Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Natürlich ist es schwer, im Anfang einer Liebesgeschichte schon ihr Ende zu sehen. Obwohl man vom ersten Moment an den Ausgang ahnt. Wie in einem Film. Same story. Told over and over. Dennoch. Man bleibt bis zum Ende sitzen. Denn da ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf Einmaligkeit. Eine Hoffnung in großen Buchstaben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
If you forget my name You will go astray Like a killer whale Trapped in a bay –– Björk
Natürlich ist es schwer, im Anfang einer Liebesgeschichte schon ihr Ende zu sehen. Obwohl man vom ersten Moment an den Ausgang ahnt. Wie in einem Film. Same story. Told over and over.
Dennoch. Man bleibt bis zum Ende sitzen.
Denn da ist die Hoffnung. Die Hoffnung auf Einmaligkeit. Eine Hoffnung in großen Buchstaben.
[Tag 1]
[Tag 1]
[Tag 2]
[Tag 3]
[Tag 4]
[Tag 5]
[Tag 6]
[Tag 7]
[1 Jahr später]
[Playlist]
[Nachwort]
Eine Landstraße.
Einer von mehreren möglichen Anfängen.
Schon seit Stunden hatte sich niemand mehr hierhin verirrt.
Rostbrauner Staub. Eine weite Ebene. Das ausgetrocknete, vergessene Ackerland hatte sich im Laufe des Sommers der Hitze ergeben. Die Windräder standen still. 42 Grad.
Das Geräusch eines Dieselmotors. Sie stellte Rucksack und Gitarre ab, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Schweißperlen. Perlen vermengt mit feinen Sandkörnern. Ihre Gestalt gewann an Kontur.
Normalerweise nahm er keine Anhalter mit.
Jedoch, die Konstellation war ein Versprechen. Eine diffuse, lichtscheue Mischung aus Erwartung und Neugier. Ein Spiel mit unvollständigen Informationen.
Sein Unterbewusstsein wägte die Situation für einige Sekundenbruchteile ab, trotzte seinen Prinzipien und ließ ihn das Ergebnis als geistige Reflexhandlung empfinden. Als Überlegung, dass es durchaus in Ordnung sei, einmal etwas Ungeplantes, Unvorhergesehenes zu tun. Eine Entscheidung zu treffen, ohne die möglichen Konsequenzen zu durchdenken. Er folgte dem Befehl dieses Gedankens. Es war also schwer zu sagen, ob es Zufall war oder doch Notwendigkeit, die sie zusammenkommen ließ.
Stopp.
Bullshit. Von wegen, es ist durchaus in Ordnung, einmal etwas Ungeplantes, Unvorhergesehenes zu tun. Seien wir doch ehrlich. Es ist nur solange in Ordnung, bis das Nichtnachdenken zu einem unwiderruflichen Fehler führt. Ja, dann ist es plötzlich nicht mehr in Ordnung. Wenn genau das Nichtnachdenken die Ursache des Problems ist. Irgendwann kommen ohnehin schon von alleine so viele Unberechenbarkeiten zusammen. Dumme Zufälle. Nein, nicht Zufälle. Ich korrigiere mich: Aus Sicht der Natur gibt es keine Zufälle. Für die Natur ist jede Konstellation gleichbedeutend. Wir empfinden nur die eine Situation als Zufall, beziehungsweise als etwas Besonderes und die andere als gewöhnlich. Was ich also eigentlich meine, sind Abweichungen. Ereignisse, die plötzlich ganz anders kommen als geplant. Dinge, die man nicht kontrollieren kann, Personen, die man falsch eingeschätzt hat. Sie werden später verstehen, was ich meine.
Ach so, sollte ich vielleicht erst einmal erklären. Die beiden Seiten, die Sie eben gelesen haben, sind die ersten Seiten eines Romans, den Eva mir neulich geschenkt hat. Zum Hochzeitstag. Keine Ahnung, warum ich den lesen soll.
Im Moment ist mir das jedenfalls etwas zu lahm, ich blättere mal ein paar Seiten weiter.
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
„Wie auch immer ihr gegenseitiger erster Eindruck gewesen war. Letztlich wussten beide, dass niemand, den man trifft, so sehr man sich dies auch wünscht, bei null anfängt. Sie wussten zu gut, dass hinter jedem Gesicht eine Geschichte verborgen ist, und je tiefer man geht, desto mehr kann man sich an den Abbruchrändern der Vergangenheit schneiden.“
+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
OK, hab ich das gerade richtig gelesen? Ist ja interessant. Und was genau ist deren Problem? Also, ich schneide mich jedenfalls gerade an den messerscharfen Kanten der Gegenwart, wenn ich es mal so formulieren darf. Ich hab nämlich, im Gegensatz zu den beiden in dem Roman, echte Probleme. Wie bitte? Probleme haben wir alle? Ja, klar, ich gebe Ihnen absolut recht. Wir können sofort tauschen, wenn Sie wollen. Ich werde Ihnen mal meine Geschichte erzählen. Und wenn Sie möchten, reden wir dann über Ihre. Aber glauben Sie nur nicht, Sie könnten mir etwas erzählen, was ich noch nicht gehört habe. Und damit wir uns gleich richtig verstehen: Ich interessiere mich im Grunde nicht für Sie und mir ist es völlig egal, ob Sie sich für mich interessieren. Ihre Entscheidung.
Anyway. To whom it may concern. Erzählt in 128er fast forward Geschwindigkeit. In Reihenfolge des Auftretens:
3. Dezember 2015. 5.45 Uhr morgens. Autobahnabfahrt. Schneegestöber. Weg da, Idiot, ich muss hier raus, Parkhaus N, Boarding in 30 Minuten, keine Zeit gestern zum online Checkin gehabt, jetzt Smartphone auf 3 % Batterie, Powerbank auch leer, also zum Schalter. Guten Tag, wo geht’s hin? Ich denke kurz nach, schaue auf meinen Koffer, dann wieder auf die Dame am Check-in. Darf ich fragen, wo Sie hinreisen? // Wo ich hinreise? // Ja, wo reisen Sie hin? // Ich hab’s vergessen. - Moment. London. Ja, London. Noch einmal mit dem Reststrom sicherheitshalber die E-Mail prüfen, ja London-Stansted. Boarding beginnt in wenigen Minuten. Rüber zur Security, body scan, Entschuldigung, gehört der Koffer Ihnen? Darf ich da reinschauen? // Ja natürlich, schauen Sie sich alles in Ruhe an, ich habe keine Geheimnisse. // Alles in Ordnung. Zubringerbus. Good morning. You can find the life vest under your seat. // Ja, ja. // Was kann ich Ihnen zu trinken anbieten? // Nichts. Danke. Ich bin einfach nur müde. Schlafe mit dem Kopf auf dem Klappbrett ein. 45 Minuten später. Wir haben bereits den ersten Teil des Sinkfluges hinter uns gelassen, the remaining flight will be 15 minutes, temperature at the airport is 10 degrees. Ich sehe aus dem Fenster in die Sonne. Everytime the sun comes up I’m in trouble. Schönes Lied, schöner Titel. Könnte für mich geschrieben sein.
This transit is departing for the terminal building. Ich frag mich, was das für ein Meeting heute wird. Kurzfristig einberufen. Kein gutes Zeichen. This transit terminates here. UK border. Schiebe den elektronischen Reisepass routiniert über das Glas. Schaue emotionslos in die Kamera. Mein elektronisches Abbild auf dem Display schaut emotionslos zurück. Stansted Airport - Liverpool Street. Dann die Circle Line bis Cannon Street. Eingang European Headquarter. Zeige meinen Firmenausweis. Auf der Plastikkarte ist oben links das Company Logo gedruckt, darunter rechtsbündig mein Name: Adam Volta. Meeting findet im War Room statt. Laptop raus, Smartphone aufladen. OK, gleich geht‘s los.
16.00 Uhr GMT. Meeting mit dem neuen Europa Präsidenten. Diesmal ein Amerikaner. Das heißt, es wird Ernst. In Augen der Amerikaner sind wir ja alle hier Ogalallas, die missioniert werden müssen. Hello and looking forward to a good discussion. // Können wir uns zunächst einmal einigen, was das Ziel dieses Meetings ist? // Yes, it’s about your team. We need to rethink some things. - Aktienkurs fällt, wir sind Penny stock, die Firma wird aufgekauft. Merger & Acquisition. „My task is to make fast progress in an undefined environment“, sagt er. So, so. Mein Kollege flüstert mir zu, der Typ hat einen Vertrag für zwei Jahre, um die Firma abzuwickeln. Und bekommt €7.9 million in total cash als Bonus. „To strengthen our forces we have to reduce our workforce ...“ Aha, jetzt werden wir konkret. Cost savings, downsizing, Synergie-Effekte.
Hier ist das neue Org-Chart. Transformation. Jetzt beginnen die Bewegungen ohne Ziel. Bewegungen, die keine Verbesserung bringen, Veränderungen, nur um ihrer selbst willen. Frage: „Verstehe ich das richtig, dass die Organisationseinheiten, die nicht auf dem Chart stehen, aufhören zu existieren?“ Antwort: „Well, we have great people in these teams, but we are trying to remove and reduce overlays. So, technically ‘yes’ to your question.“ Frage geklärt.
Letzte Woche im Management Assessment haben wir noch Farbenspielchen gemacht. Welcher Persönlichkeitstyp sind Sie? Blau oder Grün? Ich bin definitiv Rot. Und brauch auch keinen Coach. Anschließend Team-Building, jeder sollte die Herausforderungen, die Projekte und die Ergebnisse der anderen Direct Reports präsentieren. Damit man sich besser in sie hinein versetzen kann. Ich sollte mich ernsthaft in diese Schwachköpfe hineinversetzen. Danach musste ich das Gleiche mit meinem Team machen. „Zur Motivation“, sagte die Managerin of Happiness. Managerin of Happiness, ja, das war wirklich ihr Job title. Heute werde ich aufgefordert, alle zu entlassen. Re-deployment, Headcount reduction, Lay-off. So viele Begriffe, um das Wort Rausschmiss zu verschönern.
Der Nahkampf beginnt. First line of defense. Jetzt heißt es, sich schnell zu positionieren, die direkten Gegenspieler auszuschalten und irgendwo unterzukommen. Die blonde belgische Schlampe, die mir gegenüber sitzt, versucht, ihren Arsch zu retten, ihren faulen, fetten Arsch ... Tut mir leid. Ja, tut mir leid für die Ausdrucksweise. Hab mich gehen lassen. Wird nicht wieder vorkommen. Versprochen. Jedenfalls wird die Schlampe überleben. Sie verdient das Doppelte, obwohl sie nichts auf die Reihe bekommt, Spitzname ‘Projekt-Tod dot com’. Aber sie geht mit den richtigen Leuten ins Bett. Sie schläft mit meinem Chef und dem Chef meines Chefs und sagt mir das knallhart und genüsslich vor allen anderen ins Gesicht, und was ich ihr jetzt anhaben könnte. Hashtag FriendlyFire. Wenn dieser Chef weg ist, schläft sie mit dem nächsten, gnadenlos, egal wie widerlich der ist, und so geht’s immer weiter und deshalb bleibt ihr Team bestehen und meins nicht. Ethik-Richtlinien, Code of Conduct. I acknowledge. Hab ich alles akzeptiert, als ich hier angefangen habe vor 13 Jahren, kann mich also jetzt nicht beschweren. Ende des Meetings. Verdammt, ich muss den Stansted Express um 17.55 local time erreichen. Ob ich das hinbekomme, hat er mich gefragt. Was genau? Ob ich schon mal jemanden entlassen habe? Nein, habe ich nicht, aber ich habe schon mal ein lebendes Schlangenherz, das in einem Schnapsglas schwamm, getrunken. Genügt das?
Ankunft Flughafen. Security Hinweis: Bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt, noch mal Gate und Uhrzeit checken, reicht noch für ein Bier, 7 Pfund. Was? Spinnen die? Egal. Kurz zu Hause anrufen.
„Ich bin’s.“
„Adam, wo bist du?“
„Ich wollte dich heute Morgen nicht wecken. Es war Viertel vor vier. Ich musste um 6 Uhr am Flughafen sein. Ich habe es auf den Post-it Zettel geschrieben.“
„Ach so, es steht auf dem Post-it. Wir hinterlassen uns seit Wochen nur Post-its.“
„Nur weil du keinen Messenger benutzen willst.“
„Ich weiß nicht, wohin du fliegst, ich weiß nicht, wen du triffst.“
„Ich bin in London. Es steht … auf dem Post-it.“
„Wie lange dieses Mal?“
„Ich bin schon auf dem Rückweg. Bin heute Abend zurück. Dann lassen wir es uns gut gehen.“
„Wirklich? Oder arbeitest du wieder nur den ganzen Abend?“
„Nein, diesmal nicht. Lass uns zu Rocios gehen.“
„Das wird schwer, so kurzfristig noch einen Tisch zu bekommen.
Du weißt, wie lange im Voraus der immer ausgebucht ist. Aber ich probier‘s.“
„Alles klar. Nächstes Mal kommst du mit. Im Tate Modern ist eine Gerhard Richter Ausstellung.“
„Das wäre schön. Wie findest du das Buch?“
„Ja, gefällt mir gut.“
Ehrlich gesagt, ich lese kaum noch Bücher, und wenn, dann selten zu Ende. Auf meinem Nachttisch liegt seit Ewigkeiten ‘Die Schönen und Verdammten’ von F. Scott Fitzgerald. Meine Güte ist das langweilig, bin bisher nicht über Seite 32 hinausgekommen und ich schätze, dabei wird es auch bleiben. Früher hatte ich das Gefühl, man muss ein Buch zu Ende lesen, wenn man es angefangen hat, auch wenn man das Interesse verloren hat, so wurde ich erzogen. Ich war der Meinung, es hat etwas mit Respekt vor dem Autor zu tun. Dann hab ich das Gegenteil vertreten, dass der Autor umgekehrt Respekt vor meiner Zeit, die ich seinem Buch widme, haben sollte. Jetzt denke ich, keins von beiden ist der Fall. Wenn man nicht zueinander passt, soll man es einfach akzeptieren und sein lassen. Vielleicht passt das Buch zu jemandem anderen. Und vielleicht finde ich ein Buch, das zu mir passt.
Übrigens, ich hab neulich einen Artikel über predictive writing gelesen. Ganz interessant. Da hat man so eine Software mit vielen Büchern eines Autors gefüttert und das Programm hat dann aufgrund dieser Informationen, also Stil, Handlung und so, die weiteren Kapitel geschrieben. Ich denke, das ist die Zukunft. So werden bestimmt bald 90 Prozent der Bücher geschrieben. Billiger, effizienter und besser. Ehrlich gesagt, mir ist das doch völlig egal, ob sich irgendeiner da monate- oder jahrelang hinsetzt und sich auslässt oder ob eine Software das in Sekunden macht. Wenn das Resultat nicht unterscheidbar ist - who cares? Wie auch immer, bin vom Thema abgekommen. Und was ist das Thema? Mein Job. Klar. Aber auch:
Eva.
Auf meinem Unterarm steht ihr Name. Zunächst wollte ich ihn einfach nur eintätowieren lassen. Genauso wie früher die Eingeborenen das gemacht haben. Sinn eines Tattoos war ja, als Jugendlicher mit dem Stechen des Tattoos die lebenslängliche Stammeszugehörigkeit zu dokumentieren. Aber das war mir nicht stark genug als Liebesbeweis. Dann kam mir die Idee. Ich wollte ihren Namen als Brandzeichen tragen. Statt eines Eherings. Ringe beengen mich einfach. Deswegen steht ihr Name auf meiner Haut. Eingebrannt. War ganz schön schwierig, jemanden zu finden, der so etwas macht. Und ziemlich schmerzhaft, aber ich hab es für sie getan. Für Eva. Unser Freundeskreis hatte immer Witze über unsere Namen gemacht. Adam und Eva. Erschaffen nach dem Ebenbild Gottes. Man weiß ja, wie das ausgegangen ist. Die Vertreibung aus dem Paradies.
Mein iPhone vibriert. Neueste Generation. Und schon bald wieder veraltet. Eva ruft an.
„Ich hab‘s tatsächlich hinbekommen, wir haben einen Tisch für 9 Uhr.“
„Fantastisch, ich freue mich schon. Ich komm dann direkt vom Flughafen dahin. Wird etwas eng bis 9.“
„Gut, aber beeil dich.“
„Moment. Muss auflegen. Hab einen Anklopfer.“
Ich nehme den Anruf an. Es ist die Personalabteilung.
„Hey Adam, could you come to Vienna? ASAP!“
„Das heißt konkret?“
Sie sagt, am besten heute noch. Die Entlassungsgespräche müssen bis Freitag durch sein.
„Sure.“
Umbuchen. Flug nach Wien noch am selben Abend. Rufe Eva an. „Sorry, es klappt heute doch nicht ... Nein, ich muss nach Wien. Ich weiß es nicht ... Ich weiß noch nicht genau, wann ich zurückkomme. ... Jetzt dreh doch nicht gleich wieder durch. ... Ja, ... hab ich dir doch schon gesagt. ... Klar. .... Nein. Ist alles etwas viel gerade. Erklär ich dir später. Ich kann doch auch nichts dafür... Natürlich, ich melde mich, sobald es geht. Versprochen.“ Ich lege auf.
For security reasons baggage left unattended will be removed and destroyed.
Ich zahle, gehe in Richtung Gate 5. Eva ruft wieder an.
„Eva, was ist denn jetzt schon wieder?“
„Hast du mir nichts mehr zu sagen?“
„Was meinst du damit?“
„Das, was ich sage.“
„Stimmt was nicht, Eva?“
Pause. Keine Ahnung, was sie wieder hat.
„Eva, was zur Hölle ist los mit dir?“
„Nichts.“
„Was ist dann dein Problem?“
„Liebst du mich?“
„Warum fragst du?“
„Weil ich es hören möchte. Aber leider sagst du es nicht mehr.“
„Das ist doch Unsinn.“
„Warum sagst du es nicht einfach?“
„Unglaublich. Eva, weißt du was? Ich hab hier jede Menge Druck, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Und warum mache ich das alles? Damit du sorgenfrei leben kannst. Wovon sollen wir denn sonst leben? Von deinen Bildern? Von einem, vielleicht zwei Bildern, die du im Jahr verkaufst?“
Boarding hat begonnen. Die Leute um mich herum grinsen sich schon an. Ich spreche leiser.
„Warum sollte ich mir das alles antun, wenn ich dich nicht lieben würde. Was für Beweise brauchst du noch? Ich gebe dir doch alles.“
„Ich habe nie gesagt, dass ich alles will. Du weißt, was ich will.“
„Und du weißt, dass es nicht geht.“
„Vielleicht gibt es einen Weg.“
„Eva, Bitte. Ich hab im Moment jede Menge in meinem Kopf.“
„Und ich etwa nicht?“
„Ich muss jetzt Schluss machen.“
Das wird zu Hause wieder ein Vergnügen. Wie kann ich das Problem jetzt am schnellsten fixen? Noch habe ich ein paar Minuten. Gegenüber sehe ich ein Juweliergeschäft.
Der Verkäufer sagt: „Das ist der Beste, den wir in dieser Preisklasse haben.“ Er zeigt mir einen goldenen Ring. Ich antworte: „Ich hab nicht viel Zeit.“ „Von allen Ringen, die ich habe, treffen Sie damit garantiert die beste Wahl.“ „Der ist schön. Ich nehme ihn.“ Der Verkäufer antwortet: „Ausgezeichnet. Bezahlen Sie mit Kreditkarte?“ Er steckt den Ring in die Schatulle.
Boarding completed. Bitte Gurte während des Sitzens geschlossen halten. Die Schwimmweste befindet sich unter Ihrem Sitz. Einen wunderschönen guten Abend. Was darf es bei Ihnen sein, stilles Wasser oder Mineralwasser? Do not walk outside this area steht auf dem Flügel. Wäre doch schön jetzt, denke ich mir, über den Flügel zu spazieren, Sonnenuntergang über den Alpen, die Wolken werfen Schatten auf die Gipfel, die irisierenden Akkorde von ‚Push the Sky Away‘ erstrecken sich aus meinem Ohrhörer bis zum Horizont, ich möchte ihn wegschieben diesen Himmel und Nick Cave singt:
And if your friends think that you should do it different
And if they think that you should do it the same
You’ve gotta just keep on pushing
Push the sky away
And if you feel you got everything you came for
If you got everything and you don’t want no more
You’ve gotta just keep on pushing
Push the sky away
Bis hierhin alles genial und dann kommt:
And some people say it’s just rock n’ roll,
Oh, but it gets you right down to your soul ...
Ich kapier es einfach nicht, da haut der Nick Cave so ein Lied raus, so einen perfekten Song, für den man den offiziellen Musik-Nobelpreis erfinden sollte und dann so eine Zeile, ernsthaft, wen interessiert denn Rock’n Roll? Hätte er nicht schreiben können And some people say it’s just …. Was weiß ich, irgendwas, das sich auf soul reimt, vielleicht control oder keine Ahnung, was sich so reimen könnte, und was noch viel schlimmer ist, was soll das denn genau heißen, „it gets you right down to your soul“, was für ein nichtssagender Satz. Also mir konnte bisher noch keiner so richtig erklären, was das überhaupt sein soll, eine Seele … ist das eine mysteriöse geistige Substanz, ist es das Selbstbewusstsein, die Selbsterfahrung, hat dann in diesem Falle ein Neugeborenes keine Seele oder nur eine ganz kleine, kann die Seele also wachsen, hat sie eine Dimension, ja, da kommen jetzt die großen Fragezeichen. Das Wort Seele ist nur ein feiger Platzhalter, und wir wissen nicht mal genau wofür, wenn Sie mich fragen. Das nur mal am Rande. Die Stewardess tippt mich an, ich solle etwas leiser sein. Wir haben die Reiseflughöhe verlassen, schalten Sie bitte alle elektronischen Geräte zur Landung wieder aus. Seien Sie recht herzlich willkommen hier am Flughafen von Wien. For your own comfort remain seated, thank you being our guest today, take care and good-bye.
Einsteigen in den CAT. 20 Minuten bis zur Innenstadt. Hotel. Bitte füllen Sie dieses Formular aus. Name, Adresse, Personalausweis-Nummer. Miles & More? Priority Club? Ja, beides. Kann ich zum Einchecken bitte Ihre Kreditkarte haben? Danke. Sie haben das Zimmer 103. Gleich hier links ist der Fahrstuhl. Frühstück wird halb acht bis zehn serviert. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt. Das Bier kostet 5,60 Euro in der Minibar. Ich trinke zwei, dann noch einen Rotwein aus der Flasche. Greife zur Fernbedienung. Auf den meisten Kanälen laufen Nachrichten. Unwichtiges Zeug. Oder amerikanische Serien. Der Unrat der Kultur. Meine Augen werden schwer, noch ein Bier. Ich schalte den Fernseher aus. Die Klimaanlage springt an, kalte Luft auf meiner Schulter, aber ich bin zu müde, um aufzustehen und sie auszuschalten. Also werde ich frieren diese Nacht, ist mir egal. Ich liege auf dem Bett, auf dem Rücken, neben mir ist niemand.
Ich betrachte das Eva-Brandzeichen. Ziehe mit dem Finger über die Brandnarbe, diesen Wulst, der wie ein Relief ihren Namen zeigt, und höre ihre Stimme: Liebst du mich? // Ja. // Warum sagst du es mir nie? // Aber ich sage es doch. // Nur wenn ich frage. Von allein sagst du es nie. // Also gut, ich liebe dich.
Die heiligen Worte. Einen Abschnitt lang in einer Beziehung ist dieser Satz lebendig, aber er verliert mit der Zeit an Zauber. Irgendwann klingt er nicht mehr wie am Anfang, auch wenn er immer noch wahr ist. Ich gebe zu, Gefühle auszudrücken, gehört nicht gerade zu meinen Stärken. In meinem Elternhaus wurde halt nicht viel über Gefühle gesprochen. Das heißt nicht, dass ich keine habe. Im Gegenteil, sie stauen sich manchmal in mir auf, aber sie finden keinen Weg hinaus. Ja, ich würde es Eva gerne sagen oder schreiben, aber ich bekomme das nicht so einfach hin. Und dann schaukelt sich das natürlich hoch. Und weil ich nichts sage, fragt sie umso häufiger und das macht mich dann noch wütender, das macht mich völlig fertig.
Ausgewaschene Gedanken. Gedanken, die wie Himmelskörper um ein imaginäres schwarzes Loch kreisen. Dieses schwarze Loch hat noch keinen Namen. Und wird niemals einen haben. Was ich damit meine?
OK. Zeit, ein paar grundsätzliche Dinge zu klären. Eva und ich können keine Kinder bekommen. Keine Ahnung, warum.
Die Ärzte konnten es letztlich nicht herausfinden. Meinten, die Hormone vertragen sich nicht oder was weiß ich. Eine chemische Gleichung, die nicht aufzugehen scheint. Die ganzen Sechsecke, Säuren und Hormone. Vielleicht mit Reproduktionsmedizin? Fehlanzeige. Wenn sie mich fragen, ist das was Mentales. Und das Wissen um die Problematik ist wiederum eine Blockade für mich, ein zusätzlicher Stressfaktor. Da hat der Teufel einen schönen Kreis mit seinem Zirkel gezeichnet.
1.30 h. Ich bin müde, aber kann nicht einschlafen. Die Gedanken kreisen. Die Klimaanlage bläst weiter eiskalte Luft in meine Richtung. Die Nachtluft ist kälter geworden. Nein, sie ist nicht wirklich kälter geworden. Es fühlt sich nur so an. Irgendwann ertrage ich das Geräusch nicht mehr, stehe doch auf, drehe an allen Knöpfen, aber sie lässt sich nicht abschalten. Ich höre ihre Stimme. Was machst du Schatz? Nichts. Schlaf lieber. Nehme eine Schlaftablette.
Monochromatische Träume. Der Traum ist ein später Gast, der lange genug bleibt, um uns zu erinnern, was uns fehlt, und der gerade rechtzeitig geht, damit wir es wieder vergessen können. Gegen 6 wache ich auf. Ich frage mich, ob das, was ich gerade erlebe, auch nur ein Traum ist. Aber was immer man in einem Traum zu tun versucht, fliehen, sich verstecken, sich wehren, befreit den Träumer nicht von seinem Traum. Einem Albtraum entkommt man nur durch Aufwachen. Aber Aufwachen ist eben nicht mehr Teil des Traums, sondern etwas grundsätzlich anderes, außerhalb des Traums. Es ist keine systemimmanente Lösung.
Stehe auf, schaue aus dem Fenster. Draußen wird es hell. Ich putze mir die Zähne und gurgele, damit man später, beim Entlassungsgespräch, nicht den Alkohol riecht. Wie heißt der Mitarbeiter eigentlich noch einmal, den ich heute rauswerfen soll? Egal. Ich werde sagen, dass er ein guter Team-Player war. Und danach: Seien Sie bitte nicht so naiv, aber wie alle anderen sind auch Sie von der Restrukturierung betroffen.
Ich hoffe bloß, der glaubt nicht im Ernst, man würde ihm am Ende irgendwas danken.
Check out. Soll die Minibar mit auf die Rechnung, hat Ihnen der Aufenthalt gefallen, ja ja. Auf dem Bildschirm läuft immer N24. Wirtschaftsnachrichten über Firmen, in denen genauso Leute arbeiten wie ich, die die gleichen Reisen tätigen, die gleichen Hotels buchen. Business-Karaoke. Ich bin einer von vielen. Ich bin die gesichtslose Masse. Nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Überall in austauschbaren Hotel-Lobbys findet man uns. Identische, schlecht sitzende Anzüge. Middle-Management. Leistungsträger, die nichts produzieren. Unsere einzige Aufgabe ist es, das System zu stützen. Wir existieren nur, um die Existenz der nächsten Hierarchieebene zu rechtfertigen. Das System darf nicht zusammenbrechen, weil zu viele davon profitieren. Eine selbsttragende Architektur, eine selbstreferenzierende Organisation. Die Tatsache, dass das Unternehmen in einem Marktumfeld agiert, spielt dabei nur eine unwichtige Nebenrolle. Der Konkurrenz geht es ja genauso. Wir sind faktisch operational geschlossen. Wir reagieren nur noch auf Reize von innen. Powerpoint copy paste, Save as Draft1, Deadline close of business. Jeder hier würde den Wahnsinn aus seiner Sicht etwas anders beschreiben, die Details wären andere, aber das einfache Prinzip, das hinter jeder Aktion steckt, ist für alle gleich: Please your boss, not your customer.
Schauen Sie sich doch hier um: Wir sprechen wichtig in unsere Smartphones hinein, blicken bedeutungsvoll auf unterschiedlich große Displays. Verschicken massenweise Nachrichten, Mitteilungen, die andere wieder kopieren, weiterleiten, löschen. Nur für den Moment produziert. Austauschbar, inhaltsleer, flüchtig. Einzig den Ist-Zustand steuernd. Wir sind Zombies in sinnlosen Funktionen. Genauso wie meine Funktion. Leiter Corporate Marketing.
Demand Generation, Conversion Rate, Sales Cycle. Der ganze Marketing-Mist. Glauben Sie mir, das Produkt ist mir im Grunde egal. Habe ich keine Beziehung zu. Klar, es wäre schön, wenn ich am Ende des Tages etwas erreicht hätte, das die Welt verbessert hat, so wie ein Arzt oder ein Handwerker, ein Resultat, mit dem man sich identifizieren kann. Habe ich aber leider nicht. Stattdessen: Quick wins, low hanging fruits.
Im Grunde lässt sich mein Job sowieso komplett automatisieren. Aber nicht nur meiner. Das Gleiche gilt auch für den CEO ganz oben. Braucht man in einem Unternehmen einen Chef? Nein, man braucht nur einen selbstlernenden Algorithmus, den man mit allen Unternehmensdaten füttert, und eine Handvoll KPI’s. Key Performance Indicators - geplantes Irren. How do you measure your Return on Investment? Ja, ganz wichtig, wie messen Sie den Erfolg: Customer loyality index, Scorecards, Dashboards. Hab ich mir das wirklich irgendwann ausgesucht? Manchmal wünsche ich mir, den Kampf zu beginnen. Die Reihen zu durchbrechen. Nennen Sie dies hier den Versuch einer Selbstkritik.
„Warum machen Sie es nicht?“, fragen Sie? Ich könnte ja das System bekämpfen oder einfach abhauen. Neu anfangen. Einmal was ganz anderes machen, etwas, hinter dem man steht, einen Club eröffnen, ein Restaurant, was auch immer. Schon, ja, Sie haben recht. Es wäre ein Anfang. Da stimme ich Ihnen absolut zu, aber dafür bin ich zu feige. Denn Hand aufs Herz. Für all das kommt am Ende des Monats ein Brief mit einer Zahl, von der ich lebe. Plus einmal im Jahr Bonus. Der kurze Amphetaminschub. Dafür arbeite ich. Davon kann ich mir erlauben, was ich sonst nicht könnte. Diese Zahl schafft Unabhängigkeit, Komfort, Lösungsmöglichkeiten. Aber leider keine Befriedigung. Ganz ruhig, Adam Volta, höre ich Sie jetzt sagen, nicht durchdrehen, jetzt aber bitte nicht zu viel wollen. Befriedigung, Unabhängigkeit und Spaß am Job, sonst noch was? Sie können halt nicht alles haben. Warum sollten für Sie andere Regeln gelten?
Klingelton „Bambus“. Eingehende Mail. Lese die Nachricht.
Taxi. Vom Handelskai zum Flughafen. Sitze in der Business Lounge und lese in einem Magazin über die Seychellen. Bilder aus dem Paradies. Stelle mir für einen Moment vor, wie es wäre, dort für immer zu wohnen. Mein iPhone reißt mich aus den Gedanken. Müde belächelt von dem Affen, der an mir vorbei in den Senator Bereich geht. Ja, ja, High Potential, aber First Class fliegst du anscheinend auch nicht. Garantiert so ein Start-up Heini, aus dem Silicon Valley, der an einer Batterie leckt, um sich einen Kick zu geben. Hat bestimmt eine tolle App programmiert, was weiß ich, mit der man Lippen lesen kann oder so und hofft, dass er von Google gekauft wird. Da sitzt er jetzt, der Mister Global Player, Haare zum Dutt gebunden, rotgefärbter Bart, ein überdimensionierter Beats Kopfhörer und hält sich für den Nabel der Welt. Was habt ihr denn bisher Großes geleistet da drüben an der Westküste? Selbstfahrende Autos, schwachsinnige Siris und Alexas. Na und? Ist das eine Leistung?
Das einzig große Problem, das gelöst werden muss, und da habe ich lange drüber nachgedacht, das wird Sie jetzt vielleicht wundern, vielleicht aber auch nicht, das einzige Problem, das gelöst werden muss, ist das der Unsterblichkeit. Alles andere sind Zwischenprobleme. Und was kommt da von euch? Nichts. Seit den Sechzigern entwickelt sich die Computertechnologie exponentiell und ihr seid keinen einzigen Schritt weiter. Stanislaw Lem hat euch alles Notwendige zur Hand gegeben. Trotzdem kriegt ihr nichts auf die Reihe. Biologische Zellteilungsverlängerung? Über Genmanipulation ein paar weitere Jahrzehnte hinzuaddieren? Darauf konzentriert ihr euch. Am Ende gewinnen wir ein wenig Zeit. Zeit wofür?
Irgendwann kommt dann doch der letzte Tag und der ist immer gleich, egal ob das Leben 100, 1000 oder eine Million Jahre dauert. Selbst wenn wir es schaffen würden, das Bewusstsein von einem Träger zu einem anderen zu transferieren, ist das auch nur ein Aufschub. Überlegen Sie doch mal. Zuerst befindet sich der Träger des Bewusstseins, wahrscheinlich irgendwann nicht mehr das Hirn, sondern ein Server, auf der Erde. Mit etwas Glück, kurz bevor die Erde ruiniert ist, schaffen wir es vielleicht, den Server auf einen anderen Planeten zu bringen, der wird aber auch irgendwann von der Sonne gekillt, und irgendwann existiert auch unsere Galaxie nicht mehr. Denkt man das weiter, ist das auch nur wie ein Ticket für eine Fahrt auf der Kirmes. Irgendwann hört die Fahrt auf. Wenn Sie mich fragen: Das Körper-Geist-Problem muss gelöst werden - alles andere ist sinnlos. Da kommen wir dann wieder zu unserem Problemkind Seele, natürlich muss man Körper und Geist als Einheit betrachten für unser Selbstempfinden, aber das wird uns nicht in die Unsterblichkeit führen. Der einzige Ausweg aus dieser Sackgasse ist, das Bewusstsein von seinem Träger, also dem Körper permanent zu lösen. Wie können wir das Bewusstsein erhalten, ohne es an Materie zu binden? Das ist die entscheidende Frage. So, da steht der Silicon Valley Trottel jetzt und weiß nicht weiter. Vielen Dank. Der kann mich mal.
Wieder nur noch 20 % Akku. Wo ist mein Ladegerät, wahrscheinlich, wie üblich, im Hotelzimmer vergessen. Genauso wie der nervige UK-Stromadapter. Aber den brauche ich sowieso bald nicht mehr. Die Team-Mitglieder in UK sind ja demnächst entlassen und das Headquarter wird nach Paris verlegt.
Departure Gate Number 12. Sicherheitshinweis, bitte lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt. Von Wien direkt nach Budapest. Kurzflug. Schulter-Massage am Flughafen. 50 Euro. Man muss sich auch mal was gönnen. Ladies and Gentleman, your flight to Budapest is now ready for boarding. Ich warte, bis mein Name durch die Lautsprecher aufgerufen wird. Passenger Adam Volta, please come to Gate 12, Ihre Bordkarte bitte. Lege mein Smartphone auf den Scanner. Good evening Sir, would you like something to eat? Darf es bei Ihnen noch was sein? Black coffee, please, sonst noch etwas? Nein, Danke. Landung. Budapest. Schnell etwas Bargeld am Automaten ziehen. Taxi. Schau aus dem Seitenfenster. Ein großes Werbeplakat für Dessous. Fahre über die beleuchtete Kettenbrücke. Unter mir die Donau. Im Radio singt Lana del Rey:
They say that the world was built for two, only worth living, if somebody is loving you.
Wie kitschig.
Kitschig, aber toll.
Eva ruft an.
Eva, ich hab noch sehr viel zu arbeiten. // Weißt du, dass Peter eine Geliebte hat? // Nein, wirklich? // Ja, und weißt du, was er gestern gemacht hat? Er hat sie angerufen, während seine Frau dabei war. Er war sturzbesoffen. Er war so besoffen, dass er sie angerufen hat, während seine Frau auf dem Bett neben ihm lag. // Das gibt es doch nicht. // Doch, sie hat es mir gesagt.
Super, denk ich mir, hoffentlich bekommt er eine ordentliche Abreibung von seiner Frau. Der Typ ist eh bescheuert. „Was sagst du, Eva? Nachher noch mal anrufen? Nein es wird spät. Aber wir telefonieren doch gerade. Ich muss Schluss machen, mein Akku ist gleich leer. Nein, alles in Ordnung.“
Hallo, Willkommen im Marriot // Hallo, ich möchte einchecken, Adam Volta lautet mein Name // Willkommen, Mr. Volta. Da haben wir Sie. Adam Volta. Premiumzimmer, Nichtraucher, Kingsize bed. Und Sie bleiben nur eine Nacht bei uns, Mr. Volta? // Ja, eine Nacht // Dann bräuchte ich noch Ihre Kreditkarte für eventuelle Extras und dann haben wir schon alles. // Ich hätte gerne ein ruhiges Zimmer, wenn Sie eins haben. // Ja, selbstverständlich. Ich habe eine zauberhafte Deluxe Junior Suite im zehnten Stock mit Kingsize bed. Da hören Sie nichts von der Straße. // Das klingt gut // Danke. Dann sind wir hier fertig. // Wie lautet der Code für den Wireless Zugang? // Ihre Zimmernummer und dann Ihr Nachname. Deswegen liebe ich diese Rituale in Hotels. Sie geben mir Sicherheit.
Man bezeichnet ein Tier als Fluchttier, wenn es beim ersten Anzeichen von Gefahr flüchtet. Der Mensch ist an sich kein Fluchttier. Manche Menschen fliehen, andere greifen an oder fallen in eine Starre. Ich greife normalerweise an. Aber diese Situation ist anders. Jetzt fliehe ich. Ich suche Flucht vor der Wirklichkeit.
Auf dem Hotelzimmer checke ich die neuen Mails, ziehe mit dem Finger über den Bildschirm, um 22.28 aktualisiert, 53 Nachrichten ungelesen, Your mailbox is almost full, ich weiß, ich weiß. Führe ein paar Telefonate nach Übersee. Beende den Tag. Trinke ein paar Fläschchen Palinka Pflaumenschnaps.
Die Minibar ist mittlerweile leer, ich bin leicht angeschlagen. Macht mir normalerweise nicht viel aus, aber der ganze psychische Stress, die Entlassungen und das alles zeigt Wirkung. Ich sollte schlafen, stattdessen frage ich mich: Wo bekomme ich jetzt noch was zu trinken her? Richtig, die Hotelbar hat sicher noch auf. Ziehe meine Schuhe an, dann nehme ich die Plastikkarte aus dem Schlitz und verlasse das Zimmer in Richtung Fahrstuhl. Ich drücke auf den Knopf mit dem Pfeil nach unten. 12-11-10. Nach ein paar Sekunden ein hell klingender Ton, die Tür öffnet sich. Ich trete ein. Der Knopf für das Erdgeschoss ist schon gedrückt. Eine Frau befindet sich im Fahrstuhl. Ich scanne sie ab. Lange, dunkle Haare. Schwarzes Kleid. Darauf steht in geschwungener Schrift, mit Pailletten bestickt: „Boss Girl“. Dann schaue ich ihr direkt in die Augen. Wie ein Blick in den offenen Nachthimmel. Der Overkill. Die Tür schließt sich. Ich presse meine Arme fest an meinen Körper, um nicht nach Schweiß zu riechen. Wir schauen beide auf den Boden und schweigen. Dann endlich öffnet sich die Tür.
Plötzlich fragt sie mich in gebrochenem Englisch, ob ich wüsste, wo man hier noch etwas zu trinken bekäme. Ich zögere kurz, antworte „At the bar“. Ich biete ihr an, sie zu begleiten, wollte ja auch dorthin. Sie stimmt zu. Wir gehen gemeinsam durch die Lobby. Nehmen an der Bar Platz. Ich frage sie, was sie trinken mag, sie sagt Champagner und ich bestelle zwei Gläser. Sie fragt mich, ob ich geschäftlich unterwegs bin oder Urlaub mache. Ich fange an zu erzählen. Von den ganzen Entlassungen, der Firma, dem Stress. Von Zeit zu Zeit schaue ich sie an. Es scheint, dass sie sich wirklich dafür interessiert, was ich sage, für meine Probleme. Ich bestelle nach, frage, wie sie heißt. Natasha.
So. Das ist die Situation, die ich meinte, als ich gesagt habe, dass es eben nicht in Ordnung ist, wenn man Fehler macht, die auf das Nichtnachdenken zurückzuführen sind. Ich weiß auch nicht, wie es dazu kommen konnte. Die einzige Erklärung dafür ist diese Extremsituation, in der ich mich befinde. Deshalb tue ich Dinge, die meine Disziplin normalerweise verhindern würde.
Cut.
Ich liege auf dem Bett.
Nervös.
Ich habe das noch nie getan. Sie sagt, ich solle ganz entspannt sein. Fühle mich wie ein pubertierender Junge vor seinem ersten Rendezvous. Sie legt ohne ein Wort zu sagen ihre Kleidung ab. Ein tattoofreier Körper. Was für eine Präsenz. Als sie ihren BH öffnet, sehe ich ihr Muttermal auf der Brust. Auf der linken Brust. Dort wo Minuten später die Ader stark durchblutet durch die Haut scheinen wird. Ein weiteres befindet sich neben dem Mundwinkel und eines am Hals. Sie bewegt sich langsam und ruhig wie ... mir fällt kein Vergleich dazu ein, wie eine Wolke, ja, wie die Verkörperung meines Lieblingsgedichts:
An jenem Tag im blauen Mond September, still unter einem jungen Pflaumenbaum, da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe, in meinem Arm wie einen holden Traum. Und über uns im schönen Sommerhimmel, war eine Wolke, die ich lange sah, sie war sehr weiß und ungeheuer oben, und als ich aufsah, war sie nimmer da.
Ihr Becken bewegt sich gleichmäßig, archaisch. Das Pulsieren gibt mir in all seiner ursprünglichen Primitivität Geborgenheit, mehr noch, es verleiht mir das Gefühl zu existieren. Kontraktion.
Für einen Moment werde ich sentimental, muss plötzlich weinen.
Zunächst bemerkt sie es nicht. Dann senkt sie ihren Kopf.
„Why are you crying?“
Ich antworte: „I’m just happy.“
Wenn ich eine Zeit lang denken darf, was ich will, dann fallen mir manchmal irgendwelche Melodien ein. Und manchmal findet umgekehrt auch die Welt eine Melodie für mich.
And what it all could be
What it all, what it all could be
Restwärme. Bewegungslosigkeit.
Natasha geht duschen.
In dem Moment ruft Eva an. Kontermelodie.
„Eva? Was ist los? Es ist mitten in der Nacht!“
„Ich kann nicht schlafen. Ich muss etwas mit dir besprechen.“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Nein, ich will es jetzt mit dir besprechen.“
„Was willst du besprechen?“
„Es geht um das Kind.“
„Du weißt doch, dass wir keins bekommen können. Wir haben schon alle Behandlungen durch.“
„Warum klappt das dann bei uns nicht?“
„Weil das nicht planbar ist.“
„Es gibt noch andere Möglichkeiten.“
„Eva, lass uns das morgen besprechen.“
Natasha kommt aus dem Badezimmer. Ich drücke den roten Knopf, um das Telefonat zu beenden.
Sie riecht nach frischen Feigen. Die Bodylotion des Hotels.
„Is everything OK?“
„Sorry?“ Ich blicke sie fragend an. Sie wiederholt: „Was everything OK what I did?“
„Yes.“
„OK.“
Sie blickt mich lange an.
Ach so. Habe verstanden. Was hab ich mir denn gedacht?
Während sie sich anzieht, nehme ich mein Portemonnaie aus meiner Jacke. Ich habe, wie soll ich es ausdrücken ... gemischte Gefühle. Es war das erste Mal seit langem, dass ich nicht an das Zeugen von Kindern denken musste. Wie eine Befreiung. „200“, sagt sie. Ich reiche ihr das Geld. „Is Natasha your real name?“ Sie sieht meine Visitenkarte auf dem Tisch, nimmt einen Kugelschreiber und schreibt auf die Rückseite „Nata“. Darunter ihre Telefonnummer. 06-209658-033. „In case you are again in Budapest, just call me.“ Ich schaue auf die Nummer, eine elegante, geschwungene Handschrift. Stecke die Karte in die Hosentasche, dann öffne ich die Tür. Sie schaut mich an. Dann geht sie. Ich blicke ihr nach. Sie verschwindet im Fahrstuhl. Ich nehme das Do-not-Disturb Schild von der Türklinke - für meine Sammlung zu Hause.
Zurück im Zimmer. Ich schaue aus dem Fenster. Meine App sagt: Sonnenaufgang 07:16, Sonnenuntergang 15:53. Ich packe meine Sachen. Werfe die restlichen Duschfläschchen, Hotellatschen, Kugelschreiber und den Notizblock in meinen Koffer. Ich sammle Hotelutensilien wie Trophäen. Taxifahrt ins Office. Face to Face meetings. Sieben Leute entlassen, jeder erzählt mir seine Lebensgeschichte, sitzt heulend vor mir. Ich nehme zwischendurch Antistress Medikamente. Hilfsmittel, dies alles hier zu bewältigen. Nach ein paar Stunden sind wir durch. Abends gehe ich in ein Konzert, Schuberts Winterreise. Sehr emotionale Aufführung. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“, singt der Bariton. Es stehen ihm die Tränen in den Augen. Er muss fast ein Lied kurz vor dem Ende abbrechen. Beinahe hätte ich auch wieder geweint. Zurück im Hotel schreibe ich die Reports für den VP. Fühle ein Ziehen im Brustmuskel. Danach schlafe ich erschöpft ein. Ein tiefer traumloser Schlaf.
