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DIANA, von ihrem Vormund wie ein Knabe erzogen und zur Frau seines ältesten Sohnes Stephan bestimmt, trennt sich von ihrem Mann, als dieser eine Affäre mit seiner Stiefschwester Isabella beginnt, und zieht sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf die von ihrem Vater geerbte isola della vergine vor der kroatischen Küste zurück. Während Stephan in den nächsten Jahren durch geschickte Finanzspekulationen in Übersee zu großem Reichtum gelangt und als skrupelloser Don Juan von sich reden macht, verwandelt die unabhängige und freigeistige Diana ihre Insel von einem wüsten, malaria-verseuchten Eiland zu einer prächtigen Urlaubsdestination für die oberen Zehntausend der Habsburgermonarchie. Marta Karlweis‘ 1919 erschienener großer Debütroman über die Suche einer ehrgeizigen und freiheitsliebenden jungen Frau nach ihrer wahren Identität und den Mut, kompromisslos gegen gesellschaftliche Konventionen vorzugehen, ist ein psychologisch raffiniertes, stilistisch herausragendes Meisterwerk, das seine Leserinnen und Leser in eine gar nicht so gestrig erscheinende „Welt von Gestern“ entführt. „…ein Füllhorn nobler wie abgründiger Existenzen…ein archäologisches Lesevergnügen voller Fin-de-Siècle-Esprit.“ – Margarete Affenzeller, DER STANDARD
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Seitenzahl: 495
Veröffentlichungsjahr: 2025
DIANA, von ihrem Vormund wie ein Knabe erzogen und zur Frau seines ältesten Sohnes Stephan bestimmt, trennt sich von ihrem Mann, als dieser eine leidenschaftliche Affäre mit seiner Stiefschwester Isabella beginnt, und zieht sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts auf die von ihrem Vater geerbte isola della vergine vor der kroatischen Küste zurück.
Während Stephan in den nächsten Jahren durch geschickte Finanzspekulationen zu beträchtlichem Reichtum gelangt und als skrupelloser Don Juan immer wieder junge Frauen zugrunde richtet, verwandelt die unabhängige und freigeistige Diana ihre Insel von einem unwirtlichen, malaria-verseuchten Eiland zu einer prächtigen Urlaubsdestination für die europäische Hautevolee.
Marta Karlweis’ 1919 erschienener großer Debütroman über die Suche einer ehrgeizigen und freiheitsliebenden jungen Frau nach ihrer wahren Identität und den Mut, kompromisslos gegen gesellschaftliche Konventionen vorzugehen, ist ein psychologisch raffiniertes, stilistisch herausragendes Meisterwerk, das seine Leser in eine gar nicht so gestrig erscheinende „Welt von Gestern“ entführt.
MARTA KARLWEIS (1889–1965), die zweite Ehefrau des Erfolgsschriftstellers Jakob Wassermann, besuchte die berühmte Schwarzwaldschule in Wien. Nach der Geburt zweier Töchter aus erster Ehe mit einem böhmischen Industriellen debütierte sie 1912 mit der Künstlernovelle Der Zauberlehrling. 1929 gelang ihr endgültig der literarische Durchbruch mit ihrem Roman Ein österreichischer Don Juan, der auch in Amerika groß herauskam und mitunter begeistert besprochen wurde. 1934 emigrierte sie in die Schweiz, wo sie u. a. mit Thomas Mann und C. G. Jung verkehrte. Nach dem Anschluss Österreichs ging sie 1939 ins Exil nach Kanada. 1965 starb Marta Karlweis auf einer Besuchsreise in der Schweiz. Ihr breitgefächertes literarisches Oeuvre geriet nach 1945 völlig in Vergessenheit.
Marta Karlweis
Roman
Mit einem Nachwort herausgegeben von Johann Sonnleitner
Die Erstausgabe des Romans erschien
1919 im S. Fischer Verlag, Berlin
1. Auflage 2025
Das vergessene Buch | www.dvb-verlag.at
Copyright © by DVB Verlag GmbH, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Die Printausgabe, die dieser digitalen Ausgabe zugrunde liegt, wurde vom österreichischen Bundesministerium gefördert
Umschlaggestaltung: Lukas Spreitzer, Wien
ISBN 978-3-903244-45-0
Literaturmuseum Altaussee, Bildarchiv
Marta Karlweis
Die Insel der Diana
Johann Sonnleitner
Diana, ein weiblicher Don Quijote Zu Marta Karlweis’ Roman Die Insel der Diana
Als der Freiherr von Cesarini von seinem einzigen Kinde, der vierjährigen Diana, Abschied nahm, um die langgeplante Forschungsreise ins tibetanische Hochland anzutreten, brach die Kleine in Tränen aus und weinte drei Tage ohne Unterlaß, und so heftig, daß sie sich ein Augenübel zuzog, das ihre Sehkraft gefährdete. Denn diese war, ein Erbteil des Vaters, empfindlich und schwach.
Dieser Schmerz in so zartem Alter erregte die Teilnahme und Verwunderung aller, die ihn wahrnahmen. Die tschechische Dienerschaft im Schlosse war der Meinung, daß das Kind sich wohl bewußt sein müsse, mit dem Vater das einzige wahrhaft liebende Herz zu verlieren. Denn die Mutter, aus fürstlichem Haus, eifersüchtig auf Schönheit und Rang und krank seit Dianens Geburt, liebte die Tochter nicht, weil sie nicht schön und kein Knabe war.
Diana glich dem Vater. Sehnig und stark schon als kleines Kind, war sie ihm gleich in der Kühnheit des Profils und im rötlichen Glanz des dichten braunen Haars. Die Lippen waren voll und lagen trotzig aufeinander, die Augen aber, rund und grau, besaßen die schüchterne Sanftheit des schwachen Gesichts.
Als der Freiherr wenige Jahre darauf an den Folgen der tibetanischen Leiden und Mühsale, blind und ein gebrochener Mann, in seinem Schloß zu Zivonin verschied, weckte wiederum Dianens Haltung das Staunen der Trauergäste. Stumm und tränenlos erschien sie an der Hand der fassungslosen Mutter. Stürzte sich diese mit tausend Tränen über den Sarg, so stand die Tochter, eine Tuberose in den Händen haltend, still wie ein Bild am Fußende der Bahre. Mit offenen, aufmerksamen Augen verfolgte sie die Einzelheiten der Zeremonie. Ab und zu drückte sie die Lider zusammen, um die Inschriften auf den Schleifen der Kränze zu lesen.
Die Fürstin aber, so wurde sie auch im freiherr lichen Hause genannt, warf nun mit einem Male alle Heftigkeit ihres leidenschaftlichen Temperamentes auf das Kind, das dem im Tod Vergötterten so ähnlich war. Diana mußte alle Ausbrüche ihres Schmerzes teilen, mußte sich viele Stunden des Tages in dem schwarzverhängten Zimmer aufhalten, darin die Mutter, in Kreppschleier gehüllt, mit lauter Stimme verzweifelte Klagen ausstieß. Niemand wagte dem schädlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Der Jähzorn, das Geschrei, die Tränen der stets in ihren Rechten sich beleidigt fühlenden, stets ohne Ursache unzufriedenen Frau hatten schon den Freiherrn erst in die Ein samkeit der Studierstube, später in die weltenferne Flucht gejagt, die ihn das Leben kostete.
Viele wollten beobachtet haben, daß Diana die Mutter mit feindseligen Augen maß. Frühes Wissen um Ungerechtigkeit und Schuld schärfte ihre Züge, Erinnerung an Szenen voll abstoßender Gehässigkeit machte sie über ihr Alter verschlossen und beherrscht. Daß die Mutter nun mit zärtlichen Beteuerungen um sie warb, schien sie eher zu erbittern als zu gewinnen.
Suchten Freunde die untröstliche Witwe auf, ergoß sie ihr Herz, indem sie Taten des Verstorbenen pries oder Gespräche mitteilte, die sie mit ihm geführt haben wollte. Da konnte es bisweilen geschehen, daß Diana aus ihrem Winkel hervortrat und mit ihrer tiefen Kinderstimme leise, aber voll Bestimmtheit widersprach. Schamröte brannte dann auf ihren Wangen. Mit zornigem Laut zur Ruhe verwiesen, schwieg sie wohl, allein ihre Augen, groß aufgeschlagen auf die Mutter geheftet, verwirrten die Aufgeregte bis zu besinnungsloser Wut.
Da sie die Mutter verweichlicht sah, wurde Diana rauh. Mehr als andere Kinder fühlte sie sich belästigt durch körperliche Pflege. In der Abwehr lag bewußter Trotz.
Schloß Zivonin stand in einer wasserarmen Gegend. Tiefgegrabene Zisternen gaben verdächtiges Wasser, das im Sommer häufig ganz versiegte oder typhöse Fieber hervorrief. Es war Diana daher streng verboten, Wasser zu genießen.
Sie bekam Milch, oder Limonaden und Mineralwässer. Diese Getränke ekelten sie so sehr, daß sie lieber tagelang dürstete, ehe sie einen Tropfen davon berührte. Der Durst jagte sie in heißen Sommernächten aus Bett und Stube. Im Ankleidezimmer ihrer Mutter entdeckte sie eines Nachts ein Kristallgefäß mit Wasser, das nicht nach Sumpf und Eisen roch wie das verbotene. Sie trank den Krug in gierigen Zügen leer.
Aus dem Gerede der Kammerjungfer entnahm sie am Morgen, daß es sorgfältig gesammeltes Regenwasser gewesen war, darin die Fürstin ihr Gesicht zu waschen pflegte.
Sie trank es aus, sooft sie es fand.
Endlich wurde sie ertappt. Die oft gescholtene Jungfer schleppte sie in das Schlafzimmer der Mutter. Diese, mit funkelnden Augen aus den Kissen fahrend, packte das Kind und schlug es mit unbegreiflichem Grimm, bis die herbeigeeilte englische Erzieherin es ihr entriß.
Seidene Gewänder mochte Diana nicht tragen und vornehmlich Spiegel waren ihr verhaßt.
Das Testament des Freiherrn bestimmte dem Kinde einen Vormund, der der Fürstin keineswegs behagte. Sie durchkreuzte deshalb seine Anordnungen so viel sie konnte.
Nun hatte aber Cesarini mit jenem zum Vormund bestimmten Freunde, der auch der Gefährte seiner ersten Forschungsreisen gewesen war, viel über die früh erwachte Eigenart des Kindes geredet, ihm auch voll Stolz Dianens erste Briefe gezeigt und seine Erziehungspläne in ausführlichen Gesprächen dargetan. Es bestand daher ein festes Programm, das der Vormund aus Pietät in allen Punkten einzuhalten bestrebt war. Der Widerstand der Mutter war gewaltsam, aber kurzatmig. Im wesentlichen geschah, was jener anordnete.
Diana wurde, des Vaters Wunsch getreu, unterrichtet und gehalten wie ein Knabe. Sie lernte reiten, fechten, schießen und jede erdenkliche Leibesübung so gut wie Griechisch, Latein und Mathematik. Sie wußte nichts von ihrem Geschlecht. Mit dreizehn Jahren weinte sie sehr, weil ihr Wunsch, Marineoffizier zu werden, Widerspruch und Gelächter hervorrief.
Sie träumte Tag und Nacht vom Meer, von fremden Ländern, Gefahren und Abenteuern. Ihre Lernbegier war das Entzücken der Lehrer. Geschmeidig durch Ausdauer, federnd vor Ehrgeiz glich sie der Klinge, mit der sie focht, obgleich ihr Schnelligkeit, des Gesichtes halber, nur im Geistigen eigen war.
Die Fürstin, mehr und mehr von hypochondrischer Pflege ihrer Gesundheit in Anspruch genommen, reiste während des Sommers von Bad zu Bad. Diese Zeit verbrachte Diana meist auf den an der böhmisch-schlesischen Grenze gelegenen Gütern ihres Vormunds, des Herrn von Lantin.
Ferdinand Lantin hatte zehn Kinder, Töchter und Söhne. Acht davon waren ihm von der ersten Frau geboren, nach deren Tode er seine Nichte, die schöne, aber arme Helen O’Neil, zur Gattin nahm. Diese schenkte ihm einen Sohn; eine Tochter aus erster Ehe, Isabella, ein Kind von erlesener Schönheit, brachte sie mit ins Haus.
Als Herr von Lantin zum zweitenmal heiratete, zählte sein ältester Sohn, Stephan, sechsundzwanzig Jahre und hielt sich, der österreichischen Gesandtschaft zugeteilt, in Chile auf. Später ging er, ohne Europa zu berühren, als Attaché nach Peking. Der Vater sandte ihm Bilder der Cousine-Mutter, des kleinsten Brüderchens und der schönen Stiefschwester. Stephan hinwiederum sandte das seine.
Als Diana zum erstenmal nach Groß-Ellingen, so hieß die Besitzung, kam, flog ihr die dunkellockige Isabella mit einem Kranz von weißen Rosen entgegen. Vom ersten Augenblick an bewunderte Diana Isabella. Der Pfirsichflaum der braunen Haut, der feuchte Glanz der lachenden braunen Augen, das perlende Weiß der Zähne zwischen den zartgeschweiften Lippen, alles bezauberte die Neidlose, die vor so viel Anmut wie ein ungelenker Knabe stand.
Isabella zog die neue Freundin alsbald in ihr Stübchen und kramte ihre Schätze aus, Bänder, Ketten, Schleifen, Döschen mit Pomaden und Salben, kleine Parfümfläschchen, Briefe und Löckchen. Jedes Ding hatte seine Geschichte, in allen Gegenständen schien ein geheim nis voller Spiegel verborgen, daraus Isabellens liebens würdiges Bildchen strahlte. Daß auch sie unruhig dem Bestehenden zu entfliehen trachtete, band Dianen um so enger an die Bewunderte. Isabella wußte von Dublin zu erzählen, von London und der Reise durch Frankreich. Während jedoch Diana von Städten, Landschaften, Meer und Gebirge nicht genug erfahren konnte, blieb Isabella mit deutlicher Vorliebe an den Menschen haften, die ihr da und dort begegnet waren. Mit naivem Entzücken beschrieb sie die kraftvollen, eleganten Gestalten der Offiziere, die Gewandtheit, das Lachen, die Blicke der jungen Männer, die sie zur Jagd ausreiten oder auf einer Jacht mit weißen Segeln dahinfahren gesehen hatte. Diana geriet darob in großes Staunen. Als sie jedoch bemerkte, daß jenes unbekannte, glänzende Geschlecht die Phantasie der Freundin mehr als ihr billig schien bevölkerte, faßte sie eine Abneigung gegen die Usurpatoren und ihr Kinderstolz krümmte sich unter der ersten Eifersucht.
Herr von Lantin verhalf ihr zu einer unvermuteten Genugtuung.
Er, der sich in der Erziehung seiner sechs gutmütigen und hübschen Töchter, Amalie, Marie, Josefa, Anna, Margarete und Sophie, mit dem standesüblichen Firnis begnügte, hielt Diana für das kostbarere Vermächtnis eines weit über den eigenen Verstand geschätzten Freundes. Eines Morgens führte er die Vierzehnjährige über Land und erzählte ihr in seiner etwas unbeholfenen Art vom Leben, von den Reisen und Zielen ihres Vaters.
Dianens atemlose Zwischenfragen verrieten ihm bald die Unzulänglichkeit seiner Darstellung. Er stutzte, zögerte, befürchtete Fälschung in seinem ehrlichen Gemüt. „Was soll ich mit meinen groben Händen dazwischenfahren?“, fragte er, „ich habe Briefe und Tagebücher von deinem Vater, die will ich dir geben. Eines kann ich dir ja sagen: es ist ein Jammer, daß das seltene Material in Zetteln daliegt, ohne würdiges Gewand. Ich bin gewiß, daß er dir eine Sohneserziehung geben wollte, weil er Sohnesarbeit von dir erwartete: daß du sein Werk zusammenfügen und der Welt vermitteln werdest!“
Da schlug das Kind die Hände vors Gesicht und blieb sprachlos in der heftigsten Bewegung.
Aus den Aufzeichnungen ihres Vaters erfuhr Diana, daß der Reichtum, in dem sie aufwuchs, von der Mutter stammte.
Der Freiherr besaß einige geringfügige Ländereien in Dalmatien, nackte Felsen, in deren Höhlen Flüsse verschwanden, Sumpfland und kleine Hafen, darin dann und wann Fischer aus Chioggia ihre roten und gelben Segel rafften. Krankheit und Not dörrte die Bevölkerung zu erbärmlichen Gerippen. Der Freiherr selbst war, obzwar von einer deutschen Mutter, auf einer Insel geboren, isola della vergine oder isola deserta genannt, wo das uralte Castell seiner Väter inmitten eines verwilderten Gartens voller Kastanien- und Feigenbäume stand, umgeben von undurchdringlichem Gestrüpp, von Sumpfland und öden Küsten, wo die Fischer und Steinklopfer des nahen Bruchs von der Malaria gelb wurden wie Chinesen.
Diese Insel und diese gelben Menschen, die feurig waren und zugleich matt vor Ergebenheit, hatte der Freiherr geliebt. Ihre kranken gelben Augen, daraus die dunkle Iris mit unergründlicher Trauer strahlte, verließen ihn nicht, als er in die Welt hinausging. Die reiche Schöne, die sich in ihn verliebte und die er zum Altar führte, sollte ihm helfen, das Los der Inselleute zu verwandeln.
Allein nichts glich dem Widerstand der jungen Frau. Sie haßte das Meer, sie haßte den Karst, sie haßte die Armut, sie haßte die fürchterliche Krankheit, ja, sie haßte die Sonne, den Himmel, die Stürme und die Stille jenes Landes. Melancholie und Trotz raubten ihr in kurzer Frist die strahlende Frische des schönen Gesichts. Mit der gewohnten Umgebung verlor sie die Haltung, sie verkroch sich in meerabgewandte Zimmer und zerfloß in endlosen Klagen und Vorwürfen, bis sich der Freiherr, der durchjammerten Nächte müde, ergab. Er reiste mit ihr nach Paris, allein das aufgerissene, entblätterte Wesen schloß sich zu keiner Ganzheit mehr zusammen.
Ärzte bevölkerten sein Haus, Bezichtigung atmete aus jedem Seufzer. Es kamen die Jahre der Flucht.
Sobald Diana geboren war, wendeten sich die Aufzeichnungen an das Kind.
Auf der ersten Seite stand:
„Von allen Fehlern der Menschen ist Selbstüberhebung der gröbste, von allen Tugenden Bescheidenheit die feinste. Lerne den einen vermeiden und die andere erwerben, so werden die Menschen dich lieben und achten.“
Die unermeßliche Öde der Steppen Asiens zeigte er ihr beseelt durch eine einzige bewegte Welle grauer Halme. Er schrieb: „In nichts ist Gott unnachahmlicher als in der Bescheidenheit.“
Allein Dianens stürmische Phantasie verlangte nach bunten Ereignissen und Gefahr. Ihre rauhere Natur ergötzte sich vor allem an der Luft ferner Erdteile. Vor der Ahnung solcher Weite verschrumpfte das Gegenwärtige zur Nichtigkeit. Sie trennte sich nicht mehr von den Tagebüchern. Ihr Verhältnis zu Isabella erfuhr eine entscheidende Wandlung.
Gestützt auf die Macht ihrer Geheimnisse, gehoben durch das Bewußtsein einer Mission, riß Diana die Herrschaft über die alsbald schmiegsam Geduckte an sich. Isabellens geringfügige, wenn auch freilich weit persönlichere Erlebnisse beschämten sie nicht mehr. Daß Isabellens Lippen schmal wurden, daß ihre Brauen sich schmerzlich furchten, wenn Diana Pläne schmiedete, die nur ihr Reichtum ermöglichte, bemerkte sie nicht, obgleich Rücksichtslosigkeit nicht in ihrem Wesen lag. Isabellens peinliche Lage als die Schönste und Ärmste unter begüterten, mittelmäßigen Stiefschwestern begriff sie nicht, und die qualvolle Wachsamkeit der vom Schicksal Benachteiligten war ihr unverständlich und verdrießlich.
Dennoch liebte sie die Freundin mit jener blinden Ausschließlichkeit, die von der Mutter stammte. Sie vertraute ihr das Innerste ihrer Träume. Selbst daß sich Zweifel an die vergötterte Gestalt des Vaters wagten, gestand sie ihr.
„Er hätte die Anerkennung der Welt erzwingen können!“, sagte sie eines Abends und suchte in der Dämmerung Isabellens Knie. „Warum hat er es nicht getan? Er sagt, die Welt ist böse, die Welt verführt zur Selbstüberhebung, ja, sie ist die Selbstüberhebung in Person. Nach der ruhmwürdigen Reise nach Tibet, die ihn das Augenlicht gekostet hat, sie haben ihn geblendet, Isabella! nach dieser Reise fragte er: ‚Was habe ich Großes geleistet? Hätte ich doch Wein auf meiner Insel gepflanzt und begossen!‘“
Als Diana achtzehn Jahre zählte, bestand die Fürstin darauf, daß sie sich im Sommer, statt nach Groß-Ellingen zu reisen, mit der Mutter nach Wiesbaden und von da an die französische Westküste begebe.
Diana war untröstlich. Zahllose Verdrießlichkeiten wegen ihres ungebundenen Betragens standen ihr bevor. Zudem wurden ihre Studien durch das monatelange Umherziehen auf das Empfindlichste unterbrochen. Sie beschwerte sich in langen Ergüssen bei Isabella O’Neil.
In Groß-Ellingen wurde ihre Abwesenheit nicht mit dem gleichen Schmerz empfunden. Ein Ereignis, den Töchtern erfreulich, dem Vater aber höchst fatal, hielt die Gemüter in Spannung.
Stephan, der älteste Sohn, kam von Ostasien und kündigte seinen Besuch auf dem väterlichen Gute an.
Während die Töchter aufgeregt beratschlagten, durch welcherlei Lustpartien dem verwöhnten Kavalier die Einfachheit des Landlebens gewürzt und schmackhaft gemacht werden könnte, ging Ferdinand Lantin verdrießlich durch den Garten. Er erinnerte sich früherer Besuche seines Sohnes, als dieser noch von Kalksburg kam, um seine Ferien in Groß-Ellingen zu verbringen.
Du guter Gott, die anderen Söhne kamen auch, Fips kam aus der Kadettenschule und Bruno aus dem Theresianum. Sie kamen und brachten Lärm und Ausgelassenheit je nach Charakter und Temperament. Nur Stephan brachte seine eigene Atmosphäre.
Schon als er kaum ein Dutzend Jahre zählte, kannte und fürchtete man den jähen Wechsel seiner Laune. Schön und verwöhnt, der toten Mutter Liebling, war Grazie und Anmut über ihn gebreitet wie ein prinzliches Gewand. Er war eitel und vergaß sich selber nur im Zorn. Alle kleinen Mädchen waren ihm gut und selbst die weibliche Dienerschaft tat ihm mehr zu Liebe als den andern Kindern des Hauses. Niemals spielte er mit einer fröhlichen Schar. Verlangte ihn nach Gesellschaft, so war es stets ein Einzelner, nach dem er griff, wie man ein Opfer greift.
Diesen Einzelnen überschüttete er mit aller bezaubernden Liebenswürdigkeit, deren seine kleine Knabenseele fähig war. Dennoch hatte diese quellende Fülle etwas sonderbar Uhrwerkhaftes: mit einem Male schnurrte sie ab, das Räderwerk blieb stehen und der Spielgenosse wurde vergessen, ja beleidigt.
Zuweilen besaß er mehrere solche Bevorzugte in der Nachbarschaft. Niemals durften sie einander treffen, niemals miteinander spielen. Mit dem einen spielte er Räuber, mit dem anderen Robinson, mit einem Dritten pflegte er zu lesen. Alle Findigkeit seines frühverschlagenen Köpfchens verwandte er darauf, um zu vermeiden, daß etwa „Robinson“ und „Räuber“ gemeinsam Spielansprüche an ihn stellten. Mißglückten aber einmal diese Kombinationen, dann tobte er wie ein Besessener und warf sowohl Robinson wie Räuber aus dem Haus.
Alle Eigenschaften seiner Kindheit blieben an ihm haften bis zu einer späten, einschneidenden Epoche seines Lebens.
Mit vierzehn Jahren wußte Stephan um das Leben, um die Liebesbeziehungen des letzten Knechtes auf dem väterlichen Hof. Er belauschte die Schwestern im Bade, er beschlich den Schlaf der jüngeren Brüder und der Freunde, die seine Brüder zu Gaste laden durften. Er bekundete dabei keineswegs Lüsternheit im gemeinen Sinn, er zeigte vielmehr schon früh in allen Liebesdingen anmutige, natürliche Gelassenheit. Ihm war es um Kenntnis zu tun, nicht um Gefühl; Kenntnis vermittelt Macht, Gefühl verwirrt.
Bald nannten ihn die Freunde und die Schwestern einen Egoisten. Sie nannten ihn so, weil Kälte auch von seinen liebenswürdigen Stunden strömte. Sie wußten nicht, wie tief dies Wort ihn traf, sie kannten, jugendlich zerstreut, die Foltern des an sich gebundenen Egoisten nicht.
Sein Studiengang glich einem Triumphzug. Was ihm die Seele schuldig blieb, bezahlte überreich der Geist, und diesem überlebendigen Geist gesellte sich ein unerschöpflicher Fleiß. Seine Emsigkeit lief stets doppelte, dreifache Wege. Neben und zwischen dem Vorge - schriebenen eignete er sich ein Vielfaches davon an. Seine Bildung entfaltete sich in die Breite und in die Tiefe. Seine gesellschaftlichen Erfolge begannen bereits in den Knabenjahren. Sein Witz, seine Belesenheit, seine Gewandtheit in fünf lebendigen und drei toten Sprachen erregten Aufsehen.
Man beglückwünschte Ferdinand Lantin zu diesem Sohn. Doch wurde er seiner niemals froh.
„Hast du denn keinen Freund?“, fragte er den Siebzehnjährigen, „bring doch einen Freund nach Groß-Ellingen mit!“
Stephans Gehorsam war stets ohne Tadel. Er brachte einen Freund, wenigstens nannte er ihn so, den jungen Knorr von Rotholz, auf das Gut.
Nur mit Abneigung konnte sich Lantin an jene Ferienzeit erinnern. Der junge Knorr schien Stephan sehr zu lieben, mit einer hündischen, ergebenen Liebe, die täglich hundertmal gepeinigt und gedemütigt wurde. Viele Einzelheiten waren dem Vater gegenwärtig. Einmal ritt Stephan aus und ließ Knorr neben dem Gaul herlaufen wie einen widerwärtigen Bettler.
Ein anderes Mal fand Ferdinand den Sohn, als er in einem dunklen Winkel vor Erbitterung weinte. „Ich hasse dieses Tier!“, stieß er außer sich vor Wut hervor, „ich hasse Kreaturen, die mich miserabel machen!“
Später, als Ferdinand hie und da von Stephans zahlreichen Liebesabenteuern hörte, dachte er bei sich: Wo haben die Weiber das Herz?
Über Stephans Eignung zum Diplomaten bestand kein Zweifel. Als er die Schule verließ, betrat er die vorgezeichnete Bahn.
Eigenes Verdienst und gewichtige Verbindungen von mütterlicher Seite beschleunigten seinen Weg. Er ging nach Chile, dann nach Peking und wurde dem Vaterhause fremd und fremder.
Nun, ohne Vorbereitung, kehrte er zurück. Lantin versprach sich wenig Gutes, obgleich er nicht sagen konnte, was ihn so mit unwilligen Ahnungen erfüllte. Zuweilen betrachtete er Helen, seine Frau. Sie war noch immer schön und Ferdinand wünschte zum ersten Male, daß sie ein wenig älter, würdevoller aussehen möge. Am meisten verdroß ihn, alter, noch zu Cesarinis Lebzeiten gehegter Pläne wegen, daß Diana just diesen Sommer nicht nach Groß-Ellingen kam.
An Isabella dachte er nicht.
Die aber dachte Tag und Nacht nichts anderes mehr als an diesen fremden Bruder.
Nach und nach sickerte die Wahrheit durch: Stephan hatte eine Unvorsichtigkeit begangen und seine Stellung war in Peking nicht mehr haltbar.
Er saß in Helens Zimmer und erzählte:
„Man lebt die Tage so hin, stumpfsinnig wie die Anderen. Europäer sind da und erhalten die Fiktion einer gewohnten, du lieber Gott, allzugewohnten Welt. Dann kommt eine Stunde und man hört, da, fünf Gassen weit, da lebt ein deutscher Schlächter mit seiner Frau. Seine Dienstboten sind Chinesen, seine Aufhackknechte sind Chinesen. Jahrelang dienen sie, lächelnd, stumm, ergeben. Die Brutalitäten des Schlächters erwidern sie mit Verbeugungen, seine Fußtritte mit sanftem Lächeln. Dann verreist der Schlächter, die Frau bleibt allein, sie verriegelt nachts die Türen und geht schlafen.
Am andern Tag kommt der Schlächter heim und findet seine Tür verriegelt. Er klopft, er macht Lärm, alles still. Die Tür wird mit Gewalt geöffnet, die Frau liegt im Bette und schläft.
Aber wie er näher tritt, entdeckt er, daß sie in kleine Stücke zerschnitten und kunstvoll so zusammengesetzt ist, daß er sie noch mit Namen rief, als er sie sah.
Viele solche Geschichten gibt’s in China, und man hört sie und taumelt aus dem Schlaf. Plötzlich weiß man, daß man allein ist mitten in einem unermeßlichen Land, allein, wie der Luftschiffer in seiner Gondel. Man ist auch auf dem Gebirg allein oder auf dem Meere. Aber man ist es gewissermaßen nur in einer Dimension: in China ist man dreidimensional allein. Nun weiß man es.
Dann flieht der Schlaf und das Essen quillt im Mund. Die gewohnte, europäische Umgebung wird zum Ekel. China lockt wie eine böse, giftige Spinne.
Man geht über eine Straße, Menschen werden hingerichtet. Zwölf Rebellen sterben durch das Schwert. Zwei liegen enthauptet da, der Henker schwingt sein Schwert über dem dritten. Neun andere, die Hände auf dem Rücken, auf den Knien liegend, lugen auf und sehen zu. Macht der Henker saubere Arbeit, dann rufen sie Beifall. Quält er sein Opfer, dann murren sie, sportlich, ohne Gedanken an sich selbst.
Kommt man heim, dann steht ein Blumenstrauß von märchenhafter Pracht im Fenster. Ein Schmetterling, groß wie die halbe Hand, gaukelt darüber, läßt sich nieder, flattert auf und flieht nicht, wenn man näher tritt: eine feine Nadel ist durch seinen Leib gestochen, daran hängt ein Frauenhaar und das Ende dieses Haares schlingt sich um eine Blüte. Der chinesische Boy hat seinem Herrn diese Überraschung bereitet, um ihn zu erfreuen.
Nachts liegt die schwarze Öde auf der Welt. Das einsame Herz jagt in geschwinden Schlägen, das Gehirn verbrennt vor Willen, zu erfahren. Nun, und dann kommt’s. Man schleicht davon; man schlägt sich durch die Gassen. Man trotzt der schwülen, stinkenden chinesischen Nacht. Man kriecht in die Tavernen, in die Opiumhöhlen. Man spürt den Geruch der Jahrtausende. Man schaut den jahrtausendealten schmutzigen Rausch. Man erkennt: da kommst du her, das ist der fürchterliche Urschleim alles Menschlichen. Man versinkt.
Und eines Tages, eines Abends, hört man Lärm. Es ist in einer Opiumhöhle, Messer blinken. Man reißt sich gewaltsam auf und kommt dazu, wie ein rotbärtiger Kerl, der verteufelt schreit, erstochen wird. Es entsteht Lärm, ringsum erwachen alle Kobolde der Hölle. Aus den finsteren Gassen wirbeln sie her, vom Himmel scheinen sie zu fallen, die Erde speit sie aus. Auf jeder gelben Fratze steht ein anderes, ungeheueres Laster, eine andere Folter, eine andere Gier! Menschen!, denke ich! Verratet ihr euch endlich! Ich wußte immer, daß ihr Bestien seid!
Es ist ein scheußlicher Triumph in mir, ich möchte tanzen, schreien, morden wie die verfluchten Kreaturen, die mich umbrüllen. Ich glaube, ich tat es auch, ich packte ein Messer und heulte, ich war voll von Heulen und von Mord. Dann wurde geschossen, einer warf die Arme hoch, er quiekte wie ein Schwein, das geschlachtet wird, und schon als Knabe wurde ich voller Gier, wenn ein Schwein so schrie. Einmal sah ich einen Fleischerknecht ein Schwein schlagen, das zur Schlachtbank geführt wurde. Das fiel mir ein und ich stürzte hin und schlug den Getroffenen, da kam die Wache und ich wurde mitten in dieser Horde unreiner Teufel gefangen.
Also, in Peking kann ich nun nicht bleiben, das ist klar.“
Bist du so eitel, kleine Schwester?“, fragte er, als er die schöne Irin vor dem Spiegel traf.
„Wir sind alle eitel, seit du hier bist“, antwortete Isabella und errötete. „Josefa und Margarete haben sich zerzankt, weil du Josefas Kleid bespöttelt hast.“
„Meine Schwestern sind Landpomeranzen“, entschied Stephan. „Man muß sie ins Sacré Coeur schicken oder nach Breslau oder nach Dresden.“
Als er die grenzenlose Ergebenheit ihres Blickes sah, sagte er ihr, sie erwecke sein Vertrauen.
„Ich liebe Frauen, die sich gern im Spiegel sehn“, sagte er.
Feste wurden auf Groß-Ellingen gefeiert und Isabella entfaltete sich wie eine vielblättrige Blume.
„Du bist die Hübscheste, warum sollst du nicht die Geschmückteste sein?“, fragte er und hängte ihr die Schnur von köstlichen kleinen Perlen um, die er beim Einkauf seiner ältesten Schwester zugedacht hatte.
„Perlen!“, flüsterte Isabella, und in ihrer Stimme war Unschuld und Verlangen zu geheimnisvollem Schmelz vereinigt.
Da küßte er sie flüchtig auf die Stirn und zählte ihr die Vollkommenheit ihres Körpers auf.
Sie lauschte mit allen Poren, sie lernte mit jedem Sinn. Sie besaß eine unendlich biegsame Intelligenz des Leibes. Sie ging, sie tanzte, sie aß, sie trank, sie plauderte, schlief, badete, öffnete ein Fenster, griff nach einer Frucht, ordnete ihr Haar unter seinem gegenwärtigen oder erträumten Blick. Sie ging durch eine Welt von Spiegeln und jeder Spiegel war Stephan, der ihre Schönheit pries.
Ein junges Ehepaar, das sich kürzlich in der Gegend angekauft hatte, kam um diese Zeit viel nach Groß-Ellingen, und da die Entfernung der Güter kaum eine halbe Stunde mit dem Automobil betrug, verbrachte das Paar auch häufig die Abende im Lantinschen Haus.
Die Zärtlichkeit der jungen Leute war bekannt, ja sprichwörtlich geworden. Noch waren sie kinderlos, noch war kein Gefühl gespalten, und ihre Jugend verlieh selbst Äußerungen, die unter anderen Umständen geschmacklos gewirkt hätten, einen Schimmer von rührender Liebenswürdigkeit. Der Mann besaß kein anderes Verdienst als seine Frische und eine gewisse Geradheit des Charakters. Die Frau, leidlich hübsch, sanft und gefügig, erinnerte an ein zutuliches Kätzchen.
In einem Anfall großmütiger Laune gab sich Stephan mit den Beiden ab. Eines Abends, unter der Markise der Terrasse, verwickelte er den Mann in ein Gespräch, die Frau in ein Gewebe von halben Blicken und aufmunterndem Lächeln.
Sogleich entfaltete der Mann eine Reihe geistiger Eigenschaften, die vorher keiner an ihm gekannt hatte, er selbst am wenigsten. Stephan legte ihm Repliken in den Mund, Stephan eskamotierte Gedanken in sein Gehirn, die er sich vorher niemals hatte träumen lassen. Zuvörderst wurde ihm vor seiner Gottähnlichkeit bange, er bestaunte sein geistiges Bild, das sich in Stephan spiegelte. Gar flink jedoch gewöhnte er sich an den unverhofften Glanz. Er wurde kühn, er setzte sich in Positur, er blickte Stephan kampflustig ins Gesicht, er fiel mit einem Degen aus, den Stephan ihm, ein geistiger Taschenspieler, in die Hände zauberte.
Die Frau indessen, zweimal von Stephans Blick gestreift, ward jetzt mit einem Male ihres Körpers lustvoll inne. Erst schämte sie sich, ängstlich sah sie nach dem Gatten. Der aber, ganz und gar von seiner neuen Wichtigkeit behext, hatte genug zu tun, den Geist von sich zu geben, der ihm eingeblasen wurde. So überließ die Frau sich ihrer neuen Kenntnis.
Sie lächelte, sie zierte sich, sie schürzte ihre Lippen. Die Blicke, die sie Stephan zuwarf, deuteten auf Einverständnis. Sie rückte ins Licht, sie brachte eine hübsche Hand in vorteilhafte Beleuchtung, sie wußte es einzurichten, daß ihr stark entblößter Hals ins Auge fiel.
Von zarter Röte übergossen, mit bewegtem Blick schien sie viel hübscher, als sie je gewesen.
Stephans Geschwister beteiligten sich mit steigender Lebhaftigkeit am Gespräch. Es erging ihnen nicht anders als dem Ehepaar: Stephan peitschte das Äußerste aus ihren Gaben, aber er gab ihnen ein gesteigertes Gefühl ihrer eigenen Persönlichkeit dafür. Der Abend verprasselte im Feuerwerk der Eitelkeiten.
Als jedoch das junge Ehepaar nach Hause fuhr, kam es im Wagen zu dem ersten Streit. Sie redeten von Stephan, und, während sie ihn rühmten, wurden sie gereizt. „Ich weiß nicht, wie du heute sprichst!“, tadelte die Frau, und „ich weiß nicht, was für Mienen du heute machst“, schalt der Mann. Fremdheit, Unzufriedenheit wuchs zwischen ihnen auf. Der Mann, im Bewußtsein einer Überlegenheit, die in Wahrheit wie ein Spuk verflogen war, sah sich in allen Forderungen wider Recht zurückgesetzt. Die Frau, von ihrem weiblichen Wert durchdrungen, fand ihren Gatten bald zu simpel und tat sich heimlich nach befriedigenden Huldigungen um. Die Unschuld war verloren und die Ehe wurde schlecht.
Auch Stephans Geschwister stritten noch an jenem Abend. Ehrgeiz und Bitterkeit entzweite sie. Nur Stephan selbst ging scheinbar heiter schlafen, obgleich in seinem Herzen alles schwarz vor Ekel war.
Die Nacht jedoch gewährte ihm eine Überraschung. Um Mitternacht kam Isabella zu ihm, umstrickt, umnebelt von seiner geistigen Macht, glühend und süß von leichtsinniger Liebe.
Verwandte waren unterdessen am Werk und setzten es durch, daß Stephan, dessen Karriere einen bedenklichen Stoß erhalten hatte, wider Erwarten eine Beförderung erfuhr und nach London berufen wurde.
Zu Wintersanfang sollte er reisen.
Man war im Frühsommer und Monate geheimen Glückes lagen vor Stephan und Isabella. Stephan jedoch, ruhelos um sein Behagen besorgt, stets vorschauend, stets Platz und Muße mit einer Hand zu schaffen bemüht, während die andere tausend Schwierigkeiten zusammenraffte, zog Stetigkeit in Liebesdingen raschem Wechsel vor. Die Liebe durfte ihn, den Vielgeschäftigen, nicht allzu sehr beschweren, und da er sich gestehen mußte, daß er selten ein so vollkommenes Vergnügen empfunden hatte, als in Isabellas Armen, machte er sich daran, diesem Vergnügen Fortdauer zu verschaffen.
„Was sollst du hier auf dem Lande“, sagte er ihr. „Du gehörst in die Welt, du gehörst in die Fülle.“
Er schrieb nach England und verschaffte ihr auf vielen behutsamen Wegen die Einladung einer entfernten alten Verwandten, die in großem Reichtum auf einem Gut unweit von Windsor lebte.
Da Herr von Lantin, dem dieses Zusammentreffen mißfiel, Isabellens Reise nach England nicht gestatten wollte, entkam Isabella heimlich. Ihre Mutter half ihr dabei, aber Stephan hatte sich zu einer Jagd auf Rehböcke einladen lassen, um jeden Verdacht zu vermeiden.
„Anfang Oktober bin ich bei dir“, versprach er ihr.
„Ich weiß nur Eine, die deinen Vater versöhnen kann“, sagte Isabella, als sie Abschied nahmen, „das ist Diana Cesarini, meine Freundin und sein Mündel, ihm teurer als die eigenen Töchter, und wenn es not tut, hilft sie uns gewiß.“
„Diana Cesarini?“ Stephan dachte nach. „Was ist aus ihr geworden? Ich erinnere mich dunkel. Sie war mager, sommersprossig und kurzsichtig. Die Nase war einigermaßen markant, ich erinnere mich.“ Er lächelte eigentümlich. „Sie ist sehr reich, nicht wahr? Mein Vater hat sie mir zur Ehe bestimmt.“
Er küßte Isabella auf die angstvollen Augen.
„Sei ruhig, Herz. Sei zuversichtlich. Schau in einen Spiegel, Isabella, und sei ruhig.“
Die Gräfin Orvillier präsentierte der Fürstin einen jungen Mann.
Die Fürstin saß, in eine Flut von weißen Spitzen gekleidet, vor ihrem Strandwagen unter einem weiß- und rotgestreiften Leinenschirm. Die Diamanten, die sie trug, erregten selbst in dieser Welt der Verschwendungssucht Neid und Bewunderung.
Alles an ihr schien farblos, selbst das gepflegte blonde Haar entbehrte des Glanzes. Aber die Gebärde, mit der sie die Ankömmlinge begrüßte, war von besonderer Anmut.
Die lebhafte, dunkeläugige Gräfin ließ sich an ihrer Seite nieder und die beiden Frauen begannen mit seltsamen hohen, klingenden Stimmen ein Gespräch voll Nichtigkeit und Grazie. Sie lächelten dazu und erwiesen einander tausend kleine Zärtlichkeiten, die dem zwitschernden Spiel verliebter Vögel glichen. Stephan Lantin blickte gelangweilt über das Meer.
Die Fürstin Franziska sagte: „Meine Tochter wird sehr glücklich sein, Nachricht von Groß-Ellingen zu erhalten.“
Stephan äußerte seine Ungeduld, Dianen zu sehen.
Da kam sie langsamen Schrittes vom Meer herauf, herb aufgeschossen und schmal, und blickte unter dem breiten Florentinerhut mit jenem Ausdruck ungewollten Hochmuts auf die Versammelten, der den Kurzsichtigen eigen ist. In der linken Hand trug sie eine verschlossene Mappe.
Das strenggefaßte Gesicht mit der vorspringenden Nase deutete auf Kühnheit und inneres Licht. Als ihr Stephan vorgestellt wurde, errötete sie. Neugier und ein Schatten von Mißtrauen kämpften auf ihrer offenen Stirn.
Stephan fand bald schickliche Gelegenheit, sich mit ihr zu entfernen. Diana fragte nach dem Vormund, nach Isabella. Verworrene Briefe hatten sie beunruhigt.
„Wissen Sie, daß Isabella nach England gegangen ist?“, fragte Stephan.
Diana schüttelte staunend den Kopf. Stephan betrachtete sie einen Augenblick. Dann sagte er: „Sie verkommt in dem schlesischen Nest. Isabella braucht Verbindungen. Isabella bedarf einer Bühne und vieler Bewunderer.“
Stephan Lantin war reich an vielfältiger Erfahrung. Nichts war ihm leichter, als ein Bild zu formen, das Isabella schmeichelhaft und abträglich in einem war.
„Sie ist wunderbar weltlich“, sagte er, „das heißt: sie ist mißtrauisch und scheinbar hingegeben, scheinbar selbstvergessen und dabei schlau. Sie sieht alles, sie hört alles, sie ist noch völlig ohne Ziel und wach nach allen Richtungen. Glaubt man sie eingeschläfert, regt sie sich im Geheimen und sticht von hinten, ehe man sich’s versieht.“
Nie hatte ein Mensch einen anderen vor Diana so enthüllt, ja sie ahnte nicht, daß es solche Enthüllungen gab. Sie sah Lantin bezaubert und erschrocken an.
Dieser Blick gefiel ihm ausnehmend wohl.
Stephan deutete an, daß er gekommen war, um ihre Vermittlung bei seinem Vater zu erbitten. Seine Versöhnung erscheine wünschenswert und Isabella habe Diana als die hiezu Geschickteste bezeichnet. Da er merkte, daß Diana den Grund so viel brüderlicher Fürsorge zu erforschen begierig wurde, lenkte er ab, gestand, daß ihn noch andere Magneten an die französi sche Küste zögen, glitt später mit einem bewundern den Wort über die Person der Gräfin Orvillier und überließ Diana einem Chaos widerstreitender Gefühle.
Erst später wurde er sich bewußt, daß ihn die verschlossene Mappe in ihrer Hand zu ungewöhnlicher Beredsamkeit veranlaßt hatte.
Sie schlossen Freundschaft. Es bildete sich ein Ton freimütiger Kameraderie, der eine gewisse Kühnheit des Gesprächs zur Selbstverständlichkeit erhob.
Sie saßen auf der taghell erleuchteten Terrasse, sie hörten das Meer und die ferne Musik, die Fürstin hatte sich in den Spielsalon zurückgezogen.
„Ich erlebe meine Nacht ohne Handschuh!“, bemerkte Stephan mit einem Lächeln voll Ironie.
Er hob die Champagnerflasche aus dem Eis und erzählte von einer jungen Akrobatin, die allnächtlich in ein undurchdringliches Gewebe, das einem Kettenhemd glich, geschlossen wurde mit Ausnahme einer einzigen Nacht in bestimmter Frist. Um die Sklaverei, in der sie lebte, zu beschönigen, nannte sie ihren Panzer Handschuh und die Nacht ohne Handschuh die einzige Nacht, die sie gewähren durfte.
Diana lächelte gleichfalls. „Und doch betrüben Sie mich jeden Abend, wenn Sie Abschied von mir nehmen“, erwiderte sie. „Eben noch sind Sie belebt im herzlichsten Gespräch, nun reichen Sie die Hand und mit einem Male erkaltet Ihre ganze Empfindung. Die Hand wird gleichgültig, ich fürchte, sie vergißt den Handschuh nicht, das Gesicht verlischt. Sie geben, Sie empfangen nichts mehr und der Andere steht beschämt vor Ihnen mit seiner unerbetenen Fülle.“
„Ich nehme mich zurück, ich räche mich“, antwortete Stephan. Da sie ihn nicht verstand, fügte er hinzu: „Meine innerste Natur weiß nichts von Gemeinsamkeit. Wesen von Ihrer wunderbaren Eindeutigkeit vermögen mich vorübergehend zu bezwingen, aber wer Menschen zwingt, darf sich nicht wundern, wenn sie ihm Widerhaken in die Hände bohren. Sie sind zu jung, Diana, um sich zu wundern, und außerdem besitzen Sie einen Talisman.“
Diana schüttelte den Kopf und ihre Augen wurden groß vor Erwartung.
„Als ich Sie zum erstenmal sah“, fuhr Stephan fort, „zum erstenmal, denn eine flüchtige Begegnung vor vielen Jahren in Groß-Ellingen rechne ich nicht, trugen Sie eine verschlossene Mappe in der Hand. Es gibt Einzelheiten einer Erscheinung, die in der Erinnerung zum Wesentlichen werden. Solch eine Einzelheit ist für mich diese Mappe.“
Er wartete, sie kämpfte stumm um den geheimgehaltenen Besitz.
„Wissen Sie, daß uns unsere Väter für einander bestimmt haben?“, sagte er leichthin und lächelte.
Die Veränderung in ihrem Gesicht berührte ihn sonderbar. Staunend, geschmeichelt, ja gerührt gewahrte er die Revolution der kinderreinen Züge.
Diana erglühte und wurde blaß. Sie glaubte sich zu einem spöttischen Lächeln verpflichtet und dieses Lächeln taumelte schwächlich, einem Schmerzenszug vergleichbar, mitten durch die große, entscheidende Bewegung, die von der klaren Stirn abwärts zum Munde ging. Vor Stephans neugierigen und beschämten Blicken öffnete sich in Einfalt ein entschlossenes Gemüt. Unsicher sah er seitwärts, aber es ging eine Macht von Diana aus, die seine Blicke, seine Seele zwang! „Unsinnigkeiten!“, dachte er, „das ist ein Kind!“ Schon öffnete er die Lippen zu einem Scherz, da entstand Unruhe in ihrer Nähe, Menschen traten in Gruppen zu einander, Hände deuteten nach einer bestimmten Richtung, die Musik verstummte, das Gewimmel teilte sich und vier Männer trugen schweren Schrittes eine Bahre vorüber. Darauf lag ein Mann im Gesellschaftsanzug, der Mann war tot und sein kahler Kopf hing wächsern hintenüber. Im Knopfloch saß der rote Knopf der Ehrenlegion.
„Die Zigeunerin hat ihn erstochen“, hieß es. „Er hat ihr zu viel Wein gegeben, sie war berauscht.“
Die Musikkapelle im Saale spielte unterdessen weiter, Diana sah, daß drinnen getanzt wurde. Sie zitterte am ganzen Leibe und lehnte sich mit heftiger Gebärde an den Tisch, von dem auch Stephan sich erhoben hatte.
Ein zierlicher Champagnerkelch, der zwischen ihnen stand, fiel um, floß über und zerbrach.
Seraphita war keine Zigeunerin, sie war das gänzlich verlassene und verwahrloste Kind einer Dienstmagd aus den Pyrenäen.
Sie zählte fünfzehn Jahre, im Winter schaufelte sie Schnee in dem weltverlorenen Bergdorf, im Sommer stieg sie herunter an das Meer, um für schmutzige Arbeit Küchenabfall zu erhalten.
Daß der Ermordete sie zu vergewaltigen versucht hatte, unterlag nach dem Verhöre keinem Zweifel. Seltsamerweise aber hatte sie ihn nicht getötet, als er sie überfiel, sondern er entdeckte sie viele Tage später in einem Winkel der Garage, wo sie mit einem langen Küchenmesser Scheiben von einem offenbar entwendeten Brote schnitt, er sprach ihr freundlich zu und führte sie an einen Ort, wo sie süßen Wein bekam.
Nachdem sie beide tüchtig getrunken hatten, versprach er ihr ein Nachtquartier, aber als er im Dunkeln vor ihr ging, packte sie Furcht, sie hatte ihr Messer noch und stach ihn in den Rücken. Daß er sie in ein Bordell zu führen im Sinne hatte, war freilich eine rasch verbreitete Vermutung. Allein es konnte nicht bewiesen werden, und dieser Umstand schloß einen Freispruch aus.
Das Schicksal Seraphitas hielt die Gemüter einige Zeit in Spannung. Als diese zu erlahmen drohte, erhielt sie durch eine unverbürgte Nachricht neue Nahrung.
Es hieß, ein hoher Funktionär des Gerichts habe ein Schreiben erhalten, darin eine junge Dame vornehmer Abkunft sich verpflichtete, das Mädchen Seraphita nach verbüßter Strafe bei sich aufzunehmen, für Nahrung, Heim und Unterricht zu sorgen, bis die Verurteilte imstande sei, sich einen auskömmlichen Beruf zu wählen. Zugleich übersandte sie dem Funktionär eine gewisse Summe Geldes, um dem Mädchen die Reise zu ermöglichen.
Man staunte, man zweifelte, man pries. Als Schreiberin des Briefes bezeichnete das Gerücht Diana Cesarini. Niemand wußte sicheren Bescheid.
Stephan fragte sie, als sie miteinander segelten. Wind war um sie, frischer Meergeruch und feuchtes Blau. Sie bog den Kopf mit schüchtern trotziger Wendung zur Seite, so daß Stephan nur die feine Linie sah, mit der ihre geschlossenen Lippen endigten. Die langen Wimpern berührten fast die Wange, es schien, als falte sich ihre Seele zur Abwehr gegen die Welt.
Stephan blickte zu Boden und dann über das Meer. Sie erschien ihm schön in diesem Augenblick. Tags darauf schickte er ihr einen Spiegel, in Platin gefaßt und von Perlen umrandet.
Seraphita wurde später zu anderthalb Jahren schweren Kerkers verurteilt. Lange, ehe das Urteil gefällt wurde, reiste Stephan ab und eine Woge zweifelsüchtigen Geredes fegte über seine Spur. Kaum war er verschwunden, so erkalteten, die von ihm bezaubert gewesen waren. Menschen, die er zueinander in Beziehung gebracht, trennten sich voll Mißtrauen, solche, die er entzweit hatte, schlossen erneute Freundschaft.
„Man darf nicht den Rücken kehren, wenn man den Käfig verläßt“, sagte Diana voller Grimm. Sie allein wich so wenig vom geraden Weg ihres Herzens, als ein Pfeil im Fluge seine Bahn verläßt.
Wie hätte er das sonderbare Mädchen nicht vergessen sollen? Das Leben wartete auf ihn in allen lockenden Gestalten, und Isabella wartete auf ihn mit aller Süßigkeit ihrer Liebe.
Und dennoch vergaß er Diana nicht.
Sein Leben war voll Zerstreuung und Genuß. Er streckte die Hände aus, nahm, öffnete, zerbrach, warf weg. Er hielt sich wenig mit Betrachtungen auf, noch weniger mit Gewissensbissen. Isabella war der dunkelschimmernde Grund, von dem sich das Festmahl seines Lebens abwechslungsreich genug abhob.
Isabella ahnte, schwieg, krümmte sich heimlich, lächelte. Von Diana freilich ahnte sie nichts.
Und doch war Diana bei ihm, wenn er müde wurde. An Diana dachte er oft mitten in einer Zärtlichkeit. Er wünschte, daß sie ihn sähe, wenn er andere küßte. Er wünschte, daß sie darüber weine, daß sie rase, tobe, sich dazwischen stürze, ihn mit ihren Kinderarmen packe und schreie, „du Betrüger, weißt du denn nicht, daß du mir gehörst?“
Daß er ihr einen Spiegel geschenkt, erfüllte ihn oft mit Schrecken. „Es ist wie eine Versuchung, Gottversuchung“, dachte er. „Sie wird ihre Unschuld verlieren, der Spiegel kann sie verderben!“
Dann war ihm weh zumut, er staunte, daß ihm so weh werden konnte. „Ach Gott, sollte ich lieben können?“, dachte er kindlich und genoß einen Atemzug von reinem Glück.
Alle waren feil, an ihrer Sprödigkeit gemessen. Alle waren falsch, gegen ihre Offenheit. Alle waren feig, wenn er an ihr mutiges Antlitz dachte, und alle, alle waren niedrig vor ihrem Stolz.
„Es mag ein lächerliches Bekenntnis sein“, schrieb er an sie, „aber mir ist zuweilen, als seien Sie zum Wächter über mein Leben eingesetzt.“
Es ist zu toll, zu toll, dachte er kopfschüttelnd und schickte den Brief nicht ab.
Aber es war nicht zu leugnen, er ging umher und durch allen Rauch und Dunst seines geschäftigen Lebens schimmerte ein Licht. Einmal, in einem dunklen Zimmer, überkam es ihn, daß er die Klinke einer Tür mit Inbrunst küßte. Lieder, die er hörte, rührten ihn zu Tränen. Er konnte es nicht fassen, daß er liebte.
Im Juni, trotzdem die Saison auf der Höhe stand, drängte es ihn nach Hause. Er erwirkte Urlaub. Seine Freunde begriffen diese Eile nicht. Sie hatten Pläne, Jachtfahrten und Jagden. Sie schwärmten von Frauen, die er kennen lernen, von Landhäusern, die er besuchen sollte. Eine schwarze Tänzerin aus Haiti wurde erwartet, von der es hieß, daß sie den vollkommensten Körper besitze, und man versprach sich Offenbarungen der Idee des Tanzes von ihr. Stephan lachte. Als Robert Whitelocke, der sehr schön war, ihn besuchte, fand er den Vielumworbenen inmitten halbgepackter Koffer, vor denen sein Diener kniete, indes Stephan in einem schlanken Büchlein las.
„Also Sie reisen wirklich“, sagte Robert mit betrübter Miene, „und Sie reisen tatsächlich nach Hause?“
Dieser letztere Umstand verdroß ihn am meisten, denn er wußte, daß auch Isabella dahin gefahren war, die er auf dem Gut einer Verwandten kennen gelernt und in die er sich verliebt hatte. Stephan wußte davon und er hätte ihm Isabella gern gegönnt.
„Besuchen Sie mich doch in meinem schlesischen Idyll“, sagte er strahlend vor Wohlwollen, aber Robert Whitelockes ausgesprochenste Eigenschaft war Schüch ternheit.
„Was lesen Sie da?“, fragte er nach abwehrend gestammeltem Dank und zeigte auf das Buch.
„Die flämischen Legenden von de Coster“, erwiderte Stephan, „es ist ein wunderbarer Stil. Hören Sie doch:
‚Das edle Fräulein reitet und singt und bläst das Horn. Und sie ist schön von himmlischer Schöne und ihr Antlitz ist rosig und frisch. Und aufrecht trägt sie ihre Krone. Und ihre kleine Hand hält unter dem Keirle das gute Schwert Rolands des Leuen mit festem Griff. Und ihre unerschrockenen Augen, so nach Herrn Halewyn im Walde spähen, sind weit offen.‘“
„Was will sie von Herrn Halewyn?“, fragte Robert und errötete.
„Ach, sie wird ihn erschlagen“, rief Stephan, „weil er ein Bösewicht war und ein steinernes Herz hatte.
Aber hören Sie weiter:
‚Was macht ihre hellen Augen also flammen?
Das ist ihr schöner Mut.
Warum trägt sie ihr Haupt und ihre Krone so gerade?
Weil ihr Herz so große Kraft hat.‘
Weil ihr Herz so große Kraft hat“, wiederholte Stephan und blickte lächelnd zum Fenster hinaus.
Es kam so, wie er erwartet hatte. Diana war in Groß-Ellingen. Es tat ihm leid, daß er sie nicht erwarten durfte, denn er wollte alle Narretei der Liebe kosten.
Daß er sich vor Isabella verbergen mußte, war ihm recht, denn seine Natur war für die Umwege geschaffen. Dianens Unbekümmertheit aber entzückte ihn. Ihre Augen suchten ihn, wenn er ins Zimmer trat. Ihre Schritte folgten ihm in Feld und Garten. Ja selbst ihr Pferd, ihr Hund waren ihm zugetan, und als er einmal nach raschem Laufe nahe bei ihr stand, merkte er, daß sie die erregten Atemzüge nach dem Takt der seinigen bändigte.
Oft mied er sie am Tage, um die Nacht vor ihrem Fenster zuzubringen. Als er merkte, daß sie eine tiefe Scheu vor körperlicher Berührung empfand, belud er die Ranken, die zu ihrem Fenster aufstiegen, mit Küssen und Geflüster. Ihm war, als dürfte er zum erstenmal blühen, er ging in einem Zauber, und seine Geschwister und sein Vater konnten des Staunens kein Ende finden, weil er so gut war.
Nur Diana ward der Veränderung nicht inne. Für sie hatte nur ihr eigenes Gefühl Gestalt. Ihre Liebe war ganz um sie geschlossen, sie sah nichts als ihre Liebe.
Sie bemächtigte sich des Menschen, der ihre Liebe erweckt hatte, gleichviel wie er war, sie dachte nicht an Eigen schaften. Sie empfand das Einmalige, Endgültige ihres Gefühls, sie dachte nicht an Moral und Qualität. Um Stephan befragt, wäre sie nicht imstande gewesen, ihn nach Mädchenart zu rühmen. Sie liebte ihn, er war für sie bestimmt von Anbeginn und ihre Liebe umklammerte seine Tugenden wie seine Fehler.
Ihr sagen, daß er sie zum Weib begehrte, schien ihm die reinste Höhe seines Lebens. Ehe war ein heiliges Wort. Ziererei und Weigerung waren ausgeschlossen. Sie nahm es auf wie etwas, das sie lange wußte. Doch glänzte unbeschreibliche Freude in ihrem Blick. Er küßte ihre Hände, da senkte sie in größter Verwirrung das Gesicht und bot die Stirn.
Sie kamen überein, daß sie das Geheimnis einstweilen bewahren wollten.
Aber Isabella rankte sich mit Schmeicheln um die Freundin, umwarb, umlauerte sie, erblaßte zuweilen, und lauschte an den Türen. Eines Morgens schlüpfte sie in Dianens Schlafzimmer. Sie trug einen weißseidenen Schlafrock und die schönen Füße steckten in Pantöffelchen von schwarzem Samt. Der warme nackte Körper schimmerte durch die dünne Hülle.
Sie trug eine Bernsteinkette um den Nacken, die fast bis zur Erde reichte. „Sieh, was Stephan für mich gefunden hat!“, sagte sie und zog die honigfarbenen Perlen kosend durch die Hand.
Diana lächelte aus ihren Kissen und streckte die Arme nach der Freundin aus. „Er hat es mir verboten!“, flüsterte sie ganz nahe an ihrem Ohr, „aber wie kann ich ein Geheimnis vor dir haben? Wir sind versprochen, er und ich. Gestern ist alles klar geworden. Wir heiraten im Herbst.“
Da bäumte sich Isabella mit solcher Heftigkeit aus der schmeichelnden Umarmung, daß die Bernsteinkette riß. Die Perlen rieselten herab und hüpften von ihrem Schoß. Isabella fiel auf die Knie und jammerte: „Meine Kette ist zerrissen und verloren!“
Diana sprang aus dem Bett, um die entrollenden Perlen einzufangen. Isabella schnellte auf und verschlang die halb enthüllte Gestalt der Freundin mit einem gierigen Blick. „Du mußt viel schöner sein als ich!“, hauchte sie aus der Qual tödlich verwundeten Selbstgefühls.
Zugleich erhob sie sich und, da ihre Knie versagten, lehnte sie sich an die geschlossene Tür. „Laß, Diana!“, sagte sie mit unnatürlich hoher Stimme, „das ist entzwei, das wird nicht wieder gut!“
Damit floh sie aus dem Zimmer.
„Hat sie dich geliebt?“, fragte Diana bestürzt, als sie Stephan den Vorfall gestand.
Stephan sah ihr in die kurzsichtigen Augen und verbarg sein Staunen, sein Entzücken über die Weltentrücktheit ihres Blicks.
„Von dir darf ich mich rauben lassen“, sagte er heiter, „du blickst nicht rechts, du blickst nicht links, du bist ein Ziel, ein Herz und eine Flamme!“
Das Verlobungsfest wurde von Ferdinand Lantin mit besonderer Feierlichkeit gerüstet. Die Nachbarn weit und breit wurden geladen, alles schwamm in Fröhlichkeit und Freude. Isabella bezauberte alle jungen Herren der Umgebung. Nur Frau von Lantin, ihre Mutter, bot den Anblick einer unerklärlichen Zerrüttung.
Im Herbst, als sich die Ebereschen dunkel röteten, feierte Diana Hochzeit auf Schloß Zivonin.
Um die Weihnachtszeit kehrte das junge Paar auf kurze Zeit nach Zivonin zurück, um sich zur endgültigen Abreise nach England vorzubereiten.
Dianens krankhafte Blässe und eine an ihr ungewohnte Reizbarkeit fiel jedermann auf. „Bist du guter Hoffnung?“, fragte die Fürstin eher verdrossen als erfreut.
Sie hätte es plebejisch gefunden und ärgerte sich im voraus.
Dunkel erglühend schüttelte Diana den Kopf.
Eine Weile stand sie unschlüssig vor der Mutter, verflocht krampfhaft die Hände ineinander und heftete flehentliche und scheue Blicke auf sie.
Die Fürstin klagte über ihre Nervenzustände und schickte die Tochter fort.
Als sie Diana wiedersah, brach sie in Tränen aus. „Kein Vertrauen!“, schluchzte sie laut, „die eigene Tochter kein Vertrauen!“
Diana stand vor ihr, ohne einen Muskel des Gesichts zu verziehen. Wie kannte sie diese Ausbrüche!
Wie kannte sie das peinigende Gefühl von Scham angesichts solcher Würdelosigkeit! Sie wußte, daß sie nun keine Regung, keinen Laut zur Beschwichtigung der Mutter hervorbringen würde, und dennoch empfand sie – zum erstenmal – eine dunkle Furcht, Unrecht zu begehen, eine Geschlagene zu schlagen.
„Es ist kein Wunder“, jammerte die Fürstin weiter, „du bist ganz er, kaltherzig und in dich verkrochen wie er, und er hat mich auch verlassen!“
„Mein Vater hat dich geliebt, Mama“, stammelte Diana und starrte auf ihre Fußspitzen.
„Und?“, schnellte die Fürstin plötzlich mit trockener Stimme hervor und öffnete die funkelnden Augen, aus denen die Tränen mit unglaublicher Schnelligkeit verschwanden, „und? Dich liebt Stephan etwa nicht?“
Dies war ein Überfall. Erschrocken schaute Diana auf die Mutter und erblickte etwas Atemloses, Neugier und List darin, aber auch ein kindlich rührendes Verlangen, mitzuzählen, Geheimnisse zu bewahren, der Tochter unentbehrlich zu werden.
„Stephan trägt mich auf Händen“, erwiderte Diana verwirrt.
Die Fürstin bestand auf ihrer Vermutung: „Also liebst du ihn – weniger als du dachtest?“
Dianas Züge wurden weich, fast schön. „Gott weiß, wie ich ihn liebe!“, rief sie leise aus. Dann fügte sie, zu sich selbst, kaum mehr vernehmlich, hinzu: „Aber es hilft mir nichts.“
Mehr erfuhr die Fürstin nicht, obgleich ihr weiblicher Instinkt ihr verriet, daß Diana Geständnisse und Fragen auf dem Herzen trug, ja sie ahnte, worin diese Geständnisse und Fragen bestanden. Diese Frau, die ihre Jahre darauf verwendete, ihre Nerven zu schonen und ihren Körper bei völlig fruchtloser Schönheit und Frische zu erhalten, fruchtlos, weil das Ziel so vieler Mühen durchaus nicht Liebe, ja nicht einmal Befriedigung der Gefallsucht, sondern einfach die Mühewaltung selber war, diese Frau setzte es sich plötzlich in den Kopf, sie müsse der Tochter mit den Erfahrungen ihres Lebens dienen.
Dieser Gedanke verwandelte sich rasch zur fixen Idee und versetzte die unglückliche Frau geradezu in Begeisterung. Diana verwirrte sich in Scham, je offensichtlicher die Mutter warb.
Eines Nachts, als sie wußte, daß Diana schon schlief, erhob sich die Fürstin von ihrem Bett, obgleich sie Pantopon genommen hatte und diese Arznei regungslose Ruhe erfordert, obgleich ihre Glieder durch allerlei Bandagen gefesselt waren, obgleich der Herzkühler abgenommen und der Termophor entfernt werden mußte, verlangte Pantoffel und Schlafrock von der entsetzten Jungfer und schlich in Dianens Zimmer.
Sie öffnete behutsam die Tür und erschrak, als sie Lichtschein erblickte. Indessen beruhigte sie sich bald wieder. Diana war während des Lesens eingeschlafen, die elektrische Lampe brannte unter dem orangefarbenen Schirm, das aufgeschlagene Buch lag auf dem Fußboden.
Die Fürstin setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, und blickte der Schlafenden ins Gesicht.
Plötzlich fing sie an zu weinen.
Diana wurde unruhig, warf sich ein paarmal hin und her und öffnete mit einem schmerzlich schweren Laut die Lider.
„O – nicht!“, murmelte sie in besinnungslosem Schrecken, als sie Licht erblickte, und hüllte sich wie ein entsetztes Kind in ihre Decke, „nicht, ich bitte dich, laß mich schlafen.“
Ihre Schultern bebten vor Furcht.
„Diana!“, hauchte die Fürstin.
Diana fuhr herum. „Du – Mama?“, murmelte sie in höchster Verwunderung. Zugleich verzog sich ihr Gesicht zu unnatürlichem, krankhaft hervorgeschütteltem Gelächter.
„Verzeih, Mama, verzeih, Mama“, stieß sie hervor und während sie lachte, füllten sich ihre Augen mit großen Tränen, „sei nicht böse, aber diese Gummibandage auf der Stirn und das Band um Kinn und Hals, gibt dir ein – ein allzu sonderbares Aussehen.“
Die Fürstin trug nachts diese Binden, um ihr Gesicht vor Falten zu bewahren.
Als sie die Mutter weinen sah, nahm sich Diana gewaltsam zusammen. „Ach Mama“, stotterte sie, „es war nicht böse gemeint, begreife doch, die ungewohnte Stunde, der ungewohnte Anblick, alles hat mich verwirrt. Warum bist du hier? Ist dir nicht gut? Kann ich dir helfen? Sprich doch, Mama, du erschreckst mich!“
Allein die Fürstin hörte nicht auf zu weinen. Der romantische Gedanke, den Schlaf der Tochter zu belauschen, wenn schon diese im wachen Zustand sich kein Geständnis entschlüpfen ließ, hatte zuerst ihr Entzücken, unmittelbar darauf aber tiefes Mitleid mit sich selbst in ihr hervorgerufen. Unsäglich arm und verstoßen erschien sie sich, so genötigt, den Schlummer ihres Kindes zu beschleichen. So kam es, daß sie, durch einige karge Zärtlichkeiten Dianens gern verführt, von sich und ihrem Schicksal zu reden begann, statt von Diana.
Stoßweise erst, dann fließend und zusammenhängend, begannen die Klagen, die schon Dianens Kindheit begleitet hatten. Nur wandte sich Diana heut nicht ab wie sonst. Aufmerksam hörte sie zu, als wäre das Alte neu geworden, als beträfe sie selbst, was ihr früher als müßiges Hirngespinst einer Halbkranken erschienen war.
„Ich betete deinen Vater an, aber er war ein Egoist“, jammerte die Fürstin. „Für ihn gab es nur Sachen, Menschen zählten nicht, wo eine Sache in Frage kam. Erst seine Insel, später seine Bücher und endlich seine Reisen, alles war wichtiger, war bedeutender als ich. Meine Treue, meine grenzenlose Liebe half mir nichts.“
„Wie das, Mama?“, fragte Diana halblaut dazwischen. „Wie meinst du das: es half dir nicht? Wozu half es dir nicht?“
„Ach, weiß ich es denn? Ihn zu gewinnen, mir ihn zu gewinnen half es nicht.“
„Mama, Papa liebte dich so sehr. Einmal warst du krank, da wachte Papa nachts vor deiner Tür. Ich glaube, du meinst es anders. Papa zu gewinnen war nicht schwer, du hattest es gar nicht nötig, Mama, er liebte dich. Etwas anderes ist vielleicht schwer zu gewinnen, vielleicht half deine Liebe dir nicht, Freude zu gewinnen.“
Sie erglühte, als sie das Wort „Freude“ mit gesenkten Blicken sprach, als wäre es ein unreines oder ein gefährliches Wort.
„Freude?“ Die Fürstin hob die Schultern. „Ich weiß nicht, was du meinst, Diana. Es ist wahr, ich war niemals fröhlich. Ich war niemals zufrieden. Ich hatte ein glänzendes Leben erträumt, und er brachte mich auf die Insel. Ich war schön und jung und sollte einer Sache dienen. Ich haßte Sachen! Ich war nicht geboren, um zu dienen. Einem Menschen, einem Heros vielleicht. Aber einer Sache? Ich hatte die schönsten Haare und die schönste Haut, die je eine Frau besaß.“
„Aber dann gingt Ihr doch nach Paris?“
„Ach – dann! Dann war es zu spät. Die Enttäuschung war über mich hingegangen wie eine Pflugschar. Ich war zerrissen.“
„Mama!“ Diana richtete sich auf und starrte der Fürstin angstvoll ins Gesicht, „Mama! Sind denn alle Frauen nur wie Erde, die man ackert?“
War es Bosheit, war es seit Jahrhunderten heilig gesprochene, falsche Scham? War es tiefe Unwissenheit um das Einfachste und Verborgenste der Liebe? Die Fürstin schien nicht zu verstehen, daß die Enttäuschung eines jungen Körpers zu ihr redete. Sie antwortete daher in kläglichem Ton: „Ach, Diana, wir frü heren Frauen waren ein unbeschriebenes Blatt. Mich wundert aber, daß du so fragen kannst, du, so selbständig, so selbstbewußt, so selbstsicher schon als Kind!“ Und in ihren Blicken erwachte wie eine Erinnerung der quälende Wunsch nach Aufklärung, der sie an das Bett der Tochter gebracht hatte.
Diana heftete die unnatürlich glänzenden Augen auf die Mutter. Ihre Lippen standen offen, die Mundwinkel und die Wangen zuckten in einem aufgeregten, halben Lachen. Jedes ihrer Glieder bebte in verhaltener Bewegung. Sie streckte die Arme nach der Fürstin aus und rief mit heiserer Stimme und beinahe hysterischem Ausdruck: „Zweifle nie an meinem Glück, Mama. Mag sein, daß ich dies und das werde entbehren müssen, aber was verschlägt’s? Ich liebe über alle Begriffe und werde geliebt. Ich bin so glücklich, als offenbar eine Frau es werden kann.“
Damit warf sie sich der Fürstin an die Brust und ihr Körper erbebte unter trockenen, tränenlosen Stößen.
Die Fürstin hatte Diana nie anders als vernünftig und gefaßt gesehen.
Der ungewohnte Anblick erschreckte und befriedigte sie tief.
Sie liebte Szenen über alles.
Stephan langweilte sich. Die Fürstin begegnete ihm mit kaum verhohlenem Haß. Trug er Höflichkeit zur Schau, so warf sie ihm Kälte vor; markierte er Sorglosigkeit, so ließ sie es nicht an Anspielungen fehlen, daß er ihr wohl die Tochter, nicht aber die Hoheitsrechte in ihrem Hause hatte rauben können.
Stephan ärgerte sich darüber. Er wurde überhaupt leicht ärgerlich, und Diana lernte ihn von seiner verdrossenen Seite kennen.
Dann wurde sein Gesicht böse und alt. Die schöngeschnittenen, braunen Augen bekamen einen Ausdruck stumpfer Traurigkeit.
„Deine Mutter macht mich unbeschreiblich nervös!“, fuhr er Diana an, „was für Vorstellungen, guter Gott! Ich habe dich doch nicht entführt, ich muß doch nicht um Verzeihung bitten, weil ich dich geheiratet habe! Sie sitzt unten am Kamin, zürnt und erwartet Kniefall. Mach ihr doch klar –“
„Man kann meiner Mutter niemals etwas klar machen“, unterbrach Diana mit sehr sanfter Stimme und bittenden Augen.
Stephan warf einen schiefen Blick auf sie. Daß sich Diana so wenig zu kleinen diplomatischen Geschäften eignete, verdroß ihn sehr. Er war gewohnt, Menschen, mit denen er in Beziehung stand, und besonders Frauen, als Vorspann zu benutzen. Diana erwies schon zu den ersten Proben kein Geschick.
Seinem Ärger überliefert, begann er, Dianen von anderen Frauen zu erzählen. Immer wieder kam es auf dasselbe heraus: versteckt oder offen rühmte er deren behende Gefügigkeit.
Eines Morgens bekam Stephan einen Brief, den er stirnrunzelnd zu Ende las und dann verächtlich auf die Seite warf. Diana, die am Frühstückstische neben ihrem Gatten saß, ergriff den Brief in eigentümlicher Erregung. Sie erinnerte sich später, daß eine dunkle Ahnung sie geradezu gezwungen hatte, nach dem Brief zu greifen. „Darf ich?“, murmelte sie und entfaltete ihn zugleich.
Sie las:
„Ich bin in Not, in lächerlicher, verzweifelter Not. Denke dir doch dieses Eine: ich stehe auf der Kanzel, Menschen blicken zu mir auf, ich soll reden, Gottes Liebe in geheiligten Worten niederstreuen, und ich stehe mit erhobenen Händen still, gelähmt von Grauen. Ich wußte immer, daß es kommen wird. Ich wußte, daß diese Bilder mich ereilen werden, daß sie sich eines Tages vor mir aufrecken werden, gerade auf dieser Kanzel, gerade in diesem Augenblick, so und nicht anders, in diesem Licht und in dieser Stunde.
Wenn noch ein Funken Freundschaft in dir ist, Stephan, komm zu mir, und wenn es für eine einzige Stunde ist, du hast eine geheimnisvolle Macht über mein krankes Gehirn. Sei barmherzig, Stephan, auch wenn es dich widert, sei barmherzig. Bedenke, daß vielleicht mein Leben in deinen Händen ist. Ich bettle und ich weiß, du hast ein kaltes Herz, und bettle doch, hier ist allem Stolz und aller Scham ein Ziel gesetzt: wäre es nur der Tod, ich hätte nicht gebettelt; aber es ist die Verdammung, es ist der Tod in alle Ewigkeit.“
„Wer – ist das?“, stammelte Diana. „Knorr“ stand unter diesen Zeilen. „Wer ist Knorr?“ „Ein Kamerad aus Kalksburg“, murmelte Stephan. Diana heftete weite, eigentümlich brennende Augen auf ihn. „Er wurde Geistlicher?“, fuhr sie hartnäckig fort.
