verbündet, in die niemand je einen Schritt hineinwagen würde? Die allabendlich am Dorffeuer erzählten Geschichten über all die Mysterien der Umgebung künden von zahlreichen Schrecken. Da ist der Frauenbaum unweit des Dorfes in den Feldern und Wiesen, der das Profil eines Frauenkopfes hat. Und dann ist da die Wahrsagerin Tirata, die in einem Haus umgeben von Pappeln unweit der Gemeinschaft lebt. Was weiß sie, das Marks Schwester Jessica in ihre Arme treibt? Das Dorf fürchtet nun Rache - und alle spüren, wie der Wind von Irgendwo auf sie zukommt. Das Leben im Dorf wird nicht mehr das Gleiche sein, und für Mark und seine Schwester Jessica beginnt ein Aufbruch ins Ungewisse.

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Wind von Irgendwo

TitelInhaltsverzeichnis1. Am Tag vor der großen Schuld2. Vorbereitungen zu einer großen Schuld3. Bei Tirata4. Maraim und die Frösche5. Der Tag nach der großen Schuld6. Der Himmel weint7. Ein neuer Tag8. Jessica bei der Wahrsagerin9. Am Feuer10. Beginn einer Odyssee11. Die Geißel der Angst12. Gewitternacht13. Der Frauenbaum14. Der Mut der Verzweiflung15. Der Wind von IrgendwoImpressum

Titel

Oliver Koch

Der Wind von Irgendwo

Roman

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Am Tag vor der großen Schuld

2. Vorbereitungen zu einer großen Schuld

3. Bei Tirata

4. Maraim und die Frösche

5. Der Tag nach der großen Schuld

6. Der Himmel weint

7. Ein neuer Tag

8. Jessica bei der Wahrsagerin

9. Am Feuer

10. Beginn einer Odyssee

11. Die Geißel der Angst

12. Gewitternacht

13. Der Frauenbaum

14. Der Mut der Verzweiflung

15. Der Wind von Irgendwo

1. Am Tag vor der großen Schuld

Irgendwann zwischen Nacht und Morgen entzündete sich ein Funke und ließ das Dorf erwachen. Nicht, dass nachts alle geschlafen hätten–es gab sie, die das größte Fest des Jahres mit Eifer vorbereitet hatten oder aus Vorfreude nicht schlafen konnten. Sie schufteten oder warteten im Schein von Feuern, und immer, wenn sie nach draußen blickten, sahen sie nichts als schwarze Nacht. Sie wussten, welche Tiere dort raschelten oder heulten, kannten das Getrippel. Sie bemühten sich, leise zu sein, während sie Speisen zubereiteten oder Festschmuck bereiteten.

Das anstehende Fest, das Feldfrucht-Fest, war der Höhepunkt des Jahres. Für dieses Ereignis war keine Mühe zu groß, keine Arbeit zu schwer.

Im jungen Licht des aufstrebenden Tages, das sich langsam in Dunkel fraß, verhüllten die Dinge noch weitgehend ihre Farben. Die Wiesen und Felder rings um das Dorf waren nicht mehr als eine Ebene, die westwärts bis zur großen Bergkette reichte, die noch niemand von ihnen je von Nahem gesehen hatte–diese Bergkette dort, wie viele Stunden oder Tage Fußweg sie auch entfernt sein mochte, brach die Ebene, und was in den Wäldern dort oben vor sich gehen mochte, war ein Geheimnis. Niemand wollte das wecken, was dort leben mochte, von der schrecklichen Höhle ganz zu schweigen. Die Corrin-Höhle, von der man sich Grauenhaftes erzählte. Wenn abends die Feuer in der Dorfmitte flackerte oder bei Regen in der großen Scheune, gingen die Schreckgestalten der Corrin-Höhle von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr–niemand würde je dorthin gehen, dazu war ihnen ihr eigenes Leben in diesem Dorf und der Umgebung viel zu kostbar. Wenn man schon mit dem Grauen dort leben musste, so wollten sie wenigstens hier bleiben und der Schrecken in welcher Art auch immer sollte dort bleiben.

Am kommenden Tag und vor allem am Abend und in der Nacht sollten derlei Dinge unerwähnt bleiben, denn es gab ein Fest zu feiern.

Es war der Mairiliam, der Monat, in dem sich die Welt nach dem Winter der Kälte entwand und sich dem Sommer zuwandte, und mit ihm das Grün der Bäume und die Farben der Blumen. Sie alle feierten das Fest, um die Feldfrüchte zu begrüßen, die nun mit Wachsen begonnen hatten.

Sie hatten eigens dafür Vorräte über den Winter gehortet wie Getreide, das sie nun zu Brot backten, Trockenobst, Kartoffeln, Räucherfleisch, Alkohol und vieles mehr. Ohne das Fest mit all seinem Rausch und seiner Freude würde das Jahr kein Gutes werden. Niemand rührte daher die Vorräte an, die darauf warteten, feierlich verspeist und getrunken zu werden.

Es war einmal dieser Morgen, der sichüber diese alte Landschaft entzündete, eine sehr alte Landschaft. Niemand hatte sie je verlassen, niemand war je zum Horizont aufgebrochen. Die weite Ebene mit dem Dorf in der Mitte, um das sich einzelne Bäume und Baumgruppen mit wilden Wiesen und bestellten Feldern spannten, mit Weiden für das Vieh, um die sich Zäune spannten, damit das Vieh nicht verschwand, veränderte sich kaum in einem Menschenleben. Bäume begannen als Schösslinge und reiften heran, Stämme knickten bei Sturm ein, Felder wuchsen zaghaft weiter in die Landschaft hinein, doch abgesehen von derlei Dingen hatte sich seit Urzeiten nichts verändert, so sagte man sich.

In der Mitte einer großen, wilden Wiese, die noch nie jemand urbar zu machen gewagt hatte und deren Gras hüfthoch wuchs, stand ein einzelner Baum, der größte undälteste von allen einzelnen Bäumen in dieser Welt, die das Dorf umgab. Sein Profil zeigte das einer alten Frau mit wuchtiger Nase. Hierher ging kein Kind allein, und auch nur in Gruppen wagten sie sich mit größtem Unbehagen. Denn niemand hatte die Geschichtenüber den Baum vergessen, die ihm während seiner Kindheit erzählt worden waren, auch dieÄltesten im Dorf hatten sie als Kinderüber den Baum gehört, dessen Frauengesicht seit jeher unverändert geblieben war und das auch noch die Erwachsenenängstigte, seit man im Dorf zurückdenken konnte. Und seit man zurückdenken konnte, waren erst zwei Häuser hinzugekommen, um weitere Bewohner aufzunehmen–von denen es kau mehr als dreihundert gab. Vor gut einem Menschenleben hatte eine Krankheit zehn Menschen dahingerafft, andere sprachen von zwölf, da war man sich nicht mehr sicher. Damals war zum letzten Mal die Erzählung des Heiligen hervorgeholt worden, die niemand lesen konnte bis auf die Wahrsagerin des Dorfs, die seit Menschengedenken stets ihre Nachfolgerin bestimmte und die als Einzige Dinge wusste,über die alle anderen nicht einmal zu flüstern wagten.

Das zunehmende Licht hauchte den Dingen langsam ihre Farbe ein, und auch die Pferde auf ihren Koppeln, die langsam erste lange Schatten warfen, begannen zu grasen.

Der Geruch von gebackenem Teig quoll aus immer mehr Fenstern, und immer häufiger hoben sich Köpfe aus ihren Kissen. Die Geschäftigkeit ließBöden knarren, erste Worte wurden gewechselt. Zwischen den Kühen draußen saßen melkende Bauern, noch von Müdigkeit ermattet, die heute keinen Schlaf mehr finden würden, obwohl die Nacht lang zu werden versprach wie jedes Jahr. Denn an keinem anderen Tag würden sie so viel schlemmen und trinken, obgleich das Fest des Heiligen mitten im Winter lag, das kaum mehr war als jeder andere Tag im Winter auch.

In dieser Frühe an diesem Morgen in dieser Zeit erwachten die Eltern der Geschwister Jessica und Mark und machten sich daran, aufzustehen. Mark hörte, wie die Eltern aus ihrem Bett stiegen und tat so, als würde er weiter schlafen. Er wusste, dass die Eltern ihn und seine Schwester noch in Ruhe lassen würden, denn noch war ihre Hilfe nicht nötig. Doch er hatte sich am letzten Abend sehr früh zu Bett gelegt, um am Tag des Festes wohlauf zu sein–vielleicht zu früh, denn kein Schlaf wollte sich mehr einstellen, und so lag er im Bett und sah den Tag durch die dünnen Vorhänge zaghaft anbrechen. Würde auch er aufstehen, wäre dies mit ungeliebter Arbeit verbunden gewesen, und er war Egoist genug, lieber seinen Vater die schwere Arbeit erledigen zu lassen. Zudem würde er auch noch Jessica wecken, und sollte das geschehen, sollte das Haus unter ihrem Gekichere und Geschwätz erbeben.

Schließlich war sie mit ihren zehn Jahren sechs Jahre jünger als er, und er vermied, wie man es mir jüngeren Geschwistern tat, möglichst jeden Kontakt mit ihr. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn die Kinder des Dorfes erlebten viel miteinander, und so kam es, dass er mit einigen wenigen gleichaltrigen Freunden eine Schar Kinder in Jessicas Alter mit sich nahm, beziehungsweise umgekehrt. Manchmal spielten sie allesamt Verstecken oder Fangen oder warfen Bälle oder taten sonst etwas. Manchmal wurden dieälteren Jungen zu Bullen, und die Kleinen waren entweder die Opfer, die gefangen werden mussten, oder sie waren die Reiter. In diesem Falle ließen es sich alle Kinder des Dorfes nicht nehmen, der Reiter von Mark oder seines Freundes Tsam zu sein, denn die beiden Jungen waren begehrt bei Jung und Alt. Jeder mochte sie, denn sie waren höflich und zuvorkommend, schlichteten Streitigkeiten unter anderen und nahmen so manch anderen tröstend in die Arme, beziehungsweise strafend in die Mangel. Wenn Mark und Tsam zu Gericht gingen, dann war das triumphal für den, der Recht hatte, katastrophal für den, der es nicht hatte. Große Gemeinheiten wurden nicht selten mit einer Tracht Prügel bestraft. Diese Eigenschaft der Ritter und Rächer machten sie zu den beiden Dreh- und Angelpunkten des ganzen Dorfes. Und Jessica war die Schwester eines dieser beiden, eine große Ehre; so verwies sie auf ihren Status als Schwester von einem der beiden, und schon hatte sie ihren Vorteil. Es lebte sich gut als Jessica, Schwester von Mark, zumindest besser als Jessica, irgendeine Freundin der Schwester von Mark. Dieser Status hätte Jessica nicht gereicht, wohl aber ihren Freundinnen, die sich damit brüsteten, ihre Freundinnen zu sein. Nur mit ihren Puppen - mit denen hätte nicht einmal der Schöpfer aller Dinge spielen dürfen.

So entschloss sich also Mark, liegenzubleiben. Er sah einer langen, herrlichen Nacht entgegen, in der er tanzte und den Mädchen an den Haaren zog, obgleich er auch gern etwas anderes mit ihnen tun würde, dessen er sich nicht so ganz sicher war. Manchmal jedenfalls gab es da Regungen in ihm, derer er sich vor Jessica schämte, wenn er bemerkte, dass diese Regungen etwas an ihm wachsen ließen. Er empfand sie bei so Vielem, so viel Merkwürdigem, und er konnte nicht begreifen, warum es geschah, wenn er Mädchen sah oder nur an sie dachte, aber auch, wenn er manchmal da stand und Tsam betrachtete. Das war so merkwürdig, dass er meinte, diese Regungen, sowohl die eine als auch die andere seien nicht normal. Und bevor man ihn zu Tirata, der Wahrsagerin schickte, die ihn wahrscheinlich ausziehen und mit ihren Fingern von oben bis unten berühren und ihm etwas Merkwürdiges raten würde, behielt er diese Dinge vornehm zurück und waräußerlich einfach nur der beliebte, geachtete Mark.

Der gestrige Tag hatte einiges gebracht. Schon früh hatte man in Anbetracht des Festes mit der Arbeit aufgehört, schon früh hatte man sich um das große Feuer in der Mitte des Dorfes versammelt, hatte erzählt, phantasiert, phrasiert, paraphrasiert, zitiert, rezitiert und getrunken, und Mark war früh wie alle anderen zu Bett gegangen, schließlich wollte man feiern. Und zu feiern wusste man im Dorf, denn dann gab es da keine Kinder und keine Erwachsenen, dann war man ein Ganzes und gab auch Kindern Alkohol zu trinken. Wenn sie es vertrugen, war das gut, wenn nicht, dann eben nicht.

Mark hatte sich viel vorgenommen: Er wollte sich erstmals betrinken. Wenn alle davon schwärmten, wenn es alle taten, die etwas auf sich hielten, dann war es ihm Pflicht, sich mit seinem Freund Tsam zu betrinken, bis die Lichter ausgingen.

Aus diesem Grund versuchte er immer wieder, doch noch weiter zu schlafen; eine Stunde konnte er sicherlich heraus schinden, denn es war eigentlich noch mitten in der Nacht, und an normalen Tagen hätten erst vor wenigen Minuten die Letzten der Glut des abendlichen Feuers den Rücken gekehrt und wären zu Bett gegangen, zögen sich wahrscheinlich jetzt erst um und röchen ihr Bett, hörten das gleichmäßige Atmen der Schlafenden ringsum, sofern es sie denn gab, und waren trotz allen Vergnügens am Feuer froh, endlich schlafen zu können.

Mark schloss die Augen wieder und versuchte mittels schönen, epischen Erinnerungen den Schlaf wiederzugewinnen. Er verband damit den Anblick des Windes, derüber die Wiesen strich und das Gras, hoch und dicht und dunkelgrün, zu welligem Wogen brachte, so dass sich die Landschaft zu drei Seiten hin zu einer tiefgrünen, gräsernen See verwandelte, einem Ozean, wie ihn nur der kennt, der einmal durch seine Wellen geschwommen ist.

Mark hatte dies oft getan, und im Geiste, die Leinwand hinter seinen geschlossenen Lidern betrachtend, sah er diesen Ozean, dessen Fische Hasen und Mäuse, Heuschrecken und fliegende Insekten waren, hörte das Rascheln des Grases, hörte die Schritte Tsams hinter sich, hörte dessen Atem hinter sich, hörte seinen eigenen. Er sah sich auf den Boden fallen und in den Wogen verschwinden, und Tsam sprangüber ihn hinweg, da er nicht so schnell hatte anhalten können. Die beiden waren gerade Jessica und ihren Freunden fortgelaufen, mit denen sie zuerst hatten spielen sollen. Aber dann hatten sie es sich andersüberlegt, hatten sich angesehen, angegrinst und mit einer unbekannten Art der Gedankenübertragung beschlossen, den kleinen Kindern (unter denen sich auch Zwölfjährige befanden, aber man war das seit vier Jahren nicht mehr!) einfach aus den Augen zu laufen. Er und Tsam waren gute Läufer, und so stand es außer Frage, Dass sie die anderen abhängen konnte. Aber manchmal kam der Drang in beiden durch, für sich zu sein, nur sie beide, und wenn dieser Drang kam, dann sprachen sieüber so Vieles und Verschiedenes, gingen Richtung Corrin-Höhle, um aus sicherer Entfernung in deren tiefschwarzen, nicht ergründeten, gefährlichen Schlund zu sehen, ohne ihm zu nahe zu kommen; oder sie wagten sich zum Frauenbaum, um so lange unter ihm zu liegen oder auf ihm herumzutollen, bis es dunkel wurde, denn dann kam die mysteriöse Angst vor dem Baum wieder zum Vorschein, oder sie sagten nichts und erfreuten sich an der bloßen Präsenz des jeweils anderen. Manchmal lagen sie da, und einer hatte den Kopf auf der Brust des anderes, womit sie sich abwechselten, und so bildeten sie von oben gesehen einen rechten Winkel. Ihre Freundschaft war geradlinig und perfekt und tief und würde bis an ihr Lebensende dauern in tiefster Verbundenheit, bis einer der beiden eines Tages einmal sterben musste. Aber derlei Gedanken kamen ihnen kaum. Über den Tod nachzudenken war es jetzt noch nicht an der Zeit, obwohl der Tod ein allgegenwärtiger Zustand für die beiden war. Im Dorf starben desöfteren die Menschen, und sie starben innerhalb ihrer Familie, im gewohnten Bett liegend, im gewohnten Kreis die Augen für immer und ewig schließend, um von dem Vertrauten zu etwas anderem Wunderbaren zu gelangen. Er war so selbstverständlich wie der Sonnenuntergang. Man dachte nurüber das nach, was man zu sehen vermied.

Die schöne, eingebildete Szenerie ließ ihn in den Nebel des Schlafes eintauchen, er spürte, wie seine Glieder wieder schlaffer wurden, wie die Müdigkeit auf ihn herabsank.

Die Farben seines Traumes nahmen zu, da rüttelte es an ihm, und seine Decke wurde ihm fortgezogen. Kälte fraß sich in seinen Körper. »Mark«, sagte eine helle Stimme.»Mark, komm, steh auf.«

Es war Jessica, und Mark hätte sie ermorden können. »Lass mich schlafen«, entgegnete er müde und blieb liegen.

»Mark, die Sonne geht gleich auf.«

»Sie geht auch ohne mich auf.«

»Aber wir müssen doch heute bei Sonnenaufgang aufstehen.«

»Dann sieh aus dem Fenster und erschrick die Sonne mit deinem Gesicht, dann verschwindet sie wieder und ich kann weiterschlafen.«

»Du bist gemein, Mark. Von mir aus kannst du den ganzen Tagüber liegenbleiben, du bist mir nämlich egal, aber wir sollen jetzt aufstehen.«

»Wenn du nicht gleich verschwunden bist, versohle ich dir den Hintern.«

Das reichte, denn Jessica wusste nur zu gut, was geschah, wenn Mark seine Drohung wahr machte. Mark war es nämlich, der aufgrund seiner Berufung, Recht unter den Kindern zu verkünden, seiner Schwester schon so manches Mal den Hintern versohlt hatte, wenn sie sich wieder einmal zuviel erlaubt hatte, weil sie das Privileg, Schwester von Mark zu sein, hatte auskosten müssen.

Mark selbst war dies peinlich, fühlte er sich doch trotz all seiner Naivität stets zu einem Erwachsenen berufen, der sich wie ein solcher zu benehmen hatte. Und das, obwohl er noch längst nicht aus dem Alter heraus war, sich vor den Schatten nicht mehr zu fürchten.

Die Schauergeschichten, die man sich am Feuer erzählte und für wahr hielt, waren das blanke Grauen, und die merkwürdige Wahrsagerin Tirata hatte schon zu oft von merkwürdigen Gestalten gesprochen, die nachts herumliefen im Dorf. Im Prinzip war er ein Kind, das jedes Märchen glaubte.

Jessica wich zurück und beschloss, ihren Bruder schlafen zu lassen. Sollte er doch verschlafen und sichÄrger einhandeln. Und obgleich sie keine Petze war, würde sie ihn gleich so richtig schlecht machen. Da sie zu jung war, die Schönheit eines gerade erst anbrechenden Tages zu sehen, stieg sie einfach daran vorbei undöffnete die Tür.Überall roch es nach Holz, denn das Haus bestand aus nichts anderem. Sie schlich den Flur entlang, der unheimlich dunkel war und kam schließlich in die Küche, wo ein warmes Feuer brannte. Sie sah ihre Eltern inmitten von Aktivität, sie waren gewaschen und bereiteten das Frühstück zu.

»Mark kommt nicht«, waren ihre erste Worte.

Ihre Mutter drehte sich um.»O, mein Schatz, hast du gut geschlafen?«

»Mhmmm. Mark kommt nicht.«

»Freust du dich schon auf das Fest heute?«

»Mhmmm. Mark schläft noch.«

Ihre Mutter stellte ihr eine Schale Milch auf den Tisch.

»Hier, trink, Kleines. Wir haben viel zu tun.«

»Für Mark brauchst du keine Schale hinzustellen, Mama.«

Überall um sie herum war Holz, und die Wärme des Feuers saß in jedem Astloch.

Alles sah aus wie früh am Tage. In den Fenstern sah man Morgenrot, die Mutter trug ein Nachthemd und ihre langen Haare waren noch wirr, ihr vitales Gesicht besaß morgendliche Frische. Der Vater saß mit nacktem Oberkörper im Schein des flackernden Feuers am Tisch und trank seine Milch, die er eben erst frisch gemolken hatte.

Die Mutter stellte Brot auf den Tisch.

»Du brauchst für Mark gar nicht erst mitzudecken, Mama, er will nämlich noch schlafen.«

Ihre Eltern ignorierten dies von Neuem, und die Mutter deckte trotzdem für ihn.

Jessica sah trotzig auf sein Gedeck und fragte grantig:»Soll ich Mark wecken und ihm sagen, er soll gefälligst hierherkommen?«

»Nein, laß ihn schlafen«, sagte da die Autorität ihr gegenüber. Auch wenn der Vater kein Patriarch war ( mit seinen 34 Jahren war er wohl auch zu jung dazu) so galt sein Wort und duldete keinen Widerspruch, ja nicht einmal ein zaghaftes Widerdenken. Man hätte, wie Mark es getan hatte, versuchen sollen, sein angebliches Patriarchat zu beenden, doch Jessica und ihre Mutter versuchten es nicht. Sie nahmen es hin und setzten es voraus.

So schwieg Jessica. Der Vater sprach weiter, ohne zu anzusehen, aber in einem viel weicheren Tonfall:»Er hat eine lange Nacht vor sich, mein Mädchen. Das Feldfrucht- Fest ist ein hohes Fest.«

»Er will sich betrinken.«

»Jeder Mann tut das.«

»Er ist mein Bruder.«

»Und dennoch ein Mann, Jessica. Niemand achtet ihn als Mann mehr als du, oder?«

Sie hielt den Mund und trank trotzig ihre Milch. Eine Zeitlang duldete sie knisternde Idylle, dann platzte sie vorlaut heraus:»Ich hoffe doch wohl nicht, Dass ich hier etwas tun muss, solange Mark schläft.«

Ihre Mutter setzte sich an den Tisch und lächelte sie an.»Du wolltest mir doch so gerne beim Backen und beim Kochen helfen, Jessica.«

»Ja.«

»Und das kannst du wohl auch, wenn Mark schläft, oder etwa nicht?«

»Die Sonne ist doch schon aufgegangen.«

»Aber er ist müde.«

»Das ist gemein. Er kann schlafen, obwohl er es nicht soll. Ich bin aufgestanden, ganz von alleine, und ich wollte helfen. Mark will nur schlafen.«

»Schluss jetzt, Jessica«, sagte der Vater ruhig.»Ich werde ihn gleich wecken, gut? Er wird Holz hacken für heute Abend. Und er wird gleich mit mir Hasen schlachten. Wenn er wach ist.«

Jessica schwieg unversöhnlich, trank ihre Milch und nahm sich eine Scheibe Brot.

»Nimm Schmalz dazu«, sagte die Mutter, doch Jessica schüttelte den Kopf.»Wenn ich das mache, dann kann ich heute den ganzen Tag kaum etwas essen. Jola hat gesagt, Dass es mal eine Frau gegeben hat, die ist an dem vielen Schmalz geplatzt, und die Leute wären gekommen und hätten sich die Fetzen der Frau aufs Brot geschmiert.«

»Ich glaube«, meinte der Vater tief und brummelnd,»ich werde mit Jolas Mutter einmal sprechen müssen.«

Zur gleichen Zeit entschied sich Mark schließlich doch, aufzustehen. Es gab nur zwei Alternativen: entweder entstieg er nun dem Bett und war wach, oder er ließ sich aber wieder in den Schlaf fallen und war hundemüde, wenn er geweckt wurde.

Und der Abend sollte zu schön werden, als Dass er müde sein wollte. So stand er auf und zog den Vorhang vom Fenster, um den herannahenden Tag zu betrachten. Mark war ein Träumer und Genießer, und daher befähigt, einen tiefen Seufzer auszustoßen. Schade nur, dass er keine Zeit haben sollte, den Morgen zu genießen. Arbeit wartete auf ihn, und sie sollte ihm nicht gefallen. Doch was machte es. Der Abend würde für alles entschädigen.

Als er gewaschen und angezogen in der Küche erschien, sagte sein Vater:»O, du bist doch schon aufgestanden. Das ist gut. Du musst gleich einiges Holz hacken.«

»Ich weiß, Pepe.«

»Und du musst mir gleich beim Schlachten helfen.«

Ein Schauer des Ekelsüberkam ihn.»Aber ruf mich bitte erst, wenn sie schon tot sind, ansonsten kann ich mir das nicht ansehen.«

»Du bist ja richtig feige, Mark«, meinte Jessica schnippisch.

»Ein Wort noch, kleines Luder, und ich werfe dich nach dem Schlachten in den Trog mit den Eingeweiden, und du kannst glauben, Dass ich das tue.«

Jessica erschrak und nippte an ihrer Milch.

»Ist gut, Mark«, meinte der Vater.»Du sollst mir ja nur beim Auseinanderschneiden und Ausnehmen helfen. Töten werde ich sie schon alleine.«

Nachdem Mark sein Frühstück beendet hatte, ging er nach draußen, um Holz zu hacken. In der Rechten hielt er eine Axt, als er an die frische Luft kam.

Es roch herrlich draußen nach Holz, nach Tau und nach taunassem Gras. Er hörte die Hühner gackern, und das Rot im Osten hatte einem Hellblau Platz gemacht; das Schwarz der Nacht, das nicht hatte weichen wollen, war nun zurückgedrängt, und die Vögel trauten sich mit ihrem Gezwitscher mehr als eben noch.

Er ging um das Haus herum, wo viel Holz lag, und er nahm sich ein großes Stück, um es zu zerhacken. Währenddessen lief ihm Juliusüber den Weg, einälterer Mann, der am abendlichen Feuer desöfteren verrückte Geschichten zum Besten gab. Man erzählte sich ebensolchesüber ihn; so soll er als Reaktion auf den Tod seiner Frau vor vielen Jahren, als es Mark noch nicht gegeben hatte, für mehr als eine Woche in der Corrin-Höhle verschwunden sein, in die sich normalerweise kein Mensch, der sie alle beisammen hatte, hinein traute, der Merkwürdigkeiten, die in ihr waren, eingedenk. Nicht so Julius. Er war tatsächlich hineingegangen und behauptete gar, nichts Absonderliches in ihr gefunden zu haben.

»Ach, mein Junge«, begrüßte er Mark. »Festvorbereitungen, wie, haha.«

»Allerdings, Julius. Was ist daran so merkwürdig?«

»O, nichts, mein Junge. Mich wundert nur, Dass ihr jungen Leute das um diese Uhrzeit so freiwillig tut.«

»Ich tue es nicht freiwillig, Julius«, bekannte Mark und zerhieb ein großes Stück Holz.

»Du bist ganz schön kräftig, Mark. Schön kräftig, jaja.«

»Das freut mich.«Mark wünschte sich, Dass dieser alte, dürre Schwätzer mit seinen ewig dreckigen Lumpen, die er trug, und seinem löchrigem Hut auf seinem faltenreichen, kaum behaarten Kopf, dessen Mund kaum noch Zähne aufwies, möglichst schnell wieder verschwinden würde. Er mochte ihn nicht.

»Als ich so alt war wie du, da sollte ich auch immer Holz hacken, mein Junge, aber ja, ich war einfach zu schwach dazu, viel zu schwach, ja. Ich konnte kaum die Axt halten.«

»Wie hast du denn dann deine Frau nach der Hochzeitüber die Schwelle getragen Julius?«

Der alte Mann sah betreten zu Boden, denn die Unverschämtheit hatte ihr getroffen. Dass man die Frauüber die Schwelle trug, war eine notwendige Sitte, doch Julius hatte es damals nicht geschafft, und so hatte man auf diesen Ritus verzichten müssen, sehr zur Blamage seiner Frau.

»Ach, nichts für ungut, Julius. Was triffst du denn für Vorbereitungen für heute Abend?«

»Ich werde Eier holen, um daraus Eierschaum zu schlagen. Aus Schnepfeneiern. Ich hoffe, ich finde genug.«

»Schnepfeneier?! Igitt!«

»Ach, mein Junge, mein Junge, wenn du wüßtest, wie herrlich die schmecken, jaja, wie herrlich, wie herrlich...«Und so ging der alte Mann sehr zur Erleichterung Marks.

2. Vorbereitungen zu einer großen Schuld

Der Tag erblühte mit jeder Minute und gelangte zur Reife. Die Sonne stieg weiter auf, es wurde heller, und die Natur wiegte sich in Sonne und Wind.

Im Dorf wurde eifrig gearbeitet. Man ging in Keller oder Scheunen, um alte Girlanden aus Truhen zu kramen, man machte sich daran, die Feuerstelle inmitten des Dorfes zurechtzumachen und mit Holz zu versorgen.

Mark beschäftigte sich noch immer mit Holzhacken, und aufgrund der Hitze hatte er seinen Oberkörper freigemacht. Somit wurde er zu einem Blickpunkt für so manches Mädchen, das an ihm vorbeikam. So kam Sarah in seine Nähe und blieb unverblümt stehen, um den Jungen zu betrachten. Er war ein stattlicher Anblick, denn die Arbeit, die er oftmals erledigte, hatte an seinem Oberkörper sichtbare Spuren hinterlassen.

Sarah betrachtete gern das Muskelspiel des Jungen, der der Schwarm aller Mädchen im Dorf war.

Mark, ganz beschäftigt, bemerkte den Blick nicht. Er keuchte und schwitzte unter Hitze und Arbeit, und hörte nur selten auf, um den an seiner Stirn herabrinnenden Schweiß am Einlaufen in die Augen zu hindern.

»Hallo, Mark«, hörte er eine Mädchenstimme hinter sich sagen, und er drehte sich um. Blinzelnd erkannte er Sarah, die beschlossen hatte, auf sich aufmerksam zu machen. Sie lächelte, versucht, distanziert und freundlich zu wirken.

»Hallo«, antwortete er.»Hast du viel zu tun?«

Sie nickte verschämt und nutzte das Blinzeln Marks kalt aus, um ihn unverblümt zu betrachten und sich an seinem Anblick zu ergötzen.

»Aber sicher nicht sowas wie ich, oder?«,fragte er.

»Nein, natürlich nicht. Ich habe eben mit meiner Mutter ein paar Hühner gerupft.«

»Ich muss auch gleich mithelfen, Hasen zu schlachten.«

»Das ist mir zu blutig.«

»Nun ja, was soll ich sagen. Um so besser schmecken sie mir heute Abend.«

Sarah legte den Kopf schief und scharrte mit dem linken Fußim Boden. »Ich hoffe, du kannst tanzen, Mark.«

»Tanzen? Ich? Nun, wenn ich betrunken genug bin, sicher.«

»Nein, ernst, Mark. Kannst du tanzen?«

»Ich habe es noch nie ausprobiert außer dem Gehopse auf den Festen. Aber ob das Tanzen ist, weiß ich nicht.«

»Heute Abend werde ich das erste Mal an unserem Tanz teilnehmen, und dazu braucht man immer zwei.«

Mark wusste Bescheid.»Diese Formationstänze sind doch gähnend langweilig, Sarah. Sie sind viel zu langsam undöde.«

»Es kommt immer darauf an, mit wem man sie tanzt.«

»Das finde ich nicht. Das ist doch kein Tanzen, das ist - ... keine Ahnung, was das ist. Es macht jedenfalls keinen Spaß.«

Sarah sah zu Boden.

»Aber das soll ja nicht heißen, dass ich nicht mit dir tanzen würde, wenn ich betrunken genug bin.«

»O, danke, Mark.«

»Nein, nein, so war das nicht gemeint. Ich wollte sagen, dass ich vielleicht tanze, mal sehen, wie ich gelaunt bin.«

»Na, vielleicht wirst du in der Stimmung sein.«

»Kann ich jetzt noch nicht sagen.«

»Verstehe.«

»Bist du beleidigt?«

»Nein, wieso? Ich blitze gerne ab.«

»Wieso abblitzen? Habe ich gesagt, ich würde nicht mit dir tanzen wollen? Nein, das habe ich nicht gesagt. Aber ich will nur auch vorbeugen, dass du allzu enttäuscht bist, wenn ich es dir versprochen habe und mein Versprechen breche. Das mache ichöfter.«

»Ja,ja, schon gut.«

Der Wind spielte um sie herum, und Mark spürte einen angenehmen Luftzug. Er versuchte immerzu, Sarah so zu betrachten, wie er es eigentlich gewollt hatte, doch sie hatte sich die ganze Zeit nicht von der Stelle bewegt und stand im Licht der Sonne, so als wäre sie eine Geburt von ihr.

In einem solch kleinen Dorf kam es oft vor, dass ein Mann, Junge, Mädchen, eine Frau sich in einen anderen versah und vergötterte, zumindest eine Zeitlang. Da gab es Phasen, da sich diese Menschen in die Träume der anderen vorwagten, so ganz von allein, um dann einige Zeit später ebenso von allein wieder daraus zu verschwinden.

Auch Sarah war Mark so manches Mal in die Träume gefolgt, doch hatte sie sich schnell wieder verflüchtigt. Mark kannte diese Gefühle nicht und wusste sie nicht zu deuten.