Der Windreiter - Renata Šerelytė - E-Book

Der Windreiter E-Book

Renata Šerelytė

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Beschreibung

Sascha ist mit einem Journalisten-Trio unterwegs, das eine Fernseh-Reportage über ihre Vater-Suche drehen soll. Die Reise geht zum kleinen Gehöft der Großeltern, einem grotesken Paar. Der Vater bleibt ein Rätsel, das sich noch dadurch verkompliziert, dass Sascha aus Sibirien kommt, die Großeltern jedoch in Litauen sind. Plötzlich ist Hufgetrampel zu hören. Ein Pferd jagt vorbei, der Reiter wirft etwas zu Boden und flitzt davon. Im Garten findet man ein Baby, einen kleinen Jungen. Sascha spürt, dass sie ihren Vater gefunden hat. Das Trio hat nichts mehr zu tun und fährt ratlos ab. Die Reportage wird es nicht geben. Der Roman ermöglicht viele Einblicke in den Alltag, die Mentalitäten und Probleme in Litauens Gegenwart und jüngster Vergangenheit; der Stadt-Land-Gegensatz wird in exotischen Szenen spürbar. Der Einbruch des Märchenhaft-Phantastischen spiegelt die Desorientierung des jungen Mädchens.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die Übersetzung dieses Buches erfolgte mit freundlicher

Unterstützung durch das Litauische Kultur Institut.

Die Arbeit des Übersetzers wurde mit einem

Übersetzungsstipendium der Stadt Wien gefördert.

WieserVerlagGmbH

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12Telefon: +43(0)463 37036 Fax: +43(0)463 [email protected]

© Copyright der deutschen Übersetzung bei Wieser Verlag GmbH,2017, Klagenfurt / CelovecAlle Rechte dieser Ausgabe vorbehaltenLektorat: Dr. Carsten SchmidtISBN 978-3-99029-230-3

Der dreißigste August brach leise und schwer an. Im Lauf der Nacht kam Regen auf, der das Gras wie Silberamalgam bedeckte und im klaren Widerschein des Winterspiegels leuchtete, sich verdüsterte und in das blickdichte Dunkel des Sommers zurückkehrte – vom Boden stieg Nebel auf und schlich am Straßenrand in dichten Flocken giftigen Dampfes dahin.

Nebenan flog eines der Cafés am Straßenrand vorbei. Im Hof standen hölzerne Wagenbretter, voll mit roten und rosafarbenen Pelargonien. In einem runden Teich glänzten zwei weiße Gipsschwäne zwischen den an der Oberfläche schwimmenden Seggen wie gefrorene Pupillen.

Saša beugte sich vor und berührte vorsichtig die Schulter der Journalistin.

„Könnten Sie nicht … könnten Sie nicht ... das Fenster öffnen?“

Der kalte Blick einer schwarzen Sonnenbrille, die selbst einem Fenster glich, war auf sie gerichtet.

„Dreh am Griff. An dem da, auf der linken Seite. Nicht abreißen! Kind, hast du noch nie einen Griff gesehen?“

Saša zog die Hand zurück. Den Griff berührte sie nicht mehr. Die Journalistin hob die Brille mit einem Finger leicht von der Nase und blickte Saša forschend an.

Vom kritischen Blick der grauen Augen wurde Saša mulmig zumute. Sie rollte sich in der Ecke der Sitzbank zusammen und versuchte zu schauen, ohne etwas zu sehen – auf sich selbst und in die imaginäre Vergangenheit, in der die schlitzäugige Erzieherin sie mit kurzen Schimpfwörtern, ähnlich dem Aufheulen eines Hundes, zurechtwies, und der zwergenhafte Ulugh Beg, der Sašas Zöpfe um das Handgelenk wickelte und sie durch den von der Sonne ermüdeten Hof zog und brüllte, sie sei das Kind einer Hure, keine verreckte Stute wert, darum müsse sie ihre Tage am Rande der Siedlung zubringen und Ziegenhäute kauen, damit sie weicher würden und man daraus Säcke für den Kumys nähen könne.

Einer Journalistin kann man so etwas nicht erzählen.

So etwas spielt sich wohl kaum in der Wirklichkeit ab – es ist ein Traum voll schriller Laute und eigenartiger Namen; und diese Journalistin mit den dunklen Wurzeln weißer Haare und den Leggings mit Leoparden-Muster, sie ist auch nicht Teil der Wirklichkeit. Saša träumt sie, während sie im Wind schaukelt und ängstlich mit den schmalen und rauen Eisenblättern des Steinbrechs raschelt, die so scharf sind, dass einem das Blut aus den Fingern tropft, auch wenn man sie noch gar nicht berührt hat.

Nebenan flog wieder eines der Cafés am Straßenrand vorbei. Saša zuckte zusammen. War es dasselbe?

Nein, ein anderes. Ein hölzernes Wagenrad, aufgehängt auf einem blank abgehackten Baumstrunk, ähnlich einem bösen Geist, der sich nicht rechtzeitig im Halbdunkel verstecken konnte, vor dem Sonnenlicht erstarrt und noch mit den violetten Trauben einer Surfinie ausgestattet.

Aber da war auch ein Teich, genau der gleiche! Saša erschrak. Wir bewegen uns wahrscheinlich nicht von der Stelle, dachte sie.

Doch im Teich waren keine Schwäne, sondern ein Storch, gerade wie eine Zaunlatte, und wer weiß, ob auf der Welt eine Kraft existiert, die ihn vom Boden losreißen könnte, an den die vorüberziehenden Menschen alle ihre Sachen so stark befestigten.

Saša schloss die Augen.

Meine Augen sollten in die Ferne blicken und die nähere Umgebung dem inneren Sehen überlassen. Doch hier muss man alles aus der Nähe ansehen, und die Augen ermüden sehr rasch.

Ich lebe schon lange hier, doch ich habe mich nicht daran gewöhnt, so zu schauen, hier und jetzt erblicke ich den Nebel, der sich auf den Wiesen ausbreitet, doch die neben mir sitzenden Menschen sehe ich nicht.

Die Journalistin drehte sich nicht zu ihr um, sondern wandte sich lieber an den Kameramann, der am Steuer saß, und begann über einen alten sowjetischen Zeichentrickfilm zu sprechen, in dem ein kleiner Frosch seinen Vater suchte und nicht fand, weswegen er selbst Vater werden musste.

„Hast du keine Angst, dass mit dir dasselbe passiert?“, fragte die Journalistin anbiedernd.

Saša gab keine Antwort. Ihr Gesicht wirkte gleichgültig wie das der Schlange Chingachgook.

Die Journalistin geriet aus der Fassung, aber nur für kurz. Das Gefühl, sie hätte Unsinn geredet, beeinträchtigte sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Darin sah sie ihre professionelle Qualifikation.

Und dieses mürrische Mädchen, das die Nebelschwaden in der Wiese sieht und den Griff abreißen will, der das Fenster öffnet, konnte sie nicht mehr in Erstaunen versetzen – alles, was sich auf den Fakten des Recherche-Journalismus und auf Empirie gründet, bringt jene Überraschung zum Erliegen, die irgendein Dummkopf als philosophische Bestimmung, ja sogar als Motor des Lebens bezeichnet hat.

Die Journalistin warf sich ein Stück Kaugummi in den Mund und zermahlte es energisch mit den Kiefern. Rauchen würde sie später. Vor Ort. Noch einige Kilometer, und das war‘s. Eine schreckliche Ödnis, ungemähte Wiesen ringsum, wie die Zone in Tarkowskis „Stalker“. Der Heidewind beugte die stolzen Köpfe des Unkrauts.

Sie warf Saša einen misstrauischen Blick zu. Eine Wilde, mit Schlitzaugen, deren Farbe sie nicht zu erkennen vermochte. Sie bildete sich ein, sie seien blau. Aber wie sollten sie denn blau sein. Schwarz wie Pflaumen.

Man wird das Gespräch mit ihr auf einfühlsame Weise führen müssen. Die Sendung ist ja auch einfühlsam, sie zeigt verschwundene Menschen und das Zusammentreffen mit ihnen nach vielen Jahren … sogar die Freundin der Journalistin, eine versnobte Intellektuelle, hatte einmal beim Zusehen geheult und selbst bekannt, sie fühle sich nach einer halben Flasche Chateau Magnol einsam. Doch später, als sie nüchtern war und an einer Rezension über Das Lachen der Medusa von Helen Cixous arbeitete, sagte sie, diese Sendung habe nichts zu tun mit der Natur der Frau als „Schwarzem Kontinent“, sondern es handle sich um die sentimentalen Träumereien eines „verspielten Mannes“.

Sie hat es gut – es fragt sich, ob sie überhaupt eine Ahnung hat, wie viel Aufwand nötig ist, damit diese Träumereien stolz wie die Titanic in den Äther auslaufen und vor ihrem Untertauchen im Nichts so viele Seelen wie möglich in Beschlag nehmen. Selbst mit diesem Stoff.

Das Mädchen hatte im Studio angerufen. Als Treffpunkt vereinbarte sie eines der Cafés am Straßenrand. Den Weg zu ihrem Einzelgehöft würde nämlich niemand finden, sie müsse ihn selbst zeigen. Schrecklich mysteriös! Auf der Fahrt erzählte sie, sie sei in der Tundra geboren, irgendwo in Sibirien, Baschkirien, Burjatien oder so ähnlich. Noch als Baby sei sie nach Litauen getragen worden…gefahren, wollte sie wohl sagen. Von wem? Nein, nicht von der Mutter, die Mutter war in Sibirien verschollen. Der Vater hat sie getragen…gefahren! Und diesen Vater müssten wir finden. No problem!

Ich werde die Großeltern befragen, dachte die Journalistin. Und danach irgendeinen gutmütigen Nachbarn, der ihnen das Spülwasser in den Garten kippt. Wir werden jemanden finden, an den wir uns halten können.

Saša berührte ihre Schultern. Die Journalistin zuckte zusammen.

Hier – Saša wies mit den Augen auf einen schmalen, mit Gras überwachsenen Weg zwischen schwankendem Ackerrettich, Beifuß und Wermut, so groß, dass der Journalistin plötzlich die Idee kam: Ich bin wie Alice im Wunderland. Natürlich hat es mich durch einen Irrtum hierher verschlagen, alle Wunder gründen sich auf Irrtümer, die man nicht mehr korrigieren kann.

Je weiter sie ins Feld fuhren, umso mehr schien der Journalistin, es werde immer kleiner und kleiner und werde bald verschwinden, darum sprang sie, als Saša sagte „Da sind wir“, beinahe verzweifelt aus dem weißen VW Sharan der Fernsehanstalt.

Langsam stellten sich die gewohnten Größenverhältnisse wieder ein, die Gegenstände der Umgebung nahmen klarere Konturen an, und die Journalistin verschaffte sich mit gewohnt professioneller Routine einen Überblick: Ein großer Hof, auf dem dieses Jahr bereits Heu geerntet worden war, allerdings von einem Habblinden oder Irren abgemäht – zwischen dem Grummet ragten einzelne große Büschel Samen tragenden alten Grases empor. Ein Blockhaus mit zwei Ausgängen, als wäre es aus dem Freilichtmuseum Rumšiškės hierher transferiert worden, ein steinernes Fundament, ein schattiger Apfelgarten gegenüber dem Bauernhaus und ein Kreis von abgebranntem Gras in der Mitte des Hofes – vielleicht haben die Großeltern alte Schuhe und Körbe verbrannt.

Niemand kam angehumpelt, um sie zu begrüßen. Nur in die von Gras überwucherten Pfingstrosen sprang jemand so plötzlich hinein, dass sogar das Dickicht flimmerte. Wie Wasser, in das man einen Stein wirft.

Wahrscheinlich eine Katze.

„Schön“, sagte die Journalistin lässig, zündete sich eine Zigarette an und sah sich ungeduldig um. Das Häuschen stand reglos da, stumm und stolz. Niemand stürzte wie von der Tarantel gestochen ins Freie.

Der Kameramann kramte, auf die Motorhaube gestützt, in seinen Hosentaschen. Er hatte aufgehört zu rauchen und suchte mürrisch nach Schokolade.

Die Journalistin wandte sich zu Saša um und wollte sie fragen, wo denn die Großeltern seien; vielleicht hielten sie ein Mittagsschläfchen, oder vielleicht war, Gott behüte, einer während der Wartezeit verstorben.

Saša war nicht bereit zu antworten, das konnte man aus ihrem Gesicht ablesen. Schon im Auto hatte sie geheimnisvoll gewirkt, doch jetzt war sie völlig verschlossen. Die Lippen fest aufeinandergepresst, die Backenknochen versteinert wie das Fundament des Blockhauses. Die Journalistin durchzuckte plötzlich der Gedanke, dass auf die Visagistin eine schwierige Arbeit zukam.

Die saß noch immer im Auto, ihr Köfferchen auf den Knien, den erschrockenen Blick geheftet auf das Häuschen und die mit einem Spagat zusammengebundenen Sommerdahlien unter den Fenstern.

Die Journalistin seufzte, drückte den Zigarettenstummel aus und warf ihn in die Pfingstrosen. Im Dickicht knurrte irgendjemand unzufrieden.

Die Journalistin lauschte. „He“, sagte sie.

Niemand antwortete.

„Na“, sagte die Journalistin. „Zeit, mit der Arbeit anzufangen.“ Die Worte klangen so seltsam, dass sie richtiggehend erschrak. „Wir“, setzte sie fort und wurde dabei den Gedanken nicht los, Unsinn zu reden, „haben einander noch nicht vorgestellt …“

Saša sah sie an und strahlte dabei eine steinerne Gleichgültigkeit aus.

Ich bin die Journalistin Že...“

„Ženia“, unterbrach Saša sie. „Die Journalistin Ženia. Ich weiß.“ Und denselben gleichgültigen Blick auf den Kameramann gerichtet, fügte sie hinzu: „Dort ist der Kameramann Kipsas, und im Auto sitzt Sigutė.“

Der Kameramann und die Visagistin warfen sich Blicke zu, als sähen sie einander zum ersten Mal. Die Journalistin geriet wieder ein wenig aus der Fassung.

Dieses Mädchen ist wahrscheinlich verrückt, dachte sie. Offenbar ein Alkoholiker-Kind. Geschwollene Augen, leerer Blick...

Sie erinnerte sich, wie sie der bösartige Physiklehrer in der Schule vor der ganzen Klasse wegen ihres „leeren Blicks“ lächerlich gemacht hatte. Ein Mensch, sagte er, ist ein denkendes Wesen, deswegen darf er nicht dasitzen und mit ausdruckslosen augen auf die Wand starren. Der Blick muss „gefüllt“ sein.

Man kann ihm doch nicht sagen, dass auch ein denkender Mensch manchmal von Phantasien heimgesucht wird, und die sind meist leer und nicht zu füllen.

Die Journalistin wurde von Wehmut übermannt.

„Und was ist daran so schlimm“, sagte sie zum Kameramann und zur Visagistin, die sie fragend anblickten. „Wir werden einige Zeit fiktive Namen tragen. Das ist sogar witzig. Ich erinnere mich an den alten russischen Film Die glückliche Ženia. Die Krankenschwester sah mit ihren dick mit Tusche nachgezeichneten Augen wie ein Panda aus. Alle liebten sie. Ich weiß nur nicht wofür, vielleicht war das für das Drehbuch notwendig. Hast du diesen Film vielleicht gesehen, Saša?“

Anstatt einer Antwort lächelte Saša. Ihre Augen glänzten wie gefrorene Blaubeeren.

„Erzählst du etwas mehr aus deinem Leben?“, sagte die Journalistin freundlich. „Du musst nicht schüchtern sein, wir sind deine Freunde. Wenn dir etwas nicht gefällt, können wir es herausschneiden.“

Saša blickte sie nachdenklich an. Offenbar überlegte sie.

„Na, jetzt ist es Zeit, mit der Arbeit zu beginnen“, sah sich Ženia ungeduldig um. „Guten Tag! Oder was ist los?!“

Niemand antwortete, nur in den verwilderten Pfingstrosen war ein lautes Miauen zu hören. Ženia runzelte die Stirn. Da nichts anderes zur Hand war als einen Ziegelstein, nahm sie ihn und war ihn ins Gebüsch.

„Aaau!“, heulte jemand auf.

Saša blickte Ženia vorwurfsvoll an. Die wischte ihre Hände an den Leggings ab und sagte zur Rechtfertigung: „Na, vielleicht habe ich ja nicht getroffen.“

„Du hast getroffen“, sagte Saša, aber nicht böse. „Genau auf die Stirn. Aber das ist nicht schlimm. Sein Schädel ist hart. Als ich acht Jahre alt war, schlug ich ihn mit dem Schraubenschlüssel, und nichts ist passiert.“

„Acht…“, sagte Ženia mit Hochachtung. „Euer Kater ist schon ziemlich alt.“

„Ziemlich“, bestätigte Saša. „Nur ist es kein Kater.“

Wieder zog Ženia lässig eine Zigarette heraus.

„Ach so“, sagte sie und ließ das Feuerzeug klicken. Der Kameramann wickelte die endlich gefundene Schokolade aus. „Und wer ist es dann?“

„Der Großvater.“

Das Feuerzeug erstarrte in Ženias Händen, doch die emporschießende Flamme überwand wie ein kleiner Pfeil die Entfernung zur Zigarette.

Saša teilte das Dickicht der Pfingstrosen entzwei und sagte: „Sehen Sie! … Na, der rote Fleck – mitten auf der Stirn.“

Ženia, der Kameramann und Sigutė drängten sich dicht hinter ihrem Rücken.

Hinter den üppigen Blättern der Pfingstrosen hockte, zu einem Buckel zusammengerollt, ein kleines altes Männchen. Ein weißer Kranz lockiger Haare wiegte seinen kahlen Schädel. Mit kleinen Äuglein warf er einen mürrischen Blick auf die Umstehenden – dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die zottigen Augenbrauen, dicht wie ein Gestrüpp, die selbst Leonid Breschnew alle Ehre gemacht hätten – und brummte missmutig.

„Beklage dich nicht, Opa“, sagte Saša. „Sei froh, dass du keine aufs Auge bekommen hast.“

Der Großvater betastete seine Stirn – in deren Mitte leuchtete tatsächlich ein roter Fleck, und neben ihm lagen die Reste des zerbröselten Ziegelstücks – und sah Ženia zornig an. Durch die Blätter hatte er wohl gesehen, wer den Ziegelstein geworfen hatte.

Danach fiel sein Blick auf den Kameramann Kipsas – er blickte ihn mit unverhohlener Abneigung an, und später blieben seine Augen an Sigutė haften, die ihren Schminkkoffer nach vorn gerückt und vor Schreck den Mund geöffnet hatte. Die kleinen Äuglein des Großvaters verwandelten sich im Nu zu kaum mehr sichtbaren Schlitzaugen, die denen eines zufriedenen Katers glichen – die vibrierende Zunge herausgestreckt, leckte er sich die schlaffen Lippen und schnurrte zufrieden.

„Er fragt, wie alt Sigutė ist“, sagte Saša.

Sigutė presste ihr Köfferchen an den Busen. „Zweiundzwanzig“, säuselte sie.

Der Großvater war sichtlich sehr enttäuscht. Er fuchtelte mit seinen Händen herum – das bedeutete wohl, dass die Umstehenden die Pfingstrosen wieder schließen und ihn in Ruhe lassen sollten.

Sigutė stierte Saša mit Augen groß wie Porzellantellerchen an. „Der arme Großvater“, sagte sie vorwurfsvoll. „Warum haltet ihr ihn in den Pfingstrosen?“

„Dort ist es kühl“, gab Saša ruhig zur Antwort.

Sigutė gab nicht auf. „Er muss im Bett liegen!“, rief sie, und Zornesröte stieg ihr ins Gesicht.

„Damit wird er nie und nimmer einverstanden sein“, sagte Saša. „Er wird die ganze Zeit heulen.“

„Warum?“, warf der Kameramann ein.

Saša zuckte mit den Schultern. „Versuchen Sie, einen Kater festzubinden und zurückzuhalten, und noch dazu, wenn er rollig ist. Ich möchte sehen, wie Ihnen das gelingt.“

„Rollig?“, fragte der Kameramann erstaunt, denn er dachte, er hätte sich verhört.

Sigutė wurde rot und stellte keine weitere Frage.

Ženia konnte sich noch immer nicht von dem unangenehmen Anblick lösen – ein roter Fleck mitten auf der Stirn, wie schrecklich. Eine Fernseh-Journalistin hätte beinahe ein behindertes altes Männlein erschlagen, es sollte doch umgekehrt sein – und fragte: „Und warum war er so mürrisch, als er zu hören bekam, Sigutė sei zweiundzwanzig?“

Saša winkte ab. „Er ist nicht zu verstehen. Er sieht nicht mehr gut, so glaubte er vielleicht, sie sei zwölf.“

Sigutė blinzelte schüchtern mit den Wimpern, doch Saša ließ sich zu keiner weiteren Erklärung herab. Der Kameramann zog ein neues Stück Schokolade hervor, brach die Hälfte davon ab und bot es Ženia an.

Ženia stieß ihn wortlos weg, unsanft. Sie hatte das Gefühl, in dieser unheimlichen Stille, in dieser üppigen violetten Abenddämmerung, brauche es keine schleimige Höflichkeit.

Danach erwachte, zuckend wie ein Embryo nach einem Alptraum, die Angst. Die Handgelenke begannen unangenehm zu jucken. Ženia stampfte kurz auf und bemühte sich, den Juckreiz zu unterdrücken.

Alles wird gut werden, sagte sie zu sich selbst. Alle Worte werden passend gewählt, geschminkt und gekleidet sein, wie schöne Leichen, begleitet von passender Musik und wehenden Bändern. Danach werde ich selbst staunen, dass sie noch etwas bewegen, sogar, du lieber Schreck, zum Marsch der Gerechtigkeit durch die örtlichen institutionen inspirieren können. Mit Fahnen, Plakaten und den rauen Windstößen der Solidarität!

Das alles vergeht jedes Mal am Tagesende. Und wer weiß, warum uns diese verschwindenden Angelegenheiten so wichtig scheinen?

„Wie alt bist du, Saša“, vernahm sie ihre eigene Stimme in der Dämmerung.

Saša gab keine Antwort. Ženia spürte, dass sie anders fragen musste.

„Wann warst du acht?“, hörte sie wieder ihre eigene Stimme, und der logik – Oder vielleicht der Professionalität, die in ihr steckte – gefiel der dunkle und leidenschaftliche Klang der Stimme nicht. Die Stimme kippte auf die andere Seite, indem sie das üppige und weiche Futter enthüllte und die helle Seite des Gewebes verbarg.

„Acht? Kurz nachdem ich drei war“, antwortete Saša, und im Garten lachte jemand auf – vielleicht ein Uhu, vielleicht ein träumender Häher.

„Und wann warst du drei?“

„Als ich in einem Sack aus der Haut eines Menschenfressers aus den Weiten der Tundra hergetragen und in diesem Garten fallen gelassen wurde.“

„Und wer hat dich hergetragen?“

„Der Teufel, wie Großvater sagte, doch ich glaube, nicht der Teufel, sondern mein Vater, denn als ich über die Tundra getragen wurde, spürte ich irgendjemandes Hand. Sie gab mir immer wieder ein Stück grünes Fleisch. Vielleicht hat er es aus seinem Körper geschnitten, in der eisigen Wildnis gibt es doch weder Wildtiere noch Zedern, nur die bösen Geister laufen auf gefrorenen Spuren.“

„Die bösen Geister?“

„Ja, und sie wittern jeden Fußabdruck und verwandeln ihn in eine violette Blume. Wenn Sie solche sehen, so können Sie wissen, dass die Geister hier schon vorbeigeflitzt sind, und ruhig sein.“

„Und warst du ruhig?“

„Ja. Ich war doch mit meinem Vater unterwegs. Ich wusste, wir würden die eisige Wildnis bald hinter uns lassen. Wir würden Gebiete von warmem Grün erreichen. Vater wird seine Hände in das wogende Gras stecken, und alle seine Wunden werden heilen. Sie werden zu reinem Gold werden. Niemals werden ihm diese goldenen Hände mehr wehtun. Das sind schwere, raue Hände, nicht die eines Menschen, sondern die einer Steppengottheit…er hebt sie nicht ohne Not empor. Hebt er sie, so wird er entweder strafen oder belohnen…“

Ženia schüttelte den Kopf, um die dunklen und kalten Stimmen von sich abzuschütteln. Der Kameramann filmte irgendetwas in der Abenddämmerung, doch wohl nicht irgendwelche Pilze, dieses Scheusal, es wäre nicht Kipsas. Doch das ist wohl kaum ein Pilz, diese Silhouette, die aus dem grünen samtenen Halbdunkel auftaucht, es erinnert nicht an einen grünlichen Fliegenpilz, das ist eher der Tod, seine schaurige Knochengestalt vermag nicht einmal der Herren-Morgenmantel aus Frottee mit seinen abstehenden Taschen zu verbergen – wie Fahrradschlüssel ragen die Schlüsselbeine des gelben Körpers hervor.

Ženia hält sich unwillkürlich den Mund zu, aber ein dumpfer Aufschrei entfährt ihr dennoch, und Sašas Stimme schmiegt sich im Dunkeln sanft wie ein Kaninchenfell an ihre Ohren: „Sag ihr bloß nicht, dass du dem Großvater den Ziegel auf die Stirn geworfen hast. Die Großmutter stammt aus verarmtem Adel und ist sehr empfindlich.“

„Die Großmutter?“, flüsterte Ženia.

„Wessen Großmutter?“

Saša kam nicht dazu, ihr zu antworten, denn die Frau näherte sich und rief zornig: „Wo ist Jacek? Wo ist dieser verdammte Trottel?!“

Saša öffnete bereitwillig die Büsche.

„Ach“, sagte die Besitzerin des Frotteemantels verächtlich. „Bist du wieder hier? Wer hat dich hergebracht? Saschka? Gut. Und warum ist deine Stirn rot? Hat dich wieder der Blitz getroffen?“

Der Großvater miaute irgendetwas.

„Gib den Spaten her!“, schrie die Alte, zu Saša gewandt. „Ich werde den Rasen umgraben, solange er noch nicht krepiert ist!“

Der Großvater wurde zornig. Da er nicht die Kraft hatte, mit den Füßen zu stampfen, begann er, die Blätter der Pfingstrosen zu zerreißen. Die Fetzen flogen nur so zur Seite.

„Er mag den Rasen nicht, weil viele Regenwürmer darin sind“, flüsterte Saša Ženia ins Ohr.

Die Großmutter hörte es und das Haar stand ihr zu Berge. „Welche Regenwürmer denn!“, brüllte sie. „Ein einziger ist noch da, und der ist schon halbtot und torkelt herum wie eine besoffene Larve! Was für eine Schande für die Sippe!“

Ohne den Ankömmlingen Beachtung zu schenken, schlurfte sie in das Bauernhaus, wobei sie die Zipfel des Morgenmantels wie eine Schleife zusammenband, und der versteinerten Sigutė befahl sie barsch: „Was stehst du da wie eine Zaunstange? Gib dein Köfferchen in die Abstellkammer und geh den Boden waschen!“

Sigutė drückte den Schminkkoffer an ihren Busen. Die Großmutter warf ihr einen strafenden Blick zu. „Sie kommt vielleicht aus einer bettelarmen Leibeigenen-Familie“, sagte sie mit verächtlichem Unterton. „Hat Angst, dass ich ihr das letzte Hemd nehme. Hihi! Ich brauche wohl rohe Wolle.“

Stolz schüttelte sie den Kopf und Ženia war, als stiege vom Scheitel der Alten ein Hut auf und flöge weg, doch es erhob sich bloß eine große Motte in die Nacht, die silbrig leuchtete.

Die alte stapfte in das Holzhaus und für einige Zeit war kein Laut zu hören. Danach leuchtete im Inneren ein dichtes gelbes Licht auf und eine weit entfernte mürrische Stimme war zu vernehmen: „Kommt herein, Herrschaften, jeder bekommt ein Glas Kräuterschnaps.“

Ženia blickte Saša an. In der Dunkelheit schien ihr Gesicht ebenso alt wie das der Nachkommenschaft des verarmten Adels.

„Geh hinein“ – das kühle Futter der Stimme streichelte Ženias Wange. „Sonst wird Großmutter Jadzia schrecklich beleidigt sein. Es ist sowieso eine Gnade, dass sie euch hineinbittet.“

Der Kameramann, Ženia und Sigutė stiegen über eine hohe Schwelle und gingen tappend im Gänsemarsch, einander an den Händen haltend. Sie gingen auf das Licht zu, das durch die zum langen Korridor hin geöffnete Tür drang. Ženia trug zwar Plateausandaletten, doch sogar durch deren dicke Sohlen drang die Kälte des mit Steinen gepflasterten Flurs.

Da die Schwelle vom Korridor in das Zimmer noch höher war, sie reichte fast bis an die Knie, war es, als stiege man aus dem Keller hinein oder – plötzlich kam Ženia dieser Gedanke – aus einem Grab.

Großmutter Jadzia erwartete sie bereits, das lange Haar ganz oben am Kopf zu einem Dutt geflochten, sie sah aus, als hätte sich auf ihrem Kopf eine eben herbeigeflogene Motte niedergelassen. Nur keine, die silbern leuchtete, sondern eine vertrocknete, zerbröckelnde – angeheftet, wie es sich für das Exponat einer Insektensammlung gehört, mit einer rosafarbenen Plastiknadel. Eine schwache 40-Watt-Glühbirne, reichlich mit Fliegen gesprenkelt, verbarg wie der Schleier älterer Damen barmherzig die vorstehenden Wangenknochen und die tiefen Augenhöhlen der Alten, in denen kalte graue Augen wie zwei Glimmersteinchen leuchteten.