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Diese Geschichte war ein Experiment auf meinem Blog. Ich wollte die Idee des Improvisationstheaters und des Kreativen Schreibens zusammenführen. Die Idee war, eine Geschichte zu schreiben, die sich mit Hilfe von Worten und Ideen der Lesenden weiterentwickelt. Ich hatte keinerlei Story im Kopf, sondern vertraute darauf, dass im Zusammenspiel mit den Lesenden hier etwas Lesenswertes entsteht. Dieses eBook enthält die gesammelte Geschichte, sowie alle Worte und Ideen, die mich in dieser Zeit erreicht haben. Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Lesenden und Mitwirkenden bedanken. Entstanden ist eine phantastische Geschichte, mit Zeitsprüngen und Parallelwelten, aber auch mit klaren Bezügen zur heutigen Zeit.
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2021
Liebe Lesenden,
seit einiger Zeit habe ich das Blogschreiben für mich entdeckt. Doch ich schreibe dort nicht, was ich über Tag hinweg erlebe, sondern nutze den Blog dafür, Geschichten und Gedichte zu veröffentlichen. Unter anderem nehme ich gerne an Schreibanregungen, im Sinne des Kreativen Schreibens, teil.
Da die Schreibanregungen oft sehr begrenzt sind (z.B. durch eine maximale Wortzahl), hatte ich nach einem neuen Format gesucht. Schließlich kam mir die Idee, das Kreative Schreiben mit den Regeln des Improvisationstheaters zu verbinden. Seit meinem ersten Improvisationstheater-Kurs bin ich ein großer Fan davon. Auch hier gilt es, etwas anzunehmen und etwas daraus zu gestalten.
So habe ich über einen Zeitraum von 20 Wochen, mit einer kurzen Unterbrechung, einmal in der Woche einen Teil meiner Improvisationsgeschichte veröffentlicht. Die Geschichte endete immer in einer offenen Situation, und ich bat die Lesenden um Worte und Ideen für die Fortsetzung. Alles was bis zum Stichtag als Kommentar abgegeben wurde, habe ich versucht in der Fortsetzung zu berücksichtigen.
Ich konnte nicht alle Ideen aufgreifen, da sie sich teilweise gegenseitig ausgeschlossen haben, aber alle Worte die „gespendet“ wurden, sind in den Text eingeflossen.
Ich hatte keinerlei Story im Kopf, sondern vertraute darauf, dass im Zusammenspiel mit den Lesenden hier etwas Lesenswertes entsteht.
Dieses eBook enthält die gesamte Geschichte, sowie alle Worte und Ideen, die mich in dieser Zeit erreicht haben. Zu Beginn eines jeden Kapitals finden Sie die Wortspenden, die eingebaut werden sollten. So können für sich zunächst überlegen, wie Sie die Worte verwendet hätten. In den Fußnoten sind die Rückmeldungen der Lesenden zu finden. Wenn es „nur“ eine Wortspende ohne weiteren Kommentar gab, dann habe ich keine Fußnote angeführt. Am Ende eines jeden Kapitels sind auch die Fragen an die Lesenden angeführt, die zu den Ideen und Wortspenden anregen sollten.
Ich war Woche auf Woche gespannt darauf, wie sich unter Einbindung der Worte und Ideen die Geschichte weiterentwickeln würde.
Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Lesenden und Mitwirkenden bedanken.
Euer Wortverdreher
Wie fast jeden Morgen erreichte er den Regionalbahnhof mit seinem Fahrrad genau in dem Moment, in dem sein Zug auf dem Bahnsteig angekündigt wurde. Er hatte inzwischen eine solche Routine entwickelt, dass er sich davon nicht aus der Ruhe bringen ließ. Er schloss mit geübtem Handgriff sein Fahrrad an, nahm seine Tasche und stieg die Stufen zum Bahnsteig hinauf. Es war inzwischen Anfang Oktober und bereits recht dunkel um viertel nach sechs am Morgen. Er war diesen Weg in den letzten Jahren schon so oft gegangen, er würde ihn, von seiner Haustür bis hierher, sogar mit geschlossenen Augen schaffen.
Seine Routine bekam gerade jedoch langsam kleine Risse. Irgendetwas schien anders zu sein als sonst. Vom Bahnsteig kamen Geräusche, die ungewöhnlich waren. Um diese Zeit dürften dort nur ein paar Schritte und ein paar leise Wortfetzen zu hören sein, doch ihm kam ein lautes mechanisches Schnaufen entgegen.
Als er oben auf dem Bahnsteig ankam, stand bereits ein Regionalzug dort. Der Bahnsteig selbst war menschenleer. Er sah auf die Uhr. Sein eigentlicher Zug sollte erst in vier Minuten ankommen. War sein Zug zu früh eingefahren? Ganze fünf Minuten zu früh? Aber da kein Mensch auf dem Bahnsteig war, sah es so aus, als seien alle in den Zug gestiegen. An normalen Tagen hätten hier zwanzig bis dreißig Menschen mit ihm auf den Zug gewartet.
Die Anzeigetafel kündigte weiterhin die Abfahrt seines Zuges in nun noch drei Minuten an. Am Zug selbst stand kein Fahrtziel dran, die Anzeige war scheinbar ausgefallen. Unschlüssig stand er vor der Tür. Er sah immer wieder den Bahnsteig entlang. Von links nach rechts und wieder nach links. Dann kam das Zurückbleibensignal. Was tun? Sollte er noch in den Zug hineinspringen?
Aktenkoffer - Hagebuttentee - Kopfkino - Lichtblick - Rätsel - Überraschung - Unbekannt
Er betrat den Wagon, schaute sich zögerlich um und näherte sich einem Vierersitz. Er konnte niemanden sehen und doch hinderte ihn irgendwas daran, sich dort hinzusetzen. Die Plätze fühlten sich seltsam belegt an. Er suchte sich einen Platz dahinter. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Boden vibrierte. Irgendwo klapperte etwas. Irgendetwas stimmte hier so ganz und gar nicht, aber er konnte sich keinen Reim darauf machen. Verzweifelt suchte er nach Hinweisen, doch das Rätsel[1] schien mit jedem Meter Schiene nur noch größer zu werden.
Für einen Moment flimmerte alles vor seinen Augen. Es schien als könnte er plötzlich Stimmen von Fahrgästen hören, doch dann verstummte alles wieder. Zurück blieb nur das Klappern und das Geräusch der Bahnschwellen.
Der Zug fuhr haltlos am ersten Bahnhof vorbei. Er bemerkte, dass das für ihn keine Überraschung[2] war. In seinem Kopfkino hatte er sich mit dem Zug bereits bis zum Ende der Welt durchfahren sehen.
Auch beim zweiten Bahnhof, der völlig verwaist aussah, fuhr der Zug unvermindert durch. Erst am Hauptbahnhof, unterer Bahnsteig, hielt der Zug. Er stieg aus. Als einziger. Niemand war zu sehen. Sein Blick scannte die Bahnsteige, doch er nirgends einen Mensch erblicken.
Er nahm die Rolltreppe nach oben, die obwohl niemand sie benutzte, kontinuierlich aufwärts fuhr. Ein Lichtblitz flammte auf. Es flimmerte heftig vor seinen Augen. Ihm wurde schwindelig. Er hielt sich am Geländer fest, als plötzlich der Bahnhof wieder voller Menschen war. Aus der erschreckenden Stille wurde ein ohrenbetäubender Lärm. Ein unbekannter[3] Mann rannte an ihm vorbei und stieß ihm von hinten den Aktenkoffer[4] in die Kniekehle. Er sackte schmerzverzerrt zusammen und dann...
Stille.
Das ganze Leben, das eben noch für einen Sekundenbruchteil um ihn herum getobt war, war wieder verschwunden. Er stand schmerzverzerrt an der Rolltreppe und blickte erneut durch den menschenleeren Bahnhof. Nichts als Leere. Er kam sich einsam und allein vor. So einsam, wie damals, als er ins Schullandheim musste. Sofort hatte er wieder den Geschmack von Hagebuttentee[5] im Mund. Selbst drei Jahre Therapie hatten, trotz einiger Lichtblicke in Bezug auf seinen Umgang mit Menschen, dieses Kindheitstrauma nicht auslöschen können. Ihm wurde übel.
Doch Moment, rief da nicht jemand? Hatte er nicht gerade eine Stimme vernommen? ...
Also liebe Lesenden,
was hat er gehört? Oder hat er nichts gehört?
Ich freue mich auf Vorschläge und Wortspenden.
[1] Coole Idee! Er soll definitiv einsteigen. Und ein Wort: Rätsel. Bei geheimnisvollen Zügen muss ich immer gleich an Stephen King denken. 😉
[2] Einsteigen lassen. Wortspende: Überraschung
[3] Ah, ich bin natürlich auch fürs Einsteigen und spende das Wort „unbekannt“
[4] Ich würde ihn auch einsteigen lassen und spende ein Wort: Aktenkoffer
[5] Natürlich einsteigen 🙂 Und mein Wort lautet: Hagebuttentee 🙂
flimmern - Presseausweis - Trillerpfeife - Verlockung
Er sah sich um. Sein Knie schmerzte, sein Atem raste. Da war doch etwas. Seine Augen suchten vergeblich die unendlich langen Wege entlang der zwar offenen, aber menschenleeren Geschäfte ab. Er suchte verzweifelt nach einer Bewegung. Seine Ohren versuchten, alles aufzufangen, was an Geräuschen in der Luft lag. Da war doch etwas gewesen. Doch er hörte nur noch die leer laufenden Rolltreppen, das Surren der beleuchteten Werbeplakate, wenn sie zur nächsten Werbung rollten, und ein sanftes Grundrauschen, das vermutlich von einer Lüftung verursacht wurde. War da nicht doch etwas? Es war, als flimmerte[1] etwas in seinen Ohren, doch was, es klang wie eine Stimme. Er humpelte an den ersten Imbissen vorbei. Es roch nach altem Fett, Fisch und Pommes. Alles wie immer. Nur alles menschenleer. Er betrachtete die herumliegenden Speisen. Unter normalen Umständen wäre dies eine echte Verlockung[2] gewesen. Er hätte sich nach Herzenslust bedienen können, doch ihm war immer noch schlecht und der traumatische Geschmack nach Hagebuttentee hatte sich eher noch verstärkt.
Er schleppte sich weiter. Sein Knie begann sich etwas zu erholen.
Ein Schatten. Da war ein Schatten, dachte er sich und blieb stehen. Im Augenwinkel konnte er eine kleine Gestalt wahrnehmen. Noch undeutlich, aber unter diesen Umständen dennoch sehr präsent. Er hielt den Atem an.
