Der zum Golde verdammte König - Katja Bär - E-Book

Der zum Golde verdammte König E-Book

Katja Bär

0,0

Beschreibung

Ein Schwarm Feuervögel – goldene Vögel erscheinen am Horizont, weit draußen über dem Meer. Gebannt von deren Schönheit verharren die Menschen. Doch, ein junger Königssohn, getrieben von dem Wunsch nach Anerkennung und Ruhm, bringt sie und somit sich selbst in Gefahr. Notgedrungen wird er sich auf den Weg begeben, einer Wanderung mit angenehmen und unangenehmen Überraschungen. Ein Fantasyroman über das uralte Thema von der Suche nach der eigenen Bestimmung und den Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Der rechtmäßige König in diesem Land ist Olaf, der entgegen dem Rat eines alten weisen Mannes, einen der Feuervögel abschießt - mit erschreckenden Folgen. Pures Gold bedeckt ihn, verteilt sich während überraschender Geschehnisse immer weiter auf seinem Körper, bis er schließlich daran erkrankt. Das an ihm haftende Gold besitzt, sobald Sonnenlicht darauf trifft, vernichtende Eigenschaften. Dadurch bringt Olaf großes Unglück über sein Volk und schwächt seine eigene Position als König. Als ihm das bewusst wird, ist es fast schon zu spät. Um sich, sein Land und seine Liebe zu befreien, begibt er sich auf die Suche nach einem gefährlichen Feuerdrachen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Katja Bär

Der zum Golde verdammte König

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

In einem fernen Königreich

Die Vollmondnacht

Es war wieder einmal eine sagenhafte Vollmondnacht. Eine jener Nächte, welche die Menschen mit ihrer Schönheit verzaubert.

Unberührt davon ritt ein Mann einsam durch den Wald. Die Schönheit dieser Vollmondnacht interessierte ihn nicht im Geringsten, nicht die Sterne am Himmel, auch nicht der Silberglanz, den der Mond über die Bäume verteilte. Nur ein Gedanke bewegte ihn! Würde er heute auf sie treffen? Sein Pferd lief gleichmäßig ruhig durch die Nacht. Ab und an streifte ihn ein Zweig und sein Rücken begann zu schmerzen. Als der Wald dichter wurde, stieg er von seinem Pferd ab und bat es respektvoll hier, auf ihn zu warten. Sein Gefühl sagte ihm, dass er jetzt in ihrer Nähe sein müsste. In der Nähe des jungen Mädchens, das er schon seit längerer Zeit aus der Ferne beobachtete.

Um ihn herum herrschte eine einzigartige Totenstille. Kein Ast knarrte, kein Tier gab einen Laut von sich, nicht mal eine Eule flog durch die Lüfte. Ein Frieden ging von dieser Nacht aus, den er so noch nie wahrgenommen hatte. Ja, diese Nacht versprach eine ganz Besondere zu werden.

Er durchstreifte das Gehölz, bis sich ihm eine unheimlich sinnliche Stimme näherte. Das musste sie sein, sie, die Langgesuchte. Sirenengleich sang sie vor sich hin. Ein Schauer lief ihm heiß den Rücken herunter und er wunderte sich über seine heftige Reaktion.

Dann, endlich konnte er das Mädchen sehen, nein, eigentlich nur erahnen. Vor ihm erschien eine Welle aus langem rotem Haar, welches in seiner seidenen Schwere hin und her wippte, ihren Rücken streichelte und sanft ihren Hintern umspielte. Das Licht des Mondes fiel auf ihr Goldhaar. Dessen Glanz ließ sie zu einem strahlenden Feuerball werden. In wundervoller Weise schienen für ihn die Sonne und der Mond in einer Nacht. Einer singenden Sonne gleich, ging sie, nur für ihn allein, suchend durch den Wald. Geblendet von ihrer Erscheinung vergaß er für einen Augenblick, warum er sie verfolgte.

Zu seinem Glück lief das Mädchen langsam, so dass er immer wieder stehen bleiben konnte, um sie in aller Ruhe zu betrachten. Ihre weiße Haut schimmerte noch viel heller, als er es erwartet hatte. Fast schwebte sie wie eine Fee dahin, mit der Eleganz einer Königin. Wunderschön anzusehen in ihrer Sanftheit, in ihrer Aufmerksamkeit auf den Boden, wo sie diese Geheimnis umworbene Pflanze suchte. Ab und an warf sie ihren Kopf ruckartig nach hinten und ihr goldglänzendes Haar wogte ihr wellenförmig hinterher. Er erkannte die enorme Kraft, die sie in sich trug und die darauf wartete, endlich gelebt werden zu dürfen. Gleichzeitig sah er in ihren Bewegungen auch die Selbstzweifel der Jugend.

Sehnsuchtsvoll erinnerte er sich an seine eigene Jugend, in der er kraftvoll auf die Jagd ging, sein Rücken beim Reiten nicht nach kurzer Zeit anfing, zu schmerzen und ihm das Laufen noch keine Mühe bereitete. Mit Lockerheit hätte er in jungen Jahren jenen Baum ausreisen können, hinter dem er sich gerade verbarg. Ja, wie hasste er seinen körperlichen Verfall.

Plötzlich drehte sich das Mädchen um, genau in seine Richtung. Hatte sie ihn bemerkt? Nein, sie horchte wohl einfach in den Wald hinein und lief suchend weiter. Wieder sah er nur ihr hin und her wippendes Haar. Es wirkte wie ein seidener Vorhang um sie herum, der sie zu beschützen schien.

So folgte er ihr durch die Nacht. Bald begannen seine Füße zu schmerzen, riefen ihm in Erinnerung, warum er ursprünglich hier im Wald rumschlich. Sein ältlicher Körper war wirklich nicht dazu geschaffen, nachts durch den Wald zu stolpern. Ständig musste er aufpassen, dass er nicht hinfiel. Wieso irrte das Mädchen so lange umher? Hatte er sich in ihr getäuscht? Wusste sie am Ende gar nicht, wo sich diese Pflanze befand? Er bedachte sein jahrelanges, vergebliches Suchen nach eben jener Pflanze und Unruhe bemächtigte sich seiner.

Der Himmel zeigte, leicht ins türkisfarbene übergehend an, dass sich die Nacht dem Ende zuneigte. Schon verlor er den Glauben daran, dass sie um das Geheimnis der Pflanze wusste. Doch da hörte er sie entzückt aufschreien. Merkwürdig, das Mädchen stand vor einer völlig normal aussehenden Pflanze. Allerdings war das Strahlen um ihren wunderbaren Körper noch intensiver in ein orange übergegangen. In diesem Moment trat sie einen Schritt beiseite und gab den Blick frei auf eine feuerrot leuchtende Blüte, die ebenso strahlte wie ihr Haar. Das verwirrte ihn. Suchte sie etwa nicht das Verjüngungskraut, sondern nach so etwas Banalem wie ein Haarfärbemittel? Nein, dass durfte nun wirklich nicht sein!

Mit größter Behutsamkeit pflückte das Mädchen die wertvolle Blüte ab und wiegte sie kurz in ihren zarten feingliedrigen Händen. Auch vergaß sie nicht, sich bei der Pflanze für das kostbare Geschenk zu bedanken und legte die Blüte sanft in ihren Korb.

Er begriff, dass das Geheimnis der Pflanze allein in der Blüte liegen musste, die offensichtlich nur in Vollmondnächten aufging. Mit größter Konzentration prägte er sich den Standort der Pflanze ein.

Jetzt trieb es ihn zu ihr! Vor lauter Gier achtete er nicht auf den Weg. Sein Fuß traf auf einen trockenen Zweig und das Knacken hallte laut in die Nacht hinaus.

Das Mädchen zuckte zusammen. Ihr wurde klar, dass bei ihrer Suche, nicht Acht gegeben hatte, was um sie herum geschah. War ihr jemand gefolgt? Vorsichtig drehte sie sich um, entdeckte, nicht weit entfernt von ihr, zwei grün glühende Augen. Langsam bückte sie sich, schob die Blüte behutsam unter die dünne Jacke und versuchte, ihre Situation zu erfassen. Wer oder was stand dort? Welcher Angst sollte sie heute ins Auge sehen? Ein leichtes Zittern überkam sie. Deshalb rief sie ihre Ahnen an und bat um deren Unterstützung. Gestärkt richtete sie sich auf. Die leuchtenden Augen rückten näher und näher. Dabei verloren sie allmählich ihr stechendes Grün. Sie erkannte, dass diese Augen zu einem gut gekleideten älteren Mann gehörten, dem das Laufen augenscheinlich große Mühe bereitete. Sie nahm sein leicht gekräuseltes weißes Haar wahr, welches im letzten Schein des Mondlichts silbern glänzte.

In diesem Augenblick berührten die ersten Sonnenstrahlen das Mädchen. Der Unbekannte, das letzte Mondlicht mitnehmend, kam wie ein Silberpfeilstrahl auf sie zu. So trafen die beiden, der Sonne und dem Mond gleichend, aufeinander. Er blickte in ein Gesicht voller Anmut und Wärme, bemerkte, dass ihr Charisma schon weit ausgeprägt war und versprach noch ungleich größer zu werden. Sie blickte in ein Gesicht, aus dem große Weisheit sprach, welches ebenso gezeichnet war von einer erschreckenden Härte. Und dann waren da noch seine dunklen Augen, die keine Tiefe erkennen ließen.

Die kaum noch auszuhaltende Spannung zwischen ihnen unterbrach der Fremde mit einer wohlklingenden Stimme:

„Schönes junges Fräulein, was trieb euch zu dieser späten Stunde in den Wald?“

Nun, den wahren Grund ihres nächtlichen Ausfluges wollte sie keinesfalls verraten.

„Pilze sammeln“, hörte sie sich mit leichtem Zittern in ihrer Stimme freundlich sagen.

Dabei bedachte sie nicht, dass sie in einem Meer von Steinpilzen stand. Beide schauten gleichzeitig auf ihren leeren Korb.

„Und, noch gar keinen gefunden?“ fragte der alte Mann süßlich lächelnd.

Mit demselben Lächeln bückte er sich. Da der obere Knopf seines Hemdes nicht geschlossen war, zeigte sich ihr sein behaarter Oberkörper und sie erblickte ein auffälliges Muttermal. Er bemerkte es wohl und während er mit der einen Hand nach einem Pilz griff, erfasste die andere Hand schnell den Knopf des Hemdes und knöpfte es zu. So, als ob sie hier zum Pilze sammeln verabredet wären, fingen sie gemeinsam an, den Korb mit Pilzen aufzufüllen. Nach und nach entwich die Anspannung von ihr.

„Was hat euch denn in diese einsame Gegend geführt?“ wollte sie nun ihrerseits wissen.

„Ich befinde mich auf dem Weg zum Königssohn eures Landes, um an den Krönungsfeierlichkeiten teilzunehmen.“

Ein tiefes Seufzen entwich ihr, welches dem Fremden nicht entging und wie nebenbei fragte er:

„Seid ihr auch eingeladen?“

Sie musste mit einem „Nein“ antworten und spürte einen Stich durch ihr Herz gehen.

Oh, wie gern wäre sie dabei! Ahnte es der Mann neben ihr? Er hatte etwas unheimlich Wissendes an sich. Ihr Gefühl signalisierte ihr, vorsichtig zu sein. Weshalb war er wirklich hier, ausgerechnet in dieser Vollmondnacht? Suchte er vielleicht die Blüte, die sie gerade unter ihrer Jacke trug?

Während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und Ruhe zu finden, lächelte sie der Unbekannte unentwegt an, überschüttete sie mit Komplimenten über ihr himmlisches Aussehen und verglich sie mit einem Engel. Nicht, dass sie dies nicht gern hörte, aber leider kamen die Komplimente aus dem falschen Mund. Kämen sie aus dem Mund des Mannes, den sie begehrte, wie glücklich würde sie sich fühlen.

Der junge Königssohn war es, der ihr über alles gefiel. In ehrlichen Stunden gestand sie sich ein, dass sie ihn verliebt war. Wie töricht von ihr! Nicht nur, weil er ein Königssohn war und sie ein einfaches Mädchen. Nein, als viel schlimmer empfand sie die Tatsache, dass sie um einige Jahre älter war, als er. Ihre Chancen bei dem Prinzen standen denkbar schlecht! Trotzdem hoffte sie. Sie wusste, dass der Königssohn sie heimlich beobachtete, wenn sie am Hintereingang der Schlossküche ihre Kräuter ablieferte.

Mittlerweile war der Korb randvoll mit Pilzen gefüllt, ihr offizieller Vorwand sich zu dieser späten Stunde im Wald aufzuhalten, somit erledigt. Der Mann neben ihr wirkte erschöpft und sah jetzt noch älter aus.

„Schönes Fräulein, würdet ihr so freundlich sein und mir den Weg zum Schloss zeigen? Ich habe mich hoffnungslos verirrt“, bat er sie.

Ungern und stumm willigte sie ein. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, gingen sie ein Stück des Weges. Plötzlich stieß ihr Begleiter einen grellen Pfiff aus. Ein stattliches Pferd sprengte direkt auf das Mädchen zu. Sie wollte beiseite springen, stellte sich aber in ihrem Erschrecken ungeschickt an und stürzte hin.

Mit einem merkwürdigen freudigen Gesichtsausdruck half ihr der alte Mann auf, verabschiedete sich äußerst charmant von ihr, stieg auf das wartende Pferd und war seltsam schnell verschwunden.

Erleichtert setzte sie sich auf einen der umgestürzten Bäume. Eine Weile wartete sie noch, versicherte sich dann, dass sich niemand in ihrer Nähe befand und holte die Blüte aus ihrer Bluse hervor. Doch was war das? Sie konnte es nicht glauben! Wie von einem Messer durchtrennt, lag nur noch die Hälfte der Blüte in ihrer Hand. Der Schreck darüber versteinerte sie beinah.

Wer war dieser Mann? Sie hatte ihn hier in der Gegend noch niemals gesehen. Es beschlich sie die Vorahnung, dass sie dem Unbekannten nicht zum Letzten mal begegnet war und Unheil von ihm ausgehen würde.

Der Blütenzauber

Unter der Obhut der aufgehenden Sonne lief sie, ihren Gedanken nachhängend, durch den Wald. Plötzlich stellte sie fest, dass sie von ihrem Weg abgekommen war, denn sie stand vor den Resten eines alten Holzkohlenmeilers. Ihr wurde schwarz vor Augen. Ein leichter Schwindelanfall erfasste sie. Schnell ließ sie sich in das weiche Moos fallen. Obwohl sie es gar nicht wollte, überkamen sie die Erinnerungen.

Vor vielen Jahren, als kleines Mädchen, war sie das letzte Mal mit ihrem Vater an diesem Platz gewesen. Der Vater, an jenem Tag kreidebleich und aufgewühlt, stocherte am ganzen Körper zitternd, hier im Boden herum. Verängstigt fragte sie ihn, was ihn beunruhige. Aber ihr Vater war Zeit seines Lebens ein schweigsamer Mann und so erhielt sie auch diesmal keine Antwort. Genau so wenig, wie auf ihre immer wieder gestellten Fragen nach ihrer Mutter, Isabel.

Sie wusste lediglich, dass ihre Mutter starb, kurz nachdem sie zwei Jahre alt geworden war. Damals gab der Vater seinen Beruf als Köhler auf, damit er sie großziehen konnte. Er wollte aus irgendeinem Grund auf keinen Fall mit seiner Tochter im Dorf leben. Mitten im Wald baute er eine Hütte für sie beide. Um ganz und gar vom Dorf unabhängig zu sein, legte er einen kleinen Gemüsegarten an, kaufte eine Ziege, ein Schwein und ein paar Hühner. Seinen letzten und einzigen Kohlenmeiler betrieb er hier an dieser Stelle.

Von klein auf half sie ihrem Vater bei allem, führte den Haushalt so gut sie konnte, versorgte den Garten und die Tiere. Sogar bei der Köhlerei ging sie ihm zur Hand. Sie mochte den Geruch des schwelenden Holzes und dessen Verwandlung in Kohle. Daher rührte wohl ihre Vorliebe für Verwandlungen. Jedoch, am meisten liebte sie es, stundenlang im Wald umher zu streifen und die Pflanzen und die Tiere zu beobachten.

Als der Vater auf dem Sterbebett lag, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte ihn nochmals nach ihrer Mutter. Vergeblich, wieder erfuhr sie nichts. Aber mit den Worten: „Deine Mutter hätte es gewollt, dass du die Sachen bekommst“, übergab er ihr einen Schlüssel. Der gehörte zu der geheimnisvollen Truhe, für die sie sich von klein auf interessierte.

Mittlerweile fühlte sie sich wieder besser und beeilte sich, in ihre Hütte zu kommen, in der sie nach dem Tod des Vaters alleine lebte. Wo sollte sie auch hin? Sie kannte kein anderes Leben. Außerdem besaß sie hier alles, was sie zum Leben brauchte.

Schon erreichte sie ihren Lieblingsplatz, die kleine Quelle, welche nicht unweit der Hütte entsprang und von der sie glaubte, dass aus ihr ein besonderes Wasser sprudelte. Hier zu verweilen, blieb ihr keine Zeit. Nur der Kröte winkte sie noch flüchtig zu.

Ihr Kater sprang ihr entgegen, schlich unruhig um sie herum und seine Augen erinnerten sie an diese grünen Augen aus dem Wald. Sie nahm das Tier auf die Schulter und betrat endlich ihr Reich - ihr kleines bescheidenes Gehöft. Im Stall meckerte die Ziege ungewöhnlich laut vor sich hin. Schnell ging sie zu ihr, streichelte ihr über den Rücken, band sie von ihrem Strick los und ermahnte sie, nicht in den Gemüsegarten zu springen. Das quiekende Schwein ließ sie ebenfalls aus dessen Bucht.

Auf dem Weg zur Hütte, zog sie einen Holzscheit aus der Vorratswand hervor und erschrak. Der Stapel rutschte ihr unter den Händen weg. Was ist heute bloß los? Ihr Blick wanderte über den Hof. Aber so sehr sie sich anstrengte, außer, dass selbst ihre herum streunenden Hühner unruhig wirkten, konnte sie beim besten Willen nichts Ungewöhnliches erkennen.

Zögernd betrat sie die Hütte, schloss die Augen und konzentrierte sich einen Augenblick, denn sie wollte prüfen, ob während ihrer Abwesenheit irgendjemand hier drinnen gewesen sei. Tatsächlich, ein ihr fremder, wenn auch nicht unangenehmer Geruch hing im Raum fest. Instinktiv griff sie nach ihrem selbstgesammelten Waldweihrauch, verteilte ihn auf dem Holzscheit und legte diesen oben auf das Feuer im Herd. Dann schaute sie sich um und fand nichts Sonderbares. Alles machte einen unberührten Eindruck. Selbst die Kiepe mit den schon vorbereiteten Kräutern für die Schlossküche stand noch an ihrem Platz.

Sie beschloss die soeben gesammelten Pilze zusätzlich mit ins Schloss zu nehmen. Allein dafür würde ihr der Schlosskoch sicher ein gutes Stückchen Fleisch geben.

Jetzt musste sie aber unbedingt mit den Vorbereitungen für die wichtigen Korrekturen an sich anfangen! Behutsam holte sie die Blütenhälfte unter der Jacke hervor. Bei dem Griff nach dem Mörser fiel ihr Blick in den Spiegel und sie sah ihr Gesicht voller Aufregung. Zu ihrem eigenen Erstaunen gefiel es ihr heute, vor allem ihre katzenartigen graugrünen Augen mit diesem orangefarbenen Ring um die Pupillen herum. Selbst die Sommersprossen, die sie eigentlich hasste, störten sie nicht. Oh, wie schön, dachte sie, lächelte ihr eigenes Spiegelbild an und erinnerte sich mit Wonne an die Komplimente des Unbekannten im Wald. Er schien regelrecht entzückt von ihr gewesen zu sein. Glich sie vielleicht wirklich einem Engel? Ja, ähnelte sie nicht sogar der Madonna, die in der Waldkapelle auf dem Altarbild zu sehen war? Gut, natürlich war die Madonna nicht mit Sommersprossen besprenkelt. Aber immerhin hatten sie beide dieselbe Haarfarbe, jedenfalls fast.

Irgendetwas musste an ihr sein, was die Männer faszinierte. Die Blicke der Köche in der Schlossküche könnten ebenso ein Beweis dafür sein. Und schließlich, warum versteckte sich der Königssohn hinter der Tanne am Kücheneingang? Das kann nur ihr gelten! Ja, er wollte sie sehen! Möglicherweise war sie doch schön?

Sie trat näher an den Spiegel heran und betrachtete ihr Gesicht eingehend. Da! Auf der Stirn deutete sich eine leichte Falte an! Und, da, unter den Augen! Es wurden zusehends mehr. Schon störten sie auch wieder diese elenden Sommersprossen. Oh, die mussten auf jeden Fall verschwinden!

Unschlüssig stand sie vor dem Flaschenregal und überlegte, welches Mittel heute am besten geeignet wäre. Sie entschied sich für das Regenwasser, welches sie von Leichensteinen aufgesammelt hatte. Sorgfältig rieb sie das Gesicht und die Arme mit der kostbaren Flüssigkeit ein. Jedoch, das reichte ihr nicht. Heute wollte sie ganz sicher gehen! Sie lief auf den Hof.

Auf dem eingestürzten Holzscheithaufen fand sie, was sie suchte. Dort kroch eine schöne dicke Schnecke, die einen breiten Schleimstreifen hinter sich her zog. Gerade wollte sie ansetzen, da entdeckte sie auf dem Rechen am Zaun eine richtig Fette. Ja, die war genau die Richtige, um sofort die Haut mit deren Schleim zu bestreichen. Danach warf sie die Schnecke hinter sich.

In diesem Moment überkam sie das Gefühl, jemand würde sie beobachten. Hatte sie nicht eben einen Schatten weghuschen sehen? Egal, sie musste sofort mit der Blütenprozedur anfangen. Der Königssohn durfte nie ihr wahres Alter bemerken. Nur so glaubte sie, eine Chance bei ihm zu haben.

In der Hütte betrachtete sie die ihr gebliebene Blütenhälfte und es schauderte ihr bei der Erinnerung an den alten Mann. Wie hatte er es geschafft, von ihr gänzlich unbemerkt in den Besitz der anderen Hälfte zu gelangen? Allerdings, viel wichtiger war die Frage, wie lange diese Hälfte reichen würde? Bis zur nächsten Vollmondnacht könnte es schon knapp werden.

Um sich zu beruhigen, kochte sie sich einen Johanniskrauttee. Nachdem dieser die gewünschte Wirkung zeigte, entfernte sie die Körner aus der Blüte, zerdrückte diese im Mörser und freute sich über jeden Tropfen Öl, den sie daraus gewinnen konnte. Ungefähr die Hälfte der öligen Flüssigkeit vermischte sie mit Quark und Wasser aus ihrer Quelle und stellte die Schale mit der Masse zum Erwärmen auf den Herd. Den verbliebenen Rest des Öls füllte sie vorsichtig in eine schmale Flasche. Nicht der kleinste Tropfen von dem kostbaren Gut durfte verloren gehen.

Die Blätter der Blüte breitete sie auf einem seidenen Tuch aus und überlegte währenddessen, wie viele sie heute verwenden sollte. Beinahe wäre darüber die ölige Quarkmasse zu heiß geworden. Hastig zog sie die Schale vom Herd, verteilte die Masse geschickt auf Gesicht und Hals, rupfte entschlossen fünf Blätter vom Blütenstil, drückte sie im warmen Quark fest und legte sich erschöpft auf das Bett. Langsam spürte sie eine angenehme Wärme in sich aufsteigen.

Genüsslich folgte sie ihrer Sehnsucht und dachte an den jungen Königssohn. Etwas Verbindendes hatte sie bereits mit ihm. Beide wurden sie von Männern großgezogen. Doch während sie das Glück hatte, wenigstens ihren Vater zu behalten, verlor der Königssohn in jungen Jahren Vater und Mutter. Großgezogen wurde er von einem alten weisen Mann, seinem Vormund. Eben Jener würde dem Königssohn heute, an seinen achtzehnten Geburtstag, die Regierungsgeschäfte übergeben. Und bald würde der junge König sicherlich eine Braut suchen. Schon deshalb wollte sie heute besonders schön aussehen. Vielleicht sollte sie sogar das grüne Samtkleid anziehen, welches sie in der Truhe gefunden hatte? Ob das Kleid einst ihrer Mutter gehörte?

Über diese Gedanken fiel sie in den Schlaf. Wie schon oft ereilte sie der sie ständig verfolgende Traum: ein Feuer brannte, Holz knackte, die Flammen kletterten immer höher, irgendjemand schrie entsetzlich, sie will wegrennen, kommt aber nicht vom Fleck.

Schweißgebadet erwachte sie. Ihr Kater lag laut miauend auf ihren Füßen und funkelte sie aus seinen grünen Augen an. Welch ein Glück, er hatte sie aus diesem Alptraum geweckt. Ach, wie gern würde sie mal dahinter kommen, was dieser Traum bedeutete.

Ein Geräusch ließ sie hochschrecken. Die getrockneten Blütenblätter fielen ihr in den Schoß. Hatte soeben irgendwer die Hütte verlassen? Nein, es war sicher nur das Knistern des Holzes im Herdfeuer, sonst wäre der Kater doch aufgesprungen.

Es blieb ihr auch keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn sie musste sich beeilen. Geschwind sprang sie vom Bett, wusch die Reste des Quarks aus dem Gesicht und holte aufgeregt das grüne Kleid aus der bauchigen Truhe hervor. Ja, heute war ein guter Anlass dieses Kleid zu tragen. Oh, wie herrlich sich der Stoff anfühlte! Komisch, das Kleid passte ihr wie angegossen. Der Stoff schmiegte sich weich und eng an ihren Körper. Das war schon etwas Anderes als ihre weiten grobgewirkten Röcke und Blusen, die sie gewöhnlich trug.

… Mehrmals drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her. So hatte sie sich noch nie gesehen und gefühlt. Ein wenig verschämt, schaute sie auf ihre Brüste, von denen dank des großen Ausschnittes ziemlich viel zu sehen war. Fast so, wie bei den vornehmen Damen vom Hofe. Sie überlegte, ob sie ein Tuch darüber legen sollte. Den Blick nicht von ihrem Spiegelbild abwendend, trippelte sie ein paar Schritte durch den winzigen Raum und verwarf diese Idee.

Von sich selbst angetan, kämmte sie ihr langes Haar. Keine leichte Arbeit. Es kam ihr vor, als wenn sich diesmal besonders viele Spinnweben in den Haaren verfangen hätten. Ach, wie sie die Spinnen hasste! Fast neigte sie dazu, ihre Haare offen zu lassen, entschied sich aber für einen Zopf, weil es mit der Kiepe auf dem Rücken einfach praktischer war.

Der Blick nach dem Stand der Sonne verriet ihr, dass sie fertig werden musste. Noch einmal überprüfte sie sich im Spiegel und war höchstzufrieden. Die Blütenblätter hatten ihre Wirkung getan. Ihr Aussehen glich einer Siebzehnjährigen! Und der Madonna ähnelte sie ebenfalls, denn ihre Sommersprossen waren vornehm verblasst.

Das Dreiertreffen

Früh am Morgen schlich der junge Königssohn Olaf heimlich aus dem Schloss. Der Morgen versprach einen angenehmen leichten Sommertag. Mit dem dringlichen Wunsch im Herzen, sie möge heute kommen, lief er aufgeregt zu seinem geheimen Platz.

Seit Monaten verbarg er sich, sooft es ihm möglich war, hinter einer alten Tanne, nur um sie sehen zu können. Sie, die so ganz anders war, als alle Mädchen und Frauen, die er bisher kennenlernen durfte. Für ihn war sie die Schönste, ja sogar die Allerschönste weit und breit. Es ging etwas von ihr aus, dass er sich nicht erklären konnte. Was war das nur? Zum Einem lag es sicherlich an ihrem kupferroten Haar und ihrer hellen Haut. Manchmal schien sie ihm fast durchsichtig zu sein. Zum Anderen umgab sie etwas sinnlich Geheimnisvolles, bereichert von ihrem wunderbaren Lachen. Wenn sich das Lachen auf ihrem Gesicht ausbreitete, überkam ihm jedes Mal ein überaus angenehmes Kribbeln im Körper.

Sie verfolgte ihn bis in seine Träume. In denen war er der perfekte Held, der starke Ritter, der sie natürlich aus jeder aussichtslosen Situation befreite. In der Wirklichkeit jedoch verharrte er, schüchtern bangend, hinter dieser Tanne, dankbar für den winzigen Augenblick, indem er sie sehen konnte. Seit einiger Zeit lächelte sie jedes Mal in seine Richtung, bevor sie durch den Dienstboteneingang in der Küche verschwand. Wusste sie, dass er hier wie angewurzelt stand?

Aber heute wollte er es wagen! Es war die letzte Gelegenheit, ihr seine Einladung zu überreichen, die Einladung für den Eröffnungsball der Krönungsfeierlichkeiten. Denn endlich wurde er König! König im Land seiner Eltern, welches seit deren Tod von seinem Vormund regiert wurde. Mit dem morgigen Tag würde er, Prinz Olaf, die Regentschaft übernehmen und somit sein eigener Herr werden.

Ja, wie er es hasste, sich ständig Alles, aber auch Alles vorschreiben lassen zu müssen! Nicht, dass er den Alten nicht mochte. Im Gegenteil, er war ihm Vater und Mutter zugleich geworden und unterrichtete ihn in den wichtigen Dingen des Lebens, so gut er es vermochte. Nur, leider war der Alte ein verdammt strenger Lehrer und erlaubte ihm kaum irgendwelche Vergnügungen. Vor allem sah dieser es äußerst ungern, wenn Olaf jagen gehen wollte.

Den Grund kannte Olaf. Sein Vater, der König, war bei der Jagd ums Leben gekommen. Vor lauter Kummer über den Tod ihres geliebten Mannes erkrankte seine Mutter, die Königin. Sie starb, da war er gerade mal fünf Jahre alt. Von daher verstand Olaf durchaus die Sorge des Alten, wenn er, der zukünftige König, auf die Jagd gehen wollte. Doch er liebte die Jagd abgöttisch. Und so gerieten sie immer wieder im Streit aneinander.

Olaf wollte ein ebenso guter Jäger werden, wie sein Vater. Ein Bild seiner Kindheit hatte sich tief in ihn eingeprägt: Der Vater, glücklich auf dem Pferd sitzend, wenn er erfolgreich von der Jagd zurückkehrte und seine Beute präsentierte. Dem wollte er nacheifern. Das würde er demnächst tun können, denn im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten, bekommt er den väterlichen Bogen überreicht. Er fieberte dem Augenblick, endlich den Königsbogen in den Händen halten zu dürfen, regelrecht entgegen.

Von dem Mädchen war weithin nichts zu sehen. Wo blieb sie nur? Und was wäre, wenn sie ihn abweist? Diese quälende Vorstellung wiederholte sich permanent in seinem Kopf. Denn, was gab es schon Besonderes an ihm, im Gegensatz zu ihr? Nichts! Unwillkürlich fasste er sich an seine unförmige Nase. Wahrscheinlich würde er sich klein vorkommen neben ihrer strahlenden Schönheit.

Langsam übertrug sich die Feuchtigkeit seiner Hände auf den Umschlag mit der Einladung und dem persönlichen Brief. In der vergangenen Nacht verbrachte er Stunde um Stunde damit, seine Gefühle ihr gegenüber auf das Papier zu bringen. Gern hätte er jemanden um Rat gebeten. Aber wen? Gleichaltrige Freunde hatte er keine und den Alten wollte er auf keinen Fall fragen.

In diesem Moment schwebte ein ihm vertrauter Ton in der Sommerluft und ein leuchtender roter Punkt schimmerte zwischen den Baumstämmen des Waldes hindurch. Sie kam! Sie - die Königin seiner Träume! Der Klang ihrer Stimme erreichte Olaf, wie eine zarte Welle und durchfloss seinen Körper wohlwollend. Alles in ihm jubelte. Sein Herz konnte sich nicht entscheiden, zwischen Schnellerschlagen oder Stehenbleiben.

Aber irgendetwas schien heute anders an ihr zu sein. Lag es an ihrem Gang? Nein! Doch! Ja! Welch ein Anblick! Sie trug ein eng anliegendes Kleid. Wahnsinn! Welch eine betörende Figur kam darin zum Vorschein. Das Wohlwollen in seinem Körper verwandelte sich in eine unbekannte heftige Unruhe. Er wusste nicht, wohin mit seinen Gefühlen und erst recht nicht, wohin mit seinen Händen. Er zögerte und zögerte, während sie sich ihm unaufhörlich näherte. Fast schon konnte er nach ihr greifen. Jetzt musste er es wagen!

Gerade wollte Olaf hervortreten, doch da öffnete sich die Tür der Schlossküche. Der Koch trat heraus, winkte seinem Traum zu und sie erwiderte den Gruß aufs Feinste lächelnd. Unwillkürlich zuckte Olaf zurück. Verpasst! Er hatte versagt. Wieder einmal! Warum musste der Koch ausgerechnet in diesem Moment auftauchen! Krampfhaft versuchte er, sich zu beruhigen und nahm sich vor, es erneut zu probieren, wenn sie aus der Küche wieder herauskommt. Mögen die im Schloss auf ihn warten! Flüsternd übte er zum hundertsten Male, wie er sie ansprechen wollte:

„Gnädiges Fräulein…“

Schon bei der Anrede holperte es. Galt sie denn als gnädiges Fräulein? Er wusste gar nichts von ihr. Klar war ihm lediglich, dass sie aus dem einfachen Volk stammte. Egal, begann er eben mit:

„Liebes Fräulein, ich würde gern ...ich meine, hättet Ihr Lust…. “

Jäh unterbrach ihn das Wiehern eines Pferdes. Er drehte sich um und erblickte einen jungen gut gekleideten Mann, wohl ein wenig älter wie er, auf einem edlen Pferd sitzend. Olaf erschrak, wie lange mochte der Fremde schon dort gestanden haben? Was hatte er gehört? Die stolze Haltung des Mannes erinnerte ihn an die seines Vaters kurz vor dem Ausritt zur Jagd. Vielleicht war der junge Herr vor ihm ein ebenso leidenschaftlicher Jäger? Jedenfalls trug er einen wertvollen Bogen, wie er nur einem König zustand. War das ein geladener Gast? Aber warum kam er aus dieser Richtung?

Als hätte der Fremde seine Frage erraten, begann er sich zu erklären:

„Verzeiht mir, mein Herr“, sprach er mit männlich wohlklingender Stimme, „es war nicht meine Absicht, Euch zu erschrecken! Ich befinde mich auf dem Weg zum Prinzen Olaf dem Achten. Leider verirrte ich mich in diesem Wald.“

Das fehlte Olaf gerade noch, ein Gast entdeckte ihn hier, in der Nähe des Dienstboteneinganges! Trotzdem blieb ihm nichts weiter übrig, er musste sich offenbaren. Denn spätestens heute Abend, während des Balls, würde sein Gegenüber in ihm den Prinzen erkennen.

„Ich grüße Euch Fremder! Vor Euch steht Euer Gastgeber, Prinz Olaf der Achte. Ich freue mich, dass Ihr meiner Einladung gefolgt seid.“

Scheinbar erstaunt, sprang der Unbekannte vom Pferd und verneigte sich leicht vor Olaf.

„Ich bitte Euch um Nachsicht! Ich hatte nicht erwartet, einen Prinzen so früh am Morgen und an solche einem Platz anzutreffen. Gestattet, dass ich mich vorstelle. Ich bin König Klaus der Dritte aus dem Land der zwanzig Wasser. Es ist mir eine Freude, Euch endlich kennenlernen zu dürfen. Erlaubt mir, Euch von ganzem Herzen zu Eurem achtzehnten Geburtstag zu beglückwünschen.“

Für sich dachte Klaus, sieh einer an, der Kleine will sie hier abfangen, da bin ich grad rechtzeitig gekommen. Er genoss es, den Prinzen dabei zu beobachten, wie dieser sich um eine Erklärung bemühte. Ein wenig wartete Klaus noch, bis er ihm vorschlug:

„Bitte, mein Prinz, lasst uns gemeinsam zum Schloss gehen. Dann verlaufe ich mich wenigstens nicht wieder.“

Dem ließ er ein tiefes unheimliches Lachen folgen. Olaf lachte tapfer mit und wusste nicht, wie er die, für ihn missliche Situation, meistern sollte. Einerseits wollte er das Mädchen nicht verpassen, andererseits bei seinem Gast kein weiteres Misstrauen erregen, denn der musterte ihn bereits so, als hätte er eine Ahnung. Und schon zeigte sein Gegenüber auf den Brief in seiner Hand.

„Oder habt Ihr hier noch zu tun?“ fragte er neugierig.

„Nein“, beeilte sich der Prinz zu antworten, „wie kommt Ihr darauf? Folgt mir bitte! Hier entlang!“

Hastig schob Olaf den Briefumschlag in seine Hosentasche und bewegte sich mit seinem Gast in Richtung Schloss, damit aber gelichzeitig geradewegs auf den Dienstboteneingang zu. Olaf hoffte inständig, seine Angebetete möge noch in der Küche beschäftigt sein und bloß nicht jetzt herauskommen. Fast hatten sie es geschafft, waren an der Tür vorbei, da öffnete sich diese!

Sie trat heraus und stand unmittelbar vor dem Prinzen. Das erste Mal sahen sich der Königssohn und das Mädchen tief in die Augen, beide im gleichen Maße erschrocken und verwirrt.

Ihr Herz raste. Sie drückte beide Füße fest gegen den Boden. Nur nicht ins Schwanken kommen, ja nicht umkippen, dachte sie und senkte den Blick. Sie konnte ihn riechen und seinen ebenfalls unregelmäßigen Atem spüren. Die Zeit schien still zu stehen. Doch leider wurde sie herausgerissen aus diesem wunderschönen Stillstand, von einem Mann, den sie bisher nicht mal wahr genommen hatte.