Der Zippverschlussmann - Joe Seiler - E-Book

Der Zippverschlussmann E-Book

Joe Seiler

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Beschreibung

Joes Kindheit war kein Honiglecken, die Einsamkeit und die Ungerechtigkeit zwingen ihn förmlich in einen Kampf um seinen Platz im Leben. Scheinbar von Gott verlassen treibt ihn sein Schicksal immer weiter. … Eine spannende Wendung folgt der nächsten, und sein Rechtsempfinden endet oft in einer Katastrophe. Wie aus dem Nichts, schneller, als man den Zipp einer Jacke öffnen kann, ist plötzlich alles anders. Seine Suche nach Liebe und Halt führen durch alle Gesellschaftsschichten, geradewegs in die Wiener Unterwelt der 1980er und -90er. … Kokain, Gewalt und das Rotlichtmilieu prägen seinen Weg. Wird Joe alle Widrigkeiten überwinden können oder verliert er sich im Sturm der Emotionen? … Seine spannungsgeladene Geschichte fesselt und lässt die Leserschaft immer neugierig auf mehr zurück.

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Seitenzahl: 628

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-962-7

ISBN e-book: 978-3-99131-963-4

Lektorat: Eva Schirnhofer

Umschlagfotos: Ronstik, Tuk69tuk | Dreamstime.com; Julia Pfannhauser

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Zitat

… der Teufel flüsterte;

„Diesen Sturm wirst du nicht überstehen!“

Der Krieger antwortete; -

„Ich bin der Sturm!“

Vorwort

Teile dieses biografischen Romans sind Fiktion.

Kapitel 1 – Großvatervaterbruderfreund

Meine Reise in und durch diese Welt begann im Jahr 1966, und so bin ich in die unterste soziale Schicht geboren worden. Mit wenigen Monaten im Leben wurde ich von der Schwester meines leiblichen Vaters adoptiert. Ich durfte mich meiner Erinnerung nach über eine sorglose Zeit freuen. Alles drehte sich um mich, ich hatte ein von Liebe geprägtes Leben vor mir, ich war der Mittelpunkt und die Sonne für meine neuen Eltern.

Meine leiblichen Eltern befanden sich wohl in einer echten Krise und sie konnten ihre Probleme kaum bewältigen, zumindest stelle ich mir das so vor. Außer mir hatten meine leiblichen Eltern noch zwei Mädchen zu versorgen. Karin, meine älteste Schwester, sie war damals 5 Jahre alt und Susi, sie war zum Zeitpunkt meiner Geburt erst 3 Jahre alt. Später erfuhr ich, dass es Susi nicht so gut wie ich getroffen hatte, denn sie kam vorübergehend in ein Kinderheim.

Kaum auf der Welt und schon hatte ich Glück – das hatte ich wirklich. All meine Erinnerungen an diese Zeit erzeugen heute noch Wohlfühlen und noch immer kann ich die Wärme und die Liebe der beiden spüren. Es war mit Sicherheit eine unbekümmerte und sorglose Zeit für mich und meine neuen Eltern gaben ihr Bestes. Sie waren kein junges, dynamisches Paar und auch nicht so, wie man sich Großeltern vorstellen würde, sie waren eine Mischung aus beiden. Eine absolut geniale Mischung für mich.

Ich kann mir das Schmunzeln kaum verkneifen, denn aus heutiger Sicht war diese Zeit für mich der Jackpot, den jedes Kinderherz begehren würde. Meine Mutter(Johanna – „Hansi“)war damals 41 Jahre alt und mein Vater,(Franz, auch mein leiblicher Vater trug den Namen Franz)war damals 61 Jahre alt, also gut 20 Jahre älter als seine angetraute Ehefrau. Für mich machte das alles freilich keinen Unterschied, ich kannte ja nichts anderes und somit war es natürlich völlig normal für mich.

Oh, … ich brachte die beiden gehörig ins Schwitzen und nutzte, wie Kinder ebenso sind, alles nach Strich und Faden aus und dies gelang mir, soweit ich mich erinnern kann, auf’s Beste. Es war eine sorglose und unbekümmerte Zeit, ich habe die schönsten Erinnerungen daran und schon trage ich ein breites Grinsen in meinem Gesicht, denn der alte Mann hatte oft so seine Mühe und Not mit seinen „Buben“.

Ich glaube, ich war ein schlimmes, verwöhntes Kind, denn soweit ich mich erinnern kann, bekam ich immer alles, was mein Kinderherz begehrte, auch wenn es manchmal ein wenig gedauert hatte, bis ich den alten Mann mit allen Tricks von der Wichtigkeit meiner Wünsche überzeugen konnte. An Dramatik fehlte es mir nie. Mein alter Herr war regelmäßig überfordert, sobald ich sprechen und laufen konnte.

So bestand ich, so weiß ich noch, viel öfter als ihm lieb war auf meine Cowboyspiele, die mit dem Geschenk eines Cowboykostüms mit Revolver ihren Anfang nahmen. Das Steckenpferd interessierte mich herzlich wenig, ich bestand darauf, auf Vaters Rücken zu reiten. Ich wusste natürlich nicht, wie schwer es für ihn gewesen sein musste, auf Knien, in Manier eines Pferdes durch die Wohnung zu traben, und manchmal verlor er dabei auch seine Beinprothese. Für mich war das ein Riesenspaß, für ihn war es sicher eine Qual, doch er ließ sich das nie anmerken und machte wirklich alles mit.

Für mich war er, um es in einem Wort zu benennen, mein „Großvatervaterbruderfreund“, und genau so bleibt er auch in meiner Erinnerung.

Als ich dann schon an die sechs Jahre alt war, wurde ich des Öfteren von anderen Jungen in meinem Alter gehänselt, weil einige dachten, ich lebe bei meinem Großvater und sie benannten ihn auch so. Ich fühlte natürlich anders und so kam es ab und an zu Kinderkram, der dann auch mal in Gehässigkeiten enden konnte, aber das war mir egal. Wir wohnten damals in der Nähe des Böhmischen Praters, wie auch in der Nähe des Buchsbaumparks.

In diesen Park gingen wir oft bei schönem Wetter, ich spielte mit anderen Kindern und mein alter Herr traf sich mit Gleichgesinnten zum Tarockieren. An Wochenenden war Böhmischer Prater angesagt, eine herrliche Zeit für mich.

Ich denke, ich war schon an die sieben Jahre alt, da bekamen meine Eltern eine ganz neue Wohnung, in einer ganz neuen Wohnsiedlung am Wienerberg, ich war nicht besonders glücklich, obwohl diese neue Wohnung alle Stückeln spielte, viel größer war und mit einem eigenen Badezimmer und einem Balkon ausgestattet war. Ich vermisste meine Schulfreunde von meiner alten Gegend und meine Kumpels von unserem Hof in den Altbauten der Erlach Gasse.

Ich querulierte, was das Zeug hielt, und verärgerte meine Eltern sehr. Das alles legte sich langsam mit dem, dass ich neue Freunde fand und auch in der Schule ganz gut zurechtkam. Ganz klar, das musste belohnt werden und so war es auch: Ich bekam den Schaufelbagger meiner Träume, ein Wunderwerk der damaligen Technik. Alles funktionierte wie in Echt, alles mechanisch – ein Wahnsinn.

Sehr lange hatte ich allerdings keine Freude daran. Stolz und mit geschwellter Brust betrat ich mit meinem Bagger den Spielplatz und suchte mir einen geeigneten Platz, um mit meiner kindlichen Arroganz ans Werk zu gehen. Schnell begeisterten sich auch andere Kinder für meinen brandneuen Bagger und sie wollten mitspielen, was ich aber keinesfalls wollte und auch nicht zuließ. Sympathiepunkte konnte ich damit wahrlich nicht verbuchen, und so verwandelte ich die Situation in das genaue Gegenteil. Blöd war jetzt nur, dass ich meinen „Bodyguard“, meinen „Großvatervaterbruderfreund“, nicht dabeihatte und eine Auseinandersetzung mit anderen Jungen, die ich vor allem auch nicht kannte, hatte ich ebenfalls noch nie davor gehabt.

Eigentlich wäre genau jetzt der Zeitpunkt gewesen, um mit meinem super Bagger abzuhauen und das Weite zu suchen, was mir natürlich, naiv wie ich war, nicht in den Sinn kam, stattdessen verhielt ich mich nach „Art des Hauses“: Genauso, wie ich mit meinen gutmütigen und immer nachgebenden Eltern herumgesprungen bin.

Man muss jetzt kein Hellseher sein, um zu ahnen, was folgte. Mein erster „Kampf“ bahnte sich an. Heute kann ich darüber lachen, er hatte nicht lange gedauert, einer schnappte sich meinen Bagger, ein anderer schlug mir auf mein jungfräuliches Großstadt-Goscherl und schon rannte ich wie von der Tarantel gestochen weinend nach Hause. Und wie ich rannte!

Zu Hause angekommen wurde ich schon im Stiegenhaus erwartet, da mein Geschrei schon von Weitem zu hören war. Das blanke Entsetzen meiner Eltern bestärkte mich noch in meinem Schmerz und es dauerte einige Zeit, bis ich überhaupt das entstandene Unrecht erzählen konnte, ich bekam ja vor Aufregung kaum Luft. Diese Zeit wurde natürlich von meinen Eltern genützt, um mögliche Verletzungen an meinem zarten Körper, der stets und täglich in einem Kaiser Borax Bad gebadet und anschließend mit Cremen und Vitaminen gesalbt, gepflegt und versorgt wurde, zu entdecken.

Und da war sie auch schon, meine erste Wunde, ich konnte den Ernst der Lage von den Gesichtern meiner Eltern ablesen, die sofort sämtliche Register zogen und Notmaßnahmen wurden eingeleitet.

Bei uns zu Hause sah es aus wie auf einer Notaufnahme. Mein Milky-Way-Kampf hatte doch tatsächlich eine durch sämtliche Cremeschichten durchschimmernde Schwellung in meinem Gesicht verursacht. Ich dachte, ich müsste sterben, ergab mich sogleich meiner Verletzung und wurde ganz ruhig. Alle umliegenden Nachbarn waren nun sicherlich für die wiederkehrende Ruhe dankbar, doch die hielt nur kurz, denn nun war mein „Großvatervaterbruderfreund“ auf Betriebstemperatur.

Ich war gleichermaßen erschrocken wie auch erstaunt, mein alter Herr war damals doch schon weit über 60 Jahre alt und leicht aus der Ruhe zu bringen war der wahrlich nicht mehr, doch nun war Achterbahn angesagt. Er humpelte erzürnt mit seinen Krücken durch die Wohnung und legte sich seine Beinprothese an, so schnell wie noch nie zuvor war er fix und fertig angezogen. Dann schnappte er sich seinen Gehstock, nahm mich an die andere Hand und wir machten uns auf den Weg zum Spielplatz.

Als dieser dann in Sichtweite war, donnerte es aus Vater heraus, dass mir die Spucke wegblieb, er verwendete Worte, die ich von ihm noch nie hörte, „Hunds’gfrasta es elendigen“ war noch das Harmloseste aus seinem Vokabular. Dann fing der doch noch tatsächlich wie ein unkontrollierbarer Roboter zu laufen an, um einen der Burschen, der gerade mit meinem Bagger spielte, zu erwischen. Ich war richtig geschockt, die anderen Kinder auch. Mit seinem Gehstock, den er mittlerweile für Drohgebärden einsetzte, hatte er dann auch tatsächlich übertrieben. Die Stabilität seiner Beinprothese war dahin und aus seinem kurzen Robotersprint wurde ein schauriges Gehumpel, das den Kindern offenbar noch mehr Angst machte als der umfunktionierte Gehstock, und so ließen sie meinen Bagger, wo er war, und begaben sich kreischend in sichere Entfernung. Meinen Bagger wieder in den Händen gingen wir nach Hause.

Schon Tage später wurden am Spielplatz Freundschaften geschlossen und aus mein und dein wurde ein Unser. Bald schon waren wir eine eingeschworene „Bande“, es war eine tolle Zeit für mich und für die anderen Jungs und Mädels auch. Wir tobten herum und brachten so richtig Leben in unsere Wohnsiedlung und in die anliegenden Gärten des Wienerbergs. Wir klauten Kirschen aus Nachbars Garten und machten, wie Kinder eben damals so waren, allerlei Blödsinn. Wir hatten aber immer den nötigen Respekt, auch wenn wir nach diversen Standpauken mit einem riesigen Grinsen im Gesicht das Weite suchten. Mein „Großvatervaterbruderfreund“ hatte alle Hände voll zu tun, denn mittlerweile hatte er die ganze Bande ins Herz geschlossen, und wenn er nicht gerade mit Entschuldigungen und Erklärungen die Nachbarschaft und Kleingärtenbesitzer beruhigte, so jagte er uns wegen irgendeines Unfugs.

Und so wurde mein alter Herr nicht nur überall bekannt, sondern auch allseits beliebt. Meiner Mutter war das nicht so recht, denn es kam dann schon mal vor, dass wir beide die Zeit vergaßen, und so wurden wir beide von Mutter „gejagt“ und mit Schimpf und Schande nach Hause zitiert. Für die ganze Hofgemeinschaft war das ein willkommenes Amüsement. Diese schöne Zeit verging wie im Flug.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie jener Tag im Oktober 1974 begann und was ich zu jener Stunde machte, aber ich war mit meiner Mutter zu Hause und mein Vater hatte sich schon auf den Weg gemacht. Urplötzlich läutete es an unserer Tür, es hörte gar nicht auf zu klingeln. Nur Minuten später war meine Mutter außer sich, eine Bekannte aus der umliegenden Nachbarschaft kam in heller Aufregung zu uns nach Hause und berichtete meiner Mutter etwas, das sie sogleich auch in helle Aufregung versetzte. Sie weinte und sie brach in sich zusammen, ich war schockiert, so habe ich meine Mutter noch nie gesehen.

Sie war kreidebleich und packte hektisch einige Sachen in ihre Tasche und machte uns beide fertig, um nach draußen zu gehen.

Ich war so erschrocken, dass ich kein Wort herausbrachte. Kaum aus dem Haus geeilt, rannte meine Mutter mit mir an ihrer Hand und mit der Bekannten aus unserer Nachbarschaft in Richtung der Busstation, die einige Hundert Meter entfernt war. Ich war komplett überfordert, meine Mutter rannte ja sonst nie.

An dieser Busstation angekommen, standen einige Leute herum, ich konnte zuerst gar nichts erkennen oder sehen. Meine Mutter drängte sich durch die dumm gaffenden Menschen. Und dann sah ich meinen Vater am Boden liegen, ganz alleine lag er da und alle schauten auf Abstand stehend auf ihm nieder. Meine Mutter stürzte sich auf ihn und wollte ihn aufrichten. Sie weinte und schimpfte auf die umherstehenden Menschen. Ich war starr vor Angst und Schreck und blickte in die Augen der Leute, die nur herumstanden und offenbar keinen einzigen Versuch unternommen hatten, meinem alten Herren zu helfen.

Ich dachte nur, warum schläft der da? Und ich dürfte wohl meine Mama danach gefragt haben, die mich zu ihr zog und bitterlich weinte. Ich verstand noch immer nicht, was geschehen war.

Ein Mann – ich werde seine Worte niemals vergessen – sagte in Richtung meiner Mutter: „Wenn er nix vertrogt, dann deaf er hoid nix saufen.“

Unsere mitgeeilte Bekannte schimpfte den Mann weg und auch gleich alle anderen, die nur blöd herumstanden, und so löste sich diese kleine Ansammlung auf. Ich dachte noch immer, dass mein Papa jetzt gleich aufstehen würde, und wir alle wieder nach Hause gehen würden, aber er stand nicht auf. Ich weiß noch, dass kurz darauf die Rettung eintraf, viel zu spät, denn mein Papa war schon tot. Er hatte einen Herzinfarkt, und da es damals noch keine Mobiltelefone gab und es an diesem Tag und an diesem Ort auch keine couragierten Menschen gab, die zugegen waren, hatte mein „Großvatervaterbruderfreund“ keine Chance, denn mittlerweile war sicher schon eine knappe Stunde vergangen.

Die Rettung nahm meinen Vater gar nicht mehr mit und meine Mutter bat unsere Bekannte, dass sie mich von diesem Ort wegbrachte.

Es war Herbst 1974 und mein Adoptivvater wurde 69 Jahre alt, er verlor im Zweiten Weltkrieg ein Bein und arbeitete Zeit seines Lebens schwer. Er war diszipliniert und zugleich gutmütig und verständnisvoll. Er war ein Mann, der unsagbares Leid erfahren hatte, und er war einer jener, der alles für dieses Land gab und doch so wenig dafür bekam. Und ganz am Ende war niemand da, der ihm zumindest die Hand reichte.

Ruhe in Frieden, „mein Großvatervaterbruderfreund“!

Ich konnte das Geschehene nicht erfassen, nicht verarbeiten und vor allem überhaupt nicht verstehen, ich sah immer meinen alten Herren vor meinem geistigen Auge. Ich hatte Alpträume und konnte meine arme Mutter in keiner Weise unterstützen, ganz im Gegenteil, meine Probleme machten es Mutter noch um einiges schwerer, als es ohnehin schon für sie war.

Sie kümmerte sich aufopfernd um mich, ich war Wochen wie gelähmt. Ich kannte den Tod und sein Gefolge ja noch nicht, ich kannte keine schlechten oder wahrlich bösen Menschen, ich kannte keinen Neid, keinen Hass und ich kannte vor allem keine Trauer.

Meine Erinnerungen an die nächsten Monate sind sehr schemenhaft, ich kann in dieser Nebelwand zwar Abläufe und Geschehnisse erkennen und ich könnte Hunderte Seiten damit füllen, mir fehlt allein jegliches Gefühl zu all dem, was ich in dieser Zeit erlebt habe und wie ich empfunden hatte. Es fühlt sich so kalt an, als ob ich über etwas berichten würde, das mich nur indirekt oder gar nicht betroffen hätte, als ob ich verbotenes Terrain betrete.

Meine Mutter (Adoptivmutter) war mit dem Tod meines Vaters (Adoptivvater) eine andere geworden, sie litt Höllenqualen. Sie gab mir all ihre Liebe, die ich auch heute noch in mir trage und doch habe ich diese damals nicht mehr spüren oder wahrnehmen können. Ich machte es ihr nicht leichter, dass weiß ich und dafür hasse ich mich. Ich denke, sie war schon zu schwach, um mich zu erreichen, und ich war nicht im Stande, sie zu verstehen oder zu unterstützen oder was auch immer nötig gewesen wäre, um sie aufzufangen. Ich war zu klein, zu jung und zu schwach, um ihr zu helfen. Mama, es tut mir so leid!

Ich merkte es nicht, aber meine Mutter wurde sehr krank, ich weiß nicht, ob sie eine schlimme Vorahnung hatte, ich weiß auch nicht, ob sie davor schon erkrankt war, ich weiß nur mehr, dass sie sehr bemüht um meine Betreuung war, da sie immer öfter „Wege“ hatte, die ich nicht verstehen konnte, denn ihr war jedes Mittel recht, um mich in Unwissenheit zu belassen. Sie wollte mich auf keinen Fall belasten oder beunruhigen, zumindest denke ich heute so, denn damals fühlte ich mich verlassen, allein und unverstanden. Ich weiß nicht, was ich noch alles dachte, es war eine schwere Zeit für uns beide.

Meine nächste Verwandte war meine Tante Grete, eine Schwester meiner Adoptivmutter und auch eine Schwester meines leiblichen Vaters, sie war nahezu täglich nach ihrer Arbeit bei uns zu Hause und unterstützte meine Mutter in jeder freien Minute.

Die Krankheit meiner Mutter schritt schnell voran und aus einigen Stunden im Spital wurden mehrere und immer mehr. Für mich, waren es immer noch „Wege“, die sie erledigen musste.

Ich verschloss mich immer mehr und verstand das alles nicht. Ich dachte, dass mich meine Mama nicht mehr liebhätte. Ich kannte mich gar nicht mehr aus, auch heute ist es für mich so, als wäre da ein Schleier vor meinen Augen. Ich kann manches nur mehr ahnen und nach und nach den Schleier lüften. Meiner Mutter ging es nach wenigen Monaten schon so schlecht, dass operative Eingriffe nötig wurden, und so kam es, dass ich in die bevorstehende Situation in einer Art Light-Version eingeweiht wurde.

An diesem Tage lernte ich, noch unwissend, meine leibliche Mutter als Tante Hermi kennen, wir waren zu Besuch bei ihr und ihren Kindern. Ich weiß noch, wie ich mich freute, dass ich verwandte Cousins und Cousinen hatte. Ich war so sehr mit meinen neuen Verwandten beschäftigt, die sich ihrerseits auch um mich sehr bemühten, dass ich Mutters schweren Gang und ihre Überwindung zu diesem Schritt weder spürte noch sonst in irgendeiner Form wahrnehmen konnte. Für mich war es einfach schön, so viele Verwandte zu haben. Auch meine Tante Grete war dabei und mein leiblicher Vater. Ich blühte richtig auf, aber meiner Adoptivmutter, ihr brach an diesem Tage, so denke ich, ihr so großes und so gutes Herz.

Ich merkte es damals nicht, doch heute bin ich mir sicher!

Meiner Adoptivmutter spielte mir Glückseligkeit vor und alle Erwachsenen taten es ihr wohl gleich und so wurde es beschlossen.

Ich sollte während ihres Spitalaufenthaltes bei meiner „Tante“, bei meinen Cousins und Cousinen, ihren Kindern, vorübergehend bleiben, und ich freute mich noch darüber. Aus ein paar Tagen wurden Wochen und aus Wochen wurden Monate.

Ich besuchte anfangs noch die Schule am Wienerberg im 10. Bezirk, die ich in fünf Minuten von zu Hause aus erreichen konnte. Von der Wohnung meiner „Tante Hermi“, die im 14. Bezirk lag, brauchte ich weit über eine Stunde und musste dreimal umsteigen.

Das erste Mal wurde ich auf meinem Weg in die Schule begleitet und meine „Tante“ schrieb mir auf einen Zettel alles ganz genau auf. Mit der Linie 52 bis Westbahnhof, dann mit der Linie 6 bis zum Reumannplatz, ein Stück zu Fuß bis zum Bus der Linie 66A und vor meiner Schule stieg ich dann aus. Zur Sicherheit wurden noch einige Telefonnummern und meine neue Adresse auf den Zettel geschrieben, dann bekam ich noch fünf einzelne Schillinge, die ich nur im Notfall zum Telefonieren verwenden durfte, und schon ging es los.

Die ersten Male allein hatte ich ordentlich Angst, den richtigen Weg zu finden und vor lauter Aufregung bin ich gleich einmal falsch umgestiegen. Zum Glück wurde mir von einem Schaffner geholfen und ich hatte mich nur um wenige Minuten verspätet. Mit jeder Fahrt wurde ich sicherer und ich fand so richtig Gefallen an diesen langen Fahrten, bei denen ich ganz für mich allein sein konnte.

Meiner Adoptivmutter ging es fortschreitend schlechter, sie war mittlerweile nicht mehr in der Lage, das Spital zu verlassen, sie war von Operationsnarben übersät und hing immer an irgendwelchen Geräten und Schläuchen. Und so sehr sie sich auch um ihr Lächeln bemühte und ihren Schmerz unterdrückte, so gab es doch auch keinen Abschied mehr, der nicht unter Tränen stattgefunden hätte. Jede Trennung war für meine Adoptivmutter ein wahres Martyrium und mich musste man jedes Mal von ihrer Hand loslösen.

Ich wollte immer noch bleiben und das machte es meiner „Mama“ doppelt schwer. Nur Gott selbst weiß, wie sehr sie leiden musste, schon der Gedanke daran macht mich schwermütig und traurig.

Einige Tage nach meinem 10. Geburtstag im März 1976 – ich war gerade in der Schule – kam die Direktorin in meine Klasse und bat mich, sie zu begleiten. Sie war sehr nett und sagte zu mir, dass ich in Kürze von meiner „Tante Hermi“ abgeholt werde. Kaum aus der Klasse gegangen, war meine „Tante“ auch schon da und ohne viele Worte eilten wir eilig nach draußen, wo auch schon ein Auto bereitstand, das von einem Onkel, den ich kaum kannte, gelenkt wurde. Meine Tante Grete, wie auch mein „Onkel Franz“ (mein leiblicher Vater) saßen in diesem Wagen.

Kaum eingestiegen, rasten wir quer durch Wien, ich war begeistert und freute mich, in einem Auto mitfahren zu dürfen. Es brauchte einige Zeit, bis ich nach dem Grund meiner Abholung fragte und warum wir es so eilig hätten, und wieso das Auto und warum ist Tante Grete auch da?

„Musst du heute nicht arbeiten?“

„Johann“, sagte meine Tante Grete mit leiser und gebrochener Stimme, „du musst jetzt stark sein, wir fahren zu ‚Mutter‘ ins Spital, ihr geht es sehr schlecht und sie möchte dich gerne sehen.“ Und dann war es still, niemand sagte auch nur ein Wort. Ich war auch still, starrte aus dem Fenster und dachte an nichts, ich war wie in Trance, alles ging an mir vorbei, als würde ich einen Film sehen, ohne Ton und ganz allein.

Meine nächste Erinnerung, die wiederkehrt, ist ein langer Gang im Alten AKH, von Weitem schon konnte ich ein Bett am Gang erkennen und ich wusste, in diesem Bett liegt meine Mama. Ich löste mich von der Hand meiner Tante und rannte zu diesem Bett. Dort angekommen sah ich meine „Mama“, die in dem Moment ihre Augen öffnete, als ich ihre Hand berührte. Sie war so kalt und ihr Gesicht war dunkelgelb, sogleich musste ich bitterlich weinen. Und ich hielt ihre Hand ganz fest und sie lächelte mich nur milde an, sie konnte nichts mehr sagen, auch ich brachte kein Wort mehr heraus. Und dann schloss sie ihre Augen und schlief ein.

Sie schlief ganz ruhig ein, in mir brach innerlich ein Vulkan aus, ich schüttelte sie, zerrte an ihr und rief: „Mama, Mama, Mama, so sag doch was!“

Sie hörte mich nicht mehr, sie hatte mit letzter Kraft auf mich gewartet, sie wollte mich noch einmal sehen und ich konnte nichts tun, ich konnte gar nichts tun. Ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie lieb ich sie hatte, wie ich sie die ganze Zeit schon unendlich vermisst hatte und wie leid mir alles tat, was ich jemals angestellt hatte und wie sehr ich sie liebte.

„Mama“, ich liebe dich! Ich vermisse dich immer noch! Jeden Tag.

Ruhe in Frieden, meine liebe „Mama“.

Meine Mutter (Adoptivmutter) starb mit nur 51 Jahren, knapp eineinhalb Jahre nach meinem Adoptivvater, an einer schweren Nierenerkrankung.

Ich veränderte mich, war still und unnahbar geworden und ich konnte nach diesem Tag nicht mehr weinen. Ich war traurig und betroffen, aber ich konnte nicht mehr weinen. Ich glaube, damals wurde in mir eine Angst geboren, die mich noch sehr lange begleiten sollte. Alle, die ich liebe, gehen von mir weg und alle, die zu mir gut sind, sterben, und ich kann nicht einmal mehr sagen, wie lieb ich sie habe und wie leid mir alles tut – es war immer zu spät.

In meinen Gedanken spielte ich jede kleinste Verfehlung, die ich je begangen hatte, durch und ich suchte verbissen nach dem Grund, warum mich Vater und Mutter allein gelassen hatten. Ich fühlte mich schuldig und voller Scham, und von dem schlechten Gewissen, das ich nährte, erzählte ich niemanden.

Kapitel 2 – Familie

Ich war sicher der Einzige, für den der Tod meiner Adoptivmutter überraschend kam. Ich war auch sicher der Einzige, abgesehen von meinen nun mehr kleinen Brüdern, Zwillingsbrüdern, der nichts über die wahren Verhältnisse meiner Verwandtschaft wusste.

Mutter, Vater, Adoption, Brüder und Schwestern, die davor Cousins waren, eine Tante, die ich gar nicht mochte, und die ist jetzt auch noch meine richtige Mutter. In meinem Kopf ging es zu wie auf dem Bahnhof der Orientierungslosen, ich fühlte mich in einem bösen Traum gefangen und der wollte einfach nicht aufhören. Ich glaubte niemandem, war verwirrt und verzweifelt, es war nur schrecklich und ich war inmitten von so vielen Verwandten, Bekannten, Brüdern und Schwestern, Onkeln und Tanten, einsam und fühlte mich zurückgelassen.

Dass nun Tante Hermi meine Mutter ist und meine Mutter meine Tante war – alles Lüge und Betrug, dachte ich. Ich war zornig und unbeugsam, ich war widerspenstig und ungläubig, es war sehr schwer für mich, in diese reale Welt einzutauchen und mit Sicherheit war es für alle um mich herum auch nicht leichter oder einfacher.

Meine leibliche Mutter hatte zwei Jahre nach der Freigabe zu meiner Adoption noch zwei Buben geboren, Andreas und Thomas, die beiden, die nun meine Brüder anstatt Cousins waren, belastete dieser ganze Wahnsinn am wenigsten, und ich denke, sie kamen auch am besten mit ihrem nun mehr großen Bruder zurecht. Ganz anders wird es wohl meinen älteren Schwestern ergangen sein. Ich habe zwar das Bild vor meinen Augen und kann durch alle Zimmer der damaligen Wohnung gehen, die nun mein neues zu Hause sein sollte, aber so sehr ich mich auch anstrenge, Karin, meine älteste Schwester, kann ich nirgendwo finden, ich wüsste auch gar nicht wo sie geschlafen hätte. Hm… Mir fällt das erst jetzt richtig auf, über vierzig Jahre ist das nun her, und es ist das erste Mal, dass ich so weit zurück in die Vergangenheit blicke.

Es war eine Wohnung im ersten Stock auf der Linzer Straße, gleich rechts vom Eingang war ein circa zwei Meter langer und schmaler Gang, wo Schuhe und Kleidung abgelegt waren. Auf einem kleinen Wandregal stand ein „Vierteltelefon“. So etwas kennt heutzutage keiner mehr, es war stets abgesperrt. Der Gang mündete in ein Badezimmer, auf der anderen Seite, also beim Eingang links war das Zimmer meiner Schwester Susi. Dieses Zimmer war wie ein L angelegt, dort wurde ich untergebracht. Für einen allein wäre das Zimmer ja recht groß und gemütlich, aber zu zweit wurde es schon ziemlich eng. Zwei Betten, Kleiderschrank und Schreibplatz und jede Menge Krimskrams brauchten eben Platz. Meine drei Jahre ältere Schwester war wenig begeistert und auch meine Freude darüber hielt sich in Grenzen. Wieder zurück zum Eingang, keine zwei Meter gerade und rechts war die Toilette, noch ein Stück weiter und wieder rechts war die Küche, in der auch ein kleiner Tisch am Ende beim Fenster stand. Vom Eingang aus, geradeaus, bei Toilette und Küche vorbei, war das elterliche Schlafzimmer. Vom Eingang geradeaus und bei der Küche links gelegen, waren es noch circa vier oder fünf Meter und man stand in einem recht großen Wohnzimmer. Davor zur linken Seite war das Zimmer meiner beiden jüngeren Zwillingsbrüder, das, so wie ich meine, eine Spur größer war als das Zimmer, das ich mit meiner Schwester Susi teilte, es war auch wie ein L angelegt. Gegenüber dem Zimmer meiner Brüder war noch ein recht passabler Abstellraum. Und schon waren wir in allen Zimmern, und zu jedem habe ich die passenden Gesichter und viele Geschichten, nur Karin fehlt mir. Ich weiß es nicht mehr, war sie schon ausgezogen? Hm… mit 15 Jahren? … Ich weiß es nicht, seltsam.

In den nächsten Wochen ging es drunter drüber, endlose und unangenehme Wege standen bevor. Die Psychologengespräche, in denen ich mir vorkam wie ein Idiot, werde ich wohl nie vergessen. Ich fragte mich mit meinen zehn Jahren, woher die wohl den ganzen Schwachsinn herhatten, den sie mir erzählten, es machte mir mehr Angst und brachte Unverständnis, als dass es mir von Hilfe gewesen wäre.

An den Wochenenden besuchte ich meine Tante Grete, sie lebte allein und hatte immer für mich Zeit, bei ihr konnte ich Kind sein.

Ich weiß noch, bei jedem Besuch empfing sie mich mit Freude und Liebe, und ich konnte ein wenig vergessen und mit ihr lachen. Wir gingen mal ins Kino oder auch auf die Donauinsel Boot fahren, wir unternahmen immer etwas. Zu ihr hatte ich Vertrauen und sie gab mir Kraft, sie hatte immer eine Antwort auf die vielen Fragen, die ich ihr stellte. Sie half mir sehr, einige Dinge besser zu verstehen und das für mich unvorstellbare Szenario Stück für Stück aufzuarbeiten, obwohl ich so vieles trotzdem nicht glauben konnte.

Die Zeit verging, die Schule besuchte ich schon seit Wochen nicht mehr und das Schuljahr neigte sich dem Ende zu. In der Wohnung meiner verstorbenen Adoptiveltern war ich seit „Mutters“ Tod nicht mehr gewesen, und so kam ein weiterer schwerer Gang auf mich zu. Vorsichtig und doch psychologisch völlig wertlos wurde mir lang und breit erklärt, welches nun die nächsten Schritte sein müssten, und die gefielen mir so gar nicht. Ich war außer mir vor Entsetzten und wollte es nicht wahrhaben oder verstehen, ich glaube, das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Selbst mit den besten Schönrednern der Welt hätten sich meine Gedanken nicht ins Gute lenken lassen.

„Wir müssen nun die Wohnung deiner Adoptiveltern räumen“, sprach meine Mutter. „Komm, Johann, du packst dann alle deine Sachen aus deinem Zimmer zusammen und vergiss bitte die Schulsachen nicht. Dann gehen wir zusammen in deine alte Schule und du kannst dich bei deinen Lehrern, Mitschülern und auch von deinen Freunden verabschieden. Du gehst ab dem nächsten Schuljahr ganz nahe von deinem neuen Zuhause in die Schule und du wirst neue Freunde finden und alles wird gut, du wirst schon sehen.“

„Bla, bla, bla“, dachte ich, „was soll da gut werden? Von was reden die alle, da kann nichts gut werden.“

Was ich dann als Nächstes sah, habe ich noch ganz genau vor Augen. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich völlig emotionslos beobachtete und kein Wort sagen konnte – ich wollte auch gar nichts dazu sagen. Bekannte und Verwandte warteten schon mit einem Lkw vor dem Haus, in dem ich mit meinen Adoptiveltern lebte, und sie alle erschienen mir bestens gelaunt und manch einer wollte mir gar gute Laune impfen.

Als wir dann die Wohnung betraten, ging ich durch die Räume und träumte von damals, als alles noch gut und schön war, hinter mir wurde sogleich eifrig angepackt und eingepackt, was das Zeug hielt. In dieser Wohnung war alles brandneu, jedes Möbel gepflegt und alles pikobello und aufgeräumt. Küchengeräte, Waschmaschine, Fernseher, HiFi-Anlage, alles vom Feinsten.

Für manch einen wurde, so schien es mir, ein Traum wahr, ich sah das empfundene Glück in ihren Augen, es wurde eifrig aufgeteilt und abtransportiert, bis nichts mehr da war. Ich dachte schon, ich wäre auch gestorben, denn ich fühlte und empfand gar nichts. Mir war alles egal, und wortlos ging ich dann mit meiner Mutter zur nahe gelegen Schule und nahm Abschied.

Meine leibliche Mutter führte ein tristes und einfaches Leben, sie hatte es wahrlich nicht leicht, und mein leiblicher Vater war dem Wein mehr zugetan als seinen Verpflichtungen. Natürlich war mir das alles noch verborgen, ich musste ja meine neuen, richtigen Eltern, meine Brüder und Schwestern erst kennenlernen, erst nach und nach eröffnete sich mir mein neues Umfeld, meine Familie.

Der Sommer verging dann wie im Flug, wir waren sehr oft im Schwimmbad und ich hatte viel Freude mit meinen jüngeren Brüdern, die Mittelpunkt der Familie waren. Und mit Susi, meiner älteren Schwester, verband mich ein ganz besonderes Band, das nach und nach zu einer tiefen Freundschaft führen sollte. Sie konnte ich alles fragen, mit ihr konnte ich über alles reden und nur ihr vertraute ich mich an.

Im Schwimmbad, wie auch im Hof unseres Gemeindebaus, knüpfte ich erste Freundschaften und tatsächlich, alles wurde ein wenig besser, das hätte ich vor einigen Monaten nicht für möglich gehalten.

Ich war aufgeregt, der erste Schultag in meiner neuen Schule war gekommen. Ich musste die vierte Klasse der Volksschule wiederholen, da ich zu viel Lernstoff versäumt hatte. Meine zwei jüngeren Brüder besuchten dieselbe Schule, eine Klasse unter mir. Die beiden waren begeistert, hatten sie doch von nun an ihren großen Bruder dabei. Als ich meine zugewiesene Klasse betrat, war ich ganz schön verdutzt, ich wollte gleich wieder rausgehen. „Das sind ja alles Zwerge“, dachte ich mir, „das kann nicht stimmen.“ Aber es stimmte.

Ich war todunglücklich und fantasierte im Unterricht vor mich hin, weil ich ja alles schon gelernt hatte, und so machte ich mir bei der Lehrerschaft keine Freunde, denn die bestanden auf Disziplin und forderten meine Aufmerksamkeit.

Ganz logisch, das konnte kein ganzes Schuljahr gutgehen, und so war es dann auch, mehr schlecht als recht ging dieses Jahr vorüber und ich war heilfroh, als es dann endlich geschafft war. Dieses ganze Schuljahr war genauso wertvoll wie das entgegengebrachte Mitleid, das dann doch dem Unverständnis und jeder Menge Strafen wich.

Ich freute mich schon wahnsinnig auf die Ferien, die nun anstanden, ich hatte große Pläne mit meinen Freunden geschmiedet und ich malte mir die schönsten Geschichten aus. Doch hatte ich an Mutters Pläne nicht gedacht, und die waren erstmal ein herber Rückschlag. Da ich die ersten zwei Drittel des vergangenen Schuljahres so gut wie nichts gelernt hatte, da ich den Stoff schon kannte und den Rest des Schuljahres auch nicht wirklich mit Fleiß und Ernst bei der Sache war, wurde mir ein wenig berauschendes Zeugnis ausgestellt und nur mit Nachsicht und Glück bekam ich ein Genügend als Betragensnote. Die schlechteste Note, die je vergeben wurde – so wurde mir zumindest erzählt und vorgeworfen.

Mit dem hatte ich natürlich nicht gerechnet und so lösten sich meine großen Ferienpläne erstmal in Luft auf. Ein Besuch am Jugendamt wurde meiner Mutter und mir vorgeschrieben, da ich nun zwar bei meinen leiblichen Eltern lebte, aber als Vollwaise geführt wurde, erklärte mir Mutter. Sie zitterte diesem Besuch entgegen, mir aber war das völlig egal. Ich versprach ihr dennoch, mein bestes Benehmen, weil ihr das so wichtig war.

Wir wurden von einer überaus freundlichen Psychotante empfangen, dann musste ich wieder rausgehen und warten. Ich dachte schon, die kommt da gar nicht mehr raus und wollte schon vorsichtig anklopfen und nachfragen, da öffnete die freundliche Dame die Tür und bat mich herein.

Meine Mutter saß mit ernster Miene vor dem Schreibtisch dieser Dame und ich nahm neben Mutter Platz, dann wurde ich allerlei gefragt – und dies und das und wieso und warum.

Mir gingen schon langsam die freundlichen Antworten aus.

„Nun denn“, sagte die um mein Wohl besorgte Beamtin, „am besten wird es sein, wir machen das, was wir eben besprochen haben. Das wird auch für Sie eine erhebliche Erleichterung sein und den beiden Jüngeren wird es auch guttun.“

Nun war ich gespannt wie Winnetous Pfeil, ich hatte mir fast in die Hose gemacht. Beide schauten mich mit so ernster Miene an, dass ich Schlimmstes befürchtete. „Na“, sagte die Dame zu mir, „du kannst ja doch sehr aufmerksam sein.“ Und beide schmunzelten vor sich hin. Jetzt kannte ich mich gar nicht mehr aus, war ich in eine Psychofalle getappt, was ist mit den beiden los?

Die gute Frau wie auch meine Mutter spielten ihr blödes Spiel weiter und mir wurde kein weiteres Wort gesagt. Wir wurden freundlich verabschiedet und gleich vor dem Amtshaus löcherte ich meine Mutter, die so zufrieden aussah, dass mir angst und bange wurde. Meine Mutter sagte nur: „Zu Hause wirst du alles erfahren, du Hosenscheißer.“

„Boah, hatte die jetzt wirklich Hosenscheißer zu mir gesagt? Eine Frechheit!“, dachte ich mir. Völlig verunsichert und wortlos mit tausend Gedanken im Kopf ging ich brav mit Mutter nach Hause.

Am selben Abend wurden wir alle in unser Wohnzimmer zitiert, Susi, ich und meine Zwillingsbrüder, mein Vater war wie üblich nicht zu Hause, und dann wurde das Geheimnis gelüftet. Die Ruhe, die unsere Mutter seit dem Besuch am Jugendamt innehatte und ausstrahlte wurde auch von meinen Geschwistern bemerkt. Doch die fanden das eher lustig und nahmen es freudig zu Kenntnis, ich hingegen war seit 10:35 Uhr ein Hosenscheißer und alle merkten es, zumindest empfand ich es so. „Scheiße“, dachte ich, „das geht nicht gut aus.“ Noch gar nicht fertig gedacht und Mutter sagte:

„Na, du Hosenscheißer“, sie lachte, plötzlich lachten wir alle. Es war das erste Mal, dass wir alle zusammen so richtig frei und herzlich lachten. „Nun, Johann“, sagte sie, „es wird Zeit, dass du Verantwortung übernimmst und dein Benehmen in der Schule, du weißt ja, so kann es nicht weitergehen, du kommst ja nach den Ferien in die Hauptschule und du musst dich anstrengen. Wir alle müssen uns anstrengen. Du kannst leider nicht die Hauptschule besuchen, die wir besprochen hatten. Ich weiß, du wolltest unbedingt in dieselbe Schule gehen, die deine Schwester Susi auch schon besucht. Das geht leider nicht, aber du hast großes Glück, du darfst eine ganz neue Ganztagsschule besuchen, die nur drei Straßenbahnstationen von hier entfernt ist und du hast an jeden Samstag frei. Und überhaupt ist in dieser neuen Schule alles viel besser.“

„Na bumm“, dachte ich, „mit dem kann ich leben.“ Und schon wurden meine Ferienpläne wieder zum Leben erweckt.

„Super“, sagte ich, „das ist alles? … Und wegen dem machst du so ein Tamtam und mich noch dazu zum Hosenscheißer, vor allen?“

Die Angst, die ich den ganzen Tag überhatte, wich dem Selbstvertrauen von Bruce Lee und ich grinste schelmisch und siegessicher.

„Eine Kleinigkeit wäre dann noch, mein lieber Junge“, und sie konnte sich ihr rachlüsternes Grinsen nicht verkneifen. Mit diesem Grinsen fielen meine super Ferienpläne wieder ins Wasser, das wusste ich sofort.

„Was denn noch?“, fragte ich genervt.

„Verantwortung“, sagte sie ernst und streng, „Verantwortung, mein Lieber! Du hast sicher eine schlimme Zeit hinter dir und alles tut mir sehr, auch sehr leid für dich, aber es wird Zeit, dass du mir jetzt hilfst und mich unterstützt und dass du dein Betragen änderst, zumindest Lehrern und anderen Erwachsenen gegenüber.“

Na, das hatte gesessen, meine überhebliche Selbstsicherheit wandelte sich schlagartig in Reue. Was bitte, was soll ich denn tun? Niemand versteht mich und Lehrer schon gar nicht.

Bevor ich weiterreden konnte, ergriff meine Mutter wieder das Wort: „Weißt du, Johann, der Besuch im Jugendamt heute, das war eine sehr ernste Sache. Es wurde seitens der Jugendfürsorge überlegt, ob es nicht besser wäre, dich in einem Jugendheim unterzubringen. Weißt du, wie sehr ich um dich kämpfen musste und das auch getan habe, weil ich dich sehr liebhabe, auch wenn du mir nicht glauben willst. Wir alle haben dich lieb und wir alle wollen dich hier bei uns haben.“

Mir fehlten die Worte, meine noch vor Sekunden empfundene Reue wich einer tief empfundenen, unverstanden Wut.

Am liebsten hätte ich meine Wut rausgeschrien, doch ich war starr und gefasst, ich konnte und wollte gar nichts mehr sagen. Alle schauten mich fragend an, und bevor Mutter weitersprechen konnte, sagte ich nur: „Gut, okay, dann geh ich eben in ein Heim,… mir doch egal.“ Ich drehte mich um und ging in mein Zimmer. Sofort verkroch ich mich in mein Bett, zog mir die Decke über meinen Kopf und dachte an die wildesten Szenarien, irgendwann schlief ich ein.

Am nächsten Morgen, es war ein Samstag, wurde ich von dem Duft eines heißen Kakaos geweckt. Ich dachte, ich träume noch, da stand eine große Tasse Kakao auf meinen Nachttisch neben meinem Bett.

„Na, auch schon wach?“ Susi war schon fix und fertig angezogen.

„Ja“, murmelte ich noch ganz verschlafen, „warum bist du denn schon auf, du hast ja heute keine Schule, und von wem ist der Kakao?“

„Von mir“, sagte Susi bestens gelaunt, „von mir, Ho-Joe.“ Und sie lächelte mir von unserem Schreibtisch aus entgegen, die Sonne schien durch das Fenster hinter ihr, sie sah wie ein Engel aus.

„Wer ist Ho-Joe? … Warum der Kakao und wieso bist du so gut drauf?“

Ich hatte jede Menge Fragezeichen in meinen Kopf. „Aber was is’n Ho-Joe?“, fragte ich noch einmal.

„Na, Hosenscheißer-Joe“, sagte sie und lachte herzlich.

Mit einem Satz sprang ich aus dem Bett und mit ernster Stimme böllerte ich in ihre Richtung: „Das ist nicht witzig, hörst du, überhaupt nicht witzig!“ Dann lachten wir gemeinsam und so wie immer: Wenn mich niemand mehr erreichen konnte, ich nach einem Streit mit Mutter zumachte, mich trotzig und unbeugsam zurückzog, sie öffnete mich wie ein Buch. Und so wie ein Buch konnte sie mich auch lesen, es war immer wie Magie und alles war gut. Den ganzen Vormittag verbrachten wir in unserem Zimmer und Susi erzählte und erklärte mir alles und ich hörte ihr aufmerksam zu. Meine Mutter hatte meinen Geschwistern gestern Abend noch, nach meinem grandiosen Abgang, alles zu den bevorstehenden Ferien erklärt und mit ihnen besprochen.

Oje, scheiße, jetzt war mir das alles sehr peinlich, hätte ich doch bloß gestern Abend zugehört und meinen Mund gehalten.

Es musste zwölf Uhr sein, wir hörten die Glocken der nahe gelegen Kirche läuten und mit dem letzten Glockenschlag stürmten die Zwillinge in unser Zimmer und schrien ganz aufgeregt: „Essen gibt’s, Essen ist fertig, kommt schnell!“ Und ihre fragenden Blicke huschten zwischen Susi und mir umher.

„Weiß er’s schon, weißt du’s schon, was is‘ jetzt, weißt du’s schon?“

Die beiden waren richtig aufgedreht und jubelten. „Wir fahren alle in ein Feriencamp, juhu! … Weißt du’s? … Du auch? Hurra!“ Und schon flitzten die beiden wieder raus.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch und gesenkten Haupt schlich ich dann in die Küche zu unserer Mutter, die das Essen fertig machte und ich setzte mich wortlos an den kleinen Tisch, an dem wir für gewöhnlich auch aßen.

„Heute nicht“, sagte Mutter, „heute essen wir fünf gemeinsam im Wohnzimmer. Und, Johann“, sagte Mutter, „hast du dich wieder eingekriegt? Hat dir deine Schwester alles erklären können?“

„Ja“, sagte ich mit leiser Stimme, „ja,… es tut mir leid, ich werde mich bessern.“

„Gut“, sagte Mutter, „das ist gut so.“

Drei Wochen später standen die Zwillinge und ich mit Sack und Pack am Busbahnhof, wie viele andere Kinder auch. Dann wurden wir mit Namen aufgerufen, von Mutter, Susi und Tante Grete, die auch gekommen war, verabschiedet und schon ging es los.

Ich hatte keine Ahnung, wo Tribuswinkel ist, ich wusste nur, dass wir die nächsten drei Wochen in einem Schloss verbringen würden, das von einem Wald umgeben sein sollte und dass dort alles so toll sein soll. Ich dachte, wir würden stundenlang unterwegs sein und grübelte so vor mich hin, wie und was da wohl alles sein wird, und schon waren wir angekommen. „Na, das war ja wohl nicht besonders weit“, dachte ich und war ein wenig enttäuscht von der kurzen Anreise.

Wir wurden in Gruppen aufgeteilt und in unsere Zimmer gebracht. Ich teilte mit fünf anderen Buben ein Zimmer, meine Brüder wurden in einem anderen Trakt des riesigen Schlosses untergebracht.

Wie die anderen auch, richtete ich mich in aller Eile ein und schon waren wir gemeinsam im Schloss unterwegs, um alles zu erkunden. Einer von den Jungs war schon einmal hier gewesen und er kannte sich im Schloss bestens aus. Wir folgen ihm mit großen Augen durch die Gänge und Stockwerke, jeder Trakt wurde von einem Betreuer beaufsichtigt. Im Trakt der Mädchen angekommen wurde unserem jähen Treiben ein abruptes Ende gesetzt. Die wenigen Blicke, die wir erhaschten, reichten aber völlig aus, um uns mit jeder Menge Gesprächsstoff zu versorgen. Mann, war das aufregend! Wieder zurück, wurden wir schon von unserem Betreuer erwartet und dieser erklärte uns gleich so ziemlich alle Regeln und Strafen, die bei Nichteinhalten der Hausordnung zur Anwendung kommen.

Na super, dachte ich, keine zehn Minuten da und schon Strafandrohungen und Sanktionen. In jeden Trakt wurden um die zwanzig Kinder oder Jugendliche in annähernd gleichem Alter untergebracht, außer bei den Mädchen, da waren alle Altersgruppen vertreten. Wenig später wurden wir dann über den genauen Tagesablauf informiert. Zuerst dachte ich, ich hätte mich verhört, da gab es auch Nachhilfeunterricht, sogar Sport- und Musik-Unterricht mit einem richtigen Stundenplan.

Nervös fragte ich sofort nach, ich wusste ja von all dem nichts. Meine Erleichterung war groß, als mir gesagt wurde, dass das nicht alle betreffen würde, die jeweiligen Gruppen würden erst später bekanntgegeben. Nun fand ich das ganze lustig und ich witzelte mit meinen neuen Freunden herum. Die waren gar nicht so begeistert, denn alle in meinem Zimmer wussten, dass sie in eine Lerngruppe kommen würden, das gab mir natürlich zu denken. „Nun hatten alle anderen ihren Spaß mit mir, na toll“, dachte ich und war so richtig wütend auf meine hinterlistige Mutter.

Zum Abendessen wurden wir in einen riesigen Speisesaal gebracht, in dem alle Gruppen des Hauses vereint waren, die Jüngsten waren so um die acht Jahre alt und die ältesten um die vierzehn Jahre. Ich suchte gleich nach meinen zwei jüngeren Brüdern und als ich sie endlich erblickte, huschte ich zu ihnen rüber, um sie zu fragen, wie es bei ihnen so war und ob alles okay war. Sie berichteten mir aufgeregt und durcheinander und waren sichtlich tief beeindruck und überaus zufrieden. Die beiden waren natürlich, eh klar, in keiner Lerngruppe. Sie fanden es natürlich sehr lustig, dass ich nun lernen musste und sie nicht, ihrem Gelächter schlossen sich gleich alle anderen Kinder in Hörweite an.

Am Weg zurück zu meiner Gruppe wurde ich natürlich wieder von meinem Betreuer abgefangen und schon führte ich in Rekordzeit die Liste der Ermahnungen an. „Echt toll“, dachte ich, „das fängt ja gut an.“

Der nächste Morgen begann, wir hatten nicht besonders viel geschlafen, wir mussten uns ja gegenseitig die wildesten Geschichten erzählen und natürlich war der Mädchentrakt ein heißes Thema für uns „wilden Kerle“. Es war Samstag kurz vor 7:00 Uhr, da donnerte unser Betreuer schon durch die Gänge und wir wurden mit militärischer Freundlichkeit geweckt oder besser gesagt, aus dem Schlaf gerissen, sodass ich Sekunden später neben meinem Bett stand und überrascht war, dass ich nicht mehr im Bett liege.

„Na, junger Mann! … Ausgeschlafen? … Raus aus den Federn, meine Herrschaften! … Waschen, Sportsachen anziehen und in fünfzehn Minuten treffen wir uns alle beim Sammelpunkt im Schlosshof, und dass mir keiner zu spät kommt!“

Was will der denn, fragten wir uns alle, es ist noch nicht einmal 7:00 Uhr und Frühstück ist doch erst um 8:30 Uhr… und Sportsachen?

Mürrisch und widerwillig folgten wir den „Befehlen“ des „Meisters“ und ich dachte laut: „Super Sommercamp! …Ich hasse meine Mutter, alles nur scheiße!“

Noch immer nicht ganz wach folgten wir unserem Betreuer auf die große Wiese im Schlosspark, die links und rechts von einer Art schmalem Wald umgeben war, das Ende der Wiese konnten wir gar nicht sehen, so groß war dieser Schlosspark.

„Nun, meine Herrschaften, ein wenig Sport am Morgen tut uns allen gut. Und jetzt schauen wir mal, wie fit meine Mannschaft ist. Im Sprücheklopfen seid ihr ja schon ganz ordentlich, oder was meinst du, Johann?“

„Ich? … Ich meine nichts, Herr Jürgen.“

Na, das war ja wieder einmal richtig peinlich, genau mich muss der mit Namen fragen, ich spürte förmlich mein errötetes Gesicht.

Wir machten leichte Aufwärmübungen und dehnten und streckten uns in alle Richtungen. Auf einmal ging für uns die Sonne auf, denn die Mädchengruppe betrat soeben den Rasen und die wärmten sich auch auf.

Mit einem Schlag waren wir alle wie ausgewechselt, der Ehrgeiz packte uns derart unauffällig, dass sich Herr Jürgen sein blödes Gequatsche wieder nicht ersparen konnte.

„Da schau her, Johann, Klaus und Michael … Sehr gut, endlich wach!“

Er lachte. Uns war das vor all den Mädchen sehr unangenehm, doch unser schelmisches Grinsen konnten wir auch nicht verbergen.

„So, meine Herrschaften, jetzt laufen wir eine kleine Runde um den Park, langsam, aber nicht trödeln. Los geht’s, Burschen!“

Die Mädchen mit ihrer Betreuerin schlossen sich uns an und so wurde der Morgensport zu einer richtigen Herausforderung. Alle wollten wir glänzen, ha, ha, ha. Der Tag verging wie im Flug und alles war viel besser als morgens noch gedacht. Ich war richtig erschöpft von den ganzen Aktivitäten, Besichtigungen und Erklärungen, dass ich die Stunde vor dem Abendessen am liebsten in meinem Bett verbracht hätte. Ich wollte mich gerade hinlegen, da stand Herr Jürgen auch schon in unserem Zimmer und fragte: „Na, Johann, du wirst doch nicht etwa müde sein?“

„Nein, nein“, antwortete ich, am liebsten wäre ich aber tot umgefallen.

„Das ist gut so, denn wir haben heute noch einiges vor. Und jetzt auf mit dir, ab unter die Dusche und dass ihr dann alle pünktlich beim Abendessen auf eueren Plätzen seid, heute gibt es noch eine schöne Überraschung!“

Na, der weiß, wie man einen wach hält. Fluchend schleppte ich mich unter die Dusche.

Im Speisesaal angekommen, warteten schon meine Brüder auf mich und erzählten mir aufgeregt von ihren Tag. Ich begleitete sie zu ihrem Tisch, der unmittelbar neben einem Tisch der Mädchen war. Ich lugte so durch die Reihen, als mich ein Mädchen direkt anlachte. „Boah“, dachte ich und fühlte mich sogleich erwischt, mein Gesicht wurde so heiß, dass ich dachte, ich platze gleich. Ich riskierte keinen zweiten Blick und beeilte mich zurück zu den Jungs.

„He, Joe, was is’n mit dir passiert“, fragte mich Michael, „hat dir wer eine gescheuert, wie siehst du denn aus?“ … Allseitiges Gelächter brach aus.

„Sei still und ihr alle, lacht nicht so blöd, nichts ist, was soll schon sein, ich war nur bei meinen Brüdern, ihr Schwachköpfe.“

Mein Gesicht wird wohl die Farbe meiner gefühlten Hitze widergespiegelt haben und alle witzelten eifrig darüber, letztlich musste ich mitlachen, obwohl es mir peinlich war.

Nach dem Essen hielt der Heimleiter seine Ansprache, ein paar Erklärungen und Anweisungen folgten noch und dann kündigte er zur Begrüßung ein großes Lagerfeuer an.

„Wer von euch Gitarre spielt und sein Instrument mitnehmen möchte, der kann das gerne tun.“ Es meldeten sich einige Kinder und das Mädchen, das meinen verstohlenen Blick kurz zuvor erwidert hatte, war auch dabei.

Nun war ich begeistert und konnte das Lagerfeuer und egal, was noch kommen möge, gar nicht mehr erwarten. Einige von den Älteren durften eine Fackel tragen, der umgrenzende Wald war mit Laternen ausgeleuchtet, es war wie im Märchen, so etwas hatte ich noch nie gesehen.

Nach gut 200 Metern erreichten wir den Feuerplatz, alle waren gekommen, auch meine jüngeren Brüder, wir sammelten uns im Kreis um die Feuerstelle, die mit größeren Steinen umrandet war und gut zehn Meter Durchmesser hatte. Alle, die ein Instrument dabeihatten, wurden ganz vorne bei den Steinen in regelmäßigen Abständen platziert, alle anderen dahinter. In der Mitte der Feuerstelle war jede Menge Holz aufgelegt, wie ein Indianerzelt sah das aus, gut drei Meter im Durchmesser und an die zwei Meter hoch. Dann wurde es hell und die Flamme brannte hoch in den sterneklaren Himmel, eine mystische Wärme umarmte uns alle, der Geruch und das Knistern von Holz, die Funken, die sich wie Sterne in der Dunkelheit tummelten. Es war mucksmäuschenstill geworden und dann wurden Lieder angestimmt – ich fühlte mich noch nie so befreit. Es wurde gesungen und gespielt, herumgetanzt und gelacht und ich hatte mich, noch ohne es zu wissen, in das Mädchen mit der Gitarre von heute Morgen verliebt. Es war unglaublich, als sich unsere Blicke wieder und wieder trafen, und nun konnte und wollte ich mich diesen Blicken nicht mehr entziehen.

Ich lächelte ihr mein kleines Herz entgegen, Mannomann, dieses Gefühl von tausend Schmetterlingen im Bauch. Ich schwebte, ohne mich zu bewegen, es war ein aufregendes Gefühl. Ich konnte ganz sicher mit Handauflegen einen Eisberg zum Schmelzen bringen. …Ha, ha.

Der Abend ging viel zu schnell zu Ende und meine „Schmetterlinge“ hatten die ganze Nacht Kirtag, ich konnte vor Liebe gar nicht einschlafen.

Am Montag nach dem Morgensport und dem Frühstück begann für mich und rund 60 andere Kindern der Unterricht, wobei die jeweiligen Schwächen gefördert und unterstützt wurden. Wir waren in drei Klassen unterteilt und dann gab es noch eine Musikklasse, in der auch so um die 20 Talente an ihren Künsten feilten.

Ich sah meine noch namenlose Liebe mit ihrer Gitarre auf dem langen Gang vor ihrer Musikklasse. Ich hätte ohne weiteres zu ihr gehen können, jedoch verließ mich der Mut, und so blieb es bei Blicken und diesen verdammten Schmetterlingen, die mich schon wieder in diesen blöden Ho-Joe verwandelten. Wir lächelten uns nur an – Mann, wie blöd war ich eigentlich.

Der Unterricht begann, unsere Plätze wurden uns zugewiesen und ich nahm neben einem Mädchen Platz. Wir bekamen alle ein Blatt mit Aufgaben, die unsere Stärken oder Schwächen aufzeigen sollten. Bei mir waren es eher nur Schwächen, meine Sitznachbarin war da schon um einiges besser unterwegs. Sie unterstützte mich aber gleich zu Beginn, was zu meiner Verwunderung ganz im Sinne der Lehrkraft war.

„Toll“, dachte ich, „endlich versteh ich das alles besser“, und ich geizte nicht mit Lob und Anerkennung für meine neue Freundin, wir beide hatten so richtig Spaß beim Lernen und freundeten uns an. Auch das war nicht verboten, sondern ganz offenbar Plan der Pädagogen, und der gefiel uns allen.

Gleich in der ersten Pause kam ich nicht umhin, meine neue „Schulfreundin“ Brigitte um Auskunft über meine „Angebetete“ zu löchern, wobei ich mich ziemlich dilettantisch anstellte.

Brigitte erkannte sofort, dass ich schüchtern und verliebt war und sie versuchte mir schonend beizubringen, dass es ohnehin schon alle mitbekommen hätten. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. „Die wissen das alle, na, sehr peinlich“, dachte ich und mir wurde ganz mulmig im Magen. Brigitte fand das äußerst amüsant und grinste.

„Das Mädchen heißt Angela“, sagte sie, „und sie ist mit mir im selben Zimmer. Selbst Frau Ursula hat es mitbekommen, schon beim ersten Morgensport konntest du deine Blicke nicht von ihr lassen.“ Sie lachte …

„Sie findet dich süß und lustig“, sagte sie.

„Na toll“, dachte ich, „süß und lustig“ … Unwiderstehlich und stark wäre mir lieber gewesen, ich hatte ja null Ahnung, wie Mädchen ticken und meine Erfahrungen waren auch noch sehr dürftig.

In mir brannte das Feuer, dass wohl bei allen entfacht, die sich das erste Mal verliebten, und es brannte hell und verwirrte mir die Sinne. Verlegen fragte ich Brigitte: „Weiß sie meinen Namen? … Weiß sie ihn?“

„Ich weiß es nicht, Joe.“ … Sie lachte wieder.

Ich kam mir vor wie ein Idiot. „Jetzt sag schon, weiß sie ihn?“

„Ich denke nicht, ich weiß es nicht, finde es doch heraus.“

Oh ja, das tat ich dann auch, was blieb mir denn auch anderes übrig. Nach zwei oder drei Anläufen traute ich mich dann doch noch. … Möglicherweise hatte ich aber Hilfe, ich Weichei. Von nun an hatte meine erste große Liebe einen Namen, Angela … Was für ein schöner Name!

Wir konnten uns in unserer Freizeit überall frei bewegen, einige Sportarten ausüben, Musikinstrumente spielen oder lernen, wir hatten eine Bibliothek, einen Tischtennisraum, ein Spielzimmer und einen Theaterraum mit einer kleinen Bühne, wo immer kleine Stücke einstudiert und dann vorgeführt wurden. Es war für uns alle ein Heidenspaß, ganz gleich, ob man aktiv als Akteur auf der Bühne stand oder passiv als Zuseher dabei war.

Ich war in diesen Tagen und Wochen wieder einmal so richtig glücklich, ich konnte vergessen und Kind sein, ein sehr verliebtes Kind, ja, fast schon ein ganzer Mann.

Ich verbrachte jeden Nachmittag mit Angela und unserer kleinen Clique, wir nahmen an Theaterstücken teil oder sahen zu. Ich war oft im Musikzimmer, um Angela zuzuhören, und ich lernte sogar einen Teil der „Ballade Pour Adeline“ von Richard Clayderman am Flügel.

Ein Junge, der gerade mal zehn Jahre alt war, der für sein Alter viel zu klein war und der wegen seines Aussehens spöttisch „Quasimodo“ genannt wurde. Er spielte dieses Stück, das gerade erst Premiere hatte, in Perfektion. Selbst dem Musikprofessor stand der Mund offen, wenn der Junge spielte. Ich war fasziniert von diesem Stück und konnte es nicht oft genug hören. Quasimodo, der außerhalb des Musikzimmers oft gehänselt wurde, lies all die dummen und gemeinen Bemerkungen stets über sich ergehen, meist waren es die älteren Jungen, für die das offenbar ein lustiger Spaß war. Mir gefiel das gar nicht, und doch fehlte mir der Mut, um meine Stimme zu erheben.

Die letzte Woche unserer Lernferien begann und die Theatergruppe arbeitete eifrig an einem kleinen Theaterstück, Angela, „Quasimodo“ und andere studierten ihren musikalischen Beitrag ein. Klaus, Michael und ich besuchten die Proben, so oft es uns möglich war.

Am Dienstag nach der zweiten Probe von Angela traf ich sie, wie fast jeden Tag, nach dem Abendessen im Schlosspark, in dem wir durch das Waldstück schlenderten oder uns mit Freunden getroffen hatten. An diesem Tag hatte Angela Quasimodo dabei.

„Diese blöden Idioten, sie haben ‚Quasi‘ schon wieder bedrängt und geschimpft, lauter Arschlöcher“, sagte sie. „Es macht dir doch nichts aus, wenn er mit uns mitgeht? … Wo sind eigentlich Klaus und Michael?“

„Sicher oben beim Feuerkreis, bei den Bänken oder beim Fußballplatz. Komm, ‚Quasi‘, lass die Idioten, weißt ja eh, die sind nicht ganz dicht in der Birne.“

Wir munterten unseren ‚Quasi‘ ordentlich auf und suchten nach Klaus und Michael, die wir nirgends finden konnten, wir unterhielten uns über Musik und über das Stück, das die beiden zum Abschluss spielen werden und über dies und das.

Langsam wurde es Zeit, den Sammelpunkt vor dem Schloss aufzusuchen, wer beim Durchzählen nicht da war, der durfte ja am nächsten Tag nicht rausgehen, und das galt es auf jeden Fall zu vermeiden.

Am Rückweg durch das gegenüberliegende Waldstück bemerkten wir von Weitem Rauch hinter einem kleinen Holzverschlag. Ich dachte gleich an Klaus und Michael und sagte zu Angela und ‚Quasi‘: „Seid leise, die werde ich jetzt ordentlich erschrecken, die rauchen sicher eine Zigarette.“

Ich schlich mich leise an den Verschlag heran, Angela und ‚Quasi‘ hielten Abstand und gingen auf leisen Sohlen. Den Verschlag zum Greifen nahe, schrie ich so laut ich konnte: „Kontrolle!“ Sofort lachte ich, was das Zeug hielt, ich hatte ja schon die Bilder der beiden Erwischten in meinem Kopf. Das Krachen und Knicken der Äste bestätigte mir einen erfolgreichen Überraschungsangriff, auch Angela und „Quasi“ krümmten sich vor Lachen, wir konnten es gar nicht erwarten, ihre Gesichter zu sehen.

Die „Überraschten“ hatten sich so erschrocken, dass sie derart überstürzt die Flucht ergriffen und sich dabei gegenseitig im Wege standen und stürzten, was wir wohl hören konnten, aber noch nicht sehen. Als ich dann endlich bei den Holzblanken vorbei war und in drei sehr böse und verdutzte Gesichter blickte, blieb mir mein überschwänglicher Humor im Halse stecken, nun war ich aber so was von überrascht.

Wie versteinert stand ich da und suchte vergebens nach Worten, nach einer passenden Erklärung. Da waren weder Klaus noch Michael, die ich heimlich rauchend erwischen und erschrecken wollte, ich hatte genau die zwei Burschen so heimtückisch erschreckt und aufgescheucht, denen wir alle, so gut es möglich war, aus dem Weg gingen. Und als wäre das nicht genug, hatten die auch noch ihre Freundinnen dabei. Ein Foto von dem Bild unserer gegenseitigen Blicke, es wäre der Wahnsinn gewesen.

Zwei Arschlöcher im Dreck liegend mit samt ihren Freundinnen, ich denke, ich fühlte zumindest für den Bruchteil einer Sekunde wie sich Sieg, Genugtuung und Gerechtigkeit in einem anfühlten.

Einige Sekunden später fühlte ich die Schläge von zwei Helden, die über Wochen alle Kleineren und Schwächeren terrorisierten, auch ich kam zu Fall und konnte dem nichts entgegensetzen. Die Freundin der beiden heizten den ungleichen Kampf noch ordentlich an. Die drei hatten Angela und ‚Quasi‘ noch gar nicht bemerkt, da stürzte sich der kleine ‚Quasi‘ todesmutig von hinten auf die beiden Schläger, und zwar mit einem Geschrei und einem Gesichtsausdruck und einer solchen Entschlossenheit, wie es mir ewig in Erinnerung bleiben wird.

Die zwei Helden samt ihrer Freundin ließen von mir ab und suchten das Weite, als dann auch noch Angela schreiend und weinend angerannt kam.

Ich konnte es nicht fassen, da hatte der kleine „Quasi“ die Größten und Stärksten, fast im Alleingang, in die Flucht geschlagen.

Quasi konnte sich gar nicht mehr beruhigen, er weinte und bedankte sich unentwegt bei mir, während Angela auch weinend mich von all dem Gestrüpp befreite und mich, so gut es ging, saubermachte.

Ich sagte: „He, he, … ‚Quasi‘, wofür bedankst du dich? … DU hast sie besiegt, du und Angela, ich habe nur Schläge bekommen, aber das war es wert und wie es das war. ‚Quasi‘, DU hast sie in die Flucht geschrien, ich kann es gar nicht glauben!“

Wir mussten lachen, herzlich und befreiend lachen. „Quasi“ sagte dann noch: „Du, Joe, du hast sie zu Tode erschreckt und alle beide sind im Dreck gelegen, du hast gekämpft wie ein Löwe und ich auch… Hast du das gesehen? … Ich auch! … Oh ja, ich danke dir, Joe.“

Wir machten uns dann auf dem Weg zum Schloss, mit einem breiten Grinsen im Gesicht gingen wir alle drei ohne Eile unseren Weg. Bevor wir noch das Schloss erreichen konnten, kamen uns schon Betreuer und der Hausmeister entgegen. „Oh, Scheiße“, sagte ich, „wir sind zu spät, viel zu spät.“