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Manchmal trägt der Wurbelschnurps einen Hut. Eine Melone, um genauer zu sein. Allerdings nur, wenn ihm außerordentlich kalt ist. Manchmal trägt er auch weiße Handschuhe. Aber nur dann, wenn er sehr altes, sehr empfindliches Papier berührt. Er ist ein Bücherwurm und kommt aus einer Welt, die der unsrigen gar nicht mal so unähnlich ist. Bis auf ein paar kleine Unterschiede, versteht sich. Diese Welt heißt Amarythien. Sie ist mit keinem herkömmlichen Transportmittel zu bereisen. Man braucht Phantasie und ein reines Herz, um dorthin zu gelangen. Finella hat beides.
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Seitenzahl: 412
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Der Wurbelschnurps
von
Nadja Hummes
Der Wurbelschnurps ist ein helles freundliches Wesen.
Er leuchtet. Von innen heraus. Von außen kann man das gar nicht immer so ganz genau sehen. Wenn man ihm allerdings in seine Augen schaut, dann erkennt man es. Vorausgesetzt, man kann ihn sehen. Finella kann es. Finella kann den Wurbelschnurps sehen. Und sie liest gerne. Nicht jedes Buch, nein. Manche Bücher.
Ja, so ist Finella.
Und der Wurbelschnurps?
Der Wurbelschnurps ist ein Bücherwurm. Kein normaler Bücherwurm, versteht sich. Er kann nämlich zwischen seinem Heimatland Amarythien und der Welt der Bücher lesenden Menschen hin und her wandern. Ganz wie es ihm beliebt. Bei manchen Menschen fühlt er sich unwohl. Die mag er nicht. Bei Finella fühlt der Wurbelschnurps sich wohl. Aus diesem Grunde ist er gerne bei ihr.
Nun, ihr könnt euch wohl denken, dass die beiden eine ganze Menge Geschichten zusammen erleben. Kleine Geschichten und große Geschichten. Spannende Geschichten, – aber auch solche, die einfach nur so vor sich hin plätschern. Lustige Geschichten und traurige Geschichten. Schöne und wohltuende Geschichten.
Abends, nachdem Finella eingeschlafen ist, krabbelt der Wurbelschnurps hin und wieder in eines der vielen Bücher, welche Finella gehören. Dort schlüpft er zwischen die Buchseiten und wandert nach Amarythien.
Na gut, genau genommen wandert er manchmal sogar auch des Tages nach Amarythien. Mal in der Frühe oder nach dem Mittagessen. Mal nachmittags oder vor dem Abendbrot.
Finella stört das nicht. Sie weiß ja, dass er wiederkommt. Außerdem weiß sie auch, was der Wurbelschnurps in seinem Heimatland Amarythien macht, wenn er dort ist. Na ja, zumindest so ungefähr. Er besucht den alten Dorjas. Und der alte Dorjas hört dem Wurbelschnurps aufmerksam zu, was dieser ihm aus der Menschenwelt im Allgemeinen und Finellas Erlebniswelt im Besonderen so zu erzählen hat. Dann trinken die beiden eine Tasse Tee. Danach berichtet der alte Dorjas dem Wurbelschnurps von den Ereignissen in Amarythien und der Wurbelschnurps hört nun ihm aufmerksam zu. Anschließend trinken die beiden wieder eine Tasse Tee.
Während sie ihren Tee trinken, überlegen sie, ob es etwas Wichtiges gibt, das getan werden muss. Und wenn ja, was. Das leere Glas Lakritzschnecken wieder auffüllen, zum Beispiel. Oder bei den Bewohnern Amarythiens nach dem Rechten schauen und, wenn notwendig, die Dinge wieder in das rechte Lot bringen.
Manchmal aber gibt es überhaupt nichts zu tun. Das ist prima, denn dann kann man so schön verweilen. Und Tee trinken. Und Lakritzschnecken essen. Und den Blick über Amarythien schweifen lassen.
Dieses herrliche Land, von dem der Wurbelschnurps Finella immer etwas zu erzählen weiß.
Finella starrte seufzend aus dem Fenster. Draußen strahlte herrlicher Sonnenschein.
„Mannometer! Das kotzt mich an!“ Missmutig verzog sie ihre Augenbrauen.
„Also höre einmal, so geht das aber nicht“, sagte der Wurbelschnurps, während er über ihre Bettdecke lief. „Du kannst doch nicht in solchen Ausdrücken sprechen.“
„Na, ist doch wahr. Da draußen scheint die Sonne und ich liege hier mit dieser blöden Erkältung im Bett. Es kotzt mich an.“
„Ich glaube dir ja, dass es dir langweilig ist und du lieber hinaus in die Sonne möchtest. Trotzdem kannst du so nicht sprechen. Nicht in diesen Worten“, beharrte der Wurbelschnurps.
„Wieso nicht?“
„Na, ist dir denn nicht klar, was du dadurch anrichtest?“
„Was soll ich dadurch denn schon groß anrichten?“
„Eine ganze Menge. Und nicht nur du. Leider gibt es viele Menschen, die des Öfteren allerlei gräuliche Worte und Redewendungen gebrauchen. Da du aber der einzige Mensch bist, der mich sehen kann, so kann ich auch nur dir von Amarythien berichten. Und wir in Amarythien leiden schrecklich darunter, wenn Menschen solch gräuliche Worte oder Redewendungen dieser Art gebrauchen.“
„Na und? Vielleicht ist das etlichen Menschen egal. Vielleicht ist es sogar auch mir egal? Was soll da schon groß passieren? Du mit deinen Erzählungen von Amarythien. Das sind doch alles bloß Märchen.“
„So würdest du nicht sprechen, wenn du Amarythien kennen würdest. Wärest du schon einmal dort gewesen und hättest es mit eigenen Augen gesehen, dann würdest du anders reden.“
„Hab' ich aber nicht.“
„He, lass deine schlechte Laune nicht an mir aus.“
Finella versank in ein kurzes Schweigen. Bald darauf überkam sie ein hartnäckiger Schüttelfrost. Sie vergrub sich in ihre Kissen.
„Wurbelschnurps?“
„Ja, Finella?“
„Mir ist so elendig kalt. Und ganz furchtbar heiß. Mir tut alles weh. Ich will gar nicht so maulig sein. Ich möchte doch einfach nur wieder gesund sein. Und in die Sonne.“
„Na ja, ein klein wenig wird es wohl noch dauern. Ein klein wenig. Nicht mehr lange, dann bist du wieder gesund.“
„Du hast es gut, Wurbelschnurps. Du brauchst bloß in die Seiten eines Buches zu hüpfen und schon kannst du nach Amarythien reisen. Und wenn du genug von Amarythien hast, dann machst du dich einfach wieder auf den Weg zu den Menschen. Du hast es gut.“
„Oh, weißt du Finella, im Grunde ist das eine ganz einfache Angelegenheit. Soll ich dich mal mitnehmen?“
„Geht denn das?“
„Weiß ich nicht. Aber…“
„Merk dir, was du sagen wolltest. Ich muss kurz aufs Klo“, unterbrach Finella ihn, stand auf und verschwand im Badezimmer.
Zwei Minuten später rauschte die Klospülung.
„So, wieder da“, sagte Finella, während sie wieder in ihr Bett kletterte. „Wie war das jetzt? Du kannst mich nach Amarythien mitnehmen?“
„Ich denke schon“, erwiderte der Wurbelschnurps. „Ich bin kein normaler Bücherwurm. Und du bist kein normales Menschenmädchen. Ich meine, überlege doch einmal: Du kannst mich sehen und ich kann zu dir kommen.“
„Stimmt. Also abgemacht. Du nimmst mich nach Amarythien mit und ich gebrauche weniger gräuliche Ausdrücke“, nuschelte Finella schlaftrunken.
Kurz darauf, lag sie bereits in tiefem Schlaf.
So eine massive Erkältung war ziemlich ermüdend.
*
Als Finella am nächsten Morgen erwachte, gähnte sie lautstark, wuschelte sich durch ihre Haare und schlurfte in das Badezimmer.
Der Wurbelschnurps lag eingerollt auf ihrem Kopfkissen. Er sah ihr nach.
Finella putzte sich die Zähne und verrichtete ihre morgendliche Notdurft. Anschließend warf sie einen kurzen Blick in die Küche. Ein Zettel lag auf dem Küchentisch. Mama war schon auf der Arbeit. Unter einer Abdeckhaube lagen frisch belegte Brote auf einem Teller bereit. Später. Finella hatte im Moment keinen Hunger.
Sie ging in ihr Zimmer zurück und kroch unter die noch warme Bettdecke. Der Wurbelschnurps reckte und streckte sich. Er schüttelte seine vielen kleinen Beine in sämtliche Richtungen aus. Abwartend sah er Finella an. Sie blinzelte.
„Wollen wir uns heute auf den Weg machen?“ fragte er sie.
„Wohin?“
„Nach Amarythien. Wir hatten doch darüber gesprochen.“
„Ach so, ja. Ja, gerne. Ein Glück, dass ich zur Zeit krank geschrieben bin. Wie machen wir das? Ich meine: Wie vollziehen wir die Reise nach Amarythien?“
„Du nimmst einfach ein Buch, schlägst es auf einer beliebigen Seite auf und legst deinen Finger auf mich.“
„Ich lege meinen Finger auf dich?“
„Ja, und du lässt nicht los.“
„Na gut“, sagte Finella, während sie sich in ihrem Zimmer umsah. „Das ist mal etwas anderes, als in dem blöden Schulbus mitzufahren. He, habe ich dir schon einmal davon erzählt, dass einige Schüler jeden Tag von ihren Eltern zur Schule gebracht und abgeholt werden? Mit dem Auto! Manche bilden sich ziemlich etwas darauf ein. Die lachen dann diejenigen aus, die den Bus nehmen. Echt, ich könnt' kotzen. Voll krank! Die sind doch total scheiße im Kopf!“
„Nicht schon wieder.“
„Oh! Du hast Recht. Entschuldigung. Du liebe Güte, – es fällt mir ganz schön schwer, mir die gräuliche Ausdrucksweise abzugewöhnen. Ich finde das wirklich schwierig, weil so viele Menschen sehr oft so sprechen. So viele und so oft!“ seufzte sie wütend. „Ich mag es nicht, wenn Menschen auf so eine Art und Weise sprechen. Miteinander oder übereinander oder überhaupt. Wieso und warum, kann ich gar nicht so genau beschreiben. Das ist auch egal. Ich mag es einfach nicht. Und dann muss ich feststellen, dass ich selber auch viel zu oft so spreche. Dabei will ich das gar nicht. Ich möchte anders mit meinen Mitmenschen reden. Oder auch über sie. Ich finde das schöner. Und irgendwie… wichtig. Kann man das so sagen? Ich weiß nicht, wie ich es sonst erklären soll. Jedenfalls möchte ich mich anders ausdrücken können. Ich will das selber!“
„Dann schaffst du das auch.“
„Ja“, entschied Finella. „Ich weiß nur noch nicht genau, wie ich das anstellen soll. Hast du vielleicht einen Tipp, wie ich mir eine weniger gräuliche Ausdrucksweise angewöhnen kann?“
„Na klar! Fange in deinen Gedanken damit an. Überlege dir einfach, welche Bezeichnungen es für welche Gegenstände, Situationen oder Verhaltensweisen gibt. Erfreue dich an der Vielfältigkeit der Begriffe. Sammele sie in deinen Gedanken. So, wie man Muscheln von einem Sandstrand aufliest und sammelt.“
„Geht denn das?“
„Ja.“
„Hmmmm. Und das kann Freude bereiten?“
„Und wie!“ lachte der Wurbelschnurps ihr aufmunternd zu. „Als Nächstes überlegst du dir einfach, was du sagst, wenn du mit oder über jemanden sprichst. Oder über etwas. Über eine Situation zum Beispiel.“
„Das möchte ich schon. Es kommt mir nur so schwer vor. Vielleicht auch umständlich.“
„Hinterher fluppt das wie von selbst.“
„Aber im Moment ist es ganz oft so, dass mir die Worte einfach aus dem Mund herausgeschossen kommen. Hinterher, also fast direkt im Anschluss daran, bemerke ich es dann selber. Aber da ist es schon zu spät, weil ich den ganzen Müll schon gesagt habe. Bevor ich gemerkt habe, dass es Müll ist. Und dann ärgere ich mich. Über mich selber. Weil ich es doch anders machen möchte. Und ich möchte das schaffen, weil ich das wichtig finde. Und viel schöner.“
„Immerhin merkst du es, wenn du Müll geredet hast. Das ist doch schon mal ein Anfang.“
„Ach Wurbelschnurps. Meinst du wirklich, ich kriege das hin? Bezeichnungen und Begriffe sammeln, weniger Müll quatschen und das alles?“
„Das wird. Du wirst es schon sehen. Lass den Kopf nicht hängen. Bald schon wirst du dich daran gewöhnt haben und dann ist es ganz selbstverständlich. Ohne, dass du großartig darüber nachdenken musst.“
„Das klingt toll.“
„Es ist toll, Finella.“
„Du, Wurbelschnurps?“
„Ja?“
„Ich möchte aber nicht wie diese Kotzbrocken werden, die über diejenigen lachen, die mit dem Bus fahren.“
„Finella.“
„Ach Mist! Scheiße!“
„Finella!“
„Oha! Herrje, herrje! Ja, ich weiß! Ich habe mich wieder furchtbar ausgedrückt. Ich achte darauf! Ich übe das! Ich schaffe das!“
Der Wurbelschnurps schmunzelte. Finella kaute auf ihrer Unterlippe herum. Angestrengt überlegte sie, in welche Worte sie ihre nächste Äußerung fassen konnte.
„Weißt du…“, begann sie vorsichtig. „Ich finde dieses Lachen von denen nämlich gemein. Und ich glaube, die haben komische verquere Gedanken in ihren Köpfen. Ansonsten würden sie sich doch nicht so verhalten. Sondern anders.“
„Das ist richtig. Es ist ja auch kein schönes Lachen.“
„Es ist ein Auslachen.“
„So ist es.“
„Ja. Aber, Wurbelschnurps: Mein Papa hat mal seine Kaffeetasse zerdeppert, als er verschmierte Hände hatte. Sie ist ihm einfach aus der Hand geflutscht, als er danach greifen wollte. Klirr! Da mussten Mama und ich lachen. Das war doch auch ein Auslachen? Dann war das doch auch gemein? Haben Mama und ich dann auch verquere Gedanken?“
„Versuche einmal, dir diese Fragen selber zu beantworten. Sei aber ehrlich zu dir.“
„In Ordnung. Übrigens bin ich zu dir auch ehrlich.“
„Weiß ich“, antwortete der Wurbelschnurps verlegen, während etwas Frohes sich über sein gesamtes kleines Gesicht erstreckte.
Finella überlegte.
„Und du bist auch ehrlich zu mir, Wurbelschnurps. Das weiß ich“, sagte sie nach einer Weile. Ein wenig zu sich selbst und ein wenig in seine Richtung.
Der Wurbelschnurps wartete.
Finella legte ihre Stirn in Falten und verstärkte ihre Grübelei.
„Na super“, sagte sie schließlich resigniert. „Menno, Wurbelschnurps. Ich hätte dich wohl kaum gefragt, wenn ich die Antworten wüsste.“
„Überlege in Ruhe: Worüber genau habt ihr gelacht?“
„Hm. Vielleicht über sein Missgeschick. Oder darüber, wie die Situation gewesen ist.“
„Worüber genau?“
„Über beides.“
„Und welcher Teil hat überwogen?“
„Überwogen? Uff, Wurbelschnurps. Du fragst Sachen! Hmmm. Gute Frage. Also… Der Situationsteil hat überwogen. Glaube ich. Weil es so komisch aussah, als die Tasse durch die Küche segelte. Und dieser Schwung, mit dem ihm die Tasse aus seiner Hand flutschte. Huuuuuiii! Erst hat er ganz schön verdutzt geguckt.“
„Und was hat dein Papa dann gemacht?“
„Hm. Er hat auch gelacht. Und er hat Witze darüber gemacht, dass der Kaffee ihm seine Hose eingefärbt hat. Er sagte, er habe nun ein echtes Unikat, ohne dass ihn dieses Design einen großen Batzen Geld gekostet hätte.“
„Dein Vater hat also mit euch gemeinsam gelacht?“
„Ja.“
„Habt ihr ihn also auf eine herabwürdigende Art ausgelacht?“
„Nein! Sonst hätte er doch nicht mitlachen können!“ antwortete Finella ohne nachdenken zu müssen.
„Aha.“
Stille. Finella guckte ihren Wurbelschnurps an, als wäre sie mit einem riesigen ‚Boing‘ gegen eine enorme Metallscheibe gerannt.
„Du hast einen guten Spürsinn, Finella“, ermutigte der Wurbelschnurps sie aufrichtig. „Es ist ein sehr feiner Unterschied, wie und worüber man lacht. Möchtest du jetzt mit mir nach Amarythien aufbrechen?“
„Ich möchte jedenfalls auch dann kein herabwürdigendes Auslachen in meinen Gedanken haben, wenn ich eine weniger gräuliche Ausdrucksweise gebrauche.“
„Das wirst du auch nicht, Finella. Nicht, solange du dir über so etwas Gedanken machst. Sei unbesorgt.“
„Dann ist ja gut.“
„Eben darum.“
„Na, dann wollen wir mal“, sagte Finella und schaute sich, noch immer in ihrem Bett sitzend, im Zimmer um.
„Na endlich“, seufzte der Wurbelschnurps.
Auf dem Fußboden lagen zwei Schulbücher, ein Comic-Heft und ein Buch mit Bastelideen. Die vielen anderen Bücher hatte sie halbwegs ordentlich in das große Wandregal gestopft. Zwischen die Bastelsachen, die CDs und das Schulzubehör.
Finella lehnte sich bäuchlings über die Bettkante, ohne allzu weit unter der warmen Bettdecke hervorkommen zu müssen. Mit einer Hand angelte sie nach dem Bastelbuch und zog es zu sich herauf.
Sie blätterte eine Weile zwischen den Seiten hin und her, bis sie das Buch schließlich aufgeschlagen vor sich liegen ließ.
„Und jetzt?“ fragte Finella den Wurbelschnurps.
Der Wurbelschnurps setzte sich auf die aufgeschlagene Seite.
„Jetzt legst du deinen Finger auf mich“, sagte der Wurbelschnurps.
Finella tat, wie ihr geheißen war. Sie legte einen Finger auf den winzig kleinen Körper des Wurbelschnurpses, welcher nun emsig zwischen den Zeilen hin und her wanderte. Ganz so, wie ein echter Bücherwurm es zu tun pflegt.
In einem der geschriebenen Worte kam der Großbuchstabe „A“ vor. Er spazierte über dieses „A“ hinweg. Gleich darauf wechselte er zu einem anderen Wort, in welchem ein kleines „m“ vorkam. Er spazierte auch über jenes „m“ hinweg. So ging es weiter, bis der Name seiner Heimat – Amarythien – vollends buchstabiert war.
Während der gesamten Zeit lag Finellas Fingerspitze auf dem kleinen Wurbelschnurps und folgte jeder seiner Bewegungen. Sie ließ nicht los.
Kaum hatte der Wurbelschnurps den letzten Buchstaben passiert, entstand ein sanfter warmer Sog. Schwupps, schon standen die beiden in Amarythien. Na ja, sagen wir mal, der Wurbelschnurps stand. Finella hingegen saß auf ihrem Popo. Ihr war recht schwindelig. Im Gegensatz zum Wurbelschnurps war sie an diese Art des Reisens noch nicht gewöhnt.
Ein wenig verdutzt schaute sie sich um. Auf den ersten Blick schien es keinen großen Unterschied zwischen Amarythien und der Menschenwelt zu geben. Auch hier gab es einen Erdboden und einen Himmel. Auch hier schien eine Sonne. Vermutlich regnete es auch ab und zu. Da Finella dem Wurbelschnurps allerdings oft und aufmerksam zugehört hatte, wusste sie ganz genau, dass Amarythien sehr wohl anders als die Menschenwelt war.
Finella musste niesen. Ihre Erkältung hatte mit ihr die Reise nach Amarythien angetreten. Sie seufzte genervt. Die Erkältung hätte ruhig in der Menschenwelt bleiben können. Oder sonstwo.
Sie rappelte sich auf und folgte dem Wurbelschnurps. In der Tat fiel ihr jetzt einiges auf. Der Weg, den sie entlang liefen, war gelb. Ein hell leuchtendes, freundliches, warmes Gelb strahlte ihnen unter ihren Füßen entgegen. Zusätzlich verstärkte die Sonne das Gelb des Weges durch ihre Leuchtkraft um ein Vielfaches. Links und rechts umsäumten fein geästelte, rote und orangene Sträucher den Weg. Zwischen den Sträuchern wuchsen etliche Blumen. Ihre roten, violetten, gelben und rosa Blütenköpfe reckten sich der Sonne entgegen. Grünes Efeu umrankte ebenso grüne Bäume, die zahlreich in einiger Entfernung hinter den orangenen Sträuchern standen. Die Form ihrer Blätter erinnerte an Wassertropfen. Manchmal auch an die Form der Zahl Acht. Finella staunte.
Sie genoss jeden Schritt dieses Weges.
Einträchtig schweigend liefen sie weiter und immer weiter.
Nach geraumer Zeit wurde die Luft mit jedem Schritt übelriechender. All die grünen Bäume rückten in weite Ferne. Die Blumen wuchsen karger, sie standen nur noch vereinzelt am Wegesrand. Die herrlichen Farben ihrer Blütenköpfe verblassten. Auch die fein geästelten Sträucher sahen karg aus. Ihre orange und rote Färbung wich einem modrigen Braun. Ebenso verhielt es sich mit dem Gelb des Weges. Es wurde langsam, aber unübersehbar dunkler. Mittlerweile sah der Weg eher ocker denn gelb aus. Mit der Zeit lagen immer mehr Klumpen auf dem Weg. Seltsam abstoßende Klumpen, von denen Finella den ganz starken Eindruck hatte, dass sie im Grunde dort nicht hin gehörten.
Tatsächlich stank die Luft inzwischen entsetzlich und äußerst Ekel erregend, so dass Finella kaum mehr atmen konnte. Doch der Wurbelschnurps lief weiter. Ohne Weg und Steg, durch Klumpen, Pfützen und übel riechende Pampe. Erst als sie an einem großflächigen Morast ankamen, hielt er an.
„Bitteschön“, sagte der Wurbelschnurps und bedeutete mit seinen Vorderbeinen eine Geste, einer einladend präsentierenden Handbewegung ähnlich. „Das Tal der stinkenden Auswürfe.“
Finella vermochte kaum zu atmen. Der Himmel zeigte sich schwefelgelb und von Wolken verhangen. Die Wolken hatten eine dunkelbraune Farbe. Sie wurden, obwohl es des Öfteren regnete, kaum kleiner. Doch es regnete kein Wasser, nein. Es regnete dunkelbraune Kackhaufen und gelben Urin.
Finella war sprachlos. Sie hätte gerne „Iiiiiiiiiihh!“ oder „Uuuuääähhh!“ geschrien, doch selbst das brachte sie einfach nicht mehr fertig.
„Siehst du. So ist das im Tal der stinkenden Auswürfe“, sagte der Wurbelschnurps. „Jedes Mal, wenn jemand bei euch in der Menschenwelt ‚Scheiße‘, ‚Pisse‘ oder etwas dieser Art sagt, dann regnet es hier eine ebensolche. Manchmal ist die Geruchsbelästigung schon sehr furchtbar.“
„Das merke ich“, stellte Finella erschlagen fest.
Jetzt hätte sie gerne einen Schal gehabt, den sie sich vor ihre Nase hätte binden können.
Der Wurbelschnurps ging unverdrossen weiter. Offensichtlich war er gegen dererlei Unbill auf bewundernswerte Weise immun.
Ein hohes Bergmassiv umsäumte das Tal der stinkenden Auswürfe. Die Berge bestanden aus einer graugelbgrünen Masse. Auf einigen Bergen klebte ein nasser Schleim. Gelegentlich enthielt dieser sogar einige Bröckchen. Der Schleim roch um keinen Deut besser als die herunter geregneten Kackhaufen.
„Was ist das?“ fragte Finella, während sie ihre Nase mit der Hand abschirmte.
„Das“, antwortete der Wurbelschnurps, „sind die speienden Berge. Immer dann, wenn jemand bei euch in der Menschenwelt ‚Es kotzt mich an‘, ‚Zum Kotzen‘ oder na ja, etwas Ähnliches sagt, dann schleudert Erbrochenes aus den Bergspitzen heraus. Das Erbrochene tropft dann an den Bergwänden herunter. Und während es da so herabfließt, erkaltet es natürlich. So entstanden die speienden Berge.“
Finella verschlug es die Sprache. Der Wurbelschnurps hatte ihr ja schon viel von Amarythien erzählt, doch von dem Tal der stinkenden Auswürfe und von den speienden Bergen hatte er ihr bislang noch nie berichtet. Finella wurde übel. Dermaßen entsetzlich roch es am Fuße dieser Berge.
„Ist es jedes Mal so, dass in Amarythien…?“ setzte Finella ihre Frage an.
Der Wurbelschnurps nickte. „Wenn ihr in der Menschenwelt gräulich sprecht, haben wir in Amarythien eine greifbare Geruchsbelästigung.“
„Au weia!“ entfuhr es Finella.
„Tja“, seufzte der Wurbelschnurps. „Die einzige Möglichkeit, das Tal der stinkenden Auswürfe und die speienden Berge auszuradieren, ist ein weniger gräulicher Sprachgebrauch in der Menschenwelt. Es gibt aber sehr viele Menschen. In allen Ländern der Erde. Theoretisch müssten alle Menschen zeitgleich aufhören, gräuliche Ausdrücke zu gebrauchen. Theoretisch müssten alle Menschen einen weniger gräulichen Sprachgebrauch fortwährend beibehalten. Praktisch ist das allerdings kaum machbar.“
„Das stimmt wohl“, erkannte Finella sofort. „Es gibt aber etwas, was man machen kann. Etwas, was ich machen kann. Etwas, was jeder machen kann. Jeder in der Menschenwelt.“
„Was denn?“ erkundigte der Wurbelschnurps sich.
„Das ist doch ganz einfach. Ich verwende einfach ein paar gräuliche Ausdrücke weniger. Oder noch besser: Gar keine mehr.“
„Ui“, staunte der Wurbelschnurps. „Da hast du dir aber etwas vorgenommen.“
„Och, keine Sorge. Das kriege ich hin. Und weißt du was? Ich bitte einfach jeden, von dem ich gräuliche Worte höre, er möge weniger davon gebrauchen. Wenn ich auf meine Ausdrucksweise achten kann, dann können die anderen Menschen das auch. Ich bin schließlich auch nur ein Mensch. Also ist es menschenmöglich. Ganz einfach.“
„Ja, das ist wahr“, antwortete der Wurbelschnurps. „Gut erkannt. Finella, sag: Was machst du, wenn du deswegen ausgelacht oder gehänselt wirst? Was machst du, wenn man dich als arrogant oder belehrend ansieht?“
„Pff. Da stehe ich drüber. Mal sehen, vielleicht erzähle ich dem ein oder anderen von Amarythien. Im Grunde ist das aber noch nicht einmal notwendig. Es reicht doch, wenn ich sage: ‚Ich mag das nicht.‘ Vielleicht füge ich noch ein ‚Ihr verbreitet Unrat.‘ hinzu, aber das ist dann genug.“
„Ja. Sag ruhig, wenn du die ein oder andere Ausdrucksweise nicht magst“, stimmte der Wurbelschnurps ihr zu.
So beschlossen sie es.
Finella stand noch eine ganze Weile da, um sich das Tal der stinkenden Auswürfe und die speienden Berge sorgfältig einzuprägen. Mitsamt dem Übelkeit erregenden Geruch.
Schließlich gemahnte der Wurbelschnurps zum Aufbruch. Doch bevor sie wieder in die Menschenwelt reisen würden, wollte Finella noch etwas wissen.
„Du, sag mal, Wurbelschnurps. Gibt es noch mehr solcher greifbaren Geruchsbelästigungen in Amarythien?“
„Ja. Da gibt es zum Beispiel noch den Sumpf der Missgunst und des Argwohns. Glaube mir, dort gehen wir besser nicht hin. Meistens hängen giftige Nebelschwaden über jenem Sumpfgebiet.“
„Ist es dort noch schlimmer als hier, im Tal der stinkenden Auswürfe?“
„Ja. Viel schlimmer“, beantwortete der Wurbelschnurps mit fester Stimme ihre Frage. „Denn dort ist es anders schlimm. Auf eine andere Art und Weise. Doch wäre es vielleicht ein bisschen viel, würde ich dir jetzt davon erzählen.“
„Gut, dann machen wir besser einen großen Bogen um besagten Sumpf.“
„Ja, das ist gescheit. Und sehr viel gesünder.“
„Gibt es auch schöne Orte in Amarythien?“
„Aber ja. Die schönen Orte überwiegen sogar.“
„Dann komme ich vielleicht mal wieder mit.“
„Das kannst du gerne machen, Finella. Wir wissen ja jetzt, dass es geht. Ich möchte dir auch einmal zeigen, wo und wie ich wohne. Natürlich nur, wenn es dich interessiert. Ich will dich nicht langweilen.“
„Wurbelschnurps!“ erwiderte Finella beinahe beleidigt und ihre Augen blitzten.
„Ah, ähem“, stotterte der Wurbelschnurps verlegen, jedoch sichtlich vergnügt. „Gut. Gut. Wunderbar. Sehr gut, ja. Was wollte ich sagen? Ach so, ja. Nun reisen wir aber erst einmal zurück in die Menschenwelt. Du bist schließlich noch immer erkältet.“
„Es ist so langweilig, nur im Bett zu liegen und Medizin zu schlucken.“
„Ich weiß“, sagte der Wurbelschnurps. „Ein wenig wirst du diese Langeweile allerdings noch aushalten müssen.“
„Na gut“, seufzte Finella.
Der Wurbelschnurps krabbelte auf ihre Schulter. Fröhlich sagte er den Vers auf, der sie wieder in die Menschenwelt brachte.
„Eins, zwei, drei. Amarythien ist vorbei. Jetzt kommen wir heraus, in Finellas Haus.“
Finella kicherte. Diesen Vers hatte sie noch nie zuvor gehört. Sie fand den Reim sehr lustig. Die Reise in die Menschenwelt war vollzogen, noch ehe sie ihren Kopf nach rechts oder links hätte drehen können. Prompt lag sie wieder in ihrem Bett.
Der Wurbelschnurps blinzelte sie an, rollte sich zusammen und seufzte behaglich.
„Du, Wurbelschnurps…“, sagte Finella nach einer Weile in die Stille hinein.
„Hm?“ machte der Wurbelschnurps.
„Ich kann nicht schlafen. Ich bin so müde, aber ich kann nicht schlafen.“
„Doch, du kannst“, brummte es ihr von der Bettdecke entgegen.
„Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Zumindest nicht jetzt“, bekräftigte Finella.
„Och, Finella“, maulte der Wurbelschnurps und drehte sich zu ihr um. „Schließe doch einfach deine Augen und kuschele dich in die Kissen. Dann kommt der Schlaf von ganz alleine.“
„Schön wär's.“
„Was ist denn los? Was hast du?“ erkundigte der Wurbelschnurps sich, während er sie aus schlaftrunkenen Augen fragend ansah.
„Meine Gedanken purzeln so durcheinander.“
„Oha? Alle?!“
„Nein, nein. Die meisten meiner Gedanken sind super sortiert. Das passt schon, keine Sorge.“
„Ein Glück!“ schnaufte der Wurbelschnurps erleichtert und drehte sich wieder auf die Seite.
„Im Grunde sind es bloß zwei Gedanken.“
„Na sieh mal einer an. Das klingt ja schon ganz anders. Bestens“, murmelte er ihr rücklings zu. „Kann ich jetzt schlafen? Ich bin müde.“
„Einen Moment noch, Wurbelschnurps. Bitte.“
„Na gut. Wenn es denn sein muss“, seufzte er, wandte ihr sein kleines müdes Gesicht wieder zu, setzte sich auf und sah sie abwartend an.
„Bevor wir nach Amarythien gereist sind, haben wir doch über meinen Papa gesprochen. Und über die Kaffeetasse und über das Lachen und so.“
„Ja. Worauf willst du hinaus?“
„Ich muss dich noch etwas über das Lachen fragen.“
„Was denn?“
„Also, – wenn die älteren Schüler auf dem Pausenhof stehen, dann bekomme ich manchmal einige ihrer Gespräche mit. Ein paar der älteren Mädchen haben sich mal über ihren Sportunterricht und auch über das Schulschwimmen unterhalten.“
„Mm?“
„Eines der Mädchen mochte den Unterricht wohl nicht. Die anderen Schüler haben sich nämlich immer über ihre Pickel amüsiert und Witze darüber gemacht und so. Das Mädchen hat zwar mit denen über diese Witze gelacht, doch sie schien nicht wirklich amüsiert oder gar unbekümmert. Im Gegenteil. Sie schien sehr bekümmert. Für mich sah es so aus, als hätte sie sogar sehr viel Kummer. Vorrangig dann, wenn Witze über sie gemacht wurden.“
„Gut, soweit konnte ich dir folgen. Worum geht es dir?“
„Na ja, um das Lachen eben. Das Mädchen hat doch mit den anderen gelacht, – auch über sich selbst. Wieso schien sie dann trotzdem so bekümmert?“
„Meinst du wirklich, sie hat tatsächlich gemeinsam mit denen gelacht?“
„Hmmmmmmm?“
„Gemeinsam?“
„Nein. Die haben gelacht und sie hat fast zeitgleich gelacht, – aber sie haben trotzdem nicht gemeinsam gelacht.“
„Was war anders als bei deinem Papa?“
„Hmm. Also… Papa sah herzlich und unbekümmert aus. Das Mädchen sah ein bisschen so aus, als ob sie Angst hätte oder so. Vielleicht war sie auch traurig. Ohne dass die anderen es bemerken sollten.“
„Also?“
„Ich denke, sie hat nur mitgelacht, um sich auf diese Weise vor ihren Mitschülern zu schützen.“
„Das kann sein. Wie ich schon sagte: Es ist ein sehr feiner Unterschied, wie und worüber man lacht.
„Ja.“
„Das war also einer der beiden purzelnden Gedanken.“
„Ja. Der purzelt jetzt nicht mehr.“
„Wunderbar. Was ist der andere purzelnde Gedanke? Bitte fasse dich kurz, ich möchte gerne ein wenig schlafen.“
„Wieso ist der Weg, auf dem wir eine Zeit lang durch Amarythien gelaufen sind, gelb? Ich meine: Wie kann das sein? Hat eure Sonne das gemacht?“
„Och, Finella, ehrlich: Können wir uns nicht ein anderes Mal über die Sonne Amarythiens unterhalten? Ich bin wirklich müde.“
„Ich weiß. Ich bin auch müde. Erzählst du mir denn später etwas mehr über die Sonne Amarythiens?“
„Ja. Bitte schlafe jetzt endlich. Du musst deine Erkältung auskurieren.“
„Ich bin dabei, Wurbelschnurps“, antwortete Finella gedankenverloren. „Sag mal, dieser gelbe Weg. Wie ist das möglich? Die Sonne Amarythiens scheint doch über ganz Amarythien? Und wenn wirklich sie das Gelb verursachen würde, zum Beispiel durch ihre Strahlen, wieso ist es dann nicht überall gelb?“
Der Wurbelschnurps antwortete nicht. Stattdessen ertönten gleichmäßige Atemgeräusche. Laut, tief und regelmäßig.
Finella sann noch eine geraume Zeit über Amarythien nach, – ehe auch sie endlich einschlief.
Finella kaute auf ihrem Frühstücksbrot herum. In einer halben Stunde würde der Schulbus losfahren.
Am liebsten wäre sie heute Morgen einfach in den Federn liegen geblieben. Lange ausschlafen, sich behaglich in der warmen Bettdecke „herumlümmeln“, wie Mama es immer auszudrücken pflegte, und den Tag in aller Ruhe mit einer warmen Tasse Kakao beginnen – herrlich.
Stattdessen klingelte in aller Frühe der Wecker.
Ihr Ausflug nach Amarythien lag schon ein paar Tage zurück. Längst war die Erkältung ausgeheilt. Kaum dass sie wieder auf den Beinen war, stapelten sich auch schon die Forderungen der Lehrer: „Du musst den Unterrichtsstoff pauken!“ und „Nächste Woche schreiben wir eine Klassenarbeit!“
Seit zwei Wochen ging das nun schon so.
Damit nicht genug, hörte sie von Mama dasselbe. Finella fiel beim besten Willen nicht ein, wie sie den leidigen Stress der doofen Klassenarbeit umgehen sollte. Man kann ja schließlich nicht immer krank sein. Kein Arzt würde ihr ein Attest ausstellen:
„Finella kann in der kommenden Woche an keiner Klassenarbeit teilnehmen. An diversen Vokabeltesten und so weiter übrigens auch nicht. Gezeichnet Doktor Soundso.“
Hm. Außerdem kam es ihr ohnehin nicht besonders klug vor, sich vor alledem zu drücken. Hm, hm und nochmal hm.
Finella mümmelte an einem Apfelstück. Jetzt hätte sie gerne den Wurbelschnurps dazu befragt, doch der hatte sich seit drei Tagen nicht mehr blicken lassen.
„Ich muss zum alten Dorjas. In ein paar Tagen bin ich wieder bei dir“, hatte er gesagt.
In ein paar Tagen. Was heißt hier in ein paar Tagen? Geht es nicht etwas genauer? Schließlich sind hier ganz wichtige Sachen zu lösen. Klassenarbeiten zum Beispiel.
„Finella! Der Bus kommt gleich! Schwing die Hufe!“
Die Stimme ihrer Mutter durchdrang sämtliche Räume.
„Jahaaaaaaaaaaa!“ rief Finella in selbiger Lautstärke zurück.
Gleich darauf fiel die Tür mit einem lauten Rumms hinter ihr zu, während sie mit geschultertem Rucksack bereits zur Bushaltestelle rannte.
In der Schule lief es wie üblich. Schulfach um Schulfach reihte sich aneinander. Diverse Cliquen und einzelne Schüler standen in der Pause auf dem Schulhof herum. Finella gehörte seit einiger Zeit zu denjenigen, die einzeln verstreut standen. Seit ziemlich genau zwei Wochen. Seit sie angefangen hatte, weniger gräuliche Ausdrücke zu gebrauchen. Seit sie es ihren Mitschülern sagte, wenn sie deren Ausdrucksweise nicht mochte.
In den ersten zwei, drei Tagen war ihre sanfte Beharrlichkeit für ihre Mitschüler lediglich ein Anlass allgemeiner Verwunderung oder Belustigung gewesen. Doch schon bald wurde es der Aufhänger für Ausgrenzung, offene Lästereien sowie auch Hetzreden hinter ihrem Rücken. Mit jedem Tag waren die Anfeindungen massiver geworden.
Die Erinnerung an vergangene Ereignisse stieg in ihr auf. Ereignisse aus dem vorherigen Schuljahr. Fotos von ihr waren verändert worden. Ihr Gesicht prangte plötzlich auf viel älteren Frauenkörpern. Oder sie hing blutverschmiert an einer Straßenlaterne oder lag vergammelt in stinkenden Mülltonnen. Und dann gab es da noch die Fotos, auf denen Finella nur Unterwäsche trug. Steffi hatte Finella in der Umkleide geknipst. Vor dem Sportunterricht. Das hatte Steffi später zugegeben. Sie hatte so getan, als ob sie Selfies von sich schießen würde. Tatsächlich war sie dabei immer näher an Finella herangerückt und hatte sie beim Umziehen fotografiert, ohne dass Finella es bemerkt hätte. Murat und Tom hatten einige der Fotos am Computer verändert. Allerdings hatten sie das wohl nicht alleine bewerkstelligt. So hieß es jedenfalls. Ein paar der Fotos hatten sie weitestgehend unbearbeitet gelassen. Auf denen war lediglich der Hintergrund verändert worden. Doch das reichte schon.
Finella in Unterwäsche an der Bushaltestelle. Finella in Unterwäsche in den Armen eines Typen. Finella in Unterwäsche auf einem Zeitungscover. Und so weiter. Alle hatten sie diese Fotos auf ihren Mobiltelefonen gehabt. Und auf ihren Rechnern. Und auf ihren Tablets. Und viele hatten sie gepostet, geteilt und kommentiert. Die besonders Witzigen hatten die Fotos noch weiter bearbeitet und Videos daraus gebastelt.
Finella schüttelte sich. Sie hätte kaum in Worte fassen können, wie all das sich angefühlt hatte.
Mobbing nennt man das, hatten sie im Lehrerzimmer gesagt. „Meinetwegen können sie es nennen, wie sie wollen. Das ändert nichts.“ dachte sie bei sich. Die betont einfühlsamen Gesprächsangebote der Lehrer und des eingeladenen Kinder- und Jugendpsychologen gaben ihr ebensowenig wie die diversen ihr empfohlenen „Mach dich stark gegen Mobbing“-Portale im Internet. All das hatte nichts mit ihrem wirklichen Leben zu tun. Niemand kam und sperrte die Schule mit einem Zahlencode zu, so dass nur die erträglichen Schüler hineinkamen und die Bescheuerten somit draußen blieben. Das hätte Finella mal eine verlockende Idee gefunden. Zumindest kurzzeitig. Aber nein, – sie musste immer wieder in dieselbe Klasse. Jede Woche.
Also hatte Finella die Idee an eine selektierte und auf sie maßgeschneiderte Klassengemeinschaft sehr bald ad acta gelegt und in ihrem Innern beschlossen, dass sie sich in keiner Weise unterkriegen lassen würde. Weder von ihren Mitschülern noch von der Mobbinggeschichte. Mit dieser ihr eigenen inneren Haltung hatte sie fortan das Schulgebäude betreten. Vielleicht nicht ständig in superguter Verfassung – wie sie am jeweiligen Tag so drauf war, hing nämlich von mehreren Faktoren ab –, jedoch immer mit jener inneren Haltung.
Die Lehrer und der Schulpsychologe hatten sie und ihre Eltern zu Finellas Einstellung und Vorgehensweise beglückwünscht und respektiert, dass sie keine weiteren Gespräche wollte. Sie hatte den Erwachsenen gesagt, dass sie ja ohnehin selber da durch müsse und da könne sie das auch gleich direkt so machen. Außerdem, so hatte Finella den Erwachsenen erklärt, wisse sie dann umso besser, was wirklich aus ihr selber komme und dass das ungemein hilfreich sei. Für sie persönlich sehr viel hilfreicher als dieser ganze andere Kram drumherum. Der Schulpsychologe hatte gesagt, das Finella eine positive Einstellung hege, ein verhältnismäßiges, gesundes Zutrauen zu sich selber habe, – in einem realistischen Maße, ohne dem Fallstrick der Selbstüberschätzung zu erliegen – und ihre Eltern beglückwünscht. Sowohl zu ihrer erfolgreichen Erziehung als auch zu ihrer ungewöhnlichen Tochter. Mama und Papa hatten komische glänzende Augen bekommen, die Glückwünsche entgegen genommen und Finella gesagt, dass sie stolz auf sie und immer für sie da seien. Das hatte sich gut angefühlt und Finella wusste, dass sie auf dem richtigen Weg war.
Wieso genau ihre Eltern stolz auf sie waren, hatte sie allerdings nicht so ganz verstehen können. Schließlich hatte sie einfach nur eine logische Schlussfolgerung geäußert. Davon einmal abgesehen: Wöchentliche Extrastunden! Das fehlte gerade noch! Sie hatte nun wirklich genug mit dem Unterricht, den anschließenden Hausaufgaben und der elenden Stoffbüffelei vor der jeweils nächsten Klassenarbeit zu tun. Mal muss der Mensch auch Freizeit haben.
Der Schulgong läutete und riss Finella aus ihren Gedanken. Der Unterricht wurde fortgesetzt. Martina notierte sich erste Stichpunkte.
Martina war diejenige, die im Klassenzimmer auf dem Stuhl neben ihr saß. Im Unterricht fast immer engagiert, im Umgang mit ihren Mitschülern eher still und zurückhaltend. Was nicht bedeutete, dass sie den Schnabel nicht aufmachen konnte.
Martina war eine der Wenigen gewesen, die sämtliche ihr zugesandten Fotos und Postings gelöscht hatte, sobald sie welche zugeschickt bekam. Sie hatte zwar nicht an die große Glocke gehängt, von wem sie die Bilder, Videos und Kommentare kamen, doch als sie vom Direx und der Klassenlehrerin dazu befragt wurde, hatte sie ihnen eine ehrliche Antwort gegeben.
Im Anschluss daran wurde sie von den anderen Mitschülern geschnitten. Seltsamerweise schien Martina das kaum etwas auszumachen. Sie saß nach wie vor jeden Tag auf ihrem Stuhl, beteiligte sich aktiv am Unterricht und behandelte Finella so wie sonst auch. Finella fand das gut. Hätten Martina oder die Lehrer sie nach den Mobbingvorfällen anders als vorher behandelt, so hätte permanent ein unsichtbares Schild auf ihrer Stirn geprangt. Das hätte alles nur noch schlimmer gemacht.
Martinas Eltern hatten einen augeprägten Sauberkeitsfimmel. Eine Tatsache, die Martina manchmal in komische Stimmungsschwankungen versetzte. Es hatte Momente gegeben, in denen sie völlig panisch reagierte. Bloß weil ihr ein paar Brotkrümel und etwas Hüttenkäse auf ihr Poloshirt gefallen waren. Und nach der Sportstunde duschte sie immer besonders lange.
Sie war nicht wie die anderen aus ihrer Klasse und Finella hegte die vage Vermutung, dass Martina aus diversen ihr unbekannten Gründen auch nicht so sein durfte.
Andererseits, – wenn Finella es wahrheitsgemäß betrachtete, so musste sie sich eingestehen, dass sie selbst ebensowenig zu den anderen aus ihrer Klasse gehörte. Nicht so richtig. Wohl hatte es Zeiten gegeben, in denen sie gerne dazugehört hätte. Na ja, natürlich nicht zu allen. Nur zu der einen oder anderen Clique. Doch die wollten Finella nicht dabei haben.
Aber all das hatte sich vor langer Zeit abgespielt. Seit den Mobbingereignissen hatte Finella an Kontakten zu ihren Mitschülern sowieso keinen Bedarf mehr.
Manchmal sah Martina traurig aus. Finella verstand bloß nicht, woher Martinas Traurigkeit kam. Darum wusste sie auch nicht, wie sie Martina in solchen Momenten hätte trösten können. Sie hatte einmal probiert, Martinas Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass ein paar Krümel nichts anderes als Nichtigkeiten sind, man Kleidung waschen kann und sie doch jeglichen Grund zur Entspanntheit hätte. Zum Beispiel, weil sie regulär tolle Noten schreibt und ihr eine Menge Equipment und Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Finella gab offen zu, dass sie ein paar dieser Annehmlichkeiten und Möglichkeiten selber auch gerne gehabt hätte. Sie missgönnte Martina keine einzige davon. Ganz im Gegenteil. Sie freute sich mit ihr. Seltsamerweise hatte Martina nur abgewinkt.
Während des vergangenen Schuljahres hatte Finella Martina zu ihrem Geburtstag eingeladen. Zusätzlich hatte sie sie hin und wieder gefragt, ob sie nach der Schule mit ihr schwimmen gehen wolle. Martina jedoch hatte jedes Mal abgesagt. Mal war es der Geigenunterricht, mal der Reitunterricht, mal das Kunstturnen. Finella wusste nicht, was sie davon halten sollte. Selbst an Tagen, an denen Martina keine Kalendereinträge vorlagen, fand kein Treffen statt.
Auch die Hausaufgaben wollte Martina immer alleine erledigen.
Hinzu kam, das Martina ihrerseits Finella bisher kein einziges Mal gefragt hatte, ob sie etwas zusammen unternehmen wollten. Geschweige denn, dass sie Finella jemals zu ihrem Geburtstag eingeladen hätte. Finella war sich nicht einmal sicher, ob Martina ihren Geburtstag überhaupt feierte.
Ihr gegenseitiger Kontakt ging kaum jemals über eine gewisse Schwelle hinaus.
In der Sitzbank war sie meistens freundlich zu ihr. Manchmal ließ sie sie sogar abschreiben. Und dann wieder gab es Tage, an denen Martina sich zickig, eingebildet, extrem selbstbezogen, überheblich und tyrannisierend gebärdete. Aus guten Gründen mochte Finella dies nicht. An solchen Tagen wurden Finella Martinas unliebsame Charakterzüge bewusst und sie war froh, nicht enger mit ihr befreundet zu sein.
*
Als Finella an diesem Tag nach Schulschluss zur Bushaltestelle ging, wurde sie von drei Mitschülern abgefangen. Es handelte sich um zwei Jungen und ein Mädchen aus ihrer Klasse. Tom, Murat und Stefanie, genannt Steffi. Sie drängten Finella zur Seite, während alle anderen zum Schulbus rannten. Finella probierte, an den dreien vorbeizulaufen. Doch Tom und Steffi hielten sie an ihrem Rucksack und an den Armen fest.
Tom baute sich vor ihr auf. Der Bus fuhr los. Na toll.
„Na, wään ham' wia denn daaa? D' kleine Pisserin, wo's nicht ap ham kann, wenn'sch Scheiße sach'. Sacht eine, wo selba ständisch Scheiße labat.“ Tom grinste dümmlich. Murat und Steffi johlten.
„Kann ja nicht jeder unter mangelndem Durchblick leiden! Ist leider 'ne Krankheit der Hirnlosen! Tut mir leid für dich!“ schnauzte Finella zurück.
Zu dritt schubsten sie Finella von einem zum anderen. Abwechselnd rempelten sie sie an, traten ihr gegen die Beine oder versetzten ihr Stüber gegen die Arme und in den Bauch. Nach endlos langen schmerzvollen Minuten gelang es ihr, sich los zu reißen. Blitzschnell raste sie davon. Tom, Murat und Steffi hinter ihr her.
„'Sch mach disch färtisch, du Opfa!“ schrie Tom.
„Wia krian disch!“ brüllte Murat.
„Schlampe!“ keifte Steffi.
Finella rannte und rannte. An parkenden Autos vorbei, durch Seitenstraßen, an einer Hecke entlang. Die drei holten auf.
„Ein Versteck! Ich brauche ein Versteck!“
Auf die Hecke folgte ein Bretterzaun. Nur verschwommen nahm Finella dies wahr. Der Bretterzaun wurde niedriger. Finella musste nicht lange überlegen. Noch während sie rannte, holte sie Schwung, stützte eine Hand auf den Zaun und schwang sich herüber.
Sie landete in unbekanntem Grün, duckte sich und wagte kaum zu atmen. Kurz darauf hörte sie Tom, Murat und Steffi an dem Zaun vorbeirennen. Sah, wie diese am Ende der Straße links abbogen und verschwanden. Finella keuchte. Sie atmete auf.
Schon durchfuhr sie ein neuer Schreck. Eine feste Hand griff in den Rücken ihrer Jacke. Finella fuhr herum. Die Hand gehörte zu einem älteren Mann. Er hatte weißgraue Haare und trug eine dunkle Kappe auf seinem Kopf.
„Hey! Was soll das? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“
„Momentchen mal! Die Fragen stelle ich hier. Schließlich ist das mein Garten. Du hast meine Beete ruiniert! Was fällt dir ein?!“
„Bin ja schon wieder weg.“
„Nichts da! Du bleibst schön hier!“
„Ich soll nicht mit fremden Männern sprechen. Und mit fremden Männern mitgehen, soll ich schon mal gar nicht. Das hat mir meine Mama schon eingetrichtert, als ich noch in den Kindergarten ging. Also lassen Sie mich gefälligst los!“
„Das hättest du dir vorher überlegen müssen!“ Er hielt sie weiter fest.
Finella fischte ihr Handy aus der Jackentasche. Ohne Zögern rief sie ihre Mutter an. Nur im Notfall, hatte Mama gesagt. Auf der Arbeit anrufen: nur im Notfall. Dieses hier war eindeutig ein Notfall.
„Geh dran, Mama. Bitte, bitte, geh dran“, flehte sie.
Die Stimme ihrer Mutter erklang. Sie hatte den Anruf tatsächlich entgegen genommen.
„Mama?! Er lässt mich nicht weg! Ich habe ihm gesagt, dass es keine Absicht war, aber er lässt mich hier nicht weg! …“ Weiter kam Finella nicht.
Die noch freie Hand des Mannes griff nach ihrer. Sie ließ das Mobiltelefon nicht los.
„Finella? Was ist los? Wer? Ich verstehe kein Wort. Weswegen rufst du an?“ klang es ihnen aus dem Telefon entgegen.
„Sind Sie die Mutter von diesem randalierenden Mädchen?“
„Wer sind Sie? Ich möchte sofort wieder mit meiner Tochter sprechen!“
„Wilhelm Hauke mein Name. Ihre Tochter hat mir meinen Garten ruiniert. Ich verlange Schadensersatz.“
„Schadensersatz?“
„Jawohl, Schadensersatz. Die Rosen, die Tomaten, der Salat, alles hinüber. Also kommen Sie bitteschön hierher, holen ihr Kind ab und erstatten mir das. So geht's ja nun nicht!“
„Geben Sie mir sofort meine Tochter!“
„Ich bin hier, Mama. Holst du mich bitte ab? Bitte!“ schrie Finella in den Hörer.
„Ja, das sollten Sie wohl besser. Holen Sie Ihre Tochter hier ab. Dann klären wir alles Weitere“, setzte Herr Hauke nach.
„Hrrrrrrgggh! Wo soll ich hinkommen?“
„Kleingartenanlage ‚Zur friedlichen Taube‘, Schrebergarten Nummer 19.“
„Ich bin unterwegs. Wilhelm Hauke, Schrebergarten 19, Kleingartenanlage ‚Zur friedlichen Taube‘. Richtig?“
„Richtig. Sie müssen für den Schaden haften. Und seien Sie unbesorgt, ich tue Ihrem Kind nichts.“
„Bin unterwegs.“
Wilhelm Hauke drückte das Hörer-Symbol. Es piepste. Er hatte das Gespräch beendet. Finella starrte ihn an.
„Das ist mein Handy! Meines!“ empörte sie sich.
„Ich weiß“, erwiderte Herr Hauke, gab Finella ihr Handy zurück und wies in Richtung Gartenlaube.
Es war ein kleines Steinhaus, welches wohl gerade genug Platz für das Nötigste bot. Herr Hauke öffnete die Tür und sogleich standen sie direkt in einer Art Wohnstube. Dort setzte er Finella auf einen Holzstuhl, der vor einem Tisch stand. Er selbst nahm auf der hölzernen Sitzbank Platz.
An den Wänden rings herum hing ein eigentümliches Sammelsurium aus rustikalem Allerlei. Alte massive Holzräder, die irgendwer mit Metallhaken versehen hatte, so dass man nun Mäntel oder Regenschirme oder dergleichen mehr daran aufhängen konnte. Laternen, in denen sich heruntergebrannte Stumpenkerzen befanden. Eine großes altes Thermometer, das neben der Temperatur auch den Luftdruck, die Niederschlagswahrscheinlichkeit und die Windrichtung anzeigte. Blumenkübel, in welchen sich blühende Blumen befanden. Holzrinden in unterschiedlichen Größen, aus denen koboldähnliche Gesichter mit dicken knubbeligen Knollennasen herausgearbeitet worden waren. Kleine weiße Tierschädel, die Geweihe trugen. Ein überschaubares Hängeregal, in welchem vier Teller hinter einem Querbalken standen. Zusätzlich hatte es vier Haken, an denen wiederum vier Becher baumelten. Eine runde Wanduhr, die an einen Kupferteller mittlerer Größe erinnerte.
Die Zeiger dieser Uhr klackten laut.
„Deine Mutter kommt gleich“, brummte er.
Finella war mit ihren Nerven am Ende. Sie begann zu weinen. Wilhelm Hauke reichte ihr ein Taschentuch. Sie schüttelte ihren Kopf. Er legte es auf den Tisch.
„Erst redet in der Schule keiner mehr mit mir, dann jagen die mich durch die halbe Siedlung und jetzt auch noch du!“ brüllte Finella unter Tränen.
Herr Hauke rutschte unruhig auf seiner Sitzbank herum, bemüht, die Fassung zu wahren.
„Sie“, sagte Herr Hauke in einem ruhigen, fast schüchternen Ton. „Es heißt ‚Sie‘.“
„Du!!!“ brüllte Finella heulend.
Eine kleine Pause entstand.
„W… Wilhelm.“
Nun entstand eine etwas längere Pause. Minuten vergingen. Finella hatte ihren Kopf auf die Tischplatte gelegt und ihr Gesicht auf das Holz gedrückt. Mit beiden Armen umschlang sie ihren Haarschopf.
„Finella“, sagte Finella schließlich.
Sie hob ihren Blick und stellte fest, dass dieser alte Mann ein mürrisch herzliches Gesicht hatte. Instinktiv wusste sie, dass er ihr kein Leid zufügen würde.
Wilhelm rutschte indessen weiter unruhig auf seiner Sitzbank hin und her. Er wusste nicht, was er sagen oder wie er sich verhalten sollte. Mit einem Kind, einem weinenden Mädchen gar, war er schlicht und ergreifend überfordert. Niemand musste Finella diese Tatsache mitteilen oder erklären. Sie konnte es sehen.
Und Finella konnte ihn nur allzu gut verstehen, denn sie war ihrerseits nicht minder überfordert. Der Ärger in der Schule, der verpasste Bus, die Hetzjagd, der Schrebergarten – uff. Sie schniefte.
Wilhelm Hauke nickte vorsichtig. Ohne ein Wort zu sagen, deutete er auf das noch immer bereit liegende Taschentuch. Finella griff danach. Sie schnäuzte sich. Wilhelm Hauke schaute etwas hilflos drein. Unbeholfen legte er ein weiteres Taschentuch auf den Tisch. Finella guckte ihn an.
„Hast du heißen Kakao?“ fragte sie heiser.
Wilhelm Hauke stand auf und kratzte sich am Kopf.
In der Gartenlaube gab es eine winzige Kochzeile. In einem kleinen Schrank fand er tatsächlich eine Dose Kakaopulver. Wilhelm Hauke rührte drei Esslöffel davon in etwas Milch ein. Er erhitzte den Kakao, schüttete noch etwas mehr Milch hinzu und reichte Finella daraufhin eine große Tasse heißen dampfenden Kakao an.
„Geht es dir jetzt besser?“
„Ja. Etwas.“
Ein richtiger Opa.
Opa Hauke.
*
Schritte. Mamas Schritte, ganz unverkennbar.
Herr Hauke nahm Finellas Mutter wohlwollend in Empfang, doch die hatte im Moment keinen Sinn für Freundlichkeiten. Sie wollte sich unverzüglich vom unversehrten Zustand ihrer Tochter überzeugen.
Finella starrte sehr konzentriert in ihre Kakaotasse. Da war noch gut die Hälfte drin. Sie ließ sich Zeit, nahm ganz kleine Schlückchen. Vornehmlich ohne dabei ihren Blick von der Kakaotasse abzuwenden.
Zunächst ließ Finellas Mutter sich kaum beruhigen. Die zwei Erwachsenen diskutierten sehr ausgiebig miteinander. Opa Hauke fast durchgehend ruhig und bestimmt. Finellas Mutter meistens hitzig und laut. Nachdem Finella ihren Kakao ausgetrunken hatte, gingen sie allesamt in den Schrebergarten hinaus. Wilhelm Hauke zeigte ihrer Mama die abgebrochenen Rosen und das matschige Gemüse.
Er sah traurig aus. Sehr traurig.
Mama schien es kaum aufzufallen.
Die Erwachsenen einigten sich auf eine Summe, Finellas Mutter schrieb seine Kontodaten auf. Sie sagte ihm zu, die Summe heute nach Feierabend zu überweisen. Herr Hauke nickte, sah jedoch kein bisschen weniger traurig aus. Minutenlang schaute er auf das Beet. Schließlich sah er auf, betrachtete seinen gesamten Garten, dann wieder das Beet.
Ihre Mutter schob sie aus der Gartenpforte, verabschiedete sich eilig von Herrn Hauke und startete den Wagen.
„Mein Chef hat mir netterweise eine kurze Pause eingeräumt“, sagte sie, während sie losfuhr. „Ich muss den Zeitausfall nacharbeiten. Ich muss heute Abend länger an der Kasse sitzen.“
Finella hörte sie kaum.
Sie sah Opa Hauke.
Sah, wie traurig er war.
*
„Ich habe mit Papa telefoniert“, eröffnete Mama ihr während des Abendbrotes. „Wir sind einer Meinung: Montag spreche ich mit deinem Klassenlehrer. Der muss die drei Gestörten abmahnen.“
„Oh nein, Mama! Bitte nicht! Weißt du, was dann los ist?“
„Und bis das stattgefunden hat, bringe ich dich morgens zur Bushaltestelle. So kann niemand dir auflauern.“
„Mama, nein! Bitte!“
Doch Finellas Mutter ignorierte die Einwände ihrer Tochter.
Verzweifelt sackte Finella in sich zusammen. Sie ließ das Abendbrot über sich ergehen und verschwand anschließend in ihr Zimmer.
Der leichte Anflug eines frohen Lächelns regte ihre Mundwinkel, als sie es betrat. Denn dort, auf ihrem Kopfkissen, saß der Wurbelschnurps. Sie freute sich sehr, ihn endlich wieder bei sich zu haben. Es dauerte auch gar nicht lange, da hatte sie ihm alles erzählt. Er lauschte sorgfältig, nickte ab und an und pustete ihr gelegentlich in ihre Haare. Dieses Pusten tat gut. Es machte das frohe Lächeln in ihren Mundwinkeln etwas beständiger.
Der Wurbelschnurps krabbelte auf ihre Schulter. Er begann nun, ihr von seinem Besuch beim alten Dorjas zu erzählen.
Sie lag bäuchlings auf ihrem Bett, betrachtete die Sterne auf ihrem Kopfkissenbezug und hörte ihm aufmerksam zu.
„In wenigen Tagen macht Dorjas sich auf den Weg zu seiner Schwester“, schloß er seine Erzählung.
Finella nickte. Sie verstand sehr wohl, dass der alte Dorjas seine Schwester besuchen wollte. Wie gerne hätte sie einen Bruder oder eine Schwester.
„Kann ich nicht mitkommen?“ fragte sie den Wurbelschnurps.
„Oh, natürlich kannst du mitkommen. Bist du denn sicher, dass du mitkommen möchtest?“
„Ich möchte jedenfalls keine Klassenarbeit schreiben.“
„Hm“, machte der Wurbelschnurps nachdenklich. „Erst die Klassenarbeit.“
„Muss das sein?“
„Ja.“
„Och menno.“
„Erst die Klassenarbeit, dann Dorjas' Schwester besuchen.“
„Na gut“, seufzte Finella.
„Vielleicht solltest du noch ein wenig lernen, um gut auf die Klassenarbeit vorbereitet zu sein.“
„Wir haben Wochenende!“
„Ich weiß.“
„Und gestern hatte ich zu viel Stress, als das ich noch hätte lernen können.“
Der Wurbelschnurps sah sie abwartend an.
„Und morgen ist auch Wochenende!“
Der Wurbelschnurps sah sie weiterhin an, sagte jedoch nichts.
„Außerdem würde es sich gar nicht lohnen, wenn ich jetzt anfinge, den Stoff für die Klassenarbeit zu pauken. Bestimmt hätte ich bis zur Klassenarbeit alles wieder vergessen. Da ist es doch viel logischer, wenn ich direkt vor der Klassenarbeit lerne.“
„Wann schreibt ihr die Klassenarbeit?“
„Dienstag.“
„Heute ist Samstag.“
„Weiß ich.“
„Ich gehe jetzt nach Amarythien. Dienstag Abend bin ich wieder da.“
Sprach es und entfernte sich, ehe Finella protestieren konnte.
*
Montag Morgen, während der Mathestunde, fand Finella doch noch etwas Zeit für ihre Vorbereitungen. Die englischen Vokabeln lagen unter dem Mathebuch. Sie prägte sich eine um die andere der Vokabeln ein. Nach der großen Pause widmete sie sich der englischen Grammatik. Während der Physikstunde.
Heute, einen Tag vor der Klassenarbeit, würde Mama mit dem Klassenlehrer sprechen. Na toll. Weder Mama noch Papa hatten sich umstimmen lassen. Dass die Erwachsenen aber auch immer zusammenhalten müssen.
Finella suhlte sich noch ein bisschen in ihrem Selbstmitleid, wurde dieser Beschäftigung jedoch bald überdrüssig. Außerdem wusste sie genau, dass es in Wirklichkeit halb so wild war.
Wieder daheim vergrub sie sich nach dem Abendbrot in ihren Büchern. Die Zeit flog dahin, ohne dass es ihr besonders auffiel. Ihr selbst gebasteltes „Betreten verboten!“-Schild baumelte außen an der Türklinke ihrer Zimmertür. Mama klopfte an.
„Finella?“
„Ja?“
„Papa ist am Telefon. Möchtest du ihn sprechen?“
