Der zweite Tod des Che Guevara - Richard G. Buzzi - E-Book

Der zweite Tod des Che Guevara E-Book

Richard G. Buzzi

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Beschreibung

Che Guevara erwacht 1968 in einem Haus in New York. Wie kommt der Revolutionär aus dem bolivianischen Dschungel nach Amerika? Er ist im Besitz eines amerikanischen Reisepasses, ausgestellt auf den Namen Ramon Juarez. Verzweifelt versucht er der Welt zu erklären, dass Ernesto Che Guevara noch am Leben ist. Im Land seines erklärten Todfeindes versucht Che schließlich seine Revolution erneut zu entfachen. Dabei gerät er in den Strudel des Indianeraufstandes von Wounded Knee, wo er sich der Bewegung "American Indian Movement" anschließt. Doch das Schicksal wendet sich erneut gegen ihn, als er zwei FBI-Agenten erschießt. Für diese Tat wird der Indianer Leonard Peltier zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Als alter Mann, von Schuldgefühlen geplagt, begegnet Che Guevara dem Banker Greg Norman, der seinem Leben noch einmal eine dramatische Wendung gibt.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Richard G. Buzzi

Der zweite Tod des Che Guevara

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Erweitertes Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Impressum neobooks

Erweitertes Impressum

Der zweite Tod des

Che Guevara

Richard G. Buzzi

Nachdruck oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Autors gestattet. Verwendung oder Verbreitung durch unautorisierte Dritte in allen gedruckten, audiovisuellen und akustischen Medien ist untersagt. Die Textrechte verleiben beim Autor. Für Satz- und Druckfehler keine Haftung.

Richard G. Buzzi „Der zweite Tod des Che Guevara“

Auflage 2014

Copyright © 2014 Richard G. Buzzi

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: HanroogMOU

www.richardgbuzzi.de

Kapitel 1

­

­­­Der Mann erwachte aus einem tiefen Schlaf. Er öffnete die Augen und sah sich im Halbdunkel um. Mit seinen Händen ertastete er die Umgebung. Er lag in einem sauberen Bett.

‚Wie kann das sein? Ich liege auf einem weißen Laken, nicht auf dem kalten, nackten Boden eines schäbigen Hauses.­‘

Bilder schossen ihm durch den Kopf. Der Dschungel von Bolivien, Schüsse fielen, Männer wurden von Kugeln zerfetzt, sie schrien. Soldaten richteten ihre Gewehre auf ihn. Ein Hubschrauber landete, aufgeregte Stimmen, noch ein Schuss, dann herrschte Stille.

Der Mann horchte angestrengt in die Dunkelheit. Er vernahm Straßenlärm und Polizeisirenen. „Wo bin ich, was ist mit mir geschehen?“

Vorsichtig schälte er sich aus der Decke. Er war nackt. In geduckter Haltung schlich der Mann zu den beiden Fenstern am anderen Ende des Raumes. Seine Finger ertasteten eine Jalousie, er zog sie hoch. Zentimeter für Zentimeter schoben sich die Lamellen nach oben. Der nackte Mann starrte nach draußen. Es war Nacht. Neonlichter flackerten in allen Farben. Sie warfen gespenstische Schatten auf die Wände der Häuser. Der Mann blickte erschrocken auf eine Welt, die nicht seine war.

Er suchte nach dem Lichtschalter, knipste ihn an. Hastig sah er sich im Zimmer um. Der Raum präsentierte sich in einer ruhigen Ordnung. Die Wände waren hellblau gestrichen, neben dem Bett stand eine weiße Kommode, auf der mehrere Papiere lagen. Der Mann kam neugierig näher. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

Er sah zur Tür. Warteten dahinter seine Häscher? Die Soldaten der bolivianischen Armee, flankiert von CIA-Agenten. ‚Wo sind meine Kampfgefährten?‘ „Diego, Benigno, seid ihr hier?“ Keine Antwort. ‚Haben sie die Schlacht überlebt oder sind sie alle tot?‘

Der Mann starrte auf die Papiere. Oben auf dem kleinen Stapel lag ein Pass. Er öffnete ihn und blätterte in dem Dokument. Das Bild eines Fremden blickte ihm entgegen. Doch er kannte dieses Gesicht. Der Mann hieß Ramon Juarez, so stand es in dem Pass, dem Reisepass eines verhassten amerikanischen Staatsbürgers.

Von Panik ergriffen, öffnete er die Tür neben dem Bett. Kein Soldat trat ihm entgegen, keine Salve aus feindlichen Maschinengewehren durchbrach die Stille. Er machte Licht. Noch eine Tür. Sie führte ins Bad. Im Spiegel sah er in das Gesicht von Ramon Juarez, dem Mann aus dem Pass. Die dunklen Haare kurz geschoren, das Gesicht glatt rasiert. Quer über der linken Wange prangte eine hässliche Narbe. Sie reichte vom Mundwinkel bis hoch zwischen Ohransatz und dem linken Auge, das nicht verletzt schien.

„Ich bin nicht Ramon Juarez!“

Der nackte Mann rannte die schmale Treppe des fremden Hauses nach unten und trat in die kühle Nacht. Er rannte wie von Sinnen die Straße entlang. Niemand verfolgte ihn, kein Schuss fiel. Er war allein zwischen hupenden Autos und jaulenden Polizeisirenen.

„Was habt ihr mit Che Guevara gemacht", schrie er.

Kapitel 2

Schwere, dicke Regentropfen prasselten aus dicken schwarzen Wolken, die drohend schwer über den Dächern der Hochhäuser hingen. Sturm kam auf. Er fegte durch die Schluchten aus Beton und Glas. Die Menschen auf den Straßen zogen ihre Köpfe ein, um sich vor dem peitschenden Regen zu schützen. Sie flüchteten in U-Bahn-Stationen und Einkaufspassagen. Die Restaurants und Bars waren bald restlos überfüllt. Frauen und Männer in feuchten Jacken, Mäntel und Sakkos drängten sich vor den Theken und versuchten, auf sich aufmerksam zu machen. Das Personal war auf den Ansturm am späten Nachmittag nicht vorbereitet. Sie waren gestresst von den triefenden Haaren, die über Tische und Gläser ausgeschüttelt wurden.

Die Straßen waren verstopft, wie immer, wenn in New York der Regen von Westen kam, aufgewühlt durch den orkanartigen Sturm, der das Wasser vor sich hertrieb wie der Wolf eine Schafherde.

Jeder Tropfen klatschte mit solcher Wucht auf die Erde, dass er beim Aufschlag förmlich explodierte. Auf dem Asphalt staute sich das Wasser zu riesigen Lachen, die sich zu Sturzbächen zusammenfanden, als hätten sie sich abgesprochen, diese Stadt zu fluten. Die Abwasserkanäle waren hoffnungslos überlastet. Aus den Gullideckeln quoll eine schmutzig braune Brühe, die sich auf der Fahrbahn und auf den Bürgersteigen mit dem Regenwasser vermischte.

Mit der Brühe kamen die Ratten, die aus der Unterwelt nach oben gespült wurden. Zusammen mit den Wassermassen machten sich die grauen Nager auf den Weg, die Stadt zu erobern.

Greg Norman raste durch die Millionenmetropole. Ständig driftete sein Porsche unter dem Gaspedal weg, wenn die breiten Reifen das viele Wasser auf der Straße nicht mehr verdrängen konnten. Die Scheibenwischer waren nicht mehr in der Lage, die Massen an Regentropfen, die sturzbachartig die Windschutzscheibe fluteten, im Zaum zu halten. Greg erkannte nur mit Mühe die Lichter der Ampeln, wenn sie von Gelb auf Rot sprangen oder Grün anzeigten. So einen heftigen Regen hatte er in New York noch nie erlebt, seit er vor sieben Jahren in die Stadt gezogen war, um hier Karriere zu machen.

Er hätte den schnellen Wagen gerne an die Seite gestellt und abgewartet, bis der Regen nachlässt, aber er fühlte sich von einem schwarzen Buick verfolgt, der seit mehr als einer halben Stunde nicht aus seinem Rückspiegel verschwinden wollte. Er war ihm auf den Fersen, seit Greg aus der Tiefgarage der Bank gefahren war. Einen Wagen dieses Typs fuhren auch die Sicherheitsleute und Bodyguards der JP Morgan Chase, der renommierten Bank an der Wall Street, bei der Greg seit drei Jahren in der zentralen Abteilung für Risikosteuerung arbeitete.

Sein Spezialgebiet waren riskante Spekulationen auf Wertpapiere.

Im Grunde seines Herzens war Greg kein Zocker, er hatte noch nie eine Spielbank von innen gesehen. Sein schwer verdientes Geld auf Schwarz oder Rot zu setzen, war für ihn ein nicht kalkulierbares Risiko, das er niemals eingegangen wäre. Als Investmentbanker schälte sich Greg jedoch wie eine Zwiebel und es blieb der Kern, der ihn zum absoluten Spieler und skrupellosen Händler werden ließ.

Seine Abteilung war von JP Morgan-Chef Jamie Dimon extra in eine ausgegliederte Einheit umgewandelt worden, damit er und seine Kollegen ohne Aufsicht riskante Wetten abschließen konnten. Der Bereich nannte sich nicht umsonst Chief Investment. Doch in der Kathedrale des Kapitalismus war etwas schief gelaufen. Greg und seine Kollegen hatten mit einer fehlgeschlagenen Hedging-Strategie im synthetischen Kreditportfolio in nur sechs Wochen über zwei Milliarden Dollar verzockt. Gewettet wurde auf Kredite von Firmen mit einer schlechten Bewertung bei einer Rating-Agentur. Und das ging voll in die Hose, weil die Absicherung gegen die Verluste nicht funktionierte. Als sich das Debakel abzeichnete, hatten die erfolgsverwöhnten Banker noch versucht, das Ruder herumzureißen, doch ihr Schiff war bereits gekentert und sank innerhalb weniger Minuten.

Zwei Milliarden Dollar Verlust war selbst für die profitabelste US-Bank ein Börsendebakel und Greg konnte die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, lebhaft vorstellen. Die Nachricht würde sich mit Windeseile über die ganze Welt verbreiten.

Bis zu diesem Tag hatte das Chief Investment den Skandal unter der Decke halten können, doch es war nur eine Frage von Stunden, bis die US-Börsenaufsicht Wind davon bekommen würde und eine Untersuchung einleitete, die den Skandal öffentlich machen würde. Auch Bankchef Jamie Dimon war von den riesigen Verlusten überrascht worden.

Greg hatte vorsichtshalber sein Büro verlassen und den Computer mitgenommen. Er wollte für ein paar Tage untertauchen, um den Kopf frei zu bekommen. Daher war er voller Sorge, als der schwarze Buick ständig in seinem Rückspiegel auftauchte und sich nicht abhängen ließ. ‚Die suchen bereits nach dir’, dachte Greg, während er nur mit Mühe den Wagen auf Spur hielt. Auf der Houston war der Buick gefährlich nahe herangekommen. Greg sah die Scheinwerfer im linken Rückspiegel auftauchen. Wie aus dem Nichts schoben sie sich in sein Blickfeld. Zwei feurige Augen, die ihn anstarrten, trotz Regens und schlechter Sicht.

Sekunden später war der Wagen auf gleicher Höhe. Greg riskierte einen schnellen Blick nach links und in diesem Moment radierten seine 20-Zoll-Alufelgen die Bordsteinkante. Das dumpfe Knirschen mischte sich unter das Prasseln der Regentropfen. Das hörte sich nicht gut an. Greg riss das Lenkrad kurz nach links. ‚Jetzt rammt er mich’, dachte er. Doch die bedrohlichen Scheinwerfer waren aus seinem Rückspiegel verschwunden, als hätte es den Buick nie gegeben. Greg hatte wieder freie Fahrt.

Er atmete erleichtert auf und bog in die nächste Straße ein, wo er vor dem geschlossenen Tor einer Autowerkstatt hielt. Er schaltete den Motor aus und blieb einige Minuten im Dunkeln des Wagens sitzen. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern und er war froh, die Situation heil überstanden zu haben.

Der Regen hatte ein wenig nachgelassen und Greg sah durch den Regenschleier die Lichter eines Restaurants. Ihm war jetzt nach einem kühlen Bier. Er stieg aus dem Wagen und lief die kurze Strecke durch den Regen. Das Great Jones Café war proppenvoll und Greg ergatterte den letzten freien Sitzplatz. Ausgerechnet neben ihm hockte ein fetter Kerl, der sich gerade anschickte, einen riesigen Burger zu verspeisen. Gregs Laune sank auf den Nullpunkt.

Er hasste drei Sorten von Menschen, nein, eigentlich waren es vier: Dicke, Linke, Alte und Indianer. Die Dicken besonders, weil sie auf Kosten der Allgemeinheit ihre fetten Körper durch die Straßen schoben. Greg konnte ihr Schnauben nicht ertragen, wenn sie sich die Treppen der Einkaufspassagen und Büros hochquälten. Allein den Anblick aushalten zu müssen, hielt Greg für gefährliche Körperverletzung.

Er selbst stählte seinen Körper im Fitness-Studio. Bei 1,86 Metern Körpergröße brachte Greg 81 Kilogramm auf die Waage, sein Körperfettanteil betrug sieben Prozent.

Wenn Greg nachts im Gym Gewichte stemmte, war das für ihn eine andere Art der Meditation. Er konzentrierte sich mit all seinen Sinnen auf das Training: Einatmen, stemmen und während der Übung ausatmen. Je nach Muskelgruppe absolvierte Greg vier bis fünf Sätze mit je sechs bis zehn Wiederholungen. Sein Trainingsplan glich einer perfekt ausgearbeiteten Analyse der Börsenkurse.

Greg hielt sich nicht für besonders eitel, dennoch betrachtete er sich wohlwollend in jedem Spiegel, der sich ihm in den Weg stellte. Selbst auf öffentlichen Toiletten und in Fahrstühlen schob er in unbeobachteten Momenten kurz sein T-Shirt hoch, um einen Blick auf seine definierten Bauchmuskeln zu werfen. In seiner Wohnung standen Greg dafür gleich vier Spiegel zur Verfügung. Im Toilettenraum seines Büros reichte ihm lediglich ein Zucken der Brustmuskeln unter dem Hemd, das Greg aus Zeitgründen nicht jedes Mal öffnen konnte, wenn er vor dem Spiegel stand. Außerdem war es durchaus schon mehrmals passiert, dass just in diesem Moment ein Kollege den Raum betrat.

Greg war der Meinung, dass seine Muskeln von Spiegel zu Spiegel unterschiedlich zur Geltung kamen. Je nachdem wie das Licht einfiel, präsentierten sie sich mal in guter oder weniger guter Verfassung. Als gezielten Angriff auf sein Ego betrachtete er das volle Licht der Deckenstrahler im Badezimmer. Darum putzte er sich nur im Halbdunkel die Zähne.

Die Speckringe seines Tischnachbarn glichen zwei dicken Schläuchen, die sich unter dem grauen Pullover bei jedem Atemzug hoben und senkten. Der Hintern des Mannes war breit und mächtig, er füllte die gesamte Sitzfläche des Stuhls aus. Das überschüssige Fett drückte sich in die beiden Seitenlehnen. Greg hatte für dicke Menschen eine eigene Bewertungsskala ausgearbeitet, ähnlich der Richterskala, nach der Erdbeben gemessen werden. Sie reichte von fünf bis zehn, wobei die Höchstnote das letzte Aufbäumen menschlichen Lebens in einer Fetthülle bedeutete. Seinem Tischnachbarn gab Greg eine 7,4.

Seine Abscheu gegenüber Dicken ging so weit, dass er aus einem inneren Drang heraus sein iPhone zückte und die Fettleibigen in den verschiedensten Posen fotografierte. Besonders amüsant fand er die unterschiedlich ausgeprägte Form der Fortbewegung. Die einen drückten ihre Beine ruckartig vorwärts, um danach ihren massigen Oberkörper samt Hinterteil nachzuschieben, andere wiederum machten kleine Trippelschritte, um so im Gleichgewicht zu bleiben und nicht ins Rollen zu kommen. Die Bilder speicherte Greg mit Ortsangabe, Datum und Uhrzeit auf seinem Computer ab.

„Was machst du Scheiß-Typ da?“, murrte der Burger mampfende Kerl im Great Jones Café, als Greg völlig ungeniert sein Handy auf ihn richtete und auf den Auslöser der Kamera drückte. Klick.

„Ich fotografiere Sie.“

„Mann, scheiße, wer bist du, ein Reporter oder was? Oder bist du ein Bulle? Du bist ein Scheiß-Reporter, so ein Schmierfink! Wahrscheinlich verfolgst du mich schon die ganze Zeit in der Hoffnung auf eine große Geschichte. Aber den Gefallen werde ich dir nicht tun“, schnaubte der Mann wütend. „Als ich noch im Knast saß, habe ich Portionen wie dich zum Frühstück vernascht.“

Der Dicke redete sich immer mehr in Rage. In der Zwischenzeit hatte er aufgehört, in seinen Burger zu beißen. Seine Hände waren fettig und verschmiert, aus den Mundwinkeln tropfte ein Gemisch aus Ketchup und Mayonnaise.

„Steck sofort deine Kamera weg oder ich stopfe sie dir ins Maul!“, sagte er aufgebracht zu Greg, dem jetzt die Schweißperlen auf der Stirn standen. Mit einer so heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Die Dicken, die er bis dahin fotografiert hatte, waren zwar erbost, wenn sie das Klicken hörten, oder drohten im schlimmsten Fall mit der Polizei, aber dieser Kerl reagierte aggressiver, als es Greg lieb war.

Sein Foto-Opfer war Gordon Stevens, ein polizeibekannter Gewalttäter. Er verbrachte vierzehn Jahre seines Lebens in diversen Gefängnissen und jetzt wollte er diesem Schmierfink von Reporter eine aufs Maul hauen. Miller versuchte aufzustehen, der Stuhl klemmte jedoch an seinem riesigen Hintern fest. Die Seitenlehnen hatten sich regelrecht in den Hüftspeck gepresst. Mit einem schnellen Ruck versuchte er, ein zweites Mal hochzukommen, um den lästigen Stuhl abzustreifen. Dabei verlor er das Gleichgewicht und kippte samt Stuhl nach hinten. Instinktiv hielt sich der Mann im Fallen an seinem Teller fest. Der halbe Burger machte mit Ketchup und Mayonnaise einen Satz nach vorne und klatschte auf Millers Gesicht, wo er Augen und Nasenlöcher zukleisterte. Was dort keinen Platz mehr fand, rutschte in schmierig fetten Bahnen über die linke Wange auf den Boden.

Die Gäste des Great Jones Café bemerkten das Drama erst, als der 170 Kilogramm schwere Koloss mit einem lauten Krachen, eingeklemmt in seinen Stuhl, mit dem Hinterkopf auf dem Holzboden aufschlug und sich nicht mehr rührte. Die Augen waren geöffnet, die Pupillen starrten ins Leere.

Eine nicht minder beleibte Frau schrie hysterisch auf. Greg sprang von seinem Stuhl und drückte sich an die Wand. Er blickte sich hilfesuchend um, in der Hoffnung, dass niemand das Vorspiel mit der Kamera beobachtet hatte. Sein betroffener Gesichtsausdruck hätte jedem Hollywood-Star eine Oscar-Nominierung eingebracht. „Notarzt, jemand muss den Notarzt alarmieren“, rief er.

Einer der Gäste stürzte zu Miller, der regungslos am Boden lag. „Ich bin Arzt“, sagte er und beugte sich über den Dicken. „Rettungswagen und Polizei kommen“, rief der Wirt. „Wegen des heftigen Regens und der vielen Verkehrsunfälle auf den Straßen kann es jedoch eine halbe Stunde dauern.“

Greg erschrak. ‚Scheiße’, dachte er, ‚die Polizei wäre aber nicht nötig gewesen.’

Der Arzt versuchte verzweifelt, den massigen Körper aus seinem hölzernen Gefängnis zu befreien. „Helfen sie mir“, wandte er sich an Greg, der immer noch wie angewurzelt an der Wand stand. Greg löste sich aus der Starre. Er kniete sich auf den Boden und begann den Stuhl auseinanderzubrechen, was ihm nach einigen Anläufen auch gelang.

„Gute Arbeit“, lobte der Arzt und die hysterische Frau rief: „Der junge starke Mann ist ein Held, bravo.“

Der Arzt bemühte sich inzwischen, den Verletzten in Seitenlage zu bringen, was sich als unmögliches Unterfangen herausstellte. Der Körper war zu schwer, um sich auf die Seite rollen zu lassen. Nach jedem Versuch plumpste er in seine Ausgangslage zurück. „Wir müssen auf den Rettungswagen warten“, sagte der Arzt, der sich bei Greg als Ron vorstellte. „Ich spüre seinen Puls. Wir können nur abwarten.“

„Ist der Mann schwer verletzt?“, wollte Greg wissen.

„Das kann ich in diesem Moment schwer feststellen, er ist ohnmächtig. Möglich, dass er lediglich eine schwere Gehirnerschütterung hat, es kann aber auch die Schädeldecke verletzt sein, dann besteht akute Lebensgefahr.“

„Ich habe gelesen, dass sich Menschen nach einem dermaßen schweren Sturz später nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern können“, warf Greg beiläufig ein. Dabei schaute er den Arzt fragend an.

„Das ist richtig. In neun von zehn Fällen können sich die Patienten nicht mehr erinnern, wie es zu dem Unfall gekommen war.“ Gregs Körperhaltung entspannte sich zunehmend.

Seit dem Sturz waren keine zehn Minuten vergangen, als vor dem Café Sirenengeheul zu hören war und Blaulichter durch den Raum zuckten. Der Rettungswagen und eine Polizeistreife waren zur selben Zeit eingetroffen. Gleich mehrere Sanitäter kümmerten sich um den am Boden liegenden Mann, ein Notarzt untersuchte seine Pupillen und fühlte den Puls. Vier Männer waren notwendig, um den schweren Patienten auf eine Trage zu hieven und nach draußen zu schieben, wo sie ihn in den Rettungswagen schoben. Sekunden später tauchte der Wagen unter Sirenengeheul im Straßenverkehr unter.

Zwei Polizisten befragten die Gäste nach dem Hergang des Unglücks. Viel hatten sie nicht zu erzählen. „Dieser junge Mann ist ein Held“, sagte die wohlbeleibte Frau mit der hysterischen Stimme und deutete auf Greg, der sich bis dahin dezent im Hintergrund gehalten hatte.

Die Cops blickten ihn fragend an, was Greg als Aufforderung verstand, seine Zeugenaussage zu machen. „Ich saß hier“, erklärte er und deutete auf den Stuhl, auf dem er gesessen hatte. „Der Mann neben mir begann plötzlich heftig zu husten, nachdem er in seinen Bürger gebissen hatte. Er muss sich verschluckt haben oder so was Ähnliches. Er versuchte, mit einem Ruck aufzustehen, doch sein massiger Körper klemmte im Stuhl fest. Er fiel nach hinten und prallte mit dem Hinterkopf auf den Fußboden. Alles passierte innerhalb weniger Sekunden. Ich hatte keine Möglichkeit einzugreifen oder zu helfen.“

„Der junge Mann ist ein Held, er hat den Dicken aus dem Stuhl befreit“, wiederholte die Frau noch einmal.

Die Polizisten notierten sich den Namen und die Adresse von Greg und der aufgeregten Dame. Anschließend verließen sie das Lokal.

Gregs Augenlider begannen zu zucken. Das taten sie immer, wenn er aufgeregt war. Auf dieses unreflektierte Verhalten seiner Gesichtsmuskeln hatte er keinen Einfluss.

Eine Servicekraft beseitigte die unübersehbaren Spuren des Unglücks. Erst jetzt betrachtete Greg seinen 2000-Dollar-Anzug. Hose und Sakko waren mit Mayonnaise und Ketchup bekleckert, selbst auf der roten Seidenkrawatte und dem hellblauen Hemd waren große Fettflecken zu sehen.

Maßanzüge und seinen weißen Porsche betrachtete Greg als Eintrittskarte in die Upperclass, es waren für ihn Insignien des Erfolgs und der Macht. Als erfolgreicher Investmentbanker leistete sich Greg gerne den einen oder anderen Luxus. Am Handgelenk glänzte eine Rolex Yacht Master II Oyster und er spielte mit dem Gedanken, sich passend zur Uhr eine kleine Motorjacht zu kaufen. Er hatte sich bereits bei Maklern nach diversen Booten umgesehen.

Seine Wunschjacht sollte mindestens sechshundert PS haben, eine Kabine mit zwei Schlafkojen und eine kleine Küche. Greg liebte das tiefblaue Wasser des ungezügelten Meeres. Es mit seiner Jacht zu durchpflügen, schien ihm eine angemessene Art der Freizeitgestaltung zu sein.

Als Greg versuchte, die schlimmsten Spuren von seinem Anzug zu entfernen, unterdrückte er seinen Ärger über die Folgen des Geschehens. „Das hätte auch ins Auge gehen können“, beruhigte er sich selbst. Die junge Servicekraft brachte ihm ein feuchtes Tuch. „Wir kommen für den Schaden, den Sie erlitten haben, selbstverständlich auf“, sagte sie. „Senden Sie uns die Rechnung der Reinigung.“

„Das ist nicht nötig“, erwiderte Greg etwas kleinlaut, „aber vielen Dank für das Angebot.“

Unter normalen Umständen hätte er den Restaurantbesitzer verklagt und sein Anwalt hätte 30.000 Dollar erstritten. Doch diese Vorgehensweise erschien ihm angesichts der Ereignisse doch der falsche Weg, zumindest in diesem Fall.

Kapitel 3

Greg Norman war ein Kind der Prärie. Er erblickte in South Dakota das Licht der Welt, genauer gesagt in Rapid City, einer mittelgroßen Stadt an den Ausläufern der Black Hills, wo Gregs Vater in der Behörde für indianische Angelegenheiten arbeitete. Der zweite Sohn von Lewis Norman war ein schwächliches Baby, das mit vier Monaten beinahe an einer Lungenentzündung gestorben wäre und wenig später an einem Fieberkrampf. Gehen konnte Greg erst im Alter von zwei Jahren. Seine dünnen Ärmchen und Beinchen weckten das Mitleid der anderen Mütter. Die indianischen Nachbarn nannten den weißen Jungen „Durch den der Wind weht“.

Greg wuchs mit seinem um vier Jahre älteren Bruder Jeff am Rande einer Indianersiedlung auf, wo die Eltern ein stattliches Holzhaus bewohnten. Lewis Norman sah sich als Freund und Beschützer der indianischen Rasse und als solcher setzte er sich für die Belange der Natives ein, soweit dies einem weißen Beamten im Staatsdienst möglich war. Hinter seiner Nächstenliebe steckte jedoch eine große Portion Eigennutz.

Lewis Norman war das, was man einen guten Amerikaner nannte. Und als solcher ging er jeden Sonntag in die Kirche. Greg und sein Bruder mussten sich dafür unter den Augen der indianischen Nachbarskinder fein herausputzen. Vater Lewis erhoffte sich dadurch einen Nachahmungseffekt, um auf diese Art und Weise neue Schäfchen für die Glaubensgemeinde zu rekrutieren. „Unsere Aufgabe muss es auch sein, die Indianer auf den rechten Weg zu bringen und ihnen die Güte Gottes vor Augen zu halten“, sagte er seiner Familie, die dem missionarischen Eifer ihres Ernährers nur widerwillig Folge leistete.

Greg entwickelte schon früh eine tiefgreifende Aversion gegen die Kirche und seine indianischen Spielkameraden. Er hatte dem Gespött der wilden Rabauken, die sich über sein zartes Wesen und den kirchlichen Sonntagsanzug lustig machten, nichts anders entgegenzusetzen, als seine grenzenlose Verachtung. Und diese zielte besonders auf jene Kinder, die er für zu dick hielt.

„Hey Adlerfeder, heute schon Atemstillstand gehabt?“, fragte er jeden Morgen den Nachbarsjungen Francis Miller, wenn dieser aus dem Haus kam. Francis wog mit zwölf Jahren satte 60 Kilo. In den Augen von Greg war Francis Adlerfeder Miller das Sinnbild des dicken und faulen Indianers und er konnte nicht verstehen, warum sein Vater sich bei der Regierung in Washington ausgerechnet für diese Menschen einsetzte und für sie Hilfsprogramme auf den Weg brachte.

Gregs Lage war aus zweierlei Gründen äußerst misslich: Francis Adlerfeder Miller war trotz seiner Leibesfülle der Anführer einer kleinen Gang, die tagsüber durch das Grasland strich und Jagd nach wilden Tieren machte. Der schwächliche Greg wurde davon stets ausgeschlossen, für die Gangmitglieder war er ein stinkender Yankee, der in ihrer Mitte nichts zu suchen hatte. Wann immer Greg einem der Gangmitglieder über den Weg lief, bekam er Prügel oder musste wüste Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Diese Tatsache allein hätte Greg noch ertragen, aber dass sein Bruder Jeff auf der Seite der Indianer stand und mit ihnen die Lagerfeuerromantik teilte, war nicht auszuhalten.

Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass Greg sich als Außenseiter fühlte und zum Lonesome Cowboy heranwuchs, obwohl er auch diese Gattung von Individuen hasste wie die Pest - war das Schicksal der Cowboys doch eng mit dem der Indianer verknüpft.

Greg träumte von der großen, modernen Welt mit ihren Hochhäusern und pulsierenden Straßen, auf denen das ausschweifende Leben tobte. Nur weit weg von Wildwestromantik, Büffeldung und Pferdeschweiß. Die Stadt seiner Träume war New York. Er kannte die Stadt lediglich von Fotos, die er sammelte. Schon als kleiner Junge lernte er die Namen der Hochhäuser, Brücken und Straßen auswendig. New York schien ihm die angemessene Alternative zu Rapid City zu sein. Schon das Wort allein war Musik in seinen Ohren. New York, das hörte sich an wie Rock und Pop mit großem Streichorchester.

Lewis Norman hatte für die Pläne seines Sohnes lediglich ein Lächeln übrig. „Übe dich besser in Nächstenliebe und reiche den Indianerkindern die Hand der Versöhnung“, war die Standardpredigt seines Vaters. „Gott erhört und belohnt nur jene Menschen, die nach seinem Wort und seinem Willen leben.“

Es war ein Donnerstag im April, als der Gott von Lewis Norman ausgerechnet dieses Gesetz außer Kraft setzte. An diesem Tag wurde die Leiche des gläubigen Familienvaters gefunden, im Gesicht des Toten klaffte ein großes Loch.

„Der Regierungsbeamte Lewis Norman muss aus nächster Nähe erschossen worden sein“, hieß es später im Polizeibericht. Greg konnte sich noch gut erinnern, wie die Polizei ins Haus kam und ihnen die traurige Nachricht überbrachte. Seine Mutter blieb erstaunlich gefasst und weinte nur still.

Auch Greg empfand keine allzu große Trauer. Er hatte seinen Vater stets für sämtliche Widrigkeiten des Lebens verantwortlich gemacht. Nicht, dass er ihn hasste, aber er war ihm gegenüber mit den Jahren gleichgültig geworden.

Greg hatte sich einen anderen Vater gewünscht, einen besseren, wie er meinte. Er fühlte sich missverstanden und ungeliebt. Greg wollte einen Vater, der ihn beschützte und tröstete, sollten ihm die Probleme wieder einmal über den Kopf wachsen. Nicht einen, der ständig von Gott als Erlöser und Retter sprach, sondern einen, der die Indianerkinder am Kragen packte, um ihnen die Leviten zu lesen. Greg wünschte sich einen Dad mit Muskeln, einen starken Mann, wie der junge Automechaniker an der Tankstelle einer war. Greg beobachtete ihn jedes Mal ehrfurchtsvoll, wenn er in die Stadt kam.

Tommy, so hieß der Dad seiner Träume, war groß und kräftig. Seine Oberarmmuskeln wölbten sich zu erhabenen Bergen, wenn er Autoreifen und Stahlfelgen in die Höhe wuchtete. Unter dem ölverschmierten T-Shirt zeichneten sich die Bauchmuskeln ab.

„Warum hast du nicht Tommy geheiratet?“, wollte Greg von seiner Mutter wissen. Luise Norman war jedes Mal peinlich berührt und um eine Antwort verlegen. „Versündige dich nicht!“, sagte sie lediglich. „Du sollst Vater und Mutter ehren, steht in der Bibel, hast du das vergessen?“

„Nein, aber wie soll ich meinen Dad ehren, wenn er mich nicht gegen die Indianer beschützt?“

„Greg, rede nicht solchen Unsinn. Du bist sofort still, sonst muss ich deinem Vater davon erzählen.“

„Wenn ich groß bin, habe ich so viele Muskeln wie Tommy und werde meine Kinder gegen jeden dicken Indianer verteidigen. Das kann Vater ruhig wissen.“

In seiner kindlichen Phantasie ließ Greg seinen schmächtigen Dad jeden Sonntag in der Kirche sterben. Er stellte sich bildlich vor, wie dieser nach der Einnahme des Heiligen Abendmahls zu röcheln begann und blau anlief. Er griff sich an die Kehle und fiel vor dem Altar tot um. Jemand hatte den Wein und die Hostie vergiftet. Während sein Vater zu Boden fiel, riss er den Pfarrer mit um. Der schlug mit dem Kopf auf den Steinboden und starb an derselben Stelle.

Die Trauer des kleinen Greg hielt sich deshalb in Grenzen, als er vom Tod seines Vaters erfuhr. Er fühlte sich eher von einer Last befreit und hoffte, dass seine Mutter jetzt mit ihm nach New York ziehen würde. Sein Bruder Jeff könnte in South Dakota bleiben.

„Wer hat meinen Mann getötet?“, fragte Luise Norman den Polizisten.

„Das wissen wir noch nicht. Das FBI ist am Tatort und untersucht die Umgebung nach brauchbaren Spuren.“

„Es war ein dicker, betrunkener Indianer“, sagte Greg.

„Was fällt dir ein, mein Junge“, schluchzte seine Mutter. „Keiner unserer Freunde hätte deinem Vater auch nur ein Haar gekrümmt.“

„Es war ein dicker fetter Indianer“, wiederholte Greg mit trotziger Stimme.

„Greg!“

Der Polizist blickte verwirrt auf die Familie des erschossenen Regierungsbeamten.

„Ich habe den Vater von Francis Adlerfeder Miller im Verdacht. Es war ein Racheakt“, sagte Greg mit trotziger Stimme.

„Wie kommst du darauf?“, fragte der Polizist, dem die Situation immer peinlicher wurde.

„Ich habe Francis ständig wegen seines Übergewichts beleidigt. Ich würde an Ihrer Stelle seinen Vater fragen, ob er das Gewehr besitzt, mit dem mein Vater erschossen wurde. Es würde mich nicht wundern, wenn Sie die Knarre bei ihm finden.“

„Greg!“, rief die Mutter abermals.

Der Polizist trat verlegen von einem Bein auf das andere. „Ich muss mich jetzt leider verabschieden“, meinte er. „Sollten Sie noch Fragen haben, Frau Norman, rufen Sie mich im Revier an.“ Mit diesen Worten verließ er eiligen Schrittes das Haus.

„Vergessen sie meinen Hinweis nicht“, rief ihm Greg nach. „Der Kerl heißt Miller und wohnt gleich neben an.“

Kapitel 4

Die Leiche von Gregs Vater wurde nahe der Gedenkstätte von Wounded Knee gefunden, wo Ende des 19. Jahrhunderts das letzte große Massaker an den Indianern stattgefunden hatte. Am 29. Dezember 1890 erschossen Soldaten des 7. Kavallerieregiments 287 Menschen, darunter viele Frauen, Kinder und Alte.

Heute ist der Ort eine heilige Stätte. Auf einem kleinen Friedhof liegen die Toten von damals begraben. In der Mitte steht ein Gedenkstein, in dem die Namen der Verstorbenen eingemeißelt sind.

Die Leiche von Lewis Norman lag ein paar hundert Meter östlich des Friedhofes in einem Graben, nahe eines alten Holzhauses.

Die Farbe des Gebäudes war abgeblättert, das Dach eingedrückt. Die Fensterläden hingen aus den Angeln, die Scheiben waren blind. Es war das Haus von Malcolm Red Cloud, einem alten Lakota, der hier alleine wohnte. Seine Frau und seine beiden Söhne waren bereits gestorben.

Archie, der älteste Sohn, wurde von einem Auto totgefahren, als er sich betrunken auf den Highway 18 legte und einschlief. Er war zu Fuß aus Whiteclay im Nachbarstaat Nebraska nach Hause unterwegs. Über die Grenze waren es lediglich drei Kilometer. Der kleine Ort zählte 14 Einwohner und vier Spirituosenläden, über deren Tresen jeden Tag dreizehntausend Bierdosen gingen. Das meiste Bier wurde an die Bewohner der Pine Ridge Indian Reservation verkauft, wo es ein striktes Alkoholverbot gab. Der Highway 18, der von Nebraska in die Reservation führte, war übersät mit leeren Bierdosen, im Wechsel mit Grabkreuzen. Jedes Kreuz stand für einen toten Indianer, der nachts auf dem Highway unter die Räder kam.

Um weitere Tote zu verhindern, ließ Gregs Vater Straßenlaternen aufstellen, damit die Betrunkenen nachts von den Autofahrern besser gesehen werden konnten. Daraufhin ging die Zahl der totgefahrenen Indianer leicht zurück.

Red Cloud schlurfte wie jeden Morgen zu seiner Toilette, die außerhalb des Hauses stand. Es war ein Plumpsklo, das der alte Mann selbst ausgehoben hatte. Der Tag erwachte nur mühsam. Die düsteren Wolken weigerten sich, der Sonne, deren Strahlen die müden und spröden Knochen des alten Indianers hätten erwärmen können, Platz zu machen.

Red Cloud erledigte mit viel Mühe seine morgendliche Toilette. Der alte Mann litt seit seiner letzten Visionssuche an einem schweren Nierenleiden. Er war auf den Bear Butte, dem heiligen Berg in den Black Hills gestiegen, um vier Tage nicht zu essen und zu trinken. Seine Frau Nancy lag mit Krebs im Krankenhaus und er wollte am Berg für sie beten und fasten. Doch am dritten Tag versagten seine Nieren und er wäre beinahe daran gestorben. Red Cloud kam in dasselbe Krankenhaus, in dem auch seine Frau lag. Drei Tage später erlag sie ihrer schweren Krankheit. Seitdem war sich Red Cloud nicht mehr sicher, ob es Wakan Tanka, den Schöpfer allen Lebens, wirklich gab. Auf jeden Fall hatte er seit diesem Tag nie wieder für etwas gebetet.

Der alte Mann schaute aus dem winzigen Fenster seiner windschiefen Toilette, als er in einiger Entfernung im Graben ein Bündel liegen sah. Red Cloud hatte zwar eine kaputte Niere, auf seine Augen konnte er sich jedoch verlassen. Er hatte trotz seiner 78 Jahre noch nie eine Brille getragen. Der alte Indianer hatte die Gabe, Gegenstände aus weiter Entfernung heranzuzoomen. Er fixierte einen gewissen Punkt und konnte diesen vergrößern. Seine Augen funktionierten wie ein Fernglas. In dem Bündel erkannte der alte Indianer eine menschliche Gestalt.

Bilder kamen hoch, von denen er annahm, dass sie längst verblasst waren. Es war an einem ähnlich wolkigen Tag, als er seinen jüngeren Sohn in einem ähnlichen Graben liegen sah. Das war vor elf Jahren gewesen. Scott Spotted Hawk war an einer Überdosis Drogen gestorben, besser gesagt, er erstickte an seinem Erbrochenen, als der Körper versucht hatte, das Gift aus dem Magen zu pumpen.

Red Cloud fand seinen Sohn in gekrümmter Haltung auf der Erde liegen, wie ein Embryo im Mutterleib. Die Lakota sprachen von der Erde als Mutter, so gesehen stimmte das Bild.

Der alte Mann schüttelte unter Schmerzen die letzten Tropfen Urin in die stinkende Kloake. Er zog die Hose hoch und trat an die frische Luft, die er mit tiefen Atemzügen inhalierte. Anschließend ging er schlurfenden Schrittes die knapp einhundert Meter zu dem Graben. Als der alte Indianer näher kam, wusste er sofort, dass hier ein Toter lag. Malcolm hatte in seinem Leben schon viele tote Menschen gesehen, in der Reservation gehörte das zum traurigen Alltag. Doch in diesem Fall war niemand durch Drogen ums Leben gekommen oder war erfroren. Ein Schicksal, das viele Lakota besonders im Winter ereilte, wenn die Temperaturen unter minus 30 Grad fielen und der kalte Sturm von Alaska über die Prärie einfiel wie ein todbringender Engel. Die Kälte biss sich unbarmherzig durch die großen Fugen der morschen Häuser und wütete in den kargen Räumen wie eine Furie. Die Menschen saßen dann zusammengedrängt am offenen Feuer, das sie mitten im Raum entfacht hatten. Die Decken, in die sie sich hüllten, waren löchrig und die eisige Kälte kroch mit hinein und ließ langsam das Blut gefrieren.

Aber jetzt war es April und um diese Jahreszeit erfror niemand mehr, selbst wenn er im Gras der Prärie einschlief. Dieser Mann im Graben hatte ein Loch in der Stirn, das aus der Kugel einer Winchester stammte, da musste Red Cloud kein Kriminologe sein.

Er trat näher an den Toten heran und beugte sich, soweit es seine steifen Knochen zuließen, zu der Leiche herunter. Trotz der Schussverletzung erkannte er Lewis Norman, den Mann von der Behörde sofort. Malcolm hatte mehrmals mit ihm zu tun. Er hatte ihn nie besonders geschätzt, auch deshalb, weil er es war, der die Laternen in Whiteclay aufstellen ließ, die Red Cloud für völlig überflüssig hielt, weil sie das Problem nicht beseitigten.

„Der kann noch nicht lange tot sein“, murmelte er. „Wer mochte Norman wohl getötet haben?“

Dem alten Indianer war bei dem Gedanken nicht wohl. Die Marshalls und das FBI würden einfallen wie lästige Fliegen und die Leute befragen. Die Tat würde viel Staub aufwirbeln. Dennoch wollte er die Polizei alarmieren, das war er dem Toten schuldig. Er wollte nicht, dass Norman zum Festmahl der Kojoten wurde.

Red Cloud schlurfte zurück ins Haus, zog eine Jacke über und stellte sich an die Straße, um den nächsten Wagen anzuhalten. Er hatte kein Telefon, das konnte sich der alte Mann nicht leisten.

Keine zehn Minuten später hielt ein klappriger, cremefarbener Pick-up. Am Steuer saß ein Mann mit einer auffälligen Narbe in der linken Gesichtshälfte. Das lange schwarze Haar war mit grauen Strähnen durchsetzt. Er trug Jeans, Parka und derbe Stiefel, wie die meisten Indianer in dieser Gegend. Er hatte jedoch eine helle Hautfarbe.

„Nimmst du mich ein Stück mit Bruder?“, fragte Red Cloud.

„Steig ein alter Mann.“

Aus dem Autoradio mit Kassettendeck dröhnte Pow-Wow-Musik der Porcupine-Singers und im Getränkehalter steckte ein Becher mit dampfendem Kaffee. Red Cloud zog den Duft durch die Nase.

„Möchtest du einen Schluck, Vater?“, fragte der Fremde freundlich. Er sprach Lakota mit starkem Akzent. Red Cloud vermutete, dass er spanische Wurzeln hatte. Ohne zu antworten, nahm er den Becher und führte ihn an die Lippen. Er ließ den heißen Kaffee in kleinen Schlucken die vertrocknete Kehle herunterlaufen. Der heiße Kaffee weckte seine Lebensgeister.

„Du kommst nicht von hier?“, fragte Red Cloud beiläufig.

„Warum fragst du?“

„Ich habe dich und deinen Wagen in der Gegend noch nie gesehen.“

Der Fremde schwieg, als suchte er nach der passenden Antwort.

„Ich bin nicht von hier“, sagte er schließlich. „Ich bin Cherokee und musste in Pine Ridge ein paar Dinge erledigen.“

„Du kommst aus Oklahoma?“

„Oklahoma, richtig.“

„Ich hoffe, du hast nichts zu verbergen, Bruder“, sagte Red Cloud. „In wenigen Stunden wimmelt es hier von Marshalls und die werden jeden Wagen anhalten.“

„Was ist passiert?“

„Ich habe hinter meinem Haus einen Toten gefunden, er wurde erschossen, mit einer Winchester, schätze ich. Der Mann war ein Regierungsbeamter, hieß Lewis Norman. Das wird mächtig Staub aufwirbeln.“

„Lewis Norman“, murmelte der Mann mit der Narbe, „kanntest du ihn?“

Red Cloud nickte. „Er arbeitete im Büro für indianische Angelegenheiten in Rapid City und traf für die Reservation ein paar unpopuläre Entscheidungen, aber im Grunde war er kein schlechter Mensch. Er ging jeden Sonntag in die Kirche und betete für uns Indianer, verrückt oder? Kannst mich da vorne bei dem Haus rauslassen.“

„Ist gut alter Mann.“

Der Fremde stoppte den Wagen. Red Cloud kletterte mühsam aus dem Pick-up. Bevor er die Tür zuwarf, warf er einen letzten Blick in die Fahrerkabine. Jetzt erst entdeckte er über der Fahrertür eine Winchester, die in einer provisorischen Halterung steckte. Viele Indianer führten ihre Waffen im Auto bei sich, das war nichts Außergewöhnliches. Aber Red Cloud sah den erschossenen Norman vor sich und schluckte.

„Gibt es ein Problem?“, fragte der Fahrer.

„Nein, ich wollte nur fragen, ob du auch auf den Rest deines Kaffees verzichten könntest, wer weiß, wann ich heute den nächsten bekomme.“

Der Mann zögerte kurz, dann nahm er den Becher aus der Halterung und reichte ihn Red Cloud.

„Danke, Fremder. Ich wünsche dir eine schnelle und sichere Heimfahrt.“ Mit diesen Worten schlug Red Cloud die Beifahrertür zu und ging zum Haus von Phil Killing Straight, der ein Telefon besaß. Phil war im selben Alter wie Red Cloud, nur weitaus gebrechlicher, da er im Gegensatz zu seinem Freund nie vom Alkohol losgekommen war, obwohl er es immer wieder versucht hatte. Deshalb räumte er schnell die leeren Bierdosen vom Küchentisch, als er Malcolm kommen sah.

Red Cloud erzählte ihm von der Leiche im Graben.

„Was gedenkst du jetzt zu tun?“, fragte Phil.

„Ich rufe die Stammespolizei an.“

„Von meinem Telefon?“

„Ich bin extra deswegen hergekommen.“

Phil überlegte. Ihm war nicht wohl bei der Vorstellung, dass Malcolm von seinem Telefon aus einen Mord meldete. Das FBI würde unangenehme Fragen stellen, Presseleute würden tagelang herumschnüffeln und Wounded Knee erneut in die Schlagzeilen bringen. „Es ist deine Entscheidung“, sagte er schließlich zu Red Cloud. „Ich würde die Cops nicht anrufen.“

„Ich habe nichts zu verbergen“, erwiderte Malcolm, der inzwischen den Kaffee des Fremden ausgetrunken hatte. „Übrigens kennst du einen Cherokee mit heller Hautfarbe und einer großen Narbe auf der linken Wange?“

„Warum fragst du?“

„Der Kerl hat mich auf der Straße aufgelesen und in seinem Pick-up mitgenommen. Ich habe gerade den Rest seines Kaffees getrunken. Mir war der Mann ein wenig unheimlich. Vor allen Dingen, weil über der Fahrertür eine Winchester klemmte.“

Phil Killing Straight überlegte. „Möglich, dass es einer der AIM-Leute war, die in Wounded Knee das FBI gefickt haben. Ich glaube, da war ein Narbengesicht dabei. Kann gut sein, dass er dein Chauffeur war.“

Phil lachte und entblößte dabei seine sieben verbliebenen Zähne, von denen drei faule Stumpen waren, die ihm arge Schmerzen bereiteten. Nur mit Mühe konnte der alte Indianer damit seine labbrigen Toastbrote kauen. Für ein saftiges Steak reichten seine Zähne schon lange nicht mehr.

„Du meinst, der Fremde war von der AIM? Kann sein, dass du Recht hast. Der Kerl hatte etwas Kriegerisches an sich, auch wenn er nicht mehr der Jüngste war.“ Malcolm erhob sich und wählte die Nummer der Lakota-Polizei. Es dauerte keine 20 Minuten, da gaben sich dutzende Polizeiautos in Pine Ridge ein Stelldichein.

Red Cloud musste mit in die Stadt, wo er von den zuständigen Marshalls verhört wurde. Immer wieder erzählte er ihnen, wie er den Toten fand. Es waren weiße Marshalls, keine Indianerpolizisten.

„Wann hast du ihn gefunden?“

„Habe ich doch schon gesagt“, erwiderte Red Cloud. „Es war morgens, ich war auf dem Weg zum Klo, als ich in der Ferne ein Bündel sah.“

„Warum hast du nicht sofort die Polizei verständigt?“

„Ich habe kein Telefon.“

„Hast du Schüsse gehört?“

„Nein, ich habe keine Schüsse gehört, Sir. Darüber habe ich mich auch gewundert, denn ich habe einen leichten Schlaf.“

„Hast du den Toten berührt?“, wollte ein Beamter wissen.

„Nein!“ Red Cloud reagierte empört. „Ich habe den Mann nicht angefasst. Ich habe ihn sofort erkannt und wusste, dass es Schwierigkeiten geben könnte. Mister Norman war ein bekannter Mann im Reservat.“

„Du hast nicht zufällig in die Taschen gegriffen und sein Geld gestohlen oder andere Wertgegenstände?“

Malcolm Red Cloud blickte den Marshall mit müden Augen an. „Ihr Weißen ward es, die sämtliche Verträge mit den Indianern gebrochen haben, nicht wir“, sagte er mit leiser Stimme. „Ihr habt uns die `Black Hills´ genommen, unsere Heiligen Berge. Ihr habt unser Gold gestohlen und dafür mussten viele Menschen sterben. Wir haben dem weißen Mann noch nie etwas weggenommen. Ich greife keinem Toten in die Taschen, die Geister würden das nicht gutheißen.“

„Die Geister, natürlich, wie konnten wir das vergessen“, lästerten die Marshalls. „Hast du vielleicht einen Geist auf zwei Beinen in der Nähe des Tatorts gesehen, eventuell mit einer Winchester?“

Red Cloud schüttelte den Kopf. „Da war niemand“, sagte er.

Die Marshalls ließen Red Cloud sechs Stunden im Verhörzimmer schmoren, ehe sie ihn nach Hause schickten.

Trotz aller Befragungen verlief die Spurensuche im Mordfall Lewis Norman im Sande. Niemand hatte etwas gehört und gesehen.

Der Tote wurde zwei Wochen später auf einem Friedhof nahe der Black Hills begraben, die Witwe hatte es so gewollt. „Seine Seele soll über dieses wunderschöne Tal blicken und mit dem Wind spielen können“, schrieb sie auf die Kondolenzkarten.

Der Mörder von Lewis Norman wurde nie ermittelt, der Fall landete über die Jahre im Archiv.

Obwohl Luise Norman eine stattliche Rente bekam, sammelten die Lakota Geld, damit die Mutter weiter in ihrem Haus wohnen bleiben und ihre beiden Söhne auf die Highschool schicken konnte. Für Greg war dieser Akt der Nächstenliebe ein Beweis mehr, dass die Indianer ein schlechtes Gewissen hatten. Für ihn war klar, dass sie am Tod seines Vaters die Schuld trugen. Das Geld nahm er dennoch gerne an.

Kapitel 5

Die Aufregung über den kuriosen Zwischenfall im Great Jones Café hatte sich schnell gelegt und Greg bekam für seinen wagemutigen Einsatz ein Bud Light spendiert. Der Regen hatte nachgelassen. In den riesigen Wasserlachen spiegelten sich die Lichter der Reklameschilder, während die letzten Ratten zurück in den Untergrund der Millionenmetropole huschten, wo sie auf den nächsten großen Regen hofften, der sie erneut nach oben spülen würde.

Greg wollte sich ebenfalls auf den Weg nach Brooklyn machen, wo er in der Livingston Street, nahe des New York Transit Museums, ein Loft bewohnte. In einer Halle, in der früher die alten U-Bahnen gewartet wurden, hatte er sich ein repräsentatives Zuhause über 130 Quadratmeter Wohnfläche eingerichtet. Die Miete von 4000 Dollar riss das größte Loch in sein monatliches Budget.

Greg hatte sich gerade von seinem Stuhl erhoben, als eine Frau das Lokal betrat. Das pechschwarze Haar war kurz geschnitten, die Frisur ließ ihr markantes Gesicht zur Geltung kommen. Die Haut war dunkel, die Augen groß und braun. Die Frau war gertenschlank, sie trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine kurze, helle Lederjacke, deren Kragen hochgestellt war.

Sie sah sich kurz im Lokal um, ehe sie den Wirt hinter der Theke etwas fragte. Der zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

„Du musst Ramon helfen“, hörte Greg die Frau, die er auf etwa 30 Jahre schätzte, sagen.

„Ich kann nicht, mein Wagen ist drüben bei Steven.“ Der Mann machte eine Handbewegung und zeigte hinüber zur Autowerkstatt, die gleich nebenan war.

„Ich brauche ein Auto, ich muss den Sauerstoff holen. Sein Zustand ist kritisch, er stirbt uns unter den Händen weg.“

„Ruf einen Arzt“, entgegnete der Wirt, „Ramon muss in die Klinik.“

„Du kennst ihn. Kein Arzt, keine Klinik. Sein Stolz lässt das nicht zu. Es fällt ihm schon schwer genug, sich von uns pflegen zu lassen.“ Die Frau schaute auf ihre Uhr. „Auf ein Taxi kann ich nicht warten, das kann nach diesem Unwetter Stunden dauern.“

Ihr Blick fiel auf Greg, der sich wieder an seinen Tisch gesetzt hatte, die leere Flasche Bud in der Hand.

„Kann ich helfen?“, fragte er überaus höflich.

„Haben Sie einen Wagen zur Hand, Mister?“ Die späte Besucherin war näher gekommen. Greg erhob sich erneut und zupfte den Anzug zurecht. Die Krawatte hatte er abgenommen und in die Hosentasche gesteckt. „Entschuldigen Sie mein ungepflegtes Erscheinungsbild, normalerweise habe ich keine Mayonnaiseflecken auf dem Revers.“

„Sie haben wohl zu hastig Ihren Burger gegessen, was ich verstehen kann, der schmeckt hier fantastisch“, erwiderte die dunkelhaarige Schönheit und lachte. Ihre Stimme war angenehm weich und sanft, gepaart mit einem Hauch von Melancholie.

„Nein, es war der Burger meines Tischnachbarn, aber das würde jetzt zu weit führen. Mein Wagen steht vor dem Restaurant, was kann ich für sie tun?“

Gregs Gedanken überschlugen sich. „Aus welchem Grund sucht eine überaus attraktive Frau um diese Uhrzeit einen Chauffeur? Sie könnte ein Lockvogel sein, eine Sicherheitsbeamtin der Bank, die mir eine Falle stellen will.“

„Es ist spät, ich weiß, aber könnten Sie mich in die Convent Avenue Ecke 149ste fahren?“

„Um was zu tun?“

„Wir holen dort etwas ab und Sie müssten mich wieder hierher zurückbringen. Wäre das zu viel verlangt?“ Als Greg zögerte, verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht und ihre Stimme bekam einen beinahe flehenden Ton. „Wir haben nicht viel Zeit, es geht um Leben und Tod“, sagte sie leise.

Bei dem Wort Tod zuckte Greg kurz zusammen. Er sah den dicken Mann vor sich auf dem Boden liegen, regungslos und mit starren Augen.

„Ist es wirklich so eilig? Der Tod ist eine unangenehme Begleiterscheinung des Lebens, man sollte damit keine Späße treiben.“

„Mir ist es ernst“, erwiderte die Frau. „Ein alter Mann könnte sterben, wenn er nicht schnellstens seinen Sauerstoff bekommt. Bitte helfen Sie mir und retten Sie ein Menschenleben, das es wert ist, gerettet zu werden.“

Greg plusterte sich ein wenig auf, indem er seine Brustmuskeln anspannte und die Schultern leicht nach hinten zog. „Meine Erfahrungen im Retten von Menschenleben sind zwar begrenzt“, sagte er, „aber ich möchte nicht schuld sein, wenn jemand sterben muss, nur weil ich nicht helfen wollte. Sie arbeiten nicht zufällig für die JP Morgan?“

Die Frau sah ihn erstaunt an. „Für wen soll ich arbeiten?“

„Vergessen Sie es, war ein Scherz.“

„Sein Bud geht auf meine Rechnung“, sagte die dunkelhaarige Schönheit zu dem Wirt und eilte aus dem Lokal. Greg lief ihr hinter her.

„Übrigens, ich heiße Greg, Greg Norman.“

„Mein Name ist Bahar, wo steht Ihr Wagen?“

„Gleich links vor der Autowerkstatt.“

Während sie die wenigen Meter im Laufschritt zurücklegten, hielt Greg nach verdächtigen Personen oder dem schwarzen Buick Ausschau. Er fand die Situation extrem angespannt. Es war einfach zu viel passiert in dieser Nacht. Erst der Wagen, der ihn beinahe gerammt hätte, dann der Dicke im Restaurant und jetzt diese geheimnisvolle Frau, die einem sterbenden Mann das Leben retten wollte.

Die Aussicht auf ein sexuelles Abenteuer ließ Greg jedoch alle Zweifel und Vorbehalte zur Seite schieben. „Mein Porsche ist startklar“, sagte er und ließ sich in den schwarzen Ledersitz fallen. Seine Begleiterin verharrte für Sekunden vor der Beifahrertür, als müsste sie kurz überlegen einzusteigen.

„Keine Angst, mein Auto beißt nicht“, sagte Greg und öffnete ihr von innen. „Wenn wir wirklich ein Menschenleben retten wollen, sollten wir uns beeilen.“ So recht glauben mochte er den Grund für die nächtliche Ausfahrt noch immer nicht.

Er startete den Motor, während Bahar sich ein wenig umständlich in den Sportwagen zwängte.

„Bahar, das klingt orientalisch“, meinte Greg, während er wendete und die 3. Avenue hochjagte.

„Ich bin Perserin, ich komme aus dem Iran.“

„Aus dem Iran. Mein Arbeitskollege stammt auch aus dem Iran. Er ist ein hochintelligenter Bursche.“

Bahar sah Greg von der Seite an, ging jedoch nicht weiter auf seine Bemerkung ein.

„Aus dem Iran“, wiederholte er, „das muss ein hoch spannendes Land sein, was man so liest und hört.“

„Hoch spannend, wie darf ich das verstehen?“, entgegnete Bahar kühl.

„Kommen aus dem Iran nicht die meisten Terroristen?“

„Sehe ich aus wie eine Terroristin? Sie wissen nicht viel über den Iran, stimmt's?“

„Ich habe gelesen, dass in dem Land Frauen gesteinigt werden, wenn sie Ehebruch begehen. Entspricht das der Wahrheit?“

„Die Tatsache, dass Frauen zu Tode gesteinigt und in Gefängnissen zu Tode gefoltert werden, finden Sie spannend?"

„So habe ich das nicht gemeint, ich habe mich falsch ausgedrückt“, stotterte Greg verlegen. „Ich wollte Sie mit meinen undifferenzierten Äußerungen nicht kränken oder gar verletzen. Sie liegen mit Ihrer Vermutung übrigens richtig, dass ich mir über den Iran bisher wenig Gedanken gemacht habe. Das hat auch damit zu tun, dass dieses Land weit außerhalb meines Geschäftsbereiches liegt.“

„Sie sind Geschäftsmann? Welcher Art von Geschäften gehen Sie nach?“

„Ich arbeite als Investmentbanker bei der JP Morgan.“

Bahar schnitt ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „So, so, ein Banker“, sagte sie.

Greg sah seine Mitfahrerin fragend an. „Das ist nichts gegen Sie persönlich“, erwiderte Bahar und versuchte einen versöhnlichen Ton anzuschlagen. „Banker wie Sie haben nur eine Aufgabe: die Reichen dieses Landes noch reicher zu machen und den Gewinn der Unternehmen in astronomische Höhen zu schrauben und das ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde. Sind Sie ein großer Fisch in dem Haifischbecken oder lediglich ein Seepferdchen?“

Greg lächelte. „Mit einem Seepferdchen bin ich noch nie verglichen worden. Ob ich ein großer Fisch bin? Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Aber ich denke nein. Es gibt sicher größere Haie, als ich einer bin.“

„Sie haben mich zuvor gefragt, ob ich für die JP Morgan arbeite, aus welchem Grund?“

„Das war ein Scherz, diese Frage war nicht ernst gemeint.“

Bahar sah Greg spöttisch an. „Wollen Sie wissen, was ich denke? Sie haben Dreck am Stecken. Man liest sehr viel in den Zeitungen über Banker, die sich verzockt haben. Die Frage, ob ich für die JP Morgen arbeite, kam nicht von ungefähr. Habe ich Recht?“