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In nicht ferner Zukunft bestreiten die Menschen ein Leben in einer technologielos gewordenen Welt. Unter ihnen gibt es einige wenige wagemutige Abenteurer, die sich an gefährliche Orte begeben, um Artefakte der Alten Welt zu suchen. Nathan, einer jener Schatzjäger, verlässt gemeinsam mit seiner Nichte und Schülerin Alina die Heimat, um das größte Geheimnis ihrer Zeit zu erforschen: Was ist mit der Menschheit wirklich geschehen und wer zieht hinter den Kulissen die Fäden?
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Über den Inhalt:
In nicht ferner Zukunft bestreiten die Menschen ein Leben in einer technologielos gewordenen Welt. Unter ihnen gibt es einige wenige wagemutige Abenteurer, die sich an gefährliche Orte begeben, um Artefakte der Alten Welt zu suchen. Nathan, einer jener Schatzjäger, verlässt gemeinsam mit seiner Nichte und Schülerin Alina die Heimat, um das größte Geheimnis ihrer Zeit zu erforschen: Was ist mit der Menschheit wirklich geschehen und wer zieht hinter den Kulissen die Fäden?
Über den Autor:
Philipp Bernhard Geiger ist besessen von Science Fiction, jenen mysteriösen Welten, die dem Bewusstsein Freiheiten gewähren und es weit über die starren Grenzendes alltäglichen Lebens hinauswandern lassen. Er promovierte in Physik in Wien und schreibt neben seiner Arbeit im Softwarebereich an Geschichten, die unterhalten sollen; über spannende Welten und liebenswerte Charaktere.
Für meinen Sohn Samuel, der gerade seinen ersten Morgen erlebt.
Teil I: Vergangenheit
Erinnerungen
Beinahe zu Hause
Wieder unterwegs
Nicht schwarz, nicht weiß
Neue Perspektiven
Wandel und Irrungen
Künstlerischer Hochmut
Teil II: Gegenwart
Ein langer Tag
Neue Freundschaften
Unter Menschen
Eine Kerze ohne Docht
Im Land der Flamme
Flüche unter Schmerzen
Fast am Ziel
Teil III: Zukunft
Am Anfang war das Wort
Wissen und Glauben
Auf der Flucht
Noch einige Verwirrungen
Ein neuer Weg
In der Dunkelheit
Der Garten Eden
Die zerbeulte Blechdose schlug mit einem dumpfen Scheppern auf dem ausgetrockneten Boden auf. Brauner Staub wirbelte in die Höhe und verharrte dort erstaunlich träge; in dem trostlosen Gebiet wehte kein Lüftchen.
Nathan Brunner, der Mann, der die Dose so unfein getreten hatte, dass sie in einem hohen Bogen durch die Luft geflogen war, rieb sich die Nase. Es knirschte und Sandkörner rieselten seine Finger hinab. Überall Sand, verdammt! Die Gegend machte ihm zu schaffen, darüber hinaus war es stickig, die Sonne brannte wie die Glut in einer Pfeife und zu allem Überfluss hing auch noch der Geruch nach faulen Eiern in der Luft.
Er blickte über das Geflecht der Risse am Boden, sah die Dose an, die verformt und korrodiert im Staub lag. »Wie lange liegst du schon einsam und verdreckt hier?«
Die Frage war mehr als nur der Versuch eines einsamen Wanderers, die bedrückende Einsamkeit zu entschärfen. Vielmehr stellte er sich gerne derartige Fragen, die für die meisten bedeutungslos waren. Er nämlich, ein Grübler, interessierte sich für den Ursprung und Zweck von Dingen und Lebewesen und gab sich selten mit dem Wissen um ihr schlichtes Vorhandensein zufrieden.
»Unmöglich, dass in dir noch irgendwelche Reste des ursprünglichen Inhalts sind.« Der muss über die Jahre zu Staub und noch kleineren Teilchen zerfallen sein.
Seit geraumer Zeit schon gab es keine Konservendosen mit Lebensmittel mehr. Einzig die alten, wie diese, lagen noch hier und da in der Gegend herum, halb vergraben in der staubigen Schicht aus Asche und Sand, die über der Erde lag. Für Nathan waren diese alten Dosen Symbole einer Welt, die längst vergessen war, nur noch eine verblassende kleine Insel im Meer des kollektiven Unterbewusstseins der Menschen. Als ein Mahnmal der Vergangenheit sprachen sie von Vergänglichkeit und altem Ruhm.
Er sah sich um: So weit das Auge reichte, gab es nur Staub und Steine. Im Norden waren schwach die Umrisse der Berge zu erkennen. Dadurch wusste man sich auch dem Wald nahe, der am Fuße der Berge lag. Dies gab dem Wanderer, der diese karge Gegend durchzog, Hoffnung, dass das Ödland bald ein Ende hatte. Sowohl im Westen wie auch im Osten versperrten rostbraune Hügel die Sicht. Im Süden gab es nur Sand und Staub und irgendwann einmal Ödhafen, ein Dorf, das diese Bezeichnung kaum wert war.
Also weiter Richtung Wald.
Nathan setzte seinen Marsch fort. Er war müde, hungrig und durstig. Da sich seine momentane Situation aber nicht verbessern ließ, spuckte er nur den Sand aus, der sich in seinem Mund angesammelt hatte, und band das Tuch fester, das ihn genau davor schützen sollte.
»Gott, wie sehr ich diesen Staub hasse. Allgegenwärtig ist er«, nuschelte er, den Kopf in den Nacken gelegt, durch das Tuch an den Himmel gewandt.
Er wartete etwas, doch wie schon vermutet kam keine Antwort und so schleppte er sich, sein Schicksal für den Augenblick akzeptierend, seufzend weiter.
An diesem Tag schlug ihm die Gegend besonders aufs Gemüt. Sie schien verlassener als gewöhnlich und bar jeden Lebens zu sein. Außerdem war er miserabler Stimmung und würde dem Untergang dieses öden staubigen Planeten mit einem resignierenden Lächeln zusehen.
Ganz verlassen war die Ödnis dann aber doch nicht, denn eine auf einem einsamen knorrigen Stamm sitzende Krähe schlug kräftig mit ihren Flügeln und krächzte laut, als sie ihn näherkommen sah. Ihr Gefieder war braun und hatte das perfekte Tarnmuster für diese Landschaft. Sie war nicht so wie die Raben der Alten Welt, dachte er und erinnerte sich an die großen kohlschwarzen Raben, die er in seiner Jugend gekannt hatte. Seine Mutter hatte ihm, als er noch sehr klein war, auf dem Hinterhof ihres Hauses einen Raben gezeigt, von dem sie behauptet hatte, er sei so intelligent, dass er jedes gesprochene Wort verstehen konnte. Es gab jetzt auch keine Raben mehr – zumindest hatte er schon seit Ewigkeiten keine mehr gesehen – und die kleineren Krähen sahen mager und dreckig aus.
Wieder fiel ihm die Farbe ihres Gefieders auf. Das Tragen der Kleider des Landes, in das man reist, wie die Alten zu sagen pflegten.
Ein Fuß vor den anderen. Mit jedem Schritt kam er etwas mühsamer voran. Die Müdigkeit drang unaufhörlich in seinen Körper ein und manifestierte sich als Schwere in seinen Gedanken. Aber hier konnte er nicht lagern. Der Waldrand war nahe, dorthin musste er.
Die Augen wurden ihm schwer und kurz dämmerte er sogar weg. Erinnerungen ließen ihn vorgestern noch mal durchleben . . .
Kühler Wind hatte ihm ins Gesicht geblasen, sodass er Schutz hinter einer Tanne suchte, die alt und einsam in der trostlosen Gegend stand. Es war April. Überall nur Steine. Wenn es wenigstens Felsen gewesen wären, aber es war nur Kies – Schotter, der einem das Gehen schwer macht und bei jedem Schritt knirschende Geräusche von sich gibt.
Hinter ihm lag das alte Dorf. Es muss einmal hübsch gewesen sein, eine Kirche in der Mitte und nette Häuser mit bunten Dächern rundherum. Enge Gassen verbanden die Gebäude. Ein Ort, wo Leute spazierengingen, ihre Einkäufe tätigten, ihren Kaffee tranken und den Kindern beim Spielen zusahen. Vielleicht trog ihn aber auch die Erinnerung an die damalige Zeit und die eigene Vorstellungskraft spielte ihm einen Streich. Es standen nur noch Ruinen dort, die Dächer waren meist eingestürzt. Jede Spur von Leben, jedes Besitztum war verschwunden – entweder lange verfallen oder schon vor Jahren geplündert.
Am Hauptplatz stand ein Brunnen, natürlich ausgetrocknet und zerbrochen. Er war stehengeblieben und hatte an das Leben gedacht, das es dort einst gab, stellte sich die Leute vor. Dann erinnerte er sich, dass er nicht grundlos hergekommen war, und ging weiter.
Sein Weg führte ihn hügelaufwärts, denn er hatte erfahren, dass es in dieser Gegend ein altes Werk gegeben haben soll. Nur ein Gerücht, das musste aber genügen, denn mehr hatte man selten.
Er begann mit der Suche nach Spuren: ein Eingang, rostiges Metall vielleicht, Steine, die einmal Ziegel waren – irgendetwas. Zum Glück ließ der Wind nach. Wie frisch die Luft roch! Mit der Nase voran kroch er, der geübte Sucher, durchs Gestrüpp.
Er fand auch etwas, doch es war nicht das Tor zu einem Schatz aus der Vergangenheit, wie Technik, Technologie, oder Wissen, sondern etwas Lebendiges – eine Gefahr: Vor ihm war deutlich die Spur eines Kesselebers zu sehen . . . furchtbare Kreaturen. Der doppelt gespaltene Huf war unverkennbar. Und das Tier musste groß sein, wahrscheinlich hundertfünfzig Kilo. Instinktiv fasse er nach hinten, taste nach dem Gewehr, aber das stand zu Hause im Schrank.
Er folgte der Spur eine Weile, um zu sehen, ob der Eber das Gebiet verlassen hatte. Sie verlor sich, doch er kam zu dem Schluss, dass er unbehelligt würde weitersuchen können.
Am nächsten Morgen fand er die Höhle. Sie war nicht natürlichen Ursprungs, sondern Teil einer alten Anlage, einer Fabrik möglicherweise. Die Überreste von Holz und eine fast vollständig verrostete Stahlplatte verdeckten einen Schacht. Es war nass. Wasser tropfte von der Decke und machte den Boden glitschig. Überall wuchs Moos.
Er befestigte sein Seil an einem Balken über sich. Bevor er hinunterstieg, wollte er sehen, was ihn erwartete und ließ deshalb zuerst die Öllampe hinab. Fünf Meter waren es vielleicht, nicht mehr. Dann kletterte er in den nach Moder riechenden Schacht.
Fester Boden. Die Lampe enthüllte ihm, was er auf keinen Fall sehen wollte: Es war alles verschüttet. Er fand die Knochen eines Menschen. Der Unglückliche war vom Zusammenbruch der Mauer erwischt worden, ein großer Brocken hatte ihm den Schädel eingedrückt. Er lag schon lange dort, hatte nichts bei sich, das die Zeit überstand. Da waren nur ein Kunststoffbehälter und ein paar Fetzen Kleidung.
Es stank so sehr nach Schimmel, dass er würgen musste. Die Feuchtigkeit machte ihm das Atmen schwer.
Er tastete sich an einem Teil der intakten ursprünglichen Wand entlang. Sie fühlte sich überraschend warm an. Er würde die Ruine gerne erforschen, aber ihm fehlte die Ausrüstung, also brach er die Sache ab.
Im Freien sog er begierig die frische kalte Luft in seine Lungen. Dann sah er den Eber: schwarz, riesig – ein Monstrum!
Er riss die Augen auf, merkte, dass er wie ein Schlafwandler weitergetorkelt war, schüttelte sich und meinte, dass zumindest der Staub etwas nachgelassen hätte – sowohl der in der Luft als auch der am Boden.
Tatsächlich wurde es steiniger, hier und da standen vereinzelt armselige Sträucher am Wegrand, die tapfer ums Überleben kämpften.
Die Sonne war schon am Untergehen. Einen geeigneten Lagerplatz zu finden würde schwer werden, aber es musste sein; die Nacht konnte in der offenen Ödnis sehr gefährlich werden. Wie zur Bestätigung heulte laut ein Wildhund, der nicht allzu weit entfernt durch die Gegend streifte.
Instinktiv griff Nathan nach dem langen Jagdmesser. Er hoffte, dass es nicht zu einem Kampf kommen würde. Obwohl Wildhunde selten Menschen anfielen, gab ein einzelner Wanderer für ein ausgehungertes Rudel durchaus eine potenzielle Beute ab. Unberechenbar genug es zu versuchen, waren sie sicher.
Die Gegend kam ihm bekannt vor. Eine tief liegende Erinnerung regte sich, die er aber nicht ganz zu fassen bekam. In seiner Vergangenheit gab es so manchen dunklen Fleck. Vieles schlummerte – selbst für ihn – im Verborgenen.
Während er müde weiter einen Fuß vor den anderen setzte, hatte Nathan erneut Zeit zum Grübeln. Außerdem war, wie so oft, der triste Anblick, der sich ihm hier bot, auch diesmal Anlass und Gegenstand schwermütiger Gedanken.
Früher war die Welt anders. Statt der öden staubigen Landschaft könnten hier einst Symbole der technologisierten Welt gestanden haben. Jener Welt, die in den Tiefen unserer Erinnerungen immer mehr verblasst und trotzdem noch unser Bewusstsein gefangen hält. Unsere Basis, die all unseren Werken irgendwie zugrunde zu liegen scheint. Doch wie löst man sich von den Geistern der Vergangenheit?
Vergangenheit, ein Wort, das eigentümliche Empfindungen auslöste. Bilder vom Leben der Eltern und dem Vergleich mit dem eigenen schwammen träge, aber doch nicht fassbar, wie ein Stück Treibholz auf dem See der Erinnerungen. Und irgendwo in der Mitte war ein Strudel, als die Welt sich so plötzlich gewandelt hatte. Alles war schlagartig anders geworden. Doch dies war vor langer Zeit geschehen, sodass kaum noch jemand einen Bezug zu dem Leben in jener anderen Welt hatte, die einst für jedermann so normal gewesen war. Ja, alles ist anders geworden und beinahe wäre totales Vergessen über alle gekommen. Was blieb, waren diese destruktiven Erinnerungen an die Alte Welt, die einem ständig den verloren gegangenen Glanz vor Augen führten. So mancher dachte dann wehmütig an jene Zeiten zurück. Richtige Erinnerungen allerdings besaß kaum noch jemand . . .
Er riss den Kopf nach hinten und hielt die Augenlider krampfhaft offen. Wieder war er im Laufen fast eingeschlafen.
Verflucht! Ich werde alt, so wie ich mich um die Gefahren der Wildnis kümmere. Ich grüble lieber, als dass ich mich um meine naheliegenden Probleme kümmere.
Kopfschüttelnd schritt er weiter und erkletterte eine Felsstufe.
Der Wald lag endlich vor ihm. Tiefgrau hoben sich karge Föhren von dem etwas helleren Grau der Wolken am immer dunkler werdenden Himmel ab. Neben den verkrüppelten älteren Bäumen und den spärlich wachsenden Jungbäumen wurde die Landschaft nun auch steiniger und dank der tief stehenden Sonne warfen die Felsen lange Schatten, sodass der Boden zwischen ihnen kaum zu erkennen war. Der Weg wurde allerdings mühsamer, denn immer wieder musste Nathan Hindernisse überklettern und aufpassen, nicht über einen Stein zu stolpern.
Abgestorbene Schlingpflanzen hingen wie ausgefranste Wäscheleinen quer über den schmalen Pfad und ein besonders großer Felsen versperrte ihm schließlich den Weg. Er war breit, moosbewachsen, aber nicht schwer zu erklettern. In den Fugen am Rand fand Nathan Halt. So schnell wie möglich wollte er das Hindernis überwinden und zog sich hinauf, anstatt es zu umgehen. Oben angekommen, blickte er kurz über den Rand auf die einen Meter unter ihm liegende Sandfläche und sprang hinab.
Der Boden fing seinen Sprung nicht richtig ab. Stattdessen gab der Sand unter seinen Füßen nach. Ein Knirschen folgte, er knickte ein und fiel hin.
»Verflucht!« Eine Beinverletzung würde ihm ernstliche Probleme verursachen.
Behutsam zog er sich auf die Knie, versuchte so, sein Gewicht gleichmäßig zu verteilen, und erhob sich langsam, doch der Boden unter ihm gab dennoch nach. Es bildeten sich Risse, Sand versickerte und verschwand im Boden. Nathan wollte sich nach vorne werfen, aber schon brach er ein und stürzte. Wenige Augenblicke später schlug er hart auf.
Dunkelheit umgab ihn. Sein Brustkorb schmerzte, jede einzelne Rippe stach und es dauerte einen Moment, bis seine Lunge ihren Dienst wieder aufnahm.
Licht fiel in einem schmalen Kegel durch das Loch, durch das er gestürzt war und erhellte seine Absturzstelle bescheiden. Obwohl er sich bemühte, misslang der Versuch, etwas in dem Zwielicht erkennen zu wollen. Schon die Augen offen zu halten, verursachte Schmerzen. Dann registrierte seine Nase seltsame Gerüche: Die Luft war alt . . . Eine Erinnerung kam hoch, das plötzliche Empfinden, wieder in der Alten Welt zu sein.
Noch wagte er es nicht, sich zu bewegen. Zu groß war die Angst, Knochenbrüche erlitten zu haben. Bei jedem Atemzug erwartete er, etwas zu spüren, Schadensmeldungen, die sein Körper ihm schicken mochte. Vielleicht war er kurz ohnmächtig und wahrscheinlich verdankte er dem harten Aufprall das Aufwallen von Eindrücken seiner letzten Wanderung. Jedenfalls füllte Angst für kurze Zeit sein gesamtes Bewusstsein aus.
Steh’ auf du Memme, ermahnte er sich, gehorchte trotz schmerzender Knochen und zwang seinen Oberkörper schließlich in eine sitzende Position. Ausgelöst von einem weiteren schrecklichen Gedanken, stieg gleich wieder ein neues Angstgefühl in ihm hoch. Es konnte sich hier um eine Felsspalte handeln, in die er gestürzt war und aus der es kein Entkommen gab. Glücklicherweise befand sich seine Tasche mit all seiner Ausrüstung neben ihm. Er hoffte, dass alles heil geblieben war.
Licht! Ich muss etwas sehen können, um zu erkennen, wo ich mich befinde.
Er entfachte ein Streichholz und damit wiederum den Docht seiner kleinen Öllampe. Im schwachen Schein offenbarte sich ihm nun ein Bild, das so überwältigend war, dass er sich in einen Traum versetzt fühlte: Überall um ihn herum standen Stühle und Tische. Weiter entfernt konnte er die Umrisse eines Tresens ausmachen, der von Hockern eingerahmt war. Stark korrodiert, aber immer noch als Metall erkennbar, blitzte die Form einer großen alten Kaffeemaschine aus der Ecke.
»Ah, Kaffee!«, seufzte er sehnsüchtig. Der Duft von dampfendem, frisch gemahlenem Kaffee überlagerte plötzlich den Geruch der alten Luft.
Dann erinnerte er sich ernüchternd, dass es Kaffee nicht mehr gab. Schon seit Jahrzehnten hatte er keinen mehr getrunken und bezweifelte, dass seine Erinnerung den Geruch richtig heraufbeschworen hatte.
Er war wohl in ein Restaurant oder einen Imbiss der Alten Welt gestürzt. Abgesehen von der Eigenartigkeit dieser Situation war der Umstand merkwürdig, dass die alten Karten, die er sich im Lager angesehen hatte, in diesem Gebiet keine frühere Siedlung zeigten. Diesbezüglich waren sie damals sehr penibel gewesen und man hatte für gewöhnlich sehr genau auch die unbedeutendsten Wege und die kleinsten Dörfer in den Karten eingezeichnet. Da es für einen Schatzjäger von Vorteil war zu wissen, wo früher was gestanden hatte, war ein guter Satz Karten eine Notwendigkeit. Niemand konnte Nathan Leichtsinnigkeit unterstellen und so hatte er sich schon vor langer Zeit gute Karten besorgt.
Er humpelte zum Tresen und strich mit der Hand über das einstmals glatt polierte Holz. Eine zentimeterdicke Staubschicht wirbelte auf und brachte ihn zum Niesen.
Ein leises Scharren war hinter ihm zu hören. Er fuhr herum, vermochte das Zwielicht aber nicht zu durchdringen. Staub und Kies rieselte von der Decke und ein Schatten huschte über das Loch, das in der Decke klaffte. An den Rändern war abgebröckelter Beton zu sehen.
Kopfschüttelnd wandte er sich wieder der Erforschung der Wunder zu, die dieser Ort für ihn bereithalten mochte. Er verspürte wieder die Neugierde der Jugend. Oft hatte er sie schon verloren geglaubt und doch immer wieder gefunden.
Hinter der Theke befand sich eine Tür, die sich aber bei näherer Betrachtung als verschüttet herausstellte. Das schlechter werdende Licht der Sonne, das ohnehin kaum durch das kleine Loch fiel, stoppte aber mögliche weitere Erkundungen, denn der Schein der kleinen Öllampe reichte dafür nicht aus. Außerdem war er immer noch entsetzlich müde.
In einer der alten Tischnischen fand er ein Plätzchen, das ihm zusagte, räumte den Schutt weg und breitete seine Decken zu einer Mulde aus. Ein gemütliches Lager für die Nacht in den Armen der Alten Welt habe ich da.
Die Müdigkeit ließ ihn zusammensinken.
Er fuhr auf, denn wieder rieselte etwas Staub von der Decke herab. Nathan sah schnell zum Loch hoch und war sicher, den vorbeihuschenden Schatten eines Hundes gesehen zu haben. Besorgnis verspürte er aber keine, denn er glaubte nicht an eine Gefahr, die ihn hier unten würde erreichen können.
Ein Traum plagte ihn, denn obwohl der Raum Geborgenheit vermittelte, waren die Erinnerungen der Alten Welt hier stark und so störte Unruhe seinen Schlaf. Bilder bedrängten ihn, tauchten auf wie Gasblasen aus den dunklen Tiefen eines Gebirgsees. Aus dem Weltraum betrachtet durchzogen Lichterketten wie Adern weite Bereiche der Erdoberfläche. Jedes dieser Lichter sprach von Leben, sprach von Wohnungen und Häusern, Familien mit Kindern, Einkaufszentren, Unterhaltung, Theater und Geborgenheit, aber auch Unwissenheit und Ignoranz. Blitze zuckten durch diese Bilder. Gewitterwolken breiteten sich über die Erdoberfläche aus. Wie eine tiefgraue, fast schwarze Decke bedeckten sie den Erdball. Grelle Blitze zerrissen immer wieder das Dunkel. Es gab Flammen, Lärm und Zerstörung. Der Tag des jüngsten Gerichts aus einem der heiligen Bücher der Alten Welt. Der Höhepunkt war eine Feuersäule, ein Blitz; und Nathan wurde aus dem Traum gerissen, wie ein Ertrunkener, der Wasser ausspuckt, um gierig nach Luft zu schnappen.
Er schlief sogleich wieder ein, bis zum nächsten Hochschrecken – und so ging es die ganze Nacht .. .
Das erste Licht des Morgens fiel durch das Loch. Nathans Gelenke und Knochen beklagten ächzend das harte Lager und trotz Dehnung ging er steif ans Werk und durchsuchte ein zweites Mal den Raum. Wehmütig blickte er dabei auf die Kaffeemaschine und wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als ein dampfendes Getränk aus den Eingeweiden dieser Maschine.
Er inspizierte den Raum gründlich, blickte hinter schief in den Angeln hängende Schranktüren und in Schubladen.
Unter dem Tresen glitzerte etwas. Er keuchte, als er sich verrenken musste, um in die Ecke zu gelangen. Er streckte seine Finger, spreizte sie, so weit es ging. Sie streiften etwas Hartes, Metallisches. In der Hoffnung, etwas Wichtiges entdeckt zu haben, schob er den Müll zur Seite, streckte sich so weit wie möglich und zog mit zittrigen Fingern den Gegenstand heraus.
Gold!
Unter viel Dreck verborgen, sah er es glänzen. Er wischte die Oberfläche vorsichtig blank und zum Vorschein kam eine Scheibe. Sie war schwer, vermutlich aus massivem Gold. Linien wie Bilder und eine unbekannte Schrift waren darauf graviert. Er zerrte daran, doch eine Kette verhinderte, dass der Gegenstand freikam.
Er entfernte mehr Müll, zerrte heftiger und plötzlich gab die gesamte Oberfläche des Schuttberges unter dem Tresen nach und befreite die Überreste eines fast vollständig verwesten Menschen. Die goldenen Glieder der Kette klemmten zwischen seinen Halswirbeln fest.
Schon wieder die Überreste eines Menschen.
Seine Neugierde war erwacht. Wer mochte das gewesen sein und welche Rolle hatte er in der Gesellschaft der Alten Welt?
Ich frage mich, was ich sonst noch alles hier finden kann.
Bald war die Leiche freigelegt. Die Verschüttung hatte offenbar lange nach dem Tod stattgefunden, denn etliche Knochen wiesen Kratzer und andere Beschädigungen auf. Als er den Arm vom Schutt befreite, fand er noch etwas: Unter einem schweren Brocken, dessen Entfernung ihn viel Kraft kostete, lag ein staubiger Koffer.
Behutsam nahm er Koffer und Medaille und brachte beides an einen Tisch in der Mitte des Raumes. Mehr Zeit, als notwendig war, um zu erkennen, dass der Koffer aus Kunststoff bestand und bis auf einige Kratzer unbeschädigt war, blieb ihm allerdings nicht, denn von draußen drang ein lautes Bellen an seine Ohren.
Er erinnerte sich an den Wildhund vom Vorabend und das Bild von einem braun gefleckten verwilderten Köter, dreckig und stinkend, huschte durch seinen Geist. Etwas im Klang des Bellens ließ ihn aufhorchen und er vermeinte, einen warnenden Unterton darin zu vernehmen.
Etwas stimmt nicht. Etwas ist da draußen und der Hund hat anscheinend Angst davor.
Er wollte keine Zeit verlieren, packte schnell seinen Rucksack, band den Koffer mit einer Schnur daran fest und erhob sich vom Tisch.
Gerne hätte er sich noch ein wenig länger umgesehen und auch die Kaffeemaschine mitgenommen, um sie später einzutauschen. Jetzt hielt er es aber für besser, erst einmal zu verschwinden. Da er als Einziger von diesem Ort wusste, konnte er jederzeit wiederkommen, um ihn genauer zu untersuchen.
Das Loch, durch das er in den Raum hineingestürzt war, befand sich mehr als einen Meter über seinem Kopf. Um es erreichen zu können, musste er darunter einen Schuttberg aufhäufen.
Als er diesen schließlich erklomm, bekam er gerade so mit der Hand den Lochrand zu fassen. Er hoffte, dass die brüchige Kante sein Gewicht würde aushalten können, zog sich mit einer Hand hoch und streckte seine andere Hand aus dem Loch. Seine Finger gruben sich in eine Ritze im Stein, rutschten aber wieder ab, nur um gleich darauf schließlich in einer anderen Spalte Halt zu finden. Schmerzhaft hievte er seinen Körper ganz heraus, rollte von der Kante weg und tat einen tiefen Atemzug kühler Morgenluft. Der Staub ließ ihn husten.
Er tastete nach der Schnur, die er sich ans Bein gebunden hatte, und löste sie. Dann zog er Rucksack und Koffer hoch, die daran befestigt waren.
Die Sonne stand schon knapp über dem Kamm der fernen Berge und brach sich in den dicken Staubwolken, die allerorts träge in der Luft hingen, sodass diese aussahen, als würde ein Feuer in ihnen brennen.
Nathan erhob sich, genoss kurz den Anblick und dachte traurig, dass dies die einzige Zeit am Tage war, zu der die Welt schön aussah. Es gab zu viel sauren Regen, stürmischen Wind und dunkle Gewitterwolken, dafür viel zu wenig Pflanzen, als dass sich allzu oft ein schöner Anblick finden würde.
Ein Rascheln riss ihn aus seiner Starre und brachte ihm den Grund seines überhasteten Aufbruchs wieder in Erinnerung. Seinen geschärften Sinnen vertrauend, warf er sich zu Boden und rollte hinter einen hohen Grasbusch. In dieser gefährlichen Umwelt durfte man kein Geräusch ignorieren.
Angestrengt blickte er zwischen den Grashalmen hindurch auf der Suche nach einem Feind. Obwohl er nichts wahrnehmen konnte, hatte er ein eigentümliches Gefühl, als ob ihn jemand – etwas – beobachten würde. Hatte er dort bei dem großen Felsen nicht etwas metallisch blitzen gesehen? Es roch auch unterschwellig nach altem Fett oder Maschinenöl.
Kein Risiko.
Hier abzuwarten konnte sehr gefährlich werden. Er entschied, auf seine Schnelligkeit zu vertrauen, zog sich den Rucksack mit dem Koffer daran an und jagte über die offene Landschaft davon.
Obwohl sein Tempo hoch war, verursachte der geübte Ödlandläufer bei seiner Flucht zwischen Föhren und moosigen Felsen kaum ein Geräusch. In gleichförmigem Takt trugen ihn seine Beine über Sand, Fels und braunes Gras. Je länger er lief, desto mehr wich der karge graue Wald rotbrauner Steppe. Sich umzusehen wagte er nicht, denn dafür hätte er langsamer werden müssen. Er spürte aber seinen Verfolger, so als ob der kalte stinkende Atem einer Bestie in seinem Nacken hängen würde. Angst trieb ihm den Schweiß noch stärker aus den Poren.Kälte lag in der feuchten Morgenluft des Graslandes. Wo noch Augenblicken zuvor die ersten Sonnenstrahlen die Luft erhellt und erwärmt hatten, lag nun der feuchte Schleier des Nebels.
Nathan strengte alle seine Sinne bis zum Maximum an. Seine Augen suchten nach Formen in den Schatten und seine Nase nach etwas anderem als Nässe in der feuchten Luft. Seine Haut kribbelte, als der morgendliche Wind den Schweiß verdunstete. Er schmeckte Blut im Mund und fragte sich, ob er sich wohl in die Zunge gebissen hatte.
Immer schneller lief er, doch das Gefühl hörte nicht auf. Dann stürzte er, als plötzlich der Boden nicht mehr trittfest war und morastig wurde. Schlamm spritzte auf.
Von einem öden Grasland direkt in eine schlammige Pfütze, wunderte er sich, während er sich hektisch wieder hochkämpfte.
Wieder blitzte am Rande seiner Wahrnehmung etwas metallisch auf. Ist das mein Verfolger? Vor seinem geistigen Auge sah er einen Hund, so groß wie ein Mensch. Er trug eine Art Rüstung aus Metallplatten. Geifer troff ihm aus dem Maul, aus dem auch noch ein halb abgenagter – wahrscheinlich menschlicher – Oberschenkelknochen hing. Er spuckte ihn aus und hetzte zähnefletschend hinter dem Fliehenden her. Das Bild verschwand.
Nathan schüttelte die Einbildung ab. Metallische Hunde! Ob ich deliriere?
Er konzentrierte sich weiter auf seinen Kampf durch Schlamm und Moorgras. Wie Schlangen wand sich das Gras um seine Schenkel, das Moor sog an seinen Stiefeln und nur mühsam ließ sich ein Fuß vor den anderen setzen. Doch so plötzlich, wie der Morast begonnen hatte, war er auch wieder zu Ende. Auf festem Boden konnte er endlich wieder laufen.
Die Gegend änderte sich abermals und als ob er eine magische Grenze überquert hätte, als er vom Grasland auf ein felsiges Plateau wechselte, war das Gefühl der Gefahr plötzlich vorbei. Auf einem niedrigen Ast, knapp über seinem Kopf, saß ein Vogel. Sein Gefieder schimmerte hell mit einem Stich ins Grüne, während sein Bauch ganz dunkel war. Er zwitscherte melancholisch ein trauriges Lied über den Verlust einer besseren Welt, die vor Leben nur so strotze. Worin auch immer die Gefahr bestanden haben mochte, die Bedrohung war nun verschwunden. Sonnenstrahlen lösten den Nebel auf und die Gegend lag in Frieden vor ihm ausgebreitet.
Nathan fiel auf die Knie. Begleitet von den Klängen des singenden Vogels sog er einige Herzschläge lang tief Luft in seine schmerzenden Lungen. Die Erleichterung war groß, denn er hatte überlebt. Nun, da er Zeit hatte, darüber nachzudenken, und obwohl ihm seine Instinkte das Gegenteil sagten, kam es ihm so vor, als ob er zwar gejagt, aber niemals ernsthaft bedroht war.
Als seine Lungen endlich wieder schmerzlos ihren Dienst taten und auch sein Herzschlag auf einen vernünftigen Takt verlangsamt war, richtete er sich auf und sank gleich wieder zurück: Schmerz durchfuhr seinen Körper und nagelte ihn zu Boden wie die stählerne Spitze eines Speeres. Der Boden unter ihm war voller Blut. Beim Sturz in den Tümpel musste er sich verletzt haben. Vielleicht ein altes Metallteil, das seinen Oberschenkel aufgeschlitzt hatte.
Für Rast und Erholung blieb aber noch keine Zeit und so erhob er sich schwerfällig. Humpelnd aber immer noch zügig setzte er seinen Weg fort, um seinen Bunker so bald wie möglich zu erreichen.
Ganz oben auf dem letzten Hügel standen die ersten Wegmarken, die das Ende des Hügellandes anzeigten. Nathan wusste sich endlich in vertrauten Regionen.
Bald sah er auch schon die Stadt Menschenhand, die zwar kaum mehr als ein Dorf, aber doch die größte Ansiedlung im Umkreis von vielen Kilometern war. Eine Vielzahl von Blech- und Holzhütten erinnerte ihn kurz an einen Pilzhain im tiefen Wald, dann fand er den Vergleich aber unzutreffend, sein Verstand war offenbar sehr müde.
Überall rauchte es aus den grob gemauerten Kaminen und der Duft von Gebratenem lag in der Mittagsluft. Die Siedlung besaß einen Schutzwall aus Betonbrocken, Zaundraht und Holzplatten. Ein gebogenes rostiges Blechdach war als behelfsmäßiger Torbogen im Boden verankert und erlaubte ein Durchschreiten der improvisierten Stadtmauer. Am höchsten Punkt des Bogens war ein Schild aufgehängt worden, das windschief jeden Ankömmling begrüßte: ENSCHEN AND.
Durch die schwere Nebeldecke der Erschöpfung registrierte Nathan das Fehlen der beiden Buchstaben. Warum war ihm niemals zuvor aufgefallen, dass man bei den mit einfachen Pinselstrichen in blauer Farbe gemalten Lettern das M und H vergessen hatte? Oder sind sie etwa übermalt worden?
Während der Wind das Steppengras glatt streifte und die Blechteile der Palisade verbog, beobachteten wachsame Augen seinen Gang durch das Tor. Nach einem kurzen Augenblick wurde er erkannt und sofort freudig begrüßt: »Freund, du humpelst ja.« Eine Hand fuhr unter seinen Arm, stützte ihn und bewahrte ihn so vor dem Zusammenbrechen. Eine andere Hand erschien in Nathans Gesichtsfeld und deutete in Richtung des gezackten Gebirgswalls, der sich weit im Norden abzeichnete. »Ich habe dich gewarnt, dass es da oben merkwürdige Dinge gibt. Ist fast so schlimm wie im Pfortenwald im Süden mit all seinen Geistern. Hat dich eins von den monströsen Viechern erwischt, die es dort oben gibt? Eines dieser aggressiven Wildschweine?«
Kaum eines der Worte drang zu Nathan durch. Unterbewusst, von der Begrüßung heraufbeschworen, hatte er das Bild des riesigen schwarzgrauen Ebers mit den charakteristischen vier Stoßzähnen vor Augen. Es dauerte etwas, bis er endlich seinen Freund Wuddler erkannte. Jetzt, da er sein Ziel erreicht hatte, übermannte die Erschöpfung Nathan vollständig und seine Beine gaben nach.
»Halte noch ein paar Schritte durch«, meinte Wuddler, der ihn nach Kräften stützte. »Ich bringe dich zu Rosa.«
Die Straße führte in gerader Linie durch die Siedlung. Schmale Gassen zweigten überall ab und einfache Hütten mit Blechdächern säumten ihren Verlauf. In einer Hütte, die nicht allzu weit von der Palisade und ihrem Tor entfernt lag, wurde Nathan von Wuddlers etwas molligen Frau in Empfang genommen. Mithilfe ihres Mannes bugsierte sie Nathan in eine Schlafnische und machte sich dann an die Untersuchung seiner Wunden.
»War er in einem heißen Gebiet?«, fragte sie ihren Mann, da Nathan nicht ansprechbar war.
Wuddler schüttelte nur den Kopf.
»Ah . . . was haben wir denn da . .. ja, das muss ich wohl aufschneiden . . .« Sie stand auf, um ihre Utensilien zu holen.
Als Nathan sich darüber klar wurde, dass er sich in den Händen seiner Freunde und damit in Sicherheit befand, ließ er einfach los. Wie Wasser, das über ihm zusammenschwappte, zog ihn erlösende Dunkelheit in die Tiefen der Ohnmacht. Das Letzte, was er vernahm, bevor sein Bewusstsein endgültig versank, war das Bellen eines Hundes. Vielleicht zum Abschied, dachte er noch.
Ein Sonnenstrahl fiel durch ein Loch im Fensterladen und blendete Nathan. Er rappelte sich hoch und stützte sich auf die Bettkante, als der Schmerz in seinem Bein ihn durchfuhr wie ein glühendes Messer. Er humpelte mühsam durch den Raum und schob ungeschickt den Vorhang beiseite. Der Lärm, die Gerüche und das Getümmel des morgendlichen Treibens in Menschenhand drangen auf ihn ein. Überall gab es Bewegung, die diesem Ort Leben verlieh.
An der Spitze eines hohen Mastes, der am Rand der Siedlung stand und auf dem allerlei Seile gespannt waren, erweckte eine einsame Krähe Nathans Aufmerksamkeit. »Guten Morgen, Freund Corax«, grüßte er zum Mast hinauf.
»Guten Morgen, Nathan«, grüßte Rosa zurück.
Er fuhr herum. Sie war hinter der Hütte hervorgetreten. Ein Messer in der einen und ein Bündel Karotten in der anderen Hand war sie offenbar gerade am Kochen. Gleich neben der Tür befand sich eine einfach gemauerte Kochstelle, deren Feuer bereits einen Topf Wasser erwärmte. Fachmännisch schnitt sie die Karotten in kleine Scheiben, die sie ins Wasser plumpsen ließ.
»Dir scheint es ja wieder besser zu gehen. Mutters Salbe kann alles heilen. Frag aber lieber nicht, aus was sie gemacht wird.« Sie lachte.
»Vielen Dank, ich schulde dir was.« Nathan verbeugte sich leicht.
»Was kann ein alter Mann wie du mir schon geben.« Kokett blinzelte sie ihn an und lachte dann wieder. »Überanstrenge dich nicht, außerdem gibt es bald Essen.«
Er hatte es wieder geschafft. Ein Gefühl der Lebendigkeit ließ ihn dankbar tief einatmen. Die Luft war frisch und roch angenehm nach Frühling. Wie herrlich es doch war zu leben und erfolgreich eine tödliche Gefahr gemeistert zu haben.
Ihm war nach einem kleinen Rundgang. Trotz der heftigen Schmerzen im Bein fühlte er sich fit genug dafür und so humpelte er los, durch die vertrauten Gassen, grüßte hier und da Bekannte und versuchte, etwas Tratsch und Klatsch aufzuschnappen. – In einer Welt ohne Informationen war jede noch so kleine Nachricht Gold wert.
An der Ecke zum Siedlerweg, der Hauptstraße, die sich durch die gesamte Stadt zog und so bedeckt von orangenem Sand war, dass man die Pflastersteine nur noch vereinzelt erkennen konnte, befand sich die erste Sehenswürdigkeit von Menschenhand: der Fleischstand. Fliegen summten um den Holztisch, einen blutdurchtränkten Hackstock, in dem ein riesiges Beil steckte. An der Rückwand der Bude hing der aufgenagelte Kopf eines Kesselebers, aus dessen borstigen Maul vier lange, geschwungene Hauer ragten. Daneben, hing dar riesige abgetrennte Schädel einer Aschenviper. Das Maul der Höllenkreatur war weit aufgerissen und zeigte Zähne wie Messer. Der bullige Fleischhauer hackte gerade mit seinem Beil an einer Lammkeule herum. Als ihm die Stücke klein genug waren, warf er sie in einen Kübel an der Seite. Blut besprenkelte den Sand, hinterließ ein feines rotes Mosaik. Er muss eine Maschine sein, die als Mensch getarnt hier steht und arbeitet. Seine Bewegungen waren so akkurat und mechanisch, dass der Zuseher das Hackbeil nur verschwommen wahrnahm und beinahe in Trance verfiel, bei dem Versuch ihm zu folgen. Dies und die Tatsache, dass er kaum jemals eine Pause machte, hatten ihn zu einer Berühmtheit werden lassen. Es wurde gespöttelt, dass es eigentlich im Kessel – dem großen Bergkessel, in dem sie alle lebten – gar kein Vieh mehr geben konnte.
Nathan marschierte weiter den Siedlerweg entlang. Zu beiden Seiten lagen Hütten und Stände von langjährigen Bekannten. Vor dem Laden des Schusters blieb er stehen und begutachtete einige besonders für Schatzjäger interessante Lederwaren: Taschen, Bänder, Schnüre, Rucksäcke, verstärkte Westen, Stiefel – Ausrüstung für das Ödland und die geheimnisvollen Wälder an den nördlichen Hängen.
Eine knochige Hand umklammerte seine Schulter, der Griff war hart wie die blanken Metallzähne einer Zange.
Erschrocken drehte Nathan sich um. »Hallo, Mutter, wie geht’s«, grüßte er.
Eine alte Frau, deren weiße Haare in alle Richtungen abstanden, sah ihn mit starrem Blick an. »Morgens spucke ich kiloweise Schleim, bevor ich meinen ersten Atemzug nehmen kann«, sagte sie.
»Nun . . .«
»Hier, nimm!« Sie reichte ihm ein Bündel Kräuter. Sie verbreiteten einen intensiven harzigen Geruch. »Das wirst du brauchen, dort wo du hingehst.«
»Was ist das?«
»Donwulb heißt es.«
»Davon habe ich nie gehört.«
»Oder doch Weißenguld . . .«
»Sag, weißt du gar nicht, was du mir da gibst?« Er sah sie kritisch an. Sie ist etwas verwirrt, oder?
»Doch, sicher . . . Siebenhalm.«
»Hier, nimm es zurück. Ich will es nicht.«
Er wollte ihr den Bund zurückgeben, doch sie verschränkte die Arme und hob trotzig das Kinn. »Nein, ich hab’s dir geschenkt und will sie nicht mehr. Wirst sie brauchen in der Dunkelheit, die vor dir liegt. Öffnet die Augen und verleiht vielleicht auch ein Quäntchen Weisheit. Wer kann das schon sagen. – In deinem Fall, meine ich.«
Ich sollte sie nicht mehr aufregen. Ich werfe es einfach später weg. »Hab vielen Dank, Mutter«, sagte er betont respektvoll und von einem Kopfnicken begleitet.
Er wollte schon gehen, doch die skelettartigen Finger der Alten gruben sich tiefer in seinen Arm. Es war, als würde sein Fleisch unter ihren Fingern um einige Grad abkühlen. »Ein Wort der Warnung möchte ich dir mitgeben: Ihr werdet euch verändern. Ob zum Guten, vermag ich nicht zu sagen, doch euer bisheriges Leben, eure Welt, war wie eine Erbse – die Zukunft sieht daneben wie ein überreifer Apfel aus.«
Eilig verschwand er. Ihre Worte hallten nach. Ihr werdet euch verändern .. . Ihr? Er wedelte die Kräuter in ungleichmäßigem Takt von einer Seite zur anderen, während er eilig davonhumpelte.
Einige Hütten weiter lag der gemauerte Abgang zu Hermanns Höhle. Woher diese Bezeichnung ursprünglich kam, war mittlerweile vergessen. Ein zufällig gemachter Scherz vielleicht: Hermann vergräbt sich wieder in seiner Höhle und arbeitet an seinen Spielzeugen. Oder so ähnlich. Mittlerweile verwendete jedenfalls jeder diese Bezeichnung. Die steil abfallende Treppe konnte für einen Verwundeten schnell zu einem tückischen Hindernis werden und so hüpfte Nathan vorsichtig, immer darauf bedacht, nur sein gesundes Bein zu belasten, die Stufen hinab.
Er betrat die Gewölbe der Werkstatt des städtischen Büchsenmachers. Im Kellergeschoss der großen Hütte gelegen, die Hermann mit seiner Frau und seinen sieben Kindern bewohnte, lag die am besten ausgestattete Werkstätte im Kessel. Sie bestand aus einem Arbeitsraum, der wie eine mittelalterliche Schmiede anmutete. Überall standen Maschinen zur Bearbeitung von allerlei Materialien, hauptsächlich Metall, aber auch für Holz und sogar für Textilien und Leder. Keine Restaurierungsarbeit war Hermann je zu mühevoll gewesen und nun, nach all den Jahren, besaß er alles, was notwendig war, um alte Gerätschaften wieder auf Vordermann zu bringen.
Hermann war einer der wenigen, die mechanische Geräte der Alten Welt wieder funktionstüchtig machen konnten, und war sogar imstande, sie teilweise nachzubauen. So kümmerte er sich nicht nur um die vielfältigen Wünsche der Bewohner von Menschenhand und der umliegenden Siedlungen, sondern hielt auch mit viel Liebe seine alten Maschinen in Schuss. Er war der Mann für jedwede feinere Metallarbeit.
»Hallo Hermann«, grüßte Nathan beim Eintreten.
Der Angesprochene drehte sich langsam auf seinem Drehstuhl um. Ein Vergrößerungsglas, das mittels Lederriemen und Metallgestell vor seinem Gesicht befestigt war und so jede Bewegung seines Kopfes mitmachte, ließ eines seiner Augen absurd groß erscheinen und gab ihn ein albernes Aussehen. In der Hand hielt er eine kleine spitze Feile, von der feine Späne rieselten, die kupferfarben schimmerten. »Sieh an, hab’ dich schon lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dem Gewehr?«
Immer um seine Arbeit besorgt. Wie Kinder sind seine Stücke für ihn. Als ob er nicht schon genug richtige hat, um die er sich Sorgen machen kann. »Genau deshalb bin ich hier. Ich habe keine Munition mehr.«
Letztes Jahr, hatte Nathan ein Gewehr aus einer halb versunkenen Hütte geborgen. Rostig, das Holz faulig, hatte es sich in keinem besonders guten Zustand befunden, war aber immer noch als ein besonders schönes handgefertigtes Repetier-Jagdgewehr von einst höchster Qualität zu erkennen gewesen. Er hatte es umgehend zur Restauration zu Hermann gebracht und verwahrte das nun völlig wiederhergestellte Stück wie einen Schatz in seinem Bunker.
»Wenn ich mich richtig erinnere, brauchst du ein Spezialkaliber, das ich aber nicht auf Vorrat habe. Dazu müsste einer meiner Jungs«, er meinte einen seiner beiden Lehrlinge, »ein paar Hülsen ziehen und Geschosse gießen. Wie viel brauchst du?« Nicht nur Handwerker, sondern auch ganz Geschäftsmann, wandte Hermann ihm jetzt seine volle Aufmerksamkeit zu.
Einer unbekannten Eingebung folgend und ohne recht zu wissen warum, antwortete Nathan: »So viel, wie du in kurzer Zeit herstellen kannst.«
Sie feilschten etwas um den Preis der teuren Munition und Hermann versprach, bis übermorgen zwei Schachteln mit je fünfzig Patronen bester Qualität zu liefern: selbst gemachtes Schwarzpulver, Hülsen aus reinem Messing und Projektile aus bestem Kupfer.
Bevor Nathan ging, schaute er sich noch mal in dem Raum um und bewunderte das mechanische Werken der Maschinen. Es schien fehl am Platz, fremd, in dieser nun fast technologielos gewordenen Welt.
Die Sonne hatte ihre Macht verloren und die Schatten waren so lang geworden, dass sie fast keine Konturen mehr besaßen und sich mit der Dunkelheit der beginnenden Nacht verwoben. Den ganzen Tag über hatten die Winde ihr Spiel getrieben und alles, was nicht starr war, heftig gebeutelt. In der Abenddämmerung beruhigte sich die Luft nun. Es war die Zeit, wenn der Gott der Winde müde von seinem Treiben ruhte, um neue Kräfte zu sammeln. Stille kehrte ein und so manchem aufmerksamen Menschen wurde erst zu diesem Zeitpunkt bewusst, welche Lautstärke die Natur eigentlich hatte. Aber nicht nur die Menschen, sondern auch Mücken liebten diese Zeit.
Wuddler schlug sich in den Nacken und besah sich seine Finger: Sie waren voller Blut. Er seufzte und wischte die zerquetschte Mücke an der Hose ab.
Das Feuer loderte heftig. Sie hatten guten, ausschließlich lange getrockneten Kuhdung dafür verwendet.–Holz war zu wertvoll und wurde nur selten zum Feuermachen verwendet. In der Gegend gab es viel zu wenig Bäume, doch solange das Gras wuchs und ihren Rinderherden zur Verfügung stand, war immer genug Brennstoff vorhanden.
Behutsam hob Nathan sein verletztes Bein und rutschte etwas unbeholfen über den Boden, um seine Sitzposition zu richten. Seit er sich hierhergesetzt hatte, drückte ihm eine Wurzel in den Rücken.
»Du siehst schon wieder ganz gut aus«, sagte Rosa zwischen zwei Löffeln. »Willst du sicher keine Suppe mehr? Es ist noch genug da.«
»Danke, aber ich hatte schon genug.« Gedankenverloren spielte Nathan mit dem Inhalt seiner Jackentasche und betrachtete dabei die hohen Sträucher, die den Platz am Bach zu einem angenehmen, abgeschiedenen Ort für ein Lagerfeuer machten.
»Wir hatten noch keine Gelegenheit uns richtig zu unterhalten. Was ist dir da draußen denn nun widerfahren?«, fragte sein Freund.
»Ichwar einige Zeit unterwegs. Ich brach zu einem meiner Rundgänge auf und bin einem Hinweis gefolgt, einer Spur, der ich unbedingt nachgehen musste. Schließlich kam ich bei Klarbach runter. Als ich vorletzte Nacht auf der Suche nach einem Lagerplatz war . . .« Nathan zögerte, ihm missfiel der Gedanke, von seinem Fund zu berichten.
Wuddler und Rosa sahen ihn fragend an, doch entgegen seiner sonst aufrichtigen Art entschied Nathan sich, nur einen Teil der Geschichte zu erzählen: »Ich spürte eine Gefahr. Zuerst dachte ich, dass es ein Rudel Wildhunde auf mich abgesehen hätte und so schlief ich in dieser Nacht kaum. Am nächsten Morgen warnte mich das Bellen eines Hundes dann vor einer anderen unbekannten Gefahr. Ich floh. So viel Angst hatte ich schon lange nicht mehr. Es war etwas Kaltes und Unmenschliches, dass mich verfolgte. Irgendwann, als ich dann eine andere Gegend erreichte, war es plötzlich und ohne ersichtlichen Grund verschwunden.«
»Ich habe solche Geschichten auch schon von anderen gehört. Im ganzen Kessel kommt es immer wieder zu Sichtungen. Geister, die von manchen als metallisch beschrieben werden. Ich habe aber noch nie gehört, dass sie Menschen verfolgen oder ihnen sogar etwas anhaben wollen.«
»Was auch immer es war, ich bin sehr froh, dass ich es bis in die Siedlung geschafft habe.«
Rosa hatte gebannt zugehört, die Augen weit aufgerissen – wie immer, wenn von Geistern die Rede war. Nichts liebte sie so sehr und verursachte ihr gleichzeitig so viel Unbehagen, wie Schauergeschichten. »Deine Wunde war tief. Ein langer Schnitt über den halben Oberschenkel. Ich habe viel Faden aufgebraucht, um sie zusammenzunähen.«
»Ich bin wirklich froh, dich zu kennen Rosa, das kannst du mir glauben.«
»Ha!« Sanft streichelte sie das Knie seines gesunden Beines.
Nathans Finger spielten wieder mit dem Inhalt seiner Jacketttasche.
»Was hast du da, das deine Finger die ganze Zeit so beschäftigt?«, fragte Wuddler.
Nathan zog die Hand aus der Tasche und war selbst ein wenig überrascht von dem Bündel Kräuter, das er zwischen den Fingern hielt. »Ach die . . . wenn ich die nicht völlig vergessen hätte, dann würden sie jetzt schon auf dem Kompost verrotten.«
»Ah, lass mal sehen! Sieht aus wie . . . Deiner Vergesslichkeit sei gedankt!« Wuddler hielt plötzlich eine lange Holzpfeife in der Hand und brummte: »Kostbares Kraut.«
Nathan war schockiert. »Du willst das wirklich rauchen?«
»Nein, wo denkst du hin. Normalerweise bereitet man einen Aufguss davon. Muss getrunken werden.« In die Pfeife stopfte er stattdessen die weithin bekannte Mixtur aus getrockneten Pilzen und aromatischen Kräutern. Entzündet verströmte die Pfeife schließlich ihren stark würzigen Geruch. »Rosa, komm Weib, hol den Topf und lass uns Wasser heiß machen.«
Rosa funkelte ihn an, überlegte kurz und stand dann auf, um Wasser zu holen. Wuddler grinste schelmisch. – Seine Frau hasste es, wenn er sie Weib nannte, würde aber nie vor anderen mit ihm streiten. Das würde er bestimmt später um die Ohren bekommen.
Wuddler blies eine dichte Rauchwolke in die Luft. Lange verharrte sie über ihren Köpfen, sodass der helle Schein der Flammen den Rauch von innen heraus in einem kräftigen Rot zum Leuchten brachte.
Rosa kam mit einer Kanne Wasser und einem Holzbecher zurück. Sorgsam zerriss Wuddler einige Blätter und gab sie in die Kanne.
Nathan starrte auf das Wasser und beobachtete den Auszug der Kräuter. »Bist du dir sicher, dass man das trinken kann?«
»Die sind sehr selten. Du würdest so einiges dafür eintauschen können. Aber ja, der Geruch ist unverkennbar. Hab’s jedoch selber noch nicht probiert.«
»Und was bewirkt es?«
»Visionen. Manche sagen, dass man damit nach draußen blicken kann, ich meine, aus dem Kessel hinaus.«
Eine Stunde später saßen sie immer noch auf ihren Plätzen um das Feuer und warteten auf das Eintreten einer Wirkung.
Nathan merkte, dass auf ihn eingesprochen worden war. »Was?«, fragte er.
»Ich sagte, dass ich mich mit dem Kraut wohl geirrt habe. War doch nichts Besonderes.«
Nathan nickte, zumindest wollte er das, doch es gelang nicht. Er konnte seinen Kopf nicht bewegen, denn ein Faden, stark wie ein Drahtseil, hielt ihn in aufrechter Position. Ohne den Kopf zu drehen, richtete er seinen Blick auf die Silhouetten seiner Freunde: Auch aus ihren Schädeln führten dünne Fäden senkrecht nach oben, bis in das Blätterdach und darüber hinaus. Kleine Bilder, wie Fotografien, manche schwarz-weiß, manche farbig, entstanden in der Luft vor ihm. Sie begannen sich zu bewegen, schwirrten um ihn herum. Er erkannte sie. Es waren Episoden aus seinem Leben, bizarr festgehalten, anscheinend von einer Person, die immer hinter, neben oder über ihm war – ein fremder Beobachter.
Die Bilder änderten sich. Keines handelt von seinem Leben im Kessel. Jahrzehnte zogen dahin. Hohe Gebäude, Straßen, andere Wunderwerke unbekannter Architekten verkamen, zerbröckelten und zerfielen im Verlauf der Jahre. Hier und da setzte eine Riesenhand neue Dinge, bewegte Figuren auf dem Schachbrett. Zahnräder, Tausende, bewegten sich, kompliziert ineinandergreifend. Auch hier die Titanenhand, die willkürlich Räder versetzte. Ein Rad fiel zu Boden, achtlos weggeworfen. Metallische Armeisen krabbelten in Scharen darüber und zersetzten es, bis nur noch ein Haufen Staub auf der vertrockneten Erde übrig blieb.
Mitten aus der Bilderlandschaft tauchten wieder seine Freunde aus dem Meer der Sinneseindrücke. Zusätzlich zu den Fäden, die aus ihren Köpfen kamen, waren nun auch Hände und Füße damit verbunden. Die Riesenhand aus den Bildern war Wirklichkeit geworden und zupfte nun an den Fäden, ließ Hände und Füße tanzen und bewegte seine Freunde wie Puppen. Dann zerfloss der Platz mit dem Dungfeuer. Farben vermischten sich. Seine Freunde waren nur noch Schemen.
Hinter den Bildern, nicht auf ihnen, tauchte eine blonde Frau auf. Sie stand bei Wuddler, war ihnen offenbar wohlwollend gesonnen und nickte. Auch das Kind, das plötzlich auf seinem Knie saß. Im Feuer lag ein Ei, das sich erhitzte und zu glühen begann. Risse bildeten sich. »Auf, auf, auf«, sagte etwas aus dem Inneren. Nathan wollte in die Flammen greifen und das Ei anfassen, die Schale aufbrechen, doch das Kind klopfte ihm auf die Finger. Er zuckte zurück. »Hab ich es mir doch gedacht«, sprach die Stimme. Die blonde Frau antwortete. Nathan erschrak und wandte ihr blitzartig den Kopf zu, verharrte in der Position, doch die Welt drehte sich ungeachtet dessen weiter. Beschleunigte. Aus dem Wirbel sprühten Farben und hinterließen Kleckse auf Bäumen, Sträuchern und Gras. Nathan tippte sich mit dem Finger gegen die Spitze eines der Hörner, die dem Kind gerade gewachsen waren, und ein Tropfen goldenen Blutes ran daran herab. Eine Kuh stand hinter ihm, fuhr mit ihrer langen Zunge über das Gesicht des Kindes. Dann grinste es Nathan an und sprach: »Die Welt ist aus Feuer erschaffen und die Kühe sind ihre Götter. Knie nieder vor mir und deine Erbschuld sei vergeben!«
Blödsinn, dachte er. Das kann nicht sein, denn wenn Kühe Götter wären, dann . . . Was war das noch mal?
Die blonde Frau saß auf dem Stier. Ihre Brustwarzen bestanden aus Gold. Der Stier ritt davon, eine Spur aus Gold durch die Landschaft ziehend. Eine Träne quoll ihm aus dem Auge. Keine Trauer. Das Feuer! Ja! Das Ei kochte immer noch.
Die Vision dauerte noch einige Zeit an. Dann, nachdem die Wirkung ganz abgeklungen war, tranken sie etwas Gewürzbier, wickelten sich in ihre Decken und legten sich gleich neben dem Feuer schlafen.
Die restlichen Tage, die notwendig waren, um Nathan vollends auf die Beine zu bringen, verbrachte er weiterhin im Haus seiner Freunde. Er war sehr unruhig und gereizt und in Gedanken immer abwesend. Es zog ihn nach Hause. Ein allgegenwärtiger Drang, den er sich nicht erklären konnte und der unterschwellig wie ein unsichtbarer Kobold, auf seiner Schulter saß und Ermahnungen flüsterte. Es handelte sich aber nicht um die Präsenz eines Lebewesens, sondern vielmehr von etwas Leblosem, eine rationale Kälte, eine Art Meta-Energie, die auf seinen Verstand wirkte. Es war fast zu viel für ihn.
Manchmal spielten seine Finger mit dem Schloss des erbeuteten Koffers und gedankenverloren drehte er dann an den Rädchen. Sich selbst beschimpfend und innerlich einen ungeduldigen Idioten nennend, packte er sodann energisch den Koffer und schob ihn in den Rucksack zurück. Geduld! Sobald sein Bein endlich gesund war, konnte er aufbrechen und würde später noch genügend Zeit haben, das Schloss zu knacken und den Inhalt des Koffers zu untersuchen. Niemand würde ihn dann dabei stören und keine fremden Augen sein Tun beobachten.
Einige Tage später, als er wieder halbwegs kräftig auf den Beinen stand, entließ Rosa ihn rituell aus ihrer Fürsorge mit den Worten: »Der Kessel hat dich wieder, großer Abenteurer. Mögen deine Knochen heil bleiben und dein Verstand scharf.« Es blitzte schelmisch in ihren Augen, als sie dies sagte und dabei etwas wie alter Mann stumm mitklingen ließ.
Nathan bemerkte ihren Schalk allerdings nicht. Seine Gedanken waren woanders, denn endlich konnte er nach Hause.
Die sanften, von grünen Wiesen bedeckten Hügeln sprachen von Heimat. Lange Grashalme bogen sich sanft in der frischen Morgenbrise, die den Geruch von Reif über die Ebene trug.
Das Lager war noch nicht abgebaut. Ausgebreitet und zerknittert lag die Schlafrolle neben der kalten Feuerstelle. Nathan saß auf einem Zipfel seiner alten geflickten braunen Decke. Weit in der Ferne ragten die felsigen Wände des Kesselgebirges in die Höhe und waren zum Teil, besonders im Westen, noch von Schatten bedeckt. Hätte er sich umgedreht, wären ihm die Felswände hinter ihm weit gigantischer vorgekommen, da sie viel näher lagen. Doch da er ihnen den Rücken zukehrte, fing sein Blick nur die offene Weite vor ihm ein.
Ist das, was ich vor mir sehe, richtig? Etwas fehlt mir hier.
Der Wanderer hatte den Eindruck, dass er eine Illusion sah, die jeden Moment zerplatzen konnte. Sollten dort hinter dem Hügel nicht graue Häuser stehen, eine breite Straße das Land durchschneiden und Autos wild hupen?
Nein, erinnere dich! Das ist schon lange vorbei. Jetzt ist es anders.
Er erinnerte sich. Es war vor wenigen Tagen gewesen, dass er den Ort entdeckt hatte: Das Gewitter war abgezogen und kräftige Strahlen der mittäglichen Sonne schnitten zackige Löcher in die aufreißende Wolkendecke. Die verlassene Hütte, die ihm als Unterschlupf gedient hatte, sah aus, als ob sie jeden Moment in sich zusammenfallen könnte. Er stieß gegen die Tür. Abgebrochenes Gehölz, vom Wind mitgerissen und vor den Eingang getrieben, verhinderte, dass sie aufging. Er zwängte es zur Seite, schritt schließlich nach draußen und nahm einen tiefen Atemzug, um den Gestank nach Moder aus der Nase zu bekommen. Der Wald war dicht an jenem Ort. Die Kronen der Laubbäume hingen sehr tief und immer wieder versperrten ihm Äste den Weg und versuchten, ihm das Gesicht zu zerkratzen. War es Absicht? Lag ein schalkhafter oder gar böser Wille dahinter? Er konnte es nicht sagen. Zuzutrauen wäre es diesem ungastlichdüsteren, weit hinter jeder sicheren Grenze gelegenen Wald aber sicherlich. Nicht umsonst sagte man, dass der Norden tückisch war.
