Der zärtliche Hauch der Illusionen - Waltraud Häcker - E-Book

Der zärtliche Hauch der Illusionen E-Book

Waltraud Häcker

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Beschreibung

Wie ein gefährlicher Virus dringt ein Mann in das Leben von Werbetexterin Anja Berger ein. Er spricht von Duftmarketing und behauptet, er habe eine Duftkomposition kreiert, um sie zu verführen und schöne Nächte mit ihr zu verbringen. Wird es ihm gelingen? Kai Mertens, der Juniorchef der Werbeagentur, für die Anja arbeitet, denkt bei einem Auslandstrip über die Zukunft nach, darüber, ob er weiter für kurzlebige Billigprodukte werben soll, die Müllhalden füllen und unsere Natur rücksichtslos ausbeuten. Er lädt seinen Freund, den Kunsthistoriker und Maler Claus Hoffmann, der nach dem Tod seiner Jugendliebe sein Leben nicht mehr lebenswert findet, auf seine Reise ein. Kann die Natur die Leere in seinem Inneren mit ihrer Schönheit füllen und seinem Leben einen neuen Sinn geben?

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-252-1

ISBN e-book: 978-3-99146-253-8

Lektorat: Birgit Himmüller

Umschlagfotos: Lonely11, Marina Strizhak | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Sie fiel ihm sofort auf, wie ein Magnet zog sie seinen Blick auf sich, kaum dass er die Max Bar, am Marktplatz, betreten hatte. Ihr blondes, langes Haar, ihr bildhübsches Gesicht, ihre strahlend blauen Augen und ihr Lächeln, dieses bezaubernde Lächeln, das sie ihm schenkte, als ihre Blicke sich trafen. Die Bar, mit ihrem französischen Flair in der Altstadt von Heidelberg, war brechend voll und sie saß zusammen mit drei jungen Männern an einem Tisch gleich neben dem Eingang. Er ging zur Theke und bestellte sich ein Bier. Kannte er sie? Er konnte sich nicht erinnern, ihr je begegnet zu sein. Verstohlen beobachtete er sie aus den Augenwinkeln. Sie war bestimmt zwei oder drei Jahre älter als er und trug ein rotes, leichtes Sommerkleid, das sich eng an ihren schlanken Körper schmiegte. Der Barkeeper brachte sein Bier und er nahm einen kräftigen Schluck. Vielleicht hatte sie gar nicht ihn gemeint, sondern den Mann, der mit ihm die Bar betreten hatte, und er hatte sich eingebildet, dass dieses Lächeln ihm gegolten hatte. Ja, bestimmt, sie hatte nicht ihn gemeint.

Ein blonder Typ neben ihm sprach ihn an. Er hieß Lars und erzählte ihm, dass er hier in Heidelberg studiere und öfter mal in diese Bar komme.

– Sie ist etwas ganz Besonderes, sagte er, ein Stück Frankreich mitten in Heidelberg. Die Inhaber haben das gesamte Inventar dieser Bar in Antiquitätengeschäften, auf Flohmärkten oder aus Privatbesitz in Frankreich gekauft, um ihren Traum von einer authentischen Pariser Arbeiter-, Studenten- und Künstler-Bar hier in Heidelberg verwirklichen zu können.

Er hörte ihm kaum zu, seine ganze Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf sie, auf diese äußerst gutaussehende Frau, die immer wieder ihren Blick auf ihn richtete. Ein irritierendes, prickelndes Gefühl durchflutete ihn und er konnte nicht anders, als auch immer wieder zu ihr zu schauen, möglichst unauffällig. Lars redete weiter auf ihn ein, erklärte ihm, dass die alte Theke aus einem Schuppen in Le Mans und die Tische, Stühle und Originalmetrobänke aus einem Lager in Épinay-sur-Seine stammen. Er ließ ihn reden. Auch dass Lars für ein Jahr nach Amerika gehen würde und dringend einen Käufer für sein Golf Cabriolet suchte, interessierte ihn nicht.

– Ich bin Student, sagte er, ich kann mir kein Auto leisten. Ich bin froh, wenn ich mit dem, was ich mit meinen beiden Jobs verdiene, einigermaßen über die Runden komme, zudem brauche ich hier in Heidelberg auch gar kein Auto.

Wieder richtete sie ihren Blick auf ihn.

– Ich glaube, die interessiert sich für dich, meinte Lars und grinste.

– Wer?

– Na, die hübsche Blondine, siehst du denn nicht, wie sie immer wieder zu dir herüberschaut?

– Zu mir?

– Na klar, das sieht man doch, erwiderte Lars. Er blickte zu ihr, direkt in ihre Augen. Sekundenlang lächelte sie ihn an.

– Also ich verzieh’ mich dann mal, sagte Lars, und falls du dir das mit dem Cabriolet doch noch anders überlegen solltest, hier meine Telefonnummer, du kannst jederzeit eine Probefahrt machen, wenn du möchtest.

Lars hatte seinen Platz kaum verlassen, da stand die blonde, junge Frau auf, kam auf ihn zu, stellte ihr Cocktailglas neben sein Bier auf die Theke und fragte mit einem aufreizenden Augenaufschlag: Darf ich? Während sie sich, ohne seine Antwort abzuwarten, graziös auf den freigewordenen Barhocker von Lars schob. Er starrte sie perplex an, war so irritiert, dass er gar nicht gleich wusste, was er sagen sollte.

– Oder störe ich Sie? Möchten Sie lieber allein sein? fragte sie.

– Nein, Sie stören nicht, überhaupt nicht, erwiderte er, nach dem ersten kurzen Überraschungsmoment, mit einem charmanten Lächeln. Aber wer hätte das nicht gesagt? Wer hätte so eine attraktive Frau zurückgewiesen?

– Ich heiße Sylvia und bin Studentin des Studiengangs Media Management und Werbepsychologie. Meine Freunde nennen mich Sylvie, wenn Sie möchten, können Sie auch Sylvie sagen. Wie sie ihn ansah. Was wollte diese Frau von ihm? Er fühlte sich befangen, wandte sich von ihr ab und starrte auf die aufgereihten Flaschen hinter der Theke. Ihr offensichtliches Interesse an ihm, ausgerechnet an ihm, wo doch noch haufenweise andere Männer hier in dieser Bar waren, irritierte ihn … und es faszinierte ihn, es schmeichelte seinem Ego.

– Warten Sie auf Ihre Freundin? fragte sie.

Er antwortete nicht. Er hatte keine Freundin. Seine letzte Beziehung lag über ein Jahr zurück. Sylvie, sein Blick glitt prüfend über ihr Gesicht. Womit hatte er das verdient? Was war denn so Besonderes an ihm, dass die Wahl dieser bildhübschen Frau gerade auf ihn gefallen war? Sie fing seinen fragenden Blick auf und lächelte, ein entwaffnendes, hinreißendes Lächeln, ein Lächeln, dem man nicht widerstehen konnte, das man erwidern musste, ein Lächeln, das diesen Abend interessant und prickelnd machte.

– Bist du öfter hier? Studierst du in Heidelberg? Wie selbstverständlich ging sie vom ‚Sie‘ zum ‚Du‘ über.

– Ja, ich studiere hier, aber in dieser Bar war ich noch nie, es ist heute das erste Mal.

– Und gefällt sie dir? fragte sie.

– Ja, sie gefällt mir, sehr gut sogar, erwiderte er. So eine authentische, französische Bar hier in Heidelberg, das ist wirklich etwas Außergewöhnliches und hat einen ganz besonderen Charme.

– Ja, da hast du recht, sagte sie. Es gibt kaum jemanden, dem es hier nicht gefällt. Selbst französische Touristen sind vom Ambiente dieser Bar fasziniert und ich finde es sehr schön, dass wir uns heute hier begegnet sind. Was für ein glücklicher Zufall. Für einen flüchtigen Moment legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Ein Kick schoss durch seinen Körper, warm, wohltuend, erregend schön. Ja, was für ein glücklicher Zufall, dachte er, und seine Gedanken gingen zurück zu den einsamen Abenden in den letzten Monaten. Dennis und er lebten seit Beginn ihres Studiums zusammen in einer WG, zwei Zimmer, Küche mit Essecke und Bad. In den ersten Monaten waren sie öfter zusammen unterwegs gewesen. Doch dann hatte Dennis Lara kennengelernt. Er hatte nichts gegen sie, nur dass sie fast jeden Abend kam und erst am nächsten Morgen wieder ging, das störte ihn. Die Wände in dem alten Fachwerkhaus waren sehr hellhörig. Er hörte ihr Lachen, ihr Herumalbern und fühlte sich einsam. Da hatte er begonnen, neben seinem Job im Supermarkt, abends auch noch an der Tankstelle zu arbeiten, um nicht ständig Zeuge dieses jungen Glücks, ihrer nicht zu überhörenden Liebe, zu sein. An manchen Abenden war er auch nur ziellos durch die Straßen gelaufen und erst spät in der Nacht wieder zurückgekehrt. Und heute hatte er sich entschlossen, hier in dieser Bar, von der er schon gehört hatte, ein Bier zu trinken.

– Was machst du eigentlich in den Semesterferien? fragte sie.

– Ich werde arbeiten, erwiderte er.

– Und sonst, was machst du, wenn du nicht arbeitest? Erzähl mir etwas von dir. Sie rückte näher an ihn heran und er erzählte ihr bereitwillig alles, was sie von ihm wissen wollte, von seiner Kindheit bis zu seiner Studienzeit hier in Heidelberg. Sie sah ihn unablässig an und hörte sehr interessiert zu.

– Du arbeitest zu viel, sagte sie dann. Ich finde es natürlich sehr anerkennenswert, dass du zur Finanzierung deines Studiums so viel beiträgst, aber du kannst doch nicht immer nur arbeiten, ab und zu musst du dir doch auch etwas gönnen, dich für deine Alltagsmühen mit etwas Besonderem belohnen, Spaß haben und das Leben genießen. Er sah sie an. Sein Leben genießen, wie recht sie hatte. Was leistete er sich denn schon? Sein Tagesablauf war doch so streng getaktet, dass es kaum Raum für irgendetwas anderes gab. Sylvie, wie sie ihn ansah, dieser zärtliche Zug um ihren Mund, diese Wärme und Herzlichkeit, die sie verströmte, die erregende Berührung ihrer Hand, die gerade sanft über seinen Arm strich. Und plötzlich war sie da, die Sehnsucht, die Sehnsucht nach dieser Frau, nach ihrer Nähe, ihrer Zärtlichkeit. Er konnte seinen Blick kaum von ihr wenden, nicht von diesem zauberhaften Lächeln, das ihn so wohlig umfing und sich ohne große Mühe in sein Herz stahl. Was für ein wundervoller, vielversprechender Abend, nach den vielen einsamen Monaten. Sie lächelte noch immer, griff dann nach ihrem Cocktailglas, trank einen Schluck und erzählte ihm anschließend, dass sie hier in Heidelberg aufgewachsen sei und immer wieder gerne hierherkomme, um sich mit Freundinnen oder Freunden zu treffen. Und dann berichtete sie ganz begeistert von ihrem Studium und auch von Freud, Adler und Jung, den drei großen Pionieren der Tiefenpsychologie, vom Ich und Über-Ich und der wissenschaftlichen Erforschung des unbewussten Seelenlebens.

– Ich bin beeindruckt, was du so alles weißt über die Macht unseres Unbewussten, mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten, die oft, fernab von Vernunft und Moral, unser Leben steuern. Doch noch beeindruckender fand er es, dass sie nur Augen für ihn hatte, ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und ihn so ganz ungezwungen ihre Freude spüren ließ, ihn hier in dieser Bar getroffen zu haben. Sylvie, was für eine außergewöhnliche, faszinierende Frau. Von ihr fühlte er sich verstanden und wahrgenommen, fühlte sich geschmeichelt, wenn sie ihn mit Komplimenten überhäufte und mit ihrem psychologisch geschulten Blick Talente an ihm entdeckte, von denen er gar nicht wusste, dass er sie besaß. So einer Frau war er noch nie begegnet. Er genoss ihre Nähe, ihr sympathisches Lächeln, das nur ihm galt und sonnte sich im wärmenden Licht ihrer Bewunderung. Sie gab ihm, wie noch keine andere Frau zuvor, das Gefühl etwas Besonderes zu sein, interessanter und anziehender zu sein als all die anderen Typen hier in dieser Bar. Und das, das tat ihm so verdammt gut.

– Vor Kurzem habe ich an einem Experiment teilgenommen, bei dem es darum ging, das Kaufverhalten der Kunden in einem Supermarkt zu beeinflussen, ihre Einkaufsmenge ganz gezielt zu erhöhen, berichtete sie dann, und ich muss sagen, ich war über das Ergebnis sehr überrascht. Kunden, die nur mal schnell eine Kleinigkeit kaufen wollten, sind dann oft mit weit mehr im Einkaufswagen zur Kasse gefahren.

– So naiv ist doch kein Mensch, dass er sich so beeinflussen lässt, das glaube ich einfach nicht, sagte er und fügte dann noch hinzu: Mir könnte so etwas jedenfalls nicht passieren.

– Wirklich nicht? fragte sie mit einem süffisanten Lächeln.

– Nein, wirklich nicht, mein knappes Budget würde so etwas gar nicht zulassen. Zudem würde ich, wenn ich nur eine Kleinigkeit kaufen möchte, keinen Einkaufswagen mitnehmen.

– Nun, das sind natürlich schon Argumente, nur solltest du den Job der Psychologen, Marketing- und Werbeexperten nicht unterschätzen, sie sind Profis. Ihre Arbeit, die Kunden mit immer effizienteren Methoden zum Kaufen zu verführen, ist ein sehr subtiles, äußerst perfektes, psychologisches Kalkül, das Ergebnis jahrzehntelanger intensiver Forschung. Da wird nichts dem Zufall überlassen, alles wird bis ins kleinste Detail nach den modernsten Erkenntnissen der Wissenschaft geplant und im besten Licht präsentiert. Und der Kunde, umschmeichelt von dezenter Musik, verführerischen Düften und dem ausgeklügelten Spiel von Licht und Farbe, bemerkt gar nicht, wie sehr wir seine Kaufentscheidungen beeinflussen, wie wir seine Aufmerksamkeit wecken, seine Schritte lenken, seine Wünsche und seinen Willen formen und er, wie von magischen Kräften geführt, Dinge kauft, von denen er vorher gar nicht wusste, dass er sie braucht. Aber lassen wir das, wir müssen nun wirklich nicht, an einem Abend wie heute, über die Beeinflussungsmethoden in einem Supermarkt sprechen, da gibt es doch bestimmt noch andere Themen, meinst du nicht auch? Ihr Blick zu indiskret, viel zu indiskret. Er setzte sein Glas Bier an die Lippen und trank es in einem Zug leer.

– Es ist so schön hier mit dir, flüsterte sie. Ihr Parfüm umhüllte ihn, ihre Worte streichelten ihn und ihr lasziver Blick erregte und fesselte ihn. Er konnte das alles kaum fassen.

– Warst du schon einmal in Paris, fragte sie.

– Ich, nein, erwiderte er.

– Paris ist eine großartige Stadt. Meine Freundin Gina studiert an der Sorbonne Romanistik und ich habe sie schon zweimal in den Semesterferien besucht. Dieses Jahr geht das leider nicht. Gina hat in der Hemingway Bar, im Hotel Ritz, einen Franzosen kennengelernt und sich sofort in ihn verliebt. Liebe auf den ersten Blick, da hat sie jetzt keine Zeit für mich. Schade, wirklich schade, ich wäre auch dieses Jahr gerne wieder nach Paris gefahren, ich hatte mich schon so darauf gefreut. Nun ja, c’est la vie. Und gestern, gestern hat sie mich angerufen und gesagt, dass sie mit ihrem Freund auf dem Montmartre-Hügel war und er hätte sie vor der Liebesmauer, auf der der SatzIch liebe dich,in 311 Sprachen verewigt ist, in die Arme genommen und zu ihr gesagt:Je t’aime.Vor der Liebesmauer auf dem Montmartre-Hügel, das ist doch so was von romantisch. Ein besseres Ambiente kann man sich für diese drei schönsten Worte doch gar nicht vorstellen. Und dann auf Französisch:Je t’aime.Ich finde, das klingt einfach viel besser als auf Deutsch, melodischer, romantischer, das hat einfach einen ganz besonderen Charme, findest du nicht auch?

– Ja schon, da hast du recht, antwortete er.

– Und dann, dann sind sie zusammen zur Brücke Pont des Arts gegangen und haben ein Liebesschloss mit ihren Namen an das Brückengeländer gehängt, sich dabei ewige Liebe geschworen und den Schlüssel anschließend in die Seine geworfen. Als sie mir das alles erzählt hat, hat mich das tief berührt und ich habe sie beneidet um diesen Mann, so einen romantischen Freund hatte ich noch nie. Sichtlich gerührt von ihren Worten und ihrem traurigen Blick, hätte er sie beinahe tröstend in seine Arme genommen, doch dann legte er nur kurz und ein wenig verlegen seine Hand auf ihren Arm. Sie blickte dankbar zu ihm auf und erzählte dann weiter von Paris, von den Highlights, die man unbedingt einmal gesehen haben muss, vom Eiffelturm, von der Basilika Sacré-Coeur, vom Louvre und auch von Ernest Hemingway, der zu Aaron Hotchner gesagt hat:Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu sein, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst …

– Ja, wer könnte diese faszinierende, betörende Stadt der Liebe, mit ihrem Charme, mit ihrer Leichtigkeit des Seins, vergessen, wenn er einmal dort gewesen ist, fuhr sie fort, wenn er einmal auf der Avenue des Champs-Élysées dieses glamouröse Flair genossen hat, wenn er einmal das Nachtleben in den Clubs, Diskotheken oder im Moulin Rouge erlebt hat. Wenn er einmal mit seiner großen Liebe am Quai Saint-Bernard unterm Sternenhimmel getanzt hat? Für mich ist und bleibt Paris die romantischste Metropole der Welt, ein Sehnsuchtsort, der alles bietet, was Verliebte sich wünschen.

Ihre Hand, die wie vergessen schon länger auf seinem Arm lag, ihr rotes, kurzes Kleid, das noch weiter nach oben gerutscht war, ihre gebräunten Beine, die die seinen berührten, ihr zärtlicher Blick und ihre roten, auffordernden Lippen, die immer näherkamen.

– Spürst du sie auch manchmal, diese Sehnsucht? hauchte sie, diese Sehnsucht, die aus dem Alltag ausbrechen will, die das Leben, die Liebe in vollen Zügen genießen will, diese tiefe Sehnsucht, die unsere Träume und Wünsche wahr werden lassen will? Sie sah ihn sehr innig an und fuhr dann fort: Sollte man so einer Sehnsucht nicht eine Chance geben?

Der Lärm in der Bar trat zurück, die anderen Gäste hörten auf zu existieren. Für ihn gab es nur noch sie, sie, die plötzlich mit ihren Fingerkuppen sanft über seine rechte Wange strich, sie, die mit ihren Worten und Gesten unverhohlener Zärtlichkeit ein kaum noch zu unterdrückendes Verlangen in ihm weckte. Sie, die mit ihrem innigen, liebevollen Lächeln selbst den letzten Funken Verstand in ihm auslöschte und mit ihrem sinnverwirrenden Charisma ihn so sehr in ihren Bann zog, dass er ihren Blick, mit dem sie ihn immer wieder, nur für den Bruchteil einer Sekunde, scharf taxierte, gar nicht bemerkte. Dieser alles durchdringende, gnadenlos berechnende Blick, mit dem sie jede seiner Gesten, jede kleinste Gefühlsregung an seiner Mimik genauestens registrierte, um jedes ihrer Worte sehr sorgfältig darauf abzustimmen, er bemerkte ihn nicht. Er beachtete auch nicht die Typen, bei denen Sylvia vorher gesessen hatte, sie interessierten ihn nicht, auch dass Lars jetzt bei ihnen saß, dass sie immer wieder zu ihm herüberblickten und grinsten, registrierte er nicht. Er sah nur noch sie, fühlte sich neben ihr so gut wie noch nie, schwebte schon auf Wolke sieben.

Jahre später Donnerstag, 8. Juni 2006

Er stand am geöffneten Fenster und blickte auf das glitzernde Lichtermeer der Stadt Stuttgart, die bunten, leuchtenden Werbebotschaften, die immer größer und greller, um Aufmerksamkeit heischend, das Stadtbild bestimmten, den pulsierenden Verkehr und die vielen Menschen, die noch unterwegs waren. Menschen mit all ihren Wünschen und Sehnsüchten, inmitten dieses Lichterlabyrinths, in dieser Vergnügungs- und Konsumwelt, die auch nachts nicht zur Ruhe kam. Er hatte den obersten Knopf seines Hemdes geöffnet, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt. Es war ein warmer Sommerabend, der erste warme Sommerabend in diesem Jahr. Und während der Lärm der turbulenten Stadt zu ihm herauf drang, ruhte sein Blick minutenlang auf diesen Nachtschwärmern, die alle nichts versäumen wollten, die etwas erleben wollten, wenn ihre Sehnsüchte und die Nachtclubs zum Leben erwachten.

Er zündete sich eine Zigarette an und für einen kurzen Moment spürte auch er diese Sehnsucht, verlor sich in Erinnerungen, Träumen, die er einst geträumt hatte, doch dann wurden seine Gesichtszüge hart und seine Gedanken konzentrierten sich auf sie. Wie würde sie auf seinen Anruf reagieren? Würde sie gleich wieder auflegen? Zuzutrauen wäre es ihr. Und wenn schon, dachte er und nahm einen kräftigen Zug, blies den Rauch genüsslich in die Luft und sah zu, wie er nach oben stieg und sich in einem Spinnennetz über ihm in der linken Fensternische verfing. Es würde sein Vorhaben nicht nennenswert verändern, nein, das würde es nicht. Und doch, plötzlich war da ein unbehagliches Gefühl, doch nur so flüchtig, dass es ignoriert werden konnte.

Er heftete seinen Blick erneut auf das fragile Gebilde zwischen Fensterrahmen und Mauerwerk. Mit einem fast wissenschaftlichen Interesse betrachtete er fasziniert die fein gesponnenen, fast unsichtbaren Fäden dieses Spinnennetzes. Die Spinne, die diese meisterhafte Konstruktion geschaffen hatte, konnte er nirgends entdecken, aber irgendwo war sie, irgendwo saß sie lauernd und wartete auf ihr Opfer. Was für ein intelligentes Tier, was für eine perfekt ausgeklügelte Strategie, dachte er, und instinktiv huschte ein amüsiertes, anerkennendes Lächeln über sein Gesicht. Das Opfer, es würde kommen, das wusste die Spinne, sie musste es dazu nicht zwingen, völlig freiwillig würde es in ihr Netz fliegen und sich in diesen hauchdünnen, kaum sichtbaren Fäden verfangen. Die Spinne musste nur warten. Und während die Stadt, in der sie lebte, sich im Ausnahmezustand befand, saß sie, ungerührt von diesem ganzen Treiben, hier irgendwo in ihrem Versteck und wartete.

Er wandte sich vom Spinnennetz ab und sah hinunter auf die Straße, wo ein paar Jugendliche fahnenschwenkend vorbeizogen undFußballist unser Leben, denn König Fußball regiert die Weltgrölten. Fußball, seit Wochen, ja Monaten, drehte sich in erwartungsfroher Stimmung alles nur noch um König Fußball, um einen Ball, zusammengesetzt aus schwarzen und weißen Fünf- und Sechsecken, der seine uneingeschränkte Herrschaft angetreten hatte und die Marketing- und Werbemaschinerie zu Hochtouren auflaufen ließ. Überall in den Schaufenstern Bälle, umlagert von Fußball-Accessoires, von der FIFA-Kappe bis zu den passenden Fußballsocken, Fußball-Suppe auf dem mit Fußball dekorierten Geschirr, Kugelgrill in Fußball-Form, WM-Fußballer aus Quarkteig oder kickende Gartenzwerge. Das Geschäft mit dem Ball boomte. Alle spielten mit, die Konsumgüterindustrie und der Handel, die Gastwirte, Metzger, Bäcker und Event-Veranstalter, und die Werbung sowieso. Die FIFA-Sponsoren, die eine Menge Geld investiert hatten, brachten eine gigantische Vermarktungswalze ins Rollen. Sie überließen nichts dem Zufall. Keiner durfte ihren Werbebotschaften entkommen, der allgegenwärtigen WM-Manie, diesem Milliardengeschäft rund um den Ball. Das WM-Fieber stieg von Stunde zu Stunde. Morgen um 18:00 Uhr würde es seinen vorläufigen Höhepunkt beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica erreichen. Er inhalierte tief den Rauch seiner Zigarette. Er war kein Fußball-Fan. Natürlich würde er sich das eine oder andere Spiel ansehen, man konnte sich dieser Fußball-Euphorie ja nicht ganz entziehen. Aber im Grunde genommen interessierte er sich nur für ein Spiel, sein Spiel, und das begann heute. Sein Blick flog über die grellen, lockenden Leuchtreklamen, die bunten WM-Fahnen, die in den Fenstern hingen, hinüber zum Schlossplatz, wo neben Imbiss- und Souvenirständen, drei große Videoleinwände für die Liveübertragungen aufgebaut waren. Unter Hochdruck war in den letzten Wochen und Monaten gearbeitet worden. Die Aufbauarbeiten in der Innenstadt, die Autobahnen rund um Stuttgart, alles musste bis zum Anpfiff zur WM fertig sein, um den Fans eine glanzvolle Bühne bieten zu können. Die Stadt Stuttgart hatte für dieses Großereignis viel investiert, um die Freunde aus aller Welt für ihre Stadt zu begeistern, sie mit Weltoffenheit und Gastfreundschaft empfangen zu können.

Sein Blick verließ die Open-Air-Bühne, streifte flüchtig das Kunstmuseum, diesen hell erleuchteten Glaskubus am Kleinen Schlossplatz, die von Bodenstrahlern beleuchtete imposante gotische Architektur der Stiftskirche, die warm schimmernden Lichter des alten Schlosses und ging dann über die Konrad-Adenauer-Straße hinüber zum Justizviertel, zu den vielen Fenstern der Wohnhäuser, in denen noch Licht brannte. Bei einem der Wohnhäuser verweilte er dann mehrere Minuten bei einem Fenster im zweiten Stock, bis er schließlich wieder zurückkehrte, zu dem glimmenden Rot seiner Zigarette und dem Rauch, der sich im Dunkeln des Zimmers verlor. Die Leuchtziffern seines Radioweckers neben seinem Bett zeigten 22:58 Uhr. In seinem Blick lag jetzt jene ungewöhnliche Mischung aus Melancholie und kalter Entschlossenheit. Er nahm noch einen letzten Zug, drückte dann die fast heruntergebrannte Zigarette im Aschenbecher aus, griff zum Telefonhörer und wählte ihre Nummer.

– Sie zuckte zusammen, blickte irritiert von ihren Unterlagen auf. Sie hatte noch an den Texten eines Layouts ihrer Werbeagentur gearbeitet. Sie schaute aufs Telefon, dann auf ihre Armbanduhr. Wer könnte das sein? Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Wer könnte um diese Zeit noch etwas von ihr wollen? Beharrliches Klingeln durchbrach die Stille des Raumes, drängte sich ihr auf, wie eine drohende Gefahr. Dreimal, viermal, nach dem fünften Mal nahm sie den Hörer ab.

– Berger, meldete sie sich. Am anderen Ende der Leitung blieb alles still.

– Hallo? Ihre Stimme klang ungeduldig. Sie wollte gerade auflegen, da hörte sie jemanden sich räuspern, dann: Entschuldige bitte … deine Stimme. Schweigen.

– Meine Stimme? Was ist mit meiner Stimme?

– Verzeih bitte, ich bin etwas durcheinander, ich habe sie mir anders vorgestellt.

– Sie haben sich meine Stimme anders vorgestellt? fragte sie.

– Ja, ganz anders. Es folgte wieder eine Pause. Berger, wie das klingt aus deinem Mund, so kühl, so distanziert, du bist doch die Anja der Werbeagentur Mertens?

– Ja, ich arbeite in der Agentur Mertens, worum geht es denn bitte? Er antwortete nicht. Er konnte nicht. Ganz gebannt schaute er auf das Schauspiel, das sich ihm gerade bot. Ein Insekt hatte sich soeben hoffnungslos im Spinnennetz verstrickt. Völlig arglos, ohne die Gefahr zu erkennen, war es ins Netz der Spinne geflogen. Jetzt zappelte es verzweifelt in seiner Todesangst, um den Fängen der Spinne zu entkommen, doch es hatte keine Chance, nicht die geringste. Die Spinne, die wie aus dem Nichts sofort aufgetaucht war, hatte bereits mit dem Einspinnen ihrer Beute begonnen. Es gab kein Entrinnen mehr.

– Hören Sie, wenn Sie mir nicht sagen, was Sie von mir wollen, dann lege ich jetzt auf.

– Nein, bitte nicht …, bitte nicht auflegen. Ich …, ich muss mit dir sprechen. Ich … Er sprach stockend, brach ab. Unbewusst hielt sie den Atem an. Ihre Finger spannten sich fester um den Hörer und ein beklemmendes Gefühl beschlich sie. Was wollte dieser Fremde von ihr? Plötzlich, am anderen Ende der Leitung, der Titanic-Song;My Heart Will Go Onvon Céline Dion.

–Was für eine berührend schöne Stimme, fuhr er fort. Diese tief empfundenen Gefühle bis über den Tod hinaus. Hast du den Film mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio auch gesehen? Dieses schöne Paar, der arme Künstler Jack Dawson und die englische Lady Rose DeWitt Bukater, was für eine große Liebe und dann dieses tragische Ende. Er ertrinkt in den Tiefen des Atlantiks und mit ihm etwa 1500 Menschen mit all ihren Sehnsüchten und Träumen auf ein besseres, glücklicheres Leben in Amerika. Die Titanic nennt man deshalb auch das Schiff der verlorenen Träume, wusstest du das?

– Was wollen Sie von mir? unterbrach sie ihn ungehalten und versuchte, ihre wachsende Unruhe zu unterdrücken. Warum ließ sie sich auf dieses Gespräch ein, warumlegte sie nicht einfach auf? Doch irgendetwas lag in seiner Stimme, das sie nicht benennen konnte, etwas, das sie magisch anzog, das sie zwang, ihm weiter zuzuhören. Er schaltete die Musik aus. Es war wieder still am anderen Ende der Leitung, unheimlich, beängstigend still.

– Ich …, unterbrach er die Stille, ich wollte deine Stimme hören.

– Sie wollten meine Stimme hören? Und deshalb rufen Sie mich mitten in der Nacht an?

– Nun ja, ich habe noch Licht in deiner Wohnung gesehen, da konnte ich einfach nicht anders, da musste ich deine Nummer wählen. Er lag jetzt auf seinem Bett und betrachtete im schwachen Licht seiner Nachttischlampe ein Foto von ihr, fuhr mit den Fingerkuppen über die Konturen ihres schmalen Gesichts, die feinen Züge um Nase und Mund, berührte sanft ihre lächelnden, fein geschwungenen Lippen und spürte die Erregung, die seinen ganzen Körper durchzog.

–Schon seit Tagen überlege ich, wie sie sein könnte, deine Stimme, fuhr er fort, die Stimme der Frau, die mich magisch anzieht, die Sehnsüchte in mir weckt und die Erfüllung meiner Träume verspricht. Und als ich dich jetzt angerufen habe, da hatte ich eine ganz bestimmte Vorstellung, ja, ich war von der Stimme, so wie ich sie mir vorgestellt hatte, dass sie zu dir passen könnte, so fest überzeugt, dass sie mich erschreckt hat, deine Stimme. Diese Diskrepanz. Entschuldige bitte, dass ich so direkt bin, aber wenn eine so bezaubernde Frau einen Mann so unwiderstehlich verführt, ihn zu den schönsten Luxus-Locations entführt und ihm das Paradies auf Erden verspricht, dann rechnet er doch nicht mit so einer kühlen, geschäftsmäßigen Stimme, da hat er einfach ganz andere Erwartungen. Ein kalter Luftzug streifte seinen nackten Oberkörper. Er hatte sein Hemd ausgezogen. Eslag zusammengeknüllt neben seinem Bett.

Andere Erwartungen? Was hatte der Kerl denn für Erwartungen? Ein augenblicklich aufkeimendes Gefühl von Angst breitete sich in ihr aus. Spätestens jetzt hätte sie das Gespräch beenden müssen. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie es dennoch nicht tat. Stattdessen hielt sie den Hörer fest umklammert und fragte: Wer sind Sie? Seine Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor. Diese markante, melodische Stimme hatte sie schon einmal irgendwo gehört.

– Wer ich bin? Aber Anja, ich bin Johnny, du kennst mich doch. Niemand kennt mich so wie du, niemand kennt meine geheimsten Wünsche, meine tief im Innersten verborgenen Sehnsüchte und Träume, so wie du.

– Hören Sie, ich kenne Sie nicht und ihre Wünsche und Sehnsüchte interessieren mich nicht. Haben Sie denn nichts anderes zu tun, als nachts irgendwelche Frauen mit ihren Anrufen zu belästigen? Wütend und sichtlich genervt drückte sie das Gespräch weg.

Irgendwelche? Ein kaltes Lächeln umspielte seinen Mund. Aber Anja, ich rufe doch nicht irgendwelche Frauen an. Ich habe dich auserwählt. Es war diese frappierende Ähnlichkeit, die mich dazu gezwungen hat, diese gleichen langen, blonden Haare, die blauen Augen, die fast identischen Gesichtszüge und dann auch noch diese ähnlichen Jobs, da konnte ich nicht anders, da musste ich mich für dich entscheiden. Ein kaltes Lächeln umspielte seine Lippen. Er fröstelte, stand auf, ging zum Fenster, um es zu schließen, und sah, dass die Spinne wieder verschwunden war, nur das fest verschnürte Insekt hing noch im Spinnennetz. Sekundenlang starrte er es an. War das Insekt tot oder lebte es noch? Spinnen können, wenn im Moment kein Bedarf besteht, ihre Beute zu verzehren, sie mit ihrem Biss nur lähmen und so zu einer Art lebendem Vorrat machen. Das Insekt müsste dann endlos lange Stunden qualvoll auf den erlösenden Tod warten, müsste warten auf den giftigen Verdauungssaft, den ihr die Spinne, kurz bevor sie Lust hatte, es zu fressen, injizieren würde, um es zu einem bekömmlichen, verzehrfertigen Nahrungsbrei zu machen. Und während dieses verzweifelten Wartens könnte dieses Tierchen der irrsinnigen Hoffnung erliegen, sich aus diesen äußerst starken Fäden, in die es die Spinne eingesponnen hatte, befreien zu können. Noch mehrere Minuten blickte er auf dieses fest verschnürte Insekt, wartete auf die Spinne, aber sie kam nicht, sie hatte jetzt noch keinen Appetit auf diesen Leckerbissen in ihrem Netz. Er schloss das Fenster, ging zurück ins Bett, deckte sich mit der leichten Daunendecke zu, schaltete das Licht aus und blickte noch lange in die von Rauch durchzogene Dunkelheit.

Johnny, wer war dieser Kerl? Warum hatte sie sich nur so lange auf dieses Gespräch eingelassen? Sie hätte sofort auflegen sollen. Aber diese Stimme, diese Stimme kannte sie. Wo hatte sie diese Stimme schon einmal gehört? Sie wusste es nicht. Es fiel ihr einfach nicht ein. Eine bodenlose Unverschämtheit, sie mitten in der Nacht anzurufen. Sie löschte das Licht und ging ins Bad. Sie kannte keinen Johnny, Schluss aus. Sie musste ins Bett, sie hatte morgen einen anstrengenden Tag, sie konnte sich jetzt nicht noch länger mit diesem durchgeknallten Typen beschäftigen. Als sie im Badezimmer in den Spiegel schaute und ihr müdes Gesicht sah, tauchte plötzlich vor ihrem inneren Auge ein anderes Gesicht auf, ein ihr wohlbekanntes. Der Schock, der sie durchfuhr, ließ sie augenblicklich erstarren. Das war doch nicht möglich, das war völlig ausgeschlossen, das konnte nicht sein. Aber es war seine Stimme. Ja, ganz eindeutig, da war sie sich plötzlich ganz sicher, da gab es absolut keinen Zweifel. Diese markante, melodische Stimme vorhin am Telefon war die Stimme von Johnny Krüger, dem Filmschauspieler, die Stimme, die Millionen von Fans begeistert hatte und die Frauenherzen hatte höherschlagen lassen. Anja sah ihre entsetzten Augen, die ihr aus dem Spiegel entgegenstarrten. Sie rang um Fassung. Johnny Krüger. Eine seltsame Kälte kroch in ihren Beinen empor und breitete sich langsam in ihrem ganzen Körper aus. Sie hielt sich am Waschbecken fest. Johnny Krüger war seit drei Jahren tot. Er war bei einem Yachtunfall ums Leben gekommen.

Freitag, 9. Juni 2006

Stefan Mertens, der Seniorchef der Werbeagentur, kam in ihr Büro.

– Guten Morgen Anja, sagte er. Sie blickte von ihren Unterlagen auf, sah in sein hageres Gesicht mit der hohen Stirn und dem grauen, schütteren Haar und wusste sofort, dass irgendetwas passiert sein musste, das ihn sehr bedrückte.

– Guten Morgen Stefan, erwiderte sie mit einem liebevollen Lächeln. Möchtest du einen Kaffee?

– Nein, danke Anja, ich habe heute schon zwei Tassen getrunken. Ich wollte dir nur sagen, dass Bernsdorf mich gestern Abend angerufen hat. Er musste fünf Mitarbeitern kündigen. Sie hatten letztes Jahr erhebliche Einbußen und eine schlankere Organisation sei deshalb unumgänglich gewesen. Mit hängenden Schultern stand er da und Anja spürte, wie sehr ihn diese Nachricht getroffen hatte.

– Das tut mir sehr leid für Bernsdorf, sagte sie mitfühlend. Bernsdorf und Stefan hatten zusammen studiert und es dann beide geschafft, sich den Traum von einer eigenen Werbeagentur zu erfüllen. Sie hatten Höhen und Tiefen erlebt, privat wie auch geschäftlich, und wenn auch ab und zu für einige Zeit der Kontakt abgebrochen war, war ihre Freundschaft doch all die Jahrzehnte erhalten geblieben.

Der alte Mertens trat ans Fenster und schaute eine Weile gedankenverloren hinaus. Dann drehte er sich um und sagte: Die schwierige Konjunkturlage in den vergangenen fünf Jahren hat die Werbewirtschaft besonders hart getroffen. Die Werbeetats der großen Firmen haben kontinuierlich abgenommen, viele Aufträge sind ausgeblieben. Unruhig lief er in ihrem Büro auf und ab. Kunden, für die wir jahrelang erfolgreich gearbeitet haben, schreiben plötzlich einen Präsentationswettbewerb aus, um die Kosten zu drücken. Der Verdrängungswettbewerb wird immer härter und rücksichtsloser. Viele Agenturen kämpfen ums blanke Überleben, schrumpfen, sind übernommen worden oder ganz vom Markt verschwunden. Sobald die Branche schwächelt, greifen die Marketingvorstände zum Rotstift und gestrichen wird am meisten beim Werbeetat. Und einige stellen unsere Arbeit überhaupt infrage. Die ganze Wirtschaft ist von Zurückhaltung und Pessimismus geprägt.

– Die Auftragslage in der Industrie hat sich dieses Jahr doch wesentlich verbessert und auch bei den Agenturen zeichnet sich ein deutlicher Aufwärtstrend ab, sagte Anja.

– Dieses Jahr und dann? Ich glaube nicht an einen dauerhaften Aufschwung. 2006 ist ein Ausnahmejahr. Ohne Mehrwertsteuer-Vorzieheffekt und WM hätten wir nur ein weiteres schwaches Jahr.

– Stefan, du darfst unsere Lage nicht zu pessimistisch sehen. Wir haben in diesem Jahr deutlich mehr Neukundenanfragen als im vergangenen Jahr, vor allem im Beauty- und Wellnessbereich.

– Ja, vielleicht sehe ich das alles zu pessimistisch, aber ich bin dem täglichen Stress, dem permanenten Leistungsdruck, den langen Arbeitstagen nicht mehr so gewachsen wie früher. Ich spüre das Alter, das sich immer mehr bemerkbar macht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft habe, diese Agentur zu halten, wenn Kai sie nicht übernehmen will, er hat sich dazu immer noch nicht geäußert. Ja, die ganze Belegschaft wartete darauf, wie Kai, der einzige Sohn von Stefan, sich entscheiden würde. Seit einem Jahr befand er sich auf einem Auslandstrip. Er wollte weit weg von unserem digitalisierten Alltag, unserer reizüberfluteten und hektischen Welt, über die Werbeagentur und sein Leben nachdenken, wollte darüber nachdenken, ob es erstrebenswert ist, für Produkte mit ihren kurzlebigen, immer schneller werdenden Mode- und Modellzyklen zu werben, die immense Ressourcen verbrauchen, Müllhalden füllen und unsere Natur rücksichtslos ausbeuten.

Stefan ließ sich schwerfällig in einen der Besuchersessel fallen, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Resignation schaute ihr aus seinem Gesicht entgegen. Jahrzehntelang hatte er für diese Agentur gearbeitet, sie war sein Leben. Zäh und hart gegen sich selbst hatte er ihr alles untergeordnet, auch sein Privatleben.

– Weißt du, manchmal liege ich nachts im Bett und frage mich, ob sich das alles überhaupt noch lohnt, dieser ewige Kampf, den man versucht zu gewinnen und dann Schritt für Schritt doch verliert, sagte Stefan. Ich habe meine Frau verloren, die Agentur schreibt seit Monaten rote Zahlen und mein Herzinfarkt hat mir gezeigt, dass mein Körper mich von jetzt auf nachher im Stich lassen kann, dass das Leben von einer Minute zur anderen plötzlich vorbei sein kann. Anja sah mitfühlend auf seine müden Augen. Nach dem Tod seiner Frau, die vor zwei Jahren an Krebs gestorben war, hatte Stefan einen schweren Herzinfarkt erlitten und hatte wochenlang im Krankenhaus gelegen. Anja hatte ihn oft besucht. Sie hatte an seinem Krankenbett gesessen, hatte nach tröstenden Worten gesucht, die es nicht gab und auf sein: Warum? Warum gerade sie?keine Antwort gewusst.

Als Anja Stefan nach seiner Entlassung vom Krankenhaus abholte, weil Kai einen dringenden Termin wahrnehmen musste, deutete nichts mehr an ihm auf den einst so agilen, selbstbewussten Chef einer der erfolgreichsten Werbeagenturen. In sich zusammengesunken war er neben ihr im Auto gesessen und hatte wie geistesabwesend auf den pulsierenden Verkehr gestarrt. Die Willkür des Zufalls hatte ihn unberechenbar und grausam aus seinem Leben gerissen und er hatte lernen müssen, es zu akzeptieren, sich diesen dramatisch veränderten Lebensumständen anzupassen, denn das Leben ging weiter, unbeeindruckt vom Leid einzelner Personen, die durch den Verlust eines geliebten Menschen fast an ihm zerbrechen. Auch für Stefan war es weitergegangen. Aber es war nicht so einfach gewesen, dieses Weiterleben danach. Bis heute nicht. Anja wusste, wie viel Anstrengung er hatte aufbringen müssen, um weiterzumachen, um auch nur annähernd als der Agenturchef aufzutreten, der er einmal gewesen war.

– Ich treffe mich heute Abend mit Bernsdorf. Er war stehengeblieben und sah sie prüfend an.

– Du siehst heute etwas blass aus, geht es dir nicht gut?

– Doch, mir geht es gut Stefan, ich bin gestern nur etwas zu spät ins Bett gekommen.

Er nickte, dann sagte er: Du weißt, ich bin immer für dich da.

– Ich weiß Stefan, sagte sie und spürte die Verbundenheit, die sich über die Jahre entwickelt hatte und seit dem letzten Jahr, seit Kai sich auf seinem Auslandstrip befand, noch intensiver geworden war.

– Ich würde mich übrigens freuen, wenn du mal wieder auf einen Kaffee vorbeikommen könntest.

– Ja gerne Stefan.

– Diesen Sonntag kann ich nicht, aber wie wäre es mit dem nächsten? fragte er.

– Ja, ich komme gerne, erwiderte sie.

– Schön, dann nächsten Sonntagnachmittag. Er lächelte ihr zu und verließ ihr Büro.

Kurz darauf kam Ann-Kathrin Schneider, die Sekretärin der Agentur, und brachte ihr ein paar Unterlagen und auch einen an sie persönlich adressierten Brief. Meistens unterhielten sie sich eine Weile, sie waren befreundet und trafen sich auch privat, doch heute hatte sie es sehr eilig und ging gleich wieder. Anja öffnete den Briefumschlag und eine innere Unruhe breitete sich schlagartig in ihr aus, als sie einen roten Brief und eine Eintrittskarte fürFaust 21herauszog.

Guten Morgen Anja, hast du gut geschlafen? Ich habe nach unserem Telefonat die ganze Nacht wach gelegen und an dich gedacht. Ich war völlig durcheinander, weil du gestern Abend so abweisend reagiert hast. Ich hatte mir unser erstes Gespräch ganz anders vorgestellt. Warum hast du denn behauptet, du kennst mich nicht und interessierst dich nicht für mich? Ja glaubst du denn, ich merke nicht, wie sie ständig hinter mir her sind, deine Marktforscher, Trend- und Zukunftsforscher, Anthropologen und Psychologen. Und wie sie mich alle beobachten, jede meiner Bewegungen, ja jede kleinste Gefühlsregung von mir, wird von ihnen studiert und ausgewertet, damit du mich verführen und glücklich machen kannst.

Anja starrte fassungslos auf den Brief. Das war der Kerl von gestern. Was wollte der von ihr?

Am liebsten hätte sie den Brief gleich zerrissen und in den Papierkorb geworfen, doch dann las sie weiter: Zuerst dachte ich ja, das geht zu weit, das ist eine grobe Verletzung deiner Privatsphäre, aber dann, als ich dich zum ersten Mal sah, meine zauberhafte Anja, da dachte ich, warum eigentlich nicht, nur zu, lass dich doch verführen. Es gibt doch nichts Schöneres im Leben, als von so einer attraktiven Frau verführt zu werden. Zudem geschieht das alles doch nur zu deinem Besten. Diese Frau will doch nur dein Glück und so eine Frau weist man doch nicht zurück, so eine Frau stößt man doch nicht von der Bettkante. Denn mal ehrlich, wer ist denn heutzutage noch an deinem Glück interessiert? Heute geht es den meisten doch nur um Macht und Gewinnmaximierung. Und dann kommt da so eine bezaubernde Werbetexterin und verspricht es dir, das Glück, das sorgenfreie, schöne Leben, die Erfüllung deiner Sehnsüchte und Träume, die dir das eigene Leben bisher immer vorenthalten hat.

Kennst du übrigens Jean-Jacques Rousseau? Er war einer der bedeutendsten französischen Philosophen und Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und schrieb in seinem pädagogischen Hauptwerk Émile:Wir werden sozusagen zweimal geboren, einmal zum Dasein, das andere Mal zum Leben …Und ich, ich will jetzt endlich leben. Ich habe dieses triste Dasein satt. Ja, ich habe ihn so satt, diesen gefährdeten Arbeitsplatz, auf dem ich gerade das Existenzminimum verdiene und mich von morgens bis abends abstrampeln muss. Ich habe ihn so satt, diesen arroganten, ewig nörgelnden Chef mit seinen Vorschriften und Belehrungen, dieses schäbige Büro, diese muffigen Aktenordner, diese nervtötenden Tabellen und Zahlen, das ist doch kein Leben.Und dann auch noch diese ewigen Engpässe am Monatsende und diese kaum noch überschaubaren Kredite und Finanzierungspläne. Ich will das alles nicht mehr.Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten,schrieb Rousseau. Der Mann hatte doch recht, dieser tägliche Leistungsdruck, dieses Dasein voller To-do-Listen, das ist doch kein Leben. Und deshalb befreie mich aus meinen Ketten, hol mich heraus aus diesen eingeschränkten, armseligen Lebensbedingungen, aus dieser schäbigen 2-Zimmer-Wohnung in diesem heruntergekommenen Stadtviertel und entführe mich, aber bitte nicht auf diese Insel von Robinson Crusoe, von der dieser Rousseau in seiner Naturverbundenheit so begeistert war, wo ich dann aber auch wieder jeden Tag ums Überleben kämpfen und mir erst eine primitive Hütte bauen muss, sondern entführe mich auf die paradiesischen Seychellen oder Malediven im türkisfarben Meer oder nach Saint-Tropez, an der traumhaft schönen Côte d’Azur, zu dieser Stadt der Reichen und Schönen, und zwar in einen luxuriösen Bungalow, denn nur da kann sich dann mein kreativer Geist mit seinen künstlerischen Ambitionen richtig frei entfalten und das Leben in vollen Zügen genießen. Denn abzukratzen, ohne wirklich gelebt zu haben, ohne das Leben in allen Facetten wild und berauschend kennengelernt zu haben, so wie deine perfekten, erfolgreichen und makellos schönen Personen in diesen traumhaft schönen Locations, das will ich nicht. Und deshalb entführe und verführe mich, ich freue mich schon so auf dich und ich möchte mich natürlich auch bei dir bedanken, für das, was du alles für mich tust. Und als ich nun heute Morgen die Stuttgarter Zeitung aufgeschlagen habe, da sprang es mir förmlich in die Augen:Faust 21,Schauspiel nach Johann Wolfgang von Goethe. Das ist es, dachte ich sofort, eine Eintrittskarte fürFaust 21,das ist das richtige Geschenk für meine zauberhafte Verführerin. Du hast doch sicher schon von diesem politischen Theaterprojekt von Volker Lösch gehört. Ich bin überzeugt, es wird dir gefallen, vor allem dieser Mephisto wird dich begeistern, er ist ja sozusagen ein Kollege von dir. Ich muss natürlich gestehen, Goethes Faust, Pflichtlektüre in der Schule, hat mich früher so was von angeödet, nur mühsam habe mich von einer Seite zur nächsten gequält. Doch heute, heute liegt dieser Faust auf meinem Nachttisch. Immer wieder lese ich in diesem Werk und finde es großartig. Es ist dieser Mephisto, diese faszinierende Persönlichkeit, die mich magisch anzieht, die mich einfach nicht mehr loslässt. Was für ein grandioser Verführer. Wie der es schaffte, diesen Faust in seinen Bann zu ziehen und wie eine Marionette zu führen, genial, einfach genial. Man muss sich das einmal vorstellen, dieser Faust war ja nicht irgendeine naive Person, Faust war ein Wissenschaftler, ein intelligenter Typ, aber eben auch ein Mensch mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten, Sehnsüchte, die auf Erfüllung drängten, die ein anderes, besseres Leben wollten. Und nur deshalb hat es dieser Mephisto geschafft, ihn zu verführen, seinen Verstand, seine Intelligenz, einfach zur Seite zu schieben. Ja, der Verstand hatte bei dem alternden Wissenschaftler, der mit seinem Leben unzufrieden war und sein geistiges Streben als sinnlos erachtete, einfach keine Chance. Die Sehnsucht nach Lebensgenuss und sinnlichen Abenteuern, die Mephisto in ihm geweckt hatte, war einfach zu groß. Dieser Versuchung konnte er nicht widerstehen. Der Traum von einer vielversprechenderen, erstrebenswerteren Welt, dieser fesselnde Hauch des Neuen, des Unbekannten, zog ihn magisch an. Ja, er wollte diese alte akademische Welt nicht mehr, die für ihn keine neuen Erkenntnisse brachte, wollte sich nicht länger mit dieser nüchternen, eintönigen Wissenschaft durchs Leben quälen, er wollte, so wie ich, diesem tristen Dasein entfliehen und das Leben in vollen Zügen genießen, wollte noch einmal die Kraft der Jugend in sich spüren, die Intensität der Liebe, der Leidenschaft. Diese alles sprengenden Wünsche und dann endlich: …Im Tale grünet Hoffnungsglück; der alte Winter, in seiner Schwäche, zog sich in rauhe Berge zurück …

Hoffnungsglück, endlich Licht am Horizont, Sonne, Wärme, der alte, schwache Winter zog sich zurück und befreit aus der kalten Erstarrung, befreit von allem Belastenden und Erdrückenden konnte dieser Faust noch einmal durchstarten, noch einmal so richtig Gas geben und sein Leben in vollen Zügen genießen. So wie ich, meine geliebte Anja, auch für mich besteht nun Hoffnungsglück, denn du bist jetzt da, bist wie ein wärmender Sonnenstrahl in mein eintöniges, frustrierendes Dasein getreten und hast mir gezeigt, wie schön das Leben sein kann, das Leben in dieser traumhaft schönen, glückversprechenden Werbe-Wunderwelt, kreiert von so einer bezaubernden Werbetexterin.

Ich habe mir schon eine Probe vonFaust 21angesehen und sie hat mich total begeistert.Der Regisseur, Volker Lösch, verbindet in diesem Theaterprojekt Goethes Verse mit Tages- und Wirtschaftspolitik, mischt sich ein in das Geschehen der Stadt und des Landes, zum Beispiel in das Milliardenprojekt Stuttgart 21,das die Stadt modernisieren soll. Goethes Faust, der sich nach Lust und Genuss, nach Verjüngung und Allmacht sehnt, wird in Löschs Aufführung zum zeitgenössischen Faust, der nach Macht und Gewinn strebt und dessen Sehnsucht sich in der Gigantomanie wirtschaftlicher Großprojekte erfüllt. Und so erhält ein alter Stoff eine sehr heutige, sehr politische Sicht. Du wirst doch kommen? Morgen Abend, 20:00 Uhr, Schauspielhaus, Oberer Schlossgarten 6. Ich bin überzeugt,Faust 21wird auch dir gefallen. Vielleicht kannst du ja, als Mephisto unserer heutigen konsumorientierten Gesellschaft, sogar noch etwas von deinem grandiosen Kollegen lernen, in eurer Branche ist man doch immer auf der Suche nach neuen, noch effizienteren Psychotricks. Ich freue mich jedenfalls auf unser erstes Date, auf unsere ersten gemeinsamen Stunden im Schauspielhaus, auf den Beginn einer glücklichen, traumhaft schönen Zeit.

Dein Johnny

Anja starrteauf die Eintrittskarte, las den Brief ein zweites Mal und spürte bei jedem Satz, dass etwas Bedrohliches, etwas nicht mehr Aufzuhaltendes in ihr Leben eindrang. Verärgerung, Wut stieg in ihr auf und schließlich: Angst, Angst vor diesem Mann.

– Guten Morgen Anja. Sie zuckte zusammen, blickte erschrocken auf Mike Schäfer, den Kreativdirektor der Agentur, der vor ihr stand. Sie hatte ihn nicht hereinkommen hören.

– Ich suche das Briefing von Gabelmann, Ann-Kathrin meinte, du hättest es.

– Ich? fragte sie ganz perplex.

– Ist irgendetwas? Du siehst so verstört aus.

– Nein, nein, ich …, hastig schob Anja den Brief unter ihre Unterlagen.

– Wer schreibt dir denn auf rotem Briefpapier? fragte er.

– Das Briefing, ja, ich glaube, ich habe das hier irgendwo. Völlig durcheinander suchte sie auf ihrem Schreibtisch nach den Unterlagen von Gabelmann, die die wichtigsten Informationen über seine Marketingziele für sein neues Werbeprojekt enthielten.

– Hier ist es. Sie reichte es Mike und wartete darauf, dass er wieder gehen würde. Aber er blieb stehen.

– Ich hole dich dann morgen so gegen 19:00 Uhr ab, ist dir das recht?

– Morgen? Anja sah ihn fragend an.

– Morgen Abend ist doch die Eröffnungsparty der Wellness- und Beautyfarm, Weinhardt hat uns doch eingeladen, hast du das vergessen? fragte Mike.

– Ach ja, richtig, entschuldige, ich …

– Du kommst doch mit?

– Ja, natürlich, erwiderte sie und rang sich ein Lächeln ab. Natürlich komme ich mit. Sie hatte sich auf diese Eröffnungsparty gefreut, hatte sich extra für diesen Anlass ein Kleid gekauft. Sie war schon lange nicht mehr auf einer Party gewesen, hatte die Abende in den letzten Monaten überwiegend allein zu Hause verbracht. Seit der Trennung von Chris hatte sie sich etwas zurückgezogen. Auch als Mike, der seit drei Monaten in der Agentur arbeitete, sie das eine oder andere Mal zum Essen eingeladen hatte, hatte sie am Anfang immer eine Ausrede gehabt. Doch er war hartnäckig geblieben, stets freundlich und liebenswürdig, und sie fand, die beiden Abende, die sie inzwischen gemeinsam verbracht hatten, waren sehr nett und unterhaltsam gewesen.

– Schön, dann also morgen so gegen 19:00 Uhr?

– Ja, geht in Ordnung, erwiderte Anja.

– Ich freue mich auf den Abend, sagte er, lächelte ihr zu und ging mit dem Briefing zurück in sein Büro. Ja, auch sie freute sich auf diesen Abend. Sie hatten sich beim Präsentationswettbewerb gegen sieben Agenturen durchgesetzt. Herr Weinhardt, der Besitzer der Beauty-Wellness-Oase, hatte sich relativ schnell für ihre Agentur entschieden. Ihre strategische Kompetenz im ‚Fashion & Beauty‘-Bereich und ihre kreativen Ideen für die imagebildende Kampagne, die möglichst viele Zielgruppen erreichen soll, hatten ihn von Anfang an eindrucksvoll überzeugt. Es würde bestimmt ein schöner Abend werden.

November 2005

Zentimeter für Zentimeter fraß sich die Sägekette mit einem knatternden, ohrenbetäubenden Lärm durch den Stamm der großen Birke auf dem Nachbargrundstück. Nebel umhüllte die Häuser, senkte sich auf die Straßen, die Gärten und den Neckar. Alles war grau und düster an diesem kalten Novembertag in Tübingen.

Der Kunsthistoriker und Maler Claus Hoffmann saß allein, in sich zusammengesunken, in seinem Sessel vor dem großen Wohnzimmerfenster und blickte auf den Liegestuhl in seinem Garten. Tag für Tag saß er hier, von morgens bis abends, oft bis spät in die Nacht, Woche für Woche. Herausgerissen aus einer Welt voller Glück und Zukunftsträume saß er allein in diesem kalten, stillen Haus, allein mit seinem Schmerz und seinen Erinnerungen, allein in dieser düsteren, kalten Welt, aus der jegliche Farbe gewichen war.

Heute jedoch störten die beiden Männer auf dem Nachbargrundstück diese Stille und zwangen ihn, mit ihrer lauten Motorsäge und den kraftvollen Axthieben, den Liegestuhl immer wieder zu verlassen und seinen Blick auf ihre Arbeit zu richten. Alle Bäume, die jahrzehntelang jedem noch so heftigen Sturm kraftvoll getrotzt hatten, waren inzwischen gefällt, bis auf diese Birke, bei der sie schon auf der Seite, nach der sie fallen sollte, unten über dem Wurzelansatz eine Fallkerbe in den Stamm eingeschnitten hatten. Jetzt sägten sie gerade von der anderen Seite des Stammes auf die Fallkerbe zu. Kurz, bevor sie diese erreichten, zogen sie die Motorsäge zurück und das alles durchdringende, nervtötende Geräusch, das sie bei ihrer Arbeit verursachten, verstummte. Noch stand die Birke ruhig und majestätisch, in ihrer ganzen Würde, mit ihrem ausladenden Geäst da, so als könnte ihr die Verletzung, die sie ihr beigebracht hatten, nichts anhaben. Das Telefon klingelte. Hoffmann ignorierte es. Unbeweglich saß er da und konzentrierte sich auf die Arbeit der Männer. Einer von ihnen holte jetzt eine Axt und begann mit wuchtigen Hieben einen Keil in den Fällschnitt zu treiben. Gleich, gleich musste die Birke fallen. Die Zweige und das restliche Herbstlaub begannen unter der Wucht der Schläge zu zittern. Ein letzter wuchtiger Axthieb, ein dumpfes Bersten, knackend und krachend stürzte der Baum auf den vom Regen aufgeweichten Boden. Hoffmann starrte auf die Zweige, auf ihr letztes hilfloses Wippen, bis sie endlich niedergestreckt, ihres Daseins beraubt, still auf dem Nachbargrundstück lagen und sich in ihr Schicksal fügten. Sein Blick wanderte über die abgesägten Äste der anderen Bäume, die verstümmelten Stämme und ausgegrabenen Baumwurzeln. Baumwurzeln, die sich noch an die letzten Reste dunkler, nasser Erde klammerten, Erde, die sie jahrzehntelang hatte wachsen lassen, die sie hatte leben lassen. Innerhalb weniger Stunden hatte man es ihnen nun genommen, das Leben. Bei Corinna waren es nur wenige Minuten oder auch nur Sekunden gewesen. Sie war kurz nach dem Aufprall an der Unfallstelle verstorben.

Corinna. Tränen traten in seine Augen. Alles in ihm sehnte sich nach ihr, nach ihrer Nähe, nach ihren strahlenden Augen, ihrem unbeschwerten, fröhlichen Lachen, nach jedem einzelnen so kostbaren, glücklichen Moment. Sie wollten zusammenziehen. Sie hatte ihren Job als Floristin in Heilbronn schon gekündigt. Verzweifelt wanderte sein Blick wieder zu dem leeren Liegestuhl neben dem Seerosenteich. Es war ihr Lieblingsplatz gewesen. Von dort aus hatte sie immer den filigranen, farbenprächtigen Libellen bei ihren faszinierenden Flugkünsten zugesehen.

– Sie tanzen, hatte sie immer gesagt, wenn die Libellen, bei ihrem Flug über dem Teich abrupte Richtungswechsel vollzogen, auch an dem Tag, als sie zum letzten Mal auf diesem Liegestuhl gelegen hatte.

– Sieh nur, wie sie wieder tanzen. Ich glaube, sie sind sehr glücklich, so wahnsinnig glücklich wie wir. Sie hatte ihn an sich gezogen und leidenschaftlich geküsst.