Der Zeitgeist - Jan Willand - E-Book

Der Zeitgeist E-Book

Jan Willand

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Beschreibung

Laber-Ra-Barbar hat es schwer. Hätte er gewusst, dass er eines schönen Frühlingstages beschließen würde, den Mord an seiner Mutter rächen zu wollen, wäre er Assassine oder zumindest Detektiv geworden. Aber er ist eben ein Geschichtenerzähler. Ein Mensch mit fantasiegeschwängertem Kopf, gutem Herzen und wenig praktischem Geschick. Als er seine Mutter sterbend vorfindet, nimmt er sich trotz allem vor, jemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen. So stolpert der junge Mann durch eine Reise zu sich selbst und entdeckt Vergängnis, Liebe, Familie, Drogen, Zeitsprünge und jede Menge Wurst.

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Seitenzahl: 242

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Wenn uns die Zeit im Nacken sitzt, stellt sich

die Frage, wofür wir sie nutzen.

Für das Heute? Das Morgen?

Vielleicht einfach nur für die Gewissheit,

dass wir den Momenten,

die wir im Miteinander verbringen,

mehr Beachtung schenken sollten,

als der Zeit selbst.

Inhalt

Kapitel 0: Grmpf

Kapitel 1: Frühling

Kapitel 2: Liebe

Kapitel 3: Tod

Kapitel 4: Begegnung

Kapitel 5: Vertrauen

Kapitel 6: Konzentration

Kapitel 7: Entscheidung

Kapitel 8: Verhandlung

Kapitel 9: Verfluchter Segen

Kapitel 10: Bewegung

Kapitel 11: Bilder

Kapitel 12: Fremdenverkehr

Kapitel 13: Wendungen

Kapitel 14: Lebenslauf

Kapitel 15: Hundstage

Kapitel 16: Zukunft

Kapitel 17: Ausweg

Kapitel 18: Ahnenforschung

Kapitel 19: Überraschungen

Kapitel 20: Der Zeitgeist

Quellennachweis

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GRMPF

Am Anfang war nichts.

Der junge Mann blickte sich um. Hoffte, etwas Verheissungsvolles zu entdecken. Doch da war nichts.

Er wandte sich wieder an seinen Begleiter. „Kommt da noch was?“

„Was meinst du?“ Die Stimme seines Gegenüber war von undurchdringlicher Tiefe. Wie das Nichts um sie herum.

Umgeben von Schwärze standen die beiden in einem Raum voller Undefinierbarkeit. Logisch. Es war nichts zu sehen, kein Laut zu hören. Die Stille war so intensiv, dass er sich die Ohren zuhalten musste. Er versuchte sich auszumalen, wie genau sein Gegenüber wohl aussähe. Doch da war nichts, kein Anhaltspunkt. Das war eine der Tücken, wenn man sich mit dem Bösen einließ.

„Na ja, wir sind immerhin gerade dabei, einen geheimnisvollen magischen Pakt zu schließen. Eine Symbiose der Allmacht und der Zwietracht zu beschwören – oder so etwas in der Art“, erwiderte der junge Mann.

„Mach es nicht so dramatisch“, entgegnete das Böse. „Wir haben eine Vereinbarung getroffen, nichts weiter. Das mache ich ständig. Oder was glaubst du, warum all die seltsamen Dinge passieren?“

„Worauf spielst du an?“

„Krankheit, Verbrechen, Missgunst, Lakritzschnecken. So was eben.“

„Verstehe.“

„Tust du nicht.“

„Jetzt hör aber auf…“

„Ihr Menschen glaubt an den Verstand. Und genau da liegt das Problem. Schaltet euren Verstand aus und konzentriert euch auf das Glauben. Das reicht vollkommen. Allerdings würde mir dann ziemlich langweilig werden.“ Das Böse hielt kurz inne, um sich zu sortieren und wieder zum Kern ihrer Unterredung zurückzukehren. „Eigentlich ist es egal. Du verstehst sowieso nichts. Schon gar nicht das mit den Lakritzschnecken.“

„Was haben die Lakritzschnecken damit zu tun?“

„Sie werden noch eine bedeutende Rolle spielen. Aber du wirst es vermutlich nicht mitbekommen.“

„O Mann, du machst mich fertig“, erwiderte der junge Mann genervt.

„Beruhig dich. Du bist mich ja gleich los“, gab das Böse zurück, „Du glaubst also, verstehen zu müssen, wie du die Zeit mit Hilfe magischer Kräfte in ihre Schranken weisen kannst?“

„Das war mein Plan. Darüber verhandeln wir doch gerade.“

„Ich wollte es nur zusammenfassen.“

„Und, kommen wir nun ins Geschäft?“

Das Böse neigte seinen gewaltigen Kopf zur Seite und warf einen eindringlichen Blick auf den jungen Mann, der ihn trotz Dunkelheit bis in die Fußspitzen erschauern ließ.

Er verspürte leichte Kopfschmerzen.

„Ich verleihe dir magische Kräfte. Du tust damit, was du nicht lassen kannst. Dafür wirst du in meine Dienste treten. Ein weiterer treuer Vertriebsmitarbeiter, der für mehr Unruhe in dieser langweiligen Welt sorgt. Erstattung gibt es nicht, also komm nachher nicht angerannt und heul rum, weil du dein altes Leben zurück haben willst.“ Es wusste, wovon es redete.

„Bestimmt nicht. Also, legen wir los?“

Die Szenerieadditive, die jeden einzelnen Moment des Lebens sinnlich ausgestalten, verdichteten sich zu einer explosiven Atmosphäre-Sphäre. Eine jener Gefühlslagen, die unser Leben so lebendig und verwirrend gestalten. Allen voran Hochspannung war kaum auszuhalten und brachte die Luft zum Knistern. Die Augen des jungen Mannes waren weit geöffnet. Die Erwartungen brodelten in ihm und erhitzten sein Gemüt, als das Böse den Schlussstrich zog

„Eine Sache noch.“

„Was denn?“, fragte er sein monströses Gegenüber. Er wurde müde und wollte nach Hause.

„Deine Unterschrift.“ Das Böse hielt ihm ein in abgewetztes Leder gebundenes Schriftstück unter die Nase.

„Meinetwegen.“ Der junge Mann unterschrieb erstaunlich treffsicher. Irgendeine Macht schien seine Hand im Schutze der Dunkelheit sicher über das Pergament zu führen.

„Und hier noch einmal.“ Eine Seite wurde umgeschlagen.

„Willst du mich …“

Ein rötliches Flackern in den Augen des Bösen war das erste sichtbare Zeichen seiner Anwesenheit und mahnte den jungen Mann zum Schweigen.

„OK“, sagte er kleinlaut, nachdem er erneut unterschrieben hatte.

„Dann bitte noch diesen Durchschlag …“ Es wartete kurz. „Und ein letztes Mal hier.“

In diesem Moment wurden dem jungen Mann zwei Dinge bewusst: Er schloss tatsächlich einen Vertrag mit dem Bösen. Und das Böse offenbarte sich mal wieder in kleinkarierten Formalitäten des Alltags. Selbst hier. Im Nichts. In der Stille. Mit diesem albernen Vertrag.

Was würde als Nächstes passieren? Sollte er sein Erstgeborenes opfern? Bei Vollmond sein Blut auf einem Grabstein verschmieren?

„Bis später“, brummte das Böse.

„Was? Wie jetzt, das war’s?“

„Was hast du erwartet?“

„Keine Ahnung? Infernales Getöse? Feuerspeiende Erdspalten? Dramatisches Grollen oder Lichtblitze, die dieses Dunkel hier in gleißendes Licht tauchen? Ein paar vereinzelte, schwefelige Ausdünstungen? Oder wenigstens ein paar Kerzen?“

„Dein Ernst?“

„Hey, du bist immerhin das Böse!“

„Und? Ich neige nicht zur Melodramatik.“

„Puh.“ Der junge Mann kratzte sich am Kopf und atmete tief durch. „Na gut, dann bis später.“

Stille. Ratlosigkeit. Wie würde er hier fortkommen? Würde er hier überhauptwieder wegkommen?

„Buh!“ war die Antwort auf seine ungestellte Frage.

Ein unheilvolles Lachen löste sich in der Brust des Bösen und rollte wie eine Lawine zynischen Gerölls durch das Dunkel.

Der junge Mann erschrak, taumelte rückwärts, blinzelte.

Als er die Augen wieder öffnete, blendete ihn das gleißende Sonnenlicht. Zum Schutz hob er die Hände vors Gesicht. Er war zurück.

Aber woher zurück? Seine Erinnerungen zerrannen noch während er versuchte, sie zu rekonstruieren Was war eben geschehen? Er wollte der Zeit einen Schritt voraus sein. Ewiges Leben sozusagen. Ach ja, darum die Unterschriften. Viele Unterschriften. Was genau hatte er da eigentlich unterschrieben? Hatte er überhaupt das Kleingedruckte gelesen? Die Rückseiten?

„Grmpf“, machte der junge Mann und redete sich ein, einen guten Handel abgeschlossen zu haben.

Die Zeit kommt. Die Zeit geht. Und bringt dabei unser Leben gehörig durcheinander. Zielstrebig und kompromisslos macht sie ihr Ding. Einem Geist gleich. Und mit Geistern war noch nie zu spaßen. Doch daran hatte der junge Mann keinen Gedanken verschwendet, bevor er den Deal eingegangen war.

Am Ende blieb ihm nichts.

EINS

FRÜHLING

Laber-Ra-Barbar war ein Geschichtenerzähler der gutmütigen Art. Und ein Träumer. Er träumte, wann immer die Zeit es ihm gestattete. Hätte er gewusst, dass ihn dieser Tag mit einem Albtraum überraschen würde, hätte er lächelnd abgelehnt. Für das Schlechte in dieser Welt war er nicht gemacht. Zu dumm, dass er kein Mitspracherecht hatte.

Der Erzähler sonnte sich nicht nur in entspannter Ahnungslosigkeit, sondern auch in der Frühlingssonne, die hoch am Himmel stand. Die Wiesen verströmten ein saftiges Aroma. Ihr Grün war so satt, dass der Betrachter sich daran weiden musste, um sie vor dem Völlegefühl zu bewahren. Die Vögel trällerten eine beschwingte, wenn auch alberne Melodie. Die männlichen Futterspäher nutzten die Gunst des Frühlings, um ihr auffallend buntes Gefieder zur Schau zu stellen. Sie machten sich schön, um die Zeit des Aufblühens, Auflebens und sich Aufdrängens willkommen zu heißen. Die Futterspäher-Weibchen belächelten das Schauspiel und übten sich in Zurückhaltung.

Mitten in der dieser ornithologischen Aufbruchstimmung bereitete sich eine kleine Ansammlung von Bäumen auf die Blüte vor und übte sich in den ersten Schattenwürfen des noch jungen Jahres. In einem dieser Schatten lehnte Laber-Ra-Barbar am kräftigen Stamm einer Klecker-Kastanie. Ein Beutel ruhte neben ihm im Gras. Der Geschichtenerzähler kaute auf einem Halm und genoss die Natur, die ihn von allen Seiten betörte.

„Diese Pracht muss man selbst erleben“, flüsterte er mehr zu sich als zu der karierten Echse, die ihn von einem sonnigen Fleck aus interessiert musterte.

Der junge Mann erinnerte sich, wie Mutter-Ra-Barbar einst die Gunst eben dieser Jahreszeit schamlos ausgenutzt hatte. Sein künftiger Vater hatte schon seit Wochen den muskulösen Körper, den er gerne gehabt hätte, in einer bunten Balz-Weste zur Schau gestellt. Mit Erfolg. Es kam zur entscheidenden körperlichen Kollision zwischen seinen Eltern. Sie war von viel Liebe, Warmherzigkeit und Sorgfalt bestimmt. Für Letzteres hatte Mutter-Ra-Barbar gesorgt. Als pragmatische und tüchtige Frau überließ sie ungern etwas dem Schicksal, das sich allzu oft zur falschen Zeit am falschen Ort einzumischen pflegte. Das Ergebnis war entsprechend ausgereift.

Nach vielen Monaten der Schwangerschaft und vielen Stunden Wehen erblickte der ziemlich kleine Laber-Ra-Barbar das Licht der Welt.

„Großartig!“, schallte es über den Hof des Bauernhauses. Seine Eltern waren irritiert über den Ausruf ihres Sprösslings so unmittelbar nach der Geburt.

Ein körperlich reges und praktisch veranlagtes Kind hatten sich die beiden gewünscht. Dass sie ein geistig reges, aber völlig unpraktisch veranlagtes Kind gezeugt hatten, wurde ihnen erst später bewusst. Das Schicksal eben …

Es war offensichtlich, dass Laber-Ra-Barbar von seiner Geburt begeistert war. Obwohl es in der entscheidenden Frühlingsnacht draußen gestürmt hatte, oder vielleicht gerade deswegen, mochte er das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Er gab sich ganz und gar den Eindrücken hin, die seine Umwelt zu bieten hatte. Tiere, Pflanzen, Felder, Wiesen und Buchstabensuppe – das Leben war für ihn ein unerschöpflicher Schatz, den er innerlich anhäufte und der ihn zu einem wohlhabenden Menschen machte.

Seine Eltern hatten keine Mühen gescheut, ihm zumindest das nötige Maß an Pragmatismus mitzugeben, das er benötigte, um später einmal den Hof bewirtschaften zu können. Als der noch junge Knabe jedoch in ein Fass mit Buchstabensuppe fiel, gingen auf einmal merkwürdige Dinge vor sich und der Lauf des Lebens scheuchte seine Eltern von einer Ratlosigkeit zur anderen. So wie zu der Zeit, als er die ersten Romane gelesen und auswendig gelernt hatte. Da war er viereinhalb.

Wie schnell doch die Zeit verging, dachte Laber-Ra-Barbar und pfiff leise durch die Zähne, woraufhin sich ein Futterspäher-Weibchen auf seiner Schulter niederließ. Er lächelte und blickte auf. Durch das Mosaik der beginnenden Blüte fielen einige Sonnenstrahlen auf sein schmales Gesicht und ein paar ausgereifte Klecker-Kastanietten schlugen direkt neben ihm ein. Der Erzähler schreckte hoch.

„Jetzt wird es aber höchste Zeit“, rief er der Echse zu, die neugierig den Kopf hob und aufgeregt mit den Schwanz auf den warmen Stein klopfte. Im nächsten Augenblick verschwand sie.

Laber-Ra-Barbar erhob sich trotz seiner schlaksigen Erscheinung schwerfällig. Wie lange hatte er wohl geträumt? Lange genug, dass jetzt Grund zur Eile bestand, wenngleich er sich nur ungern in Stress versetzen ließ. Dennoch sollte er nicht noch länger hier verweilen.

So viele Jahre waren vergangen, seit er im Streit den elterlichen Hof verlassen hatte, um sein Brot als Geschichtenerzähler auf einem Piratenschiff zu verdienen. Nun war die Zeit für ein Wiedersehen gekommen. Und sie fühlte sich richtig an. Oder zumindest gut. Na ja, zugegebenermaßen eher merkwürdig.

Trotzdem sollte ich mich beeilen, dachte er, warf sich seinen Beutel über die Schulter und ging los. Nach ein paar Metern bemerkte er das fehlende Gewicht, drehte sich um und hob lachend sein Bündel auf. Der Erzähler konnte verstehen, warum seine Eltern mehr Geschick bei ihrem einzigen Abkömmling begrüßt hätten. Er vergewisserte sich noch einmal, dass er das Mitbringsel bei sich hatte, und befühlte zufrieden die markanten Umrisse der Axt, die er für seine Mutter erstanden hatte, bevor er weiterlief.

ZWEI

LIEBE

In einem sorgsam sich selbst überlassenen Garten stiefelte eine junge Frau durch das sanfte Gras. Über ihrem Ohr taten ein paar Haarklammern ihr Bestes, die ungestüme Lockenpracht im Zaun zu halten. Ihr schmales, elegantes Gesicht erzählte von Selbstbewusstsein und Gelassenheit. Ihre lebhaften grünen Augen wurden von einer aus Draht gedrehten Brille umrahmt, die ihr Pragmatismus und diebische Schläue ins Gesicht malte. Mit dieser in Summe ausgesprochen zufriedenen Gelassenheit ließ es sich in dem Natursteinhaus am Rande eines großartigen Waldes hervorragend leben.

Gute Laune stand der jungen Frau ins Gesicht geschrieben, als ein paar Musizier-Meisen den Zauber des Moments mit furiosem Geträller ins Kitschige steigerten. Es roch nach tierischem Bergfrühling, blühenden Wildblumen und frischem Gras, das ihre nackten Zehen kitzelte, was der gesamten Szenerie eine jungfräuliche Reinheit verlieh.

Die junge Frau trug einen Wäschekorb unter dem Arm und machte an einer stramm gespannten Leine Halt. Wäsche aufhängen wäre ihr noch bis vor wenigen Jahren absurd vorgekommen. Das Abenteuer hatte sie im zarten Alter von zwölf Jahren gepackt, sodass sie nur mit dem Nötigsten in die Welt gezogen war. Sie hatte dunkle Wälder, schroffe Gebirgsregionen und weitläufige Flusslandschaften erkundet, bevor sie sich schließlich vom Strom der großen Stadt mitreißen ließ. Sie lernte über die Jahre Land und Leute kennen, ehe der Großstadtdschungel sie gesättigt ausgespuckt hatte.

Sie kehrte der Stadt den Rücken, reich an Lebenserfahrung, aber müde ob der hektischen Betriebsamkeit, der anhaltenden Unruhe und der einengenden menschlichen Nähe. Sie landete auf diesem Stück Land, wo sie sich in einem schnuckeligen alten Steinhaus niederließ. Sie richtete es her und stellte sich auf einen geruhsamen neuen Lebensabschnitt ein. Dass ihr in all den Jahren der Reiserei nichts widerfuhr, sie kein Opfer der Schattenseiten dieser wahnwitzigen Welt wurde, das war und blieb ihr ein Rätsel.

Und so begann die ausgesprochen praxistaugliche junge Frau damit, ihre Wäsche aufzuhängen. Sie atmete den tierischen Bergfrühling ein, vernahm ein leises, sich behutsam näherndes Ticken, schaute kurz irritiert auf und ahnte nicht, dass ihr der beste Moment ihres Lebens bevorstand. Sie war felsenfest davon überzeugt, nichts und niemand könnte sie noch überraschen, als das Ticken lauter wurde. Wie aus dem Nichts tauchte ein Niemand auf.

Raff-Ael als Niemand zu bezeichnen, wurde seinem im Grunde ehrbaren, aufrichtigen Charakter nicht gerecht. Und doch hielt das Schicksal einige rechte Haken bereit, die ihn ins Abseits des Niemandslandes drängten.

Das Erste, was ihm zur Last fiel, war, dass seine Eltern ihm keine übermäßige Liebe zuteilwerden ließen. Dass sie ihn gleichzeitig aber auch nicht hassten, verschlimmerte die Situation. Offener Hass wäre ihm lieber gewesen als die subtile, im Verborgenen schwelende Gleichgültigkeit, mit der er gestraft wurde. Sie taten ihr Bestes, um die Familie durchzubringen. Sie stritten sich kaum, liebten sich kaum. Raff-Ael begann, das Elternhaus zu meiden. Er zog sich zurück und formte seine eigene Wahrheit.

Vertraue niemandem außer dir selbst.

Vergib dein Herz nicht an herumziehende Mädchen.

Werde nicht wie die anderen.

Gerechtigkeit war ihm am wichtigsten. Es war ebenso Unrecht, Unschuldige zu schlagen, wie es rechtens schien, vermeintlich Schuldige auf die Bretter zu schicken. Er begann, sich das Nötigste zum Leben zu stehlen. Nur das Nötigste, kein Stück mehr. Dabei achtete er stets darauf, dass er es an Stellen entwendete, an denen es niemand vermissen würde. Oder von Menschen, die ohnehin zu viel hatten. Er versuchte, so wenig wie möglich aufzufallen. Vielleicht war das die einzige wirklich hilfreiche Anleitung, die er von zu Hause mitgenommen hatte: Fall nicht auf. Hinzu fügte er: Fall niemandem zur Last. Komm mit dir selbst klar.

Als junger Mann zog sich Raff-Ael in abgelegene Landstriche zurück und besuchte die Orte mit größeren Menschenansammlungen nur, wenn es notwendig war. Im Laufe der Jahre hatte er keine ernsthaften Freundschaften geschlossen und seine Bekanntschaften hielten nur so lange, wie sie ihm von Nutzen waren.

Es gab aber Plätze, die er gern und regelmäßig aufsuchte. Einer dieser Orte war die Gasse der vergessenen Dinge. Dort befand sich der Kuriositätenladen von Studiosus. Der knubbelige alte Kauz mochte Raff-Ael. Er ließ ihn in Ruhe stöbern, weil er wusste, dass er keine langen Finger bekäme. Es gab schlicht nichts Lebensnotwendiges zu stehlen.

Eine Sache hatte es Raff-Ael jedoch derart angetan, dass er sogar nach dem Preis gefragt hatte. Respekt hatte ihn davon abgehalten, sie dem Ladenbesitzer zu entwenden. Derselbe Respekt, der ihn stets vor schlimmeren Verbrechen als der perfektionierten Kleingaunerei ferngehalten hatte.

Eines Tages legte er den geforderten Preis auf die Ladentheke und erwarb diesen unscheinbaren Gegenstand. Das Geld hatte er einer reichen, Pelz tragenden und nach zu viel Parfum riechenden wohlhabenden Dame entwendet. Raff-Ael war Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem wahren Sinn. Und so war es dieser eine besondere Gegenstand, dem sein Interesse galt. Gefertigt in höchster Konzentration und pedantischer Perfektion. Ein Instrument vergangener und kommender Ereignisse: eine Zeitmaschine. Hatte zumindest Studiosus sehr überzeugend behauptet.

In dem Moment, in dem es wieder einmal Tick gemacht hatte, verschwand Raff-Ael. Wie immer, wenn er versuchte, ihren Mechanismus zu verstehen und zu aktivieren. Dieses Mal verschwand er von dem warmen Felsvorsprung, auf dem er gesessen hatte, und stürzte rücklings in eine Wäscheleine. Ihn umgab frischer irischer Bergfrühling und er staunte nicht schlecht, als über ihm das verwirrte Gesicht einer exotischen Schönheit mit wirrem Lockenkopf auftauchte.

Sie schaute ihn an. Auf diese bestimmte Weise, die vor allem denen zu eigen ist, die in einem solchen Moment nicht so schauen wollen. Es war kein langes, verstohlenes Mustern. So kurz wie es war, konnte man es wohl eher als flüchtigen Blick bezeichnen.

Plötzlich ging alles sehr schnell. Ihre Gedanken rasten. Konnte das möglich sein? Bei anderen vielleicht, aber bei ihr? Das Schicksal war ein Schlawiner, der einen unaufgefordert aufforderte, zu reagieren. Und möglicherweise hatte sich ihr Schicksal gerade geregt – mit dem sagenumwobenen ersten Blick.

Es gab ein sicheres Indiz dafür, dass es sich tatsächlich um dieses so außergewöhnliche Gefühlsereignis handelte, das ihr eigenes Leben ihr bisher vorenthalten hatte. Zumindest vermutete sie das. Und stand nun mit all den spontanen Fragen da, die eigentlich keine Fragen mehr offen ließen:

Hat er es auch gemerkt?

Empfand er ebenso?

Findet er sie attraktiv?

Sitzt die Frisur?

Die Verwirrung ließ sie sprachlos zurück. Ihr Mund stand offen, da sie ihn vor lauter überraschender Verliebtheit nicht wirklich zu schließen vermochte.

Dieser Niemand hingegen, der vor ihr auf dem Boden lag, hatte schon mehr Erfahrung mit dem anderen Geschlecht gesammelt. Er wusste, das Schweigen zu brechen.

„Oh“, sagte Raff-Ael in aller Ausführlichkeit, als er sich erhob und den Staub von seiner Kleidung klopfte. Auch sein Mund blieb offen stehen. Seine Gedanken gerieten in Aufruhr, irrten umher, verliefen sich.

Als sich ihre Blicke erneut trafen, schien die Zeit für einen Moment den Atem anzuhalten. Aus weiter Ferne konnte man nach wie vor ein leises Geräusch wahrnehmen. Wie das Ticken einer Uhr. Doch keiner von beiden schenkte ihm Beachtung. Es versickerte im Treibsand des Unterbewusstseins während die beiden alle Sinne aufeinander gerichtet hatten.

„Wie heißen Sie?“, schloss er an seinen verwunderten Ausruf an.

„Folker“, erwiderte sie, bevor sie ihre Fassung wiedergewann. Sein Mund stand noch immer offen und schloss sich erst, als sie hastig hinzufügte: „Felicitas.“

„Folker Felicitas?“

„Felicitas Folker“, korrigierte sie ihn sanft lächelnd. „Ich wurde aber immer Folker gerufen. War die Idee meines Vaters.“

„Ah, fein.“ Er befeuchtete seine trockenen Lippen. „Sie …Sie haben nicht vielleicht …“

„Durst? Nein. Aber vielleicht möchten Sie etwas trinken“, fiel sie ihm ins Wort.

„Wenn Sie so nett wären. So ein verdammter Sturz macht jedes Mal durstig.“

Sie gingen über die Wiese zum Haus und betraten schließlich die Küche. Raff-Ael setzte sich auf einen der knarzenden Holzstühle und fühlte sich großartig. Hier konnte er es aushalten.

Die Einrichtung war schlicht und gemütlich. Ein alter gusseiserner Ofen hockte in der gegenüberliegenden Ecke, dunkle von Rauch geschwärzte Regale räkelten sich müde an den Wänden, Unmengen an Pflanzen und Kräutern, Zinn- und Blechgefäßen bedeckten Fensterbank, Tisch und Arbeitsflächen. Dazu die alten Holzstühle, ein jeder von anderer Machart, sowie ein gleichermaßen ausgedienter Tisch, der wie alles andere überaus dankbar war, hier einen würdigen und geruhsamen Altersruhesitz gefunden zu haben. Und dazwischen saß Raff-Ael, der sich dem Tisch am liebsten angeschlossen und diese Küche nie mehr verlassen hätte.

Geborgenheit und Herzenswärme waren hier zu Hause. So etwas hatte er selten erlebt. Genau genommen hatte er noch nie gespürt, wie dieses Gefühl an die Wände seiner Magengrube klopfte und durch die Adern seines Körpers floss.

„Das war nicht ihr erster Sturz?“, riss sie ihn aus seinen Gedanken.

„Bitte? Oh, nein, nein. Das passiert ständig. Anfangs fand ich es noch aufregend, doch langsam wird es zur Plage“, antwortete er, ohne wirklich zur Klärung der Situation beizutragen.

Folker stellte ihm eine Kanne Tee und eine Tasse hin und setzte sich auf einen Stuhl an der anderen Seite des Tisches. Nach einem langen gierigen Schluck setzte er die leere Kanne ab und wischte sich über die Mundwinkel.

Ihre Augen funkelten vor Neugierde. Je länger sie seinen Blick erwiderte, desto mehr verdichtete sich das Funkeln zu einem auffordernden Glühen. Früher hätte er so eine Situation schamlos auszunutzen gewusst. Zu schnell waren große Ereignisse in seinem Leben verstrichen. Zu oft riss ihn ein erneuter Sturz aus der trügerischen Ruhe des Moments und machte ihm somit einen Strich durch jeglichen Ansatz einer Lebensplanung. Doch diesmal waren ihm die Hände gebunden. Die Situation schien ihn schamlos auszunutzen.

Ihre Blicke zogen einander an – und aus. Sie stand auf und schritt auf ihn zu, während er auf dem Stuhl hin und her rutschte. Zitternd näherten sich ihre Lippen.

Ihr hübscher, trainierter und in gewissen zwischenmenschlichen Belangen verwaister Körper witterte seine Chance auf das, was ihm jahrelang verweigert wurde. Der Verstand rückte aufs Abstellgleis. Was sich anschließend in einem Strudel aus Leidenschaft, Hingabe und Akrobatik abspielte, setzte einen kleinen Strudel der Zerstörung frei. Schweiß rann über erhitzte Körper, während der Tisch unter ihnen zusammenbrach, Geschirr zerschellte, Schreie drangen durch die dicken Steinwände. Die Zeit stand erneut still, während ihre Herzen rasten.

Die Handlanger des Schicksals waren mit dem Ergebnis überaus zufrieden und wanden sich anderen Aufgaben zu.

Eine wenige Minuten dauernde Ewigkeit später war alles vorbei. Erschöpft sanken zwei ermattete Körper nebeneinander ins Gras, da sie irgendwann und irgendwie den Weg nach draußen gefunden hatten. Die Wolken zogen unermüdlich über sie hinweg und das Ticken aus der Ferne schwoll an.

In unendlicher Glückseligkeit lächelnd drehte sie sich zu ihm. „War es für dich auch so schnell wie für mich?“

Sein Blick wurde traurig. „Die Zeit“, sagte er, während sich zum zweiten Mal an diesem Tag ein Schatten über die Szenerie legte, „ist eine schlechte Gefährtin. In einem Moment ist sie eine treue Stütze, im nächsten dreht sie dir einen Strick.“ Ein Schauer durchzog seinen Körper und machte auch vor ihr nicht Halt.

Verwirrt runzelte sie die Stirn.

„Verzeih mir“, sagte er und erntete einen fragenden Blick. „Ich liebe dich“, vernahm sie durch ein plötzlich anschwellendes Rauschen. Ein Sog schien am Untergrund zu zerren, rasende Zeitlupe. Sie blickte sich irritiert um, konnte den Flügelschlag eines Zitronenfalters beobachten, noch bevor er los geflogen war. Dann drehte sie den Kopf zur Seite und erblickte die leere Stelle neben sich, wo eben noch die erste und einzige Liebe ihres Lebens gelegen hatte.

DREI

TOD

Laber-Ra-Barbar schaute gedankenverloren zum Horizont. Dabei hatte er seine Gedanken keineswegs verloren. Geschichtenerzähler verlieren keine Gedanken, das wäre schlecht fürs Geschäft. Häufiger passierte es ihm, sich in ihnen zu verlieren. Das wiederum war für Geschichtenerzähler etwas Alltägliches. In diesem Moment wäre er jedoch froh gewesen, wenn er einige seiner Gedanken tatsächlich verloren hätte. Sie bedrängten ihn heute mehr als üblich.

Was erwartete ihn? Seine Mutter würde sich trotz der Streitereien um seinen blühenden Intellekt und den damit verbundenen Fortgang sicher über die Rückkehr ihres einzigen geliebten und geschätzten Kindes freuen. Sein Vater hingegen würde das wohl ignorieren und sich sicher über die Abreise im Streit und die dreiste Rückkehr aufregen.

Wie lange war er fort gewesen? Laber-Ra-Barbar war schlecht im Schätzen. Doch wenn er so an die Erlebnisse zurückdachte, die seinen Weg bisher säumten, so musste es verdammt lange gewesen sein. Er war noch recht jung gewesen, als er begleitet von den besorgten Ratschlägen seiner Mutter und dem sorgsam formulierten Schlagabtausch mit seinem Vater das elterliche Nest verlassen hatte.

„Pass gut auf dich auf, wenn du da rausgehst, mein Junge!“, hatte sie gesagt

„Aber natürlich, Mama.“

„Soso, raus willst du? Und dann? Soll da alles besser werden?“, hatte sein Vater gebrummt.

„Nicht besser, Vater, anders.“

„Und wasch dich regelmäßig!“ Sie tat, als würde von dem Streit nichts mitbekommen.

„Auch zwischen den Zehen, versprochen.“

Sein Vater ließ sich nicht beirren. „Aha, anders. Klingt ja wirklich vielversprechend. Suchst wohl das Abenteuer, was? Abenteuerlich finde ich, dass du deinen familiären Pflichten aus dem Weg gehst.“

„Vater, euer Leben ist nicht meines. Ich möchte meine Zeit nutzen, um Neues zu entdecken und zu lernen.“

„Und lass dich nicht auf krumme Geschäfte ein, hörst du?“, flötete seine Mutter erneut dazwischen.

„Ich passe schon auf. Sorge dich nicht.“ Laber-Ra-Barbar warf die Hände Hände verzweifelt in die Höhe

„Nicht sorgen? Graue Haare wird sie deinetwegen bekommen. Ich gebe dir maximal ein paar Tage, dann bist du in Schwierigkeiten und wünschst dir, nie fortgegangen zu sein. Aber komm dann bloß nicht auf die Idee, hier wieder aufzutauchen! Du wirst dich noch wundern, wie viele Dinge nicht heiß darauf sind, entdeckt zu werden – aus gutem Grund.“

„Woher willst du das denn wissen, Vater? Was weißt du denn schon vom Leben außerhalb deines Hofes?“ Heute bereute der Erzähler seinen juvenilen respektlosen Auftritt.

„Und denk daran, Eier immer auf Frische zu prüfen! Du weißt ja, schwimmen sie im kalten Wasser an der Oberfläche …“

„… sind sie zu alt – ich weiß, Mama. Dann kommen die Salmonellen und bringen einen langen, qualvollen und stinkenden Tod.“ Der Junge wurde unruhig, das Gespräch unangenehm.

Sein Vater plusterte sich auf. „Na hör mal, was erlaubst du dir, so mit mir … Hat er das von dir?“, fragte er seine Frau, bevor er sich wieder Laber-Ra-Barbar zuwandte. „Nun hör mal gut zu, Junge: Ich bin alt genug und weiß so allerhand über Gaunereien, Liebe … äh Not … und Schweißfüße. Vor allem über Schweißfüße.“

„Dann lass mich doch meine eigenen Erfahrungen machen, Vater.“

„Und trag immer eine saubere Unterhose!“

„Mama! Ich habe doch nur die eine. Aber gut, ich werde sie waschen, versprochen.“

„Dürfen? Klar, du darfst machen, was gut für dich ist. Und vor allem, was ich sage. Solange deine Füße unter…“

Laber-Ra-Barbar unterbrach ihn. „Wir sind schon ein ganzes Stück von deinem Tisch entfernt. Wenn du also gestattest, entscheide ich ab hier selbst über mein Leben.“

„Und geh zeitig schlafen!“

„Mama, ich hab schon so wenig Zeit …“

Sein Vater blieb abrupt stehen und hielt auch seine Frau liebevoll aber bestimmt an der Schulter zurück. „Lass uns zu unserem Hof zurückkehren, unser Junge hat seine Entscheidung getroffen. Tschüss, Junge.“

„Vater.“

„Mein Sohn.“ An dieser Stelle hatte seine Mutter bitterlich zu weinen begonnen. „Wir lieben dich, vergiss das nie. Auch wenn dein Vater das etwas sperrig formuliert hat.“

„Ich hab euch auch lieb.“

Ob sein Vater noch immer sauer auf ihn war? Vielleicht hatte die Zeit seinen Ärger gemindert. Und selbst wenn, es war an der Zeit, die beiden wieder in die Arme zu schließen. Er freute sich darauf. Und er war stolz. Stolz darauf, nie etwas Unrechtes getan, alle Schwierigkeiten gemeistert, die Eier stets im Wasserbad getestet und die Füße am Tagesende regelmäßig entschweißt zu haben. Ebenso stolz wog er sein Mitbringsel in der Hand, das sicher eine Brücke über den breiten Strom verlorener gemeinsamer Zeit schlagen könnte.

Zeit verging schnell, das hatte er gelernt. Egal ob beim Reden, Reisen oder Radieschen pflücken, beim Erleben oder Entdecken und erst recht beim Einkaufen.

Wenn er abends jedoch begann, einem kleinen Kreis gespannter Zuhörer im flackernden Schein unruhiger Petroleumlampen seine Geschichten von Helden und Heimweh zu erzählen, dann malten dunkle, tanzende Schatten lange Silhouetten von Trollen, Schätzen, Königinnen und Königen an die Wand. Dann war er in der Lage, der so unerbittlich voran schreitenden Zeit für einen Moment lang die Stirn zu bieten.

„Wie schnell doch die Zeit vergeht“, wiederholte Laber-Ra-Barbar seufzend, als er mit klopfendem Herzen durch das verfallene Gartentürchen schritt, das die Heimat von der Erfahrung trennte.

Der einst sauber gestutzte Rasen lag bemoost, mit Laub und Wildwuchs bedeckt vor ihm. Er war der Meinung, der Garten habe noch nie besser ausgesehen, wenngleich dieser Zustand nicht zur Ordnungsliebe seiner Mutter passen mochte. Die Bäume hatten im Laufe der Jahre an Imposanz gewonnen, der Weg zur einst grün-blau karierten Haustür barg nun einige Tücken. Der Erzähler bog die Büsche zur Seite, die sich ihm frech in den Weg stellten, und versuchte, die Baumwurzeln zu übergehen, ohne an ihnen hängen zu bleiben. Lautlose Unruhe lag über seiner Ankunft, was seinen Herzschlag nicht beruhigte.

„Vater?“

Keine Antwort.

Am Himmel kreisten Pleitegeier, die sich in dieser Gegend besonders wohlfühlten, weil es nichts zu holen gab. Das war ein gefundenes Fressen für diese ungeliebten Wächter ländlicher Abgeschiedenheit. Erstaunlich nur, dass sie keinen Laut von sich gaben. So viel Respekt zollten sie normalerweise niemandem. Ebenso die im Wind wogenden Wipfel der Bäume entbehrten jeglichen Rauschens. Im Lavendel schwirrten Bienen mit lautlosen Flügelschlägen.

Es kam ihm vor, als hätte die Atmosphäre Surrealismus und Verwirrung zum Kaffeekränzchen geladen. Ein Kaffee wäre jetzt auch nicht schlecht, lenkte Laber-Ra-Barbar sich gedanklich ab, als er am Türknauf drehte und prüfte, ob die Tür verschlossen war. Der Knauf fiel zu Boden und die Tür öffnete sich knarzend einen Spalt weit. Beunruhigt betrat er das einst liebevoll eingerichtete Farmhaus, das zu seinem Entsetzen vom Zahn der Zeit zugrunde gerichtet worden war. Die Möbel waren verstaubt, einige Regale aus ihrer Halterung gefallen. Die dreckigen Fenster ließen nur wenig Licht ins Innere, eine Scheibe war gesprungen. Spinnweben säumten seinen Weg. Hier stimmte etwas nicht. Ein Gefühl der Vorsicht breitete sich in ihm aus. Gleichzeitig legte Sorge ihre kalten Finger um sein Herz.

„Mama?“