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NACH HUNDERT JAHREN IN VERGESSENHEIT ist ein fulminantes literarisches Debüt aus dem Jahr 1912 nun endlich wieder zu entdecken. Die titelgebende Novelle Der Zauberlehrling spielt im goldenen Wien der Jahrhundertwende und porträtiert in bunter Farbenpracht das Leben der jungen Künstlerbohème zwischen Burgtheater und Café Central. Eines heißen Sommernachmittags verführt der rastlose Dichter Georg Hübner die schöne, lebenshungrige Katharina. Doch auch ihre 17-jährige Schwester Elisabeth hat es dem zornigen jungen Mann angetan. Schnell entspinnt sich eine leidenschaftliche und zerstörerische Dreiecksgeschichte. Die verheerenden Konsequenzen daraus müssen zum Schluss alle drei tragen... Mit ihren in diesem Band erstmals versammelten Erzählungen schreibt Marta Karlweis (1889–1965) sich ein in die große Riege österreichischer AutorInnen von Weltrang. Ihr psychologisches Gespür für gesellschaftliche Abgründe und feinste seelische Regungen lässt ihr literarisches Werk ohne Weiteres neben dem eines Stefan Zweig oder eines Arthur Schnitzler bestehen. „Marta Karlweis schreibt ohne Weichzeichner, manchmal distanziert, fast spöttisch, dann wieder mit großer Nähe zu ihren Figuren“ – Bettina Eibel-Steiner, DIE PRESSE "Am gründlichsten vergessen werden in der Literaturgeschichte jene Frauen, deren Werke der Nationalsozialismus zunichtemachte. So ein eklatanter Fall ist auch Marta Karlweis (1889-1965)" – Franz Haas, DER STANDARD
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2021
Marta Karlweis
Der Zauberlehrling
Literaturmuseum Altaussee, Bildarchiv
Marta Karlweis
Der Zauberlehrling
Novellen
Mit einem Nachwort
herausgegeben von
Johann Sonnleitner
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© 2021 DVB Verlag GmbH, Wien
Umschlaggestaltung: Gianluca Coscarelli, Hamburg
www.dvb-verlag.at
Inhalt
Der Zauberlehrling
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Das Märchen von der Stille.
Die Uhr auf dem Fenstersims
Geschichte einer kärntnerischen Baronin
Zu Marta Karlweis’ Erzählungen
Anmerkungen
Drucknachweise
Eine Erzählung
Die heiße Stadt hauchte ihren schwülen, beklemmenden Atem durch das offene Fenster in die Mansarde und erfüllte den niedrigen Raum mit einem quälenden Geruch von Menschen, Staub und erhitztem Asphalt.
Georg lehnte an der wackeligen Kommode, die Hände in die Taschen seiner gelben Leinenhose vergraben, und sah zu, wie Katharina vor dem halbblinden Spiegel etwas völlig Überflüssiges tat. Sie brachte an ihrer zierlichen Person allerlei in Ordnung, was gar nicht in Unordnung geraten war. Weiß, schlank und nett stand sie da, lockerte mit vorsichtigen Fingerspitzen die leichten Scheitelwellen ihres roten Haares, tastete prüfend über die feine Krause am Halsausschnitt, zupfte an der Bluse und strich glättend über den Rock. Schließlich wandte sie die gleiche ernsthafte Aufmerksamkeit dem Florentinerhute zu, der neben ihr auf dem Sessel gelegen. Sie hob den Hut, um ihn aufzusetzen, und warf einen huschenden Blick in den Spiegel. Da erschrak sie. Georgs Gesicht sah ihr aus dem Spiegel entgegen. Die hellen Augen lauerten zornig unter den buschigen blonden Augenbrauen hervor, und um den weichen, sinnlichen Mund unter dem hängenden Schnurrbart schlich ein weher Hohn, der auf rätselhafte Weise überall in diesem Gesicht vorhanden und dennoch unauffindbar schien. Katharinens Blick blieb einen Augenblick an der auffallend mächtigen Stirne haften, die merkwürdig weiß aus dem Spiegel leuchtete. Zögernd legte Katharina den Hut wieder fort und fragte unsicher über die Achsel weg: „Was schaust du so?“
Georg drückte die Augen ein wenig zusammen und antwortete langsam, als wäre ihm jedes Wort ein Genuß. „Junge Dame, ich sehe mit Vergnügen, daß Sie heute nichts anhaben.“
Blitzschnell drehte sie sich um.
„Was?!“
„Ich meine, um den Hals.“
Ja so!“
Sie sah ihm mit ihren gescheiten grauen Augen von unten her ins Gesicht und verzog den Mund, als müßte sie gewaltsam ein Lachen verschlucken.
Georg sah sie belustigt an. „Wurstl!“, sagte er, mit einem raschen Schritt zu ihr hin, nahm sie um die Schultern und küßte sie. „Wurstl, du!“
Gleich war alle Heiterkeit aus ihrem Gesicht verschwunden. Sie sah aus wie ein erschrecktes Kind. Er ließ sie los, strich mit beiden Händen das feuchte Haar aus der Stirn und warf sich auf sein Bett. Sie blieb hilflos mitten im Zimmer stehen.
Er fing an zu pfeifen. Sie erwachte wie aus einem beklemmenden Traum, machte Ordnung in ihrer verstörten Miene und sagte: „Du sollst mich nicht Wurstl nennen!“
„Warum nicht?“
„Vielleicht hast du’s gar nicht notwendig!“ Ihr Ton klang eigensinnig. „Ich weiß ja noch nicht, ob du nicht selber einer bist...“
Georg richtete sich auf. „Komm’ einmal da her, Katharina!“
Sie rührte sich nicht.
Georg sah, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. Plötzlich begriff er. Lachend stand er auf, nahm die geblümte Kattundecke vom Tisch und legte sie über das offene Bett. Jetzt ist es ein Sofa“, spottete er, „ein anderes hab’ ich nicht. Wollen Sie hier Platz nehmen, Fräulein Katharina?“
Sie kam.
Er streifte sie mit einem lauernden, unter den Lidern verborgenen Blick. „So, Kind, jetzt können wir gemütlich plaudern. Sag’ einmal -“, er beugte sich vor, um ihr ins Gesicht zu sehen, „warum horchst du mich immer so ängstlich aus?“ Er machte wieder eine Pause; dann vorsichtig, jede Silbe abwägend: „Witterst du irgend etwas in mir, was dich - quält?“
Da sie regungslos sitzen blieb, nahm er sie in seine Arme. Sie überließ sich mit geschlossenen Augen seinen Küssen. Er lachte über ihren wehen Mund und küßte sie wieder. Aber ihm wurde nicht wohl bei diesem Lachen.
„Richtig!“, fing er wieder an. „Du bist heute zum erstenmal bei mir, und ich habe dich eigentlich noch gar nie gefragt: hast du mich lieb?“ Er bohrte seinen sonderbar zornigen Blick in ihr armes trauriges Gesicht und wartete. Sie schwieg. Er wartete noch immer. Aber als er fühlte, daß ein trockenes Schluchzen sie schüttelte, gab er sie frei und sagte gelassen: „Na, das macht nichts.“
Sie murmelte: „Ich bin doch hier bei dir!“
„Und -?“
„Also für so eine hältst du mich?“ Sie fing an zu weinen.
Georg wurde ärgerlich. „Aber Kind, du bist doch da! Und erklärst: du hast mich nicht lieb! Das sind zwei einfache Tatsachen und weiter nichts. Ich konstatiere sie, und du wirst auf einmal sentimental. Du bist doch sonst so gescheit.“
„Ich weiß nicht“, murmelte sie gereizt, „ich traue dir nicht. Ob du wirklich alles so einfach und natürlich siehst -? Du bist immer im Hinterhalt - ich weiß ja nicht“, wiederholte sie gequält, „ich weiß ja nichts!“
Georg lachte wieder. „Wie feig du bist! Wie du das Terrain rekognoszierst! Das ist verächtlich, liebe Katharina - nicht, daß du da bist.“ Und mit einem Ruck zwang er sie wieder in seine Arme. „Aber einen wundervollen Mund hast du doch.“
Sie wehrte sich, stemmte die Arme gegen seine Brust und bog den Kopf weit zurück, keuchend vor Erbitterung. Aber auf einmal ließ ihr ganzer Körper nach, und Mund an Mund flüsterte sie heiß und gepreßt: „Ich hab’ dich lieb - ich hab’ dich ja lieb -“
Georg riß sie mit sich nieder auf die Polster, und ihre Küsse verbissen sich wütend ineinander. Doch plötzlich wand sich Katharina schreiend aus seinen Armen und stieß ihn mit aller Kraft von sich fort.
„Georg! Um Gottes Willen - ich fürchte mich so entsetzlich vor dir.“
„Ach was! Gib deinen Mund her, deinen süßen Mund!“
Katharina entwand sich ihm und glitt zu Boden. „Georg“, flehte sie, „sei ruhig, sei gut, Georg!“
Er richtete sich auf und haschte ihre Handgelenke. Gefangen kniete sie vor ihm. „Sei ruhig, sei gut!“, höhnte er. „Bist du zu mir gekommen, um mit mir zu plauschen wie zu Haus beim Kaffee? Warum lügst du so? Warum? Warum? Warum?“ Und bei jedem „Warum?“ rüttelte er sie wie eine leblose Masse.
Sie sank in sich zusammen, als wollte sie sich auslöschen wie ein sinnloses Wort, und fing bitterlich zu weinen an.
Georg fuhr sich durch die Haare. „Katharina! Bist du wirklich so kindisch? Oder spielst du dir und mir eine Komödie vor?“
Sie hob den Kopf und sah ihm gerade ins Gesicht. „Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts von mir. Wüßt’ ich etwas, dann wär’ ich wahrscheinlich nicht hier bei dir.“
Georg wollte antworten, aber sie wehrte mit einer Gebärde ab, die er noch nie an ihr bemerkt hatte. Sie sah wundervoll beredt aus in dieser halb knieenden abweisenden Stellung. Und während er sie betrachtete, erkannte und begriff er plötzlich etwas bisher Unbekanntes und Unverständliches in ihr.
„Bitte: sag’ nichts!“, bat sie mit einer ungewohnten, tragenden Stimme. „Ich weiß ganz gut, daß es nicht die Angst vor Tanten und Sittenrichtern ist, die mich quält. Und doch hab’ ich Angst. Das steckt in mir. Die Leute werden schon wissen, warum sie das erlauben und das verbieten. Irgend etwas predigt in mir: Halte dich an - du wirst nichts davon haben, wenn du losläßt - du wirst einfach fallen! Und deshalb glaub’ ich’s auch von den andern so schwer, daß sie wirklich auslassen dürfen, und daß sie dann nicht fallen, sondern schweben. Das halt’ ich aber nicht aus. Irgend einen Stärkeren muß es doch geben, sonst ist es ja nicht der Mühe wert zu leben! Dann lach’ ich wieder über mich und überschrei’ mich und... na ja, und lauf zu einem fremden Mann wieder kamen Tränen in ihre Stimme, „und dann übermannt mich wieder dieses gräßliche innere Mißtrauen. Mein Lachen, und wie ich mich benehme, alles kommt nur daher, nur von dieser Sucht, mich in irgend etwas Festes, Geordnetes zu retten, nur von dieser Angst, die mir im Blut sitzt, gegen die ich mich wütend wehre und die mich immer wieder unterkriegt. Nicht die andern tun’s. Und von Anfang an, gleich wie dich der Seydler auf dem Dampfer zwischen Strobl und Gilgen vorgestellt hat - gleich hat es mich zu dir gerissen... vielleicht weil ich gehofft habe: du wirst diese Angst unterkriegen, sie vernichten. Du hast anders ausgesehen als alle, die ich bis dahin gekannt habe. Aber ich werde immer wieder unsicher. Warum? Ich weiß nicht. Und im letzten Augenblick mach’ ich mir eben wieder eine Waffe daraus.“ Sie versank wieder in sich und starrte gerade vor sich hin.
Die Luft im Zimmer wurde unerträglich schwül und schwer. Das Atmen war eine Mühe, die die Haut feucht machte.
Georg stand auf und ging zum Fenster.
Kein Hauch rührte sich da draußen. Von allen Ausdünstungen der heißen Stadt verdorben, stand die Luft regungslos über den Gassen.
Es entstand eine schwere Pause. In diese dumpfe Leere hinein fragte Katharina: „Wo hinaus soll das alles? Was soll ich tun?“
Georg drehte sich um. Irgend etwas lag wie Blei auf seinen Nerven. Träge warf er die Antwort hin:
„Geh zum Theater!“
Sie fuhr herum, und ihre Augen wurden weit, gierig und erschrocken zugleich.
Und er, von ihrer Aufregung angesteckt, wurde lebhafter und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Es ist wirklich mein vollster Ernst.“ Er belebte sich an seiner eigenen Idee. „Du hast eine merkwürdig bildsame Seele. Was tagsüber an dir vorüberzieht, bleibt getreu in ihr verwahrt. Du bist voll von aufgesogenen Bildern und Klängen, die du irgend einmal loswerden mußt, weil du sonst daran erstickst. Nur um dich zu befreien, spielst du soviel Komödie! Weil du aber eigentlich ein ehrliches Wesen hast, quält dich das wieder.“ Er ging auf sie zu und faßte ihren Kopf mit beiden Händen. „Du unberatenes Kind! Hat dir denn noch keiner gesagt, daß du für die Bühne geboren bist?“
Sie sah ihn erstaunt und erwartungsvoll an.
Und Georg begriff plötzlich, daß ihm jetzt ihr ganzes Wesen offen und ohne Rückhalt zugewendet war. Dieser Gedanke befeuerte seine Phantasie und gab seiner Stimme den überzeugenden Ton.
„Was du mit deinen hellsichtigen Augen und deinen feinhörigen Ohren in dich hineintrinkst, was dich verwirrt und mit dir selber uneins macht - das alles wirst du auf deine Rollen laden und von dir weg spielen. So wirst du dein wahres Wesen finden. Und dann brauchst du dich nicht mehr anzuhalten - wie du das nennst. Du wirst loslassen dürfen. Und dann wirst du auch schweben. Und ruhig darfst du die Zügel deines Wesens für eine Weile in andere Hände legen und warten, wohin sie dich führen werden. Und - gleichviel wohin - du wirst nur gewinnen. Es kann dir nichts geschehen.“ Er schwieg voll Erwartung.
Draußen fielen große Tropfen. Schwer und klatschend fielen sie auf das Fenstergesimse.
Nach einer stummen Weile fragte Katharina mit kleiner, kindlicher Stimme: „Wohin führst du mich dann, Georg?“
Er lächelte glücklich.
„Ins Freie -“
Sie wollte ihm in die Augen sehen. Aber das konnte sie nicht. Sie wurde verlegen. Ihr Blick glitt unruhig ab.
Georg sah, daß sie errötete, und er empfand, wie aus diesem Augenblick eine neue Mauer zwischen ihnen wuchs. „Katharina!“ Er nahm den Kampf mit gequälter Lebhaftigkeit wieder auf. „Du bist doch so ganz bühnenhaft! Unglaublich wirkungsvoll! In dir steckt etwas unerhört Tüchtiges. Du mußt nur vorwärts wollen. Könnt’ ich dir nur im Blut sitzen und dich vorwärts treiben!“
Aus seinen Worten klang die Anstrengung einer künstlich aufgestachelten Kraft. Aber er fühlte, wie diese Kraft sofort wieder Herrschaft über Katharina gewann.
Sie warf den Kopf zurück und hielt ihm ihren Mund mit einer ganz in Leidenschaft verlorenen Gebärde entgegen.
Er küßte sie lang und heiß, und durch die Nähe ihres Körpers erregt, redete er zerhackte Sätze, abgerissene Worte: „Und ich will Stücke für dich schreiben, Katharina, deine Rollen - o - Rollen! Du wirst - ja weinen wirst du - und - du wirst jauchzen, du wirst den Pöbel aus seinem Elend reißen, wirst ihn begeistern - entflammen - erheben! Katharina! Wir beide, wir wollen miteinander die Welt erobern! O Katharina, Katharina - wie werde ich für dich schaffen, wie wirst du für mich siegen! Gute Waffenbrüder werden wir sein - Schulter an Schulter fechten! Laß’ sie nur kommen, die Wohlanständigen, die Geordneten! Sie haben uns gepeinigt, verwundet, geschädigt, unser Blut haben sie vergiftet, unsere Freuden haben sie zuschanden gemacht - aber jetzt! Katharina, wir beide, du und ich, wir wollen schon mit ihnen fertig werden!“
Katharina rang sich so heftig aus Georgs Armen, als könnte sie seine Berührung nicht mehr ertragen.
Georg zürnte schreiend: „Was hast du wieder? Mach’ mich nicht toll! Red’! Oder geh’!“
Er ließ ihre Arme los. Sie erschrak. Und während er stumm zum Fenster hinüberging, preßte sie die zuckenden Lippen auf die roten Flecken, die sie von seinen Fäusten an den Handgelenken hatte.
Ein Tropfenschauer wehte über das Fenstergesimse in die Mansarde herein. Es regnete in schweren sturmgepeitschten Strömen.
Georg schloß das Fenster, blieb eine Weile stehen und trommelte wütend auf die Scheiben.
Draußen stürzte das Wasser herunter, wie vom Himmel ausgeschüttet, und tanzte mit sprühendem Wirbel auf den Dächern, die selbst in strömender Bewegung schienen.
Georg sah hinaus. Er wurde ruhiger.
Als er sich wieder umdrehte, kauerte Katharina mit hochgezogenen Knien auf dem Bett und starrte regungslos vor sich hin. Langsam liefen die Tränen über ihre Wangen und fielen ihr in den Schoß.
Georgs letzter Zorn erlosch. Und je länger er sie ansah, desto stärker erwachte in ihm die Sehnsucht, dieses hilflose Geschöpf mit linder Zärtlichkeit zu behüten und vor allen Grausamkeiten des Lebens zu bewahren. Er schloß die Augen, voll tiefer Lust einem körperlichen Erinnern hingegeben. Woher kam auf einmal dieser schwimmende Hauch von Frische und bittern Mandeln? So hatte das junge Heu in Strobl gerochen, wenn er am Morgen durch den schlafenden Ort hinuntergelaufen war zum See. Und dort wartete Katharina im Boot, weiß und frisch, im roten Glorienschein ihres krausen Haars. Diese Morgen, diese duftenden Morgen am Wolfgangsee! In wundervoller Ruhe lag die ganze Welt. Nur die Grillen zirpten auf den Wiesen, und das Wasser gluckste heimlich unter dem Boden des Kahns. Nun stieg die Sonne und wurde heiß - und verwandelte alles Wollen und Denken in dämmerndes Genießen.
Die Erinnerung an den feinen Zauber jener Stunden rührte Georg. Er setzte sich wortlos neben Katharina, zog ihr das Taschentuch aus dem Gürtel und trocknete behutsam ihre Tränen. Begierig zog er den Veilchenduft ein, der dem dünnen Battist entströmte. Wie er diesen feinen Hauch von Wohlgepflegtheit an ihr liebte! Leise faßte er ihre Hand und begann mit diesen schlanken Fingern zu spielen. Dabei betrachtete er ihre feinen Halbschuhe und dachte darüber nach, wie hübsch und ordentlich die kleinsten Dinge ihrer Kleidung zusammenpaßten. Nur die Krause störte ihn. Und als er entdeckte, daß sie im Nacken mit einem Bändchen befestigt war, fing er behutsam an der Schleife zu ziehen an, hielt immer wieder neugierig inne und lockerte dann vorsichtig weiter.
Sie ließ es sich gefallen. Die Krause fiel herunter. Aber da faßte Katharina seine Hand und bat traurig und leise: „Nicht -!“
Es wurde ganz still. Auf einmal sagte Georg mit einer ganz neuen, leisen Stimme: „Katharina! Ich bin den ganzen Tag hier gelegen und hab’ auf dich gewartet.“
Sie erschrak so sehr, daß sie vor Angst zu zittern anfing. Aber sie schwieg.
„Katharina? Sind wir nicht große Kinder? Wir reden und reden viel und wollen uns helfen mit Reden...“ Er faßte sie ungestüm, mit bebenden Händen. „Ist das nicht alles ein Unsinn? Sind wir nicht jung, und ist nicht jeder Tag von Wundern voll, die nur wir empfinden können, weil wir jung sind? Fühlst du denn nicht, Katharina, wie tief jede Stunde ist? Bist du nicht jeden Morgen und jeden Abend selig, wenn du deinen jungen Körper spürst? Katharina - denkst du dann nie an mich, du Süße -, Katharina? Sag’ mir’s doch einmal: hast du mich lieb?“
Ja“, stieß sie gewaltsam hervor, „ja, ja, ja“, mit solcher Qual, mit so verzweifeltem Wollen im Ton, daß Georg die Arme sinken ließ und zurückwich, als hätte ihn Katharina ins Gesicht geschlagen.
Der Regen hatte aufgehört. Nichts regte sich.
Die zwei Menschen atmeten kaum.
Plötzlich drückte Katharina die Hände über die Ohren und schloß die Augen. „Wie weh mir die Stille tut!“, flüsterte sie.
Ganz ferne, auf irgend einem Kirchturm, schlug eine Uhr.
Katharina fuhr auf. „Ich muß nach Haus, Georg, ich muß nach Haus!“
Georg antwortete nicht.
„Ich bitte dich - laß’ mich Georg!“
Er rührte sich nicht.
Sie war wieder dem Weinen nah. „Ich fürchte mich so!“
Er sagte: „Geh’ doch!“, und stand auf, um ihren Hut zu holen.
Sie blieb willenlos sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, und sah ihm nach.
Gelassen suchte er ihre Handschuhe und die Hutnadeln. Doch er schien ihren Blick zu fühlen und, von diesen weitgeöffneten Augen gezogen, drehte er sich um. Nadeln und Handschuhe fielen ihm aus den Händen.
Er sah deutlich, wie sie ihn nicht rufen wollte und ihn dennoch rief, mit einem leisen Beben des Körpers, einem kurzen, kaum merklichen Heben der Arme.
Sie wollte ihn bitten, ihr den Hut zu reichen. Aber sie hatte die Herrschaft über ihre Züge verloren. Sie wollte schreien - und lächelte. In ihrer Angst drückte sie die Augen zu. Aber zugleich ging ein weiches Lösen durch ihre Glieder, wie sehnsüchtige Zärtlichkeit.
Georg kniete vor ihr und bog ihren Kopf zu sich herab. In seinen Augen flackerte der Wunsch. „Katharina“, murmelte er zwischen den Zähnen, „wehr’ dich nicht mehr! Siehst du denn nicht, daß ich verrückt werde? Ich hab’ dir damals in Strobl gesagt: ich werde dich nicht rufen, du wirst von selbst kommen, wenn es so sein muß! - Ich hab’ auf dich gewartet. Du bist gekommen - du bist da! ... Katharina?“
Ihre Augen wanderten wie die einer Irren. Sekundenlang hafteten sie auf ihm. Tausend Schrecken waren in ihrem Blick.
Georg umklammerte sie heißer. „Katharina! Du Süße!
Fürchte dich nicht so vor mir! Ich will ja nichts von dir. Laß’ mich nur dein Herz küssen, nur dein liebes, süßes Herz...“
„Nicht - nicht!“ lallte sie erstickt und suchte seine Hände von ihren Brüsten wegzudrängen. Sie wollte aufspringen, aber sie stieß an einen Sessel, taumelte und fiel in seine Arme. Jählings gab sie allen Widerstand auf. Erschöpft und halb bewußtlos überließ sie sich diesen drängenden Händen.
Und er, mit fliegendem Atem und in den Zähnen knirschend, riß ihr wild und ungeschickt die Kleider vom Leib und warf sie auf das Bett hin.
Da stieß sie ihn noch einmal mit aller Kraft von sich und richtete sich auf. Das traf ihn wie ein Stoß mitten ins Leben, er stand wie gelähmt - aber sie bückte sich nur, hob die Kleider, die in einem wirren Haufen dalagen, auf den Sessel, drückte die Augen zu und streifte Schuh und Strümpfe von ihren Füßen.
Georg sah sie an, - ein paarmal zuckte es um seinen Mund - dann mußte er lachen, verwundert und belustigt, wie über einen frechen und dennoch zierlichen Witz. Und mit halb verlöschendem Lächeln sagte er langsam:
„Schau, das hätt’ ich heute zum erstenmal in meinem Leben vergessen.“
Als Georg das Haustor zuwarf und mit Katharina in die nasse finstere Nacht hinausging, schlug ihm der Sturm das Wort vom Mund. Frostgeschüttelt kreuzte Katharina die Arme vor der Brust und preßte die Lippen aufeinander. Dennoch hörte er das leise Fiebern ihrer Zähne und fühlte selbst, wie ihm die nasse Kälte durch alle Glieder kroch.
Ein Einspänner rasselte vorüber.
Georg zögerte einen Augenblick, dann rief er ihn an, ließ Katharina einsteigen, nannte dem Kutscher Gasse und Hausnummer - und flüsterte: „Adieu, Schatz!“ und trat zurück.
Der Wagen rollte fort.
Georg lauschte. Die ganze Florianigasse hinunter hörte er noch das holperige Rollen der Räder und den kläglichen Hufschlag des stolpernden Gauls.
Als alles wieder still wurde und nur der Sturm noch zwischen den Häusern war, atmete Georg tief und ging der Gasse nach, erst langsam, dann immer schneller. Und schließlich rannte er keuchend, bis er vor dem Burgtheater in das Gedränge der eben aus dem Hause strömenden Menschen geriet. Er preßte sich gerade dort durch die Menge, wo sie sich am dichtesten vor der Haltestelle der Straßenbahn staute. Erbittert arbeitete er mit Schultern und Ellbogen, obwohl er mit wenigen Schritten das Gedränge hätte umgehen können. Lautes Schelten und grobe Zurufe umschwirrten ihn. Aber dieses Schieben und Stoßen tat ihm wohl. In der Bankgasse wurde sein Schritt wieder ruhig.
Als er sich im Café Central durch die Drehtüre hineinschob, verschlug ihm diese heiße rauchige Luft, dieser Kaffeegeruch und Alkoholdunst den Atem und trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Der große Raum war voll von Menschen. An allen Ständern hingen nasse Überkleider. Georg sah sich um, fand keinen Bekannten und wollte wieder gehen. Aber der gewohnte schwere Geruch des Saales hatte eine sonderbar zwingende Macht über ihn, der er sich nicht entziehen konnte. Es ließ ihn nicht mehr fort.
Er setzte sich an einen leeren Tisch und murrte: „Zeitungen!“
Endlos lange hielt er das Berliner Tageblatt verkehrt in der Hand und erschreckte den wartenden Kellner durch eine Grimasse, die sein Gesicht bis zur Affenähnlichkeit verzerrte. Plötzlich schleuderte er die Zeitung weg und starrte, die Arme über den Tisch geworfen, dem Kellner ins Gesicht. Irgend etwas juckte ihn in allen Fingerspitzen und reizte seinen Willen zum Bösen.
„Was gaffen Sie, Verehrtester?“, knurrte er mit hämischem Lächeln, „hab’ ich Hörner wie ein Ochs oder Ohren wie ein Esel? Ist mein Gesicht grün und blau gefleckt oder ziert mich eine Nase wie ein Schweinsrüssel? So reden Sie doch, Sie Muster von Korrektheit, antworten Sie, vorwärts - wird’s?“
Der Kellner versuchte zu lächeln. „Der Herr Doktor scherzen. Der Herr Doktor sind ganz tadellos.“
„So? Tadellos bin ich? Da kommen Sie her!“
An den nahen Tischen entstand Bewegung. In allen Ecken und an allen Wänden sah Georg weiße Flecken in dem trüben Grau der schwimmenden Rauchschwaden, weiße Flecken mit Augen, die auf ihn gerichtet waren. Eine Weile mußte er dieses unverständliche Gewirr betrachten, bis er Gesichter unterschied. Aber diese Gesichter hatten für ihn nicht menschliche Züge. Es waren Tierfratzen - wirr durcheinander Gesichter von Füchsen und Wölfen mit spitzen Schnauzen und schiefen Augen, von Raubvögeln mit krummen Hackschnäbeln - dazwischen satte, quakende Frösche, und dort, fettleuchtend, kahl und rosig bis in den Nacken hinunter ein dickes zufriedenes Schwein. Georg hatte die Empfindung: du bist in einem Käfig von Bestien! Und plötzlich packte ihn ein gieriges Verlangen, mit einer Peitsche und einem Revolver mitten unter sie zu springen, zu schlagen, zu schießen, zu schreien, sie röcheln zu hören, ihr Blut zu sehen. Er ballte krampfhaft die Fäuste. Da schnarrte der Kellner:
„Der Herr Doktor wünschen also?“
Georg blickte auf. „Ah - Sie sind noch immer da, mein Bester.“ Er sah dem Schlotternden starr ins Gesicht. „Kommen Sie doch näher!“
„Ich höre hier sehr gut!“, stammelte der Gepeinigte. „Kommen Sie näher, ich kann nicht so schreien!“ Georg fuhr mit der Hand in die Hosentasche. Erblassend kam der lange Mensch um einen Schritt näher. Georg riß die Hand aus der Tasche, der Kellner wich zurück. „Einen Schwarzen möcht’ ich!“, sagte Georg mit seinem liebenswürdigsten Lächeln.
Der Kellner schoß davon. Georg sah mißtrauisch um sich. An den Tischen, an den Wänden und in den Ecken waren nun wieder graue, gekrümmte Menschenrücken.
Da kam Herr Waclav Wondraschek, der Musiker, und näherte sich unter vielen Bücklingen. „Na, wie geht’s, Doktor Hübner, wie geht’s?“ Er rieb sich die Hände, daß die Manschetten locker wurden. Wie ein Vogel in der Mauser sah er aus und war beständig in zappelnder Bewegung.
Georg murmelte eine Antwort und lud ihn mit einer faulen Handbewegung ein, sich zu setzen.
Herr Waclav Wondraschek ließ sich hastig nieder und fing gleich an, von sich und seinen Angelegenheiten zu reden. Er beklagte sich voll versteckter Galle über die künstlerische Qual und Lächerlichkeit seiner Dirigententätigkeit im adeligen Damensingverein und über die Beschränktheit und Arroganz der Vereinspräsidentin, einer Gräfin Prandt, die er nie anders als die „Urschel“ nannte. Er wollte sie karikieren, häufte aber die lächerlichen Züge ihres Charakters so ungeschickt, daß eine Dummheit die andere um ihre Wirkung brachte. Dies schien er selbst zu merken, denn er begleitete jeden seiner mißglückten Geistesblitze mit einem meckernden Gelächter, das ihn entschuldigen und zugleich doch eine gewisse allgemeine Menschenfreundlichkeit markieren sollte - denn Herr Waclav Wondraschek hatte Angst vor seinem eigenen grimmigen Bedürfnis, zu hassen. Dabei focht und wedelte er mit Armen und Beinen, kratzte seinen Kopf und rieb seine Bartstoppeln, daß es einen wetzenden Ton gab.
Georg rührte sich nicht, ließ ihn scharwenzeln und wedeln und beobachtete mit erlesenem, feinschmeckerischem Vergnügen das flackernde Licht in den wasserblauen Augen des Tschechen. Er lehnte sich in den Sessel zurück, grub die Hände behaglich in die Sakkotaschen und fragte sehr freundlich: „Also, Wondraschek, was wollen Sie eigentlich von mir?“
Der Musiker ließ die Virginia fallen, an der er sehr eifrig gekaut hatte, und warf einen raschen mißtrauischen Blick auf seinen Nachbar. Erst wollte er protestieren, dann besann er sich, steckte die Virginia wieder in den Mund und sagte: „Ein Libretto brauch’ ich.“
Georg war enttäuscht. Er hatte irgend eine Perfidie erwartet, einen großangelegten Betrug, einen künstlerisch vollendeten Raubmord oder irgend ein anderes scheußliches Verbrechen. Und nun: ein Libretto! Er antwortete wütend: „Mach’ ich nicht.“
Wondraschek warf seine Virginia mit schlecht verhehltem Zorn wieder weg. Doch bevor er reden konnte, trat Maxim Sauermann an den Tisch, grüßte stumm und setzte sich.
Maxim Sauermann stammte aus Warschau, trug schwarze, hochgeschlossene Clothhemden und schwieg beständig. Niemand wußte, ob er von seinen Artikeln für revolutionäre Blätter lebte oder dieses unsäglich kümmerliche Dasein durch einen geheimen Vertrieb von Bomben und Höllenmaschinen fristete.
Fast zugleich mit Sauermann kam der Schauspieler Erwin Lenk, ein blutjunger Mensch von auffallend zierlichem Wuchs. Er tauchte ein paar banale Begrüßungsworte in den goldgetönten Schimmer seiner zärtlichen Stimme und durchflog den Raum mit geübtem Blick. Der Zauber, den er ausübte, wunderte und belustigte ihn noch und erfüllte ihn mit naiver Freude. So jung war Erwin Lenk.
Nun trat auch der Maler Seydler an den Tisch und drückte Georg die Hand.
Georg sah auf und schaute den Maler an, als sähe er diese stämmige Gestalt mit dem Lutherkopf heute zum erstenmal. Neid und Beruhigung stritten in ihm. „Der hat’s nicht nötig!“, sagte er laut und wies mit dem langen knochigen Zeigefinger auf Seydler.
„Was?“, fragten alle; nur Sauermann schwieg.
„Die Welt zu belügen wie ich, anzubellen wie Pan Wondraschek, in die Luft zu sprengen wie Sauermann oder ihren Kasperl abzugeben wie Lenk.“
„Warum denn nicht?“, fragte Seydler lachend in seiner breiten bayerischen Mundart.
Georg wurde ungeduldig. „Sie stammen doch aus einer fränkischen Bauernfamilie. Und da ist man gesund!“
„Kasperl? Ich, Kasperl?“, rief Lenk beleidigt. „Sie haben keine Ahnung, wie ich so ein Haus voll Menschen beherrsche. Wie ich über der Situation stehe. Ich spiele den Romeo - bitte, den Romeo - und beobachte dabei ganz genau, wie jede einzelne Frau im Parkett auf mich reagiert. Also bitte!“ Er bemerkte an Georgs Lächeln, daß er eine Dummheit gesagt hatte. Und errötend, mit einem reizend verwirkten Knabenlächeln, stammelte er: „O, ich bin nicht stark in der Logik. Aber es ist so wundervoll, wenn eine hübsche Frau mit sich selber uneins wird und ihr empörtes Gewissen zu beschwichtigen sucht, weil ihre Gedanken den schon umschlungen halten, der solche Macht über ihre Physis und Psyche hat.“ Er sagte das so naiv, so voll zärtlicher Innigkeit, daß niemand lachte.
Nur Herr Waclav Wondraschek, der zusammengerollt dasaß wie eine alte Katze und an sein Libretto dachte, knurrte ungeduldig: „Ich? Was? Ich belle nie die Welt an! Das ist wieder so eine bösartige Erfindung vom Doktor Hübner.“
Der Kellner kam und fragte nach den Wünschen der Herren. Sie bestellten Schwarzen und Cognac. Für den abstinenten Sauermann brachte der Kellner, ohne zu fragen, die stereotype Limonade.
An dem Tisch herrschte Schweigen. Jeder rührte in seinem Getränk herum und hing seinen Gedanken nach.
Plötzlich sagte Georg, ohne Wondraschek anzusehen: „Also, wie soll dieses Libretto eigentlich ausschauen?“
Im Nu entrollte sich Herr Wondraschek und lächelte demütig wie ein Diener, den die Ansprache des Herrn zugleich verwirrt und erhebt. Er setzte wortreich und mit vielen Gesten auseinander, was er brauchte. Eine moderne Idee, ganz modern, ein Problem dieser jüngsten Zeit mit allen ihren wirtschaftlichen, geistigen und sexuellen Voraussetzungen, doch so zum Typus vereinfacht, daß es in ein legendenhaftes Spiel hineinzupressen wäre.
Er sprach nicht sehr gescheit, aber mit Vehemenz, und vergewaltigte dabei die Fremdwörter auf eine Art, die in den Zuhörern unwillkürlich die Vorstellung eines gänzlich unkultivierten Menschen erweckte. Doch Georg sah, wie aus diesen unbeholfen holpernden Sätzen etwas wurde und wuchs: ein rohes Gefäß, bis an den Rand gefüllt mit Explosivstoffen. Gewaltsames Aufeinanderprallen von Gegensätzen, brutal wirksame Szenen voll sicheren Theaterinstinktes. „Wirken!“, schrie es aus diesen zerhackten Worten. „Tu’ deinen Geldbeutel auf, du Gesindel, hier gibt es alle Verbrechen und Laster, nach denen du lüstern bist! Hier ist Haschisch, Opium, Notzucht und Massenmord! Da sind gewaltige Untaten und feine Perfidie! Kommt nur, kommt, hier dürft ihr euch das alles erlauben, und kein Polizeimann kann euch arretieren. Aber Geld müßt ihr dafür geben - Geld, Geld, Geld!“
Waclav Wondraschek, besessen vom Dämon seiner eigenen Ausgeburt, fing Umrisse von Melodien zu brummen an, markierte Orchesterstellen mit gedämpfter Stimme und befehligte mit Armen und Beinen eine unsichtbare Armee von Musikern und Sängern. Seine Augen flackerten, rote Flecken brannten auf seinen Wangen, seine Nüstern blähten sich, seine Halsader schwoll. Und er riß sie alle mit sich fort, dieser stoppelbärtige Kobold, der hemmungslos aus sich herausschrie, was den anderen wie eine ängstlich verschwiegene Schande auf dem Herzen brannte: die Sehnsucht nach Wirkung um jeden Preis!
Auch Seydler, der Ruhige, erhitzte sich und entwarf ein Szenenbild, phantastisch und grandios - doch plötzlich hielt er inne, sah die anderen an und sagte bedächtig, mit einer leichten Ironie: „Das kostet aber eine Million!“ Dann schwieg er, lächelte - und ließ die anderen reden.
Lenk behauptete schreiend, er besitze einen herrlichen Tenor, und sang bereits die für ihn geschriebene Hauptrolle dieser Oper - und das war ein Held der Schönheit, er, als einziger Mann in einem Harem junger begehrenswerter Weiber. So sah er sich und schrie und gestikulierte, ohne zu merken, daß er dabei alle Masken seines Lebens fallen ließ.
Sauermann, mit hektisch geröteten Wangen, hockte stumm in dem wirren Geschrei und starrte den Waclav Wondraschek mit dem wachsenden Ingrimm des Rivalen an.
Georg ließ sich willig von diesem Wirbel packen und entlud seine Seele von den düsteren Bildern, die sie bedrückten. Der Mittelpunkt der losen Szenen, die er vor sich hin in die Luft stellte, war ein Knabe, der die Stille nicht ertragen konnte. In diesem Knaben war nichts Festes, keine Ruhe, nur immer das Schwanken, ein tolles Hin- und Herziehen, das ihn halb um den Verstand bringt, wenn er die seltene Muße hat, es zu belauschen. „Sie verstehen“, schrie er aufgeregt in das Stimmendurcheinander hinein, „unsere ganze heutige Zeit leidet an dem: Unfreiheit, fürchterliche Unfreiheit aus Mangel an Gesetzen. Es ist - ich kann mich da nur sehr bürgerlich ausdrücken: es ist kein Halt da! Der Zweifel hat alles aufgefressen, was Tradition hieß. Gemeinsinn entpuppt sich als Parteilichkeit und Eigennutz, Religion als Muckerei und Geschäft. Wir erschrecken. Chaos ist in uns. Wäre plötzlich Stille um uns her, wir müßten an unserem inneren Getümmel zugrunde gehen. Drum fühlen wir uns wohl beim Stampfen und Stöhnen der Maschinen, beim Kreischen der Dampfpfeifen, bei dem ohrenbetäubenden Gerassel und Getümmel, das unser modernes wirtschaftliches Leben beherrscht, unsere Gesellschaft, unsere Kunst! Konkurrenz, Reklame, Genie der Spekulation - das ist unser Element! Der Fabrikant ein Ideal! In Maschinen ist Zweckmäßigkeit, Gesetz und Kraft. Drum können wir da vergessen. Procul negotiis werden wir wahnsinnig. Und nun das Schlimmste -“
Er warf sich gegen den Tisch und legte die geballten Fäuste vor sich hin und machte eine Pause. Dann sagte er:
„Die Frauen!“
Sein Ton war voll Rachelust.
„Die Frauen!... Früher waren sie - noch Frauen! Innerlich durch ein festes Gesetz beruhigt. Eine Erlösung! Und - beschränkt! Ich meine das im schönen, edlen Sinn des Wortes. Sie wußten nicht viel von uns - gut! Aber jetzt, wenn wir’s nicht mehr aushalten und in unserer Angst zu ihnen gehen und von ihnen hören, bei ihnen erleben wollen - erleben? - ja! - erleben: das ganze Leben ist ja noch einfach, noch so unschuldig wie in unserer Kinderzeit, und alles Trübe und Wirre kann wieder hell und gut werden! Aber wenn wir danach lechzen und mit jeder Fiber darum betteln, ja, dann packen sie einen an und schreien uns unsere eigene Not ins Gesicht und wissen trotzdem heut’ und in alle Ewigkeit nichts und nichts von uns! Und von sich selber auch nichts!“
Betretenes Schweigen herrschte an dem Tisch.
Georg fühlte, daß ihm unter Seydlers ruhigem Blick das Blut in die Wangen stieg. Er haßte die großen Worte und die trommelnden Affekte, und wenn sie aus ihm selbst heraussprangen, schämte er sich ihrer. Ein unerträgliches Gefühl schnürte ihm den Hals zu: er war vor sich selber lächerlich geworden. Hatte er da nicht getobt wie einer, dem ein Abenteuer mißlungen ist? So, ja, wird sich wahrscheinlich der Erwin Lenk benehmen, wenn er eine einmal nicht herumkriegt. Und Seydler sah ihn noch immer an. Der dachte wohl an Katharina? Dieses ruhige Anschauen reizte Georg. Er stand auf und stieß nervös den Sessel zurück.
„Ich bin von meinem Thema abgekommen. Nun, also - Sie, Wondraschek - ja, ich will das machen, mit dieser Oper. Das heißt, nein, ich will das machen mit der Furcht vor der Stille! Ich bringe meinen Helden aus der Stille in die große Stadt, in die Arbeit, lasse ihn Dinge anpacken, die er nicht bewältigen kann - so eine Art von Zauberlehrling will ich daraus machen, verstehen Sie Er hielt betroffen inne, schwieg und wußte nicht weiter, sichtlich von einem Gedanken verwirrt, befangen von irgend einer Erinnerung. Dann sagte er aufgeregt: „Das heißt - ich weiß noch nicht genau! Jetzt bin ich müd. Ich geh’ nach Hause.“
Wondraschek zuckte zusammen. „Darf ich also auf Sie rechnen, Doktor Hübner?“, murmelte er unterwürfig und ängstlich.
Georg hatte schon den Hut auf dem Kopf. „Schriftlich geben kann ich’s Ihnen nicht“, antwortete er grob. „Guten Abend allerseits!“
„Ich gehe mit“, sagte Seydler und erhob sich ein wenig schwerfällig.
Georg maß ihn kurz. Er empfand etwas Unbehagliches, wie Furcht. Als müßte er sich nun verantworten.
„Wir haben einen Weg“, warf Seydler hin.
„Schön“, sagte Georg entschlossen, „gehen wir also miteinander.“ Sie zahlten und wandten sich zur Tür. Da schoß Sauermann von seinem Sitz wie ein gereizter Kettenhund. „Doktor Hübner?“, stieß er in sonderbar singenden Tönen hervor. „Wo wohnen Sie?“
Georg stand eine Sekunde lang verblüfft vor dem Russen, der mehr einem Besessenen als einem normalen Menschen glich. Dann faßte er sich.
„Florianigasse 25.“ Durch das Nüchterne seiner Antwort plötzlich wieder ins Menschliche versetzt, mußte Georg unwillkürlich lachen.
Sauermann nickte und verkroch sich wieder in sich selbst.
Georg und Seydler grüßten nochmals und gingen. Von draußen, durch die Spiegelscheiben, sahen sie noch, wie sich Wondraschek und Lenk wieder in eine Debatte, vermutlich über die Oper, vertieften, während Sauermann teilnahmslos vor sich hinglotzte.
Georg ging stumm neben Seydler hin, von einer unbestimmten Scham bedrückt.
Seydler brummte eine Marschmelodie. Draußen auf dem Franzensring hörte er plötzlich zu summen auf und sagte unvermittelt: „Ein Viech, dieser Wondraschek! Hat Sie aber ganz verhext - nicht?“
